Geheuer Zamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang 1952 5reitag, den 2. September Nummer 68 Abendlied. Von Gottfried Keller. Augen, meine lieben Fensterlein, gebt mir schon so lange holden Schein, lasset freundlich Bild um Bild herein? Einmal werdet ihr verdunkelt seinl Fallen einst die müden Lider zu, löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh': tastend streift sie ab die Wanderschuh', legt sich auch in ihre finstre Truh'. Noch zwei Fünklein sieht sie glimmend stehn wie zwei Sternlein, innerlich zu sehn, bis sie schwanken und dann auch vergehn wie von eines Falters Flügelwehn. Doch noch wandl' ich auf dem Abendfeld, nur dem finkenden Gestirn gesellt: trinkt, o Augen, was die Wimper hält, von dem goldnen Ueberfluß der Welt! 2Raf Krespel. Novelle von E. T. A. Hoffmann. Rat Krespel war einer der allerwunderlichsten Menschen, die mir jemals im Leben vorgekommen. Als ich nach H. zog, um mich einige Zeit dort aufzuhalten, sprach die ganze Stadt von ihm, weil soeben einer seiner allernärrischsten Streiche in voller Blüte stand. Krespel war berühmt als gelehrter gewandter Jurist und als tüchtiger Diplomatiker. Ein nicht eben bedeutender regierender Fürst in Deutschland batte sich an ihn gewandt, um ein Memorial auszuarbeiten, das die Ausführung seiner rechtsbegründeten Ansprüche auf ein gewisses Territorium zum Gegenstand hatte, und das er dem Kaiserhofe einzureichen gedachte. Das geschah mit dem glücklichsten Erfolg, und da Krespel einmal geklagt hatte, daß er nie eine Wohnung seiner Bequemlichkeit gemäß finden könne, übernahm der Fürst, um ihn für jenes Memorial zu lohnen, die Kosten eines Hauses, das Krespel ganz nach seinem Gefallen aufbauen lassen sollte. Auch den Platz dazu wollte der Fürst nach Krespels Wahl ankaufen lassen: das nahm Krespel indessen nicht an, vielmehr blieb er dabei, daß das Haus in seinem vor dem Tor in der schönsten Gegend belegenen Garten erbaut werden solle. Nun kaufte er alle nur mögliche Materialien zusammen und ließ sie herausfahren: dann sah man ihn, wie er tagelang in seinem sonderbaren Kleide (das er übrigens selbst angefertigt nach bestimmten eigenen Prinzipien) den Kalk löschte, den Sand siebte, die Mauersteine in regelmäßige Haufen aufsetzte usw. Mit irgendeinem Baumeister hatte er nicht gesprochen, an irgendeinen Riß nicht gedacht. An einem guten Tage ging er indessen zu einem tüchtigen Maurermeister in H. und bat ihn, sich morgen bei Anbruch des Tages mit sämtlichen Gesellen und Burschen, vielen Handlangern usw. in dem Garten einzufinden und sein Haus zu bauen. Der Baumeister fragte natürlicherweise nach dem Bauriß und erstaunte nicht wenig, als Krespel erwiderte, es bedürfe dessen gar nicht, und es werde sich schon alles, wie es fein solle, fügen. Als der Meister anderen Morgens mit seinen Leuten an Ort und Stelle kam, fand er einen im regelmäßigen Viereck gezogenen Graben, und Krespel sprach: ,^ier soll das Fundament meines Hauses gelegt werden, und dann bitte ich, die vier Mauern so lange heraufzuführen, bis ich sage, nun ist's hoch genug." — „Ohne Fenster und Türen, ohne Quermauern?" fiel der Meister, wie über Krespels Wahnsinn erschrocken, ein. „So wie ich Ihnen es sage, bester Mann", erwiderte Krespel sehr ruhig, „das übrige wird sich alles finden." Nur das Versprechen reicher Belohnung konnte den Meister bewegen, den unsinnigen Bau zu unternehmen; aber nie ist einer lustiger geführt worden, denn unter beständigem Lachen der Arbeiter, die die Arbeitsstätte nie verließen, da es Speis' und Trank vollauf gab, stiegen die vier Mauern unglaublich schnell in die Höhe, bis eines Tages Krespel rief: „Halt!" Da schwieg Kell' und Hammer, die Arbeiter stiegen von den Gerüsten herab, und indem sie den Krespel im Kreise umgaben, sprach es aus jedem lachenden Gesicht: „Aber wie nun weiter?" — „Platz!" tief Krespel, lief nach einem Ende des Gartens und schritt dann lang- fam auf fein Viereck los; dicht an der Mauer schüttelte er unwillig den Kopf, lief nach dem andern Ende des Gartens, schritt wieder auf das Biereck los und machte es wie zuvor. Noch einige Male wiederholte er das Spiel, bis er endlich, mit der spitzen Nase hart an die Mauern anlaufend, laut schrie: „Heran, heran, ihr Leute, schlagt mir die Tür ein, hier schlagt mir eine Tür ein!" — Er gab Länge und Breite genau nach Fuß und Zoll an, und es geschah, wie er geboten. Nun schritt er hinein in das Haus und lächelte wohlgefällig, als der Meister bemerkte, die Mauern hätten gerade die Höhe eines tüchtigen zweistöckigen Hauses. Krespel ging in dem Innern Raum bedächtig auf und ab, hinter ihm her die Maurer mit Hammer und Hacke, und sowie er rief: „Hier ein Fenster sechs Fuß hoch, vier Fuß breit! — dort ein Fensterchen drei Fuß hoch, zwei Fuß breit!" so wurde es flugs eingeschlagen. Gerade während dieser Operation kam ich nach H., und es war höchst ergötzlich anzusehen, wie Hunderte von Menschen um den Garten herumstanden und allemal laut aufjubelten, wenn die Steine herausflogen und wieder ein neues Fenster entstand, da, wo man es gar nicht vermutet hatte. Mit dem übrigen Ausbau des Hauses und mit allen Arbeiten, die dazu nötig waren, machte es Krespel auf ebendieselbe Weise, indem sie alles an Ort und Stelle nach seiner augenblicklichen Angabe verfertigen mußten. Die Possierlichkeit des ganzen Unternehmens, die gewonnene Ueberzeugung, daß alles am Ende sich besser zusammengeschickt, als zu erwarten stand, vorzüglich aber Krespels Freigebigkeit, die ihm freilich nichts kostete, erhielt aber alle bei guter Laune. So wurden die Schwierigkeiten, die die abenteuerliche Art zu bauen herbeiführen mußte, überwunden, und in kurzer Zeit stand ein völlig eingerichtetes Haus da, welches von der Außenseite den tollsten Anblick gewährte, da kein Fenster dem andern gleich war usw., dessen innere Einrichtung aber eine ganz eigene Wohlbehaglichkeit erregte. Alle, die hineinkamen, versicherten dies, und ich selbst fühlte es, als Krespel nach näherer Bekanntschaft mich hineinführte. Bis jetzt hatte ich nämlich mit dem seltsamen Manne noch nicht gesprochen, der Bau beschäftigte ihn so sehr, daß er nicht einmal sich bei dem Professor M. Dienstags, wie er sonst pflegte, zum Mittagessen einfand, und ihm, als er ihn besonders eingeladen, sagen ließ, vor dem Einweihungsfeste seines Hauses käme er mit keinem Tritt aus der Tür. Alle Freunde und Bekannte verspitzten sich auf ein großes Mahl, Krespel hatte aber niemanden gebeten als sämtliche Meister, Gesellen, Burschen und Handlanger, die fein Haus erbaut. Er bewirtete sie mit den feinsten Speisen; Maurerburschen fraßen rücksichtslos Rebhuhnpasteten, Tischlerjungen hobelten mit Glück an gebratenen Fasanen, und hungrige Handlanger langten diesmal sich selbst die vortrefflichsten Stücke aus dem Trüffel- fritaffee zu. Des Abends tarnen die Frauen und Töchter, und es begann ein großer Ball. Krespel walzte etwas Weniges mit den Meisterfrauen, setzte sich aber dann zu den Stadtmusitanten, nahm eine Geige und dirigierte die Tanzmusik bis zum hellen Morgen. Den Dienstag nach diesem Feste, welches den Rat Krespel als Voltsfreund darstellte, fand ich ihn endlich zu meiner nicht geringen Freude bei dem Professor M. Verwunderlicheres als Krespels Betragen tann man nicht erfinden. Steif und ungelent in der Bewegung, glaubte man jeden Augenblick, er würde irgendwo anstoßen, irgendeinen Schaden anrichten: das geschah aber nicht, und man wußte es schon, denn die Hausfrau erblaßte nicht im mindesten, als er mit gewaltigem Schritt um den mit den schönsten Tassen besetzten Tisch sich herumschwang, als er gegen den bis zum Boden reichenden Spiegel manövrierte, als er selbst einen Blumentopf von herrlich gemaltem Porzellan ergriff und in der Luft herumschwenkte, als ob er die Farben spielen lassen wolle. Ueberhaupt besah Krespel vor Tische alles in des Professors Zimmer auf das genaueste, er langte sich auch wohl, auf den gepolsterten Stuhl steigend, ein Bill> von der Wand herab und hing es wieder auf. Dabei sprach er viel und heftig, bald (bei Tische wurde es ausfallend) sprang er schnell von einer Sache auf die andere, bald tonnte er von einer Idee gar nicht lostommen; immer sie wieder ergreifend, geriet er in allerlei wunderliche Jrrgänge und konnte sich nicht wiederfinden, bis ihn etwas anders erfaßte. Sein Ton war bald rauh und heftig schreiend, bald leise gedehnt, singend, aber immer paßte er nicht zu dem, was Krespel sprach. Es war von Musik die Rede, man rühmte einen neuen Komponisten, da lächelte Krespel und sprach mit feiner leisen singenden Stimme: „Wollt' ich doch, daß der schwarzgesiederte Satan den verruchten Tonverdreher zehntausend Millionen Klafter tief in den Abgrund der Hölle schlüge!" — Dann fuhr er heftig und wild heraus: „Sie ist ein Engel des Himmels, nichts als reiner, Gott geweihter Klang und Ton! — Licht und Sternbild alles Gesanges!" — Und dabei standen ihm Tränen in den Augen. Man mußte sich erinnern, daß vor einer Stunde von einer berühmten Sängerin gesprochen worden. Es wurde ein Hasenbraten verzehrt; ich bemerkte, daß Krespel die Knochen auf feinem Teller vom Fleische sorglich säuberte und genaue Nachfrage nach den Hafenpfoten hielt, die ihm des Professors fünfjähriges Mädchen mit sehr freundlichem Lächeln brachte. Die Kinder hatten überhaupt den Rat schon während des Essens sehr freundlich angeblickt, jetzt standen sie auf und nahten sich ihm, jedoch in scheuer Ehrfurcht und nur auf drei Schritte. „Was soll denn das werden?" dachte ich im Innern. Das Dessert wurde aufge- tragen; da zog der Rat ein Kistchen aus der Tasche, in dem eine kleine stählerne Drehbank lag, die schrob er sofort an den Tisch fest, und nun drechselte er mit unglaublicher Geschicklichkeit und Schnelligkeit aus den Hasenknochen allerlei winzig kleine Döschen und Buchschen und Kügelchen, die die Kinder jubelnd empfingen. Im Moment des Ausstehens von der Tafel fragte des Professors Nichte: „Was macht denn unsere Antonie, lieber Rat?" — Krespel schnitt ein Gesicht, als wenn jemand in eine bittere Pomeranze beißt und dabei aussehn will, als wenn er Süßes genossen; aber bald verzog sich dies Gesicht zur graulichen Maske, aus der recht bitterer, grimmiger, ja, wie es mir schien, recht teuflischer Hohn herauslachte. „Unsere? Unsere liebe Antonie?" frug er mit gedehntem, unangenehm singenden Tone. Der Professor kam schnell heran; in dem strafenden Blick, den er der Nichte zuwars, las ich daß sie eine Saite berührt hatte, die in Krespels Jnnerrn widrig dissonieren mußte. „Wie steht es mit den Violinen?" frug der Professor recht lustig, indem er den Rat bei beiden Händen erfaßte. Da heiterte sich Krespels Gesicht auf, und er erwiderte mit feiner starken Stimme: „Vortrefflich, Professor, erst heute hab' ich die treffliche Geige von Amati, von der ich neulich erzählte, welch ein Glücksfall sie mir in die Hände gespielt, erst heute habe ich sie ausgeschnitten. Ich hoffe, Antonie wird das übrige sorgfältig zerlegt haben." — „Antonie ist ein gutes Kind", sprach der Professor. „Ja wahrhaftig, das ist sie!" schrie der Rat, indem er sich schnell umwandte und, mit einem Griff Hut und Stock erfassend, schnell zur Türe hinaussprang. Im Spiegel erblickte ich, daß ihm helle Tranen in den Augen standen. Sobald der Rat fort war, drang ich in den Professor, mir doch nur gleich zu sagen, was es mit den Violinen und vorzüglich mit Antonien für eine Bewandtnis habe. „Ach", sprach der Professor, „wie denn der Rat überhaupt ein ganz wunderlicher Mensch ist, so treibt er auch das Violinenbauen auf ganz eigene tolle Weise." „Wolinbauen?" fragte ich ganz erstaunt. „Ja", fuhr der Professor fort, „Krespel verfertigt nach dem Urteil der Kenner die herrlichsten Violinen, die man in neuerer Zeit nur finden kann; sonst ließ er manchmal, war ihm eine besonders gelungen, andere darauf spielen, das ist aber seit einiger Zeit ganz vorbei. Hat Krespel eine Violine gemacht, so spielt er selbst eine oder zwei Stunden darauf, und zwar mit höchster Kraft, mit hinreißendem Ausdruck, dann hängt er sie aber zu den übrigen, ohne sie jemals wieder zu berühren oder von andern berühren zu lassen. Ist nur irgendeine Violine von einem alten vorzüglichen Meister aufzutreiben, fo kauft sie der Rat um jeden Preis, den man ihm stellt. Ebenso wie seine Geigen spielt er sie aber nur ein einziges Mal, bann nimmt er sie auseinander, um ihre innere Struktur genau zu untersuchen, und wirst, findet er nach seiner Einbildung nicht das, was er gerade suchte, die Stücke unmutig in einen großen Kasten, der schon voll Trümmer zerlegter Violinen ist." — „Wie ist es aber mit Antonien?" trug ich schnell und luftig. — „Das ist nun", fuhr der Professor fort, „das ist nun eine Sache, die den Rat mich könnte in höchstem Grade verabscheuen lassen, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß bei dem im tiefsten Grunde bis zur Weichlichkeit gutmütigen Charakter des Rates es damit eine besondere geheime Bewandtnis haben müsse. Als vor mehreren Jahren der Rat hierher nach H. kam, lebte er wie ein Einsiedler mit einer alten Haushälterin in einem finsteren Haufe auf der ... straße. Bold erregte er durch feine Sonderbarkeiten die Neugierde der Nachbarn, und sogleich, als er dies merkte, suchte und fand er Bekannt- fchaften. Eben wie in meinem Hause gewöhnte man sich überall so an ihn, daß er unentbehrlich wurde. Seines rauhen Aeußern unerachtet liebten ihn sogar die Kinder, ohne ihn zu belästigen, denn trotz aller Freundlichkeit behielten sie eine gewisse scheue Ehrfurcht, die ihn vor allem Zudringlichen fchützte. Wie er die Kinder durch allerlei Künste zu gewinnen weiß, haben Sie heute gesehen. Wir hielten ihn alle für einen Hagestolz, und er widersprach dem nicht. Nachdem er sich einige Zeit hier aufgehalten, reifte er ab, niemand wußte wohin, und kam nach einigen Monaten wieder. Den andern Abend nach feiner Rückkehr waren Krespels Fenster ungewöhnlich erleuchtet; schon dies machte die Nachbarn aufmerksam, bald vernahm man aber die ganz wunderherrliche Stimme eines Frauenzimmers, von einem Pionaforte begleitet. Dann wachten die Töne einer Violine auf und stritten in regem feurigen Kampfe mit der Stimme. Man hörte gleich, daß es der Rat war, der spielte. — Ich selbst mischte mich unter die zahlreiche Menge, die das wundervolle Konzert vor dem Hause des Rates versammelt hatte, und ich muß Ihnen gestehen, daß gegen die Stimme, gegen den ganz eigenen, tief in das Innerste dringenden Vortrag der Unbekannten mir der Gesang der berühmtesten Sängerinnen, die ich gehört, matt und ausdruckslos schien. Nie hatte ich eine Ahnung von diesen lang ausgehaltenen Tönen, von diesen Nachtigallwirbeln, von diesem Auf- und Abwogen, von diesem Steigen bis zur Stärke des Orgellautes, von diesem Sinken bis zum leisesten Hauch. Nicht einer war, den der süßeste Zauber nicht umfing, und nur leise Seufzer gingen in der tiefen Sille auf, wenn die Sängerin schwieg. Es mochte schon Mitternacht sein, als man den Rat sehr heftig reden hörte; eine andere männliche Stimme schien, nach dem Tone zu Urteilen, ihm Vorwürfe zu machen, dazwischen klagte ein Mädchen in abgebrochenen Reden. Heftiger und heftiger schrie der Rat, bis er endlich in jenen gedehnten singenden Ton fiel, den Sie kennen. Ein lauter Schrei des Mädchens unterbrach ihn, bann wurde es totenstill, bis plötzlich es die Treppe herabpolterte und ein junger Mensch schluchzend hinäusstürzke, der sich in eine nahestehende Postchaise warf und rasch davonfuhr. Tags darauf erschien der Rat sehr heiter, und niemand hatte den Mut, ihn nach der Begebenheit der vorigen Nacht zu fragen. Die Haushälterin sagte aber auf Befragen, daß der Rat ein bildhübsches blutjunges Mädchen mitgebracht, die er Antonie nenne, und die eben so schön gesungen. Auch sei ein junger Mann mitgekommen, der sehr zärtlich mit Antonien getan und wohl ihr Bräutigam sein müße. Der habe aber, weil es der Rat durchaus gewollt, schnell abreisen müssen. — In welchem Verhältnis Antonie mit dem Rat steht, ist bis jetzt ein Geheimnis, aber fo viel ist gewiß, daß er das arme Mädchen auf die gehässigste Weise tyrannisiert. Er bewacht sie wie der Doktor Bartolo im „Barbier von Sevilla" fein Mündel; kaum darf sie sich am Fenster blicken lassen. Führt er sie auf inständiges Bitten einmal in Gesellschaft, fo verfolgt er sie mit Argusblicken und leibet durchaus nicht, daß sich irgendein musikalischer Ton Horen lasse, viel weniger, daß Antonie finge, die übrigens auch in feinem Haufe nicht mehr fingen darf. Antoniens Gesang in jener Nacht ist daher unter dem Publikum der Stadt zu einer Phantasie und Gemüt aufregenden Sage von einem herrlichen Wunder geworden, und selbst die, welche sie gar nicht hörten, sprechen oft, versucht sich eine Sängerin hier am Orte: „Was ist denn das für ein gemeines Ouintelieren? — Nur Antonie vermag zu fingen." (Fortsetzung folgt.) Merkwürdigkeiten aus der Werkstatt berühmter Komponisten. Von FriedrichHerzfe 1 d. Wie die Werke unserer großen Komponisten entstanden sind, bleibt ein Rätsel der gewaltig-geheimnisvollen Natur. Die sie schufen, waren aus Fleisch und Blut wie alle anderen. Sie lebten unter ihren Mitmenschen, aßen, tranken und plauderten mit ihnen. Aber zu gewissen Stunden veränderte sich ihr ganzes Wesen. Sie wurden schweigsam, reizbar und störrisch. Ein Dämon schien sie erfaßt zu haben. Mit unaufhaltsamer Gewalt drängte etwas aus ihnen empor und es erstand: das Werk. Dann sank ihre innere Bewegtheit wieder ab, und aus dem Traum erwachend fanden sie sich zurück zu ihrer Umwelt. Wagner sagte einmal von diesen Stunden: „Denn wenn ich so etwas fertig habe, ist es mir, als hätte ich eine ungeheure Angst aus dem Leibe geschwitzt". Aber nicht allen kamen diese Stunden der Eingebung so ungerufen, fo ohne eigenes Dazutun. Manche hatten einen schweren Kampf auszutragen mit den Geistern, deren Nahen sie wohl spürten, die sie aber doch nicht ganz fassen konnten. So ersannen sie künstliche Mittel, um sich die Stimmung und Atmosphäre zu verschaffen, die sie zum Heraufsteigen ihrer Intuition brauchten. Ohne diese Anregungen von außen her, blieb ihr Inneres stumm und die schon herausdämmernden Einfälle versanken wieder. Wie sie nun gerade auf diese und jene Mittel verfielen, bleibt wie alles Schaffen ein tiefes Geheimnis. Vielleicht war es die unbewußte Erinnerung an eine bestimmte Stunde, in der sie eben in dieser Umgebung besonders dankbar die Gewalt der strömenden Gedanken empfunden hatten. Aber viel öfters bilden diese kleinen Sonderlichkeiten Wesenszüge, die in gewissem Sinne bezeichnend sind für ihren Charakter, für die Einmaligkeit ihrer Erscheinung und in vielen Fällen auch für den sich wandelnden Geist des Musiklebens im Laufe der Zeiten. In ihnen sprachen sich nicht immer gerade die bedeutendsten Teile ihrer Persönlichkeit aus, aber niemals waren es nur alberne Gewohnheiten und Schrullen überspannter Musikhirne. Am mühelosesten haben wohl Mozart und Schubert komponiert. Auf lose Herumliegenden Blättern, auf die leeren Zeilen fremder Notenhefte, allein, aber noch lieber im Kreife luftiger Freunde brachten sie ihre Tonfchopfungen zu Papier. Oft entstanden gerade die begnadetsten Einfälle in diesen Stunden der äußeren Zerstreuung. Schubert schrieb während eines feucht-fröhlichen Zechgelages in einer der alten traulichen Kneipen des alten Wien auf die Rückseite eines Speisezettels eins (einer schönsten Lieder: Das Ständchen. Mozart komponierte besonders gern und angeregt in der ratternden und schaukelnden Postchaise. Eines seiner schönsten Trios ließ er während der einzelnen Züge einer Kegelpartie aufs Papier fließen. Daß er das duftige „Veilchen" und die Todesphantasie der „Maurischen Trauermusik" an ein und demselben Tag komponieren konnte, beweist, daß der eigentliche Schöpsungsprozeß längst vorausgegangen war, daß hier nur etwas zu Papier gebracht werden mußte', was vor Zeiten und sicher unter inneren Erschütterungen ins volle Bewußtsein getreten war. Thomas, der Schöpfer der „Mignon", Rossini und vor allem Paisello, dessen komische Opern von Napoleon I. geliebt wurden, hätten Mozart und Schubert um die scheinbare Mühelosigkeit ihres Produzierens beneiden können. Denn sie komponierten ausschließlich — im Bett! Paisello noch dazu mit Decken und Kissen über beiden Ohren. In dieser nicht gerade fehr würdigen Vermummung erwartete er das Nahen der Muse. Nicht weniger komisch erscheint uns Meyerbeer, wenn er sich auf heimlichen Wegen zu einer berühmten Pariser Wahr- jagerin schlich, um sich dort regelmäßig das Gelingen seines Werkes prophezeien zu lassen. Vielleicht Hatto diese Madame L. ihm auch die fast krankhafte Furcht vor Katzen fuggeriert und ihn auf den Gedanken gebracht, daß er einmal scheintot beerdigt werden würde. Deshalb wünschte er, daß er nach (einem Tode vier Tage lang mit Glöckchen an Armen und Beinen liegen bleibe, ehe man ihn beerdigte. Joses Haydn steckte sich feierlich den Siegelring, den er von Franz II. als Geschenk erhalten, hatte, an den Finger, ein Zeichen der fast kindlichen Eitelkeit seines Alters, vielleicht aber noch mehr ein Beweis der Treue gegen seinen Herrn, als dessen Diener er sich stets fühlte. Daß Musikanten abergläubisch seien, behauptet eine alte Volksweis- heit. Chopin z. B. hatte eine unüberwindliche Angst vor den Zahlen 7 und 13. Nach polnischer Sitte waren ihm die Montage und Freitage Unglückstage, an denen er zu keiner Unternehmung sähig war. Die 2lbneigung gegen den Freitag teilte er mit Cornelius,- der jeoe große Arbeit und sogar Briese mit drei geheimnisvollen Kreuzchen begann. Während Chopins Inspiration dem eleganten Salon mit Frauen, Parfüm, Seide und flackernden Kerzen entsprang, ließ sich Gluck sein Klavier in die pralle Sonnenglut bringen, und dort entstand die wie Glas durchsichtige Partitur seiner „Iphigenie". Dabei muhte er reia) und sorgfältig gekleidet sein. Bei Richard Wagner wuchs sich ®,e Frage der Bekleidung zu einem wahren Zeremoniell aus. Seine «chlch- röcke sind sprichwörtlich geworden. Mit ihnen hat man die Nichngkei der Wagnerschen Kunst nachweisen wollen. Er erfand sich eine eigene Kleidung: Sammetjacke und Wagner-Barett. Jedem einzelnen dieser Stücke bewahrte er eine jahrelange Anhänglichkeit. Sein Arbeitszimmer ließ er sich in jeder neuen Stadt (und in wie vielen hat er nicht sein Domizil ausgeschlagen!) mit verschwenderischem Luxus ausstatten. Die Tapete aus rotem Damast, weiche Teppiche, üppige Beleuchtungskörper und Rosengirlanden an der Decke und über dem Bett schufen ihm die notwendige Atmosphäre zum Arbeiten. Exaltation nannte er selbst den gewöhnlichen Zustand seiner Natur. Während bei den meisten Komponisten der Abend und die Nacht die günstigste Schaffenszeit war, konnte er nur vom Morgen bis zum frühen Nachmittag arbeiten. Freilich war dies auch nur noch das Aufzeichnen des lange mit sich herum Getragenen. * Beethoven brauchte und besaß auch diesen Luxus nicht. Das Bild, wie er im Frühlingssturme, brummend und in sich gewandt, durch die Gassen Wiens eilt, dann wieder stehen bleibt, um ein paar Notizen aufzuzeichnen, hat uns den echten Beethoven übermittelt. Er brauchte Natur, gleich ob Sonne oder Gewitter, Frühlingslust oder die Härte des kalten Winterwetters. Dort, wo keine Menschen waren, konnte es auch er seine Menschlichkeit vergessen. Während er an der „Missa solemnis" arbeitete, ah und trank er tagelang nichts. Er war beim Schaffen völlig außer sich. Ein Besucher überraschte ihn einmal, als er im tiefsten Neglige von seinem Waschtisch stand und Krug auf Krug kalten Wassers über seine Hände goß. Plötzlich eilte er mit rollenden Augen und fürchterlichem Gebrumm zum Schreibtisch, um rasch ein paar Notizen auszuzeichnen. Dann setzte er diese eigenartigen Waschungen und das Geheule fort, so daß sein Zimmer bald unter Wasser stand. In -seinen letzten Lebensjahren soll sich seine Wohnung dauernd im Zustand der lässigsten Unordnung, ja Liederlichkeit befunden haben. Aber wehe, wenn ihn jemand bei einer solchen Szene gestört oder auch nur angesprochen halte! Gerade dies waren die Stunden der tiefsten Meditation. Leicht ließe sich die Reihe der Sonderlichkeiten unserer großen Komponisten fortsetzen. Einer braucht die Verlassenheit eines einsamen Felsens, ein anderer sucht die Emsigkeit einer durcheinander jagenden Menschenmenge, des dritten Phantasie bleibt träge, wenn sie nicht durch andere Aeußerlichkeiten seltsamster Art angeregt wird, alle zusammen aber bleiben uns, wie sie sich selbst, ein Rätsel. Wir müssen niederknien vor der Größe ihres Ingeniums, aber wir sollen uns nicht vermessen, sie bis in diese Absonderlichkeiten begreifen und beurteilen zu können, denn — so hat wieder Wagner einmal gesagt — „denn sie verstehen nur soviel von uns, als wir wirklich mit ihnen gemein haben, begreifen aber nicht, wie wenig, wie fast gar nichts dies von uns ist". Blumen der Kindheit. Von Wilhelm Scharrelmann. E i f e n h u t. Ein Blau wie auf den Uniformröcken meiner Zinnsoldaten. Aber es ist nicht die Farbe. Das Wunder steckt in der Blüte. Wenn man nämlich den Helm zurllckbiegt und die beiden Honigträger darin an den Tag kommen, .erkennt man, daß es zwei phantastisch schöne Pferdchen sind, die an länger Deichsel eine blaue Kutsche ziehen. Sie sehen aus wie aus zartblauem Glas geblasen, und die Kutsche ist mit blauer Seide ausgeschlagen und hat ein gelbes Sitzkissen. In einer solchen Kutsche ist Däumelinchen gereist, als sie ins Land der Menschen suhr und niemand sie erkannte, und die Kammerjungfer der Elfenkönigin fährt noch heute darin umher. Ich bin allerdings ein wenig ungläubig, aber Tina Feldmann versichert es, und Tina lügt nicht. Es ist nur ein Zufall, daß die Gesuchte in keiner der Blüten zu entdecken ist, als wir einer nach der andern den Helm abzupfen und einen ganzen Marstall von Pferdchen und blauen Kutschen um uns versammeln. „Wollt ihr wohl die Blumen stehen lassen!" schilt eine Stimme aus dem Hause, in dessen kleinem Vorgärtchen wir hocken, und wir stürzen erschreckt davon und auf die andre Straßenseite. Aber dort ist es brennend heiß von der Mittagssonne des Augusttages, und selbst die Treppen- stusen zu Feldmanns Kellerwohnung sind warm wie heiße Brote. Zu dumm, daß man uns störte. Tina und ich sind überzeugt, daß wir die Jungfer in der nächsten Blüte ganz sicher erblickt hätten. Aber hinterher ist es mir beinahe recht, daß wir sie nicht erblickten, denn wahrscheinlich hätte Tina sie für sich allein beansprucht und sie am Ende gar in den kleinen Fliegenkäsig gesperrt, den sie sich aus einem ausgehöhlten Flaschenkorken mit einem Gitter aus Stecknadeln gewacht hat. Weide. Ein Regennachmittag im Bauernhaus. Die Stube mit den sandbestreuten Dielen und den Binsenstühlen ist leer. Nur meine Base, wenig älter als ich selber, sitzt an dem großen Tisch aus Eichenholz, hat sich Weidenzweige geschnitten, klopft sie aus dem Tischrand weich und singt einen Kinderreim dazu: Een, tme, dree, veer, fiv, Jk slah di up bin Liew, Ik will di up bin Liewken slahn, Dar schall bat Holt herute gähn! Danach stößt ste mit einem dünnen Stecken das Holz aus der Rinde, schneidet ein Loch in die grüne Röhre, schiebt einen Holzspan als Zunge ein und versucht zu blasen. Aber die Flöte sperrt sich noch. „Sing noch mal!" rate ich. Da lächelt sie und tut mir den Willen. Gen, twe, dree, veer, fiv, Jk slah di up bin Liew, Jk will bi up bin Liewken slahn. Dar schall bat Holt herute gähn! Ihre Flechten sind hell wie Flachs, und ihre blaßblauen Augen leuchten in Freude auf, als die ersten Töne kommen und wie ein schrilles Wunder in den grauen Nachmittag entfliehen. Fuchsie. Ein Augusttag unter bleichem Himmel. Meine Mutter hat mich an die Hand genommen, geht mit mir durch die Straßen zu einer Glaswarenhandlung und kaust dort nach längerem Wählen ein Milchkännchen aus Preßglas. Es ist ihr Geburtstag heute, und das Kännchen soll noch am Nachmittag auf dem Kaffeetisch stehen. Der Tag ist immer einer der festlichsten des Jahres. Zwei Jugendfreundinnen von ihr kommen bann jedesmal zu Besuch. Als ich ein paar Stunden später in das Wohnzimmer gerufen werde, das heute des Besuchs wegen für uns Kinder zum unbetretbaren Heiligtum geworden ist, fehe ich eine Fuchsie auf dem Tisch stehen, märchenhaft in der Fülle ihrer Blüten mit den hängenden Korallen und den langen weißen Staubfäden, die wie- zarte Fransen niederhängen. Ich habe nie eine solche Blume gesehen, und der Anblick berührt mich so, daß ich vor Staunen und Befangenheit fein Wort herausbringe. „Sei doch nicht so blöde", mahnt mich meine Mutter leise. „Die beiden Tanten kennst du doch!" Aber es ist die Fuchsie. Nur sie! Die Blume mit dem merkwürdigen Namen, den man mir sagt, und einer Gebärde wie ein kristallener Leuchter, ein schimmerndes Wunder, eine heitere Fülle, ein einziger leuchtender Ueberschwang. Zypresse. Niemand wußte noch, wie der Baum in den alten düstern Hofplatz gekommen war, und es war ein Wunder, daß er zu einer so märchenhaften Höhe emporwachsen konnte, fremd, kühl und dunkel, wie ein Heiligtum. Eine geteerte Holzplanke umgibt den Hof, der kaum ein Dutzend Schritte im Geviert umfaßt und düster und freudlos ist wie ein Friedhof. Dazu ist der kleine Platz leer wie die Wüste. Nur in der einen Ecke steht wie ein Richtblock aus vergangenen Tagen ein alter Hackklotz. Darauf schlägt Großvater die Eisenstangen ab für die Fensterrouleaus, die er in seiner Werkstatt malt. Das schartige alte Beil nimmt er, damit er nicht im Regen verrostet, jedesmal wieder mit in seine Werkstatt hinauf. Die Sonne scheint, aber sie bringt nicht bis in ben Hof hinab, und die Zypresse steht hoch unb büfter wie sonst. Nur baß aus ihrem bläulichen Grün ihr strenger und seltsam fremder Geruch heute noch stärker bringt als sonst. Ich habe mich an ben Hackklotz gesetzt unb lerne mein Pensum für bie Religionsstunde am nächsten Tag. „Unser Leben währet siebenzig Jahre, und wenn's hoch kommt, so sind es achtzig Jahre, unb wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe unb Arbeit gewesen, beim es führet schnell bahin, als flögen wir baoon." „Herr, lehre uns bebenten, baß wir sterben müssen, auf baß wir klug werben." Ich bin fieben Jahre alt, unb bie Zypresse buffet wie noch an keinem Tag. Es ist still um mich wie in einer Kirche, unb in ber Dachrinne lärmen bie Spatzen. Lupine. Es ist ein brennendheißer Tag, unb wir finb feit bem frühen Morgen auf ben Beinen. Um ben Mittag herum verschleiert sich ber Himmel, aber die Luft ist noch drückender als vorher. Endlich kommt ein Wind auf, und die Birken am Wege beginnen ihre Kronen zu schwingen, als wären sie soeben aus dem Schlaf erwacht, in den sie müde von Licht und Wärme versunken waren. Wir sind auf einem Klassenausflug. Die Wege sind sandig, und keiner hat noch Lust, zu fingen. Ich schleppe die Füße nur noch. Eine Blase brennt bei jedem Schritt, als würde mit einem Messer in die Hacke geschnitten. Gehen, gehen ... Das Brot in dem kleinen Beutel ist zusammengetrocknet, bas Fett barauf längst zerschmolzen und ins Papier gezogen, unb ber Weg scheint kein Ende zu nehmen. Nach jeder Birke taucht eine andere auf. Brennefseln wuchern in trockenen Gräben, ein Feldhang ist ganz von Weidenröschen bedeckt, bann taucht ein Buchweizenfeld auf, als hätte es darauf geschneit. Endlich ein Stück Wald und Schatten. Im Walde plötzlich eine Lichtung, Gras, das einem bis an die Knie geht. Unb Zitronenfalter, leuchtenb wie Gold, unwirklich schön und in einer Menge, daß alles staunt. Dann wieder die Landstraße, Felder, Roggenbreiten wie leise wogende Meere. Plötzlich in aller Müdigkeit ein Ruch, süßer als Honig. Ein Lupinenfeld flammt in der Sonne! Der Duft kommt mit bem Winde' wie eine Wolke herüber ... Trotz der Blase am Fuß muß ich hin und mir ein paar der seltsam duftenden Blumen pflücken. Der Duft berauscht mich, wie nie ein Blumenduft es tat. Es ist überhaupt die schönste Blüte, die ich jemals sah, eine flammende Kerze und ein Quell strömenden Duftes, ein richtiges Wunder! Wie glücklich muß der Bauer [ein, der ein ganzes Feld davon besitzt. Nur fünf Minuten weiter ein neues Stück, fast noch leuchtender als das vorige. Aber hier geht ein Mann hinter einem Pflug und schält bie ganze leuchtenbe Herrlichkeit vor ihm in bie fanbige, graue (Erbe. Ein wüstes Trümmerfelb, ber .halbe Acker schon, aus dem nur hier und da noch eine gelbe Blüte ragt. „Gründüngungspslanzen!" erklärt der Lehrer, aber meine TrKer wird darum nicht geringer. Als wir endlich in der Eisenbahn sitzen und nach Hause fahren, .ist mir ber Strauß ber wenigen Lupinen, bie ich mir pflückte, schon welk und schlapp geworden. Aber sie duften noch im Tode! Ein Pilgrim. Don Tonrad Ferdinand Meyer. 's ist im Sabinerland ein Kirchentor — mir war ein Reisejugendtag erfüllt — ich saß auf einer Bank von Stein davor, in einen langen Mantel eingehüllt, aus dem Gebirge blies ein harscher Wind — vorüber schritt ein Weib mit einem Kind, das, zu der Mutter flüsternd, scheu begann: „Da sitzt ein Pilgerim und Wandersmann!" Mir blieb das Wort des Kindes eingeprägt, und wo ich neues Land und Meer erschaut, den Wanderstecken neben mich gelegt, wo das Geheimnis einer Ferne blaut, ergriff mich unersättlich Lebenslust und füllte mir die Augen und die Brust: hell in die Lüfte jubelnd rief ich dann: „Ich bin ein Pilgerim und Wandersmann!" Es war am Tomer- oder Langensee, auf schlichter Tiefe trug das Boot mich hin entgegen meinem ew'gen, stillen Schnee mit einer anderen lieben Pilgerin — rasch zog mir meine Schwester aus dem Haar, dem braungelockten, eins, das silbern war, und es betrachend seufzt' ich leis und sann: „Du bist ein Pilgerim und Wandersmann!" Mit Weib und Kind an meinem eignen Herd in einer häuslich trauten Flamme Schein dünkt keine Ferne mir begehrenswert. So ist es gut! So sollt' es ewig sein ... Jetzt fällt das Wort mir plötzlich in den Sinn der kleinen furchtsamen Sabinerin, das Wort, das nimmer ich vergessen kann: „Da sitzt ein Pilgerim und Wandersmann." Mit dem Arzt über Land in Güdwest-Afrika. Bericht aus dem ehemaligen deutschen Schutzgebiet. Von T. Z. Klötzel. Als ich vormittags Herrn Dr. Brenner, dem Vorsitzenden des Deutschen Bundes in Südwest, meinen Besuch machte, bat ich ihn, mich auf eine seiner ärztlichen Berussfahrten- in das Land mitzunehmen. „Ja", meinte er ,„das hat feine Schwierigkeiten. Die Sache ist nämlich die, daß der Arzt nur noch sehr selten auf entlegenere Farmen gerufen wird. Die Farmerschaft ist arm, und bei den riesigen Entfernungen, die in Frage kommen, ist der Arztbesuch selbst bei größter Rücksichtnahme eine teure Angelegenheit. Ich kann die Fälle der letzten Monate, in denen ich solche Besuche gemacht habe, an den Fingern einer Hand herzählen." Am Abend des gleichen Tages rief mich der Hotelwirt ans Telephon. Dr. Brenner war am Apparat: „Ich fahre in einer halben Stunde auf eine Farm im Sandfeld, 130 Kilometer von hier. Wenn Sie mitwollen, machen Sie sich rasch fertig. Aber ziehen Sie sich so warm an wie möglich, wir müssen die Nacht durchfahren. So kleidete ich mich zu meinem ersten afrikanischen Ausflug im August wärmer an, als zu einer weihnachtlichen Skipartie in den Harz. Als das Auto kam, brachte es die Ausrüstung einer Polarexpedition an Decken und Fellen mit. Das Staatsstück war eine riesige Decke aus Klippdachsfell — etwa hundert dieser kleinen Tierchen, die die Klippen Südwests bevölkern, hatten ihre Decke dafür hergeben müssen. An wichtigem Gepäck war da ein Jagdgewehr, ein Benzintank und der große Medizinkasten. In Südwest genügt es für den Arzt nicht, sich das Hörrohr in die Brusttasche zu stecken, wenn er Krankenbesuche macht. Oft hat er keine Ahnung, was dem Patienten fehlt. Er muß darauf gefaßt sein, ein Glied zu amputieren, das ein Löwe zerfleischt hat — in den letzten drei bis vier Wochen ist das zweimal vorgekommen! —, wie er alles zur Hand haben muß, um ein ausgepumptes Herz durch Injektion zu stärken. Er muß damit rechnen, eventuell eine schwierige Operation aus einem wackligen Küchentisch ausführen zu müssen, beim Schein einer Petroleumlampe, vielleicht eine mitgebrachte Schwester als Narkosehilfe, vielleicht aber auch darauf angewiesen, einen Angehörigen des Kranken mit der Handhabung von Maske und Aekher- slasche zu betrauen. Oft, sehr oft, tommt der Arzt zu spät infolge der zu überwindenden Entfernungen. In unserem Fall, der aber keineswegs zu den ungünstigen gehört, ritt eine junge Verwaltersfrau fünfundzwanzig Kilometer im Galopp zu einem Nachbarn, der Besitzer eines Fordswagens ist. Dieser fuhr fast fünfzig Kilometer auf eine Regierungsfarm, die Tele- phonanschluß mit Windhuk besitzt. Um 18 Uhr erreichte die Nachricht den Arzt. Vor 21 Uhr konnte er nicht fahren. Sein eigener Wagen war in Reparatur, so nahm er das Taxi eines Thauffeurs, der dafür bekannt ist, daß ihm keine „Pad" zu schwer ist, und daß er fährt wie der Teufel in eigener Person. Um 3 Uhr, so versprach er uns, sollten wir aus der Farm Ojitse sein. Die Scheinwerfer strahlen auf, die Hupe brüllt, ein Ruck wirft uns gegen die Rücklehne — die Pad hat begonnen. Wir klettern den Hügel hinauf, auf dem das Gouvernementsgebäude liegt. Bis hierher gibt es geschotterte Straßen, aber wie wir hinunter ins Tal von Klein-Windhuk saufen, mahlen die Räder schon im Sand einer echten Och^enpad. Denn so sind alle Wege hierzulande entstanden: eines Tages zuvor zog ein schwerer Treckwagen, von zwanzig oder vierundzwanzig Ochsen gezogen, die erste Radspur durch den Busch. Andere folgten, im Lause der Jahre und Jahrzehnte wurde aus der schmalen Spur die oft mehr als zwanzig Meter breite „Pad". Seit Kriegsende gesellten sich zu den Wagengleisen und ungezählten Hufabdrücken immer häufiger die Spuren der gerippten Autoreifen. Uebrigens sind wir nicht die einzigen, die auf der Pad sind. In größeren Abständen begegnen wir immer wieder anderen Padgängern oder wir überholen sie. Dann schneiden unsere Scheinwerfer aus dem Dunkel ein Bild aus der Zeit des „großen Treck", da die Buren vom Kap gen Norden zogen, um ihre Freiheit zu wahren. Ein Ungetüm von Wagen, der am hinteren Ende eine Art rechteckiges Zelt trägt, wird von einer langen Reihe langgehörnter Ochsen gezogen. Die Tiere gehen paarweise im Joch an einer langen, schweren Kette, nebenher laufen die farbigen Treiber mit der „Wipp", der doppelmannshohen. Bambuspeitsche, die gehandhabt sein will. So geht es Stunde um Stunde. Ein neues Farmtor, — jetzt müssen wir schon auf dem Boden von Ojitse fein. Aber wo ist das Haus? Die Pad endigt plötzlich an der Um. zäunung. Wir fahren an ihr entlang, mitten durch den Busch. Vieh liegt: widerkäuend da, manche Kuh hält es nicht für nötig aufzustehen, bis die Hupe sie anbellt. Plötzlich sehen wir das Haus, feine erleuchtete Veranda ist deutlich zu erkennen. Wir fahren darauf zu — da wird der Lichtschein plötzlich drei-, viermal so lang. Kein Hausfeuer — ein Gras- brand! Bei zwei Grad Kälte? Wenige Sekunden später machen mir dumme Gesichter: was Licht und Brand schien, hebt sich als blutrote, schmale Mondsichel über die Büsche. Dann finden wir doch die richtige Pad. Zehn Minuten vor dem Ziel aber erreicht uns das Schicksal: die längst fällige Reifenpanne. Mit dem Arzt mache ich die letzte Wegstrecke zu Fuß. Ein kleines, dunkles Haus. Stimmen, Licht. Dann verschwindet der Arzt in dem kleinen Zimmer, in dem der Kranke liegt. Wir anderen sind im Raum nebenan. Die Verwaltersfrau kocht Kaffee. Ein Farmer aus der Umgegend ist noch da. War abends aus dem Heimweg eingekehrt, eine Tasse Kaffee zu trinken. Wie er wieder aufsitzen will, scheut der Gaul vor der Laterne, zerreißt Zügel und Riemen und haut ab. Morgen früh wird der Farmer seinen „Mistbock' suchen müssen. Nach einer Weile kommen der Doktor und die Farmersfrau. Die Untersuchung hat nicht gerade Erfreuliches ergeben: schwerer Herzklaps, die übliche Krankheit derjenigen, die lange hier oben leben und schwer arbeiten. Digitalis und Kampfer haben die augenblickliche Gefahr beseitigt, aber der Mann muß längere Zeit an die Küste. Das kann die Bedrohung ihrer Existenz bedeuten, aber diese Farmersfrau ist kein Stadtweib. Sie sorgt für uns alle und duldet nicht, daß eine gedrückte Stimmung aufkommt. Sie hat unter einer klaren Stirn Augen, in denen eine mutige Seele wohnt. In Windhuk fürchten sich die Händler, sie ist den gerissensten Viehkommissionären gewachsen und haut sie übers Ort. Und ihr Händedruck ist der eines Mannes. Am nächsten Morgen gibt's Rührei aus Straußeneiern. Es schmeckt ein bißchen streng, und an einem Ei haben fünf Mann ein reichliches Frühstück. Der Kranke bekommt eine neue Injektion, deren Wirkung der Arzt abwarten muß. Die zwei Stunden verbringt man am besten auf der Jagd. Wir setzen uns ins Auto und fahren kreuz und quer über das „Sandfeld", eine große Hochebene mit dichtem Busch und lockerem Baumbestand. Dreierlei Wild- kann man erwarten: Kudus, Springböcke und Strauße? Die Jagd im Auto dürfte in Deutschland noch nicht als weidgerecht gelten, aber Afrika hat auch darin feine eigenen Gesetze. Das Verhalten des Wildes dem Auto gegenüber ist recht interessant. Das lärmende Vehikel scheint bei ihm viel mehr Neugierde als Furcht auszulösen. Es bleibt oft in guter Schußweite wie gebannt stehen und äugt. Will man zum Schuß kommen, so darf man keineswegs bett’ Wagen halten lassen. Sobald das Motorgeräusch verstummt, wird das Wild mißtrauisch und flüchtet. Entweder man schießt vom Auto aus, während der Motor in Gang bleibt, ober man versucht, unbemerkt vorn Wagen abzusteigen, unb läßt biefen langsam weiterfahren. Kubus bekamen wir überhaupt nicht zu Gesicht. Springböcke kamen zweimal in erreichbare Nähe, ftanben aber so gebeckt, baß ein sicherer Schuß nicht anzubringen war. Wir mußten uns bamit begnügen, die riesigen unb boch sv zierlichen Sätze zu bewundern, mit denen dieses schöne Wild davonzvg. Blieb noch die Hoffnung auf einen Strauß. Der Strauß war eine Zeitlang in ganz Südafrika ein kostbares und streng gehütetes Wild, mit dessen Hähnen man die zahmen Strauße auf den Farmen aufkreuzte. Das war in jenen glücklichen Zeiten, wo man in Europa und Amerika Pleureusen mit Gold aufwog, und der Straußsarmer die Federn am lebendigen Tier verkaufen konnten, wie eine Weizenernte auf dem Halm. Dann kam die Abwendung der Mode von der Straußenfeder unb der Zusammenbruch der Straußenzucht! Heute kostet ein Pfund Federn etwa 20 Mark — Eiderdaunen werden um den gleichen Preis nicht zu haben fein. In Südwest haben die wilden Strauße sich so vermehrt, daß sie als schädlich gelten und der Abschuß uneingeschränkt freigegeben ist. Aber wer weiß: vielleicht bricht auch einmal wieder eine Straußenära an! Mehr als die englische Kohlenkrise hat hier und in ganz Südafrika die Meldung interessiert, die Königin von England habe jüngst bei einem Besuch in Wembley eine lange Boa aus Strauß- Federn getragen. O, ihr Strauße! Euer Schicksal ruht in den Händen der Herren Poiret und Paquin! Verantwortlich: Or. HanSThyriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Duch-undSteindruckerei, D. Lange, Gießen.