Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1952 Montag, den 2. Mai Nummer 5H Tlachtgefühl. Von Will Scheller. Die Welt ist hingeschieden Mit Stadt und Land In einen milden Frieden. Der aoldne Brand Des Tages ist verglommen. Die Nacht ist nun Mit Sternen angekommen. Die Menschen ruhn. Die Welt schloß ihre Düren. Bon Kampf und Not Ist nichts mehr zu verspüren. Der Mond ist rot. Im Falten meiner Hände Ich warte nur. Bis mich ein Traum befände. Lang schlägt die Uhr. Gelöst für ein« Weile Das Leben fliegt Im Dunkel sonder Eile So hingewiegt. Durchs Fenster schweift ein Wehen, Ein holder Hauche „Es kann dir nichts geschehen .." Und ruht nun auch. Nie pariser. Roman von Alfred B o ich-tnimhus her Mandorla umstrahlt, fitzend als der Weltenvichter, der am jüngsten Tage wiederkehren [oll vom Himmel, wird von Engeln emporgetrogen. Die Apostel blicken mit staunend und betend erhobenen Händen zu ihm empor. So stellt sich die Himmelfahrt zunächst auf einem Oelsläschchen von Monza in Italien dar. Diese hieratisch strenge Darstellung, die sich von der Glorifikation des Herrn kaum unterscheidet, erhält bald eine Ergänzung in anderen Schilderungen, die das menschliche und das mystische Element des Vorganges stärker hervorheben. Das Wunder der Ausfahrt zum Himmel wird den profanen Blicken, zuerst wohl auf dem Religuiar von Kaiserswerth, dadurch verschleiert, daß von Christus nur noch die Füfee sichtbar sind, wahrend der obere Teil des Körpers bereits entrückt ist. Es ist diese demütige, M anbetender Ehrfurcht sich bescheidende Auffassung, die besonders m der germanischen Kunst heimisch geblieben ist; wir begegnen ihr noch bei [Kernling und Dürer. Eine bedeutsamere Umformung erfahrt die Wiedergabe der Himmelfahrt Christi aber dadurch, daß die persönliche Tätigkeit des Herrn, sein Aufstieg zum'Himmel aus eigener Macht in den Mittelpunkt gerückt wirb. Die Himmelfahrt Christi sollte in ihrer einzigartigen Hoheit von der immer mehr in den Vordergrund tretenden Himmelfahrt der Maria unterschieden werden. Gregor der Große feiert daher in einer Homilie die Tab des Auferstandenen, der sich traft der ihm innewohnenden Göttlichkeit zum Himmel erhebt, während die Madonna durch höhere Gewalten hinaufgetragen wird. Noch deutlicher ist das bei dem Diakon Slorus von Lyon ausgedruckt, der den Heiland selbständig dem Himmel entgegenschreiten läßt, während ihm Gott-Vater nur die Hand zum Willkommen barreicht. So veranschaulicht den Vorgang eine Münchener Glfenbeintafcl des 6. Jahrhunderts, so tritt er uns in zahlreichen Evangelienhandschristen vor Augen. Während unten die Apostel mit Maria in der Mitte die Hände grüfeend und betend erheben, schreitet der Heiland in der Mandorla, das Kreuz über der Schulter, in emporsteigender Profilansicht gesehen, von vier Engeln umschwebt, mit einem starken Schritt empor; seiner in der Hohe gehaltenen Rechten streckt sich von oben her eine andere Hand entgegen. Häufig trägt Christus auch die Auserstehungssahne, wodurch in den Darstellungen der Heilsgefchichte der enge Zusammenhang der Himmelfahrt mit der Auferstehung gekennzeichnet wird. Aus eigenartige Weise versuchen manche Miniaturen der Evangelienbücher den Ausstieg begreiflich zu machen. So läßt ein aus dem 11. Jahrhundert stammendes Evangeliar des Prager Domes den Herrn sich gerade aus seiner Umgebung emporheben, wobei er nach der aus den Wolken feeroortretenben Hand Gottes greift, während anderseits die Vorstellung von dem schrittweisen Ausstieg Christi sich zu der Annahme einer Himmelstreppe verdichtet, von der auch ein lateinischer Poet des Mittelalters redet. Als die Blütezeit der Kunst anbrach, herrschten hauptsächlich zwei Typen der Himmelsahrtsdarstellung: der emporschreitende und der in der Glorie aufschwebende Christus. Sie wurden von den Künstlern der Renaissance, wohl unbewußt, ausgenommen und fortgebildet. Das Bild des schreitenden Heilands hält Giotto in der Arena-Kapelle zu Padua fest. Von Licht umflutet, von weifeen Gewändern umwogt, hebt sich die Gestalt des Verklärten mit einer [ehr deutlich angebeuteten Schreit- beivegung empor, beide Hände dem himmlischen Vater entgegenstreckend. Mit ihm streben im strahlenden Fluge beflügelte Kinderseelen, die aus langer Gefangenschaft Befreiten der Vorhölle, der seligen Allmacht zu. Unten aber weisen zwei schwebende Engel die andächtig knieenden, vom Glanz der Unsterblichkeit geblendeten Apostel auf das Wunder fein. In den weich wogenden, na chanfwärts weifenden Linien atmet die selige Verkläriing des Menschengeschlechts, die an diesem Wunder ihren Anteil nimmt. Giottos Nachfolger find zu dem starren Glorienschein des von der Höhe gebieterisch herabblickenden Heilands zurückgekehrt. Die eindrucksvollste' Darstellung der Himmelfahrt aus dem Kreise der Nachfolger Giottos ist unstreitig das Fresko an der Decke der spanischen Kapelle in * Italienisch: Mandel; Glorie in der Form eines Ovals. w leil -lt« (ije.5 e» gifte;. "h Dftm Don Ltzm b erwölif n, nnb jj immeifaljtt Hchlichei ums W : römisch« SurütfiöfjL rungen bit «es Mm js, bit bett rtörpentng mter beim ift Lieft »ende ätif t ben bi» enbcn. 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In der Mitte der gewal- : gen Fläche schwebt der himmelan fliegende Gottessohn empor, umflossen ■on einem Dunst von Licht und Luft; der Blick ist sieghaft nach oben '«richtet; weit ausgebreitet sind die Arme zu einer weltumspannenden Gebärde, die zugleich hinaufdeutet in die Ewigkeit und hinabsegnet aus iue Mensclcheit. Aas Fortissimo bet unvergleichlich stolzen Bewegung hallt 'srt in den aufgeregt beseligten Aposteln, die auf weißen Wolken im •' reife Herumlagern. Das ganze Weltall ist in ihnen aufgerufen, um den phärenklängen dieser Himmel und Erde mit Liebesmacht durchdringenden Himmelfahrt mit aller Anspannung ihrer Sinne zu lauschen. 3n Correggios Gemälde ist die höchste Steigerung und Verklarung Ger der künstlerischen Tendenzen erreicht, die den überirdischen Zauber "5 Aufschwebens und die harmonische Verbindung Christi und der dstel anstrebten. Die Vorliebe für das Thema ist nun überhaupt '"schöpft und tritt gegen die Himmelfahrt der Maria zurück. Wir erwähnen ‘5 selbständige und originale Leistungen nur noch die Werke dreier k'ußer Meister: Tintoretto, Rubens und R e mbrandt. Tinto- * Ito kehrt in dem ergreifenden Bild der Scuola di San Rocco zu dem echaistischen Typus des schreitenden Christus zurück, der Gottvater die Scmb entgegenllreckt. In einer gewaltigen, von Engelflügeln umwogten, ; «« Erde beschattenden Wolke steigt er auf, der große Weltenüberwinder. Jünger starren, staunen empor: sie sehen ihn nicht mehr. Er hat Ees Irdische tief unter sich gelassen. Der auffliegende Christus von Ru- b sis, eine Skizze zu den verbrannten Deckenbildern der Antwerpener < suitenkirche, die sich in der Wiener Akademie befindet, ist ein in kühner ’srfütjung gegebener mantelumwalter Gliedermann voll bewegter Kraft, a er ohne jede Innerlichkeit; ein von tiefster Beseelung erfülltes Werk l'tr ist Rembrandts Himmelfahrt, die heute in München bewahrt wird. 52'/1 in der farbigen Lieblichkeit eines Blumenstraußes schimmerndes „,!/> das zugleich von allen Schauern magischen Lichtes und geheimnis- lller Schatten übergoßen ist, vereint Jdyllrk und Mystik. Die;er Christus, 1 so fest auf der vom Engelreigen umspielten Wolke steht und doch i Esam aufsteigt im Strome des heiligen Glanzes, ist Himmels- i "^^lcher und Menschenjohn zugleich. Abenteuergeschichten hinter Glas. Impressionen aus dem Aquarium. Von Dr. Margot Rieh. Das Wunderbarste ist immer der Schritt von draußen bis hinein: eben war man noch mitten zwischen Asphalt, Hotel- und Geschäftsbetrieb, durch ein Treppenhaus nur getrennt von der seltsamsten aller Unterwelten, die nach Schillers „Taucher" die Götter „gnädig bedecken mit Nacht und Grauen". Man meint wohl, man brauche sich vor diesen seltsamen Ungetümen nicht zu fürchten, weil sie hinter Glas sind? Ich weiß nicht, irgendwie unheimlich ist es doch. Es ist jetzt im Zeitalter Freuds so viel von den „Trieben" die Rede, die in beängstigender Weise gegen das wohlerzogene Ich, bzw. Ueber-Jch des Menschen Revolte machen sollen. Denkt man sich einmal solche Triebe gestalthast personifiziert, so sehen sie tatsächlich aus wie die mit ungehemmter Gier das Wasser durchrudernde Suppenschildkröte, die riesenhafte Seespinne, die schadenfroh glotzende giftige Muräne. Es gibt heute Maler, die in ihren „abstrakten" Bildern ähnlich Geformtes malen, ohne je eine entsprechende Anschauung gehabt zu haben: sie malen die Dynamik ihrer eigenen Unterwelt, die Wallungen und Strebungen ihres ihnen selber unbewußten Trieblebens. „Da kroch's heran, regte hundert Gelenke zugleich" — es ist der Tintenfisch, besser Tintenschdecke, im Aquarium sozusagen die prominenteste Persönlichkeit. Als solche macht er sich auch gern rar und ist öfter wegen Todesfalls gerade nicht anwesend, wird aber meist schon nach wenigen Wochen durch einen Nachfolger von nicht minder abenteuerlichem Aussehen ersetzt. Oesters liegt er nur zu scheußlichen Klumpen geballt in einer Ecke, wenn es ihm aber gerade paßt, eine Vorstellung zu geben: kein noch so gewiegter Groteskentänzer könnte dieses Maß an beängstigender Geschmeidigkeit und eindrücklicher Ausdruckskraft zugleich aufbringen. So wie dieser Polyp durch mehr oder weniger heftige Kontraktionen seines Körpers und erregtes Umherfuchteln seiner acht bis zehn vom Kopf ausgehenden Arme beliebig seine Gestalt verändern kann, so vermag er auch fortwährend seine Farbe zu wechseln; ja, man könnte geradezu von einer ausgebildeten Farben-Mirnik sprechen — von schleimigem Silber über Gelb, Grün bis Schwarz zu schillerndem Leuchten — über die das Ungeheuer in gereiztem Zustande versügt. Nebenbei kann dieses seltsame Weichtier seine Umwelt gelegentlich dadurch verblüffen, daß es sich in Wolken von schwarzer Tinte einhüllt, wenn es Angreifer nahen wähnt. Zu weiteren Ausschreitungen kommt es dann im offenen Meere. Dieses merkwürdige, wie ein Bündel von Schlangen wirkende greulich gräuliche Ungeheuer mit den menschenähnlichen Augen hat begreiflicherweise schon öfters zu tiefsinnigen Betrachtungen Anlaß gegeben, von denen die des schwedischen Romanschriftstellers Werner von Heidenstam als besonders schlagende Metapher einige Berühmtheit erlangt hat. Durch das Bild des beutegierigen alles verschlingenden Tintenfisches wird hier das Seelenleben großer Menschen, des Künstlers und Grüblers im besonderen, in skeptischer Weise charakterisiert. „Alles Lebende, was er erreichte, fraß er, und danach versank er wieder in Grübeln, seine teuflischen Augen gegen die Sterne gehoben. Als ich an die klugen Menschenaugen dachte, schien es mir, daß, was die Tintenfische für die Menschen und . die Krabben sind, das sind die großen Männer und Frauen für uns Menschen. Alles Lebende, was in ihre Nähe kommt, verschlingen und zerquetschen sie, und dann ringeln sie sich wieder zusammen und setzen sich, die Sterne anzustarren. Aber wenn ich in ihre Äugen sehe, funkelt da ein Feuer der Holle, eine Flamme von der unheimlichen Tücke eines Toren ... und ich schaudere und fahre zurück." Aber es gibt auch freundlichere Bilder in dieser Tiefe. Da ist der leuchtende Blumengarten der festgewachsenen Tiere, der Korallen, Purpurrosen und See-Anemonen. Zwar sind sie im Grunde auf das Gleiche aus wie der Tintenfisch, denn das Beute-Errassen dürfte auch ihre Hauptbeschäftigung sein, so graziös und spielerisch sie auch ihre perlmutternen Fangarme in die Wellen dehnen und ringeln. Sie wissen eben nur, ihren Trieb ständig hinter einer bezaubernden Geste zu verbergen — und worauf käme es sonst an? Wie reizend gewandt die bunten Samtkorallenfischchen in der Stille dieser schön angelegten Wasserparks zwischen den Kvrallenbäumen hindurchschnellen! Hier wie nirgends läßt es sich von Wohlgefallen und Friede, wenn nicht auf Erden, so doch im Wasser, träumen! Rücksichtsloser im Blohstellen ihres Unter-Jchs sind da oben die Schlangen, bei denen es hie und da zu Aufruhr und Tumult dadurch kommt, daß die eine blindlings in die andere hineinbeiht; sie sollen sich mitunter auch gegenseitig aussressen, aber das habe nichts weiter zu bedeuten, wird einem tröstend gejagt, da sie es ja auch in der Freiheit „so gewohnt sind". Ganz zu schweigen von dem giftigen Vipern- und Otterngezücht der Riesen-, Schauerklapper- und Speischlange, welch letztere ihrem Verfolger ihr Gift schonungslos in die Augen spritzt, was öfter schon zur Erblindung führte. Ost bleibt es allerdings auch hier nur bei leeren Drohungen, und ganz im allgemeinen läßt sich von den Schlangen jagen, daß sie „besser sind als ihr Ruk" und mit den grausigen Ge- jchöpfen der Märchen und Mythen oft nkcht mehr als den Namen teilen. Umgekehrt ist es eher bei den Krokodilen, die weit harmloser tun, als sie es in Wahrheit meinen. Eine geradezu behagliche Stimmung überkommt einen in dieser Urwaldatmosphäre angesichts der regungslos daliegenden Tiere, die selbst während der Fütterung zu faul scheinen, dem ihnen entgegengehaltenen Happen Fleisch auch nur durch eine geringe Bewegung entgegenkommen. Aber das ist alles nur Bluff, d. h. es ist zweckmäßigste Haltung, die ein auf Beute lauerndes Raubtier einnehmen kann, da jede überflüssige Bewegung die Opfer verscheuchen würde. Von anderer Temperamentsart sind wieder die — gleichfalls zu den Horn- und dickhäutigen Reptilien gehörigen — Schildkröten. Die aus dem Lande wirken zwar zuerst mit ihrem mächtigen Panzer wie lebloses Felsgestein. Aber wenn die vogelköpfige Riesin sich einmal erhebt und einen anglotzt! Plastiken und Asrikaneger wirken ähnlich — so bannend, drohend, verzaubernd, bändigend. Don humanerer Gemütsart scheinen unten die „bemoosten" (d. h. hier oeralgten) Meeresschildkroten mit den eine entt3dmarU5gemem genug, darüber hinwegzusehen. Mit schlecht verhehlter Befriedigung wechselte ich die Feder aus, lchob Karlchen das Schreibheft vor die Nase und tauchte ein. Gerade wollte ich ihm den Halter in die Hand drücken, als ich seinem Gesich^ausdruck anmerkte, h’,6, er wieder etwas mißbilligte. Ich wollte mir nicht die Bloße geben, ei?e - vielleicht dumme - Frage zu stellen, und schwieg abwarten . Aber er schwieg auch. Er starrte mit höhnisch aufgeworfenen Rippen auf die neue lieber und reöete fein ®ort. ,,, Ich konnte die Spannung nicht lange ertragen. Ueberhaupt merkte J allmachlich, daß meine Nerven dieser ganzen Sache nicht gewachsen waren. Ich raffte mich also zusammen und fragte möglichst harmlos. „Was nun los?" Karlchen legte sein Gesicht in normale Falten und blinzelte mich neckisch aus den Augenwinkeln an: „Du hast eingetaucht, jagte “ Ichchppte noch immer im Dunkeln. „Nun ja, und -???" erwiderte ich ungeduldig. Sein Blick wurde eisig. „Hast du die Feder vorher auch anaelectt9" fragte er mit schwerer Betonung. , .. r , ... 9'2ll]o nein, 9ch hatte nicht! — Ich glaube, daß ich äußerlich ziemlich 5mltiinq bewahrte, aber innerlich war es recht schlinun um mich bestellii. Ich hatte nur den einen Gedanken: jetzt keinen Disput. Mit ,Zitternd 5>and suchte ich in Karlchens Federkasten nach einem Tintenwijcher. d- natürlich nicht da mar, und wischte die Feder schließlich an einem S- "öjchpapier ab. Karlchen sah mir interessiert zu und fragte beiläufig. Schaft du ld—u—u—!) denn keinen Tintenwischer? Sein Ton war ziem- lich vorwurfsvoll, obwohl ihn das Fehlen feines eigenen Wischers nicht onderlich zu berühren schien. Ich entgegnete kein Wort. Ich hielt ihm nur stumm den Halter hm. ß-r nnhin ihn gelassen entgegen, hob ihn noch einmal gegen das ua)t M l-Ahd.ni«6 Wir rief ich'ichl Schadenfreude. „Jetzt hast du verge en, die Feder anzulecken! Cr s u,,t Me Sekunde, dann lachte er verächtlich. „Wenn die Feder schon ennrnrf eingetaucht war, braucht man sie nicht mehr anzulecken , erklärte er kühl — Hier fühlte ich mein gesamtes Innenleben mit einem schlage ZU- Was^weller kam, ist nur eine unklare Erinnerung für mich. Ich glaube- daß ich Worte diktierte, die Karlchen nach ungezahlten Abschweifungeii und mehr oder minder spitzfindigen Fragen endlich niederschrieb. Vieltem, haben wir dann noch gerechnet. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß mir jeglicher Zeitbegriff abhanden gekommen war, und daß ich mich naM her, als di« Schularbeiten beendet waren, sehr gealtert fiihlte. Am Abend brachte ich ihn nach Haus. Ich lieferte ihn bei seinen Eltern ab und hatte dann noch eine kurze, aber inhaltsreiche Aussprackl- mit seinem Bater. Ich erklärte ihm, es ginge über meme Kräfte, mem Bersprechen weiterhin einzulösen. Er müsse mich von allen roeitir Verpflichtungen entbinden. Zuerst tat er schmerzlich berührt und versucht-, mich umzustimmen. Als er aber sah, daß uh fest bl.ech und daß nntch mich wankend machen konnte, gab er klein bei. Er schien nicht elnmat sehr überrascht zu sein. Zum Schluß schüttelte er mir verstandm.' trös^end^ue jrf)eineiL ^aß ich mich meiner Fs-undespslicht entzogen habe. Aber nie im Leben hat mich etwas mit ähnlicher B friedigung erfüllt. _____ »«r..l»..-ind,«. S«w. ®l<6<«- dekorativen Ruderslossen umgebildeten Beinen. Die jüngere mit dem taifiaen Profil führt stündig einen elegisch-sehnsüchtigen solo-Reigen aus, „ 9öer oberen Wassergrenze nach unten und im weiten Bogen zuruck, während die dickhalsige Alte genau die vorsichtig-beleidigten Bewegungen einer ältlichen Schwiegermutter mimt. Ein verzauberter Prinz scheint der goldschimmernde blaubebänderte Fisch dazwischem diese als langweilig verschriene Ordnung des Reizvollen, Senfatlone geiiuq mag man nun lieber dem zierlichen Menuett der Seepferdchen wiebii die schwungvoll-rhythmischen Schwimmbewegungen des nur nach Schiller scheußlichen" Rochen oder die bissige Physiognomie b-s Hais anstaunen oder es sich vor den räuberischen Muränen gruseln lassen, deren Vorfahren sich von römischen Sklaven genährt haben. Der Einsiedlerkrebs und seine unvermeidliche Akt,nie dort wissen was sie ihrem Ruf, das vollendetste Musterbei Piel emer Symbiose (der Berel iqunq zu gegenseitigem Nutzen) darzustellen schuldig sind: gehor- io n chlevvt der Krebs seine Last aus dem ihm als Zuflucht dienenden Schneckenhaus von einer Stelle zur andern, sie bankt ihm dafür dur ) Ausschleudern ihrer Giftwassen, die sie beide vor Gefahren schützen, und nimmck außerdem die abfallenden Nahrungsbrocken, die: der Krebs- zu ihr emvorwirbelt gnädig an. Wird das Schneckenhaus für den Krebs zu eng fo fetzt er ohne" weitere Umstünde seine unentbehrliche Genossin nut Seinen Scheren auf das Dach eines neuen Hauses. Ganz gespenstisch geht es oben im Jnsektarium zu, wo wir die tolstte Tiermaske9rade inden die sich denken läßt: tropische Heuschrecken, d.e genau wie dürre Aeste eines Baumes nussehen. So raffiniert können nur weibliche Wesen ihr wahres Ich verleugnen, konnte man behaupten und wirklich finden wir bei manchen dieser Formen das Ideal eures Frauenstaates konsequent durchgesührt. Noch unheimlicher wirkt eine andere Art das sog. „wandelnde Blatt , bei besten Beobachtung Cichenblätte'r, die herumwandeln, als gehörte es sich so — man an ber ^ueeckmnnasiähiakeit der eigenen Sinne zu zweifeln beginnt. Vlattschmet- Ä’ fojar au«Sflbie Schäden des Insektenfraßes an Blattern aelreulich nach andere Falter wieder sind so geschmacklos schlecht bhmeckende Schmetterlingsarten zu kopieren, um so ihren ^Erfolgern von vornherein den Appetit zu verderben. Und dann ist auch noch die scheinheilige .Gottanbeterin", die die Männchen nach vollzogener Paarung sofort auffrißt, ebenso wie manche Spinnen ihrem Partner erst „em Netz über den Kopf werfen", um ihn dann unweigerlich zu morden. r denen er diesen Aufbau würdigte, zu beachten, beförderte ich ihn kurzerhand zuoberst auf den Sitz und gab mich dem angenehmen Gedanken ' hin nunmehr mit der Arbeit beginnen zu können. Ich will es gleich be- ken'nen: meine grenzenlose Unerfahrenheit hatte mich zu früh triumphieren lassen. Ich kann beschwören, daß es zwe, gm>z gewöhnliche und m keiner Weise bemerkenswerte Kissen waren, tue ,ch auf den Stuhl gelegt hatte aber sie schienen plötzlich die Lebendigkeit von zehn bockenden Wildeseln zu besitzen. Was eigentlich geschah, werde ich nur nie erklären kennen Ich kann nur sogen, daß Karlchen in ledern Augenblick an einer anderen ©teile vom Stuhl herabzufallen drohte. Sein Körper schwankte und rutschte in erschreckenden und nie vorauszusehenden Kurven von^einer Seite auf die andere, und sein Höhen- und Tiefenniveau wechselte nutJo entnervender Geschwindigkeit, daß ich den lebhaften Wunsch empfand, mindestens ein Dutzend Hönde mehr zu haben. Ich konntewir nichtanders helfen, als ihm in aller Heimlichkeit von unten herauf einen Knuff zu versetzen — was ihn zu erschüttern schien, aber sein Gleichgewicht doch «* l-mSch,» 3CUo vor ihn hin. Mit nachdenklichem Gesicht ergriff er den Federhalter unb hielt die Feder prüfend gegen das Licht. „Kaputt!" meldete er Das Knäblein. Bon Peter M a 11 h e u s. Bei Rommels war Hausputz. Die ganze Wohnung wurde ponfflrunb auf neu herqerichtet. Jeder weiß ja, wie fo etwas ist. Die Handwerker hielten sämtliche Zimmer besetzt bis auf ein einziges, in dem der Familie Rommel gestattet war, zu^ schlafen und zu essen. In allen anderen ! Räumen wurde gemalt, gekleistert und gehämmert. Herr und Frau Rommel sanden den Zustand äußerst ungemütlich; Karlchen fand ihn wun- t’frSrld)en war neun Jahre alt und fand fo ziemlich a^es wundervoll, • was Erwachsene mit Schaudern erfüllte. Er war begeistert als die Handwerker anrückten. Gleich am ersten Tag nahm er unmittelbar nach der Schule eine genaue Besichtigung der Wohnung vor. Es ging verhaltnis- mökiia alatt ab Nur zwei Farbtöpse blieben auf der Strecke, ein brauner "ab ei« grüner unb eZr ber Maler hatte hinterher e.ne Beule an ber Stirn weil er von der Leiter gefallen war. Karlchen hatte nur ganz wenig daran gewackelt. Im weiteren Verlauf des Nachnuttags mußte jedoch ein großer Bottich mit Topetenkleifter daran glauben, unb jum Schluß passierte die Geschichte mit bem Ball. Karlchen brauchte unbedingt mal seinen Ball Er lag im Kinderzimmer ganz hinten auf einem Regal, unb ber Fußboden war gerabe gestrichen worben Als Karlchen seinen Ball hatte, muhte ber Fnßboben noch einmal gestrichen werben, unb Her H ° tc'müej'nu ch Tn.^Die^omme (s unb ich sind nämlich seit vielenJahren eng befreunbet. Rommel ries mich also an und beschwor mich, ihm Karl- ihen für die nächsten Nachmittage vom Halse zu schassen. Genau so druckte er sich aus. Der Junge sei ihnen allen fürchterlich m Wege, und ,ch könne bei der Gelegenheit auch gleich ein bißchen auf feine Schularbeiten i.chtgeben Es sei ja ein Aufwaschen, nicht wahr? Zum Schluß berief er sich auf unsere alte Freundschaft, und da sagte ich natürlich zu. Ganz ehrlich: ich fühlte mich sogar ein wenig geschmeichelt. Aber das gab '' ^ 'Ani' nöchsten ^Nachmittag, pünktlich nm drei Uhr, traf Karlchen bei mir ein. Er murmelte etwas, was „Guten -Tag oder ähnliches bedeuten konnte, pfefferte feine Mappe in die nächstbeste ^e und stürzte sich auf den Bücherschrank. Er wußte ganz genau wo bei mir die Karl Mays stehen. Die nächste Viertelstunde verstrich unter dem fruchtlosen Bemühen, ihn zu einer Lebensaußerung zu veranlassen. Er lag, den Kops in beide Hände gestützt, halb aus dem Tisch und las. Ich will nicht sagen, daß er blind war. Aber taub war er auf alle Falle. Nachdem ich enblid) — ohne fein freundliches Zutun — feine Mappe in einem buntlen Winkel bes Flurs aufgeftöbert hatte, entführte ich ihm mit ßift unb Ti das Buch unter ber Nase hinweg unb schleifte ihn, sanfte Gewalt an- wenbenb, zum Schreibtisch. , .,. 2(uf bem Stuhl *Vä£ StÄt teste*- Federn zu holen. Da^heißt: ich sah ihn Setmssenhast vor allen Schaufenstern verweilen, ich sah ihn ,edes, aber auch ledes Automobil auf oer Straße einaeh-nd besichtigen, und - ich sah mich warten. NeinlHjer mußte um jeden Fußbreit Boden gjämpft werden Emer verschwom menen Erinnerung nachiagend, tauchte ich^ Hals über - bl . Schreibtisch und förderte nach langem Suchen eine Pappschachtel Zutage hie - ein Ueberbleibsel aus süllhalterlosen Zeiten - .ein. ganzes Sortiment von Siahlsedern enthielt. Das Glück war nur günstig: die richtige war darunter Aber ich kann mir nicht helfen, Karlchen sah wiederum