GietzenerKmilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (952 MoAtag, -en August Nummer 59 Keldeinsamkeit. Von Hermann A l l m e r s. Ich ruhe still im hohen, grünen Gras und sende lange meinen Blick nach oben, von Grillen rings umschwirrt ohn' Unterlaß, von Himmelsbläue wundersam umwoben. Und schöne weiße Wolken ziehn dahin durchs tiefe Blau wie schöne stille Träume; — mir ist, als ob ich längst gestorben bin und ziehe selig mit durch ew'ge Räume. Oer Mähder um Mitternacht. Von Eberhard Meckel. So fing es an: es war in den Tagen der Mahdzeit, in einem Hochtal des südlichen Schwarzwaldes, als eines Mitternachts eine Magd aus dem untersten der Berghöfe von etwas Eigentümlichem langsam aufwacht. Bis in ihren Schlaf hörte sie schon eine geraume Zeit das entfernte Rauschen einer Sense, wenn diese beim Mähen durch das Gras fährt. Dann war plötzlich wieder Stille, vom eintönigen Zirpen der Grillen noch gesteigert, aber nur, um gleich darauf wieder in das Mähgeräusch verstärkt eins^tzen zu lassen. Ab und zu war auch ein kurzes, regelmäßiges Dengeln vernehmbar. Die Magd schlafwirr, wußte nicht recht, war es ein Traum oder nicht. Indem sie sich, doch schon halbbewußt, auf die andere Seite drehte, schalt sie sich und schob das Gehörte auf ihre Einbildung. Wer sollte jetzt mähen? Aber doch, muh sie sich sagen, es stimmt doch! Jetzt wieder das Gerasche, jetzt wieder, jetzt ... und nun wird die Magd plötzlich ganz munter. Sie öffnet die Augen: das Mondlicht fällt breit durch die Schindelluke und das aufgestellte Fenster in die Kammer^ so licht, daß sie auch im Schattigen jeden Gegenstand erkennen kann. Sie umfaßt mit einem Blick das alles — draußen noch zwischen den Fensterrahmen die Kammlinie des gegenüberliegenden Berdghanges wie zerflimmert in der sommer- nächtigen Helligkeit — und lauscht atemlos hinaus. Und da hört sie es genau, es muß unten auf den Talwiesen sein, dieses Mähden, dieser rauschende Laut und dann wieder Ruhe, nun ein jähes Dengeln und wieder Mähen, Äcihen. Die Magd steht vorsichtig auf, schlappt ans Fenster und lugt hinaus. Das Tal liegt im Mondglaft vor ihr. Tief unten, wo die satten Wiesen der Bauern sind, wirft der Gegenhang einen mächtigen Schatten hinein Und da am Rand, da am Rand vom Schwarzen zu den fast weiß beschienenen Grasstücken, da sieht sie etwas wie,eine Gestalt, die mäht. Schwach und fahl blitzt es, wohl wenn bei einer Wendung der Sensenstahl vom Mond getroffen wird, zu ihr herauf. Die Magd kennt den Ort, es ist eine Wiese, die zu ihrem Hof gehört. Aber der Bauer oder die Knechte mähen doch jetzt nicht, das haben sie noch nie gemacht. Das •gibt es ja überhaupt nicht, daß um diese Zeit einer mäht. Die Magd •erkennt allmählich, wie die Gestalt da unten mit einer Schnelle durch die Wiesen mäht, als liefe sie und setze nicht sorgsam Schritt für Schritt zum 'Schnitt an. Es sieht geisterhaft aus, als spuke dort etwas herum. Der Magd fährt Angst ins Blut, und es wird ihr unheimlich. Sie schließt das Henster dicht und die Luke und legt sich wieder hin. Dach das Mahgerausch roerfolgt sie trotz allem. Sie vermag nicht mehr einzuschlafen, auch wagt sie wicht, jemand zu rufen oder zu wecken. Erst als das Frühlicht aufkommt, 'endet das Mähen plötzlich. Dann ist auch bald Zeit für die Magd, auf’ iZustehen. Sie getraut sich aber nicht mehr, ins Tal zu schauen, was jetzt Wohl dort unten sei. Als sie alles nachher den Knechten unten im Stalle 'erzählt, lachen diese laut. Doch als sie zum Scherz nachschauen, ist die Wiese, die sie heute mähen sollten, bereits über Nacht umgelegt ... Der Bauer und die Knechte wissen es sich nicht zu erklären wie das «eschehen ist. Es bleibt auch rätselhaft, wie ein einzelner die Wiese gemäht Men soll, wo kaum zwei starke Mähder in derselben Zeit mit dem gleichen 'Grasstück hätten fertig werden können. Und dabei, wie alle sehen, sie ist «eschnitten wie jede andere Wiese auch, nur daß nichts von dem Faul- ^citsgras, das man so nennt, weil man es gewöhnlich beim fluchtigen Mähen an den Rainen nicht ausfchneidet, stehen gelassen und daß der Schnitt überhaupt viel sorgfältiger und genauer dicht über dem Boden °°ngesetzt wurde. Es wird, als die Kunde zu den anderen Hofen dnngt, einigen unheimlich bei dem Gedanken, daß nächstens tm Mondlicht ein Unbekannter im Tal gemäht hat. Andere sagen, es müsse ein Scherz sein, Wenn auch ein guter. Doch bringen sie das recht unsicher vor, als meinten 1,e im Grunde doch etwas Geheimnisvolles dabei. Denn die Bauern in ®,en Bergen sind trotz aller Kirchenfrömmigkeit abergläubisch, es liegt nhnen einfach feit jeher im Blut. Und so ist es auch nicht verwunderlich, 5a6 den Tag allerlei Gerede und Geraune aufkommt, und gesteigert roirö ®as noch, als in der nächsten Nacht, die wieder so klar war wie die vor- es Gei! ihn keinen Platz geben sollte, und er vermochte doch zu jcyajien jur zwei, wenn es darauf ankäme. Doch weil nirgend Gelegenheit war, Jet ihm der Gedanke gekommen, es anders zu versuchen, ganz gleich ob er damit Erfolg habe oder nicht, nur einmal wieder das Gefühl, daß man schaffen könne und nicht alle Kraft aus den Armen gegangen fei - bann habe er sich ein altes Sensenblatt erbettelt und Zurecht geschliffen und an einen Stil gemacht und habe hier angefangen, zur Nacht zu mähen. Und vielleicht vermöchte einer der Bauern zu sehen, daß er arbeiten könne und wie. Und das wäre alles, was er zu sagen hatte. — Und was er am Tage aemadit habe wurde er gefragt. Da sei er im Wald gesessen und habe aus die Nacht gewartet. Und Lovon er gelebt habe? Bon dem, was er sich an Essen erbettelt hätte. Jetzt nachdem der Fremde alles gesagt hat, sehen ihn die anderen r,ft»rhnnnt erst recht Da steht einer wie sie, mit mächtigen Armen wie fie bei den aufgekrempelten Aermeln sehen, und nur, der Unterschied ist da daß diese Arme nicht zu schaffen haben. Ader vielleicht spuren das nickt einmal die Umstehenden so genau, nur ganz allgemein kommt cs dem einem oder dem anderen. Auch, daß über die Stirn des fremden Kneckts ein paar für ein junges Gesicht zu tiefe und nachdenkliche Falken laufen daß der Mund bitter zusammengepreßt ist, daß die Augen bittend und trostlos Zugleich ausschauen, vielleicht fällt das niemandem r.chtm auf, nur alles zusammen wirkte so, daß nach einer Zeit m der keiner wußte, was ZU machen sei, der Bauer, dessen Wiese der fremde Mähder zuerst hergehende, abermals von gegen Mitternacht an bis zur Dämmerung das rafchende Mähgeräufch vernommen werden kann, und es diesmal von vielen gehört wird. Es kommt von einer anderen Stelle, von weiter hinten im Grund; zu sehen ist nichts, nur der eintönige Sensenlaut bringt burch die Nacht, der sich manchmal zu kurzer Stille unterbricht oder in Dengeln übergeht; und wieder findet man am andern Morgen ein ähnlich großes Stück Wiese abgemäht wie das erste. In der dritten Nacht ist es wieder so, abermals an einer anderen Stelle. Und nirgends lassen sich Spuren von dem rätselhaften Mähder entdecken; die Sache wird geheimnisvoller, und die Erregung in den Berghöfen wächst. Daß das „Schrättele" ob dem Scheuerdach hockt und einen narrt, oder ein Gehenkter im Wald geistert, das sind Dinge, an die man sich gewöhnt hat. Aber das? Einer meint, wie Anno 14 im Juli der Sternfall bedeute das Unglück für die Welt, ein anderer behauptet, es hieße Glück, und sicher ist nur, e 1 sich um eine mit Umgängern zusammenhängende Sache handeln muß. Denn das gibt es doch nicht, daß jemand für den andern die Wiese ab* mäht, und auch noch so sauber und schnell. Da muß alles mit Spuk und ~ isterei zu tun haben. Endlich entschließen sich ein paar Burschen und Knechte, in der nächsten Nacht sich auf die Lauer zu legen. Mit Flegeln und Gabeln ziehen sie bereits am Spätnachmittag los und verteilen sich am Waldrand und den schon hoch in der Frucht stehenden Feldern oberhalb des Talgrundes. Schweigend hockt alles zusammen und lauscht in die Nacht; die kommt mit vollem Mond, Sirren unzähliger Grillen und huschigem, warmem Wind, der leise an Laden und Dach klirrt und durch das Laub faucht, langsam und prächtig auf. Die Lichter verlöschen in den Höfen, es muß bald Mitternacht sein — da fängt wieder das Mähen an, deutlich hören es alle, diesmal oben vom Grund her. Und die auf der Lauer liegenden Burschen und Knechte haben — das Herz stockte ihnen doch einen Augenblick — kurz vorher eine Gestalt mit einer Sense auf der Schulter aus dem Walde treten sehen, die die Raine entlang eilte und unverzüglich auf einem mondhellen Wiefenstück zu mähen begann. Als fie vorsichtig sich dem Mähder nähern, erkennen fie, daß es ein Mensch fein muß wie fie, der nur in unbegreiflicher Gewandtheit, als hetze ihn etwas, zu mähen versteht, wie fie es noch nie sahen. In ganz breitem Schwung erfaßt er mit der Senfe das Gras — wieder blitzt der Stahl im Mondlicht auf — und im Nu steht er schon tief mitten in der Wiese. Da rufen fie den Unbekannten an: der zuckt zusammen, wirft die Sense hin und läßt sich umstellen und sagt auch zu den ihm mit zur Abwehr emporgehaltenen Flegeln und Gabeln näherkommenden Burschen, sie brauchten das nicht, er sei auch nichts anderes als sie. Damit ist der Bann gebrochen. Sie sehen, es ist ein junger Mensch mit nichts Geister- haftem ober Außergewöhnlichem. Auch macht er nicht den Eindruck eines Verrückten. Aber auf alle Fragen, woher er komme und was er wolle, sagt er nur, das würden sie schon erfahren, wenn er erst oben sei. Also bringen ihn die Knechte zu den Hösen, wo alles in Spannung und Aufregung verharrt. Scheu und neugierig umdrängen alle den Fremden, der der Mähder war, und nach einer Weile, als er vor der versammelten Bauernschaft steht, sagt er einsach er sei früher Knecht gewesen und seit längerer Zeit einer von denen, die keine Arbeit finden könnten. Monatelang sei er herumgelaufen, aber ferner nahm ihn an; auch hier habe er kürzlich an jedem Hof „gebittet" — wie er das sagt, geht eine Bewegung durch die Menschen, und einige erkennen ihn, daß sie ihm begegnet waren — ja, wiederholt er noch einmal, schließlich habe er es nicht mehr ausgehalten, verrückt sei er worden darüber daß es für ihn keinen Platz geben sollte, und er vermochte doch zu schassen jur zwei, wogt. Dte gebogenen Linien des Aehrenfeldes lassen die gekrümmten Rücken des gierig lechzenden Tieres ahnen; man glaubt, seine Augen im Korn flimmern zu sehen. Getreu der Natur der Winde und Wolken, die bald fördernd, bald zerstörend auf die Vegetation einwirkcn, schreibt man seinem We en eine doppelte Verrichtung zu. Nach den einen nähren sie sich im Saatfeld von den Körnern und machen die Aehren taub, nach den andern bewirken sie Fülle des Getreides, und zwar entweder als männlich, zeugende oder weiblich-gebärende Mächte. Zur Erntezeit ist die Geburt vollendet Beim Schneiden des Kornes flieht der Dämon von Ackerstuck zu Ackerstück. Wer während der Erntearbeit krank wird, der ist unver- sehens auf das göttliche Wesen gestoßen und wird für die profane Be- rührung mit körperlichem Hebel bestraft; ihn hat, wie das Volk sagt, „der Roggenwols untergekriegt, der Erntewolf gestoßen'. Neben diese vielgestaltige, im Korn ihr Wesen und Unwesen treibende Tierwelt treten auch menschliche Dämonen, so das Kornweib, dem sich wohl auch ein Kornmann und ein Kornkind gesellen. Diese „Korn, mutter" auch „große Mutter" genannt, ein Symbol der fruchtbar waltenden'Zeugungsmacht, hat feurige Finger, mit denen sie die Kleinen in glühend-eisernem ©riff packt. Sie jagt durch die Felder wie das schnellste Pferd frißt das Korn, dörrt es aus, macht es bisweilen, wenn sie dem Bauer günstig gesinnt ist, besonders reif und gut. Sie hat den Namen „die Alte"; doch führt die Bezeichnung „der Alte" häufiger ein männlicher Korndämon. In vielen Teilen Deutschlands wird er der „Vilwis-, Bilfen- oder Binsenschnitter" genannt und erscheint als ein sehr mageres Männchen, das manchmal auf einem schwarzen Ziegenbock reitet, leise daherkommt in seinem langen Rock und dreieckigen Hütchen; auf dem Kornfeld zieht es den rechten Schuh aus, nimmt ihn unter den Arm, bindet an die große Zehe eine kleine scharfe Sichel und mäht schmale lange Gassen ins Getreide. Auch „Kornmann", „Dengelmännchen" heißt der Getreidedämon, am häufigsten aber „der Alte". Von Garbe zu Garbe rettet sich der Fruchtbarkeitsgeist vor den Sicheln der Schnitter; immer weiter geht die Jagd, bis er endlich in der letzten Garbe gefangen wird. Daraus erklärt sich die hohe Bedeutung, die den am Schluß der Ernte gemähten Halmen zukommt. In ihnen wohnt der Dämon und strahlt aus fie seine geheime Macht aus. Der Kult der letzten Garbe bestand in ältester Zeit darin, daß man dies Büschel Aehren auf dem Felde stehen lieh, damit dem Felde die Fruchtbarkeit wie sie sich in dem gefangenen Dämon darstellte, erhalten bliebe Noch heute findet sich dieser Brauch vielfach, z. B. be, Weißenfels in Sachsen Das übrig bleibende Aehrenbüschel führt die Namen des Geistes, heißt bald „der Alte", bald „Wolf". In diesem Zurücklassen der letzten,Garbe wie in manchen anderen Zeremonien, ist stets der Wunsch ausgedrllckt das Wachstum im kommenden Jahre möge durch die bisherige Fruchtbarkeit gefördert und vermehrt werden. Man umtanzt die buntgeschmückte letzte Garbe und läßt sie als S p e n d e f u r d i e V o g e l tehen Vielsach aber findet auch eine feierliche Einholung ins Gehöft statt. Die letzte Garbe wird mit Rock, Hose und Weste sowie einem alten Hut versehen und so zur leibhaftigen Verkörperung des „Alten", der mit einem Spruch dem Gutsherrn vorgeführt wird. Naht sich der August mit seinem Ende, und sährt der Wind über die kahlen Stoppeln, dann wird aus den letzten Aehren der prächtige E r n tetra n z oder die „Erntekrone" gewunden und im festlichen Zuge mit einem frommen Segensspruch auf den Hof eingebracht. Das „Ernte- oder Sichelbier" fließt reichlich; beim heiteren Mahl und bei luftigen i-ieöern und ausgelassenem Tanz ist alles vereint. Der weltlichen Feier folgt die kirchliche, das Erntedankfest mit dem andächtig gesungenen: „Nun danrei alle Gott". 3n der Hölle der Schiffskessel. Als Kohlentrimmer Über den Atlantik. Von Fridolin Gruber. Wer niemals noch gebunkert, An Bord von Beaf geslunkert, Nicht Haferschleim noch Grütze kennt, Kartoffeln Gabe Gottes nennt, Der hat noch nie geheuert! Ich wohnte im Deutschen Seemannsheim in Buenos Aires in der Calle Carlos Calvo und unser lieber Kommandant bzw. Verwalter, Herr Kapitän Schiller, wußte, daß ich gern in die Heimat trimmen mochte. Eines Tages wurde ich denn auch um 14 Uhr in die Schreibstube gerufen und erhielt vom Kapitän mit den besten Wünschen einen Heuerschein als Trimmer für Dampfer „Madrid". Mein Wunsch war erfüllt. Rasch, rasch, um 15 Uhr wird „Klar Schiss" gemacht. Ich komme eben über die Drehbrücke im Puerto, als das dritte Abfahrtssignal ertönte. Gerade erreichte ich noch das Schiss; hinter mir wurden die Stege eingezogen. Wie erstauni war ich aber, als ich, an die Reling gelehnt, einen mir bekannten Seemann auf Deck erblickte. Auch er erkannte mich, als ich ihm winkte. Staunen, Freude und Händeschütteln wollten kein Ende nehmen. Als ich ihm meinen Heuerschein zeigte, führte er mich mit einem Freudenruf in die Box, wies mir meine Koje an, und ich mußte bei seiner Wache bleiben. * Indessen hat sich der Dampfer in Bewegung gesetzt, die Schrauben wirbeln den schmutzigen La Plata, den Silberstrom, Tücher winken, letzie Grüße in die Heimat hallen von der Mole herüber, die Schiffskapelle spien In der Heimat", immer schmaler wird der helle Streifen der argentinischen Küste; der Lotse geht von Bord. Ein Jugendtraum verfließ! w Dunst das Land der Sehnsucht entrückt den Blicken, eine Hoffnung gey am Horizont unter. Bald sind wir von der Einsamkeit des Weltmeer-s umfangen, Stimmungen wollen aufsteigen, Gefühle sich Bahn brechen, ooq für den neugebackenen Trimmer ist dazu keine Zeit. „Hallo, Mensch kind, man los zum Schisssarzk und dann zum Ersten, um 16 Uhr yave Seiten Altvorderen ruhte zur Zeit der Ernte alles alltägliche Geschehen des Lebens; kein Gericht ward gehalten und keine Hochzeit. Die Ernte war ein eigener festlicher Abschnitt des Ja h r e s. Noch heute schmücken sich die Mäher und Binderinnen hie und da mit bunten Bändern unb Sträußen; bessere Speisen, wie Weißbrot oder Kuchen, verschonen d,e an Mühen so reiche Zeit. Allenthalben treten Sitten hervor, die auf den Zusammenhang dieser Festtage der Natur mit der Ho chblüte menschli ch en Liebeslebens, der Hochzeit, Hinweisen. Die Roggenernte heißt z. B. direkt Rogqenhachzeit; das Weizenerntefest in der Grafschast Glatz „Weeshuchzig . Das beste Flachsstück in der Flur hieß früher „die Braut im Felde ; der Schnitter und die Schnitterin, die die letzten Halme schneiden, heißen Braut und Bräutigam, oder die letzte Garbe muß eine Braut brnden. Den Beginn der Ernte heiligt ein Gebet. In manchen Gegenden werden während der ersten Erntewoche besondere Gottesdienste abgehalten, oder der Bauer trägt wie in Siebenbürgen, die erste Garbe zum Pfarrer auf daß er sie segne.' Wer beim Erntegottesdienst in der Kirche fehlt, der lädt schweres Unheil auf sich; nicht nur sein Getreide verhagelt ihm, sondern er muß selbst eines schlimmen Todes sterben. Feierliches Glockengeläut verkündet, vom Kirchturm her in aller Gottesfrühe über den Dorf- frieben schwebend, ben Anbruch bedeutsamer, arbeit- und segensreicher Wochen In Sonntagskleidern und in feierlichem Aufzug ziehen fast überall beim „ersten Anschnitt" die Mäher aufs Feld. Mit einem herzlichen Walt's ©ott'" wird der erste Sensenschnitt getan; ihn führt der Vormäher der Gutsherr, auch eine Jungfrau oder ein siebenjähriges Kind; die ersten Aehren, die ersten Garben gelten als besonders heilig. Diese uralte Verehrung der zuerst gemähten Halme, die noch eine lleberlieferung des germanischen Feldkultus ist, hat sich vielfach in manchen Bräuchen erhalten. So wird die erste Garbe z. B. in dem größten Teil des altsächsischen Gebietes mit einem feierlichen Spruch dem Gutsherrn überreicht. Anderwärts besucht der Herr des Ackers seine Arbeiter und wird mit einem kleinen Kranze, aus den ersten Aehren gebunden, woraus er sich durch eine Spende löst. Später wird bann überhaupt jeber Fremde, der das Feld betritt, gebunden und kann sich nur durch ein Geldgeschenk befreien. Die drei ersten Aehren, die jeder Mäher schneidet, haben heilende und segnende Kraft. Die Schnitter binden sie sich an Die Lenden und sind dadurch gegen Kreuzschmerzen und gegen Verwundungen mit der Sense gefeit. Die drei ersten Aehren werden auch kreuzweise auf den Acker gelegt oder an der Haustür festgenagelt, um böse Geister von Feld und Haus fernzuhalten. Gegen was für schlimme Drachen unb Ungeheuer bie erste Erntegarbe Schutz unb Hilfe gewährte, davon erzählt ausführlich ein bekanntes Werk über den Aberglauben aus dem 17. Jahrhundert, die sogenannte Chemnitzer Rockenphilosophie. Heilig ist dem Mäher auch die Mittagsruhe, die nicht gestört werden darf, denn dann wandelt die Mittagsfrau oder „Mittagsmutter übers Feld, weiß gekleidet, eine Sichel in der Hand; denen, die etwa dann noch arbeiten, verwirrt sie als ein heftig daherfahrender Wirbelwind das Haar und vielleicht auch den Geist. In manchen Gegenden verrichtet sie, wie es heißt, während der Ruhepause bie Feldarbeit, bringt sich wohl auch ein paar Gespielinnen mit, holt sich einige Garben unb verschwindet bann im Gebirge. Hier begegnen wir zuerst einem der vielen Erntedämonen, die auch im deutschen Feldkult eine so große Rolle spielen und einen unheimlichen phantastischen Zug in die Jdyllik der Erntebräuche bringen. Das überall im Volksglauben waltende Bewußtsein, von höheren Machten umgeben, gefördert und geschädigt zu sein, verdichtet sich zu geisterhaften Gestaltungen, die sich aus dem Wogen der Aehren, dem Flüstern der Halme gespenstisch aufrecken, aus der unheimlichen Schwüle eines Sommernach- nNttags, aus dem brütenden Grauen eines Gewitters herausgeboren werden. Am häufigsten erscheinen wohl in der germanischen Volkskunde Roggenwolfund Roggenhund, auch Bock und Sau als tierische Geister, die im Getreide ihr Wesen zu treiben scheinen, wenn es in Wellen gemäht hatte, meinte, bei ihm auf dem Hof könnte er wohl einstweilen bleiben. Und wieder ein anderer und dann noch einer sagten dasselbe, bis man endlich am Ende übereintam, daß der irembe Knecht abmed)fe(nb bei allen helfen unb arbeiten sollte bis sich etwas für ihn ergab. Und ,o kam er in den Hof, von dem aus die Magd ihn zuerst m der Nacht hat mähen hören. Jetzt, wo fie ihn so nah sah, hatte sie keine Furcht vor ihm, sondern lachte ihn an. Deutsche Erntebräuche. Von Dr. Friedrich Spreen. In meiner Heimat grünen Talen Da herrscht ein alter schöner Brauch: Wann hell die Sommersterne strahlen Der Glühwurm schimmert durch den Strauch, Dann geht ein Flüstern und ein Winken, Das sich dem Aehrenselde naht, Da geht ein nächtlich Silberblinken Von Sicheln durch die goldne Saat. Der schöne Erntebrauch, den Gottfried Keller in diesem Gedicht -schildert indem er von den jungen Burschen erzählt, die den reichen Segen auf der Witwen und Waisen Acker schneiden, ist nur eine Blute in dem vollen Kranz gemütstiefer Sitten und poesievoller Anschauungen mit dem die Volksphantasie das heilige Werk der Ernte geschmückt hat. Es sind Gefühle frommer Scheu und dankbarer Demut den hohen gewaltigen Mächten der Fruchtbarkeit und des Lebens gegenüber, die hier vorwalten. Der Mensch geht ja bei dem Erntewerk gleichsam eine Ehe nut der Natur ein, die ihm die Schätze ihres Schoßes hingibt; er verbringt die folgereichste Arbeit des Jahres, er weiß, daß nur mit Gluck und Gnade sein schweres Tun zum herrlichen Ende geführt werden kann, daß böse Gewalten ihn überall umlauern, ihm noch im letzten Moment den Lohn all seiner Muhe aus der Hand winden können. Darum rüstet er sich zur Ernte wie zu einem frommen Fest, beginnt fie wie den Gottesdienst, ist mit Andacht und Fröhlichkeit dabei und beschließt sie wieder mit Segensspruch und wir Wache, da kannste dich sputen, daß du deine Siebensachen verstaust und „Trimmertreß" hochholst!" weckt mich mein Freund aus meinen Träumen. Die „Amtshandlung" ist bald vorüber, Lunge, Herz in „Ordnung". Nun zum Ersten (Erster Ossizier). Der sieht meinen Patz durch und stößt aus das Wort Oesterreich. Er läßt die Feder sinken, die brennende Zigarette aus dem Mund sollen, und ich fürchte, er hat die Maulsperre. Sprachlos starrt er mich eine Weile an, um dann atemholend loszubrechen: „Mann, Sie sind ’n Oesterreicher? Ja, zum Teufel, wie könn' Sie sich heuern lassen? Na da harn wo die Bescherung. Da Ham se wieda n' Schlapp- chwanz an Bord jesetzt. Sie, bet sag ich ihn'gleich, bei uns mutz jearbeitet werden, bis die Rahen (Rippen) springen. Wir brauchen Leute an Bord, uu mit euch Oesterreicher is nich weit her." Ich bin getuscht und schleiche die Wendeltreppe hinunter. Wie kann das erst im Kesselraum werden, und wie wird das enden? Ich nahm mir felsenfest vor, eine Ausnahme unter den „Schlappschwänzen" zu sein, saßte Schweißtuch und Holzpantoffeln, auch meine Ration Marmelade, echt gefärbt, und „Butter", nämlich reine Margarine, für acht Tage, und selbstverständlich auch Schwarzbrot. Um 16 Uhr geht der Tanz los. Jede Wache besteht aus zehn Mann, sechs Heizern und vier Trimmern. Drei Heizer und zwei Trimmer steuerbords und ebensoviele backbords. Wir steigen in den Schlund hinunter. Ich habe das Gefühl eines Sträflings, eines Zwangsarbeiters. Heiße Luft und Kohlenstaub strömt uns entgegen. Die Ecken bei jedem Feuerloch sind vollgefüllt mit Kohle. Unsere erste Arbeit ist Schlacke reißen und Aiche buften. Mit verschränkten Armen gibt der Oberheizer die Be- sehle Bon jeder Wache müssen sechs Feuer gereinigt werden Lange, schwere Eisenstangen und Krücken sind die ersten Werkzeuge, oie in Betracht kommen. Weißglllhende Schlacke wird mit diesen Stangen vom Roste getrennt und mit der Krücke herausgerissen. Fällt vor die Füße. „Gieß auf!" schreit der Heizer, und der Trimmer gießt Kübel aus Kübel in die weiße, glühende Masse zu seinen Füßen. Gelbe, grüne Dämpfe zischen auf erfüllen den Raum, nehmen den Atem. Die Arbeit geht hurtig vor sich damit die Feuer nicht erlöschen. Jeder Griff muß gelten. Das Schweißtuch in den Mund gestopft und sestgebissen. Schweißtriefend Mann für Mann. Unentwegt beobachtet der Oberheizer die Manometer, die Zeiger dürfen nicht abfallen. Die nur mehr rotglühende Schlacke wird mit schweren Hämmern zerkleinert, glühende Spritzer treffen nackte Körper. Reißzangen und Krücken werden heiß, die Teppichfetzen als Handschoner nutzen wenig, die Handflächen brennen. Stumm, keuchend arbeiten die glänzenden Leiber im Feuerschein. Hostend wird Asche ausgekrückt, frische Grobkohle ausgefeuert, Kessel um Kessel. „An die Büste!" ertönt der Ruf des Oberheizers. Die beiden Trichter surren und rauschen. Schaufel um Schaufel Asche und Schlacke fliegt in den Schlund und saust durch die Bustrohre über Bord. Es ist ein Höllentempo in der Arbeit. Die Ecken lichten sich. In die Bunker. „Kohle, Kohle!" schreit der Heizer. Schippe um Schippe wird angefahren. Die Korbe fliegen von back- nach steuerbord. Wir haben nur Backbord-Seitenbunker. Kohlenstaub und Schweiß bedecken die nackten Leiber mit einer schmutzigen Schicht. Die Augen brennen. Wenn wir durch den kühlen Tunnel fahren, bilden sich hinter den Ohren und um den Mund Salzkristalle. Noch immer sind die Ecken nicht auf Borrat voll. Die Gebläse pfeifen. Bielgefra^g, unersättlich sind die Feuer Wir arbeiten taumelnd, rennen mit dem Kopf an Wand und Schotten, Räder gehen über die Holzpantoffel, Kohlenstucke treffen Fuß und Knie. Wir spüren nichts, dürfen nichts spuren. Kohle. Kohle! * Nach zwei Stunden haben roir’s geschafft. „Fisteen!' schreit der Oberheizer. Fünfzehn Minuten Rast. Die Ecken find voll. Lauwarmer Kaffee, ein graubraunes, leeres Wasser, löscht den brennenden Durst. Die Pulse pochen in den Schläfen und im Halse wie Hammerwerke. Wir reiften die Windhutzen auf und sinken auf umgestülpte Kubel. Kuhl haucht die Seeluft von Deck herunter in die Hölle. Wie fein schmeckt, wie andächtig raucht sich eine schlechte Zigarette. . o ... Wir (eben und freuen uns der Rast; zwei Stunden wahnsinniger Arbeit sind in zwei Minuten vergessen. Seeleute! * Bon den fünfzehn Minuten sind kaum zehn vergangen, da müssen wir wieder ans Schippen. Rastlos Kohle, Kohle. Das Tempo nimmt zu. Cs muß draußen schwere See sein; das Schiff ächzt in ollen Nieten und Sparren, donnernd brüllen die Wogen an die Wanten und schütteln den „Kasten" wie ein Spielzeug. Die Schippe gehorcht nicht mehr in den Händen. Wir fallen hin, fahren talab und wieder herauf Das Gleichgewicht ist nicht zu halten. Mit den Schippen ist es nicht mehr zu schaffen, wir werfen ständig um und müssen wieder die verdammten Korbe schleudern. „Feuern!" schreit der Oberheizer, „mehr Dampf, nur immer ran, Jung s, wir fahren ganze Kraft!" Cs ist wie in einem Tollhaus. Keuchend werfen die Heizer Schaufel um Schaufel in die gefräßigen, glühenden Rachen, Kohlenstaub verflammt i Wurf. „Stücke ran!", schreien die Heizer. Wir werfen m den Bunkern die Kohlenberge durch nach Stücken. Die Hitze ist unerträglich. Jede Gelegenheit, unter einer Kühle spendenden Windhutze durchzurommen, wird ausgenutzt. Nur einen Atemzug frische Luft! Die Körbe mutzen in einem Schwung, Boden nach oben, zehn Meter weiter m den Ecken landen. Die Handgelenke krachen vom aufwärtsdrehenden «chwung, die utur- menschliche Anstrengung im Aufruhr der Elemente jpannt jebe Sehne zum Zerreißen. Fester Stand, rechter Schwung im Schlingern und Aufbaumen des Schiffes ist nötig. Waden- und Bauchmuskel schmerzen Der Tritt aus ein nur nußgroßes Kohlenstück bringt den Mann zu Falle Dann ist er em Tölpel. Doch, die Stücke halten Feuer. Nach einem Wahnsinnstempo tonnen wir auf Vorrat arbeiten. Die Ecken füllen sich langsam Aber noch immer ist das Tempo rasend, darf nicht Nachlassen. Die Ablösung mutz volle Ecken vorfinden. Nach knappen vier Stunden haben roir’s geschafft und steigen die heißen Eisenleitern und Treppen aufwärts. Die See wütet. Wir können nicht das Mitteldeck aufrechtgehend passieren. Schwere Sturzwellen dröhnen darüber hinweg. Ein handlanger Fisch hüpft vor die Kombüse. Wo ist der Koch? Kriechend riskieren wir die zehn Schritte zum Mannschaftsgang die Reling entlang. Der Wellengang zieht ab. Ein Satz, ich bin geborgen. Wir kommen durch. Nun ins Bad. Essen ist unmöglich, die Gedärme schlingern mir im Hals, der Magen ist ein vollgesogener Badeschwamm, die Glieder wie zerdroschen, die Hände voll Blut und Wasserblasen. Brandwunden und Beulen spüre ich nicht. Die erste Wache ist vorüber. Ich falle in die Koje wie tot. Acht Stunden Freiwache. Der Schlappschwanz hat durchgehalten. Die nächste Wache ist nicht viel besser. Ich empfinde den Dienst als furchtbar. Ruhige See erheischt wohl flotte Arbeit, aber immerhin kein irrsinniges Tempo, und so halte ich mit zusammengebissenen Zähnen durch. Nur noch 26 Tage, dann sind wir am Ziel. Täglich um 14 Uhr sind Schottenmanöver. Der Dampfer ist nämlich in Schotten (Räume) untergeteilt, so daß bei Unglücksfällen die Schotten, in welche das Wasser eingedrungen ist, hermetisch abgeschlossen werden können. Dies ist also eine Uebung, bei der alle Sicherheitseinrichtungen überprüft werden. Die Signale ertönen in allen Räumen, doch bei unserer hastenden Arbeit im Bunker achtet man nicht darauf. Mein Kamerad ist ein junger Mann aus der Gegend um Wesermünde, der bereits drei große Fahrten hinter sich hat. Ein lieber Kerl, mit dem es sich gut arbeiten läßt. Ein echter Kamerad. Eben sausen wir mit dem „Hund" durch den Bunkertunnel und müssen wieder, im hohen Seegang, die sechzig Kilo schweren Körbe schleudern. Es ist die Zeit der Schottenmanöver. Zwischen Heizraum und Bunker ist eine Schottentür. Ich renne seitwärts, mein Kamerad rückwärts mit dem rollenden Hund, und ich konnte gerade noch den Ausgang des Tunnels in den Heizraum erreichen, als die Bleitür langsam die Zahnradschiene herunterkri^cht. In halber Höhe hat mein Kamerad die Distanz falsch bemessen und rennt in gebücktem Laufe mit dem Hinterkopf an die Kante der schweren Schottentür. Ein handtellergroßes Stück Haut klebt samt den Haaren an der Mütze. Blut fließt ihm über Hals und Nacken. Ich kann aber nicht weiter daraus achten, denn die Feuer brauchen Kohle. Bald kommt jedoch mein Kamerad mit verbundenem Kopf wieder, und abermals geht es in den Bunker. Tags darauf zum Arzt. „Ja, mein lieber Mann", sagt dieser, „solange Sie nicht mit dem Kopp unterm Arm zu mir kommen, kann ich Sie nich aus dem Dienst nehmen. Es muß eben gehen!" Drei Wachen hat der Mann noch durchgehalten, bann stellte sich hohes Fieber ein, und er durfte in den Krankenraum. Für ihn ging in Bahia ein Portugiese als Ersatz an Bord. Morgens gibt es Haferschleim ober Hafergrütze unb sechs Brötchen. Mit Marmelabe unb „Butter" „saßt" man auch etwa ein halbes Kilo Zucker für acht Tage. Haferschleim mit Marmelabe konnte ich erst nicht essen. Doch, als sich später, nachbem sich ber Körper an alles Ungewohnte anpaßte, auch ber Hunger einfteUte, mußte ich feststellen: „Ah, bat schmeckt schon!" Mittags ist Kartossel- ober Reissuppe, manchmal auch Graupensuppe obligat. Schweine- ober Rinbfleisch mit Kartoffeln in Sauce bilben ben Abschluß bes Menüs. Wenn nicht aus Pickelsteiner Fleisch unb Kartossein in Sauce, so besteht bas Abenbessen aus Hackfleisch mit Kartoffeln, bem als Beigabe roieber gekochte Kartoffeln zugesetzt finb. In ber Zeit ber Slequatorüberquerung „faßt" man täglich eine Zitrone unb einmal täglich Sago in Wassermilch mit Eisstücken. Mit dieser an Kartoffeln für einen österreichischen Magen reichlich gesegneten Kost hat ber „Schlappschwanz" im Bunker 28 Tage durchgehaUen. In Bremerhaven gelanbet, verließ er allerbings eilenbs bas „Kartoffel« sch'ff". ___ Zur „Wald- und Wafferfreude". Novelle von Theobor Storm. (Fortsetzung.) Er schien es nicht beachtet zu haben, baß sie um ben äußeren Rand bes Walbes herumgingen; benn es wuchs unb blühte hier manches, bas seine Aufmerksamkeit erregte, unb Kätti hatte immer Neues ihm zu zeigen unb zu fragen. Plötzlich aber, da er um sich blickte, rief er: „Weshalb gehen wir denn hier? Der Fahrweg durch den Wald muß ja viel näher sein." „Der Fahrweg?" — Kätti hatte den Kopf gewandt und sprach es in die Lust hinaus: „Es kann wohl fein; ich dachte nicht daran!" „Aber du warst vorhin doch selbst so eilig!" „O nein; ich habe Zeit genug." „Du bist ein wunderliches Mädchen, Kätti." Es dauerte lange, bis sie an die Kate ber langen Irina kamen. Das baufällige Häuschen lag schon im tiefen Tannenschatten; aber bie Tür war verschlossen, unb Wulf Febbers trommelte baran mit beiben Fäusten, ohne baß geöffnet wurde. Als er durch die blinden Fenster hineinzublicken suchte, sprang von drinnen die schwarz unb weiß gefleckte Katze gegen bie Scheiben unb sah ihn mit ihren grünen Augen an. „Brr!" sagte er; „nur ber Haushunb ist ba drinnen." In demselben Augenblicke aber, da er einen Schritt zurücktrat, gewahrte er das gegen die südliche Hausmauer angelernte Brett, woran auch heute noch eine Anzahl von Tierfellen, mit ber Rauchseite nach innen, angeheftet hing. „Kätti!" rief er; „wo bist du, Kätti?" Sie staub seitwärts unter einer einzelnen Tanne unb schien auf bas Moor hinauszublicken, bas sich hier vor ber Hütte ber Alten in unerkennbare Ferne hinausstreckte; mit ber einen Hand hatte sie über sich einen Ast ergriffen, so daß sie ihr Köpfchen an dem eigenen Arme ruhte. Als Wulf Febbers die schlanke Mädchengestalt so säst wie schwebenb gegen ben schon goldig angehauchten Himmel sah, zögerte er einen Augen- blick: dann rief er noch einmal, aber leise, ihren Namen; da wandte sie sich und kam langsam zu ihm. . „Ist das Fidel?" sagte er und hob mit einem abgerissenen Zweige die Rauchseite eines noch blutigen Felles in die Höhe. Sie hielt ein Weilchen wie gezwungen die Augen darauf gerichtet und schüttelte dann den Kopf. Er hob noch andere Felle auf. „Ein Iltis und zwei Katzen! Gott weiß, was die Alte mit dem Unzeug anfängt! — Wir können nun nur wieder heimgehen", setzte er hinzu. „Und hier führt auch der Fußsteig in die Tannen!" , , Sie stutzte erst und blickte unsicher vor sich hin; dann ging sie rasch voran. Als sie eine Weile zwischen den dunklen Bäumen fortgeschritten waren, ließen sich ganz deutlich seitwärts aus der Tiefe des Waldes Geigentöne hören. Kätti fuhr sichtlich zusammen. „Wast hast du?" sagte er. „Bist du so schreckhaft heute? Die neuen Buchen werden nicht weit sein; es ist eine Tanzgesellschaft, und dein Strnkelstrakel spielt die Geige!" Sie antwortete nicht; aber em Seitensteig führte hier in die entgegengesetzte Richtung, und sie ging eilig darauf vorwärts, als ob sie vor jenen Tönen fliehen müsse. Und bald auch wieder war um sie her nichts anderes vernehmbar als das eintönige Kochen und Weben in den Tannenwipfeln, die der Abendwind bewegte. Er folgte ihr in einiger Entfernung, doch nicht weiter, als daß er um so besser die anmutige Gestalt betrachten konnte; und seine Augen sahen bald nichts anderes als sie. Im Gehen streifte ein überhängender Zweig die rote Schleife aus ihrem Haar; sie hatte es nicht bemerkt; aber er hob sie auf und zeigte sie ihr. „Warte!" jagte er; „ich weiß wohl, wie sie sitzen soll!" Sie neigte demütig das Haupt und duldete es, daß seine ungeschickten Finger sich mit dem Bande mühten. „Habe ich es recht gemacht?" frug er leise; noch einen Augenblick ruhte seine Hand aus ihrem Haar. Sie nickte nur; es kam kein Hauch von ihrem Munde. Dann gingen sie aufs neue weiter; das Rauschen in den Wipfeln hatte aufgehört, es wurde immer stiller um sie her. Jetzt öffnete sich eine Lichtung, in der das Gold des Abendhimmels auf Hülsen- und Farrenkräutern lag, die hier in unberührter Einsamkeit beisammen standen. „Weißt du denn wirklich, wo wir sind?" fragte Wulf, als Kätti vor ihm in das Gewirre hineinschritt. „Mir ist, als kämen wir niemals mehr aus diesem Wald!" Ein gellender Schrei antwortete ihm. „Kätti, liebe Kätti!" Er war im Nu an ihrer Seite. Vor den Füßen des Mädchens lag eine Schlange, auf deren Rücken das Kainszeichen in dem schwarzen Zickzack deutlich zu erkennen war. Der tellerförmig aufgerollte Leib schien wie am Boden festgeheftet; nur die Muskeln spielten in unablässiger Bewegung, und der flache Kops mit den glühenden Augen war drohend in die Luft emporgevichtet. „Da, da!" stammelte Kätti und erhob mühsam wie im Traume ihre Hand. Ein wütender Biß der Schlange zuckte nach ihr. hin; aber Wulf Fedders hatte sie schon auf seinen Arm gehoben und trug sie fort, immer weiter, er wußte selber nicht wohin; aus dem Dannen- in den Buchenschlag und aus den Buchen endlich an den Rand des Waldes; sie hatte die Arme um seinen Hals geschlungen und ruhte wie ein Kind mit ihrer Wange an der seinen. Nun ließ er sie sanft zur Erde nieder; allein sie blieb noch mit geschlossenen Augen an ihm ruhen. „Kätti", sagte er sanft; „besinne dich, die Gefahr ist jetzt vorüber." Sie hob den Kopf und sah ihn an, als seien ihre Gedanken ganz wo anders. „Die Schlange!" sagte er. „Weißt du nicht? Sie hätte dich doch fast gebissen!" „Ja, ja, die Schlange!" wiederholte sie und trat von ihm zurück; aber das Wort schien keine Bedeutung mehr für sie zu haben. „Nicht wahr", fuhr er fort; „sie ist weit, ganz weit von uns entfernt; du fürchtest sie nun nicht mehr?" Sie schüttelte den Kopf und sah ihn dennoch angstvoll an. „Kätti", ries er bittend, „mach' nicht so heimatlose Augen!" Und da sie noch immer stumm blieb, streckte er in heftiger Bewegung beide Arme ihr entgegen. Einen Augenblick neigte auch sie sich gegen ihn; dann aber richtete sie sich jäh empor. „Nein, nein", schrie sie, und ihre kleinen Hände stießen ihn zurück; „ich kann nicht, ich bin falsch gewesen!" „Falsch? Du, Kätti? Du kannst ja gar nicht falsch sein!" „Doch", sagte sie und nickte ein paarmal wie zur Beteuerung ihrer Schuld; „das Weib hat unseren Fidel gar nicht getötet; ich wußte das, denn sie fanden ihn heute in der Trinkgrube neben unserem Garten." Wulf Fedders schüttelte den Kopf. „Aber weshalb sind wir dann hier hinausgewandert?" . Es war eine Gesellschaft aus der Stadt", entgegnete sie stockend; „sie wollten in unserer Wirtschaft vorfahren; ich sollte es an Sie bestellen." „Und das wolltest du nicht?" „Nein, ich wollte es nicht." „Und weshalb?" frug er gespannt. Sie schwieg eine Weile; dann sah sie ihn fest mit ihren schwarzen Augensternen an und sagte: „Weil auch die blonde Dame mit in der Gesellschaft ist." „Darum also; — die Tochter der Majorin meinst du?" Es klang ein plötzlich kühler Ton aus diesen Worten; die blonde Dame war auf einmal wieder in der Welt. Da Kätti keine Antwort gab, so schwiegen beide und gingen langsam nebeneinander auf dem Wege hin. Als sie sich dem Tore des Geheges näherten, hörten sie wiederum die Geige aus dem Walde tönen. Kättis weiß? Zähnchen gruben sich in ihre Lippe; aber Wulf Fedders schritt, als habe er nichts gehört, vorüber. „Wollen Sie nicht hineingehen?" sagte sie leise. „Sie treffen die Gesellschaft noch beisammen." Er schüttelte den Kopf. „Ein andermal, Kätti." — Und stumm wie vorhin gingen sie auf dem fast dunklen Wege fort. Als sie das Dorf erreicht hatten, bogen sie von der Straße ab und schritten unten am Flußufer entlang. An der Felstreppe, die zur „Wald- und Wasserfreude" hinaussührte, blieb der Doktor stehen. „Gute Nacht, Kätti!" „Gute Nacht", hauchte sie; sie gaben sich nicht die Hände; wie ein gescheuchter Vogel flog sie die Stufen hinauf, bis er sie oben in der Dämmerung verschwinden sah. --An diesem Abend saß der Doktor noch lange auf dem großen Stein vor seiner Haustür und blickte auf den Fluh hinaus, der ruhig im Sternenlicht dahinzog; aber aus seinen Wellen wollte kein anmutiges Mädchenbild emporsteigen. Vor der nahen Wirklichkeit konnte das Spiel der Phantasie sich nicht entzünden; die nüchternen Gedanken hatten allein jetzt die Gewalt — — Wulf Fedders war der Sohn eines höheren Beamten, den bei schon reiferer Jungfräulichkeit eine Dame alten Geschlechts geehelicht hatte; und es geschah wie meist in solchen Ehen: da die Frau nicht umhin konnte, ihres Mannes bürgerlichen Stand zu teilen, so suchte sie wenigstens von der früheren „Exklusivität" noch so viel festzuhalten, als ihre kleinen Hände es vermochten. Die damit durchsetzte Luft des Hauses war auf den Sohn, der seine Mutter noch Verdienst verehrte, nicht ohne Einfluß geblieben; trotz guten Willens wurde es ihm meistens schwer, ja fast unmöglich, den Menschen ohne Rücksicht auf seinen Ursprung oder die ihm angeborene Vergangenheit zu schätzen. So wollte er wohl gern ein bedeutender Rechtslehrer, ein großer Staatsmann werden; aber hätte er dafür der Sohn eines Stallknechts fein und die Jugend eines solchen Kindes als Vorleben mit in den Kauf nehmen müssen, er hätte sich doch sehr bedacht. Nun saß er in der Einsamkeit der Nacht, in sich erschrocken über die Vorgänge dieses Nachmittages, die mit zudringlicher Deutlichkeit vor seinen Augen standen. Nur Kätti selber hatte ihn zurückgehalten, sich ihr für immer zu geloben; und Wulf Fedders war nicht der Mann, eine deutlich eingegangene Verpflichtung nicht auch mit allen Opfern zu erfüllen. Aber der gefährliche Augenblick war vorüber und konnte niemals wieder- kehren. „Hermann Tobias Zippels Schwiegersohn!" Er schüttelte sich ein wenig, wie einstens Kätti vor dem armen Unterlehrer; dann stand er langsam auf und ging in seine Kammer. ♦ An einem der nächsten Tage wurde Kätti von einem Glücksfalle betroffen, den sie freilich für den Augenblick wohl kaum zu schätzen wußte. Zufolge Testamentes einer verstorbenen Patin wurde ihr nicht nur ein strasfes Beutelchen mit silbernen und goldenen Schaumünzen eingehändigt, es war ihr außerdem eine nicht unansehnliche Summe ausgesetzt, welche zu Herrn Zippels Entrüstung nicht durch ihn als väterlichen Vormund, sondern durch eine dritte Person bis zu ihrer Mündigkeit verwaltet werden sollte. Und als wäre es noch nicht Glückes genug, so begann auch der Unterlehrer, der seit seiner erfolglosen Liebeswerbung fortgeblieben war, aufs neue in der „Wald- und Wasserfreude" einzukehren. Da er die sichere Aussicht auf einen guten Schuldienst in der Stadt hatte, so suchte er sich der Tochter des Hauses wiederum mit allerlei Gespräch zu nähern, wobei er allmählich ein ganz munteres und zuversichtliches Wesen angenommen hatte. Als Wulf Fedders einmal darüber zukam, war ihm im ersten Augenblicke, als ob ein Dorftölpel in seinen Blumengarten steigen wolle, und schon saß ein überlegenes Wort gegen den jungen Menschen auf seinen Lippen. Aber er besann sich; was kümmerte es ihn? Er wollte ja kein Recht an dieser Blume haben. Er ging fort, und. Kätti sah ihm mit großen Augen nach, während die Reden des Schulmeisters wie leeres Wellengeräufch an ihrem Ohr vorübergingen. Im übrigen wollte der Sonnenschein, der draußen fortdauernd vom Himmel auf die Erde glänzte, in der „Wald- und Wasserfreude" nicht zur Geltung kommen. Der Doktor zeigte sich nur- selten oben in der Wirtschaft; wenn er nicht an seiner Arbeit saß, so lief er allein durch Wald und Feld, oder er war drüben in der Stadt, oft mehrere Tage nacheinander. Herr Zippel fuhr sich mehr als jemals unwirsch durch die Haare; denn von seinen Badarbeitern war ihm die Hälste fortgelaufen, sei es, daß Herrn Zippels Anweisungen ihnen unausführbar geschienen, sei es, daß, wie hie und da gemunkelt wurde, der Lohn nicht prompt genug gefallen war. Noch unwirscher wurde er, wenn er die Tochter ansah: „Seit du vor lauter Eigensinn nicht mehr hast fingen wollen, kommen immer weniger Gäste aus der Stadt; was soll denn daraus werden?" — Es zuckt« schmerzlich durch das junge Gesicht; aber sie wußte nichts darauf zu sagen. Dennoch waren wieder eines Tages Gäste angesagt. Kätti hatte, wie bestellt, den Kafseetisch in der Veranda hergerichtet; vom Elockenturme schlug es drei, die junge Gesellschaft, welche für diesen Sommer sich zu- fammengefunden hatte, mußte bald erscheinen. Noch einmal übersah Kätti mit Sorgsamkeit ihr Werk; denn die Bedienung selbst hatte sie der dicken Köchin überwiesen, die eben dabei war, sich in ihren Sonntagsstaat zu werfen. Trotz ihres Baters Mahnung, sie vermochte es nicht, auch nur zur Aufwartung zwischen diesen Gästen einherzugehen. Auf ein Geräusch horchte sie hinaus, ob nicht das Rollen der ankommenden Wagen schon vernehmbar sei; aber es war nur der wohlbekannte, ungleiche Schritt des kleinen Musikanten, was jetzt von der Anfahrt den Gartenfteig entlang kam. Und bald erschien auch Sträkelstrakels dürftige Gestalt auf den Stufen der Veranda; obwohl eine auffallend milde Sonne heut nm Himmel stand, trocknete er sich doch mit (einem tarierten Schnupftuch die hellen Perlen von der Stirn. (Schluß folgt.) Verantwortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Univerf itats» Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.