GiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <952 Freitag, den Juli Nummer 50 Alte Liebe. Von Frank Wedekind. Ich hab' dich lieb, kannst du es denn ermessen. Verstehn das Wort, so traut und süß? Es schließet in sich eine Welt von Wonne, Es birgt in sich ein ganzes Paradies. Ich hab' dich lieb, so tönt es mir entgegen. Wenn morgens ich zu neuem Sein erwacht; Und wenn am Abend tausend Sterne funkeln. Ich hab' dich lieb, so klingt die Nacht. Du bist mir fern, ich will darob nicht klagen, Dich hegen in des Herzens heil'gern Schrein. Kling fort, mein Lied! Jauchz auf, beglückte Seele! Ich hab' dich lieb, und nie wird's anders fein. Mainberger Erinnerungen. Von K o r f i z Holm. Korfiz Holm, der Dichter der meisterhaften Münchener Künstlerromane „Herz ist Trumpf", „Die Tochter", „Thomas Kerkhoven", veröffentlicht soeben im Verlag Albert Langen an dorn er seit über 30 Jahren leitend tätig ist, ein neues Buch, „i ch — kleingeschrieben, Heitere Erlebnisse eines Verlegers". (Preis gebd. 4 Mark.) Wir veröffentlichen eine Probe aus diesem amüsanten Werk, das gewiß viele Freunde finden wird. Wer hätte nicht von Schloß Elmau gehört, dem gastlichen Haus»am muß des Wettersteins, das Dr. Johannes Müller denen offen hält, die sich bei ihm in seelischen oder praktischen Lebenszweifeln Rats erholen wollen, und allen, die es freut, den Dunst verstaubter Konven- für ein paar Wochen unter sich im Tal zu lassen und einmal den Nächsten unbefangen zu genießen, ohne sich darum zu scheren, was er itn Leben draußen vorstellen und bedeuten mag! Den vielen, die sich dort Erfrischung holten, mag es nicht willkommen sein, von einem, oer dabei war, zu erfahren, wie es vor einem Merteljahrbundert un- Mlhr auf dem Schloß Main berg ausgesehen hat, der Keimzelle von schloß Elmau. Hier war es ja, wo Dr. Müller damit begann, seine Gedanken über eine neue, persönlichere Lebensformung, für die er früher “)on durch Vorträge und feine Vierteljahrsschrift „(Brüne Blätter" ein- Zetreten war, am lebenden Subjekte zu erproben. Nun ist es nicht verwunderlich, wenn sich gerade in den Anfängen eines solchen Unterneh- 'Tiens der Hang zeigt, das erstrebte „Neue" auch nach außen sichtbar iarzutun. Während man jetzt auf Schloß Elmau nicht anders angezogen kcht als überall, war bei den richtig zielbewußten „Mainbergern" jener :>eit einejürt Wandervogeltracht im Schwung. Wer etwas auf sich hielt, img in Sandalen ohne Strümpfe, die Männerwelt war auf den Schil- erkragen eingefchworen, die Damen, und zumal die jungen Helferinnen, »gen zeitweise „Gewänder" richtigen Kleidern nach der Mode vor. Im rahen Schweinfurt schüttelte die Bürgerschaft den Kopf ob dieser höchst ausfälligen Gestalten („mit nix an die Füß und ä Kränze! im Hoor") L_nb sah Schloß Mainberg allen Ernstes als so etwas wie ein Irrenhaus y nicht direkt gemeingefährliche Patienten an. Dies war gewiß eine Erkennung der Wirklichkeit, doch läßt stch's nicht bestreiten, daß es -nter den Gästen dort auch sonderbare Käuze gab, und mehr davon, als 'an gemeinhin sonst in Sommerfrischen kennenlernt. Dafür bekam ich 70n sehr bald nach meiner Ankunft auf Schloß Mainberg einen bün- • J9en Beweis. Ich hatte mich im Sommer 1896 von einer mir verwandten Johannes-Müller-Enthusiastin überreden lassen, für ein „paar ^erienwochen hinzugehen, obgleich ich vor den „neuen Menschen", die *rt Hausen sollten, eine leise Scheu empfand. Ich traf gerade recht zum ibcnbeffen ein, verhielt mich während dieser ersten Mahlzeit, bei der H Zwischen zwei gleichfalls nicht redseligen Damen faß, recht still und sch! nur meine Augen prüfend über die Tafelrunde gleiten, ohne daß sch die mitgebrachte Scheu merkbar vermindert hätte. Nach Tisch stan- ’a b'e ®bf(e gruppenweise lebhaft plaudernd auf dem Schloßhof herum, ich armer Neuling setzte mich mit dem Gefühl vollkommener Verlassen- -ü in einen Gartenstuhl zu Füßen eines riesigen Platanenbaums, zün- , *f1*r Zum Tröste eine Zigarette an und musterte den Hauptbau des ,3r Zeiten fürstbischöflichen Schlosses, dessen drei Giebel in der Abend- nne glühten. Das war Architektur nach meinem Sinn, doch trotzdem ''We ich mich fehl am Ort. Da knarrte neben mir ein anderer Stuhl, ich wendete den Kopf: zu meiner Rechten faß ein vierzigjähriger Herr und starrte mir so deutlich staunend ins Gesicht, als wäre ich ein Wundertier. Ich aber sand, daß eigentlich wohl ich mehr Grund zum Staunen hätte. Denn die Erscheinung und vor allem die Gewandung dieses Fremden war nicht alltäglich. Er hatte nichts am Leib als vorne offene Sandalen, eine wie ausgewachsen wirkende Hose aus gelblichem Zwilch, eine Netzjacke und darüber ein hellgraues, kurzes Schoßröckchen, das weit offen stand. Man war dem mächtigen Vollbart, den er trug, dankbar dafür, daß er ihn doch ein bißchen weniger unbekleidet wirken ließ. Dieser Mitmensch also wippte lebhaft mit den gewaltigen großen Zehen auf und nieder, drehte die Daumen und begann: „Sie sind zum erstenmal in Mainberg; nicht, Herr Holm?" „Ja," gab ich kurz zurück. „Da werden Sie sich an so manches erst gewöhnen müssen." „Kommt mir auch fast so vor." Ich gönnte ihm nur einen flüchtigen Seitenblick. „Sie sind, wie ich vernehme, Schriftsteller, Herr Holm?" „I—ja." „Was pflegen Sie denn so zu schreiben?" „Je nachdem, wie es sich trifft." „Was haben Sie denn beispielsweise jetzt zuletzt verfaßt?" „Einen Roman," warf ich gelangweilt hin. „Mit Müllerschen Ideen?" forschte er. „Weiß nicht. Ich kenne die Ideen Doktor Müllers nicht." „So? Also ohne Weltanschauung!" Und er schüttelte mitleidig seine braungebrannte Glatze. Nun muß ich diesen sonderbaren Herrn wohl zu belustigt angesehen haben, denn er verlor auf einmal feine schöne Unbefangenheit. Dies zu verbergen, stand er nun von [einem Stuhle auf, sah eine Weile zögernd in die Luft und sagte dann: „Ich will noch ins Licht-Luftbad. Gehn Sie mit, Herr Holm?" „Danke. Ich seh' so schon genug", lehnte ich höflich ab. 2er Mann entfernte sich und hat mich hinfort nur aus der Feme stumm gegrüßt. Das zweite Original, diesmal ein weibliches, erlebte ich am nächsten Mittag schon bei Tisch. Zu meiner Linken saß da eine ältere Dame von auffälliger Häßlichkeit, die dicke Gichtknoten an allen Fingern hatte, obgleich sie sich „vernunftgemäß" ernährte und, wie ich bald erfuhr, einem erbitterten Vegetarismus huldigte. Sie wies die Fleischbrühe, die es an diesem Tage gab, weit von sich und erteilte mir, als ich sie mit Behagen ah, den freundlich zarten Wink: „Nein, ich begreif' es nicht, wie einer diesen ekeln Leichensast genießen mag!" „Ich find' es immer schön," antwortete ich, „wenn einer sich so ausdrückt, daß man ganz genau weiß, was er meint." Sie musterte mich mißtrauisch und würdigte-mich einer Weile keines Blickes mehr. Erst als ich dann beim Braten war und sie ihre Kartoffeln zerdrückte und mit dem Spinat vermischte, fragte sie mich plötzlich, daß ich fast erschrak: „Sind Sie schon — wiedergeboren?" „Weiß nicht. Ich glaub' kaum. Ich habe nichts davon gemerkt. — Und Sie?" „Ich — ja!" „Dann würde ich mich noch einmal wenden lassen," riet ich ihr. Sie funkelte mich mit empörten Augen an, sorgte dafür, daß sie beim Abendessen nicht mehr meine Nachbarin war, und hat sich außerdem bei Doktor Müller über mich beschwert. Er aber gab ihr den Bescheid, wenn sie so wenig Spaß verstehe, sei sie für das persönliche Leben noch nicht reif. Was ich bisher von den Mainberger „Gästen" sagte, könnte aber leicht die falsche Ansicht wecken, es wären dort vor allem Leute hingekommen, deren einziger Metz in unfreiwilliger Komik lag. Auch dafür, daß dies ganz und gar nicht zutrifft, bekam ich noch am ersten Abend den Beweis. Der luftdurchlässige angezogene Herr, der mich so gründlich ins Gebet nahm, war offenbar schon andern Neulingen mit seiner Wißbegier störend auf den Leib gerückt. Aus einer Gruppe, die in unserer Nähe stand, streifte mich, während ich seine Ansprache über mich ergehen ließ, manchmal ein Blick, in dem sich Anteilnahme mit Belustigung zu paaren schien. Kaum hatte sich der Sonderling daoongemacht, da löste sich aus diesem Kreise eine junge Frau und schlenderte zu mir herüber. Ich erhob mich, wie es sich gehört, war aber etwas bang, was diese Fremde wieder über meine privaten Angelegenheiten würde wissen wollen. In der Tat: sie fragte mich sogleich: „Sie sind wohl fein Antialkoholist?" „Nein," konnte ich erwidern, „mir genügt’s wenn meine Zigarette alkoholfrei und was ich trinke, nikotinfrei ist." „So?" nickte sie befriedigt. „Hätten Sie dann Lust, sich zu uns zu einer kleinen Bowle auf der Mainterrafse anzuschließen? Ein Herr, der morgen abreist, stiftet sie. Es werden lauter nette Leute sein. Vielleicht kommt Doktor Müller auch. Dann sind Sie hier gleich eingewöhnt. Denn das fällt vielen anfangs etwas schwer." Nun, das war eine liebenswürdige Art, einem die Mainberger Honneurs zu machen. So sagte ich denn zu und habe es auch nicht bereut. Es wurde ein vergnügter Abend ohne jede Seelenbohrerei; und als wir auseinandergingen, hatte ich ein Dutzend neue, sehr sympathische Bekannte, von denen mir so mancher später noch in Freundschaft näher trat. Oie Ehrfurchi vor dem Leben. 3d)9freue mich über die neuen Schlafkrankheitsmittel, die mir ertauben, Letzen zu erhalten, wo ich früher qualvollem Siechtum Zusehen machte. Jedesmal aber, wenn ich unter dem Mikroskop die Errege, der 'schlas krankheit vor mir habe, kann ich doch nicht anders, als mir Gedanken darüber machen, daß ich dieses Leben vernichten muh, um anderes zu Sä)”taufe Eingeborenen einen jungen Fischadler ab, den sie auf der Sandbank gefangen haben, um ihn aus ihren grausamen chanden zu erretten. Nun aber habe ich zu entscheiden, ob ich ihn verhungern lasse oder ob ich täglich soundso viele Fischlein töte, um ihn am Leben zu erhalten. 3d) entschließe mich für das letztere. Aber leben Jag «mpii'1"^ als etwas Schweres, daß auf meine Verantwortung hm dieses Leben dem Qnt>mit 9der ^gesamten Kreatur unter dem Gesetz der Selbstentzweiung des Willens zum Letzen stehend, kommt der Mensch fort und iort in die . Lage, sein eigenes Leben wie auch Letzen überhaupt nur auf Kosten von anderem Letzen erhalten zu können. 3ft er von der Ethik der Ehr,urch vor dem Leben berührt, so schädigt und vernichtet er Leben nur aus Notwendigkeit, der er nicht entrinnen kann, niemals aus Gedankenlosigkeit Wo er ein Freier ist, sucht er nach Gelegenheit, die Seligkeit zu kosten, Leben beistehen zu können und Leid und Vernichtung von ihm abzuwenden universale Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben das so vielfach als Sentimentalität hingestellte Mitleid mit dem Tiere als etwas dem sich kein denkender Mensch entziehen könne, erweist, bereitet mir, 6er id) von 3ugenb auf der Tierschutzbewegung zugetan war eine besondere Freude. Die bisherige Ethik stand dem Problem Mensch und Tier en - weder verständnislos ober ratlos gegenüber. Auch wenn sie das Mitleid mit der Kreatur als richtig empfand, konnte sie es nicht unterbringen, weil sie ja eigentlich nur auf das Verhalten des Menschen zum Mensd)en eingestellt war. tUn^mra®efotge dieser Unterscheidung kommt dann die Ansicht auf, daß cs wertloses Leben gäbe, dessen Schädigung und Vernichtung nichts auf sich habe. Unter wertlosem Leben werden bann, >e nach den Umstanden, Arten von 3nsekten ober primitive Völker verstanden. Dem wahrhaft ethischen Menschen 'st«Ue- Leben heilig auch bas, das uns vom Menschenstanbpunkt aus als tieferstehend vorkommt. Unterschiede macht er nur von Fall zu Fall und unter dem Zwange der Notwendigkeit, wenn er nämlich in die Lage kommt, entscheiden zu müssen, welches Leben er zur Erhaltung des anderen zu op ern hat Bei diesem Entscheiden von Fall zu Fall ist er sich bewußt, fubietttö unb willkürlich zu verfahren unb die Verantwortung für bas geopferte Le e SBann wird es dahin kommen, daß die öffentliche Meinung keine Volksbelustigungen mehr duldet, die in Mißhandlung von X’e^Jl fae^|efenJ n 6cm Denken entstehende Ethik ist also nicht „verstandesgemäß , sonLn tarattana und enthuftastrsch. Sie steckt keinen tlufj abgegebenen Kreis von Pflichten ab sondern legt dem Mensthen die Verantwortung Falles 2ebÄo in seinem Bereich ist, auf und zwingt ihn, sich ihm helfend hinzugeben. * 3n meinem eigenen Dasein sind mir Sorge, Not und Traurigkeit zuzeiten ta reichlich beschieden gekfen, daß ich mit weniger starken Nerven darunter zusammengebrochen wäre. Schwerer trage ich an der Last von Müdigkeit und Verantwortung, bie. seit Fahren staubig auf mir liegt. Von meinem Leben habe ich nicht viel für mich selbst, nicht einma die Stunden, die ich Frau und Kind widmen mochte. „ r 2t(s Gutes ist mir zuteil geworden, daß ich im Dienste der Barmher- zigkeii stehen darf, daß mein Wirken Erfolg hat, daß ich viel Liebe und Güte von Menschen erfahre, daß ich treue Helfer habe, die mein Tun ku dei^ Ihren machen daß ich über eine Gesundheit verfuge, die nur angestrengtestes Arbeiten erlaubt, daß ich eine sich stets E Gleichgewicht hallende Gemütsart und eine mit Ruhe unb Ueberlegung st^ söbr '9auck Energie besitze und daß ich alles, was mir an Gluck widerfahrt auch als solches erkenne unb als etwas hinnehrne, für das ich Dankbarkeits Ich... M W ** M >« W drückende Unfreiheit bas Los so vieler ist, wirken darf, wie auch, daß ich, I in materieller Arbeit stehend zugleich die Möglichkeit habe, mich auf dem Gebiete des Geistigen zu betätigen. . ...... Daß die Verhältnisse meines Letzens in so mannigfacher lWeilegunstige Vorbedingungen für mein Schaffen abgeben, nehme ich als etro h , ich -v —. Nk I nOlmrirn’8fiaar9b/ginnl su ergrauen. Mein Körper längt an, die Sira. I nmen hie ich ihm äu mutete, uni) die 3af)te (iger die Schnmnenblume rosenrot blüht, ber Froschlöffel J'ne reizenbe Blumenrispe erhebt, ber noch belebt ist vom bunten Wassergeflügel, 'N dem die Rohrdommel ihren dumpfen Ruf erschallen laßt, der muntere Chor der heiser lachenden Frösche nicht verstummen will, und oon dem bas eintönige unb boch süß melodische Liebchen ber Unten wie ein z ternbes Gesinge über bas Land läuft. An solchem Ort lassen sich hunberterlei Naturbeobachtungen anstelle , in dem überreichen Sieben, bas von bem geheimnisvollen Schoß « warmen Wässer ernährt wird, eröffnen sich dem Kundigen zahllos Wunder der Natur", und noch ist bei weitem nicht alles erforscht vo diesen vielverschlungenen und merkwürdigen Zusammenhängen, bei“, zwischen ben einzelnen Lebewesen des Sumpfes bin unb wieder fpmnen Ein Lebensbild möge hier für viele sprechen unb jene, die es anrti auch dazu aneifern, baß sie in ihrem Wirkungskreis beitragen M bauernden Schonung und Erhaltung biefes ober jenes Fleckchens b [d)en Sumpfbodens, auf dem noch ber Froschbiß blüht. Hvdrocharis morsus ranae, die vom Frosch angebissene nannten schon bie alten Botaniker bas reizende Gewächs das W » verkleinerte Ausgabe der Wasserrose aus den ftillen 2&et)ern s ) unb seine herzförmigen, snschgrunen Blatter oft so üppig un ) nebeneinanberbrängt, baß ber ganze Wasierspiegel ungedeckt. wirb. J selten kommt der Froschbiß zur Fruchtbildung und me allei berat g Gewächse beugt er ber dadurch brohenben Gefahr bes Ausstertzens umso üppigere vegetative Vermehrung vor. Er senbet nach'allen .n r tungen lange Ausläufer in bas Wasser, bie an knotigen DeMckungen neue Blätter unb eine ganz neue Pflanze aus sich st^vorgek^n last Niemals wurzeln biefe Kolonien aber un Schlanimboben, w°yl strca sie zahlreiche dicht behaarte Wurzeln in das Wasser aber b.ese b I r ken sich barauf, die Nährstoffe «us dem Wasser aufzunehmen. o ^h wir im Wasser dasselbe Bilb verwirklicht, das uns bie Moose im Von Albert Schweitzer. Albert Schweitzer, ber große Mensch.uudHelfer, ber als Urwaldarzt im buntlen Erbteil so vorbilblich wirkt, 'ber berühmte Gelehrte unb Bach-Kenner, Künstler unb Drgelipieler, gibt seine „Selbstbarstellung" bei Felix Meiner m Leipzig in erweiterter Form unter dem Titel „21 us m et n e m Sieben u n b S e n t e n" heraus. In bem „Epilog dieses Werkes I legt er ein Bekenntnis seiner Weltanschauung ab, aus dem wir bie Grundgedanken miebergeben. Die Ehrfurcht vor dem Leben enthält sich in Resignät'ion, Welt- und Lebensbejahung unb Ethik, bie brei ©runbeletnente einer Weltanschau ung als untereinanber zusammenhängende Ergebnisse des Denlens ^Bisher gab es Weltanschauungen ber Resignation, Weltanschauungen 6er Welt- unb Lebensbejahung unb Weltanschauungen, die dem Ethischen xu genügen suchten. Keine aber vermochte bie brei Elemente miteinander I äu vereinigen. Möglich wird bies erst baraushin, baß alle drei ihrem I Wesen nach aus der Allgemeinüberzeugung der Ehrfurcht vor dem Leben begriffen" und als miteinander in ihr enthalten erkannt merben. JW gnation und Welt- unb Lebenstzejahung fuhren kein Eigenbasem neben ber Ethik, sondern sind ihre unteren Oktaven. I Aus sachlichem Denken entstanden, ist die Ethik der Ehrfurcht. vor dem Leben sachlich und bringt ben Menschen m sachliche unb stetige S °»-'u-ch. etwas zu Allgemeines unb zu Unlebenbiges sei, um Jen Inhalt einer lebenbigen Ethik ausmachen zu können. Das Denken hat stch aber nicht darum zu kümmern, ob seine Ausbrücke lebenbig genug tauten, sondern nu7darum Ä sie zutreffen und Leben in sich Haden. Wer unter ben Einfluß ber Ethik ber Ehrfurcht vor bem Leben gerat, wirb durch das was sie von ihm verlangt, alsbald zu spüren bekommen welches Feuer in dem unlebendigen Ausdruck glüht. Die EhÄk der Ehrfurcht. vor dem Leben ist die ins Universelle erweiterte Ethik der Liebe. Sie ist bie als hentnotmenbiq erkannte Ethik Öcju. o , Beanstanbet wird an ihr auch, baß sie dem natürlichen Leben einen zu großen Wert beilege. Darauf kann sie erwidern, daß es der Feyter aller bisherigen Ethik war, nicht das Leben als solches Jen geheimnisvollen Wert erkannt zu haben, mit dem sie es zu tun hat. Alles ge'st'ge Leben tritt uns in natürlichem entgegen. Die Ehrfurcht vor dem Leben gilt also dem natürlichen und geistigen Leben miteinander. Der Mann im Gleichnis Jesu rettet nicht bie Seele des verlorenen Schafes, sondern das ganze Schaf. Mit der Stärke ber Ehrfurcht vor dem natürlichen Leben wächst die vor dem geistigen. rck-n.rrM nnr Besonders befremdlich findet man an der Ethik der Ehrsurcht vor dem Leben, baß sie ben Unterschieb zwischen höherem und "Öderem, wertvollerem unb weniger wertvollerem Letzen nicht geltend mache. Sie hat ihre Grünbe, bies zu unterlassen. Das Unternehmen, allgemeingültige Wertunterschiebe zwischen den Lebewesen zu statuieren, läuft darauf hinaus, sie danach zu beurteilen, ob sie uns Menschen nach unferm Empfinden naher oder ferner zu stehen scheinen was ein ganz subjektiver Maßstab ist Wer von uns weist was das andere Lebewesen an sich und in dem Weltganzen für eine Bedeu- und die Gräser der Wiese gewähren. Auch für sie Ist die Vermehrung durch Ausläufer kennzeichnend, und daß die Grasnarbe und der Moos- iepp.ch so geschlossen und dicht ist, verdanken sie nur dieser vegatativen Vermehrung. Reizende Idyllen Hausen unter dem dichten Schirm des Froschbißrasens, dessen Ueppigkeit auch sein griechischer Gattungsname Hydrocharis andeuten soll, da er in seiner ersten Anwendung, nämlich in dem sog. homerischen „Froschmäusekrieg" scherzhaft für einen Frosch gebraucht wird als einen, der sich am Wasser freut. Wo durch die Lücken des Blätterdaches die Sonnenstrahlen das braungrüne Wasser goldig ausleuchten lassen, spielt im dichten Gewirr der Wurzeln und Ausläufer eine Menge der seltsamsten Tierchen, die da Unterschlupf und Nahrung finden. Hüpferlinge durcheilen in großen Sprüngen die freien Zwischenräume, die bedächtigen Strudelwürmer ziehen ihre Bahn, rastlos und zitternd schlagen die rosenroten Daphnien mit ihren winzigen Aermchen, um sich vor dem Untersinken zu bewahren. Miickenlaroen und Würmer schlängeln sich drollig, die lange Kette einer Moostierchenkolonie schiebt sich an einem Blatt langsam hin, und kleine Tellerschnecken weiden heimlich an der Unterseite und raspeln die halbkreisförmigen Kerben mit ihrer rauhen Zunge aus, die das Volk wohl als Froßbifse deutete. Und wenn dann noch im Sommer sich über diesen belebten „Urwald" die schönen weihen Blüten schaukeln, ist sein Bild von vollendeter Anmut — freilich nur für den, der es mit einem rechten Naturfreundherzen in sich aufzunehmen weiß. Wenn aber kühle Nächte den kleinen Freunden des Froschbisses das Vadewasser merklich frischer beeilen, der Nebel hartnäckig jeden Morgen über den Wassern liegt, dann geht auch unter unserer Pflanze eine eigentümliche Wandlung vor sich, derentwillen wir sie hier aus der Schar ihrer Genossen hervorgehoben Haban. Die Ausläuferbildung erlahmt — an den letzten bildet sich eine Brut- knospe, und mit ihr sucht der Ausläufer den Boden auf. Die Brutknospe löst sich ab und sinkt zu Boden. Dort kann sie den Winter verbringen; denn nur selten friert der Weiher bis zum Grund: gewöhnlich sinkt die Temperatur des tieferen Wassers nicht unter 4 Grad C, auch wenn eine dicke Eisschicht oben alles Leben und damit das Dickicht der Froschbihblätter tötet. Im schlammigen Grund« eines solchen Weihers ruht winters über viel Leben wohl verborgen; denn nicht nur der Froschbiß, sondern auch manch andere Wasserplanze erzeugt derartige Hiber- nakeln, und die Tiere, die zu solchem nicht befähigt sind, haben gewöhnlich besondere hartschalige Wintereier hervorgebracht oder sich als Ganzes gleich den Infusorien eingekapselt, um des Winters Unbill ertragen zu können. .. . Erst wenn der März mit dröhnendem Südwind das Eis bncht und milde, erwartungsfrohe Tage in der „Oberwelt" die Knospen wecken, werden auch die Hibernakeln wach. Sie beginnen zu assimilieren, scheiden dadurch Sauerstoff aus, der sich in kleinen Gasblasen zwischen ihren häutigen Hüllen festsetzt, aber auch als Auftriebskraft wirkt, um das Knöspchen an die Wasseroberfläche zu tragen. Dort angelangt, lockern sich alsbald die Knospenschuppen; das Wachstum fetzt ein, und ein zierliches Blättchen nach dem andern entkriecht seiner Hülle. Binnen zwei Wochen ist ein neues Pflänzchen herangewachsen, das alsbald auch seine richtige Lage im Wasser findet, seine Würzelchen hinabstreckt, die Blätter ausbreitet, neue Ausläufer treibt und sich so rasch vermehrt, daß bis zum Vollfrühling schon von neuem der Weiher mit frischem Grün jugendkräftiger Blättchen überzogen ist. Die Kinder der wenosien des vorigen Sommers find inzwischen auch erwacht, und das alte Bild des reichsten Lebens ersteht aufs neue. Mit Hilfe der Hibernokel lebt so der Froschbiß auch ohne Frucht und Samen in die Jahrhunderte, eigentlich immer als die gleiche Generation, die sich bald aus wenige Knospen reduziert, bald aufs neue zu einem teichumspannenden, vielköpfigen Individiuum durch ihre Ausläufer sich ausbreitet, gleichsam ein Symbol dessen, daß die Natur nie und nirgends altert, sondern alt und iung zugleich, in einer, dem kurzlebigen Menschengeschlecht unausdenkbaren ewigen Gleichmäßigkeit Leben weckt und Leben tötet zu ihrem unerforjch- lichen Endzweck. Go lebten die Körner am Rhein ... Von Dr. Friedrich v. O p p e l n - B r o n i k o w s k i. Nach einer abenteuerlichen Vorgeschichte konnten jetzt di« sog. „Neumagener Denkmäler", die zu den wichtigsten kulturhistorischen Funden auf deutscher Erde gehören geordnet und zusammengesetzt werden. Aus Trümmern erstand s wunderbar lebendiges Bild aus deutscher Vergangenheit am Im vorigen" Jahrhundert wurden in den Mauern eines Kchtells Konstantins des Großen in Neumagen bte Irummer romi[d)er . mäler entdeckt. Sie waren dort als Werkstücke verbaut worden als d,e römische Nheinfront unter dem Ansturm der Germanen krachte und man in der Not jener Zeit zu jedem Baumaterial griff, das zurHand war. Sie fanden im Trierer Museum eine allzu summarische Ausstellung und wurden im Weltkrieg von den Franzosen durch ^n« Fliegerbombe in ein Chaos von Steintrümmern verwandelt, das dann Hals über Kops nach Kassel in Sicherheit gebracht und nach dem Kriege nach Tier zu- ruckgeschafst wurde, wo damals das französische Befatzungselend herrschte. Ihr Wiederaufbau war also in jeder Hinsicht sehr erschwert. Trotzdem ist er, wie sich jetzt nach seiner Vollendung beurteilen laßt glänzend gelungen. Er hat die Bedeutung einer Neuentdeckung und wirkt fast wie ein« Neuausgrabung. Er «eht nicht nur die Fachwisse ^ schäft an, sondern überhaupt jeden Deutschen, der S>nn für die heimliche Vergangenheit hat. Als zusammengehörig erkannte Bruchstucke uglen sich 3um Aufbau ganzer Denkmäler zusammen; aus ander n konMe deren Rekonstruktion gewonnen werden. Ein »anzer Typen chatz von ©rabmätern, Altären, Architekturstucken und plastischen Kunstwerken knm zusammen. Um ein Beispiel zu nennen, fugten ^^tn unb Nachbildungen von Moselschiffen mit hohen "°rd,schen Schnäbeln und höchst charaktervollen Schifferfiguren zu der Nochbildung au g turmter strohumflochtener Weinkrüge als Bekrönung eines Den.mals zusammen, das einem Weingroßhändler gefetzt worden ist. Kunstgefchichtlich befon» ders wichtig waren die starken Reste von Bemalung auf verschiedenen Denkmälern, die auch in den Bildtafeln zur Anschauung kommen, so daß man sich darauf einen Begriff von der Buntfarbigkeit antiker Denkmäler machen kann. Bekanntlich ist di« Bemalung der meisten Denkmäler längst verwittert und verschwunden, so daß die Museen wie Sammlungen von Gespenstern aussehen. Man fand das sogar schön, schwärmte von der „weißen Marmorpracht" der antiken Tempel und Kunstwerke, folgte auch in der modernen Skulptur diesem vermeintlichen antiken Vorbild. Die Neumagener Grabmäler tragen nun dazu bei, «ine falsche kunstgeschichtliche Auffassung zu berichtigen und uns antike Kunstwerke richtig sehen zu lernen. Doch sie bieten noch weit mehr. Sie sind ein richtiger kulturgeschichtlicher Bilderatlas für das Leben am Rhein und an der Mosel zur Römerzeit. Alle Lebensgebiete kommen auf ihnen zur Darstellung. Wir sehen da's Treiben auf den Landstraßen, an deren Rändern sie standen, die Reiter, die auf ihnen dahingaloppieren, di« Lastwagen mit Weinfässern, die auf ihnen rumpeln, mit zwei Maultieren und einem Pfert nach Art einer russischen Troika bespannt, sehen auf den Flüssen die mit Weinfässern befrachteten Schisse mit den Reihen ihrer Ruderknechte und ihrem Steuermann, der um gute Fahrt betet oder sein Ohr weinselig und ahnungsvoll an den glucksenden Bauch eines Fasses drückt. Wir sehen «inen römischen Gutsherrn zu Pferde, von der Jagd heimkehren, in der Rechten seine Jagdbeute, einen Hasen, triumphierend hochhaltend, gegenüber die Gattin am Putztisch, auf einem einheimischen Korbstuhl sitzend, von ihren Mägden umringt, die ihr einen Silberspiegel vorhalten, ihr das modeblond gefärbte Haar frisieren oder eine Parfümflasche reichen, oder einen Stutzer, dem zwei Mädchen den gleichen Dienst erweisen, sehen die römische Herrschaft beim Mahl, di Herren auf antiken Speisebetten ruhend, di« Damen auf einheimischen Stühlen sitzend, davor das reichbesetzte Büfett, den Kredenztcsch und ein Blick in die herrschaftliche Küche. Wir sehen eine schon berühmt gewordene humorvolle Schulszene in einem vornehmen Hause, sehen beckenschlagende Tänzerinnen und Zirkusszenen, und neben diesem vornehmen Müßiggang das harte Leben des Alltags, eine Tuchprobe im Laden, die Tributzahlungen der einheimischen Bauern in ihren Kapuzenmänteln, aus denen später die nordische Mönchskutte geworden ist, den Geld einscheffelnden Kassier, den Buchhalter, der über sein Hauptbuch gebückt sitzt, die traurige Miene eines Fronbauern, dem ein falsches Geldstück zurückgewiesen wird, eine Mahlzeit in der Werkstatt des armen Handwerkers, tausend Züge des täglichen Lebens, oft humorvoll und mit feiner Charakteristik erfaßt. Und dazu Ornamente, die diese Szenen umrahmen und die Seiten- und Rückenflächen der Grabmäler überspinnen, Rankenwerk und Weinreben, Greifen und Meerwesen und pinienartig geschuppte Bekrönungen. Damit kommen wir zur Stilfrage, die vielleicht das wichtigste ist, denn hier zeigt sich eine römische Provinzialkunst in Deutschland, die sich von der Kunstübung anderer Provinzen stark unterscheidet und das Eindringen nordischen Kunstgefühls in zunehmendem Maße verrät. Anfangs leben die Grabmäler wie die einzelnen Figuren noch vom antiken Typenschatz, aber die ersteren werden immer höher, turmartiger, nehmen schließlich säst gotische Formen an, und manche Figuren würde man, aus ihrer Umgebung herausgelöst, für Vorwegnahmen mittelalterlicher Kunst, ja des niederdeutschen Barocks halten. So kommt hier das nordische Kunstwollen in antiker Formensprache zum Durchbruch, und die Neumagener Denkmäler weisen über die Antike hinaus in eine kommende Welt. m r± Daß das wichtige Werk der Neuordnung der Neumagener Kunst- bentmäter so gut gelang, ist vor allem das Verdienst Dr. Wilhelms v Masfow, der zu diesem Zweck von den Berliner Museen dem Direktor der Trierer Provinzialmuseums, Professor Dr.Emil Krüger, zur Ber- fügung gestellt wurde. Paradies. Novelle von Ina Seidel. (Fortsetzung.) Geranien und Hängenelken quollen leuchtend aus kleinen Fenstern und über die Geländer brauner, hölzerner Altane. In den Gärten blühte der Sommer flammend, die Johannisbeeren kochten im Sonnenglast. Bunte gläserne Kugeln funkelten daneben, und hier stand eine kleine Madonna aus Majolika, weiß und blau, unter einem Strauch großer, hellroter Rosen auf einem Tuffsteinhügel. Die Kinder sahen das alles kaum die Luft war so betäubend, es roch durchdringend nach den Ställen und schwer nach heißem Staub und Holunder, der sich mit seinen bleichen Blütentellern überall aus dem dunklen Grün hob. Lusche seufzte ein wenig, als sie unter so einem Strauch hingingen, — ach, dieser Geruch machte müde, und es lief ihr sonderbar prickelnd über die Haut. , _ . _ , „Alois Bodemann!" sagte sie flehend bei einer Wegbiegung, und Paul sah sie gönnerhaft an. Meinetwegen!" sagte er. „Was willst du denn da?" Lusche preßte das Geldstück in ihrer Tasche, daß es ganz heiß und feucht wurde. „Wenn ich noch fünf Pfennig hätte", sagte sie tief aufatmend, „konnte ich mir eine Angel kaufen." , So, so." Paul war geschmeichelt von dem Vertrauen auf seine Großmut' Er zog sein Geldtäschchen und blickte angelegentlich hinein. „Na, was würdest du sagen", meinte er leichthin, „wenn ich dir alles Kupfer'schenkte, was ich im Portemonnaie habe?" Lusche hopfte ein wenig und sah ihn strahlend an. Sie empfing elf einzelne Pfennige und blieb beseligt vor Alois Bode- manns Fenster stehen. Da waren sie, die entzückenden Angelschnüre, fertig ausgerüstet mit Bleikügelchen und dem Haken an seinem feinen, straffen Pferdehaar, das im Wasser unsichtbar wurde, und vor allem mit dem 0Da(en wundervoll bunt lackierten Kork um die Federpose herum, durch die die' Schnur lief. Das Ganze war sauber und verlockend um ein Stück breites geteiltes Rohr gewickelt, das oben und unten eingekerbt war, und dies Stückchen Rohr würde Lusche am Ende der Ferien mit nach Berlin Nehmen zum Andenken, — das war es dann, was vom Sommer übrigblieb! Äber jetzt war ja noch alles Gegenwart, und — einunddreihig Pfennig! überschlug Lusche schnell, da kauf ich noch einen Reseroehaken und für fünf Pfennig Pralines für Paul und mich. Beim Eintreten schnüffelte sie unbewußt voller Befriedigung, — himmlisch unveränderlich roch es bei Alois Bodemann durch alle Ewigkeiten der Kindheit nach Speisekammer und Badeanstalt! Alois Bodemann war eine dicke Frau und handelte mit „Spezereien und Schnittwaren , aber auch mit Badehosen und Schwimmgürteln, mit Babak und Lakritzen, mit Ansichtskarten, Blumenvasen und Hosenträgern, kurz, mit allem, worauf die wählerische Phantasie der Sommergäste nur verfallen konnte. Und während Lufche auf die zierliche Verpackung ihrer Einkäufe wartete, vernahm sie mit Ehrfurcht, wie Paul nachlässig sagte: „Ach, geben Sre mir mal fünf Zigaretten, Marke ,Carmen', — ja, eine steck' ich mir gleich an." „Danke, — ich rauche!" lehnte Paul ab, als Lufche ihm vor der Tür das Tütchen hinhielt. „Na, aber!" sagte sie verwundert. „Nein, Lusche!" Paul sah das Tütchen an, aber er schüttelte den Kopf. „Es verträgt sich nicht, Lusche." „Komisch!" Lusche bediente sich selbst, biß ein Praline durch und betrachtete zärtlich die rosa Füllung. „Du, Paul, war das vorhin eigentlich Rudi?" „Ja," war die einsilbig« Antwort. Die Mittagsglocke schlug an und läutete eine Well« mit dünnem, zitterndem Getön über die Dächer hin. Eintöniges Gemurmel drang aus den Häusern, hob und senkte sich rhythmisch und verhallte. Lusche lauschte mit einer Art frommer Neugier: Die Leut« beteten ihren Rosenkranz. — „Seid ihr denn nicht mehr befreundet?" fragte sie nach einer Weile beiläufig. Paul schlug mit dem Spazierstock durch die Lust. „Man verändert sich dock," sagte er, „mit der Zeit, und — na, der Lechner ist das reine Kind. „So, — ach! Komisch!" „Warum sagst du immer .komisch'?" Paul warf unwillig seine Zigarette weg, die erst halb ausgeraucht war. „Gib mir lieber noch ein Praline!" Sie bogen endlich in den Seeweg ein und kamen aus dem Bereich des Dorfes, denn das großelterliche Besitztum lag aus einer Landzunge, eine Viertelstunde weit draußen. Man sah neben den hohen Pappeln das Türmchen des Hauses di« Bäum« des Parkes überragen, und dort hob sich das lange, braune Schindeldach des Stalles über die grüne Lebens- baumhecke. Aus der Heckenpforte aber kam ihnen Regina entgegen, die Cousine Regina, einen kirschroten Sonnenschirm geschultert, gegen den ihr dunkler Kopf mit den braunen, lachenden Augen sich lebendig abhob. „Wohin bei der Hitze?" fragte Paul. Sie schwenkte einen Brief in der Hand. „Kann ich dir doch besorgen!" rief er, aber sie lachte nur und lief weiter. „Paul, Paul, zuckersüßer Paul, frisch geschabt ums Maul!" sang sie zurück. „Armes Paulchen, wer hat dich so blutig gekratzt?" Paul wandte sich empört ab. „Wie die sich vorkommt," sagt« er entrüstet, „und ist nur zwei Jahre älter als ich!" „Laß sie!" stimmte Luiche eifrig bei, „ich mag sie auch nicht. Weißt du noch, voriges Jahr..." Aber Paul war nicht geneigt, einer Meinung mit Lusche zu fein. „Na, Samstag kommt Tante Katharina," sagte er abschließend, „von der könnt ihr beide lernen!" * „Dvücken S' Jhna naus mit Öie Kinder, Herr Paul!" sagte Roller der Gärtner, nachdrücklich und gab Paul, der neben dem Wagen hergehen sollte, di« Zügel des Ziegenbockgespanns in die Hand. „Die Hühner kommen ja nie herein vom Obernlandstrich bei dem Geschrei da herinnen!" Die Ziegenböcke zogen an, — das heißt, Bello zog an und Blanko blieb mit einem leidenschaftlich gemeckerten Einspruch stehen, so daß es einen Ruck gab und Ulli und Lies im Wagen mit den Köpfen zusammen- stießen. Doch dann setzte sich auch Blanko in Bewegung, und das Gefährt schnurrte mit Getrappel über den schwarzweihen Kies und durch das Gittertor zwischen den beiden jungen Lindenbäumen auf den Seeweg hinaus. Die Kleinen schrien noch einmal begeistert drinnen im Stall brüllte melancholisch Hathor, die Kuh, und Horus, das Kalb, blökte ohne Sinn und Beistand. Der Gärtnerbursche Emil folgte mit dem grünen Leiterwagen für das Gepäck, vor den der böse schwarze Bock Moritz gespannt war, und drüben im Obernlandstrich stand verkrümmt und gebückt Baulin«, Rollers Frau, mit einer Hand die blaue Schürze raffend und immer bereit, sich die armen roten Augen zu wischen. Jetzt nickt« sie den Kindern freundlich und sorgenvoll zu, und dann fing sie an, mit hoher Stimme die Hühner zu locken: „Gomm, gomm, gomm!" — Bauline war aus Sachsen. — Lusche hatte den Ausbruch auf der Bank unter dem alten Kastanienbaum abgewartet und mit einigermaßen mürrischer Teilnahme die Tauben beobachtet, die hier unter dem Oftgiebel des Stalles ihren Schlag hatten und aufgeregt gurrend auf dem schmalen Brettchen davor auf und ab liefen oder auf dem ausgewachsenen, steinigen Boden unter der Regenrinne nach versprengten Haferkörnern suchten. Jetzt setzte sie sich auch in Bewegung und trottete hinterdrein, indem sie mit leisem Neid feststellte, daß eben ihr neunjähriger Bruder Fritz die Zügel in die Hand bekam. Er saß auf dem Bock des Korbwagens, die dicke Jte neben sich, und natürlich, nun zog er den Böcken gleich eins über, und sie setzten sich in Trab, daß die gute Anna, die ihre Hand schützend über die Kleinsten hielt, kaum Schritt halten konnte. „Gott, wie süß!" klang es aus einer Grupp« von Spaziergängern, die ausweichen mußten, — ach ja, Lusche erinnerte sich, daß sie auch einmal, und zwar ganz allein, rosig und weißgekleidet in dem Wagen gethront hatte, während Paul auf dem Bock saß. Nun war sie ja auch weißgekleidet und sehr schön gekämmt, aber wann sagte doch jemand „Gott, wie süß!" bei ihrem Anblick oder tätschelte sie mit dem Ausruf: „Kleiner Speckhals!"? Das hatte ja schließlich auch viele Vorzüge, aber Lusche kam sich doch sehr abgetan und beiseitegeschoben vor, besonders, da (ie nun wußte, daß sie Paul nicht mehr genügte, — Paul, der noch im vorigen Jahr ihr Häuptling beim Jndianer- spielen gewesen war, — (sie aber war der Stamm!) Es ist eben alles anders geworden, dacht« Lusche schwermütig, die Wiese hier neben dem Seeweg war vor einem Jahr auch noch nicht so langwellig eingezäunt, und es hieß nicht immerzu: ,Das schickt sich nicht, das paßt sich nicht!' Sie betrachtete schwermütig ihre Fingernägel, die noch immer nicht die von Tante Hanna gewünschte makellose Grundfarbe erlangt hatten, und zupfte an ihrem Kleid, um einen Fleck, der vorhin in den Johannisbeeren „zufällig" hineingekommen war, zu verdecken. Es war das,,Knötchenkleid" — Mama liebte es. Warum nur? Dazu hatte Lufche ihren Flo- rentiner Hut mit dem schwarzen Samtband auf, in dem sie sich „albern" vorkam, — und das alles, um noch eine Tante abzuholen! Und zwar diese Tante Katharina, die aus den Ostseeprovinzen angereift kam, die nicht einmal verheiratet war und durchaus keine Tochter in Lüsches Alter mitbrachte, wie Lusche zuerst gehofft hatte. Dazu war sie weit über dreißig Jahre alt, — eine alte Jungfer also! Katharina war übrigens so ein rechter Sauerkohlname und paßte gewiß gut zu ihr. — Lusche beeilte sich, Anschluß an Paul zu gewinnen. Sie hatten die Billenkolonie des Dorfes erreicht und gingen nun zwischen dem Gärten der Landseite und den Schiffshütten und Badeanstalten des Users. Dann kam die Wiese, wo di« Fischer ihr« braunen, steinbeschwerten Netze zum Trocknen ausspannten, und wo ihre grauen, baufälligen Bootshäuser standen. Hier holte man di« Tanten und Mama ein und bildete nun mit ihnen die würdige Familie, die jeder im Dorfe grüßte. Am Schiffssteg verteilten die Damen sich auf den Bänken unter den Kaftanienbäumen, Mama zupfte gewohnheitsmäßig und zerstreut noch ein wenig an Lusche herum, und Regina stand mit Paul abseits und hörte feine Schilderung einer Bergwanderung an. Drüben, jenseits des Sees lagen die Berge zart umblaut und mit ihren schroffen Wanden in der Abendsonne silberlich erglänzend. Früher, ging es Lusche schon wieder durch den Sinn, früher dachte ich, di« Berge fingen gleich an, wo das Wasser aufhört, und die Kleinen denken das immer noch. Aber man muß noch viele Stunden gehen, ich weiß es jetzt. — Inzwischen hörte man das Brausen des Dampfschiffes immer näherkommen, und jetzt taucht« es prächtig rot und golden hinter der grünen Landspitze, Großpapas „Landseck", auf. Kleine Ruderboote schossen eilfertig herbei, um sich im Wellenschlag seines Kielwassers zu schaukeln, eine schlanke, schneeweiße Jacht mit geblähten Segeln aber rannte geduckt und rasend verächtlich an dem plumpen Riesen vorbei. Auf einmal sah Lusche, wie bunt und festlich das alles war, die grünen Ufer mit den weißen Schlössern und Landhäusern, der Himmel über dem spiegelnden Wasser, blau, von weißen Wölkchen heiter durchzogen, und das gleiche Weiß und Blau in den vielen Fahnen und Wimpeln am Steg, am Dampfschiff, an den Booten. Dazu die hellen Sommerkleider, die Sonnenschirme, vielfarbig wie Ostereier, und, — vom Geläut der Ankunftsglocke durchgellt, — in einem plötzlichen Aufbrausen Musik, Musik vom Deck des Schifses, das Tante Katharina herbeitrug. Lüsches Herz zog sich in einem seltsam schmerzlich- süßen Glück zusammen: wie war nur auf einmal alles so wunderschön, selbst das fürchterliche Quietschen, als das Schiff sich beim Anlegen an einem Balken der Brücke rieb, weil Sepp den geteerten Wergball wieder einmal nicht rechtzeitig dazwischengeschoben hatte. Sepp war ein kurzer Mensch mit rotem Nacken und einem runden Kops voll geringelter Haare, der damit betraut war, den Laufsteg von der Brücke aufs Schiff zu schieben, nachdem er von drüben «in Tau in Empfang genommen und um den großen eisernen Haken geschlungen hatte. Ein wichtiger Wensch, oha! Wie sollte der Verkehr ohne ihn vonstatten gehn? Lusche war in dem schlafwandelnden Zustand, in den sie zuweilen bei hellem Tage verfiel. („Mach den Mund zu, Lusche!" hieß es dann.) Sie starrte in halber Betäubung auf die Ankommenden, — da war ein ganzer Verein, viele Männer in Bratenröcken und Zylindern, mit Eichenlaub und Schärpen geschmückt, eine Musikkapelle an der Spitz«, beseligt von dem Rausch ihres Auftretens in geschlossener Masse, — da waren Ausflügler, Kinder, Hunde. Und unter den letzten Aussteigenden eine schlanke Dame im grauen Seidenmantel, einen weißen Schleier um dem kleinen Strohhut. Mama und die Tante winkten, gingen ihr entgegen, — Lusche aber blieb stehen und wandte wie magnetisch angezogen ihre Slugen dem Wasser zu. Und siehe, — in einem kleinen Boot, das er ziellos treiben ließ, die Hände auf den ruhenden Rudern, saß dort ihr neuer Freund, der Herr im grauen Anzug, und starrte«inbrünstig zur Brücke empor. — „Wer hat dir das gegeben?" fragte Fräulein Claaßen, vor Empörung die Worte fo livländisch betont wie nur möglich herausschnellend, obgleich sie die Handschrift auf dem festen, weißen Umschlag des Vlieses, den Lusche ihr mit dem Gesicht einer Glück-botin überreichte, sofort erkannt hatte. . „Ein Mann," erwiderte Lufche unbefangen,.— „ein Herr im grauen Anzug," fügte sie beruhigend hinzu. „Er geht immer auf dem Seeweg spazieren, ich kenne ihn längst." Aber Tante Katharina hörte ihr nicht zu. Sie hatte den Brief hastig aufgerissen und las, während ihre schmale längliche Hand leicht zitterte, wie Luiche mit Verwunderung wahrnahm. Als Katharina jetzt aufsah, wandte Lusche sich ab und blickte aus den See hinaus. „Eine unerhörte Zudringlichkeit!" Fräulein Claaßen nahm ihre Stickerei wieder auf, machte ein paar hastige Stiche, ließ wieder sinken und sah ratlos ins Weite. (Fortsetzung folgt.) Schriftleitung: i. V. Dr. Fr. W. Lange, Gießen. — Druck und Verlag: Vriihl'sche Aniversitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange in Gießen.