Nummer 25 8reitag, den April Jahrgang <932 Äubi- Neisezehrung. Von I. W. von Goethe. Entwöhnen sollt' ich mich vom Glanz der Blicke, Mein Leben sollten sie nicht mehr verschonen. Was man Geschick nennt, läßt sich nicht versöhnen: Ich weiß es wohl und trat bestiirzt zurücke. Nun mußt' ich auch von keinem weitern Glücke: Gleich sing ich an von diesen und von jenen Notwend'gen Dingen sonst mich zu entwöhnen: Notwendig schien mir nichts, als ihre Blicke. Des Weines Glut, den Vielgenuß der Speisen, Bequemlichkeit und Schlaf und sonst'ge Gaben, Gesellschaft wies ich weg, daß wenig bliebe. So kann ich ruhig durch die Welt nun reisen: Was ich bedarf, ist überall ,u haben, Und Unentbehrlich's bring' ich mit — die Liebe. eg mit Kütten, । n. Unb i »ährend I hatten. erüberjiil ld, tkis i nen tonn J zur Sri iner stttt d er sich »egung ji chänste L ende Riti ter gelegt lein-hÄ ipjroolle I soviel w r teinenfi Karlsbader Novelle. Von Erwin Guido Kolben Heyer. Copyright by Verlag Georg Müller, München. ' »erliefe irn ou|e "chalden ehr, uni ringsum ■9 hohen chchiWt ieben; |t| !r Dijniti utirn in) GiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zmn Gießener Anzeiger wicht den ganzen Leipziger Kommerz ausgewogen hätte, nicht nur einen Kaufmann Richter, Kolonialwaren und Pelze, senkte er die, Lider und ließ ohne den Kops zu wenden auf die junge, pausbäckig« Beschränktheit, die neben ihm stand, seine Worte fallen: „Er ist durch den Zufall gewürdiget, Johannes, etliche Stunden angesichts eines Genies den engen Raum einer ordinären Chaise zu kommunizieren. Er wird durch ein lautloses Wesen", diesen Satzteil dehnte und betonte er, „ihre Exzellenz den Herren Geheimerat von Goethe zu üistinguieren haben!" Damit war auch entschieden, daß der Kandidat Henze sich nicht beim Postillion begnügen werde, und Herr Richter, nun auch von der Angst frei, diesen dürren Gesellen mit einem Teil der wohlgefüllten Reise- behältnisfe dem Zwodauer Schicksale überliefern zu müssen, ließ den Magister seine Anstalten treffen. Es wurde möglichst viel zu dem Schwager geladen, die andere Bagage auf dem Dache und dem Hinterbord festgeschnürt und -gekettet. Herr Richter hatte an Trinkgeld nicht gespart: es kam trotz der Besorgnisse Vogels ein fast bedrohlicher Bau zustande. Aber man konnte an bessere Straßen glauben, und das Gebirge war überwunden. Der Geheimrat saß vor dem abgelegten Besteck und hatte einer zweiten Flasche Wein sattsam zugesprochen, als der junge Kanzelist von ihm aufgefordert wurde, gleichfalls zuzulangen. Christian Vogel war mitgenommen worden, um das Schriftwerk der ersten vier Bände einer Gesamtausgabe für den Buchhändler Göschen zu besorgen: ein stiller bereiter Mann, nicht unlustig, aber durch das verhaltene Wesen des Geheimrats merklich in sich verstaut. — Es lag auf den gemeinsamen stunden und besonders auf solchen, die nicht der Arbeit zugewandt fein konnten, ein Druck, dem Vogel nicht ungern entglitt. Er verstand den Grund dieses Unbehagens nicht recht. Er wußte nur, daß in der Thermenstadt, auf die er begieriger war, als seine Pflichten es zulassen würden, eine strenge Arbeit bevorstand, und es drückte ihn, daß der berühmte Poet von einer sonderbaren Ungeduld nicht loszukommen vermochte, trotzdem nunmehr alles in Fluß geraten war. Man konnte sich zu etlichen Erklärungen finden: wußte, daß ihre Exzellenz längst der Frau Oberstallmeisterin von Stein in das Bad nachgereist wäre und sehr zu Unbaß in Weimar zu verharren genötigt gewesen, weil sich die Geburt der Prinzessin um Wochen verzögert hatte. So war in Weimar die Arbeit für Göschen mir das ungeduldige Füllsel einer Wartezeit geblieben, denn auch die Amtsgeschäfte des Geheimerates waren längst für seine Abwesenheit aufgearbeitet oder dahin geführt worden, daß sie unbesehen weitergeleitet werden konnten. Sie liefen allein und vergrößerten den toten Raum. Uebrigens die ganze Hofgesellschaft, etliche Kreise selbst des Bürgertums hatten in den letzten Wochen Stunden zählen gelernt, gewartet und gewartet. Doch auch dann, als alle Erwartung zum glücklichen Ereignisse wurde, und die Welt der thüringischen Residenz aufatmete, schien es, als fei dem Geheimrat nur die Möglichkeit eröffnet, feine Arbeitspläne zu übersteigern und unverminderten Dranges in einen viel zu engen Raum zu pressen. Christian Vogel wußte, daß in Karlsbad das Werk dieser vier Bünde nicht zu leisten sein werde. Dabei war der Schöpfer des weltbekannten Werther und Götzens von einer rätselhaften Unzufriedenheit mit dem eigenen Werke besessen. Richt nur, daß er in unangemessener Eile zu vollbringen suchte, worauf der Verleger geduldig gewartet hätte, die Unentschlossenheit des Dichters vor der letzten Form seines Werkes verzehrte und verzettelte Kraft und Zeit. Der junge Mann aß und traut unter dem Schweigen seines Gönners, und sie hatten kaum ein Wort gewechselt, als der Posthalter zur Abfahrt lud. Die Chaise war heiß. Der beleibte Kaufmann hatte sich neben den Geheimrat gelagert, Vogel mußte den Sitz mit dem Kandidaten und dessen Zögling teilen. Die Augen des Theologen brannten gespannt nach dem berühmten Fahrtgenossen, seine ganze Person hielt sich sprungbereit auf der Kante, um einer Anrede geistvoll und gewandt zu begegnen: er beachtete seinen Schüler nicht, der faul zurückgelümmelt den großen Mann beglotzte und, in den Anblick verloren, die Stumpfnase bohrte. Der Kaufmann hingegen hatte das gleichgültigste Wesen angenommen. Als einem deutschen Mann von wohlbegründeter Bürgerlichkeit lag es ihm ob, diesem Genie, unangesehen öe't höfischen Stellung, von der man unbekannterweise keine Notiz zu nehmen brauchte, zu beweisen, daß Dichter nicht von Gottes, sondern auch von Publici Gnaden seien: Herr Richter war Publikum, las er auch nur die „Leipziger". Im übrigen war olles durchgesetzt und gegen Hitze konnte man die Weste aufknöpfen: das Gerüttel entwickelte die Verdauung und schläferte ein. Die Weimarer Exzellenz hielt den Kopf in die Hand gestützt und sah durch das Fenster auf eine Landschaft, die aus ernsten Waldungen, schütteren Feldern und versumpften Wiesen ihre wortkarge Sprache führte. Hier mochte ein zäher Schlag Menschen leben, der feinem Boden Treue hielt, gerade um dessen Kargheit willen. Er kannte Landvolk solcher Art. Unter dem Schnarchen des Kaufmannes, der unverminderten Gespanntheit des Theologen, dem Düsen des fetten Knaben und der träumerischen Als sie ein letztes Mal vor Karlsbad, die Pferde zu wechseln und etwas verspätet Mittag zu halten, vor dein Posthause in Zwodau aus- stiegen, war dieser Herr Richter mit seiner erregten Leiblichkeit auf ihn gestoßen. Herr Richter, Kaufmann aus Leipzig — Solin unö -ihrer wartete zwei Schritte abseits und auch der Posthalter war lebhaft zuru gedrängt worden - Herr Richter also aus Leipzig wäre mit seiner Berline verunglückt. Das Gebirge! Die erweichten Straßen! Der Wagen hatte kaum die Koffers und Beutel hierher zu schleifen vermocht. ~a stünde er mit einem gerissenen Riemen und schlimmer noch, mit dem verrenkten Hinterrade. Herr Richter, Sohn und Lehrer leiei, ein« Meile zu Fuß — man übersehe gütigst die Verfassung, trotzdem k'e sich^nzwihhen gereinigt und erholt hätten, und man danke dem Allmächtigen, daß i- nur eine Meile gewesen s«i — in die Poslhalterei gelangt unb nun ... h nun, ein anderer Wagen sei nicht aufzutreiben ... die ,m Augenblicke angekommene Herrschaft Hütte, wie man sehe zu gutem Glucke wenig Koffers ... so möchte man, obwohl die Postchaise eigentlich nur meh zween Mitreisenden bequemen Platz böte ... Übrigens Kandidat Nenze würde beim Postillion vorlieb nehmen - -. hm, fo mochte man trotz des einen mangelnden Platzes bitten ... Unter den großen, dunklen Blicken des bestürmten Ankömmlings hinter dem ein junger Mann in zurückhaltender Bereitschaft stand,^rsiegte die Leipziger Zunge, und das von innerer Bedrangniv, vielleicht auch von einer allzu reichlichen Mahlzeit gerötete Gesicht des Kaufmannes nahm ?inen De liegt? neu, fuft weinerlichen Ausdruck nn. „Sie wünschen mitzukommen. Wir werden zusammenrücken, zumal wir Genossen desselben Mißgeschickes sind. Das war sehr verbindlich gesprochen, und Herr Richter wollte neu beginnen, aber man wandt« sich von ihm. „Vogel, Er bringt unsere Bagage in eine schickliche Ordnung, ich will mich in der Wirtschaft umfehen und Ihn erwarten." Um seine Kümmernis leichter, haschte der Leipziger den jungen Mann beim Aermel und fragte flüsternd. Di« Antwort war: „Es ist ihr« Exzellenz der Herr Geheimerat von Goethe aus Weimar." Der Kaufmann blühte die Wangen und zog die Brauen hoch, führte die Finger an den Mund, blies ihre Spitzen, als hatte er sie verbrannt, dann spreizte er die Hand gegen Sohn und Präzeptor. „Kandidat, weiß Er, hat Er gehört?" „ h & Der hagere Theologe faltete abweisend leine ahnte. Im Gefühle daß für den Rest dieser Fahrt einer überfüllten Postkut|ck>e da-, geistige 1 Ä». 1 'M Diese Erzählung, welche allen Goethefreunden im lüumsjahr eine willkommene Lektüre sein wird, ist dem bei Georg Müller in München erschienenen Karlsbad-Buche „Kämpfender Quell" von E. G. Kolbenheyer entnommen. Tod um ten TrkffM ig und ifli >g fliegt' | i, ich Bj jaben sie as, bann l|| ich, nu iw] ti Stint'JI Dabei 1*11 und be(ft' H choli, c Michl« ii| e Puste ri | sie und kW r werben ■ I er ans ^U nid) n"> nbbie^| s erst l Un-n*! I Mn E' gar. Di« Z nmeg hi« mußte.!) iodmüd« il e tauni m halb baiii tarnen. 1 genb, to ille feiler ij schüttelt! xL.#.t<-fi«trfvlhunn hps iunwn Vogel rollte die Postchaise das -rot der Eger LWLBK "L-° »ich- *** d-b-, d-n ' bo; er bottt n hoh„ en RH « »ich unblkf die über lewurjdl Mozart irorltcta i flaijb« i ist chm )tn Von j enber, t hnyd»s I Is in dir1 sgedonii iber aud) | Wrfunfltn ! der brti n«e Stil, auf Sri' des beul’ chen, bot rümpft«' rfenniinj n Muß’ I t gefunlt nennen!’ । ;it, bieftr. i „P Mai 7 Uhr morgens, ertönt in nächster Nahe von seinem Wohnhaus ein erster Kanonenschuß. Der Meister, der gerade mit dem Ankleiden beschäftigt ist, erschrickt darüber so sehr, daß er zu Boden gestürzt wa.e, wen» ihn der treue Elßler nicht aufgefangen hatte. Als die Hausbewohner aufgeregt in fein Zimmer stürmen, mahnt er ste, wenn auch selbst noch zitternd zur Ruhe. „Kinder, fürchtet Euch nicht, wo Haydn ist da kann ^uch nichts geschehen." Die Köchin Kremnißer und Elßler versichern ihm, daß sie nur um ihn besorgt sind und bringen ihn zu Bett In der Nacht vom 11. auf den 12. wird Wien mit Haubitzgranaten beschossen Haydn scheint nun an den Geschützdonner und das Zittern der Fenster gewöhnt und bleibt ruhig. Zu Mittag setzt er sich sogar an seinen ichmalen Flügel mit den ebenholzschwarzen Tasten und spielt darauf das Laiserlied Es ist nur eine kleine Bürgerstube mit Türen durch Die em «öfterer Mensch gebückt durchgehen muß, wo dies geschieht, aber es «eignet sich hier etwas zutiefst Oesterreichifches. Sehr zu seiner Beruhigung trägt bei daß nach dem Einmarsch französische Offiziere ihn besuchen, um ihm ihre' Aufwartung zu machen. Napoleon läßt vor seinem Hause eine Ehrenwache aufziehen. _ ,. . . . , „ Am 26 erscheint ein Husarenkapitan namens Sulnni, der in französischen Diensten steht, und bittet, ihm eine Arie aus den Jahreszeiten Vorsingen zu dürfen. Haydn gestattet es gern und ist über diesen Vortrag so entzückt, daß er ihn zu sich auf das Belt zieht und küßt. Beide sind sehr bewegt und weinen. Der Kapitän soll dann bei Aspern gefallen sein. Der folgende Tag findet den Meister — wieder am Klavier. Er kann sich nicht genug daran tun, die Melodie der Kaiserhymne seinen Hausleuten vorzuspielen, als wollte er lebendig erhalten, was rings um ihn unaufhaltsam verdrängt wird. Am 31. Mai, kurz nach Mitternacht, ereilt ihn der Tod. Oie Kestkmüate. Bon Mathilde von Leinburg. Im Schlosse des Fürsten Esterhazy herrschte größte Aufregung. Seine Durchlaucht sollte bei der Heimkehr von seiner Mission, der Königskrönung Josefs II., der vergötterten Kaiserin Maria Theresia Sohn in Frankfurt, mit noch nie dagewesenen Ehren- und Liebesbezeigungeii seines Hosstaates und der Bevölkerung der Orlschast empfangen werden. Wie em in der Mittagssonne atmender Tannenwald duftete es von den mit Grün geschmückten Häusern: von der Landstraße bis an das Schloßtor war der Zufahrtsweg mit Gras und Blumen bestreut, und Männer, Frauen und Kinder stolzierten so zierlich angetan, wie es die Mode von 1764 nur ersinnen konnte. Am aufgeregtesten gebärdete man sich im „Offiziers- zimmer" des Schlosses. Hier aber war man verzweifelt über das Fürchterliche was der Musikkapelle widerfahren war. Eben hatte man die ausgeschriebenen Stimmen zu der für den heutigen Empfang vom Kapellmeister Haydn komponierten „Festkantate" auf die Notenpulte verteilen wollen da stellte sich heraus, daß eine Stimme fehlte, die fioritiirenreid) ausgeschmückte Solostimme für die erste „Diskantistin", die kehlengewandte Demoiselle Anna Maria Schefsstos, die die „Tonmuse" zu singen hatte. Gestern bet der glänzenden Generalprobe, waren alle Notenblätter bei- sammen gewesen — hatte der Meister heute beim Herbringen eins verloren? Ianos, den Diener der Kapelle, hatte man nach der Wohnung des Meisters in die Klostergasse geschickt: aber er kam mit leeren Händen. Vielleicht hatte er, der wie die Esterhazysche Dienerschaft überhaupt kein Deutsch konnte, den Austrag nicht genug kapiert, vielleicht des Meisters Gattin die Stimme nicht gefunden — mit ungarischem Wortschwall beschwor der Unselige [ein vergebliches Bemühen, da raste — schon kündete ein Läufer daß der Fürst die Leitha erreicht habe — der Kapellmeister selbst nach dem heimischen Herd, lief, daß die himmelblau seidenen Rockschöße flogen, Silberborten, Silberschnüre und Silberknöpfe knisterten und klapperten und der Pudel heillos aus der Perücke stob. Die „Haydnin" saß noch vor dem Spiegel. Als Tochter eines Wiener „Friseur und Perückenmachers", verstand sie sich wohl auf den künstlerischen Aufbau ihrer Coiffüre. Noch starrte der Kopf von Papilloten, die nachher ein natürliches Gelock vortäuschen sollten. Ungnädig empfing sie den Störer: „Was hast mir den narrischen Lakaien rübergeschickt, was Ö' doch weißt, daß i ihn net versteh! .Notenblatt! fehlt!' hat er allweil geschrien. .Von die Festkantaten Notenblattlst Was weiß denn ich von einer Festkantaten? Such dir deine Blatteln nur fölber außer, du Eselshaut, du faule!" Ueberhetzt wühlte der also empfangene Ehegatte unter den Notenblättern, auf dem Klavier, auf dem Tisch, hinter der großen Baßgeige. „War 's gar nm End bürten g'legen?" fragte die Frau in plötzlicher Erleuchtung, und weil sie ein schlechtes Gewissen hatte, fing sie erst recht an zu keifen'. „A solcherne Schlamperei! Die Noten für ’n Fürsten schmeißt er am Boden! Herrgott, wann i an die Dukaten denk, die der Fürst spendiert hättl" Wütend riß sie die papiernen Lockenwickler aus dem Haar: „Da hast bei Festkantaten! Am Boben is s' gtegen, t hab glaubt, bu brauchst die Papierer eh nimmer. Solchernes Mannsbülb wann ma hat!" Gllickstrahlenb stürzte sich ber Meister auf bie zerknitterten Papierfetzen, glättete sie mit liebevollster Sorgfalt, fügte buchstabieren!! bie italienischen Worte aneinanber, dieses Sinnes: ..... ber liebreiche Herrscher kehrt mrück: er ber ungeachtet bes Neibes zu hohen Ehren erhoben wurde Dort an den Ufern bie ber Main benetzt, wirb sein Name ewig leben, bie Vater werben noch'ben Kinbern von den Wunbern seiner Pracht unb seines Ruhms erzählen. Soviel Schätze bas Meer .. Uber weiter. A ganze Seiten fehlt noch. Du Unglücksweib, was halt mit dem andern Blättl anq'fangt?" Die heulende Kapellmeisterin rannte in die Knche, ber Mann ihr nach-da lagen sie. fettglänzend und speckduftend> m: Reih unb ©lieb bas Kochineisterstück ber Xanthippe aus ber Musikgeschichte die knusprigen „Grammel-Pogatscherln" (Krapfen) aus ber papiernen Unterlage des Haybnschen Notenmanuskripts! - Doch ber heitere Weise ber Musikgeschichte, häßlich wie sein antiker Leidensgenoße, verstanb zu schweigen Er wartete, bis seine Nanni bie fchmackhafte Kuchenspezialitat auf eine Schüssel verstaut hatte, packte bas noch dampfende, fetttriefende Notenblatt unb flog batnit, es weit weg von seiner Galatracht haltend, zu seinen ihn jubelnb empfangenben Musici. Von ben Gefühlen ber Beherrscherin der koloraturenreichen Sopran, stimme die bas Glück hatte, aus biesem Notentorso singen zu burfen, ließe sich kaum Erfreuliches melben, um so mehr aber von der Anerkennung des Fürsten dem bei seiner Ankunft im Schlosse aus dem prächtigen Musiksaal das neueste, eigens für ihn geschaffene Werk seines genialen Leiters seiner Kapelle entgegentönte. „Es lebe unser Fürst, ber bie Well in Staunen versetzt! Jupiter erhalte uns den erhabenen Fursteii! jubilierten die Stimmen und Geigen, Violoncelli unb Bässe, Flöten, Oboen und Harner unterstrichen bie schwülstigen Lobpreisungen unb Liebesbeteuerungen Ws der Frau Nanni später die süßeste Musik in bie Oftren tonte bas feine Auskstncmn ber auf den Tisch rollenben Dukaten, bie auf fürstlichen Befehl „Ihm dem Haybn, für das flucti, mit welchem ich sehr zufrieden bin ausgezahlt wurden, da fanb sie ihr Schicksal, „a solchernes Mannsbuld zum Gatten zu haben, ganz und gar nicht zum Heulen Am Abend gab es zauberhaftes Feuerwerk im Schloßpark. Nicht nur, was zum Hofstaate des Fürsten gehörte, auch die Bürger und Bauern der umliegenden Ortschaften, ja, selbst der „Pöbel" sollte durch dieses prächtige Spektakel" ergötzt werben. Einsam schlenberke „Er, ber Haydn , durch bie weniger erleuchteten Seitenwege: seine „Alte" — sie war älter als ei — fand es vergnüglicher, mit ihren Freunbinnen beim Feuerwerk Rede unb Gegenrede auszutauschen. . . So wandelte ber Glückliche allein. Wie schmeichelhaft halte ihn heute ber Fürst gelobt, Orchester und Ehor hatten ihn mit Bewunderung über« häuft, sein Freund, der Weigl Josef, hatte ihn aus lauter Dankbarkeit für den ihm auf die Finger geschriebenen Violoncellpart öffentlich ans Herz gedrückt, bie Schefsstos — bie Engelsschöne, bie Holde, die Herrliche, die süngerisch Gottbegnadete! — hatte ihm, ihm, dem Häßlichen, Wüsten in ihrer Begeisterung über sein Werk — einen Kuh aus die Stirn gedlunt. Einen wahrhaftigen Kuß von jungen rosigen Mädchenlippen. Ja, die mochte ihn: jetzt wußte er's mit Gewißheit. . . I Berauscht vor Glück verlor sich der verliebte Träumer in die Heimlichkeiten bes Parks. Was hatte ba die Hölle an der Sette seines Weibes zu bedeuten' Das höchste Glück hatte er errungen, die Siebe des schönsten, anmutigsten, kehlenfertigsten, fröhlichsten Mädchens. Da lachten ihm Stimmen aus der Dunkelheit entgegen. Arm in Arm kamen sie daher: Freund Weigl unb bie schöne Anna Maria Sck sfslos. ,Seppi grab ham tner uns verlobt!" rief ihm ber Violoncelli,,rtucye entgegen unb mit ihrem silberglöckchenhellen Sopran flötete die Anna Maria voll Seligkeit: „Heiraten tüan mir uns! Na, was jagen S’ dazu, Herr Kapellmeister?" Mit zischendem Sternenregen prasselte eine Rakete herab unb ließ bas fahle Gesicht bes armen Seppi geisterhaft aufleuchten. Aber die Verliebten merkten nichts bauen, sie sahen einanber in bie gluck- strahlenben Augen. , . „Ra alsbann! Ich wünsch euch halt alles Gute'" stammelte Haydn in bas ununterbrochene Knattern ber Raketensalven hinein. „Unb bei unserm ersten Buam mußt bu uns ber Taufgöb sein, göj, Seppe!" verlangte der Freunb in glücklichem Uebermut. Aper ja freilich, ganz gewiß. Unb daß er a tüchtiger Musiker wird, dös "wünsch 'ich euch auch noch dazu." — Haydn hat Wort gehalten, und sein Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Dreißig Jahre spater schrieb er an den „Kaiserlichen Operndirektor" Josef Weigl in Wien, den erfolgreichen Komponisten der Oper „Die Schweizerfamilie": „Da ich Sie mich Ihrer Entstehung auf meinem Arme trug, und das Vergnügen haste, Ihr lauf Pathe zu seyn, flehete ich die allmächtige Vorsicht an. Ihnen den vollkommensten Grad eines Musikalischen Talents zu verleihen. Mein heißer Wunsch wurde erhört ... Ich nahm den wärmsten antheil an dem gerechten Applaus, so man Ihnen gab. Fahren Sie fort, biefen achten Styl stets zu beobachten, bamit Sie bie Auslönber neuerdings überzeugen, was ber Teutsche vermag." An jenem traurigen Sonunerabenb bes Jahres 1764 jedoch trabte er in tiefster Betreibung nach Hause. Niedergeschlagen ging er in sein Arbeitszimmer, setzte einen Fidibus an der Glut des Küchenberdes in Brand und entzündete die Kerzen des zweiarmigen Leuchters auf feinem Arbeitstisch. Was stand denn da? Ein Glas rubinrot funkelnden Tokayers aus des • Fürsten Kellereien und ein hochbeladener Teller mit ben gelungensten, auf der „Festkantate" gebackener Grammel-Pogatscherln. „Sie is halt dock a gua'ter Kerl!" seufzte Haybn gerührt, biß hungrig in eines ber appetitlich buftenben Kräpfchen und nahm einen herzhaften Schluck von dem feurigen Ungarwein: der rollte versöhnend durch bie Abern — ba fing es schon roleber an zu hüpfen in seinem Ohr: eins, zwei, btei, nicht zu rasch, in gravitätisch eiiihertünzelnbem Dreivierteltakt. Raich kratzte bie Kielfeder über ein Notenblatt, und ein anmutig-melodiöses Menuett wuchs auf dem Papier. Ein Menuett, das Frohsinn und Heiterkeit entstehen ließ, wo es erklang, ein Symphoniensatz aus einer der weit über hundert bekannten (unb wie viele mögen durch Frau Nannis Frisier- und Backkünste verloren fein!) Svmphonien, mit denen bie „Eselshaut, bie faule" neben seinen anbereit Werken bie Menschheit überschüttet hat. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriol. — Druck unb Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- unb ©teinbrutferei, rR. Lange, Gießen.