Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Nummer 9 Montag, den Februar Jahrgang 1932 Februar. Bon Edmund Finke. Glanz der Äugend über der besonnten Halde, herrlich brennt der weihe Frost im Blut, und der harsche Schnee im Föhrenwalde fällt zerstäubend auf den Jägerhut. Hurtig bindet sich am Hügelhange alt und jung die Bretter untern Schuh, und es deckt der Sport die bleichste Wange noch mit Glück und reiner Freude zu. Wie die Paare rascher talwärts gleiten schön und stolz im jugendlichen Schwung, fühlt sich auch das ältere Herz im weiten Ueberschwang des Jubels wieder jung. Mag in Zukunft auch ein Sturmwind drohen, der das Alte schroff beiseite schiebt, dieser Jugend Licht wird nie verlohen, wenn sie Sonne, Luft und Freiheit liebt. Winter übermLnntal. Bon Wilhelm H a u s e n st e i n. In Seefeld vorhin war noch der Norden. Man wußte es nicht deutlich, aber jetzt weiß man es — jetzt, wo man am Weg nach Mosern eme gelinde Ahnung vom Süden empfängt. Der Unterschied geht auf. Nicht so offenkundig wie ja und nein, aber er geht auf. Der Schlitten rutscht bergan, und an den Geschirren der kleinen Pferdchen klingelt es. Hat man diese heitere Musik des Winters nicht in den Kindertagen zum letzten Male gehört? Sie klingelt uns voran. Nicht gerade auf eine Paßhöhe hinauf: aber die Wirkung ist doch beinahe so — denn nun hält sich eine veränderte Landschaft bereit. Man spürt es zuerst am Licht: es ist ein wenig zarter, ein wenig süßer. Und schnell scheint nun alles anders. Es mag im Unmeßbaren liegen, und es wird kaum auszusagen sein: und dennoch sind wir auch hier am Weg von Mitternacht gen Mittag... Mit einem Wort, mir erreichen die Welt des Jnntals. Dort drunten windet sich der noch schmale Fluß mäandrisch. Er ist das wirkende Zeichen dieser neuen Gegend, die auch Tirol heißt, so gut wie das schöne Seefeld — aber es gibt ja nicht nur Nordtirol und Südtirol, sondern es gibt dazwischen auch ein Jnntirol, in dem das Hüben sich dem Drüben verbindet. Winter ist: alles ist verschneit: gleichwohl trägt dies Bergland um den Inn einen Hauch, dessen Zauber freilich nur um so mehr berückt, als er im Geheimnisvollen und beinahe Unmerklichen verharrt... Es ist nicht Südtirol; wohl aber i|t es schon eine milde Welt. Da ist nun Mösern; an den wenigen Bauernhäusern, aus denen es besteht, hangen die Maiskolben dicht, wie das Gewebe eines Teppichs. Es ist „Welschkorn"; es ist ein Bild der andern Seite. Der Inn weit drunten geht seinen Weg. Er kommt vom Engadin und trägt den herüberscheinenden Schimmer der mittelmeerlandischen Erde mit — Borbote, allererster Vorbote des Südens für den Norden, Gleichnis von beiden und damit so weltweit wie eigentümlich. Der Föhn ist gekommen. Der Himmel ist grau und weich und im Süden bläulich aufgelichtet, auch gelblich, schweflig und blaßgrun. Der Föhn ist vor den Augen und um die empfindenden Schlafen ^und fahrt mit seiner falschen Lauheit den Nervenbahnen entlang. Der Cohngellt in die Ohren; alles hört stch anders an, — wie alles sichtiger ist, so ist auch alles hörbarer. Der Zug, der im Tal drunten nach Innsbruck fahrt, rollt vornehmlicher als sonst. Man hört ihn wie auf eine unwahrscheinliche Nähe; den Ohren ist er noch näher, als den Augen — aber nun entdeckt man die schwarze Schlange drunten in der Nahe von Telfs. Es ist, wie wenn mit einem Male viel Schnee von den Baumen herabgeschmolzen wäre, die Tannen drüben an den Berghangen stehen in einem gleichmäßigen, dumpfen, aber starken Blau. Es ist erschrecke d, wie blau die Fichlenhänge heute niedergehn. Ich mache eme Probe, der Tannenbaum unmittelbar vor meinen Augen trägt eine blaue Wegmarke, ich schaue auf sie hin, behalte sie im Blick und schaue zugleich an ihr vorbei — und die Fichtenhänge drüben, lenfeits des Talgrundes, ichemen mir nicht weniger blau als die Wegmarke vor meinen Augen. Es ist eine andere Stunde, und ein anderes Licht. Jetzt schönen die Fichtenhänge drüben mit Tinte gemalt zu sein. Die Landschaft ist schwarz und weiß, wie eine Zeichnung, wie ein Holzschnitt. Auch so ist der Föhn. * Das Wetter hat sich gewandelt. Fast mit einem Schlag ist der Südwest- wind durch den Nordost vernichtet. Der Morgen ist eiskalt und |onnen= klar. Das Sonnengold spiegelt sich im Neuschnee, den die schwarze Nacht in Mengen herabgeworfen hat. Gegen Norden ist der Himmel von harter Bläue. Südwärts ist er lieblicher. Dort draußen am Sudrand tragt der Himmel die Farben der Baumblüte, des Frühlings. Die Fichte» haben unter dem vergoldeten Himmelsblau einen bronzigbraunen To« angenommen, und unter der reinleuchtenden Wölbung zeigen sie eine körperlich ausgebildete Gestalt, wo sie gestern noch wie in einen dumpfblauen Gobelin flächig eingewirkt waren. Das Holz vor den Bauernhäusern, als Brennvorrat sauber aufgeschichtet, wird ein brandiges Rot, und das bräunliche Holz der Skis, die, aufrecht in den Schnee gesteckt, zur Sonne und zum enzianblauen Himmel zeigen, ist sonderbar hitzig anzusehen: aus der Bräune schier wie in ein Zinnober verwandelt. Die bauchigen kleinen Vögel und der Misthaufen, an dem sie picken, sind mitten im Schnee und unter dem vollen Licht des Sonnenhimmels tief- golden. Es ich Mittag. Das Läuten wird nicht so unmittelbar vorgenommen, wie es im Föhn vernommen wurde (denn gestern noch läutete es, als wäre zwischen dem Ohr und der Glocke überhaupt keine Lust); das Läuten ist nun wie von Kälte und von Licht umhüllt und verschwimmt auf Lust- wellen. Der Pfarrer schreitet mit seinem Brevier barhäuptig den langen Lausbalkon an seinem schlichten, bauernmäßigen Haus ab; er hat eine eingebrannte Haut und hat den Kopf eines Eremiten oder Apostels. Wir essen vor dem Gasthaus im Freien, und es ist so warm, wie es goldhell ist. Der Winter ist nicht mehr der Winter, ober, wenn er es noch ist: so scheint er doch fast alle anderen Jahreszeiten mitzuenthalten. Die Glut und das Licht find sommerlich; an Stellen, wo der Schnee den Sonnenstrahlen nachgegeben hat, und schon wieder ganz gewichen ist, oer- spricht das falbe Gras, indem es noch vom späten Herbst erzählt, schon den kommenden März. Die graue Baumrinde ist ein Zeugnis der Jahreszeiten, die keinen Schnee kennen; so steht sie im Licht, wenn es Mai ober September ist und wenn die Hitze des Sommers um sie brütet — ich wüßte keinen Unterschied. Die Vögel sind vom Licht und von der Sonnenwärme verführt und probieren ihre Stimmen, als wäre es April und die Hänge lägen im zarten Gelb der Schlüsselblumen. Tautropfen platzen auf unseren Eßtisch herab; in ihnen ist der Winter gebrochen. Es ist Winter, Januar — aber alle Jahreszeiten sind in ihm auf einmal gegenwärtig. * Der Gasthof ist ein schönes altes Tiroler Bauernhaus; unten gekalktes Gemäuer, oben dunkelbraunes, samtig anzusehendes ^Balkenwerk, nach alter Ordnung gefügt und angeschnitzt. Zwischen den Fenstern, die nicht dicht fitzen, unter einem Dach, das sich nur im flachen Winkel hebt, und nicht mehr nordisch giebetig anmutet, sondern schon halbsüdlich, — im reinen Kalkweiß des Gemäuers, find bäuerlich barocke Fresken aufgemalt. Christus hält die Fahne, und zu feinen Füßen steht bas Lamm still; drüben löscht Sankt Florian einen Brand, der gelbrot, wie mit lauter Fähnchen, aus den Fenstern eines winzigen Hauses leckt (denn ein Heiliger ist groß, ein Menschenhaus winzig): in der Mitte schwebt die Himmelskönigin. Bor dem Hause steht der Fahnenmast, und an ihm ruht bas Weiß und Rot des Landes Tirol in der Windstille, nur hin und wieder ein bißchen bewegt wie vom naiven und innigen Atem eines unsichtbaren Engelkindes. Vor uns raucht das saubere Essen, bas gesottene Schweinefleisch mit ben gelben Rüben unb ben Kartoffeln, und der Apfelstrubel nachher. Bor uns steht die Flasche mit dem Rametzer Burgunder, dessen bräunliche Röte angenehm eingeht und bas Bewußtsein nicht beschwert, sondern erhöht. Die Gedanken spielen zu unbekannten Vorfahren zurück, von denen die Familienüberlieferung sagt, daß sie aus dem Südtiroler Weinland in den Schwarzwald ausqeionnbert sind — der reformierte Einschuß der Sippe... Im Südosten steht bas flippige Karwenbelgebirge mit ganz und gar verwegenen Zacken. Im Rücken erhebt sich über uns der mächtig gerundete Aufbau der Hohen Munde: wir wenden uns und schauen sie an. Wir wenden uns zurück unb blicken zu Tal; der Inn, der unterm Föhnlicht bleiig zu fließen schien, ist nun lebenbig und funkelt. Wir ruhen an einer wunderbaren Stelle der Welt: dies Dörflern, kaum auf Viertelshöhe den Hang hinaufgebaut, hat noch die Gipfel über sich unb erlaubt doch schon das schöne Hochgefühl, mit dem bas Auge von einem erhabenen Platz in ben tiefen Talgrunb schaut... Nun kehrt es um unb haftet an den Bauernbetten, bie gebauscht und rot-weiß gewürfelt über dem nachbarlichen Balkongeländer in der Sonne liegen. Hinter ihnen ift eine warme Wand von Mais. * Cs ist Nacht. Die kleine Maria hat noch nie bie rechte Nacht des Winters gesehen, unb nun gar in biefer entrückten Welt der Höhen. Sie staunt die Sterne an, aber noch mehr bie vielen unvermuteten Lichter im Talgrund, die den Inn begleiten. Telfs ist wie ein niebergefallener Sternenhimmel, und bie Lichter der Einödhöfe drüben am Verghang, jenseits des Grundes, sind wie zersprengte ©eftirnbilber. Um so erstaunlicher sind sie als man bie Häuser unter Tags kaum hatte gewahren können. Die Schlange aus Lichtchen den Inn entlang gefällt der kleinen Maria besonders, und von dem mit nächtlichen Lichtern bestickten Tests meint sie, es sehe aus wie ein_„umgefaUener Christbaum". Auch freut sie 1 ich an dem wiberscheinenben Sternenfchimmer in den Schneekristallen. jo aus. * draußen; dies Ruhe. Es ist Morgen; das Fenster steht offen und läßt die nährende Luft ein; am Hof drüben regen sich die Tauben um den Schlag. Um die Hohe Munde zieht ein rauchiges Gewölk, als ob sie ein '^^Das°Weiter hat neue Launen. Dies ist Romanfabel und Drama der Landschaft da draußen: Föhn und klare Kalte und wieder Föhn und wieder klare Kälte. Grau und blau, grau und gold. Darin geschieht alles, dies ist die Ordnung und die Willkür der Landschaft da ihre Aufregung und ihre Handlung — ihr Wechsel in der Mitten in der Nacht steht sie, von der Ski-Leidenschaft der Neun- icbriücn crarisscn auf, um nachzufehen, ob es „noch nicht Tag ist . Da hängt der volle Mond im Himmel; er glänzt durchs die Eiszapfen am Daei, des Kafslhofs und zwischen ihnen her in die Schlafstube herein, im Hof gegenüber brennt noch ein warmes, rotgelbes ^-tubenlicht, und die Welt ist silberweiß und nachtblau. Es ist 23 Uhr- Die kleine Mana frag, ob die Berge in der Nacht größer geworden sind. Es ist wahr, es sieht Meister Cornilles Geheimnis. Erzählung von Alphonse Daudet. Francet Mamai, ein alter Dorfmusikant, der zuweilen den Abend bei einem Glas Glühwein bei mir verbringt, hat mir kürzlich dieses kleine Dorfdrama erzählt. Und da die Geschichte des guten Burschen mich gerührt hat, will ich versuchen, sie so wieder zu erzählen, wie ich sie gehört habe. Denke dir also für einen Augenblick, lieber Leser, daß du vor eurer Bowle mit gewürztem Weine fitzst und daß es ein alter Dorsmusikant ist, der sie dir erzählt: , t , Unser Ort, mein lieber Herr, ist nicht allezeit so tot und ohne Leben gewesen wie heute. Früher blühte darin der Handel mit Mühlenerzeug- nissen, und zehn Stunden im Umkreis brachten uns die Leute von den Gehöften ihr Getreide zum Mahlen. Rings um das Dorf waren alle Hügel mit Windmühlen besetzt. Zur Linken und zur Rechten sah man nur Windmühlenflügel, die sich im Wind lustig drehten und über die Tannen hinweg ins Tal blickten, lange Reihen kleiner, mit Sacken beladener Esel, die auf den Wegen bergauf und bergab stiegen; und die ganze Woche hindurch hatte man das Vergnügen, oben auf der Hohe das Knallen der Peitschen, das Saufen der Flügel und die Antreiberuse der Muller- knechte zu hören. Sonntags gingen wir in ganzen Scharen zu den Mühlen hinauf. Oben bezahlten die Müller den Muskatwein. Die Müllerinnen, in ihren Spitzentüchern und mit ihren Goldkreuzen, waren schön wie die Königinnen. Ich selbst brachte meine Flöte mit, und bis in bte dunkle Nacht hinein tanzte man. Diese Mühlen, müssen Sie wissen, waren die Freude und der Reichtum unserer Gegend. Unglücklicherweise hatten Pariser die Idee, auf der Straße, die nach Tarascon führt, eine Dampfmühle anzulegen. Alles Neue reizt und gefällt! Die Leute gewöhnen sich daran, ihr Getreide zur Dampfmühle zu bringen, und die armen Windmühlen hatten nichts mehr zu tun. Eine Zeitlang versuchten sie, dagegen anzukämpfen; aber der Dampf war stärker als sie, und eine nach der anderen, Gott sei's geklagt, mußten sie alle zumachen. Und eines Tages ließ dann die Gemeinde alle diese Mauern Niederreißen, und wo sie gestanden hatten, pflanzte man Weinreben und Olivenbäume. Und doch, inmitten dieses Zusammenbruchs hatte eine Mühle standgehalten und fuhr fort, aus ihrem Hügel mutig ihre Flügel zu drehen, den Dampfmüllern zum Trotz. Es war Meister Eornilles Mühle, dieselbe, wo wir in diesem Augenblick beieinander sitzen. ♦ Meister Cornille war ein alter Müller, der seit sechzig Jahren im Mehle lebte und webte und für sein Handwerk begeistert war. Die Errichtung der Dampsmühle hatte ihn fast toll gemacht. Acht Tage lang fah man ihn durch das Dorf lausen, alle Leute auswicgeln und mit der ganzen Kraft seiner Lunge hinausschreien, daß man die Provence mit dem Mehl der Dampsmühle vergiften wolle. Und er erfand eine Menge schöner Worte zum Lobe der Windmühlen, doch niemand hörte auf sie. Da erfaßte den Alten die blinde Wut; er schloß sich in seine Mühle ein und lebte wie ein scheues Tier. Er wollte sogar seine Enkelin Vivette nicht bei sich behalten, ein Kind von sünfzehn Jahren, das seit dem Tode seiner Eltern niemand mehr als den Großvater auf der Welt hatte. Die arme Kleine war gezwungen, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, indem sie sich auf den Meierhöfen umher bald für die Getreideernte, bald für die Seidenraupen oder für die Olivenernte verdingte. Und dennoch schien der Großvater sie lieb zu haben, das arme Kind. Es kam oft vor, daß er in der größten Sonnenglut feine vier Stunden weit zu Fuß ging, um sic auf dem Meierhofe, wo sie gerade arbeitete, aufzusuchen; und wenn er bei ihr war, brachte er ganze Stunden damit zu, sie anzublicken und zu weinen. Im Leben Meister Eornilles gab es etwas, das man nicht zu durchschauen vermochte. Seit langer Zeit brachte ihm niemand aus dem Dorfe mehr Getreide, und dennoch drehten sich die Flügel seiner Mühle beständig wie früher. Abends traf man auf der oder jener Straße den alten Müller, der seinen mit schweren Mehlsäcken beladenen Esel vor sich her trieb. „Guten Abend, Meister Camille", riefen ihm die Bauern zu, „es geht also noch immer mit der Müllerei?" „Selbstverständlich, noch immer, Kinder", antwortete der Alte mit lustiger Miene. „Gott sei Dank, an Arbeit sehlt's nicht." Ünd wenn man ihn dann fragte, woher zum Teufel er denn die viele Arbeit hätte, da legte er den Finger auf die Lippen und antwortete geheimnisvoll: „Still! Ich arbeite für den Export..." Mehr konnte man nie aus ihm herauslocken. Die Nafe in feine Mühle zu stecken, daran war überhaupt nicht zu denken. Selbst die kleine Bivette durfte nicht hinein... Wenn man vorbei kam, fah man die Tür stets verschlossen, die schweren Flügel stets in Bewegung, den alten Esel, der das Gras um die Mühle herum abweidete, und eine große magere Katz«, di« sich auf dem Fensterbrett sonnte und den Vorübergehenden mit bösem ansah. 0 >2iu dies erschien sehr geheimnisvoll und wurde natürlich viel besprochen Jeder erklärte das Geheimnis Meister Eornilles auf feine Weise, aber die allgemeine Ansicht war, daß in der Muhle da noch viel mehr Säcke voll Taler steckten als Säcke voll Mehl. * Schließlich kam man aber doch hinter die ganze Geschichte, und das $ tlls ich eines schönen Tages der Jugend zum Tanz aufspielte, bemerkte ich, daß der älteste von meinen Jungen und> die kleine Vivette sich ineinander verliebt hatten. Im Grunde war ich darüber Nicht böse, denn trotz allem stand der Name Cornille bei uns in Ehren, und den kleinen niedlichen Spatz, die Vivette, in meinem Hause Herumwippen zu sehen, hatte mir Vergnügen gemacht. Nur. wollte ich, da die beiden Liebesleut of Gelegenheit hatten zusammcnzukommen, aus Furcht vor etwaigen Fachen die Sache gleich in Ordnung bringen; und so stieg ich denn Zur Muhle hinauf um mit dem Großvater ein paar Worte zu sprechen... Ach, der alte Hexenmeister! Wie mich der Grobian empfing! Kein Zureden vermochte, daß er die Tür öffnete. So gut es eben ging, versuchte ich. ihm die Sache durch das Schlüsselloch klar zu machen; und so lange ich sprach, lag da über mir das nichtswürdige Vieh, die magere Katze, und sauchte nuch^an^ww ein Te^us nid)t $u Ende kommen und schrie mich an, ich sollte mich nach Hause scheren zu meiner Flöte, und wenn ich es so eilig hätte, meinen Jungen zu verheiraten so konnte ich >a für ihn eine Frau in der Dampsmühle holen... S,e können sich denken daß nur bei diesen Grobheiten das Blut in den Kopf stieg, doch war ich klug genug mich zu beherrschen. Ich ließ den alten Narren in seiner Muhle und ging heim zu den Kindern, um ihnen rnitzuteilen, rote man mich empfangen hatte Die armen Lämmer wollten es nicht glauben und baten mich als besondere Gunst um die Erlaubnis, zusammen in di« Aiuhle hinauf- steigen zu dürfen, um mit dem Großvater zu sprechen... Ich hatte nicht den Mut, es ihnen abzuschlagen, und prrrl, da war mein verliebtes Pärchen schon auf und davon. „ ... .. Gerade als sie oben ankamen, hatte Meister Cornille di« Muhle verlassen. Die Tür war doppelt verschlossen; aber der alte Kerl hatte beim Weggehen seine Leiter draußen gelassen, und sofort kam den Kindern der'Gedanke, durch das Fenster einzusteigen, um sich in der verrufenen Mühle ein wenig umzusehen. . _ . , . Sonderbar! Die Mühle war vollkommen leer... Nicht ein Sack, kein einziges Korn Getreide, nicht der geringste Mehlstaub su den Wanden oder auf den Spinngeweben... Man spurte selbst nicht einmal den würzigen Geruch des zermahlenen Getreides, der sonst die Mühlen durch» schwängert... Der Wellbaum war mit Staub bedeckt und die magere Katze lag aus ihm und schlief. , , . ... Unten in der Mühle sah es genau so elend aus: «in schlechtes Bett, einige Lumpen, ein Stückchen Brot aus einer Stufe der Treppe, und dann in einem Winkel drei oder vier aufgeplatzte Sacke, aus denen Schutt und weiße Erde auf den Boden gefallen waren. Dies also war Meister Eornilles Geheimnis! Diesen Schutt, diesen Gips führte «r allabendlich auf den Straßen spazieren, um die Ehre seiner Mühle zu retten und die Welt glauben zu machen daß man darin noch immer Mehl mahle... Arme Mühle! Armer Cornille! Schon langst halte die Dampsmühle ihnen die letzte Kundschaft genommen. Die Flügel drehten sich zwar noch immer, aber die Mühle ging leer. Ganz in Tränen kamen die Kinder zurück und erzählten mir, was sie gesehen hatten. Mir wollte das Herz brechen... Ohne eine Minute zu verlieren lief ich zu den Nachbarn, und in ein paar Worten teilte ich ihnen die Sache mit. Wir beschlossen, sofort alles Getreide, das wir auf- treiden konnten, hinauf in Eornilles Mühle zu schaffen. Gedacht, getan... Das ganze Dorf machte sich auf den Weg, wie in einer Prozession kamen wir oben an mit einer langen Reihe von Eseln, die mit Getreide beladen waren — diesmal mit wirklichem Getreide! Die Mühle stand weit offen... Vor der Tür saß Meister Cornille auf einem Sack Gips und weinte, den Kops in feinen Händen verborgen. Bei seiner Rückkehr hatte er bemerkt, daß man während feiner Abwesenheit in die Mühle eingedrungcn war und sein trauriges Geheimnis entdeckt hatte. ... „Ach, ich armer Mann!" sagte er. „Nun bleibt mir weiter nichts übrig, als zu sterben... Die Mühle ist entehrt." Und er schluchzte, daß es einem das Herz zerschnitt, nannte seine Mühle mit allen möglichen Kosenamen und sprach zu ihr wie zu einem lebenden Wesen. . In diesem Augenblick tarnen die Esel auf dem freien Platz vor der Mühle an, und wir alle fingen mit lauter Stimme wie zur guten Zeit der Windmüller an zu schreien: „Hallo! Zu mahlen! ... Hallo! Meister Cornille!" Und die Säcke häuften sich vor der Tür auf, und von allen Seiten rann das schöne braunrote (Betreibe zur Erbe. Meister Cornille machte große Augen. Er hatte von bem (Betreibe in feine hohle alte Hanb genommen unb sagte unter Lachen und Weinen: „Korn! ... Herrgott! ... Wirkliches Korn! ... Laßt mich, daß ich mir's genau betrachte!" Dann roanbte er sich uns zu: „Ah! Ich wußte doch, daß ihr roieber zu mir kommen würbet... Alle diese Dampfmüller sind Spitzbuben." Im Triumph wollten wir ihn durch bas Dorf tragen. „Nein, nein, Kinber", wehrte er ab, „erst muß ich meiner Mühle zu essen geben ... Denkt boch nur! Wie lange ist es bereits her, bah sie nichts mehr zwischen den Zähnen gehabt hat!" Unb wir hatten alle Tränen in den Augen, als wir ben armen Alten nach rechts und nach links sich abarbeiten sahen, bald die Sacke aus- schüttend, halb bie Mühle überwachenb, während der seine Mehlstaub bis zur Decke emporslog. Man muß uns die Gerechtigkeit widersahren lassen: von jenem Tage Unsere urtümliche in Angora Hand. pankraz, -er Schmotter. Novelle von Gottfried Keller. "" Gutl°'d°chte" ich''wenn ich diese schonen Bilder der Desbemonab de r Helena der Imogen und anderer sah, die alle aus der hohen Selbstherrlichkeit' ihres Frauentums heraus ,o seltsamen Käuzen nachg.ngen und anhinaen rückhaltlos wie unschuldige Kinder, edel, stark und treu wie Hewen unwandelbar und treu wie die Sterne des H'wmels: gut h.er 'mir unlfrn ftattl Denn nichts anderes als ein solches festes, schon gebautes und gradaussahrendcs Frauenfahrzeug ist diese Lybia die ihren Anker nur einmal und dann in eine unergründliche Tiefe ausw.rtund wobt weiß was sie will. Diese Meinung ging gleich einer stählenden Sitzen S°nn7 in mir auf, und in deren Licht sah ich nun jede Bewegung und jede kleinste Handlung, jedes Wort des schönen Geschöpfes und es dauerte nicht lange, so überbot sie in meinen Augen alles, was der gute Dickter mit seiner mächtigen Einbildungskraft erfunden da dies lebendige Gedickt im Lickte der Sonne umherging in Fleisch und Blut, mit wirk- licken Herzschlägen und einem tatsächlichen Nacken voll goldener Locken, ^^as unheimliche Rätsel war nun gelöst und ich hv^e nichts weiter zu tun als mich n die^e mit dem Shakespeare in die Wette zusammen- a dickt te Seligkeit zu finden und mit Mühe meine geringfügige und unlkblicke Person für eine solche Laune des Schicksals oder des königlich großmütigen Frauengemütes einigermaßen leidlich zurechtzustutzen mitte ^ hundertfacher Pläne und Aussichten, welche sich an das große schoneLust- ickloß anbaueten Die unendliche Dankbarkeit und Verehrung, welche ich solchergestalt gegen die Geliebte empfand, hatte allerdings zum guten Teil br7n Grund in meiner sich geschmeichelt sühlenden Eigenliebe: aber gewiß mm. rnm nack arößeren Teile darin, daß diese Erklärungsweise die einzige 7ar w7l^ir mögllch chken ohne dies teuerste Wesen verachten und bemitleiden zu müssen: denn eine hohe Achtung, d.e ich für s« empfand, war mir zum Lebensbedürsnis geworden, und ",e,n Herz zitterte vor ihr, ä xsvfc aw äm s srüai'UÄÄ-s t «Sm." d«i, ”b.i war, wie die der Postkutschen und der großblumigen Bauermacken. (Ins Deutsche übertragen von Will Simon.) Angora, die Stadt mit dem Ooppelantlih. Von Dr. Leonore Kühn. T>„, j» eine seltsame Stadt, die da auf der öden Hochfläche Kleinasiens erstanden ist nnchde.n das türkische Reich durch den Weltkrieg se.ner europäischen Länderteile so gut wie völlig verlustig ging. Durch Energie und anaestrenate Bautätigkeit ist nun aus der uralten Felsenfeste zmrpra ltllrkiick Ankara genannt) «in wunderliches Gemisch von weltverlorenem Bergnest mit primitivsten Holzbauten und von fieberhaft aufstrebender Großstadt" nach modernsten und großartigen Planungen geworden breite stattliehe Straßen, einsam ausragende hohe Mietskasernen und Re- vräsentationsgebäude neben elenden Holzbaracken und ungepslasterten Straßen in^ denen man bei nassem Wetter den Fuß von der Haustur iiur direkt in den Wagen setzen kann, um nicht in grundlosem Schmutz zu versinken! Schon weil der deutsche Unternehmungsgeist — uurch den bekannten Architekten Professor H. Jansen — Mi d'esem Werk des neuerwachten nationalen Türkentums verbunden ist, lohnt es sich, euren Blick auf'dieses bedeutungsvoll gewordene Stadtgebilde zu werfen, das dem ehrwürdigen nnb kunstreichen Konstantinopel zur ronrbe. Schon die Fahrt von Konstantinopel nach Angora bietet viel des Merkwürdigen und jenes gleiche seltsame Gemisch von P^mitivltat und europäischer Bequemlichkeit. Gut 18 bis 20 Stunden dauert die Reise im direkten Schnellzug" von Konstaninopel, oder richtiger, vom lensettigen Haidar Pascha aus, der stattlichen modernen Kopfstation der Anatoli sehen Eisenbahn auf dem asiatischen Ufer des Bosporus. Wunderschön ist die erste Strecke, die noch längs der Ufer des Marmarameeres fuhrt, nut herzlichen Ausblicken auf freundliche Vororte und auf die Prinzeninseln, wo sich Trotzki ein Asyl schuf, auf den fernen sch'ieebedeckten Olyinp _ den asiatischen Olymp — und die echt türkische Stadt Jsmid mit ihren schönen Minaretts und klobigen Befestigungen an blauer Bucht. Liannibals Grabstätte liegt hier in der Nahe, und manche anderen Erinnerungen tauchen mit den interessanten, zyprefsenurnstandenen Ruinen län$nto aberVnb wir im primitivsten Hinterland. Der Llngora-Schnellzug ist ein Ereignis für die handelstüchtigen Einwohner der kleinen Stationen. Kinder und Frauen mit zierlich geschmückten Körbchen voll rotbackiger Aepfelchen, junge Burschen mit langen Stangen, auf denen die sehr^ wohlschmeckenden, sesambestreuten Brezeln ausgereiht i'^.-/^"bler mit srischm Eiern und sogar riesigen zappelnden Hummern, Hühnern und sonsUgea Eßwaren zu billigsten Preisen, — so suchen die Einwohner d>ese Markt- geleqenheit auszunützen. Manche junge türkische Hausfrau besseren Standes -wie wunderhübsche, sehr gepflegt« Kinder anzuseheri -macht vom bequemen Polsterwagen aus (es stnd unsere guten, ^"uatlich Wagen 2 und 1. Klasse mit dem wohlbekannten Pluschpolster) voll Wichtigkeit und Eifer ihre Einkäufe. Aber daneben reckt manche arme bleiche Frau im schwarzen Kopftuch ihren vermummten '«auqling bettelnd hoch vor die Fenster des Bahnwagens, und auf jeder Station fitzt eine Galen« abgemagerter, scheuer Hunde mit sehnsüchtigen, hungrigen Augen vor der nahrungsspendenden Wagenreihe oder galoppiert sogar um cm Stückchen Brot lange verzweifelt dem fahrenden Zuge nach. Nun windet sich der Zug durch großartige Schluchten und wilde enge Flußtäler hoch — zuletzt in Gebirgen, deren graugrunlicher, tonhaltiger Lehm eine fast leichenfarbige, unheimliche Landschaft von seltsamsten Formen schafft: spärliche, einsame kleine Ortschaften liegen darin verstreut. Es macht sich die Annäherung der Salzwust« bemerkbar und auf der Hochfläche Kleinasiens fährt man stundenlang durch eine endlo e. ei - töniqe Landschaft, deren einziger größerer Ort Eskischehr ist, der Knoten winkt für die Bahnlinie von Smyrna und Konstantinopel. Man steht buchstäblich nichts, nichts, nichts, außer einigen jämmerlichen Ortschaften, und die stolzerfüllte Aufregung der.EmheiMifchena^ Angora, der Musterfarm des allmächtigen und regsamen Kemal Vascha Gbari" näherte ist nur verständlich, wenn man weiß, daß eben sonstwirklich kaum etwas in dieser trostlosen^Ebene vorhanden 's- Em relativ stattliches „europäisches" Stationsgebäude und einige ratternde Automobile auf öder Zufahrtsstraße künden> d,e Raheder »Ufa be (Shnri mit den Musteranlaqen an. Auch einige industrieUe UNlerneymeii mit lu^nagelneuen Baulichkeiten unterbrechen die Monoton.« dieser ^Lda'nnstA man, in Angora angekommen, einfach °uf die blanke, WljaaMx» W<1 d°- ‘‘'ftÄSlMSS Münchnerin - wie auch das warineundkaltesließende^ Zimmer- dazu die schönen, niestgen Teppiche des Landes in versckwenoe Ü ch7r Fülle Auch sonst trifft man hilfreiche Landsleute - meist. Tech^ niker oder Bauarbeiter. Denn die Unternehmungen bedürfen mancher deutschen Arbeitskraft, die ja in der Türkei h°-hgeschatzt und mit ^m- WS’Ä'ÄÄ Ä Denkmal, auch moderne Bankgebaude «"d «in großartiges Mu eu h ch oben auf einem sonst oben Schut Hügel, der en'geKletterpart.-nburm Steine, Scherben und grundlosen Lehm verlangt, denn d e AiUo konn noch nicht überall hingelangen. Sogar eine kunstgewerbliche Schute g einsam an einem der oben, breiten Boulevarbs auf, und diese rofsinier. teren Geschmackskünste berühren dort ganz eigenartig, wo noch nicht einmal die primitivsten Ledens- und Wohnbedürsnisse auch nur zum Teil erfüllt sind. Die eigentlichen Bazarviertel der Altstadt mit ihren schmalen Holzbudenreihen aus genagelten Brettern und den.primitiven Eßwaren, die malerischen Gruppen von Kamelen, Ziegen und Eseln an den Brunnen und vor de» Moscheen, die bunten, zerlumpten Trachten der dunkelfarbigen Männer, von unheimlichem, wild-großartigem ü.yp, und die Frauen, die meist noch entsetzt das Gesicht hinter dem schwamen riesem haften Tuch verbergen, das die ganze Gestalt nonnenhaft verhüllt das gibt doch einen nachdenklichen Kontrast zu den wenigen verlorenen modernen Prunkbauten der Stadt, deren größter Teil übrigens zunächst weiter weg vom alten Zentrum Angoras sich entwickelt, sozusagen eine zweite, neue künstliche Stadt, die viel Kosten gemacht hat. Sogar das Trinkwasser muh als kostbarer Import von Konstantinopel herangebracht werden, und die Gemüse werden zunächst noch alle von weither 8"angefchafstl Die türkische Hausfrau, die nicht gerade die allerprunitivste Ledenswe se ihren will hat es in Angora nicht einfach, und auch mancherlei gesundheitliche Gefährdungen sind für die Nichtcinheimifchen zu überwinden. Sehr intereffant sind eine Reihe großartiger uralter hethitischer und sonstiger asiatischer Skulpturen, Grabsteine und üewaltig- Reste voi uralten Kultbauten, die vor einem vom Deutschen Archäologischen Institut vor kurzem ausgegrabenen stattlichen Tempel, dem Augustusteinpel aus römischer Zeit, im Freien gruppiert sind Um sie zu bestchtigen muß e man aber erst den dicksten Schnee von die en seltenen Kunstwerken absegen, und man watete bis über die Knöchel im nassen Schnee. Das Klima .st naturgemäß auf dieser Hochfläche sehr rauh. M ©ine Feuersbrunst hat vor einigen Jahren große Teile der Altstadt zerstört und so von selber Platz für Neues gefchaffen. Aber noch stehen ganze Gaffen von Holzhäuser» mit vorspringenden, primitiven Erkern, bie bei Tauwetter den Passierenden unbarmherzig durchnassen der stch etwa mit dem offenen Wagen in das Gewirr dieser oberen Straßen» viertel wagt, um zu der interessanten alten Burgmauer mit ihren vielen Türmen zu gelangen oder zum uralten Schloß, das auf einem steil- abfallenden Felsen über stillen Tälern thront. . Außer den berühmten Angorakatzen und Angoraziegen ist hier noch höchst merkwürdig eins der allerältesten menschlichen Gefährte, der Dchscn- karren mit zwei klobigen Rädern und an Stangen ausgehangtem Ledersack als schwankender Behälter für den Reisenden. Auch ein primitiver Dreschschlitten aus Holz mit eingesetzten schürfen Steinen und anderes ■ • ' Gerät hat sich hier noch im Gebrauch erhalten. So reichen sich älteste Kulturtraditionen und neueste Kulturbestrebungen die (Fortsetzung.) Shylocks möchten uns wohl das Fleisch ausschneiden, aber sie werden nun und nimmer eine Barauslage zu diesem Behuf wagen und unsere Kaufleute von Venedig geraten nicht wegen *ne7 luftigen Habenichts von Freund in Gefahr, sondern wegen einfältigen Aktienschwindels und halten dann nicht im mindesten so sch melancholische Reden, sondern machen em ganz dummes Gestcht dazu. Dock eigentlich find, wie gesagt, alle solche Leute wohl m der Welt, ober nicht so^ hüb sch beisammen, wie in jenen Gedichten ; "'s Erüft ^'n ganzer Sckurke auf einen ganzen wehrbaren Mann, nie em vollständiger Ra N einen unbedingt klugen Fröhlichen, so daß es zu keinem rechten Traueriviel und zu keiner guten Komödie kommen kann Ick aber las nun die ganze Nacht in diesem Buche und verfing mich ganz in ^ms lben da es mir gar so gründlich und sachgemäß geschrieben kckkn 7nd m r außerdem eine solche Arbeit ebenso neu als verdienstlich vmkam We7 nun alles übrige ,o tresflich, wahr und ganz erschien und üd es Mr die eigentliche und richtige Welt hielt, so verließ ich mich ms- befonberc auch bei ben Weibern, die «s vorbrachte, ganz auf ihn, verlockt imb geleitet von dem schönen Sterne Lydia, und ich glaubte, hier ginge mk eck Licht aiis mid sei die Lösung meiner zweiseloollen Verwirrung das noch vor keinem Menschen und vor keinem wilden Tiere gezittert hatte. So ging ich wohl ein halbes Jahr lang herum wie ein Nachtwandler, von Träumen so voll hängend, wie ein Baum voll Aepfel, alles, ohne mit Lydia um einen Schritt weiterzukommen. Ich fürchtete mich vor dem kleinsten möglichen Ereignis, etwa wie ein guter Christ vor dem Tode, den er zagend scheut, obgleich er durch selbigen in die ewige Seligkeit einzugehen gewiß ist. Desto bunter ging es in meinem Gehirn zu, und die Ereignisse und aufregendsten Geschichten, alles aufs schönste und um zweifelhafteste sich begebend, drängten und blühten da durcheinander. Ich versäumte meine Geschäfte und war zu nichts zu brauchen. Das Aergfte war mir, wenn ich stundenlang mit dem Alten Schach spielen mußte, wo ich dann gezwungen war, meine Aufmerksamkeit an das Spiel zu fesseln, und die einzige Muhe für meine schweren Liebesgedanken gewährte mir die kurze Zeit, wenn ein Spiel zu Ende war und die Figuren wieder aufgestellt wurden. Ich ließ mich daher so bald als immer möglich, ohne daß es zu sehr auffiel, matt machen und hielt mich so lang« mit dem Aufstellen des Königs und der Königin, der Läufer, Springer und Bauern auf und rückte so lange an den Türmen hin und her, daß der Gouverneur glaubte, ich sei kindisch geworden und tändle mit den Figürchen zu meinem Vergnügen. Endlich aber drohete meine ganze Existenz, sich in müßige Traumseligkeit aufzulösen, und ich lief Gefahr, ein Tollhäusler zu werden. Zudem war ich trotz aller dieser goldenen Luftschlösser unsäglich kleinmütig und traurig, da, ehe das letzte Wort gesprochen ist, die solchen wuchernden Träumen gegenüber immer zurückstehende Wirklichkeit niederdrückt und die leibhafte Gegenwart etwas Abkühlendes und Abwehrendes behält. Es ist das gewissermaßen die schützende Dornenrllstung, womit sich die schöne Rose des körperlichen Lebens umgibt. Je freundlicher und zutulicher Lydia war, desto ungewisser und zweifelhafter wurde ich, weil ich an mir selbst entnahm, wie schwer es einem möglich wird, eine wirkliche Liebe zu zeigen, ohne sie ganz bei ihrem Namen zu nennen. Nur wenn sie streng, traurig und leidend schien, schöpfte ich wieder einen halben Grund zu einer vernünftigen Hoffnung, aber dies quälte mich alsdann noch viel tiefer, und ich hielt mich nicht wert, daß sie nur eine schlimme Minute um meinetwillen erleiden sollte, der ich gern den Kopf unter ihre Füße gelegt hätte. Dann ärgerte ich mich wieder, daß sie, um guter Dinge zu sein, verlangt«, ich sollt« etwa aussehen wie ein verliebter närrischer Schneider, da ich doch kein solcher war und ich auf meine Weise schon gedachte, beweglich zu werden zu ihrem Wohlgefallen. Kurz, ich ging einer gänzlichen Verwirrung entgegen, war nicht mehr imstande, ein einziges Geschäft ordnungsgemäß zu verrichten, und lief Gefahr, als Soldat rückwärts zu kommen oder gar verabschiedet zu werden, wenn ich nicht als ein abhängiger dienstbarer Lückenbüßer, der zu weiter nichts zu brauchen, mich an das Haus des Gouverneurs hängen wollte. Als daher die Engländer in bedenkliche Feindseligkeiten mit indischen Völkern gerieten und ein Feldzug eröffnet wurde, der nachher ziemlich blutig sür sie aussiel, entschloß ich mich kurz und trat wieder in meine Kompanie als guter Kombattant, vom Gouverneur meinen Abschied nehmend. Derselbe wollte zwar nichts davon wissen, sondern polterte, bat und schmeichelte mir, daß ich bleiben möchte, wie alle solche Leute, die glauben, alles stehe mit seinem Leib und Leben, mit seinem Wohl und Wehe nur zu ihrer Verfügung da, um ihnen die Zeit zu vertreiben und zur Bequemlichkeit zu dienen. Lydia hingegen ließ sich während der drei oder vier Tage, während welcher von meinem Abzug die Rede war, kaum sehen. Geschah es aber, so sah sie mich nicht an oder warf einen kurzen Blick voll Zornes auf mich, wie es schien; aber nur das Auge schien zornig, ihr Gang und ihre übrigen Bewegungen waren dabei so still, edel und an sich haltend, daß dieser schöne Zorn mir das Herz zerriß. Auch hörte ich, daß sie des Morgens sehr spät zum Vorschein käme und daß man sich darüber den Kopf zerbräche; denn es deutete darauf, daß sie des Nachts nicht schlafe, und als ich sie am letzten Tage zufällig hinter ihrem Fenster sah, glaubte ich zu bemerken, daß sie ganz verweint« Augen hatte; auch zog sie sich schnell zurück, als ich vorllberging. Nichtsdestominder schritt ich meinen steifen Feldwebelsgang ruhig fort und verrichtete alles, weder rechts noch links sehend. So ging ich auch gegen Abend mit einem Burschen noch einmal durch die Pflanzungen, um ihn, die Obhut derselben einigermaßen zu zeigen und ihn so gut es ging zu einem provisorischen Gärtner zuzustutzen, bis sich ein tauglicheres Subjekt zeigen würde. Wir standen eben in einem schlanken Rosenwäldchen, das ich gezogen hatte; die Bäumchen ragten just in die Höhe des Gesichtes und waren so dicht, daß wenn man darin herumging, die Rosen einem an der Nase streiften, was sehr artig und bequem war und wozu der Gouverneur sehr gelacht hatte, da er sich nun nicht mehr zu bücken brauchte, um an den Rosen zu riechen. Als ich dem Burschen meine Anweisungen erteilte, kam Lydia herbei und schickte ihn mit irgendeinem Auftrage weg, und indem sie gleich mitzugehen willens schien, zögerte sie doch eine kurze Zeit, einige Rosen brechend, bis der Diener weg war. Ich zerrte ebenfalls noch ein Weilchen an einem Zweig« herum und, wie ich mich umdrehte, um zu gehen, sah ich, daß ihr Tränen aus den Augen fielen. Ich hatte Mühe, mich zu bezwingen, doch tat ich, als ob ich nichts gesehen, und eilte hinweg. Doch kaum war ich zehn Schritte gegangen, als ich hörte und fühlte, wie sie, bald laufend, bald stehen- bleibend, hinter mir herkam, und so eine ganze Strecke weit. Ich hielt dies nicht mehr aus, wandte mich plötzlich um und sagte zu ihr, die kaum noch drei Schritte von mir entfernt war: ,Warum gehen Sie mir nach, Fräulein?' Sie stand still, wie von einer Schlange erschreckt, und wurde, den Blick zur Erde gesenkt, glühendrot im Gesicht; dann wurde sie bleich und weiß und zitterte am ganzen Leibe, während sie die großen blauen Augen zu mir ausschlug und nicht ein Wort hervorbrachte. Endlich sagte sie mit einer Stimme, in welcher empörter Stolz mit gern ertragener Demütigung rang: ,Jch dente, ich kann in meinem Besitztum« herumgehen, wo ich will!' .Gewiß!' erwiderte ich kleinlaut und setzte meinen Weg fori. Sie war jetzt an meiner Seite und ging neben mir her. Ich ging aber in meiner heftigen Aufregung mit so langen und raschen Schritten, daß sie trotz ihrer kräftigen Bewegungen mir mit Mühe folgen konnte, und doch tat sie es. Ich sah sie mehrmals groß an von der Seite und sah, daß ihr die Augen wieder voll Wasser standen, indessen dieselben wie kummervoll und demütig auf den Boden gerichtet waren. Mir brannte es ebenfalls siedendheiß im Gesicht, und meine Augen wurden auch nah. Die Sache stand jetzt dergestalt auf der Spitze, daß ich entweder eine Dummheit oder eine Gewissenlosigkeit zu begehen im Begriffe stand, wovon ich weder das eine noch das andere zu tun gesonnen war. Doch dachte ich, indem ich so neben ihr herschritt, in meinen armen Gedanken: Wenn dies Weib dich liebt und du jemals mit Ehren an ihre Hand gelangest, so sollst du ihr auch dienen bis in den Tod, und wenn sie der Teufel selbst wäre! Indem erreichten wir eine Stätte, wo ein oder zwei Dutzend Orangenbäume standen und di« Luft mit Wohlgeruch erfüllten, während ein süßer frischer Lufthauch durch die reinlichen edelgeformten Stämme wehte. Ich glaube diesen betörenden Hauch und Duft noch jetzt zu fühlen, wenn ich daran denke; wahrscheinlich übte er eine ähnliche Wirkung auf das Geschöpf, das neben mir ging, daß es {eine wundersame Leidenschaft, welche die Liebe zu sich selbst war, so auss äußerste empfand und darstellte, als ob es eine wirkliche Liebe zu einem Manne wäre; denn sie ließ sich auf eine Bank unter den Orangen nieder und senkte das schöne Haupt auf die Hände; die goldenen Haare fielen darüber und reiche Tränen quollen durch ihre Finger. Ich stand vor ihr still und sagte mit versagender Stimme: .Was wolle» Sie denn, was ist Ihnen, Fräulein Lydia?' .Was wollen Sie denn!' sagte sie, .ist es je erhört, ein« schöne und feine Dame so zu quälen und zu mißhandeln! Aus welchem barbarischen Lande kommen Sie denn? Was tragen Sie für ein Stück Holz in der Brust?' .Wie quäle, wie mißhandle ich denn?' erwiderte ich unschlüssig und betreten; denn obgleich sie einen guten Sinn haben konnte, schien mir diese Sprache dennoch nicht die rechte zu sein. .Sie sind ein grober und übermütiger Mensch!' sagte sie, ohne aufzublicken. Nun konnte ich nicht mehr an mich halten und erwiderte: .Sie würden dies nicht sagen, mein Fräulein, wenn Sie wüßten, wie wenig grob und übermütig ich in meinem Herzen gegen Sie gesinnt bin! Und es ist gerade meine große Höflichkeit und Demut, welche —' Sie blickte, als ich wieder verstummte, auf, und das Gesicht mit einem schmerzlichen, bittenden Lächeln aufgehellt, sagte sie hastig: .Nun?' Wobei sie mir einen Blick zuwarf, der mich jetzt um den letzten Rest von Ueber- legung brachte. Ich, der ich es nie für möglich gehalten hätte, selbst dem geliebtesien Weibe zu Füßen zu fallen, da ich solches für «ine Torheit und Ziererei ansah, ich wußte jetzt nicht, wie ich dazu kam, plötzlich vor ihr zu liegen und meinen Kopf ganz hingegeben und zerknirscht in den Saum ihres Gewandes zu verbergen, den ich mit heißen Tränen benetzte. Sie stieß mich jedoch augenblicklich zurück und hieß mich aufstehen; doch als ich dies tat, hatte sich ihr Lächeln noch vermehrt und verschönert, und ich rief nun: ,Ja — so will ich es Ihnen nur sagen', und so weiter, und erzählte ihr meine ganze Geschichte mit einer Beredsamkeit, di« ich mir kaum je zugetraut. Sie horchte begierig auf, während ich ihr gar nichts verschwieg vorn Anfang bis zu dieser Stunde und besonders ihr auch aus überströmendem Herzen das Bild entwarf, das von ihr in meiner Seele lebte und wie ich es seit einem halben Jahre ober mehr so emsig und treu ausgearbeitet und vollendet. Sie lachte vor sich niederseh'end und voll Zufriedenheit lauschend, die Hand unter das Kinn stützend, und sah immer mehr einem seligen Kinde gleich, dem man ein gewünschtes Spielzeug gegeben, als sie hörte und vernahm, wie nicht einer ihrer Vorzüge und Reize und nicht eines ihrer Worte bei mir verlorengegangen war. Dann reichte sie mir die Hand hin und sagte, freundlich errötend, doch mit zufriedener Sicherheit: .Ich danke Ihnen sehr, mein Freund, für Ihre herzliche Zuneigung! Glauben Sie, es schmerzt mich, daß Sie um meinetwillen so lange besorgt und eingenommen waren; aber Sie sind ein ganzer Mann und ich muß Sie achten, da Sie einer so schönen und tiefen Neigung fähig sind!' Diese ruhige Rede fiel zwar wie ein Stück Eis in mein heißes Blut; doch gedachte ich sogleich, es ihr wohl und von Herzen zu gönnen, wenn sie jetzt die gefaßte und sich zierende Dame machen wolle, und mich in alles zu ergeben, was sie auch vornehmen und welchen Ton sie auch anschlagen würde. Doch erwiderte ich bekümmert: .Wer spricht denn von mir, schöne, schöne Lydia! Was hat alles, was ich leide oder nicht leide, erlitten haste oder noch erleiden werde, zu sagen gegenüber auch nur einer unmutigen ober gequälten Minute, bie Sie erleiben? Wie kann ich unwerter unb ungefüger Gesell« eine solche je ersetzen ober vergüten?' .Nun', sagte sie, immer vor sich nieberblickenb und immer noch lächelnb, boch schon in einer etwas oeränberten Weise, .nun, ich muß allerdings gestehen, daß mich Ihr schroffes und ungeschicktes Benehmen sehr geärgert und sogar gequält hat; denn ich war an so etwas nicht gewöhnt, vielmehr baß ich Überall, wo ich hinkam, Artigkeit und Ergebenheit um mich verbreitete. Ihre scheinbar« grobe Fühllosigkeit hat mich ganz schändlich geärgert, sage ich Ihnen, und um so mehr, als mein Vater und ich viel von Ihnen hielten. Um so lieber ist es mir nun, zu sehen, daß Sie doch auch ein bißchen Gemüt haben, und besonders, daß ich an meinem eigenen Werte nicht länger zu zweifeln brauche; denn was mich am meisten kränkte, war dieser Zweifel an mir selbst, an meinem persönlichen Wesen, der in mir sich zu regen begann. Uebrigens, bester Freund, empfinde ich keine Neigung zu Ihnen, so wenig als zu jemand anderem, und hoffe, daß Sie sich mit aller Hingebung und Artigkeit, die Sie soeben beurkundet, in das Unabänderliche fügen werden, ohne mir gram zu sein!' (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sehe Universitäts-Vuch- und Sleinoruckecei, R. Lange. Otcfjen.