GietzenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang Freitag, den 3|.3uli Nummer 59
Lied des Lames Monmouth.
Bon Theodor Fontane.
Es zieht sich eine blutige Spur Durch unser Haus von alters, Meine Mutter war seine Buhle nur, Die schöne Lucy Walters.
Am Abend war's, leis wogte das Korn,
Sie küßten sich unter der Linde, Eine Lerche klang und ein Jägerhorn. — Ich bin ein Kind der Sünde.
Meine Mutter hat mir oft erzählt
Von jenes Abends Sonne, Ihre Lippen sprachen: Ich habe gefehlt! Ihre Augen lachten vor Wonne.
Ein Kind der Sünde, ein Stuartkind, Es blitzt wie Veil von weiten. Den Weg, den alle geschritten sind, Ich werd' ihn auch beschreiten.
Das Leben geliebt und die Krons geküßt
Und den Frauen das Herz gegeben. Und den letzten Kuß auf das schwarze Gerüst, — Das ist ein Stuartleben.
Maria Stuarts Schuld.
Bon L i e s b e t Dill.
(Nachdruck verboten.)
Im Nationalmuseum zu Edinburg liegt im Glaskasten, neben perl- zestickten Atlashandschuhen und unwahrscheinlich kleinen, seidenen Stöckel- chuhen verblichener Königinnen, ein schmaler weißer, goldbestickter Atlas- ragen, den Maria Stuart an ihrem unheilvollen Hochzeitstage trug, 'Is sie sich mit dem Grafen B o t h w e l l trauen ließ, der als Mörder hres zweiten Mannes, Lord D a r n l e y , galt. Im Einverständnis mit hr, sagen ihre Feinde. Jedenfalls gehörte Bothwell zum „Geheimbund ler Lords", die sich zu Darnleys Tötung verbündet hatten. Es gibt eine janze Literatur über Maria Stuart, aber gelöst hat das Rätsel noch »iemand. Wir wollen uns nur mit den Tatsachen beschäftigen.
Als Maria Stuart sechs Tage alt war, wurde sie Waise. Mit 16 Jahren wurde sie aus politischen Gründen an den Dauphin von Frankreich verwählt. Aber diese Ehe war von kurzer Dauer. Der Dauphin starb nach «um drei Jahren an Ohrenkrebs in dem düsteren Schlosse zu Blois, das » viele blutige Taten gesehen. In demselben Schloß hielt der Sohn Mana ii'ä Midicis seine eigene Mutter gefangen, und Marias beide Onkel, der Herzog von Guise und der Kardinal von Lothringen, wurden dann rmordet. Als neunzehnjährige Witwe kam Maria nach Schottland zuruck, dessen Thron bis dahin ihr Bruder als Regent verwaltet hatte. Dank des Nebels entging sie den nach ihr fahndenden Schiffen, die ihr Elija- e t h, die Königin von England, entgegensandte. Elisabeth war die Ruck- !
lien,^ankreichs die tpfe Schottlands und die Kronen, die ihr kein Gluck gebracht haben In l*n meisten schottischen Schlössern an der Küste, die n>«erumrausch oder >msam im Lande liegen, haben sich schauerliche Dramen abgespielt die -armlos begannen, mit Hochzeitsmahlen und fröhlichen sausen ahnung- bser Kinder, die später ermordet oder zu Mördern gemacht wurden, grausam und blutig ist die Geschichte Schottlands! Wenn man drnch d. Bildergalerien der Schlösser wandert, findet man ^E^n Minitters oder Anes Köniqs oder feiner Frau, eines üords, Fürsten, I < , Kardinals em Kreuz, das heißt: hingerichtet, getopft gehan g t, ermorb t "ergiftet. Aus einem solchen Schlosse stammend, in einem solchen Lande
im 16. Jahrhundert lebend, schien Marias Schicksal von einem düsteren Horoskop bestimmt.
Maria Stuarts berühmtes Porträt als junge Witwe in schneeweißer Trauer „La veuve en Deuil blanc“ hängt im Museum von Edinburg. Kastanienrot schimmert ihr lockiges Haar unter der koketten weißen Wit- wenschnebbe, ihre Augen lächeln mysteriös und ihr feiner roter Mund schweigt so beredt. Sie war anmutig, nobel, freidenkend und von Natur liebenswürdig. "Es beginnt ein atemloser Kampf unter den Lords um ihre Gunst, ihr Lächeln, einen Händedruck, ein« Gnade. Temperamentvoll und verführerisch, wußte sie alle zu faszinieren. Nur einen nicht: den strengen Reformator Knox, der in einem Weiberregiment nur Unheil sah. Sein „Blast against the Regiment of Women“ erregt viel Aufsehen und stempelte ihn zum Feind der Königin. Ihre Regierung begann mit Kämpfen im eigenen Lande, mit Schwierigkeiten mit den Lords, mit dem eigenen Bruder, mit den Protestanten. Ihr Privatleben beschäftigte die ganze Welt.
Sie schrieb elegante Briefe von bezaubernder Glätte und Klarheit der Gedanken. Mit Angst sah die königliche „Virago“ Elisabeth von England, die keinem Prinzen den Sitz an ihrer Thronseite gönnte, zu, wie sich die Fürsten um die schöne Witwe bemühten. Wenn Elisabeth kinderlos starb — es schien so —, und Maria Stuart hatte einen Sohn, so wurde dieser Erbe dreier Throne. Elisabeth hatte Liebhaber und Günstlinge, aber Maria nahm die Liebe ernst. Der 19jährige Lord Darnley, einer der schönsten Männer seiner Zeit und von gigantischer Gestalt, eroberte sie. Sie heiratete ihn heimlich. Rizzio, ihr Sekretär, hat ihr das Hochzeitszimmer mit eigener Hand in dem Unglückspalaft Holyrood hergerichtet.
Aber Maria hatte keine glückliche Hand. Ihre Ehe mit Darnley war stürmisch und voller Kämpfe. Darnley, der seine Macht über ihr Herz suhlte, anfgestachelt von einem ehrgeizigen Vater, verlangte königliche Rechte; und die konnte ihm selbst eine verliebte junge Frau nicht geben. Seine ehrgeizigen Wünsche stiegen ins Unerreichbare. Darnleys Betragen als Prinzgemahl wurde unerträglich. Er trank, gab seinen Lastern nach, die Ehe wurde sehr unglücklich. Darnley trotzte, entzog sich ihr und lebte bei feinem Vater in Glasgow. Zur Zeit» als die Gerüchte auftauchten, sie ließen sich scheiden, ein damals ungewöhnliches Ereignis, erwartete Maria ein Kind.
Eines Abends wurde ihr Vorleser Rizzio von den Lords, die bei ihr eindrangen, in ihrem Supperroom vor ihren Augen bestialisch durch Dolchstiche ermordet. Sie flüchtete, um ihr Kind sicher zur Welt zu bringen, auf das hochgelegene Felfenschloß, das Edinburg überragt. Dort kam der kleine Jakob hinter Zugbrücken und Stacheltoren zur Welt. Sein« laufe hat nicht einmal fein Vater mitgemacht.
Elisabeth wurde Patin von Jakob, seine Godmother. Darnley lag an Pocken erkrankt in Glasgow. Maria besuchte ihn, es kam zu einer oberflächlichen Versöhnung zwischen den Gatten. Er tarn zurück, bezog aber nicht das Stadtschloß, sondern ein abgelegenes Haus, Kirk of Field, das dort stand, wo heute die Universität Edinburgs liegt. An einem Februarmorgen um drei Uhr geschah etwas Furchtbares. Ein fürchterliches Getöse ließ die Schläfer Edinburgs auffahren. Kirk of Field war in die Luft geflogen, seine Bewohner herausgeschleudert und getötet. Ruinen ringsum. Darnley war tot. Seine Mörder waren spurlos entkommen. Die Königin zeigte sich untröstlich, schloß sich tagelang in ein dunkles Zimmer ein. Sie setzte zweitausend Pfund aus für die Entdeckung der Mörder, aber die Proklamation ergab nichts. Man hat lange über den Schrei verhandelt, den eine alte Frau gehört haben will: „Mercy, my cousins“, der von Darnley herrühren sollte. Der Tod Darnleys blieb ein Mysterium.
Darnleys Vater, Graf von Lenox, schrieb an die Königin und beschuldigte Graf Bothwell als den Mörder seines Sohnes. Man munkelte, daß die Königin selbst bei diesem Mord die Hand im Spiele gehabt habe, daß sie von dem „Geheimbund der Lords" beeinflußt gewesen sei. Aber wer der eigentliche Mörder war, wer Darnley erdrosselt hatte, darüber hat sich nie der Schleier gelüftet. Die Mörder trugen Masken und entkamen unerkannt. Bothwells Verhaftung, fein Verhör ergaben keine Schuldbeweife. Morton und Lethington schützten Bothwell. Niemand rührte einen Finger zu der Verteidigung der Königin.
War ihre Heirat mit Graf Bothwell eine Liebesheirat? Keineswegs. Bothwell nahm sich diese schöne Hand mit Gewalt. Durch einen Handstreich gelang es ihm, die Königin auf einem Spazierritt abzufangen, sie in sein Schloß Dunbar am Meer zu entführen. Dort hielt er sie zwölf Tage lang gefangen, besetzte das Schloß und zwang sie, seine Frau zu werden. Willigte sie ein aus Furcht, aus Not, aus Verzweiflung? Ihre Gesundheit war erschüttert, ihr Gemüt verdüstert und geängstigt. Sie saß gefangen in Dunbar. Niemand rührte sich, ihr zu helfen. Die Lords waren im Bunde mit Bothwell. Kaum drei Monate nach dem Tod ihres zweiten Satten, am 15. Mai, wurde Maria Stuart mit Bothwell getraut.
Er hatte sich dazu erst von seiner eigenen Frau scheiden lassen müssen, was sehr rasch vonstatten flin. . .. .. ,
War ihre erste Ehe traurig, die zweite unglücklich, so ist ihr diese dritte zum Verhängnis geworden, Bothwell war Protestant, Er hat spater auf seinem Totenbett gestanden, daß ihm „die Verführung der Königin mit Hilfe von sweet waters“ gelungen sei,
„Er wird nicht lange ihr Ehemann sein , schrieb du Croc an Katharina von Medici, „er ist zu verhaßt in seinem Königreich," Also wieder keine Aussicht auf ein langes Glück! Bothwell galt im Volke als Lwrn- leys Mörder. Auf ihrer jungen Ehe lag ein Schatten, Bis dahm geliebt, vergöttert, verwöhnt, schlug nach dem unaufgeklärten Mord an Darnley die Stimmung gegen die Königin plötzlich um. Feindseligkeiten und Intrigen setzten ein, Religionskämpfe im eigenen Lande. Ihre Negierung war nur noch ein Scheinregiment. Man trachtete ihr nach dem Leben. Sie wurde gewarnt, floh in Männerkleidung und Sporen mit Bothwell, verbarg sich in einem einsamen Schloß und entkam ihren Verfolgern. Aber ihrem Schicksal entkam sie nicht.
Eines Tages brach der Sturm offen gegen sie aus. Man setzte sie in dem einsamen Schloß Loch-Leven am Meer gefangen und zwang ihr die Feder in die Hand, mit der sie ihre Abdankung unterschrieb. Und dann kam das Ende. Es gelang Maria zwar, nachts übers Meer zu entfliehen, aber nach England, in die Arme Elisabeths, die schon lange auf diesen Tag gewartet hatte. Das Ende war Schloß Fotheringhay, eine neunzehnjährige Gefangenschaft und das Schafott. Auch auf ihren letzten Bildern, in der Gefangenschaft gemalt, hat Maria Stuart immer noch ihre feinen Hände, die unheimlich schillernden Augen und diesen rätselhaften kapriziösen roten Mund.
Im Britischen Museum liegt ein Brief Marias an Lord Burghley, in dem sie ihre bescheidene Einrichtung in ihrer Festung auszeichnete, und ihr letztes Schreiben an Elisabeth, in dem sie bittet, ihrem Leiden „rasch ein Ende zu machen". — „Gott mag denen vergeben, die mein Blut vergossen haben", war ihr letztes Wort. Bothwell war es gelungen, sich ins Ausland zu retten; er wurde in Dänemark gefangen und sah lange in Malmö im Gefängnis. Er starb geisteskrank im dänischen Gefängnis. Er beichtete, daß die Königin keine Schuld an Darn- leys Tod gehabt hätte. In einer Galerie Edinburgs hängt fein letztes Bild, ein „mumifizierter Kopf". Die Gründer des blutigen „Bund der Lords" endeten alle rasch: Marias Nachfolger, ihr Halbbruder Murray, der Regent, wurde nach kaum dreijähriger Regierung ermordet; fein Nachfolger Lenox wurde gestürzt. Lethington starb an Gift, Kirkcaldy wurde gehängt, „mit d-m Gesicht nach der Sonne". Hunthly verunglückte auf schreckliche Art. Nur Archibald Douglas, „dem alten Fuchs", gelang die Flucht nach England; er wurde verbannt. Morton überlebte sie alle; er nahm die Stelle Murrays ein, aber auch ihn ereilte das Schicksal: er starb auf dem Schafott.
Marias Sohn, der kleine Jakob VI., blickt auf den Bildern in feinen zu kleinen Feberhütchen, einen großen Falken auf der kleinen Faust, so hilflos und unglücklich in die Welt. Seine Mutier war gefangen, er war allein — ein kränklich Haffes, trauriges, armes Kind, ein kleiner Märtyrer. Er hat keine sonnige Jugend verlebt. Und seine erste Tat war bei seinem Regierungsantritt, daß er Martan als „Mörder seines Vaters" hinrichten und den Körper seiner enthaupteten Mutter in ihrer Heimat feierlich bestatten ließ.
Sollen bei mir sein!
Don Hans Franck.
Ich weih — wehrt, noch ehe jemand widerspricht, die siebcnundsiebzig- jährige Doris ab, die man auf den Wunsch ihres Brustkindes, des fünfzigjährigen Doktors der Medizin Alwin Thedering, aus dem Hühnerftall in den gästegefüllten, braungetäfelten Speisesaal gerufen hat — ich weiß: Man hält uns Ammen für die Speicher des Aberglaubens, und ich will mich gewitz nicht leer davon sprechen. Ich mach auch mit keiner Arbeit am Montag den Anfang, stell auch in der ersten Mainacht den Besen rechterhand neben die verschlossene Haustür, klopf auch, wenn einer sich im Lob der Gegenwart übernimmt, dreimal unter den Tisch. Aber dies hab ich so gewiß erlebt, wie ich dem Pastor Dorothea heiße, obwol alle andern mich Doris rufen. Und wenn man mich vor Gericht schleppt, wo man ja wohl drei Finger zum Himmel heben muß, weil sie einem sonst nicht glauben, daß man die Wahrheit spricht, so werd ich alle zehn Finger hochhalten und sagen: „Es war, wie ich's erzähl!" — Nicht ungeduldig werden, Herr Alwin. Ich fang ja schon an--
Also: Es geschah in jenem Jahr, als Deutschland drei Kaiser hatte. Achtzehnhundertachtundachtzig. Unsre Frau war bereits sechs Monate aus dem Haus. Krank! Brustkrank sagten wir gewöhnlichen Leut. Der Herr und die Nachbarn, welche Sonntags mit der Kutsche zum Nachsragen tarnen, sagten anders. Der Doktor sagte noch anders. Wir meinten aber alle das Gleiche.
Im Januar hate man unsre Frau weggefahren. An einen See. Hinter jene Berge, die so hoch sein sollen, daß sie den Nordwind zurückhalten. Sie wollte nicht von Haus fort.
„Sterben", fagte unsre Frau, „sterben muß ich hier — sterben muß ich da. Ich weiß nicht, ob man dem Menschen das Sterben leicht machen kann. Daß man's ihm schwer machen kann, weiß ich jetzt. Laßt mich doch hier!"
Aber der Herr — dreiunddreißig war er damals, dreißig unsre Frau ■— der Herr und auch der Doktor sagte: „Von Sterben kann keine Rede fein. Nur von Gesundwerden. Hier allerdings dauert Jahre, was wir dort in Monaten schaffen!"
Unsre Frau hat ihnen nicht geglaubt. Das sah ich wohl. Der Herr sah es auch. Und der Doktor sah es. Doch sic drängten: „Fort!"
Schließlich sagte unsre Frau: „Ja!" Aber eh' sie Ja sagte, lieh sie sich vom Herrn versprechen: „Wenn die letzte Stunde kommt, sollen meine Kinder bei mir sein!" Sie verlangte fein Gelöbnis aufs Wo und Wie. Nur: „Die Kinder sollen bei mir sein!" Ob man unsre Frau rechtzeitig hierher zurück, ob man Sie, Alwin, und Sie, Renate, rechtzeitig an den
See hinter den hohen Bergen brachte — gleichgültig. Nur: „Die Kinder sollen in der letzten Stunde bei mir sein!"
Darauf nahm unsre Frau in diesem Saal, den man zur Kapelle gemacht hatte, weil die kalte Kirchenluft ihrer kranken Brust wehtat, mit dem Herrn und aller Dienerschaft das Abendmahl: „Die Kinder sollen bei mir sein!" , _ , ... . .
Am andern Tag, am 23. Januar, ein viertel nach sieben Uhr in der Früh, fuhr man sie fort. .
Es ging unsrer Frau hinter den hohen Bergen besser, schrieb der Herr. Es ging ihr soviel besser, daß er sie Ende März, als die Frühjahrssaat bei uns anfing, allein laßen konnte.
Unsre Frau schrieb dem Herrn liebe Briefe. „Besser! hieß es >ed«n Sonntagmorgen. So oft hieß es „Besser —--", daß ich mich wunderte,
warum nicht ein Brief kam, in dem „Gut" stand.
Als ich's dem Herrn endlich mal sagte, antwortete er: „Es ist eine schleichende Krankheit, Doris. Jahre braucht's, bis sie den Weg in einen Menschen hineinfindet. Wie follt's also keine Jahre brauchen, bis man sie wieder aus dem Menschen herausgedrängt hat."
Monat um Monat gings im gleichen Sonntagsschritt so weiter: Reffet — —
Am ersten Sonntag im Juli blieb der Brief unsrer Frau aus. Auch am Montag. Auch am Dienstag.
Mittwochs ein Brief vom Doktor: „Rückfall!"
Der Herr jagte zur Bahn.
„Die Kinder mitnehmen?" fragte ich, als wir die Koffer packten.
Einen Augenblick glaubte ich: ,Der Herr wird Ja jagen!' Dann schüttelte er den Kopf: „Mitnehmen? Nein! Wahrfcheinlich nachkommen laßen. Erft mit dem Arzt sprechen. Ich geb genaue Nachricht."
Im ersten Brief hieß es: „Die Kinder brauchen die Anstrengung der langen Reise nicht auf sich zu nehmen. Ein Rückfall — ja. Schlimmer als bisher — ja. Aber nicht schlimm." Bald meinte ein Brief: „Die Kinder müßen wahrscheinlich doch kommen. Es geht bergab!" Der nächste Briest „Reise der Kinder unvermeidbar. Wann abfahren, werde 'ich schreiben." Schließlich ein Brief: „Alles vorbereiten zur Abreise Alwins und Renates! Aber nicht fahren, eh' ich telegraphiere, mit welchem Zug!"
Da — es war am 28. Juli — da wollte ich ohne Telegramm mit ihnen losfahren. Warum hab ich dem Stück Papier gehorcht? Warum nicht meinem Herzen? Das befahl mir: ,Reifen!' Weil es hörte, was Unsre Frau schrie: „Die Kinder sollen in der letzten Stunde bei mir fein! Warum bin ich mit den Kindern zu Haus geblieben?
Am 29. keine Nachricht. Wir gingen des Abends früh zu Bett. Die Koffer waren gepackt. Die Kleider lagen bereit. Der Wagen stand vor der Tür. Die Füchse mußten mit dem Sielengeschirr schlafen.
In dieser Nacht — der Herr hat mir’s mehr als ein dutzendmal erzählt — richtet sich einige Minuten vor zwei Uhr unsre Frau un Beit hoch und verlangt: „Meinen Schimmel!"
„Wofür?" fragt der Herr.
„Zum Reiten!"
„Wohin?"
„Zu meinen Kindern."
„Warum?"
„Weil Ihr Euer Wort nicht gehakten habt!"
„Welches Wort?"
„Daß meine Kinder in der letzten Stunde bei mir sein sollen.
Der Herr versichert ihr: „Von Sterben kann keine Rede fein. Es geht freilich etwas schlechter. Aber sterben? Kein Gedanke!"
Unsre Frau befiehlt: „Meinen Schimmel!", meint: „Meinen Schimmel!", schreit: „Meinen Schimmel!!"
„Du hast in sechs Jahren nicht mehr geritten —* sagt der Herr. „Wirst vom Pferd fallen —"
„So soll man mich drauf feftbinben!" sagt unsre Frau.
„Es ist bis nach Haus zu weit fürs Reiten."
„Einen Wagen!"
„Du kannst nicht solange sitzen."
„Legt mich auf den Wagenboden!"
„Ich darf dich nicht aus dem Zimmer laßen."
„Meine Kinder sollen in der letzten Stunde bei mir fein!!" schreit unsre Frau -unb fällt — grab schlägt die Uhr zwei — ins Bett zurua Die Augen offen. Aber ohne Licht. Die Lippen aneinandergefchweißt. Kein Atem geht zur Nase rein unb raus. ,Tot!' denkt ber Herr. Unb wartet — gelähmt an Hanb und Fuß ■— auf den Augenblick, der ihn selbst, wie das Phhh! eine Stallaterne auslöscht.
Eine Stunde lang liegt unsre Frau ohne Leben auf dem Lager. Eine Stunde lang sitzt der Herr, der nicht weiß: Lebt er ober ist er auch schon verstorben? an ihrem Bett.
Als bie Uhr „Drei!" ruft, schließt unsre Frau bie Augen. Deffnet den Mund. Sagt: „Nun kann ich sterben! Ich war bei unfern Kinbern!'
Der Herr ist aufgesprungen unb zunächst zur Telegraphie gelaufen. Erst bann zum Doktor. Der hat unterwegs immerfort gesagt: „Ausgeschlossen! Sie stirbt nicht! Es muß noch Wochen, muß noch Mona.e dauern."
Aber nach einer halben Stunde ist ihm unsre Frau unter den Händen verschieden. . .
Da hat ber Herr bem ersten Telegramm ein zweites nachgejagt. Sino beibe zu gleicher Zeit, am 30. Juli, bei uns eingetroffen. Das, welches schrie: „Sofort kommen mit ben Kinbern!" unb bas, welches weinte. „Kommen ber Kinber nicht mehr nötig. Mutier heut früh sanft eni- schlafen." .
In biefer Nacht vom 29. zum 30. Juli bes Jahres achtzehnhunbert- achtunbachtzig ist wirklich unb wahrhaftig geschehen, was mir keiner glauben will: Zwischen zwei unb brei Uhr erwach ich. Schritte im Kuwer- zimmer! Ich steh auf. Mach Licht. Schleich mich zur Schwelle. Kein Zweifel: Schritte! Ich zieh bie Tür zurück. Schieb bas Licht vor muy
Da steht unsre Frau an beinern Bett, Alwin. Du — fünf Jahre warst bu bamals — hast bich aufgerichtet. Sie streichelt bir die Stirn 00
Der Abend.
Von Josef Freiherrn von Eichendorfs.
Schweigt der Menschen laute Lust: Rauscht die Erde wie in Träumen Wunderbar mit allen Bäumen, Was dem Herzen kaum bewußt, Alte Zeiten, linde Trauer, Und es schweifen leise Schauer Wetterleuchtend durch die Brust.
Der Kampf der Tertia.
Erzählung von Wilhelm Speyer.
Alle Rechte beim Rowohlt Verlag, Berlin W 35.
(Fortsetzung.)
VIII.
Einige Schritte vor dem höchsten Punkt der Hexenkuppe stand eine alte hohe Rotbuche. Wer auf ihrem Wipfel sah, übersah das welle Lanb. Dort hatte sich Daniela aus zwei Brettern einen Anstand gebaut. Wie eine Gebirgsbrücke über dem unten schäumenden Strome, so wagehalsig gingen zwei schief angenagelte Bretter auf dem Wipfel de che ®on einem Ast zum andern. . <_ . .
Mit lang hernbhängenden Beinen, auf den Knien «n Buch, den rechten Arm schräg nach oben gestreckt, wo die Hand den etzten Ast vor dem Wipsel umklammert hielt, während die l-nke ausgebrellet neben ihrem Schenkel auf dem rauhen Brette ruhte; das Gesicht in der Sonne dann ®on Wolkenschatten dunkel vergoldet, dann wieder von den lockere Schattenbildern der Rotbuchen-Blätter flammend gesprenkelt - o hoch hibcr alles irdische Wesen hatte sich die zürnende Daniela cmpor-
Sch Halle eine Lederhose an und ein Hemd, das über der Brust offen Island. Die Sehne des Bogens hing schräg über shr« Brust hinten auf dem Schulterblatt hing der Kocher mit deni sechsgeflederten Pfeilen. Sie war mit Sandalen an den Fußen heraufg k eitert aber sie hatte die Sandalen verächtlich herabgeworfen. Run schaukelen die nackten Süße im Winde, und die Zehen an den Fußen spielten e.n Klettersp.e!
Sie hatte kurzgeschnittenes Haar, dunkelbraun und samten wie Bienen- «-elz. Doch in der Sonne leuchtete es sowohl an d " Spitzen, w« an -den Rändern der hohen, kriegerisch und kühn gewowten Stirn, endlich -auch im Nacken, an den Brauen und Wimpern nut ^blonden Lichtern hart und herrisch auf. Ihre Augen waren so grau, wie der,Le,b lene Woqels der jetzt mit einem pfeifenden Warnungsschrei über ihrem Haupte' daherzog. Sie hielt auch eine Boaelfedcr schräg wie em^Zigar tt mn Munde, sie kaute an der Wurzel, um vom S-schm-ck de- »ogM«»« ®tmas noch zwischen ihren Zähnen zu haben. Ihre s, g. b(?r ^>ände mit den langen biegsamen 8'Ugern hatten d
»ewühlt, denn ein Pfahl am Zelt hatte sich gelockert und es war noug -gewesen, ihn fester in die Erde zu rammen. Nun «°ren die Hande lllchbraun geworden, wie das ganze Land unter h umarenzt wie Die Nägel ihrer Finger waren an den Raudern . ' bje
man es auf Bildern der alten Meister steht. Aber Daniela l'e m Sauberkeit. Mehrmals am Tage begoß ste ihren K p „ te ;ct,f mit Wasser. Sie stand viel unter der stürzenden Brause. <5uj bobete j 8 hchon im Fluß, der noch eisig war; sie oerschmah^te . < So rieb sie
'Sie ärgerte sich oft über manche der schmutzigen B g • mU
'denn auf dem Wipsel der Rotbuche an 'hs^,stE ibre Bemühun- Mißtrauischen und zornigen Seitenblicken hinschielte. D ch h lgen um Reinheit waren erfolglos.
>jaar damit du ruhig wirst und dich wieder schlasen legst. Du willst ld,t>JRutterl" sagst du. Möchtest die Aermchen um sie schlingen.
Sie chüttelt den Kopf.
Su: „Mutter!" Immer fort: „Mutter!"
Sie legt den Finger auf ihren Mund. Zeigt nach dem Bett Renates. Ae — drei Jahre war sic erst — schläft noch.
Nicht aufwccken!" sagt die Mutter. Geht zu Renate. Sieht nach, ob - ->■
Ich kann nicht mehr an mich halten. Will schweigen. Und schrei doch: ^rau!!"
' ° Die Angerufene breitet die. Hände schützend vor sich aus. Und — und ffl verschwunden--
Ich lauf zu deinem Bett.
Hast du sie gesehn, unsre Mutter?" sragst du.
„3a", juble ich, „ja", weine ich.
Warum müssen wir beide weinen?" willst du von mir wissen.
Ich schließ dir mit einem Kuh den Mund. Daß du mich nicht mehr vagen kannst. Daß ich dir nicht mehr antworten muß — —
Ich weiß: Man hält uns Ammen für die Speicher des Aberglaubens. Dies jedoch habe ich so gewiß erlebt, daß ich, wenn Der-da-oben mich tranf „Doris, hast du sie wirklich wiedergesehn in jener Nacht? Oder hast Vs nur geträumt?" antworten muß: „Lieber Gott, dir kann ich ,a doch Nichts verschweigen. Zugegeben: Ich hab manches Mal geschlafen, wenn ch wachen sollte. Wosür ich freilich auch manches Mal gewacht hab, wenn ulle schliefen! Aber in jener Nacht war ich wach wie am hellsten Morgen.
Warum will kein Mensch mir's glauben?! .
, Ich glaube dir", sagte Alwin Thedering — fünfzigjährig, Doktor der Medizin —, der ohne daß sie es gewahrte, neben die Alte getreten ist, nimmt ihre Hand, nimmt ihren Arm, legt ihn in den seinen und geleitet lie Zitternde aus dem braungetäfetten Speisesoal zurück in ihre gekalkte R'ammer.
Daniela las auf eine ähnliche Art in ihrem Buch, wie die Tiere hn Walde sich dem Schlaf zu überlassen pflegen. Jeden Augenblick sah sie sich wachsam und mißtrauisch, mit den streng gewölbten grauen Augen, in der Runde um. Unten zwar hüteten die leopardahnlichen Doggen, Meleager und Atalante, ihr Kriegerzelt, aber der Gesichtssinn der Doggen war größer als ihr Geruchssinn. Sie waren wachsam im Maße ihrer Fähigkeiten, den Feind zu sehen, nicht ihn zu riechen. So muhte hoch oben Daniela ihre eigenen Augen gebrauchen.
Obwohl die Tertianer in den Betten lagen, wie Daniela zu ihrer höhnischen Freude es glaubte, so war an den Sonntagen wie auch an jedem Freinachmittag eine erhöhte Alarmbereitschaft geboten. Man konnte nie wissen, ob die da unten nicht eines Tages einen Ueberfall aussuhren und Daniela schrecklicher demütigen würden, als sie es bereits getan hatten. Sie war entschlossen, Eist zu nehmen, wenn man sie je wieder an den Marterpfahl binden würde. Sie hatte sich aus dem Laboratorium ein Stück Schwefel gestohlen. Sie meinte, es werde genügen, sie vor jeder neuen Erniedrigung zu schützen.
Noch aber war sie Beherrscherin ihres Gebietes. Noch war der Bogen mit der echten Renntiersehne immer zur Hand, noch der Köcher mit den schneidenden Pfeilen. Noch waren die Augen scharf, obwohl so manche einsame Träne des empörten Herzens sie hätte trüben können. Und Atalante und Meleager hatten Raubtierzühne in ihren breiten Mäulern und Bärenstärke in ihren Gliedern.
Damals hatte sie die Tiere nicht auf die Tertia gehetzt, damals halte sie die sich aufbäumenden Leiber mit einem Fingerzeig zu Boden gewiesen! Heute würde sie den großen Jagdschrei ausstohen! Und mochten die Knaben sich zerfetzt in ihrem Blute wälzen! Mochten dann doch ihre, Danielas, Hände und Füße gefesselt werden, mochten die Gerichte kommen, — nicht die Schülergerichte, die sie mißachtete, sondern die großen draußen in der Welt, — sie würde mit lachendem Munde vor den furchtbaren Richtern der Erwachsenen es aussagen: ,Jch habe nur zehn von ihnen getötet! Saul hat hundert getötet, aber David tausend!'
Während ste noch daran dachte, mindestens zehn Tertianer zu töten, ging ihr Blick forschend über das weitö Land.
Am Rande des Niederholzes blieb er argwöhnisch hasten. Dort, an der Grenze der Brombeersträucher, vor ihrer Tafel, hatte es sich geregt! Sie hatte die Augen eines Sioux. Keine Bewegung des Gesträuches in der Meilenrunde ringsum konnte ihr entgehen. Bedenklich hob sich die rechte Braue, blond wi« die Rose des Marechal Niel. So hoch stand die seine, wassenförmig gebogene Braue, daß sie den Ansatz ihres Haupthaares
fast berührte. , , . , .,
Plötzlich stieß Daniela einen kleinen rauhen Schrer aus. Zu gleicher Zeit bellten unten am Zelt Atalante und Meleager.
Ein Feind mit seinem Hund hatte die Grenze überschritten! Gefahr Ihr Zelt, die Zuflucht ihres Stolzes, und ihre Würde waren in Gefahr!
Sie riß den Partherbogen von der Schulter. Ihre Faust griff in die Wölbung des Bügels. Schon lag der Pfeil auf der gespannten Sehne. Sie zählte. Drei Schritte noch und ich nagele die Sohle seines Fußes auf dem Erdboden fest! Herr Doktor Heßler soll Arbeit bekommen!
Die Gestalt entschwand einen Augenblick hinter Baumstämmen. Doch zögernd sichtbar blieb der Hund.
Jetzt erkannte Daniela den Hund und an dem Hund auch den Herrn.
„Der Köter!" . ... ,
Ihre Lippe entspannte sich, wie die Sehne ihres Bogens. Ganz schief vor Verachtung stand der Mund in ihrem Gesicht. e
„Ich werde ihm seinen Köter hinrichten!"
Die Sehne spannte sich aufs neue.
„Ich will die beiden da unten lehren, hier zu spionieren! ... Den haben sie sich zum Spion abgerichtet, denn zu was anderm taugt er nicht!" , ...
Josua war in Lebensgefahr. Er schien etwas Aehnllches zu vermuten. Das Ganze machte ihm" einen höchst ungemütlichen Eindruck. Es lag etwas in der Luft. Er tief durchaus nicht mehr im Galopp durch das feindliche Gebiet. Er legte sich in den Schatten eines Baumes, als sei er plötzlich sehr müde geworden. Er legte sich auf den Bauch und öffnete japsend das Maul. Es schien ihm heiß vor Angst geworden zu sein, too schweigsam und bedrückt wie er nun, pflegen vor einem Erdbeben die Vögel sich zu verhalten.
Da wurde Daniela anderen Sinnes. Sie war entschlossen, der Sache setzt endlich einmal auf den Grund zu gehen. Sie wollte den Spion lebendig in ihre Hand bekommen. Und wenn er keine genügende Entschuldigung vorzubringen hätte, dann wollte sie ihn an den Marterpfahl binden, ihn und seinen Hund. Sie hatte noch Feuer genug vor ihrem Zelt. Es glomm noch reichlich in der Asche. Sie wollte Borst und Josua die sechs Fußsohlen rösten. , ... . . . . o .
Als fahre ein Blitz von der Krone herab zischend durch das Laub, so mit erdwärts gerichteter' Stirn durchschnitt Daniela das raschelnd zurückwehende Laub ihres Baumes.
Die gelben Doggen sprangen am Buchenstamme hoch, an dessen Futz fic angebunden waren. Wie beim Königssprung warf Daniela sich mit einem Satz über sie hinweg, um nicht von ihrer stürmischen Begeisterung zerrissen zu werden. Die Hunde hatten lange Speichelfäden an den Mäulern und blutig runde Augen vor Kriegerlust.
Daniela ergriff sie an den Riemen. Die Hunde widersetzten sich. Cie wollten frei sein und stürmen. Sie wollten Borst und vornehmlich Josua zerreißen Sie wollten mit Josuas vier Beinen einen Tanz ausfuhren. 3e zwei von diesen Bastardbeinen ins Maul, und dann zuseheiy was es gibt, wenn man daran zieht wie an einem Kssrtenschlauch. ®in paar Zall länger würde der gute Josua schon werden, Meleager und Atalante konnten Daniela dafür bürgen. „ ,
Aber Daniela griff mit heftiger Hand in ihre Halfterriemen und zerrte an den Würgehalsbändern, daß den Doggen das Blut aus den Augen spritzen wollte. ... . , ,, _..
Der Bogen und der Köcher hingen wieder über den Schultern. Die Voqelseder lag schräg und verächtlich im Winkel des Mundes, in jeder dieser hochmütigen Fäuste lag der Zügel eines Raubtieres, — so schritt
Funkelnde Eisenbahnschienen wurden
und
ihm herab.
(Fortsetzung folgt.)
SchriMei King: t. V. Dr. <^r. W. Lange, Gießen. — Druck und Verlag: Brühl'sche Aniversitäts-Buch- und Steindmckeret, R. Lange in Gießen.
als die um
wolle sie nichts mehr von Vorgänge ihrer Klasse an? ihren Gefangenen durch
nur ihm
Daniela tat. Was gingen sie Höflichkeit, —
mit dieser Frage etwas vergeben zu haben. „Nein. Angeklagt."
der ganzen Sache hören. So fragte sie aus reiner Gleichgültigkeit nicht ZU
gleises stand ein einsames Haus, dort hing zwischen noch frühlingsgrünen Sonnenblumen eine Schürze, die im Winde wehte, und aus dem Haufe hörte man ein fernes, fernes Klopfen, das zart verstummte, bald wieder dann mit neuem Schall begann. Von einem der sieben Dörfer, die sie überschauen konnten, war auch zuweilen, wenn der Wind von dorther wehte, Musik aus einer Schenke zu vernehmen, sie klang so unirdisch und sein wie die Musik der Gnomen auf den schmalen Instrumenten ihres Volkes. Dann aber waren gegen Mittag die zwei Berge aus dem Urgesteine sichtbar, die wie Erinnerung erstarrter Zeit aus ihrer Landschaft ragten. Slawische Heiden hatten die Dörfer zu ihren Füßen erbaut. Noch heute trugen dort die Bauern an den Sonntagen die Trachten der Vorzeit. Die 'Weiber blieben, wenn sie geheiratet hatten, bei ihren Eltern, und ihre Männer kamen am Abend zu ihnen, sie zu besuchen. Die Kinder wuchsen fern von den Vätern im Hause ihres Weibes aus.
So war unendlich viel Landes zu sehen, Berge, Wälder, Dörfer, Straßen, Rauch, Schienen, eine Stadt uni) eiy Strom, und über ihnen der Himmel mit schnell ziehenden Wolken.
Die Ferne erweckte unstillbare Sehnsucht. Die Nähe wurde mißachtet, denn sie war ihnen aus ihren tausend Streifzügen wohlbekannt. Sie sahen die Wolken nicht über ihren Scheiteln, sondern verlangend blickten sie zu jenen Wolken am Horizonte hin, die weiterzogen und immer neue Fernen suchten und den Abend und die Nacht und den neuen Tag. Und zu dem Dreigestirn von Bussarden sahen sie hin, die über dem letzten Friedhof der Ebene wie beständige Träume des Lebens schwebten.
Doch das Allernächste war für Borst das Allerfernste. Unstillbarer als die Sehnsucht nach Wolken, Raubvögeln und weithin laufenden Bahngeleisen war die Sehnsucht, ein einziges Mal nur die Schläfe an Danielas Knie schmiegen zu dürfen oder auch nur aus so großer Nähe sie anschauen
Das Schülergericht! Gab es eine verächtlichere Feigheit, als sich vor zu drücken?
„Ich muß gehen..." stammelte der Gefangene mit einem schiefen
Daniela im flimmernden Schatten der Rotbuchenblätter dem frechen Feinde entgegen, der es gewagt hatte, den Burgfrieden ihres Bezirkes zu verletzen.
Dieser Feind aber trat auf Daniela zu, wie der höchst demutsvolle Hirt aus sanften Fluren, der dem räuberisch schweifenden Krieger einen Laib Weizenbrotes und eine Schale voll Milch zu Überreichen und seine Gnade zu erflehen wünscht.
„Kannst du nicht lesen, du Schwein?" fuhr Daniela ihn an, und sie spie die Vogelseder aus dem Munde, während sie sich schräg rückwärts stemmte, um Meleager und Atalante zu bannen.
Sanftmütig zog Borst alles hoch, was er nur immer in seiner Stupps- nase an Feuchtigkeit aufgesammelt hatte. Obwohl ihm die Sonne gar nicht in den Augen stand, so tat er doch, als blende ihn das Licht. Er machte wiederum genau das gleiche Gesicht wie zuvor im Schlafsaal, das Gesicht einer Maur, die man bei den Ohren aus dem Bau gezogen hat.
„Kann ich dich nicht mal sprechen, Daniela? ..." stotterte er, und er zog noch einmal hoch, während er besorgt zu den mächtig sich bäumenden und gewaltig bellenden Doggen hinschielte. Man konnte Überhaupt nicht verstehen, was man sich zurief, so taut bellten diese Raubtiere.
„Was?" schrie Daniela zornig, und ihr Gesicht rötete sich. Wütend griff sie in ihren Köcher über der Schulter. Borst bekam einen entsetzlichen Schreck, aber Daniela gebrauchte den Pfeil als Peitsche für die Tiere. Sie schlug auf Meleager ein, sie stach ihm mit der Holzspitze in die Weichen. Die Dogge brüllte vor Schmerz, sie griff Daniela an. Aber Daniela überbrüüte den Zorn des verwundeten Tieres, und fester griff ihre Faust in das Würgehalsband der Dogge. Da kehrte sie Meleager in feinem Schmerz gegen Atalante. Mit einem neuen Hieb ihres Pfeiles gab Daniela die Hunde frei, und die Doggen stürzten aufeinander los. Sie schüttelten mit dunklen Uerrrrr-Tönen die ineinander verbissenen Mäuler. . ...
Daniela gab ihnen keinen Blick mehr. Sie griff mit der Faust in Borsts Haar.
„Du bist gefangen!"
„Ja", erwiderte Borst ganz leise. Er war es allmählich gewohnt, gefangen oder verhaftet oder gebunden oder angeklagt zu werden. „Jawohl, Daniela!" wiederholte er noch leiser. „Wir sind deine Gefangenen!"
Er gab Josua unt> sich selber gefangen.
Daniela zog Bindfaden aus ihrer Hosentasche. Sie fesselte Borsts Handgelenke mit heftigen Schnitten. Auch daran hatte sich Borst in der letzten Zeit gewöhnt. Aber diesmal streckte er feine Pfoten dem Bändiger mit einem fast strahlenden Lächeln hin.
„Warte!" Daniela zerrte ihr Opfer mit höchst willkürlichen Stößen hin und her. Sie wußte augenscheinlich nicht, wie sie ihm am schnellsten und einprägsamsten wehe tun könne. „Dir werde ich die Sohlen rösten, du Sohn einer Hündin! Ich habe noch Feuer!" Sie zeigte auf den glimmenden Haufen, über dem an einer Stange ein Äluminiumkesfel hing. „Du trittst jetzt hier vor dieses Feuer hin! Glaube nur ja nicht, daß dir Winseln und Hilfeschreien etwas nützt! Hier wagt sich meilenweit kein Mensch her! So frech wie du ist niemand hier! Und ihr Schweine müßt ja am Tage in den Betten liegen!"
„Ja", erwiderte Borst höflich, und er dachte durchaus nicht an Winseln und Hilfeschreien, sondern mit zärtlich beglücktem Lächeln sah er zu seiner Siegerin auf.
Dies bemerkte Daniela. Ihre grauen Augen flammten wie eine Staubwolke auf i>er Straße, in der das Abendrot leuchtend sich bricht.
„Du lachst mich aus?" /
Sie schrie. Ihre Hand griff in Borsts Nacken.
Borst fiel in die Knie, die gefesselten Hände auf dem Rücken. Daniela drückte [ein Gesicht gegen die Glut des Feuers hin.
Aber wie sie nun nicht den geringsten Widerstand in den Muskeln dieses Nackens spürte, sondern ein hingebungsvolles Einverständnis mit allem, was immer sie sich Grausames für ihren Feind ersann, wie sie sogar bemerkte, daß Borst tapfer das Gesicht der Glut des Feuers genähert hatte und schon der Brandgeruch seines versenkten Haares, seines Haupthaares sowohl wie seiner Wimpern und Augenbrauen, zu ihr emporstieg, wie Brandgeruch versengter Opfertiere zu einer Gottheit steigt, — da erstaunte sie im“ Innersten ihrer Seele, und ein Gefühl ergriff sie, das sie nie zuvor gekannt hatte.
Mit einer fast heiligen* Bewunderung und Ruhe drehte sie sich das Gesicht des geknechteten Feindes schräg ^nach oben zu. Sie sah seine von Asche bestaubten Augen, seine versengte Stirn und die noch immer lächelnden Augen.
„Ist es dir gut so, Daniela?" fragte Borst.
Daniela hob Borst auf. Zwar jerrten’ ihre Fäuste noch an seinen Fesseln, doch schweiften ihre Augen schräg zur Seite.
Sie standen plötzlich beide wie Kinder da, die einander soeben erst kennengelernt haben und nicht recht wissen, was für eine Art von Spiel sie spielen sollen.
Dann aber drehte Daniela sich um.
„Wir wollen auf meinen Baum klettern", sagte sie, und sogleich schwang sie sich am Stamm ihrer Buche empor.
„Ich kann nicht, Daniela!" rief Borst schüchtern, und erinnernd bewegte er die gefesselten Hände auf dem Rücken.
Daniela überlegte einen Augenblick. Dann sprang sie von ihrem ersten Ast auf den Waldesboden zurück. Mit den langen schlenkernden Schritten ihrer hohen Beine ging sie in ihr Zelt.
Sie kehrten zurück, einen verrosteten^Dolch in der Hand. Ohne Borst anzusthen, das Gesicht schamvoll zur Seite gekehrt, als verrichte eine Charitin am Leibe eines verletzten Kriegers ihren Dienst, so durchschnitt sie die Fesseln des Eindringlings.
Dann fuhr sie, wie eine Gottheit schwebend, in die Krone ihres Baumes empor.
Vorst folgte ihr.
Er brauchte lange Zeit. In der Mitte des Stammes blickte er keuchend- auf den Erdboden zurück.
Da lag Josua einträchtig zwischen Meleager und Atalante, und alle drei Hunde hatten die Köpfe erhoben.
IX.
Lange Zeit saßen die Kinder schweigend auf dem Wipfel der Buche. Sie blickten über das weite Land hinweg.
Borst hatte nicht gewagt, neben Daniela auf dem Brett Platz zu nehmen, und Daniela hätte es ihm auch nicht gestattet. Ein Gefangener muß sich zu den Füßen seines Siegers niederkauern.
Borst hockte auf einem tiefer gelegenen Buchenaste, fein Gesicht war von der Asche geschwärzt, und seine SugenbYaue von der Glut versengt Die Schläfe war ihm nahe an Danielas Knie. Er wagte nicht, Daniela anzusehen, und er wagte es auch nicht, zu ihr zu sprechen. Daniela aber verschmähte es, ihm auch nur ein einziges Wort zu geben. Borst sollte nicht etwa glauben, daß sie neugierig sei, das Geheimnis der Tertia
hilflosen Blick.
Daniela verschmähte es, auf solch einen blödsinnigen Ausruf auch eine Antwort zu geben. Ging ein Gefangener nach Haus, wenn es beliebte? War es nötig, ihn noch einmal da unten am Feuer zu rösten?
„Daniela", flüsterte Borst, „weißt du vielleicht, wieviel Uhr es ist?
von ihm zu erfahren.
So richteten sie beide ihre Augen auf die Landschaft. Am Horizont der Ebene blitzten in der Nachmittagssonne Teiche und Bäche. Fern leuchteten Grabsteine eines Dorffriedhofes auf, und der Hahn auf der Stange des Kirchturmes zeigte fein schimmerndes Gefieder. Es war auch ein Frühlingsregen in der vergangenen Woche herniedergegangen, und in den Radspuren vieler Landstraßen und Feldwege der Runde spiegelten sich die schnell dahinziehenden, klar umrandeten Wolken des Himmels.
‘ sichtbar, an einer Stelle des Bahn-
verletzen:
„Weshalb?"
Sie hatte schon wieder eine andere Vogelfeder im Munde, an der sie kaute, — eine Feder, die so grau war wie ihre Augen.
„Ungehorsam. Auskneifen vor dem Feind."
Daniela taute verächtlich. Ein Seitenblick aus ihren Augen.
„Bist du feige?"
Borst wurde blutrot.
„Nein!" entgegnete er heftig.
Jetzt sah Daniela ihn aufmerksam an.
„Du hast dich sehr gut vor dem Feuer gehalten." ....
Borst erglühte vor Freude. Wenn er die Schläfe wie von ungefähr an Danielas Knie schmiegte? Er hätte es nie gewagt, aber in feiner großen Freude tat er es dennoch.
Daniela ließ es ruhig geschehen. Etwas verwundert schielte fie zu
oder ein Wort des Vertrauens sprechen zu dürfen.
Plötzlich ergriff ihn ein Schreck. Er sah nach dem Stand der Sonne. ~ ' ------- ~ - ihm
Daniela sah hochmütig zur Sonne hin.
„Das sieht man dochst' erwiderte sie geringschätzig. „Viertel sechs."' Sie zog zum Ueberfluß eine Uhr aus -der Hosentasche.
„Zwölf Minuten nach fünf", stellte fie triumphierend fest.
„Ich muß nämlich zum Schülergericht um sechs." Daniela spitzte die Ohren. Das war interessant.
„Bist du Richter?" fragte fie, doch schon bereute sie es, ihrem Stolz
SiehenerZamMNbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (93t Freitag, den 3. Juli Nummer 5|
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Borst stand auf. Pflichtvergessen trollte er sich von seinem Posten davon. •
Der Kampf der Tertia.
Erzählung von Wilhelm Speyer. Alle Rechte beim Rowohlt Verlag, Berlin W 35.
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Die Tertianer hatten sich noch eben gewaltig gestritten. Sie waren einige Kilometer vom Schulhaus entfernt, in ihrem Feldlager. Das Feldlager war sehr geschickt ausgewählt, es befand sich auf einem mit Bäumen bestandenen Abhang des Hochwaldes. Man konnte von dort einen Teil der Eebene mit vielen Dörfern, Aeckern, Teichen und Bächen übersehen; ja, an klaren Tagen ging der Blick ungehindert bis zu den ersten Häusern der feindlichen Stadt.
Es war gut für die Tertianer, diese Stadt ein wenig im Auge zu haben.
Allerdings herrschte schon seit einigen Wochen Friede. Und dies war auch der Grund, weshalb man sich eben gestritten hatte. Man stritt sich nämlich aus Müßiggang, aus nichts und wieder nichts, sozusagen um einen Dreck. So hatten die Truppen des Hannibal in Capua und die , Ostgoten in der Romagna gehadert, wenn es nichts zu erschlagen, zu
g stürmen und zu plündern gab ... Hier, im Feldlager der Tertia, kehrte man einander ^verächtlich die Rücken zu und „richtete M empör^ wieder
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Josua, ein struppiger Bastard, dessen Mutter eine echte Pudelin, dessen Vater aber ein unechter Schnauzer gewesen war, gesellte sich ihm zu. Er oanasZx Tertiahund dieser faulen Zeiten auf der Seite pictäsy t von sich gestreckt und ein wenig in die Sonne h war er wie ein Mensch, der nicht weiß, was hatten, bald in die Sonne gelahmt. Im übrigen bei den meisten Tertianern, nur ein Halbschlaf auf bessere Zeiten wartet. Kaum hatte er Borsts i der Sonnenstrahlung ausgedörrte Rase betont- Hund riecht die Bewegung! — als Josua aufstand, wie ein alter Mann, der Rheumatismus hat. Er .'bogenen Vorderpfoten aus, verschluckte gleichsam
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! lob gähnte. Dann war er in zwei freundlichen htslos scheinbar, so herum. Die Hände auf den »en Ameisenbau. Wo ging die Straße hin? Er sich dann. Jenseits des kleinen Waldweges, der war ein großer Ameisenhügel. Also dorthin! Er #fll\ vor. Er interessierte sich gar nicht für Ameisen. . aus den Bergwerken armes Arbeitsvolk genug.
Er brauchte die Tierwelt nicht, um zu wissen, wie prächtig Grubenarbeit tut.
Rach einiger Zeit blieb er furchtsam stehen. Borst, der Kleine, fürchtete sich so ziemlich vor allen Dingen dieser Erde, aber jetzt hatte er ausnahmsweise einmal gute Gründe. Er war an einer Eiche angelangt. An ihrem untersten Aste war ein Pappdeckel angeheftet, aus dem mit Blutschrift zu lesen stand :
„Halt! Wer weiter geht, wird erschossen! Ich, Daniela!"
Borst erinnerte sich. Vor einiger Zeit war Fritz Lüders weiter gegangen. Er hatte einen Pfeilschuß von unsichtbarer Hand bekommen. Es "war eine richtige Wunde im Oberschenkel daraus geworden, denn Daniela schoß nicht etwa ihren sorgfältig zugespitzten Pfeil von einem Bogen aus Weidenholz und mit Bindfaden ab, sondern von einer echten Jndianec- waffe.
„Das muß ja ein merkwürdig spitzer Stein gewesen sein, auf den dn da gefallen bist", sagte der Anstaltsarzt, und er sah zur Seite, als sei er es, der gelogen hatte, nicht Lüders. Und der Junge hatte geantwortet, indem er ebenfalls zur Seite sah: „Gehen Sie einmal an den Freinachmittagen auf die Hexenkuppe, Herr Doktor! Da finden Sie viele solche Steine!"
Borst sah Josua und Josua sah Borst an. Dann sahen sie beide nach
Guter Rat.
Von Theodor Fontane.
An einem Sommermorgen, MWEMWWW
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gehabt, so verschlafen waren sie und auch so unwillig, herrisch wollte sein Eäsarenkinn sich anspannen, — dann war der Fürst der ~ertia zuruck- gesunken. Er war viel zu müde, den Cäsar zu spielen.
Sie schliefen, die Tertianer und ihre Hunde. Rur der Posten wachte, obwohl es hier gar nichts zu bewachen gab. Und über ihm klopfte ein Specht an einer Esche. Der Stamm erklang wie eine Violine.
Borst blinzelte zur Hexenkuppe hin. Er hatte einen mißmutig-besorgten Ausdruck, wie er sein kleines Afsengesicht nach oben wandte. Denn dort stieg «in vereinzelter, höchst abgesonderter Rauch auf.
Es war der Rauch aus Danielas Zelt.
Weil Daniela, das Mädchen der Tertta, feit Wochen mit der Klaffe grollte und sich an den freien Nachmittagen, zürnend wie Achill, in ihrem Zelte verborgen hielt, deshalb lag man untüchtig, untätig unmännlich in seinem Lager auf den Bäuchen. Ohne Daniela einen Streich au f hr . Man hatte es versucht. Es war daraus etwas geworden das gut genug für die Quarta war, ein kleinmütiger Ulk ohne Saft und Kraft er hatte ihnen geschmeckt wie die Schellfische, die sie on einem Tage dec Woche anstatt des Fleisches zu essen bekamen.
Das waren noch große Zeiten gewesen, als Daniela an den - Nachmittagen bei der Bande gewesen war! Man konnte nicht sagen, daß sie die Anführerin war. Man hatte den Großen Kurfürsten, wie man Agamemnon hatte. Aber was den Griechen die präzise Wildheit d ) bedeutet hatte, das bedeutete den Tertianern di« pfeilgrade Raserei der bogen-bewaffneten Daniela.
richts- und Arbeitsstunden, bei den Mahlzeiten, abends in der Kapelle, — was aber hatte das mit Daniela im Zelt zu tun? Wir haben eine Schwester, mit der wir das Zimmer von den ersten Tagen der Kindheit teilten, — werden wir es wagen, mit ihr zu scherzen oder zu streiten, wenn sie geschmückt zu ihrer Hochzeit schreitet?
Borst horchte sehnsüchtig und ganz heiß vor Angst auf einen Laut. Hatten die Doggen Danielas angeschlagen, diese gelben Hunde mit den leopardähnlichen Fellen? — Nichts! Diese verschmähten es, auch nur einen Laut zu geben. Die Doggen Danielas bellten nicht, weil Borst der Klein« und der jammervolle Bastard zu seinen Füßen vor der Bannmeile des Zeltes standen. Doch wußte es der Spähende, daß vier Tieraugen, vielleicht sogar zwei Menschenaugen ihn beobachteten.
Aufgeregt seinen Speichel hinunterschluckend und seufzend wandte Borst sich ab. Eilig trabte er zurück, mit seinem einwärtsgekehrten Jungensgang.
Da hörte er Schritte. Crwachsenenschritte! Obwohl sie ganz deutlich zu vernehmen waren, dennoch hielt es Borst für angebracht, — denn so hatte er es bei den andern gesehen! — sich platt auf die Erde zu werfen und mit dem Ohr am Boden zu lauschen. Er zuckte vor Entsetzen zusammen, denn ein Käfer kroch ihm am Rande der Ohrmuschel entlang. Borst konnte ihn nicht erwischen. Insekten sind die eigensinnigsten Tiere der Erde- was sie sich vorgenommen haben, führen sie aus. Dieser Käfer hatte es darauf abgesehen. Borst verrückt zu machen. Der Junge krümmte sich, als werde er am Bauche gekitzelt, und er schlug die Arme über seinen