SietzeimZamilieiibliitter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 193( Freitag, den ZV. Oktober Nummer 85 Trinklied. Volksweise. So trinken wir alle Diesen Wein mit Schalle! Dieser Wein für ander Wein Ist aller Wein ein Fürste; Trink, mein lieber Dieterlein, So wird dich nimmer dürsten: Trinks gar aus! Ein Neiglein noch drin ist. Du ein fauler Zecher bist; Heb hinten über sich das Glas, So laufet es dir mehr und baß; Trink, mein lieber Dieterlein, Laß dir schmecken den kühlen Wein: Trinks gar aus! Einladung zu Tisch. Von Luigi P i r a n d e 11 o. „Wird es reichen? Wird es nicht reichen?" so fragten sich die drei Schwestern Santa, Lisa und Angelika Borgianni, die seit zwei Tagen in der Küche damit beschäftigt waren, ein üppiges Mittagsmahl vorzubereiten. Alle drei Schwestern, vollbusig und breit in den Hüften, wie sie waren, wetteiferten mit ihren Brüdern an riesiger Körpergröße und herkulischer Kraft. „Die Familie Borgianni: acht Säulen!" pflegte Mauro, der Jüngste der ganzen Familie, zu sagen. Drei Schwestern also und dazu fünf Briider: Rosario, Nicola, Tita, Luca und Mauro, nach dem Alter geordnet. * Das Mittagessen schien mindestens für dreißig Gäste zu sein; eingeladen war aber nur ein einziger, und man kannte ihn nicht einmal. Man wußte nur, daß er am nächsten Tage von Comitini ankommen würde, und daß man ihm dieses Essen schuldig war als Zeichen der Dankbarkeit, denn seit vierzehn Tagen hatte sich Bruder Luca bei dem Manne verborgen gehalten. Hatte Luca jemanden umgebracht? Ja ... das heißt nein — aber beinahe. Folgendes war passiert: Luca Borgianni hatte den Bau der Straße zwischen Favara und Naro in Pacht genommen. Eines Abends, nach Schluß der Arbeit, als er nach Hause ritt, bemerkte er an einem bestimmten Punkt des Weges einen Schatten, der sich bedrohlich von dem'mondbeschienenen Kies der Straße abhob. Kein Zweifel, dort stand jemand, in eine große Kapuze gehüllt, zum Glück hatte Luca den Mann, oder besser gesagt: die Kapuze entdeckt. „Wer ist dort?" Keine Antwort. „Ich zähle bis drei! Antworte Der Schatten rührt sich nicht. oder mach' dein Kreuz! Eins!" „Zwei!" Der Schatten dort regungslos. Stille. Nur das Zirpen einer Grille. „Drei!" Und ein Schuß. Irgend etwas war in die Luft geflogen! Luca aber auf und davon! Atemlos war er zu Hause eingetroffen. Die Brüder und Schwestern hatten ihn umringt. „Versteckt mich! Versteckt mich! Ich habe einen umgebracht ... mit dem Gewehr ... versteckt mich!" Nach sechzehn Tagen angstvoller Erwartung war es schließlich her- ausgekommen, daß ein Bauer, der in dieser Gegend arbeitete, einen Meilenstein an der Straße zum Aushängen seines Mantels benutzt hatte. Am Abend war er in das Dorf zurückgekehrt und hatte den Mantel vergessen. Für das Essen also war schon am Abend vorher alles vorbereitet. Auf der langen Tafel inmitten des Zimmers standen: in einer großen Pfanne ein zartes Schweinchen, mit Lorbeer bekränzt, mit Makkaroni gefüllt, es brauchte nur in die Röhre geschoben 311 werden; dann sieben sauber ab- gehäutete Hasen, mit Krammetsvögeln garniert —- die Jagdbeute von Mauro; zwei fettbrüftige Truthähne; Kaldaunen; Sülze von Kalbsfüßen; ein riesiger Fisch; eine ungeheure Pastete, dazu ein Regiment von Flaschen und ein Berg von Früchten. „Wird es reichen? Oder wird es nicht reichen?" Tita sagte: es wird reichen, Mauro sagte: nein, und er rechnete vor^ „Wir sind acht, mit dem Eingeladenen neun; der Diener und die Magd macht eit Gott sei Dank, jeder von uns ißt für vier, also .. „Sei ohne Sorge, der Eingeladene wird schon nicht Hunger leiben", versicherte Tita. „Musik! Musik!" rief in diesem Augenblick Angelika, als zum Glück eine Serenade von Mandolinen und Gitarren von der Straße unten ertönte, und zog die Schwestern zum Tanz. Die andern folgten ihrem Beispiel. Lisa warf sich in Titas Arme, Rosario schwenkte Nicola und Mauro, übrig geblieben, tanzte mit dem Hafen los, dessen Ohren melan» cholisch hin und her baumelten. * Bei der Ankunft Lucas (er war die höchste Säule der ganzen Familie) gab es ein lebhaftes Händeschütteln, Umarmen und Küssen, und keiner der Riesen achtete anfangs auf das mitgekommene kleine Männchen, das in feinem ungeheueren Mantel versank. Zwischen den acht Kolossen verschwand der Aermste ganz — denn mitsamt seinem Hut reichte er Lisa, der „Kleinsten", noch nicht einmal bis zu den Schultern. Schließlich erinnerte sich Luca des Mitgekommenen. „Hier stelle ich euch Don Diego Filinia vor, genannt Schiribillo", sagte er lachend und legte ihm mit Gönnermiene eine Hand auf die Schulter. „Gott, wie klein er ist!" riefen im Chor die drei Schwestern, als sie ihn entdeckt hatten. Alle betrachteten ihn voll tiefster Teilnahme, wie er so dastand, mit seinem kahlen, glänzenden, großen Schädel; und keiner wußte ihm ein Wort zu sagen. War das eine Enttäuschung! Das war der Eingeladene? Ja, hätte man das früher gewußt!! Während man darauf wartete, zu Tisch gerufen zu werden, begannen Nofario und Nicola mit dem Gast ein Gespräch über die Ernteaussichten. Don Diego ergab sich dabei demütig in Gottes Hand. Aber diese Ergebung brachte Nicola ganz aus dem Häuschen. „Was heißt das! Männerarme braucht es für die Erde ... solche —", und er zeigte Don Diego feine herkulischen Arme, die gewohnt waren, die Erde zu bearbeiten. „Und seht die hier, wenn sie auch schon alt und müde sind", sagte Rosario, und hielt ihm seine Arme unter die Nase. Jetzt wollten auch Tita und Mauro ihre Arme zeigen und krempelten sich die Aermel hoch. Der arme Diego sah unter seiner Nase acht nervige Arme — stark genug, acht Ochsen zu fällen. „Ich sehe ... ja, ich sehe schon ...", sagte er und lächelte bewundernd und erschrocken. »Faßt sie nur an!" luden die Brüder ein. Don Diego tupfte mit zitternden Fingern ganz schüchtern auf die Arme, während feine andere Hand das Taschentuch zur Nase führte, damit nicht etwa ein Tröpfchen daraus auf die Arme falle. „Zu Tisch!" verkündete jetzt mit fünfter Stimme Santa. „Schiribillo, zu Tisch!" rief Mauro. „Ihr werdet so viel essen, daß Ihr nicht mehr zur Tür herauskommt; Ihr sollt sehen, Ihr wachst noch!" „Ich habe nur sehr wenig Appetit", beugte Don Diego vor, auf alle Fälle. Der Gast nahm zwischen Rosario und Nicola Platz. Die acht Bor- giannis, kaum daß sie saßen, füllten die großen Wassergläser mit Wein. „Zum Kreuzemachen" sagte Rosario feierlich, und sie leerten die Gläser auf einen Zug. „Trinkt Ihr nicht, Don Diego?" fragte Tita. „Danke, vor dem Essen nie", entschuldigte sich schüchtern der Gast. „Los, trinkt, das regt den Appetit an", drängte Nicola und drückte ihm das Glas in die Hand. „Ich kann nicht ... danke, danke, ich kann wirklich nicht ..." Jetzt erhob sich Mauro von seinem Stuhl: „Ich will ihn zur Vernunft bringen, paßt auf!" Mit einer Hand faßte er das Glas, mit der andern Don Diegos Kopf, und mit den Worten: „Zum Wohl!" schüttete er das Glas in den Mund des Aermsten, der sich verzweifelt sträubte. „Ach mein Gott, seufzte Don Diego halb erstickt, die Augen voller Tränen, und wischte sich den Schweiß von der Stirn, während der ganze Tisch sich vor Lachen bog. Jetzt tarn das gefüllte Schweinchen auf den Tisch. Rosario stand auf und zerlegte es. Das größte Stück bekam Don Diego. „Zu viel ... viel zu viel", wehrte er ab. „Ach was ... fangt nur nicht so an!" schrie Mauro und stand wieder von seinem Stuhl auf. Don Diego fuhr zusammen, beugte sich über seinen Teller und fing still zu essen an. Schweigend aßen alle diesen ersten Gang. Nur wenn der Geladene Miene machte, heimlich feine Gabel hin- zulegen, schrien die Kolosse ihm zu: „Eßt, eßt auf bis zum letzten Bissen!" „Jetzt ist es mir aber wirklich unmöglich, noch etwas anderes herunterzubringen". erklärte Don Diego mit dem letzten Rest von Energie, nachdem er unter einem tiefen Seufzer der Erleichterung aufgegejjeii hatte. „Wofür haltet Ihr uns denn?" ereiferte sich jetzt Tita. „Glaubt Ihr denn, wir laden für einen Gang ein? Ihr habt zu essen und Cure Pflicht zu tun, wir haben uns erkenntlich zu zeigen. Jetzt kommt die Jagdbeute von Mauro auf den Tisch!" Ein Hase und fünf Krammetsvögel für mich!" rief entsetzt Don Diego, „ein Ding der Unmöglichkeit ... wo soll ich denn einen ganzen Hasen hinessen?" „Ich habe Euch so wie so schon nur fünf Krammetsvögel aufgetan ... „Als Beilage! Da müßt ich ja ein Wolf feinl Ich werde nur die Bögel essen!" „Los!" schrie nun Mauro und schwang ein Hasenbein, an dem er eben nagte; „für Euch habe ich auf der Jagd meine Knochen riskiert. Wenn Ihr nicht alles aufeßt, nehme ich's als persönliche Beleidigung." „Um Himmels Willen, regen Sie sich nur nicht auf! Ich will's ja versuchen!" Er aß ... und in dicken Tropfen trat ihm der Angstschweiß auf die Stirn. Einen Moment wagte er es, von seinem Teller aufzusehen: da faßen die acht Dämonen der Hölle und gossen unaufhörlich Wein in sich hinein! Und der arme Don Diego empfahl im tiefsten Innern seine Seele Gott dem Barmherzigen! ... Das Mahl nahm kein Ende. Welch ausgesuchte Grausamkeit war das, würdig eines Nero! Am liebsten hätte Don Diego sich aus Verzweiflung auf die Erde geworfen; aber er hatte nicht einmal mehr die Kraft, [einen Teller wegzurücken. Vor feinen Augen begannen die Gedecke, Gläser, Flaschen zu tanzen; in seinen Ohren dröhnte es — die acht Borgiannis aber, schon betrunken, schrien und tobten wie die Besessenen und beschimpften sich gegenseitig. Kaum daß Don Diego den Teller ein wenig zur Seite rückte, sprangen die acht Riesen auf, die Tischmesser in den Fäusten: „Eßt! Für Euch haben wir's uns etwas kosten lassen!" Jetzt aber drohten Don Diego die Sinne zu schwinden: vor ihm auf dem Tisch erschien etwas Riesenhaftes, so groß wie ein Mühlstein! Das war zu viel! Er wollte fliehen — vergebens! Der Schreck lähmte ihm alle Glieder. Rosario erhob sich jetzt in feiner ganzen Länge, das Tranchiermesser in der Hand, Don Diego schien es, als berührte der Riese mit dem Kopf die Decke, als hielte er ein Richtschwert in der Hand: „Die Hälfte für Don Diego!" rief Rosario und zerteilte die ungeheure Pastete (fie war es, die dem Aermsten wie ein Mühlstein erschienen war) in zwei Hälften. „Die andere Hälfte für die Nachbarschaft", schlug Angelika vor. „Und wir?" fragte Mauro. „Für uns nichts? Ich will meinen Teil haben ... ich nehme mir ihn «einfach jetzt mit Gewalt!" Und Mauro stand auf und streckte die Hand nach der Pastete aus. Aber Luca war schneller: er ergriff die Pastete und, gefolgt von der ganzen Familie, unter allgemeinem Geschrei, Hin- und Herzerren und Knuffen, wollte er die Pastete zum Fenster hinauswerfen. Eine wüste Keilerei entstand; es regnete Püffe und Ohrfeigen, sie kratzten sich, zerschlugen Stühle, zertrümmerten Flaschen, Gläser und Teller und in Strömen floß der Wein über das Tischtuch. Eine Hölle von Spektakel! Endlich sprang Rosario auf einen Stuhl und rief mit mächtiger Stimme: „Schämen sollten wir uns! Ist das ein Benehmen? Wir haben doch einen Gast zu Tisch!" Dieser Zuruf wirkte Wunder! Er brachte die Wütenden plötzlich zur Besinnung. Der Gast! Aber wo war er? Hatte er sich verkrümelt? Aus dem Stuhl lag der Mantel, unter dem Tisch stand ein Paar Schuhe ... auf Strümpfen hatte sich der Unglückliche auf und davon gemacht. — „Schließlich", sagten kurz darauf die Borgiannnis, nachdem fie sich wieder gesetzt hatten, „schließlich ist doch alles ausgezeichnet gegangen ... bis auf den Gang mit den Früchten." (Slutorifierte Übersetzung von Dr. Leonhard von Herzet.) Oer Kollege. Merkwürdiges Erlebnis eines deulfchen Dichters. Von Rudolf G. Binding. Rudolf G. Bindings Stellung in der neuen deutschen Literatur wird u. a. gekennzeichnet durch die Erzählungen „Legenden der Zeit", „Die Geige", „Unsterblichkeit", „Die Keuschheitslegende", die Gedichtbände „Stolz und Trauer" und „Tage", die Briefe und Tagebücher „Aus dem Kriege", und die Autobiographie „Erlebtes Leben". — Der Dichter ist in dem kleinen hessischen Ort Buchschlag bei Frankfurt am Main ansässig. Ein Mann, der aussah, als wollte er mir eine Glasversicherung an- bieten, stand unlängst eines Morgens vor der Tür meines Hauses, als ich fie öffnete, um zum Bahnhof zu gehen. Ich bewohne ein kleines Landhaus in einem Vorort und wollte in die Stadt zu allerhand Zwecken. „Kann ich wohl Herrn Binding sprechen?" fragte in gutmütigem Tonfall mit einem Anflug von Dialekt in der Stimme der Mann, wobei er mich freundlich und besitzergreifend betrachtete. „Das können Sie leider nicht", sagte ich, während die Haustür hinter mir zufiel und ich im Innern eine Versicherung ablehnte. „Wie Sie sehen, muh ich zur Bahn." Bei diesen Warten fühlte ich mich durch einen Pack Briefe und Schriftstücke legitimiert, die ich unter dem Arm trug. Er strahlte mich geradezu an; offenbar gefiel ich ihm. „Das ist ja großartig", sagte der Mann. „Großartig —! Da gehe ich mit! Da genn iner noch ene Dasse Kaffee hinterher drinken!" Hierbei setzte er sich sofort mit mir in Bewegung. „Wissen Sie", begann er nach einer Anzahl von Schritten in unverminderter Freundlichkeit und Aufgeräumtheit wieder", — ich mache nämlich auch solche Sachen wie Sie —. Und da wollte ich einmal ..., nämlich Schulz ist doch so begeistert von Ihnen ... Sie kennen doch Schulz? Schulz von der Neu-I?" „Nein!" sagte ich, „ich kenne zwar nur wenige Schulze, aber selbst unter den wenigen ist Ihrer nicht." „Na, das macht ja nun nichts", meinte er. — „Jedenfalls wollte ich mich einmal ausgiebig ..., ich wollte mich einmal richtig mit Ihnen über die Dinge unterhalten!" „So", sagte ich, „also über Ihre und meine Dinge? — Oder über was? — Da Sie sagen, Sie machen auch solche Sachen wie ich, kennen Sie also meine Sachen." „Nein", sagte er. „Ich kenne nichts ... Ich kenne gar nichts ... „Ueberhaupt — na ..., Schulz war eben nur so begeistert von Ihnen. —" „Wissen Sie — Ich will Ihnen mal etwas sagen: ich mache ja auch noch etwas anderes. Ich wohne in Z. und Schulz, der ist mit mir befreundet unii arbeitet gerade an einem Verfahren für die synthetische Herstellung des Smaragds. Großartig, sage ich Ihnen. So gut wie sicher! Wenn Sie Smaragden haben —und er schaute auf die Aufschläge meines Hemdes um meine Handgelenke, wo sich freilich keine Smaragden zeigten, und machte eine Bewegung bedenklich und wegwerfend. — „Nö, wissen Sie", sagte er bann zurückkehrend, „ich wollte mich einmal eingehend über Lyrik mit Ihnen unterhalten." Unterdessen hatten wir den kurzen Weg zum Bahnhof zurückgelegt und standen auf dem Bahnsteig. Der Zug hatte einige Minuten Verspätung. „Da wäre es doch am besten. Sie zeigten mir etwas von Ihren Sachen", sage ich. „Ich kenne nämlich auch nichts von Ihnen." „I, wie sollten Sie auch", sagte er gütig; und 'zugleich zückte er ein kleines gedrucktes Büchlein auf mich, das er seinem Innersten zu entreißen schien; kompromittierend braun und von gleichem Umfang wie der deutsche Reisepaß. Er unterbrach plötzlich diese rasche Bewegung. „Hier", sagte er und schlug höflich das Titelblatt auf, um mir bann das Heftchen wie einen Ausweis hinzuhalten. „Nein, warten Sie! Ich schlage Ihnen gleich eins auf. Da! Die Sirene!" — aus welchem Poem ich bann mit Freuben ersah, baß: Auf einer Burg am Saalestranbe Erschien in schöner Frühlingszeit — Wie eine Fee aus Märchenlanbe Ein Mädchen voller Lieblichkeit. Ich fühlte mich aufs schönste angeschillert, und als Ein schmucker Forstmann sie verehrte Und bot ihr freudig Herz und Hand. Wie fie sich auch dagegen wehrte. Das Schicksal ihn mit ihr verband, bestieg ich mit meinem Kollegen, der mir alle Zeit ließ, mich zu vertiefen, den Zug. „Dem Kobold gleich, im Pagenkleide, durchstreift die Schöne Busch und Wald, da: ... Wie in einem Höllenschlunde Verschwunden ist das Elfenkind. Sirene! hallt's vorn Waldesgrunbe, Sirene! klagt ber Abendwinb. — Obgleich nach ber Sirene, die mich erschütterte, es vielleicht nicht nötig gewesen wäre, las ich, um nichts zu sagen, bis ber Zug in ben Bahnhof ber Stabt einfuhr. Etliche angesehene Herren hatten, wie bas Vorwort bankend verriet, die Arbeit in selbstloser Weise gefördert und unter den Mitgliedern der „Eintracht" verbreitet. Als ich dem Dichter beim Aussteigen das Buch schweigend zurückgeben wollte, erbot er sich, mir eine Widmung hineinzuschreiben. Um das zu verhindern, steckte ich es in die Tasche. „Was sagt denn Schulz zu den Gedichten?" fragte ich, da mir nichts einfiel, was sich Überhaupt dazu hätte sagen lassen. „Na! Der war eben so begeistert von Ihnen." (Ich begriff auf einmal Herrn Schulz.) „Haben Sie eigentlich nichts von sich da?" fuhr er fort, „ich möchte doch nun auch etwas von Ihnen lesen." — „Nein", sagte ich, „da müssen Sie schon in eine Buchhandlung gehen." „Ach so", sagte er, „die Sachen kann man kaufen?" Wir waren aus dem Bahnhof herausgetreten. Ich fand, baß ich mich in einer ganz ungerechtfertigten Ueberlegenheit befände und hielt ihm zum Abschied die Hand hin. „Nu, nee!" sagte er, „jetzt drinken Se doch ene Dasse Kaffee mit mir in meim Hotel!" Dabei blickte er mich freundlich und überredend an. „Nein", sagte ich, „Kaffee um halb elf Uhr vormittags — und wenn es mit Ihnen wäre — unmöglich." Er schien den Gedanken mit Betrübnis aufzugeben. Plötzlich aber legte er mir, obwohl er erheblich kleiner war als ich, kollegial die Hand auf die Schulter. „In vier Wochen, das sehe ich schon jetzt, sind wir die besten Freunde!" sagte er. „Ich bin sehr begierig! Oder sind Sie etwa einer von ben ganz Neuen? Denn bas will ich Ihnen sagen: bas ist Mist, bas ist Wahnsinn." Und zu meinem grenzenlosen Erstaunen zitierte mir dieser Mann, völlig fehlerfrei und ohne sich zu besinnen, ein Gedicht von Paul Zech, das er in einer der letzten Nummern der „Woche" gelesen hatte. „Nun sagen Sie selber", fuhr er fort, „bas ist boch Wahnsinn!" Ich. kannte bas Gebicht unb gestand, daß es mir nicht gerade gefalle; aber es sei zum mindesten sehr viel eigener und phantasievoller als seine. „Ach was", sagte er plötzlich fest und mannhaft. „Goethe, Schiller, Eichendorfs! Daran halte ich mich." „Nun", sagte ich, „man könnte, wenn Sie so wollen, sich auch noch an andere halten; z. B. Mörike ..." „Was", rief er aus, „Mörike hat ganz gute Sachen gemacht. — Ader anderes! z. B. Die Schwestern?" und er zitierte jene Schlußverse, wo die Liebe ber Schwestern, bie alles gemeinsam hatten, alles teilten, enbet: O Schwestern zwei, ihr schönen, Wie hat sich bas Blättchen geroenb’t! Ihr liebtet einerlei Liebchen — Unb jetzt hat bas Liebel ein Enb °ber 5 voll!« id, m't Ihn.« übet ,(9. tennen nichts .„ Ihnen. -■ He ja auch nit mir bt: syncheiijchi >o gut toi, 4 die Ach ■eilid) feine und meg: »ich wollte zurückgelegl nuten Bei. m Ihren h zückte er nnerjten zu Imfang wie igte er uni : wie einen gleich eins lit Freuden lid) zu w chstreisi b» »6 ich m d hielt li>" len Se b’f nid) fr®** . und o>'"" ist» iÄn«5 nicht nöti! en Bahnh-I ]5 Vorwort 1 unter b® ienb zurüd- en. Um bw Schulz M । überh-iuss iss ans i?" suhr « „Nein, „Nun?" fragte er forschend, da ich schwieg. „Gefällt Ihnen etwa das?" — Ich war schon einige Schritte entfernt und wollte versöhnlich enden. „Also gut: es gibt bessere Gedichte von Mörike", sagte ich. — „Nu söhn Set" rief er mir frohlockend nach; und — in bezug aus mich und sich — „wir sind uns einig!" — Später hat sich der Mann wirklich einen Band Gedichte von mir gekauft. Er muß sehr enttäuscht gewesen sein. Kaspar Hauser. Ist bas alle Rätsel endlich gelöst? Von Dr. Bertha Badt. Wer ist Kaspar Hauser? so fragte Deutschland — ja, mehr noch: Europa — während der kurzen Spanne von Jahren, die der Fremdling von Nürnberg, das „Kind von Europa" im Lichte der Welt verbrachte. Wer war Kaspar Hauser? so fragte seitdem fast ein volles Jahrhundert lang ein beinahe zahlloses Heer von Männern und Frauen aller Stände und Berufe: Rechtsgelehrte, Polizeiräte, Dichter, Historiker. Für die einen ist er ein Betrüger, dem die wundergläubige Zeit des Biedermeier als leichte Beute anheimfiel. Für die andern ein reines Menschenbild, ein prinzlicher Knabe, den «in unerhörtes Verbrechen aus dem Elternhause entfuhrt hatte. Das Merkwürdigste an diesem jahrhundertelangen Prozeß um das Andenken eines Menschen ist, daß eine im Dunklen schleichende Gewalt noch bis vor ganz kurzer Zeit alle Hauser-Freunde zu verfolgen schien. Die letzten Jahrgänge haben Schritt vor Schritt nun endlich zur Annäherung an die Lösung aller dieser Geheimnisse geführt. Aber es bedarf zunächst hier noch einmal einer knappen Zusammenfügung der Ereignisse in diesem kurzen und geheimnisvollen Menschenleben: Pfingstmontag 1828. Ein Nürnberger Handwerker erblickt auf dem Unschlittplatze zuerst den als Bauernburschen gekleideten jungen Menschen, der einen Brief an einen Rittmeister beim „Schwolischen Regiment" in der Hand hält, kaum einige Worte sprechen und nur wenige Schritte zu gehen imstande ist. Allmählich wird aus seinen stockenden Erzählungen klar: er sei all sein Lebtag bis jetzt in einem dunklen Verließ gefangen gehalten worden, habe auf Stroh gelegen und von Wasser und Brot gelebt. Erst vor kurzem habe ihm „der Mann" bei dem er war, mit Mühe das Gehen beigebracht, habe ihn auch seinen Namen „Kaspar Hauser" schreiben gelehrt. Der Fremdling ist zuerst im Nürnberger Gefängnis auf dem „Vestner Turm", kommt dann aber zu Professor Säumer ins Haus, wo er bald überraschende geistige Entwicklung zeigt. Spuren einer grausamen Gefangenschaft scheint er im Anfang noch deutlich an sich zu tragen; er kennt die einfachsten Begriffe nicht, er greift ins Feuer, er sucht hinter dem Spiegelbilde den Menschen. Freund und Feind find . von allen Seiten um ihn; während man ihn in Nürnberg kaum vor dem Ansturm der Neugierigen retten kann, wird plötzlich in Säumers Hause von unbekannter Hand ein erster mißglückter Mordanschlag auf ihn verübt. Im Sezember 1831 kommt Kaspar Hauser nach Ansbach, in das Haus des Lehrers Meyer, der es sich von Anfang an zur Aufgabe gemacht hat, Hauser zu ?,entlarven". Sort geschieht zwei Jahre später im Sezember 1833 im Hofgarten der geheimnisvolle Mord, dem er zum Opfer fällt. Nach seinem eigenen Berichte hat ihn ein Unbekannter dorthin bestellt, um ihm Aufklärungen über seine Herkunft zuteil werden zu lassen; dann hat er ihm mit einem Solche die tödliche Wunde beigebracht. 2(m 17. Sezember 1833 ist Kaspar Hauser gestorben Sie Mordtat blieb bis heute — oder: bis gestern? — unaufgeklärt. Zwei einander aufs Heftigste widersprechende Ansichten wurden schon : zu Lebzeiten des Findlings über seine Erscheinung ausgesprochen. Sie einen sagten: der Junge ist ein Betrüger, die Geschichte vom Kerker ist ein Märchen, die tödliche Verletzung hat er sich selbst beigebracht, um das erstorbene Interesse der Umwelt neu anzufachen. Sie andern dagegen — zu denen der Präsident des Ansbacher Appellationsgerichtes Anselm i*on Feuerbach gehörte — meinten: hier ist ein ungeheures Verbrechen '-n einem prinzlichen Knaben begangen worden; Einkerkerung und enb- iicher Mord gehen von derselben Macht aus, die ein offenbares Interesse ■ m Verschwinden des Kindes hat. Auch die Person des Fremdlings wird schon damals festzulegen versucht: Kaspar Hauser soll, so meint das Ge- lücht, der totgeglaubte und scheinbar begrabene Erbprinz von Baden sein. Zwei Fragen also find vorerst zu beantworten, ehe sich alle diese Widersprüche lösen: Woher kam Kaspar Hauser, als er nm Pfingstmontag h Nürnberg erschien? Und: Wer hat ihn ermordet? In letzter Zeit sind nun ober gerade diese beiden Vorfragen überraschend aufgehellt worden. Sie Schriftstellerin Klara Hofer entdeckte i tor einigen Jahren im Schlosse zu Pilsach,- nahe bei Neumarkt in der lberpfalz, ein vermauertes Verlieh, von dem noch alte Volkssage zu berichten wußte, daß dort einer gefangen gehalten wurde. In ihrem Buche »Kaspar Hauser, das Schicksal einer Seele" bringt sie eine Reihe von schwer widerlegbaren Beweisen dafür, daß wirklich die Volkssage recht hat I Und Kaspar Hauier hier gefangen gehalten wurde. Ihre Nachweise wur- d n aber erst in' letzter Zeit durch die unermüdlichen und scharfsinnigen Forschungen Fritz Klees derart erweitert, daß man nun von einer | Lösung des Rätsels in seinem bei I. Schräg in Nürnberg erschienenen | ^uch „Neue Beiträge zur Kaspar-Hauser-Forschung" reden darf. Im schloß war ein unterirdischer Raum, in dem sich mit grauenhafter Ein- blinglichkeit noch Reste der wenigen Singe fanden, die in Kaspar Hausers ^Zählungen von seinem Kerkerleben eine Rolle spielten: Strohlager, wfte von Kleidungsstücken, und Tonkrügen — selbst jene «pielpferde, °«n denen Hauser so viel erzählte, ließen sich in Erzählungen alter Leute 4(5 dem Sorfe noch nachweisen. Als sicheres Ergebnis stand fest: hier Kerker des Schlosses Pilsach hat sich einmal ein Gefangener nicht »Wöhnlicher Art aufgehalten; die spätere Beschreibung dieses Kerkers M Kaspar Hauser spricht dafür, daß er dieser Gefangene war. Wer hatte in jener Zeit Nutzen davon, an einem Kinde ein derartiges ^-rbrechen zu begehen, und wer war dieses Kind? i Nicht lange nach dem Auftauchen des Findlings in 'Nürnberg schon ^breitet sich das Gerücht: Kaspar Hauser sei der für tot ausgegebene dprinz von Baden. Grohherzog Karl und Stephanie Beauharnais, die Adoptivtochter Napoleons, hatten zwei Söhne; beide Söhne starben als Kinder, der ältere — Kaspar Hauser — den Berichten nach am 16. Oktober 1812. Nun aber hatte der Vater des Großherzogs Karl, Grohherzog Karl Friedrich, im Alter noch eine morganatische Ehe mit der Reichsgräfin von Hochburg geschloffen, die ihm drei Söhne geschenkt hatte. Siefen Söhnen die Erbfolge zu sichern — das war das Lebensziel ihrer ehrgeizigen Mutter; und es ist ihr nach dem frühen Tode der beiden echt- bürtigen Prinzen auch gelungen. Sie wurde zur Stammutter des bis zur Revolution regierenden badischen Fürstenhauses. Durch eine ihr ergebene Kammerfrau soll sie — es klingt wie ein Märchen — das gesunde Kind in der prinzlichen Wiege durch ein untergeschobenes krankes ersetzt haben. Dies kranke Kind starb bann am 16. Oktober 1812 und wurde als Prinz begraben. Der gesunde Erbprinz aber wurde im unterirdischen Verließ bei einem ihrer Hofbediensteten eingekerkert gehalten und trat erst im Alter von 16 Jahren hervor — Kaspar Hauser. „Ein Ammenmärchen!" sagt man zuerst. Aber bas eigentlich Paraboxe daran ist, baß sich burch bie neuen Hauser-Forschungen fast lückenlos alle Stadien dieses geheimnisvollen Vorganges nachweisen lassen. Selbst das von der Reichsgräfin untergeschobene Kind festzustellen, gelang Klees unermüdlichem Spürsinn. Es ist aller Wahrscheinlichkeit nach das Söhnlein eines Hofbediensteten der Gräfin, das nach dem amtlichen Register dieser Jahre wohl zur Welt kommt — aber nicht verschwindet, obwohl über sein späteres Schicksal nichts bekannt wird, im Gegensatz zu seinen Geschwistern, deren weiteres Leben man genau verfolgen kann. Erft im Jahre 1833, da auch Kaspar Hauser von der Welt verschwand, wird in einer offenbar gefälschten Sterbe-Urkunde der Tod dieses „Kaspar Ern st" angegeben. Auch die Person des Mörders Kaspar Hausers festzustellen, ist Klee mit hoher Wahrscheinlichkeit gelungen. Angestiftet wurde das rätselhafte Verbrechen durch den Major Hennenhofer, einen Günstling des Großherzogs Ludwig, des Freundes und Geliebten der Reichsgräfin, der vielleicht für seine eigene Nachkommenschaft zu kämpfen hatte. Was hat sich nun als „Bilanz der Hauser-Forschung", wie ein neueres Buch es nennt, ergeben? Erstens: Kaspar Hauser, der Findling von Nürnberg — der Gefangene von Pilsach wi« wir nun hinzusügen können —, mar kein Betrüger. Seine Angaben über seinen Kerker beruhen auf Wahrheit; ebenso auch sein Bericht über die gegen ihn verübten Mordanschlage. Zweitens: Aller Wahrscheinlichkeit nach war Kaspar Hauser der vermeintliche im Jahre 1812 gestorbene Erbprinz von Baden. Ermordet wurde er auf Veranlassung derselben Mächte, die einst seine Gefangenschaft bewirkten, im Augenblick, da die Gefahr einer Entdeckung seiner Persönlichkeit näher zu rücken begann. Und nun erhellen sich blitzartige Zusammenhänge, bie man zunächst für Gerede zu halten geneigt war: der geheimnisvolle Tob bes großen Kaspar Hauser-Gönners Anselm von Feuerbach; ber Morbversuch auf den alten Säumer kurz vor Vollenbung feines Hauser-Buches. „An jebem Blatte in ber Geschichte Kaspar Hausers klebt Blut", sagt Jakob Wassermann einmal, ber ja selbst tief in bie seelischen Abgriinbe biefes geheimnisreichen Menschenlebens hinein geleuchtet hat. Aber Kaspar Hausers gemordeter Schatten hat sich selbst zu seinem Recht verhalfen. „Aenigma sui temporis“ — wie die Grabschrist ihn nennt — „das Rätsel feines Zeitalters" ist gelöst. Zwei wollen zum Theater. Roman von Hans-Caspar von Zabeltitz. Copyright 1930 by Carl Duncker-Derlag, Berlin. (Nachdruck verboten.) (Sortierung.) Sie schoben sich durch das Tischgewirr, setzten sich. Der Kellner kam. Gertie bestellte. In dem Augenblick setzte bie Musik wieder ein. Rings erhoben sich bie Paare zum Tango. Das ganze Bild verschob sich zur Mitte des Saales hin. Die beiden schwiegen und sahen in die Buntheit hinein. „Eigentlich hübsch", meinte bann Gertie. Isa nickte nur. Der Tee wurde gebracht. Der Kuchen gereicht. Sie schenkten sich ein, bedienten sich, aßen. Danilo setzte bie Geige von ber Schulter. Flügel, Saxophon, Bratsche unb Schlagzeug brachen ab. Die Tanzenben ftanben still, wie festgebannt, klatschten. Danilo hob bie Geige wieder, nachdem er gnädig lächelnd den Kopf dankend gesenkt hatte. Der Tango ging weiter. „Und Minna?" fragte Gertie. Isa sah sie an. „Du weißt, daß ich daran dachte?" „Gewiß— ich denke doch auch an die Franziska." „Ich fürchte mich." Nun wurde Gertie wieder lebhaft. „Fürchten — solch Unsinn. Ich freue mich; das kannst du auch. Und ob bu’s kannst? Die Minna! Ich bitt' dich: brauchst dich doch nur selbst zu spielen. Büchner weiß, warum er sie dir gab.“ „Es ist eine Aufgabe." „Selbstverständlich. Soll es ja auch sein. Aber fürchten? Warum? Wenn du an diese Aufgabe mit Furcht herangehst, hast du die Partie schon halb verloren. Ich packe die Franziska unb schmeiße sie hin. Unb wenn wirklich mal ein Satz nicht so sitzt, wie Büchner es sich buchte. Dann sitzt er eben anbers. Aber er sitzt. Sela. Basta!" lieber Isas Gesicht ging ein ganz kleines Lächeln. Ein wenig müde war es. „Das kannst bu, Gertie, bu. Ich nicht. Die Minna! Das ist ein Stück Literatur. Die will ausgefeilt Jein bis zum letzten. Ich kenne sie ja. Kann jetzt jch,n jebes Wort. Würbe nicht hängen bleiben. Aber sie spielen, bas ist Ernst, bitterer Ernst. Sie ganz ausfüllen, ganz. Bis dahin ist noch ein weiter Weg. Ich möchte schon — ich möchte." Sie lehnte sich zurück, sah zur Decke auf. „Ich werbe, ich will." Und nach einer Weile: „Ich muß!" Sie nahm ihre Taffe und trank, heftig urb schnell. — Gertie. Die Musik schwieg, — setzte wieder ein. Don dem Herrentisch in der anderen Ecke loste sich Leo Queis. „Kommst du nicht mit, Peter?" fragte er Isas Brude^ Der schüttelte den Kopf. „Jetzt nicht. Der Blues interessiert mich nicht. Aber melde mich immerhin an." ... , _ Leo Queis ging durch den Saal. Seine Schritte waren sicher, lang und ruhig. Sein Gang glich dem Isas, vielleicht, weil sie verwandtes Blut in den Adern hatten. „Da kommt dein Vetter", sagte Isa nickte. „Also doch." „ , Sie begrüßten sich, gaben sich die Hande. Isa stellte vor: „Graf Queis." „Willst du tanzen, Isa?" fragte er. Sie erhob sich. „Gewiß." Ehe sie den Tisch verließen, fragte sie noch: „Warum kommt Peter nicht?«' „Ich soll ihn anmelden." . „Du kannst ihm ruhig sagen: Ich danke für die Ehre, wenn er den Weg nicht schneller zu seiner Schwester findet." Sie gingen auf die Tanzfläche zu. „Warum so böse, Isa?" „Weil Peter ein Flegel ist." „Er hatte dich noch nicht bemerkt.' „Aber du hattest mich doch gesehen." „Ja, ich ..." Sie tanzten. — ... ... „ Gertie Rose sah ihnen zu. Sie verstand die Freundin nicht; sie wußte dieser Graf Queis warb um sie. Seit langem schon. Er war wohlhabend, reich sogar, Herr auf soundsoviel Gütern tn Thüringen; er war zehn oder zwölf Jahre älter als Isa, sah gut aus, war kein Bummler kein Flaneur, hatte seine Betriebe tadellos in Ordnung. Die Großmutter ersehnte sich die Verbindung. Alles war in bester Ordnung. Isa konnte aus der ganzen Misere herauskommen. Und sagte: Nein. Grund: „Ich liebe ihn nicht." Eigentlich irrsinnig. Und Peter, der Bruder? Ein lieber Kerl, aber ein Faultier. Tat nichts Hatte ein paar Anläufe gemacht: einmal ein Vierteljahr auf einer Bank, einmal vier Wochen im Versicherungswesen, dann hatte er versucht, Automobile zu verkaufen. Zwei oder drei hatte er an den Mann gebracht, die Prozente eingesteckt, damit war es erledigt. Großmutter war ihm gegenüber schwach, sie futterte ihn durch, er hatte sein Zimmer bei ihr. Und wie Großmutter waren alle anderen auch gegen ihn schwach, die Verwandten, die Freunde: alle steckten ihm etwas zu jeder pumpte ihm und wußte, daß es auf Nimmerwiedersehen war. Jeder sagte: „Gott, der Peter Weiher, der liebe Kerl, was soll er denn tun? Sein Gut hat er verloren, Rechtes gelernt hat er nicht; und so Agent sein, das ist doch nichts für ihn; von Tür zu Tür laufen und fragen: Sind Sie schon versichert, Leben? Feuer? Diebstahl? Haftpflicht? Oder brauchen Sie einen Staubsauger oder einen Küchenmotor?" Nein, das konnte man dem Peter nicht zumuten, dem lieben Kerl. Gertie wußte alles. Isa hatte es ihr erzählt, hatte ihr geklagt. Schon damals, als sie noch gemeinsam die Schulbank drückten, als ihre Freundschaft begann. Isa war wohl die einzige, die gegen Peter hart sein konnte. Manchmal. Dabei ist der Bengel schlau", sagte sie dann wohl, „er weiß viel, und was er nicht weiß, fliegt ihm zu, wenn es ihm geboten wird. Nur faul ist er. Und diese Freunde und Vettern sind sein Verderben. Und Großmutter mit ihrer ewigen Weichheit auch. Immer in fremden Autos, Golf mit anderen, Tennis mit anderen. Heute eingeladen zum Bridge, morgen zum Tanz. Er kann ja alles. Die Männer verwöhnen ihn, die Frauen verwöhnen ihn. Alle haben ihn gern. Und keiner sieht ein, daß er sich an ihm versündigt. Und dabei ist er gut im Grunde seines Herzens ..." So hatte Isa geklagt- Ja _ cs war schon ein Kreuz mit dem Peter. Und dabei mußte Gertie lächeln: sie selbst gehörte ja auch zu den Verwöhnern, oft genug hatte Peter am Steuer ihres Wagens gesessen, ost genug hatte sie ihn angeklingelt: „Kommen Sie mit zum Tennis, Peter? Kommen Sie mit zum Motorbootrennen nach Potsdam? Zur Regatta nach Wannsee, zum Rennen nach Karlshorst?" Er wußte überall Bescheid: kannte die Rennboote, die Segelklassen, die Pferde, die Trainer. Peter, der liebe Peter. Isa kam zum Tisch zurück. Allein. Gertie sah, wie sie den Vetter am Rande der Tanzfläche zwischen den vordersten Tischen verabschiedete. Mit einem kurzen Reichen der Hand. Mit einem kurzen Senken des schönen Kopses. Sie setzte sich stumm neben die Freundin, zerteilte ruhig ihren Kuchen auf dem Teller. Ihr Gesicht war steinern. Auch Gertie blieb still. Sie kannte Isa; sie siihlte, die Freundin litt; sie ahnte, daß Leo Queis ihr wieder zugesetzt hatte. Offen, mit klaren Worten, mit klarem Antrag. Oder in wortlosem Werben, was vielleicht noch mehr schmerzte. Einen Menschen wie Isa mehr schmerzen mußte, weil sie empfand, daß sie Queis quälte mit ihrem Nein. Zwei, drei Tänze gingen vorüber, ohne daß sie ein Wort wechselten. Dann richtete sich Isa plötzlich auf. „Laß uns gehen. Ich halte es hier nicht mehr aus." Gertie nickte nur; ein klein wenig Trauer lag aus ihrem Gesicht. Da legte Isa ihre Hand auf die der Freundin, weich, lieb: „Sei nicht böse, Gertie, du wolltest lustig sein, und nun ist es ernst geworden. Es scheint mein Schicksal zu (ein, daß es um mich immer ernst wird." Der Kellner kam, Gertie zahlte. Sie standen auf. Als sie durch die Halle gingen, schob Isa ihren Arm unter den Gerües. „Du solltest dich nicht an mich hängen. Kleines, du solltest es nicht. Ich bin ja nur eine Last für dich." Gertie sah zu Isa auf. „Laß mich bei dir. Ich bin ja so glücklich, daß ich bei dir jein darf." Langsam, Stufe für Stufe, ging Isa die Treppe des Ketthstraßen- hauses hinauf vorbei an den Namenstafeln der Mitbewohner, den blanken Messingschildern, deren Form sie seit Jahren kannte, deren Aufschriften sie aber nte gelesen; es war fa so uninteressant, wer die Mietskaserne mit einem teilte. Das meiste am Leben schien Isa überhaupt uninteressant. Es gab so wenig leuchtende Farbflecke in ihrem Dasein. Und sollte einmal einer hineingetupft werden, freudig, hell, so fiel gleich ein Schalten darauf. Wie heute das Wiedersehen mit Leo Queis. Warum mußte er gerade sie fordern, gerade sie? Es gab soviel junge Mädchen, blond, gut gewachsen, hübsch, gescheit, die brennend gern in das Herrenhaus von Scherkalden als seine grau eingezogen wären, warum fragte er nicht bei ihnen an, warum immer wieder bei ihr? Warum? Isa stand vor der Eingangstür der großmütterlichen Wohnung. Auch dort ein Messingschild unter dem Klingelhebel. Aber über ihm noch ein weißer Fleck, eine Visitenkarte: Dr. Ulrich Büchner. „Büchner", sagte Isa leise vor sich hin, während sie die Schlüssel aus ihrem Seidensäckchen nahm, und dachte weiter: „Theater — Arbeit — Minna!" Ja, sie wollte sich heute abend den Lessing vornehmen, noch einmal lesen, Wort für Wort, noch einmal sprechen, auf und ab gehe, und memorieren. Morgen kam dann nachmittag Gertie, damit sie die gemeinsamen Szenen proben konnten: Minna und Franziska. Sie trat ein. Leise. Auf Zehenspitzen fast. Das war ihr zur Gewohnheit geworden, denn die Türen zu Büchners Zimmern gingen nach dem Vorderflur, und er brauchte um diese Zeit Ruhe, er arbeitete gewöhnlich vor dem Theaterbeginn, las neue Stücke, die ihm von Dramaturgen zur Beurteilung oder von der Direktion zur Regievorarbeit übergeben waren. Sie wußte, er prüfte dann genau, mit dem Bleistift in der Hand, de» Notizblock neben sich. Für jede Szene hatte er gleich (eine Gedanken, bildhaft standen sie vor ihm. Da störte jedes Geräusch. Durch das dunkle Eßzimmer ging Isa nach hinten; dort lag ihr kleines Zimmer, schmal und dürftig, das einzige Fenster nach dem engen Hof hinaus. -Sie hatte versucht, es etwas auszuputzen, aber gegen das montane Graugrün der Tapete, gegen die Verschlissenheit der Möbelbezüge tarn sie mit den paar Kissen und Hellen Deckchen nicht an. Und« eine neue Tapete? Woher sollte Großmutter bas Geld nehmen? Wenn Mittel in die Wohnung gesteckt wurden, so tarnen sie den Vorderzimmern zugute, den vermieteten, die die Geldquelle des Haushalts waren, eint- spärlich fließende Quelle neben der kleinen Pension, die Großmutter bezog. Die Waisengelder für Peter und Jfa waren ja fortgefallen, seit fic mit sechzehn Jahren ins arbeitsfähige Alter eingetreten waren. Arbeitsfähig — das war auch so ein Begriff. Wann würde sie wohl ihr erftes- Geld verdienen? Und wann würde Peter einmal wieder etwas in die- Wirtschaftskafse legen? Er hätte es wohl können, aber er hatte ja nicht: die moralische Kraft, sich aufzurafsen. Die Lampe auf ihrem kleinen Schreibtisch knipste Isa an. Mattes Licht kroch durch den Raum; es war ja nur ein zehnkerziges Birnchen,, das da auf flammte; man mußte überall sparen, selbst am Strom. Es war schon ein Hundeleben. Ein altes Kleid nahm Isa jetzt aus dem Schrank, und tauschte es gegen das gute, das sie für die Unterrichtsstunden immer schweren Herzens anzog. Sie mußte es schonen, es war das einzige, das sie noch für besondere Zwecke besaß. .Ach: immer dies „Muh", dies ewige „Muß". Schonen müssen - sparen müssen — hungern müssen. So war das Dasein — ihr Dasein. Ein ewiges Sich-Versagen. Blieb: das Lernen, die Arbeit. Wenn das nicht gewesen wäre, hätte jeder Lebenszweck gefehlt. Aber das Lernen war schön. Wenn Büchner Aufgaben stellte, klassische meist: eine Julia szene oder einen Abriß aus „Maria Magdalene', manchmal auch ein Stück Wedekind, einen halben Akt Sudermann; oder wie neulich, als er ihr die große Szene aus Zuckrnayers „Katharina Knie" abforderte, von heute auf morgen: bann gab es ein Vergessen ber zerstörten, armen Umwelt. Dann waren bie Stunben unter ber halbbunklen Lampe Plötz lich kurz. Erst würbe gelesen unb roieber gelesen, bis sich Sinn und Wort ins Hirn prägten. Dann wurde gesprochen, leise, lauter. Gesten kamen, Bewegungen. Das Gesicht wurde geformt, bis Ausdruck in die Züge kam, der Ausdruck, der so klar vor dem geistigen Auge stand und der so schwer in die Augen, auf die Stirn und um den Mund zu lege» war. Es mußte ja alles zusammenklingen - Büchner sagte immer wieder: das Spiel ber Hänbe, bas Spiel ber Gliebe r, bas Spiel ber Mienen.. Nicht nur bie Sprache war es: ber ganze Körper mußte von ber Rolle beherrscht sein, ber ganze Mensch mußte in sie untertauchen: aus Isa von Weiher mußte eben bie Minna von Bornheim werben. „Du brauchst bich boch nur selbst zu spielen", hatte Oertie gefagt. Ach, Gertie hatte gut reben ... Da saß Isa, ben Kopf in bie Hänbe gestützt, und las noch einmal Lessings Lustspiel, las bie Minna, die nun ihre Aufgabe war, las, was sie fchon fünfzigmal gelesen, was sie kannte. Wort für Wort, unb wo Jfa kam zum Tisch zurück. Allein. Gertie sah, wie sie ben Vetter am es boch hunbert Möglichkeiten unb Nuancen gab. — Sie las unb las ... Bis plötzlich bie Tür ging. „Kommst bu nicht zum Adenbbrot, Kind^ Großmutter fragte es mit ihrer leisen Stimme, bie immer etwas benommen, etwas ängstlich klang. Isa fuhr auf. „Gewiß, gleich!" „Vergiß nicht das Licht zu löschen, Kind." Die Tür schloß sich. Langsame, etwas schlürfende Schritte entfernten sich. Mit müder Bewegung strich sich Isa das Haar aus der Stirn. Esten — auch das mußte ja [ein. Sie schaltete die Lampe aus und ging den dunklen Flur entlang der Großmutter nach. Die alte Dame wartete am Eßtisch. Wie immer in schwarzer Seide- Wie immer das weiße Haar sehr sorgfältig gescheitelt, im Genick dm- kleinen, festen Knoten. Die dünnen Hände mit dem doppelten goldenen • Reif am rechten Ringfinger lagen auf der Lehne des Stuhles. | „Dann können wir wohl anfangen, Isa. Peter kommt ja nid)L | Er hat eine Verabredung, sagte er mir. Vielleicht ist es wegen einer . Stellung.". * (Fortsetzung folgt.) Dera»zwortlich: Or. Hans Thyriot. - Druck und Derlag: Drühl'sche UniverfitätS-DuL. unb Steindruckecei. R. Lange, Giehen. GiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 7Z Zreitag, -en 2. Oktober Jahrgang (951 anders. Das aarne Wesen ö und auf den Fluren laß die Winde los. Colour & Grey Control Chart Green Cyan Blue i lang, bis wieder das erste kommt, das Mitte dreht und lächelt im Kreise. lanj ernste Gesichter. Ein । von de» 0 cm 2 6 )a ich singen in heute * ifsnet sich. Manche sind ganz Bewußtsein und . Andere überlassen sich spielend dem Glück, i dumm, merkt nicht, warum es geht: viel zu mb enttäuscht erstarrt er in dieser Haltung. >at, darf noch einmal umsonst fahren. (Sonst >ie Kinder an. Don allen Seiten des Mars- Die Erwachsenen lächeln und gehen mit. Bänkelsänger im Kreis. Ein Mann ver- singt dann vor. Seine schöne Stimme hat arm spielt er wieder Ziehharmonika und Schal. Turkos. Der Himmel wird grün, der Eiffelturm schattenhaft, mit Lichterwellen. Der Mond auf der einen Seite, still und schmal in Wölkchen: kirschrote Lichtreklame auf der andern. Beide mischen ihr Licht zu seltsamem Schein. Red irey 4 i das mit. r nur vev ehn Tag» h wir hi« und sieht aus die kleinen Kinder, die auf Pferdchen sitzen und herum- fahren. Feine Drehorgelmusik, rhythmisch, orientalisch, dumpfes tarn tarn und leise hohe Trillermelodie. Die Kinder alle blaß, still, fröhlich und zart. Sie haben Stäbchen in der Hand, mit denen sie Ringe zu stechen suchen, die eine Frau ihnen hinhält. Bon weitem schon, wenn sie dieser Stelle näher kreisen, sind die Gesichter voll Spannung. Jedes uren, will iie vorhin Anspruch rbe. Mm ifje amerb 'stahl uni ie man es Oben im Wind auf der Galerie von Notre Dame. Die Chimären schauen übers Geländer zur Stadt tief unten, oder sie sehen den Engel an auf dem Dach, der — starr und jdjmaL — auf der Tuba spielt.. Am ichsien frei ,t) abholt» ! mache id| Provision, en hem eten war, it Minute gestohlene n können nur drei stich singen sie mit, haben ganz ernste Gesichter. Ein i, junger Herr mit steifem schwarzem Hut und weißem nem geistlich d" ; der M vnen iN idetttaustnd Herbsttag. Bon Rainer Maria Rilke*. Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, * Ganz früh gehen wir fort. Unsere Straße ist noch feuchtkalt und still. Rur ein altes Individuum mit teeren Augen wühlt systematisch in den Mülltrögen. Die Seine. Bouquinisten am Ufer, lange Reihen: alte friedliche Männer vor aufgeklappten Büchertruhen. Man darf darin herumkramen. Die. schönen alten Bilder im Deckel. Jagte R getan 2 iuschastei. Mels ii( M nitW - Pflicht, ftus, nach ?°l>>i zu ie Polizei urlich bj, und Ihn Magenta Black Unser kleines Hotel liegt in der kleinen Rue Delambre, wo Mont- parnasse Und Quartier latin — Künstler und Studenten — sich mischen. Die Straße im frühen Morgen. Oben sausen Wölkchen vor blauem Himmel. Unten kehren Nächtlinge heim, blaß im hochgeschlagenen Mantel. .Sin Lumpensammlerpaar sucht aus den Kasten sich, was es braucht, singt schwer vor sich hin. Wir hören die Straßengeräusche wie Musik eines Orchesters. Die Aus- rufer haben nicht das sorglose Singen der Italiener. Es klingt fast drohend. — Im Cafe .du Dome. Die Leute sitzen auf der Straße an kleinen Tischen, wie Wellensittiche immer zu zweit, die Gesichter zum Fahrweg gewandt; ausgereiht wie Rabatten. Literaten, Künstler, Mondäne. Ein Mulatte putzt die Tischchen. Wir lassen uns treiben und bezaubern. Boulevard Montparnasse, fo breit, bflfj bic Menschen brühen roie Kinder klein sind. . , , , , . , Schwerer Himmel. Bon weitem der Eiffelturm, so hoch und fern, daß er immer mitgeht. Champs Elysees. Yellow Grey 3 6 8 16 8 § £ Z 19 20 21 22 23 12 13 14 15 17 18 9 10 ■ I ! i| f (Nachdruck verboten.) verteilt. Alln S^S M .»♦«iS in I Mr setzen uns arglos auf etjerne ocuei, uu «X«>7nfÄnV bezahlen. Neben uns ein Junge füttert die wimmelnde Spdtz-nschar. vorübergehende müssen ausweichen, die Spatzen machen nicht U tz. ^pringbrunnen-Andreher in Heldenpose. Wir werden uberspr tz »errlichen Wind. * Wie ?ftmesGS!hbu^t und weit! Die weiße wunderschöne Stadt tief unten, glitzernd und groß. Wolkenschatten Große Klarheit, Blaue un ußinb. Ferne regnende Wolkenberge, Walder und weites Land rmgs um die Stadt, die Schlingen der Seine, verschwenderische Platze Auf em Montmartre die Moschee-Kirche Sacre Coeur, alabasterweiß > leiernen Wolken, orientalisch hingezaubert. * Champ-de-Mars. Biele kleine Leute ... Sonntagnachmittag. Wir stehen lange vor einem Kinderkarussell. Es wird langsam dunkel. Lichter auf dem Eiffelturm. Blätter sollen und werden mitgewirbelt tir- Kreis großem _ Der dicke Karussellmann mit rota Backen unter ,. . * ' j. [ä&M -chnurrbort und kleinen dunklen gütigen Augen. Er leiert m *UUm „Buch der Bilder"; Gesammelte Werke Band II, Jnsel- 2erlag, Leipzig. Luxembourg. Eingeregnet auf gemieteten Stühlen in einem Pavillon. Sehr viele Kinder sind hier, alle mit dem zarten porzellanenen Teint. Kinderwagen. Fünf kleine Geschwister. Die Aussichtsfrau spielt Springseil mit ihnen. Alle sind voll Charme und Frohsinn. Sechszehnjährige Gymnasiasten spielen Fangen. Einer hockt am Boden auf feiner Mappe: schlank und langgliedrig, mit blonden Locken und einem ernsten Lächeln zu den andern herauf. Er gleicht wohl seiner Mutter. Ein Mädchen mit breitem schwarzem Filzhut, ärmlich, und ein junger Mann, wohl Maler, sprechen zueinander mit aufgeschlossenem liebenahem Freimut. Sie zeigt ihm endlich ein kleines Oelbild, Bäume aus dem Luxembourg Er findet es wohl schlecht, hält und besieht es lange mit unaussprechlich freundlichem Lächeln. Beide sind ganz jung, kaum 3!Ba0U%Jtufter der Fünf kommt mit fünf Gumrnicapechen. Auf ihrem Gesicht liegt der gleiche Frohsinn. Sie schlagen das Seil und springen in Variationen, nach einem Kinderlied. Neben mir eine blasse Frau am Zwillingswagen singt dem „eher petit Christian" ein rieselndes Schlaflied und sieht still ins Leere dabei.