GietzeimAmilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <931 Freitag, ben 30. Januar Nummer 9 Auf ein schlummerndes Kind. Bon Friedrich Hebbel. Wenn ich, o Kindlein, vor dir stehe. Wenn ich im Traum dich lächeln sehe. Wenn du erglühst so wunderbar, Da ahne ich mit süßem Grauen: Dürst' ich in deine Träume schauen, So wär' mir alles, alles klar! Dir ist die Erde noch verschlossen, Du hast noch keine Lust genossen. Noch ist kein Glück, was du empfingst; Wie könntest du so süß denn träumen. Wenn du nicht noch in jenen Räumen, Woher du kämest, dich ergingst? ÄiS tS&S'j&i M fe'SÄ r'slen, das Kind folgendermaßen ohrfeigte: 9 VOm Äopr ,,Du sollst nicht mit den schmutzigen Jungens spielenl" Dann wurde das hübsche, weinende, siebenjährige Mädchen unianlt ms Haus gezerrt, wir Männer bissen vor Wut auf die W- W Unh rT d>e Grafcnsöhne sprachen von Satisfaktion! Und alle vier sahen wir an uns hinunter, ob wir schmutzige Lungen * f wir waren es nicht, obwohl jeder derbe Flicken im Hosen" 1 bobe.n' a“l ben Knien und an den Ellenbogen trug, damit unsere Mütter weniger Sorgen hatten. Was wir noch wollten? Rache! Rache für emv- fangene Beleidigung. Rache für die arm« Helene, die uns jetzt schon gehörte, da ste für uns Prügel empfing, da ihr Weinen und Schlüßen und Klagen immer noch bis auf die Straße zu hören war. W i ™urig 6«krankt und gequält, zogen wir heim, die ganze Weltreise Geheimnis bem^>?" mu6t! fle aufschieben, denn ein anderes, ein tieferes Ocheunnis bewegte uns; da rumorte etwas in den zehnjährigen Käufen d^ ^afensohn ebenso brennend empfand wie der kleine,^arme Josef müli-n Vater heute wieder viele Stunden unter Tag hatte schuften müßen. — Als wir von unseren Eltern von der Dorfstratze weaaeruien Wnrr"fS»fnS ^^?ess«'> dampfte schon auf den, Tisch), war unser letztes Wort. Helene. Wir schlichen wie junge Spürhunde in den Nachbarort Zossen, war fragten alle Leute aus, wie die Mutter der kleinen Helene |e';. und jeder wußte, daß das Kind keine frohe Jugend Erlebte, denn die Mutter sei früh Witwe geworden, sie habe heute diesen Freund zu Gast, morgen den andern, da sei es wohl zu verstehen dak s? r fc-ur-t ^allrr fragte, ob sich denn keiner um das Schicksal dieses hübschen Kindes kümmerte? — Da zuckten die Leute allemal die Schultern hoch, und diese Geste ist eine der bequemsten der Menschen ^QS 9e^ <5cCln,d) an? 6ie ^9^: Laß mir meine schöne Ruhe' Oder. Soll ich mir tue Finger verbrennen? — Wir aber, wir zehnjährigen Männerknirpse, wollten und konnten diese ü L ickterlab denn^'" N^bardorf nicht verstehen. Nein, wir brannten jetzt lichter oh, denn zu vieren konnte man schon dieser Rabenmutter ans & su meren ließe sich schon vieles bessern, vieles ändern, außerdem hatten die Grafen drei scyarfe «ihäferhunde, die Pollers besaßen einen Spitz, und mein brauner Dackel war zwar harmlos, aber er würde Radau machen; das ist auch was wert. .. ,^^«u>, init zum Zerspringen glühenden Köpfen gingen wir an diesem Abend ms Bett, denn den ganzen Tag hatten wir Pläne von verbrecherischer Kühnheit geschmiedet. Josef Poller mahnte immer wieder irfrnn h.h.ni.ns fM f,.L. morg.n aber waren wir schon bedeutend kühler, jeder hatte Bedenken, erst am späten Nachmittag bie Tnirhen T't“ 'n ^'^'ng, und wir stopften UN- Steine in ,V"d noch dickere, dann zogen wir ab, klopfenden Her- zens, es gejchah alles für Helene, die mit uns schmutzigen Jungens nicht spielen durfte; die Hunde ließen wir daheim. Bor dem Nachbardorf warteten w,r die Diinkelheit ab, dann krochen wir aus dem Straßengraben und es war uns heute ganz anders zu Mute als sonst in solchen Fällen' mir dachten nicht an einen Unfug, nicht ans dumme Streichespielen nein, es ging diesmal um Höheres, um eine Tat, um ein Ziel, um einen Menschen! Wie alt waren wir doch? Zehn Jahre! Großer Gott, fjeute erst knietet nur eui, welche Kerle wir waren, wie echt, wie herrlich unbesonnen. — Stockfinster war es noch in dem Haufe, wo Helene mit ihrer Mutter wohnte. Es roch heute nicht nach Rebhuhn und Sauerkohl, kein Geräusch wurde laut, am Dachfirst sauste nur eine Schwalbe ab, die dort ihr Nesthäkchen mit Mucken gefüttert hatte. - Josef Poller sagt, diese Schwalbe orge besser für ihre Kinder als diese Frau ..., ja, wie heißt Helenes Mutter eigentlich? Auf der Tur stand Müller, das macht uns ein wenig nüchterner. — Wir klinkten die eiserne Gartentür auf und standen jetzt mitten vor den Primelbeeten, die uns wie erstaunte und entrüstete Gesichter aus der Dunkelheit anglotzten. Wir froren und sprachen kein Wort, wir mußten jetzt erst, daß wir hier eigentlich nicht stehen durften wir Eindringlinge seien, Einbrecher und lichtscheue Räuber. Diese Gansehaut, als krabbelten Ameisen an Bein und Rücken hinunter! Joses Poller zitterte und Haperte gar mit den Zähnen. „Laßt uns umkehren!" „Warum? Du bist feige!" "Nein , sagte der arme Poller, „nein, aber ich denke an meinen -boter, dem wird man kündigen, wenn ich hier ertappt werde!"__ Klaus und Kurt v. Zwirner warfen sich in ihre Knabenbrüste: „Alle für einen, einer für alle; bann wird dein Vater bei uns arbeiten, unter Vater ist Graf und hat tausend Morgen Acker!" Noch zögerten wir, noch waren wir wankend und unschlüssig, da warfen die kleinen Grafen die ersten Steine in die Fenster; das flirrte Mer Jungens und Heiene. Novelle von Heinz S k e g u w e i t. „ war also in Bruckwiedel: rechts von uns residierte der Gras nrh^Hpr- mZn11 b^wilie, links von uns stand das Haus des Bergarbeiters Poller, m der Mitt« wohnten wir, und die nachbarlichen Be- z ehungen waren durchaus friedliche. Der Graf hotte zwei Söhne, Äurt unb Klaus, der Bergarbeiter hatte einen Jungen mit Nomen Josef mir met zusammen aber waren im gleichen Alter von zehn Jahren. Unzertrennlich und abenteuerluftig richteten wir etliches Unheil an, und wenn A'"en >n der Nacht die Kirchenglocke läutete, wenn der Pastor per Nachnahme em Paket mit Ziegelsteinen empfing, oder wenn im gräflichen ijoje dw Huhnerglucke plötzlich Krickenten ausbrütete, weil irgendwer die Eier vertauscht hatte, so fiel der Verdacht allemal auf uns, "obwohl wir manches, aber doch nicht jedes Kapitalverbrechen von Bruckwiedel auf 3 tr“9cn- ®om Jndianerfpielen hatten wir jetzt genug, der ifufjball war noch nicht in Mode, wohl aber packte uns die Sehnsucht nach einer gemeinsamen Weltreise, also warteten wir die nächsten Schul- serien ab, um die kühnsten Pläne zu verwirklichen. Bei Bruckwiedel floß Alfe, jeder von uns mußte für Holzstämme sorgen, denn .. h atc£ ^ntfte6ern' ein gewaltiges Fahrzeug mit Kabine, Kommandobrücke Fahnenmast und Kompaß. Die meisten Hölzer flauten Kurt Klaus ihrem »ater aus dem Gutshof, aufs Zusammenschreinern wurde sich Josef Poller ausgezeichnet verstehen, zumal ein Vater Erfahrungen ,m Stollenbau hatte. Und ich? Ich entwarf den Reiseplan denn die Alse mundete ja in die Sieg, die Sieg in den Rhein, der Rheiii k k Nordsee, die Nordsee in den Ozean — gottogoft! Noch eins: Der Poller sagte einer müsse für uns aber kochen, denn eine Mche !ei ebenfalls vorgesehen. Kurt und Klaus meinten, kochen dürfe nur ein Frauenzimmer, also hätten wir ein solches anzuwerben und mitzunehmen. Und oatz es nur ja ein Geschöpf sei, welches dem Geschmack eines jeden oen uns zehnjährigen Männern entspräche, beschlossen mir gemeinsames ■fiorgehen. Klaus v. Zwirner sagte noch: Nicht zu alt, höchstens achteinhalb! — * wir vier ohne Ausnahme einen Angriff auf dasselbe Mädchen vorschlugen. Im Nachbarort Zossen wohnte es, jeder von uns batte es schon heimlich beobachtet; ein niedliches Ding, schön wie eine v r®Uan?UPP4?^Ur $abcn Zehnjährige schon einen Blick, unterschätzt ?ine tiiertelSe. eines Nachmittags hin, das war ja nur n vo“1 ^ous auf die Bewohner schloß, durfte vornehme Leute vermuten. Gepflegter Garten, nach hinten raus ein Heiner Teich und ?" vor dem Kuchenfenster wie Rebhuhn mit 'Sauerkohl; wer konnte sich das schon leisten? Und — wir vier Männer wurden heiß und rot__ önJaP l'e ia auf einer Gartenbank hinter dem Zaun, lesend, ein Zopf- ■ ende im Mund, mit den Beinen baumelnd. „Pst, wie heißt du?" — Kurt v. Zwirner hatte Mut. Das Mädel aber auch: „Helene!" Dies rief das Kind, obwohl wir alle glaubten, es könnte uns noch gar nicht gesehen haben. Ja, diese Antwort kam schnell und entschlossen. Klaus meinte: Junge, die Weiber sind gerissen! „Wie alt bist du, Helene?" — Diese Frage stammte von mir, ober meine Lippen waren strohtrocken vor Aufregung. „Sieben Jahre!" — Das richtige Alter, meinte Josef Poller; worauf die Grafenföhne ,chon einen Versuch machten, das eiserne Gittertörchen zu öffnen. Quiet- was T — braver Gendarm! Also hatte der Gras schon machte das dem aus. Und Kurt und Klaus hatten •' __ Sollte aber unser Radau sonst keinen Zwanzig Jahre flogen darüber hin. Ich faß neulich in einem )i - burger Kaiserhaus und erkannte in einem der dick geschminkten ^anz Mädchen Helene Müller wieder, die sich auf dem Programm ^tzt Elaine Demoulin nannte. Da sloh ich aus irgendeinem Grunde; ich schämte mich wohl, ich war sehr traurig, ich dachte noch einmal an die Tage, da icw hübsche Kind nicht mit den schmutzigen Jungens spielen durste. Daheim hatte ich Sehnsucht, Sehnsucht nach Joses Poller. Sehnsucht nach den Grafen Klaus und Kurt v. Zwirner. Ich fdjrteb Briese an alle, ob wir uns nach 20 Jahren nach einmal tressen wollten, Erinnerungen zu wecken, grohe Kinder zu sein, es sei doch damals alles so herrlich ^""Dom^Grafensitz der Zwirners kam Antwort, die alten Herrschaften seien längst tot, Kurt wäre im Weltkrieg als Fliegerleutnant gefallen, Klaus habe sich eine Farm in Asrika für das letzte Geld getauft. — D,e ölte Mutter Poller aber schrieb, ich solle nicht nach ihrem Josef fragen, der sitze in einem russischen Kerker, verurteilt wegen Werkspionage, in Wahrheit völlig unschuldig, der arme Teufel habe nur bürgerliche 1'®JrtcnC^Vergehen, Menschen, Schicksal, Staub. — Wie sind wir alle heimatlos geworden; denn Altes kehrt nie mehr wieder, nur Narren 1 alten das Pendel der Uhr an. Aber eine Weltreise haben wir immerhin gemacht, freilich eine andere, ja, eine gänzlich andere. Fnednch bet* öroftc als GfycftifHr. Von darrt) Brachvogel. Uta. w!,d.» Mm-, wir an den Kronprinzen von . 9,f m abe- fbinc uns in den oder an den ©inftebler »pn <5ftciratsoermittlung befchäftigt Sinn, daß der große Komg s ch ch , gottvergessener Gatte WMAMSM M-MDZW-M Brautwerber an die europäischen Hof sch Schwiegermutter für den swÄwi. -ßts-s SSLSW-KW-NLL die Landgräsin aus vollem Herzen, ^ie Landarüsin eine geborene MWSZSK MWOW-sUG HWMZZWW | hat er einen Neffen und Thronscuger, o \v . Schreiben, WMWZWZH großzügig uidisserent, wie der ontgUj . Vergnügen, wieviel leichter fsrtÄ L ö Ä";«« )ro6en Salbarlna: E,?upl!n"klm'und o’uf nUc m.in^Bordnlwngcn er. MZRÄBWSSSS.S WWDMMLZ MSW-chMW-W fdrfuV umftoBen”''11 er ünlügen" ®r tlärung gedenkt sie noch mit SÄ MÜ» Ä*? >«W5 S.Ä .Ä'ÄS-S SÄf Äs ßuroua au Feugen ihrer skandalösen oder lächerlichen Liebschaflen machte, zwingen der armen Landgräfin verzweifelten L-pott ab: „Ich gestehe Euer'Majestät, daß es mir unbekannt war, daß man auch von LL." °°'i°m ÄS S Ä« SÄ X \ „Ich bin allein, ich bin eingesperrt, meine Mutter 'st in d.e totaot WSMWW WZMDM8WZ Faust vor dem Magen sitzen. Klaus ries. I ™ i°-. mll d-m «°>i»n -SSS-S-MMM--- machte Mut, nur Joses Poller wimmerte schon wieder. „Mein Later, mein armer Vater! Wiederum stellten die kleinen Grasen einen Posten auf dem Gut > Aussichtdas sei viel gesünder ml- tief unter Tag d,e Kohlen von der zu kratzen. un5 eitDa5 verraten. Drei Tage gingen vor- - &.}■*- Ä ÄÄ'AÄnX (SÄ Ohren. Wahrhaftig: Kurt und Klaus bezogen bereits Prügel, thr Later donnerwetterte daß die Hühner und Gänse auf dem Hof ausemander- itobeö Mer kemer weinte eine Träne, sie stolperten nur mit grummge Gesichtern aus die Straße, hielten sich den Hosenboden und tappten „So,6 jefct kommt ihr an die Reihe; seid tapfer! Wir leiden für ^Wir" sahen nur noch, wie der Gendarm zwei Zigarren in seine Uniformmütie legte, wie er außerdem ein goldenes Zehnmarkstück in I {ein Taschentuch knotete. Die Zigarren waren für >h», das Zehnmark- I Itüif für die Witwe Müller, damit sie ihre lächerlichen Fensterscheiben I Ucken konnte. Und dann? Geschah ein Wunder? Der Gendarm radelte heim er ging nicht zu meinem Vater, er verschonte auch Haus de I Bergarbeiters Poller — braver Gendarm! Also hatte der Gras schon I alles bezahlt, was machte das dem aus. Und Kurt und Klaus hatten I «d» für uns alle geopfert. — Sollte aber unser Radau sonst keinen Ruhen gehabt haben? Ich beichtete alles meiner Mutter, unb_me,ne I MMter bestand alles meinem Vater; da ging mein Vater zum ®’-afen, | ünb der Gras ging mit ihni zum Arbeiter Poller, alle drei aber wanderte i zum Vfarrer und zum Gemeindevorsteher. Acht Tage später wurde Helene Müller bereits in ein Töchterheim 9cjd)idt benn so h'-ß cs ,n einem Protokoll, das Kind fei daheim moralisch gefährdet! Wir vier Buben triumphierten, wir rannten spornstreichs ins Nachbardorf der Witwe die Zunge gründlich zu Leigen. Aber diese Frau logierte schon in der Stadt, übermorgen sollte der Möbelwagen ihren Plunder wegsahren. „ , . ... Unsere Weltreise? Wir dachten nicht mehr daran, die letzten Erlebnitze brannten noch in uns, wir hatten auch neue Sorgen. Aus der Zeche war ein Unglück geschehen, Josef Pollers Vater wurde mit vielen andern Arbeitern tot'aus dein Schacht geborgen. Nun mußten auch diesioUer fort aus Bruckwiedel, Kurt und Klaus v. Zw.rner wurden am Gymnasium in der Stadt angemeldet, mit einem Schlage stnr-ste etwas zusammen, was uns wie ein unbegreifliches, schwarzes, allmächtiges «chicksa } Auch andere Probleme dieses Gebietes, die wir neu sür uns eU deckt zu haben glauben, wurden schon damals lebhaft diskutiert, zu Beispiel das von Klang und Farbe So konstruiere ,chon m 2ah 1725 ein französischer Jesuit, namens Castel, der auch als Mathematiker Mechanische Musik in alter Zeit. Bon Frank Warschauer. Die mechanische Musikwiedergabe in Rundfunk und Schallplatte in ihrer jetzigen Vollendung ist ein Resultat der letzten Jahre. Aber die Aelteren unter uns wissen, daß die mechanische Musikreproduktion aus primitive Art, wie sie früher möglich war, auch schon vor dem Aufkommen von Grammophon und Rundfunk bet alt unb jung mel Ber- qnüqen bereitet tjot; meist erfolgte sie mit Hilfe jener kleinen Spieldosen die eine geringe Anzahl von Musikstücken wiedergeben konnten und jetzt vollständig verschwunden sind. Und doch hatten sie einen seinen, sond-rbaren Klang, und es wäre vielleicht sehr reizvoll, wieder einmal ""Ä lÄ‘m«"ÄfÜ|S »*>«•■< °m W der mechanischen Musikwiedergabe bemüht, und zwa^ keineswegs erfolglos. Bereits im 16. Jahrhundert konnte man in Augsburg Tanz- müfik durch eine Walze abrollen lassen. Augsburg war nämlich ein Zentrum der Musikinstrumenten-Jndustrie. Allerdings von einer Jn- dvslrie heutigen Sinnes konnte man nicht reden; es handelte sichurn einzelne' besonders geschickte Handwerker, für deren Schulung abe. in Augsburg eine besonders ausgezeichnete Irabition bettanb Lmer con ihnen, der Goldschmied Achilles Lanzenbucher, soll für eine Kirche einen leiten der Tanten und Basen her unbescholten sein müsse, um auf die I ! 1)OtiebridTSu?nÄ Wölkchen, die von Zweibrücken ! unKresKn her die HMsche Zukunft umfloren wollen, versteht es den < russischen Brautwerber, Baron Asseburg, ganz ?kir seine Zwecke zu g- I winnen aber die Aengste der Landgräsin wollen nicht welchen. Friedrich daaeaen betrachtet die Sache schon als abgemacht und glossiert b.e rutfijdie Freude an Siegesfeiern und Festen in sehr amüsanter Weise. Ich werde mit meinem Glückwunsch an den Großfürsten noch warten, I hie OH Romanzoff noch ein paar Dutzend Schlachten gewonnen hat, I SÄ K» Ws «*" W’ÄpÄ überfuttert worden ist, dann sicherlich in diesem Kriege! Keine Rat on der Welt hat ihrer je so viele fingen lassen wie Rußland! Wie gluck! ch Sie sind teure Landgräsin, daß Sie dem Hause nahestehen, von d so viel Licht und Ruhm ausstrahlen!" Ach die Landgräsin ist gar nicht überzeugt, daß sie dem ^yaufe i Roman'oss wirklich9 nahesteht! Asseburg reist ja nicht «ur nach Darmstadt sondern auch an alle anderen Hofe, und an jedem steht ^Me eine Prinzessin gestiefelt und gespornt da, um unverzüglich nach Rußland zu kutschieren. Bon den Reizen ihrer Töchter scheint die ßantgrafin | nicht recht überzeugt; immer wieder beteuert fie, bah ityre Prinzessinnen weder Feen noch Göttinnen gleichen, unb nun geht Aßeburg nat& -53 r ■ j tembern um dort eine Prinzeß zu besichtigen, bie als sehr hmstch gilt! Die Landgräsin schöpft erst wieder Mut, als ihr Friedrich versichert die I Württembergerin sei zu dick, nicht vielleicht für östliche Schonhecksbe- I grisfe wohl aber für die Aussicht auf Nachkommenschaft. Kaum ist aber die übermollige Württembergerin in den Hintergrund gezetert, s° taucht | schon eine andere Konkurrentin, die Tochter eines Prinzen Georg auf. . Ein viermonatlicher Aufenthalt in Paris hat der Tochter des grinse. Georg eine Grazie des Benehmens unb des Tons gegeben rote ihn meine Töchter in Darmstadt nicht lernen konnten, und dreiviertel aller Männer lassen sich durch Aeuherlichkeiten bestechen! Man hat diese Prinzessin in Paris sehr in den Dordergrund gedrängt, vieie Rusen ! find dort und ich weiß, daß ihr Vater, der Prinz Georg schon Schntte unternommen hat ... Sobald es gilt. ein Ziel zu erreichen, versteht er es schmiegsam zu sei», und ich müßte jede Hosfnung begraben, wenn ich nicht auf (Euer 9Jlaiefiät zählen bürfte. I J Da die endgültige Wahl dem jungen Großsursten uberlasjen bleibt, schreibt Friedrich in seiner köstlichen Skrupellosigkeit, daß die Laiidgrasin, sobald man erst über den Geichmack des Großsursten unterrichte,, sei, | diejenige Tochter, die sie ihm geben wolle, eben genau so schildern und malen 0assen solle, wie Paul sich die Zukünftige träumt! „3m allgemeinen n'ciü ich daß man von ihr Sanftmut, tadellose Haltung und Fruchtbarkeit erwartet" Reizend frivol fügt er hinzu: „Im letzten Punkt muß man sich allerdings auf Wahrscheinlichkeiten verlassen. Erfahrungen waren bier nicht zulässig." Die Landgräfin, die alles ins Treffen fuhren will, | was für ihre Töchter sprechen könnte, meint: „Nein, Erfahrungen sind hier wirklich nicht ziilässig, aber nach den Proben, die meine zwei verheirateten Töchter ablegen, darf man auch der jüngeren mit einem günstigeren Vorurteil entgegenfthen." 9 Endlich rückt der Friedensschluß in greifbare R°he, und Friedrich, der Spötter, schickt sich an, im Madrigalstil zu schreiben. (Er fabelt etliches von Romanen, die nach unzähligen Hintermssen zu beglückende.» Ende führen und von den „Myrten der Liebe , die man den „2otbei.ren des Mars" vermählen wird ... Weniger blumig aber desto herzlicher beteuert er der Landgräfin feine Freude, daß die Reife nach Rußland ubcr Be m gehen soll: „Ihr Aufenthalt hier wird mein Kuppelpelz sein! Kurz vor der Abreise läßt sich auch einmal der Brautvater vernehmen in einem Stil dem man die Freude am Trommeln und rmlitarischen Exerzitien deutlich anmerkt. Der Herr Landgraf, an äußerste Pünktlichkeit9™°^, ift nämlich wütend, daß sich die Heirat so lange verzögert und schnauzt daher seine Frau brieflich an: „Die Bildnisse sind nun balö em Jahr m Petersburg und nun verlangt man, daß sie mit Armee und Bagage marschieren, d9h. mit unseren Töchtern. Meine Gedanke» darüber will ich nicht aussprechen, ich glaube aber, daß sie sehr richtig sind. Run, niemand drängte ihn, seine richtigen oder unrichtigen Gedanke» zu offenbaren! Er hatte die formelle Einwilligung zur russischen Heirat gegeben — alles andere erledigte sie ohne ihn. Die Landgrafin verließ Darmstadt im Frühjahr 1773, um der russischen Krone entgegenzufahren die sich auch wirklich auf Wilhelmines Stirne senkte Das Leben der Großfürstin Paul sollte aber nur einem tragischen Idyll gleichen: die junge, von ihrem Manne vergötterte Frau starb an den Folgen der erjten Niederkunft ... Musikautomaten gebaut haben, der „eine ganze SBcfper oon 2000 Xa.ten von selbst schlug", wie es in den alten Berichten heißt. In den folgenden Jahren und Jahrhunderten tauchten dann immer wieder merkwürdige Erfindungen auf, deren Ziel teils neuartige Klangkombinationen, tetts aber auch die reine Reproduktion von Musik war. So ließ sich U» 17 Jahrhundert in Görlitz der Hoforganist Nicolai auf feiner neuer^n- denen Glockenharmonika hören, wobei er sich durch Violine und Baß begleiten «eh. Besonders berühmt war im 18. Jahrhundert der ine ch a - nii ch e Flötenspieler, den der Franzose Jacques de Vaueanson konstruiert hatte. Das Instrument wurde folgendermaßen beschrieben: „Der Künstler hatte eine Statue von Holz verfertiget, die einen Flo en- ivieler vorstellt. Die Statue ist innenroenbig mit vielen Flöten und »öthigen Blasebälgen versehen und dadurch in den Stand gesetzt, verschiedene Flötenstückgen von selber spielen zu können, wobey der Künstler die Einrichtung gemachet, daß die Statue, indem sie spielet, Sugleich die Finger und Lippen beweget, und also einen ganz natürlichen Flötenspieler ^Äadundert hatte sich die Menschheit noch ein^gut Teil der Naivität erhalten; und so wird berichtet, daß an dieser Eur die Bewegung der Lippen und Finger mehr bewundert wurde, als die mecha- "' Dieser" Flötechcheler nun war zwar besonders gelungen, aber es gab mehr Apparate solcher Art; das ganze Genre scheint im 18.3al)rljunu_ert (ehr beliebt gewesen zu sein. Es wird erzählt, daß zum Beispiel eine Musikstatue des Ejirten Pan und ein blasender Trompeter« I automa t besonders viel Erfolg hatten. Jntere sank ist übrigens, daß diese SpElautomaten im großen und „ganzen m Deutschland besonders ! gut hergestellt wurden. „Die Deutschen", so jchrieb man damals „sindi so I erfinderisch, daß sie mehr als fünfzig verschiedene Stucke mit Hilfe von mehreren Federn spielen lassen, die sogar bewirken, daß Ballette von verschiedenen Figuren von selbst getanzt werden. Die F.guren springen und bewegen sich nach der Kadenz der Lieder (Chansons), nachdem man d.e Fed^Oaufgezogeen hat, ohne daß es nötig wäre, das Instrument an- *SfS wurden mit Hilfe solcher Instrumente besonders schone I Klanacsfekte erzielt, die uns jetzt besonders durch die Entwicklung der mechanischen Jnftrumentenmufik immer mehr verloren gehe». Dazu gehört auch das Glockenspiel das übrigens in besonders kostbaren und kunstvollen Exemplaren in Holland verbrei.et ist. Auch die künstlerischen Probleme der mechanischen, Musil! waren der | bamaliaen Zeit keineswegs ganz fremd. Jetzt wird bekanntlich vielfach I die Frage diskutiert, ob es richtig ist,„für Rundfunk und Schallplatte I eigene Musikstücke zu schaffen, die dafür 'hren 'nstrumentalen und formalen Vorbedingungen besonders vorbereitet frnb. G'Sentlich ist d I Diskulllon darüber schon abgeschlossen: man ist eben zu dem Refmtal I gekommen, daß es relativ grinst g sei, diese Rücksichten walten zu lassen, I men» es irgendwie möglich ist. In der Tat sind ja >n den letzten Jahren I eine Reihe von bemerkenswerten, speziell für de" Rundsrink geschriebenen Originalmusiken entstanden. Merkwürdigerweise hat sich oor hun I hertunbfünhia Jahre» kein Geringerer als 'M ozart viit Aehnlichem beschäftigt. Wir finden zuweilen in Konzerten einige Kompositionen von ! ihm die den nicht ohne weiteres verständlichen Titel tragen ,,K o m p o- Ui on für ein e Orgelwalz e". Die meisten Hörer denken sich nichts dabei, und wissen nicht, daß sie hier eine kulturhistorische KuriOiitat vor sich haben. Denn was war diese Orgelwalze, für die Mozart ge schrieben bat? Sie war nichts Geringeres als ein Teil einer mechanischen Orgel welche Musikstücke automatisch wiederzugeben bestimmt war. Wie I diese Orgel im einzelne» beschaffen war, davon ist uns nichts Genaueres bekannt; jedenfalls handelt es sich um ein primitives UI,rro®rL®°r3nQ^ selbst war von ihrem Klang keineswegs begeistert. »Wenneine groß I Uhr wäre und das Ding wie eine Orgel lautete , so schreibt er, „da würde es »Üch ftenen; so aber besteht das Werk aus lauter kleinen I Pfeifchen, welche hoch und mir zu kindisch lauten. Es war also nicht die Freude °>n neuartigen Klang die mH» zu dieser Schöpfung veranlaßte, sondern vielmehr andere, und zwar ehr ■ banale Gründe. Er mußte sich dieser Arbeit wohl oder »bei unterziehen, ' denn es handelte sich um einen Auftrag, der ihm das >n diesem Augen- ! I blick besonders notwendige Geld brachte; war er doch um btefe 3 . I in seinen letzten beiden Lebensjahren — finanziell in Serabeju troft!ofer : i pnn„ g;n mrjef von ihm berichtet über die Arbeit. „Ich habe mu (0 teft9 ooraTnommen" fchreibt er, „gleich das Adagio für den Uhrmacher zu schreiben bann' meinem lieben Weibchen etwelche Bucaten in die ^ände zu spielen; that es auch - war aber, weil es mir eine sehr verhaßte Arbeit ist, so unglücklich, es nicht zu Ende bringen zu könne» — irh Schreibe alle Tage daran — muh aber immer aussetzen, weil es »vch^nnuEt __ und gewiß, wen» es nicht einer so wichtigen Ursache willen geschähe, roürbc ich es sicher ganz bleibe» lassen — so hosse ich aber doch, es so nach und nach zu erzwingen. < anteresiant ift jedenfalls, daß der Erfinder ober Besitzer des mechrn Nischen Uhrwerks schon banials Wert barauf legte, eine Drigmalmufit von Mozart für die Walzen zu besitzen. Im Grunde hatte er sich j auch mit3 irgendeinem bekannten Stücke des Meisters begnügen tonne , finanziell wäre das sogar für ihn von wesentlichem Vorteil gewesen bemi irgendwelche Lizenzgebühren hatte er damals nicht bezahlen brauche . Man sieht also, der Mann war nicht nur ein feiner tSrf.nbertopt, f dem auch ein Idealist. Ob er freilich mit d«n Mozartscheii Sluckeii schäfte gemacht hat, davon ist nichts bekannt. Für den Betrauter m ,i kali cher Formen aber ist es von ffiert, feftju 5Wg stilistisch und klanglich durchaus den besonderen Möglichkeiten der vrge walze anqepatzt hat, also schon damals im Grunde ebenso vorgegangen st" wie die Komponisten, die heute für Rundfunk und ««Watte bekannt mar, in Paris ein Farbenklavier, bei dem feder Klang mit einer bestimmten Farbwiedergabe in origineller, wenn auch primitiver Weise kombiniert war. Auch der Erfinder eines sog. „elektrischen Klaviers", Le Pere de la Borde, war ein französischer Jesuit. Dieses merkwürdige Instrument erinnert, wenn auch sehr von ferne, an die heutigen Versuche elektrischer Tonerzeugung, wie sie besonders weit an der Berliner Hochschule für Musik von Dr. Trautwein ausgebildet sind. Ein Klöppel, der an einem seidenen Haken hing, wurde mit Hilfe elektrischer Ströme so zwischen zwei Glocken zum Schwingen gebracht, daß ein klarer und fast einheitlich wirkender Ton entstand, über dessen Charakter die Zeitgenossen begeistert waren. Leider blieb das Instrument in seiner Merkwürdigkeit völlig vereinzelt; man hat später kaum noch etwas davon gehört, daß Versuche gemacht wurden, um wieder auf die gleiche Weise, Töne zu erzeugen. Man wird also zwar nicht mit dem seligen und sehr banalen Ben Akiba sagen dürfen: „Es sei alles schon dagewesen"; nein, Rundfunk, Schallplatte und Tonfilm sind wirklich noch nie dagewesen, wohl aber haben ähnliche Fragen künstlerischer und technischer Art, wie sie jetzt vorliegen, schon Jahrhunderte vor uns beschäftigt; ein neuer Beweis dafür, daß sie keineswegs ganz fernliegend und nicht von außen aufoktroyiert worden find, sondern ihre Begründung in der Entwicklungsgeschichte des künstlerisch-schöpferischen Geistes haben. pole Poppenspäler. Erzählung von Theodor S t o r Ni. (Fortsetzung.) — — Der Erzähler schwieg, und in seinem schönen, männlichen Antlitz sah ich einen Ausdruck stillen Glückes, als sei das alles, was er mir erzählte, zwar vergangen, aber keineswegs verloren. Nach einer Weile begann er wieder: Meine Schularbeiten machte ich niemals besser als in jener Zeit, denn ich fühlte wohl, daß das Auge meines Vaters mich strenger als je überwachte, und daß ich mir den Verkehr mit den Puppenspielerleuten nur um den Preis eines strengen Fleißes erhalten könne. ,Es sind reputierllche Leute, die Tendlers', hörte ich einmal meinen Vater sagen; ,der Schneiderwirt drüben hat ihnen auch heute ein ordentliches Stübchen eingeräumt; sie zählen jeden Morgen ihre Zeche; nur, meinte der Alte, sei es leider blitzwenig, was sie draufgehen ließen. — Und bas', setzte mein Vater hinzu, .gefällt mir besser als dem Herbergsvater; sie mögen an den Notpfennig denken, was sonst nicht die Art solcher Leute ist.' — —Wie gern hörie ich meine Freunde loben! Denn das waren sie jetzt alle; sogar Madame Tendier nickte ganz vertraulich aus ihrem Strohhute, wenn ich — keiner Einlaßkarte mehr bedürftig — abends an ihrer Kaffe vorbei in den Saal schlüpfte. — Und wie rannte ich jetzt vormittags aus der Schule! Ich wußte wohl, zu Hause traf ich das öifei entweder bei meiner Mutter in der Küche, wo sie allerlei kleine Dienste für sie zu verrichten wußte, oder es faß auf der Bank im Garten, mit einem Buche oder mit einer Näharbeit in der Hand, lind bald wußte ich sie auch in meinem Dienste zu beschäftigen; denn nachdem ich mich genügend in den inneren Zusammenhang der Sache eingeweiht glaubte, beabsichtigte - ich nichts Geringeres, als nun auch meinerseits ein Marionettentheater einzurichten. Vorläufig begann ich mit dem Ausschnitzen der Puppen, wobei Herr Tendier, nicht ohne eine gutmütige Schelmerei in seinen kleinen Augen, mir in der Wahl des Holzes und der Schnitzmesser mit Rat und Hilfe zur Hand ging; und bald ragte auch in der Tat eine mächtige Kasperlenase aus dem Holzblöckchen in die Welt. Da aber andererseits der Nankinganzug des „Wurstl" mir zu wenig interessant schien, so mußte indessen das Lisei aus „Fetzeln", die wiederum der alte Gabriel halte hergeben müssen, gold- und silberbesetzte Mäntel und Wämser für Gott weiß welche andere künftige Puppen unfertigen. Mitunter trat auch der alte Heinrich mit seiner kurzen Pfeife aus der Werkstatt zu uns,"ein Geselle meines Vaters, der, solang ich denken konnte, zur Familie gehörte; er nahm mir dann wohl das Messer aus der Hand und gab durch ein paar Schnitte dem Dinge hie und da den rechten Schick. Aber schon wollte meiner Phantasie selbst der Tendlersche Haupt- und Prinzipalkasperl nicht mehr genügen; ich wollte noch ganz etwas anderes leisten; für den meinigen ersann ich noch drei weitere, nie dagewesene und höchst wirkungsvolle Gelenke, er sollte seitwärts mit dem Kinne wackeln, die Ohren hin und her bewegen und die Unterlippe auf und ab klappen können; und er wäre auch jedenfalls ein ganz unerhörter Prachtkerl geworden, wenn er nur nicht schließlich über all seinen Gelenken schon in der Geburt zugrunde gegangen märe. Auch sollte leider weder der Pfalzgraf Siegfried noch irgendein anderer Held des Puppenspiels durch meine Hand zu einer fröhlichen Auferstehung gelangen. — Besser glückte es mir mit dem Bau einer unterirdischen Höhle, in der ich an kalten Tagen mit Lisei auf einem Bänkchen zusammensaß und ihr bei dem spärlichen Lichte, das durch eine oben angebrachte Fensterscheibe fiel, die Geschichten aus dem Weiheschen Kindersreunde vorlas, die sie immer von neuem hören konnte. Meine Kameraden neckten mich wohl und schalten mich einen Müdchenknecht, weil ich, statt wie sonst mit ihnen, jetzt mit der Pupperspielertochter meine Zeit zubrachte. Mich kümmerte das wenig; wußte ich doch, es redete nur der Neid aus ihnen, und wo es mir zu arg wurde, da brauchte ich denn auch einmal ganz wacker meine Fäuste. --Aber alles im Leden ist nur für eine Spanne Zeit. Die Tend- lers hatte ihre Stücke durchgespielt; die Puppenbühne auf dem Schützenhofe wurde abgebrochen; sie rüsteten sich zum Weiterziehen. Und so stand ich denn an einem stürmischen Oktobernachmittage draußen vor unserer Stadt auf dem hohen Heiderücken, sah bald traurig auf den breiten Sandweg, der nach Osten in die kahle Gegend hinausläuft, bald sehnsüchtig nach der Stadt zurück, die in Dunst und Nebel in der Niederung lag. Und da tarn es herangetrabt, das kleine Wägelchen mit den zwei hohen Kisten darauf und dem munteren, braunen Pferde in der Gabeldeichsel. Herr Tendler saß fetzt vorn auf einem Brettchen, hinter ihm Lisei in dem neuen, warmen Mäntelchen neben ihrer Mutter. — Ich hatte schon vor der Herberge von ihnen Abschied genommen; dann aber war ich vorausgelaufen, um sie alle noch einmal zu sehen und um Lisei, wozu ich von meinem Vater die Erlaubnis erhalten hatte, den Band von Weißens Kinderfreunde als Angedenken mitzugeben; auch eine Düte mit Kuchen hatte ich um einige ersparte Sonntagssechs- linge für sie eingehandelt. — .Halt! Halt!' rief ich jetzt und stürzte von meinem Heidehügel auf das Fuhrwerk zu. — Herr Tendier zog die Zügel an, der Braune stand, und ich reichte Lisei meine kleinen Geschenke in den Wagen, die sie neben sich auf den Stuhl legte. Als wir uns aber, ohne ein Wort zu sagen, an beiden Händen griffen, da brachen wir armen Kinder in ein lautes Weinen aus. Doch in demselben Augenblicke peitschte auch schon Herr Tendier auf sein Pferdchen. ,Ade, mein Bub! Bleib brav und dank aa no schö dei'm Vaterl und bei’m Mutter!!' ,Ade, Abe!' rief das Lisei; bas Pferdchen zog an, das Glöckchen an seinem Halse bimmelte; ich fühlte die kleinen Hände aus den meinen gleiten, und fort fuhren sie, in die weite Welt hinaus. Ich war wieder am Rande des Weges emporgestiegen und blinn hnr Hi'h hli‘i -- unterschied aber at« sie in Kon —1 Giorgina 14 11 10 9 8 7 6 5 4 Z £ 17 S 9 L 8 6 xaoourett in 'M hagere Frau i aller Länder pilgerten. Aber ihr Herz freute sich doch, und ihre Augen staunten, ohne es zu wissen, über das Leuchten, das vom Grün der Berghänge und Talwiesen und dem brennenden Blau des Himmels ausging, über die Macht dieser zwei Farben, gegen die weder das Staubgrau der Straßen noch das Silberweiß der Wasserfälle aufkam, und die an den Kämmen der Berge in einer duftigfeinen Grenzlinie geschieden waren. Lucia freute sich mit einer so großen Freude, daß sie 'aufhorte, mit der blonden Giorgina zu päppeln, die ihr gegenüber saß. Es war aber auch viel der Lust auf einmal. Wenn man bedachte, daß es jetzt in die Ferien heim ging nach Marogno di Sopra zur Nona, daß man em paar Wochen lang nicht in der Trattoria des Giorgio Bianchi zu Bellenz Böden zu kehren, Gläser zu waschen und Fenster zu putzen brauchte, daß die Giorgina mitkam, des Bianchi Tochter, mit der die Lucia sich so wohl vertrug, und daß — Santa Maria — jetzt konnte man schon bald die karge Alpe sehen, wo über dem Dorfe Marco die Schafe und Ziegen weidete. Marco! Marco! Die kleine Lucia jubelte nicht, aber es schwindelte ihr. Ob es vom ungewohnten Eisenbahnfähren kam oder vom langen in die Luft staunen? Sicher aber hatte Marco daran teil; denn es durchfuhr das Mädchen heiß und kalt, wenn sie an ihn dachte. An ihn nicht zu denken war jedoch hier, wo er zu Hause war, schwer. Lucia war übrigens kein Kind mehr, obschon ihre kurzen Beine nicht von der Sitzbank auf den Boden reichten. Sie zählte achtzehn Jahre, genau wie die Giorgina, die Wirtstochter. Im Rahmen des Fensters war ihr Gesicht mit seiner braunen Farbe, seinen pflaumenblauen Augen und 21 22 19 20 15 16 17 18 12 13 der Nähe des verfallenen Herdes saß eine mittelgroße, mit kohlschwarzem Haar, ebensolchen Augen und einem runzlichen Gesicht mit verdrossenem Ausdruck. Sie hatte ein schwarzes Kleid an, dessen Farbe ins Altersgrüne stach, und schälte Kartoffeln. Lucia legte ihr Bündel auf einen nahen Tisch, stellte den Handkoffer zu Boden und sagte zu Giorgina: „Ecco la nona"._ Giorgina war freundlichen Wesens. Sie lachte also die Alte an und 2 3 Ocm 1 , ,,«recpueji, meine orrumpfe, weitze Schuhe, ein weißes Kleid, auf dem das rote Korallenkettlein am Halse wie Blutstropfen schimmerte. Sie rutschte immer auf ihrem Sitz; denn es lebte alles an ihr, aber jede Bewegung war voll angeborener Anmut. Sie hatte aschblondes Haar und weiche, etwas verschwommene Züge, deren Haut so glatt war, daß man versucht wurde, mit dem Finger daran zu tupfen. Vor allem aber hatte sie die merkwürdigen Augen. Sie waren blaßblau, aber sie schienen fast blond wie das Haar und so merkwürdig samthaft; man fühlte sich wie gestreichelt, wenn sie einen anschauten. „Jetzt sind wir bann da", sagte Giorgina ausseufzend. Die Zeit war ihr lang geworden, und sie war es müde, dem jungen Signore, der auf der Bank'schräg gegenüber saß und sie seit einer Stunde angaffte, Augen zu machen. , „ v Das Wort weckte Lucia. „Ja", gab sie zurück. Ihr Herz klopfte. Und plötzlich entfesselte sich die Flut ihrer Rede wieder. Ja, ja doch, dort sehe man ja schon Marogno. Die Kirche! Ob das nicht eine wundervolle Kirche sei für ein so kleines Dorf? Und die Brücke über die Moscia. Ob Giorgina sehe, wie sich das in hohem Bogen schwinge. Und dort, dort liege auch Marogno di Sopra zwischen den Kastanien. Giorgina lächelte. Sie wußte eigentlich nicht so recht, warum ste sich entschlossen, mit der kleinen Magd hierher zu kommen, und erwartete nicht viel von ihrem Aufenthalt. Ein wenig reute sie die Fahrt schon; Sius White Yellow Grey 3 Magenta Black Green Grey 2 Neujahr. Von Conrad Ferdinand Meyer. Cölöur & Grey Control Chart Cyan Grey 1 wünschte ihr guten Tag. Da stand diese auf, setzte die Schüssel beiseite und ließ die Schalen, die ihr auf der Schürze ^gelegen, zu Boden fallen. Sie war stolz, daß die Padrona der Lucia zu Besuch kam, wenn es auch lange gedauert hatte, dis sie sich zu einer Begrüßung bequemte. Sie sagte auch zu Giorgina, was für eine Ehre es für Lucia fei und fragte, ob die Eltern gesund feien. Es fei gewiß immer viel zu tun in der Wirtschaft, fuhr sie fort. Sie wisse es von Lucia, welch eine Goldgrube der Bater habe. Durch ihr von Natur aus mürrisches und wortkarges Wesen brach angesichts des ihrer Armut bedeutungsvollen Besuchs eine eifrige Liebenswürdigkeit. Lucia gegenüber aber blieb sie kurz angebunden und verdrossen, so daß Giorgina fast erschrak und mehrmals verstohlen nach der häßlichen Alten blickte. Diese hieß die Enkelin den Kaffee vom Herde nehmen und Tassen aufsetzen. „Spute dich", fuhr sie sie an. ' Bald sahen die zwei Mädchen am Tisch. Red Grey 4 !benn es schien ihr gar zu still tn der Gegend. Aber sie liebte Lucia, weil sie anhänglich und dienstfertig und drollig war, weil man über sie lachen und sie verspotten konnte, ohne daß sie böse wurde, und bann hatte der ' i la, der mit ihrem Vater befreundet war, diesem geraten, ' ze zu schicken, weil sie bleichsüchtig sei. ist etwas sonderbar, du mußt nicht erschrecken", sagte jetzt inem Augenblick plötzlichen und ängstlichen Ueberlegens. wichtig, Giorgina noch oorzubereiten, da die Lokomotive )ri Marogno entgegenpfiff. mf hielt der Zug. i Mädchen fliegen aus. Sie schritten, die Giorgina im nmerschuhwerk, die Lucia auf ihren klappernden HolzpaN- Straße entlang und über die schlanke, hohe Brücke. Die und erwiderte Grüße, die ihr von ihnen begegnenden oder ren stehenden Frauen geboten wurden. Giorgina schaute imher. Männer waren nur ganz wenige sichtbar; denn aus über Sommer die ganze männliche Bevölkerung als nienoertäufer ober Früchtehänbler in bie Stäbte bes Nor- Zas Dorf hinter ihnen. Auf einem schmalen, ber Moscia ZU Seiten durch Wiesen und Weinreben hinführenden Sträßlein fliegen sie Marogno di Sopra entgegen. Giorgina hob bie feine Nase; bie Ortschaft leuchtete ihr nicht recht ein. Sie lag wie ausgeftorben ba und war mehr ein Steinhaufen benii ein Dorf. Alle Häuser waren klein, aus rohem, unverputztem Mauerwerk aufgerichtel, auch bie Dächer mit einer Art von bünnen Steinplatten bedeckt. Man sah kein Holzwerk, das Wärme und Wohnlichkeit gegeben hätte. Nur ein grüner Baum da und dort, ein Holunderstrauch brachten Abwechslung in bas nackte Grau ber Mauerhaufen. Beim Näherkommen bemerkte bann allerbings Giorgina, baß es hier ebenso wie in Bellenz kleine Höfe, versteckte Loggien unb winzige verwilberie Gärten gab, um beren Steinbaluftraben und rohe Säulenpfosten sich Rosen schlangen, Rosen, bie üppig blühten, obgleich keine Hanb sich um sie mühte. Die zwei Mäbchen waren schweigend und jedes mit seinen Gedanken beschäftigt dahingegangen. Die Lucia trug nicht nur ihr Bündel, sondern auch noch den schweren Handkoffer ber Giorgina. Niemanb regte sich im Orte. Kein Hund bellte. Nur ein weißes Huhn schlüpfte irgenbroo burch ein Gesträuch. Lucia stapfte voraus in bie Dorsgasse, ihre Halzschuhe trommelten hell auf ben runben Steinen. Es war eng unb heiß in ber Straße unb bunkel. Giorgina buchte, sie würbe bald roieber Heimreisen. Ader bann tat ihr bie kleine Lucia leib, bie sichtlich stolz war, Heimzukommen. „Ecco", sagte Lucia jetzt unb blieb, wo bie Gasse am engsten war, vor einer Hausöffnung stehen, in ber keine Tür hing unb bie infolgebessen