Gießener Hamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang |93< Montag, den 29. Zum Nummer 50 An Steins Gruft. Von Leo Sternberg. Er schläft. Allein, er starb nicht. Er war in jedem Augenblick das Herz des Volks; und seine Feuerseele riß auf zur Höhe und vollendete, woran sie glaubte. Keine Furcht vor Menschen kannte der allzeit vom Heergeleit der Ahnen und der Zukunft Leibwächterscharen unsichtbar Umringte. Er stand allein. Kein Einzelner — das Volk. Nur mit der Gottheit sprach er ab, was er im Busen wog, und legte auf ihre Knie demütig das Schwert, wenn Brachzeit war, wo auch der Arm des Tapfersten nicht hilft. - Denn nur mit Großem sich zu messen, war ihm bestimmt, nicht mit Gewürm. Er sah das Höchste und vollzog es nicht, sondern gehorchte — seine frommste Tat: Liebe zu seinem Volk, das noch nicht reif war, dem Stürmischen zu folgen ... Doch er schläft nur. Die Stunde kommt. Er wird sein Reich noch schaun ... Stein zum Gedächtnis. Am 100. Todestage des Reichsfreiherrn. Von Dr. Gustav Roloff, o. ö. Professor der Geschichte an der Universität Gießen. Als der Reichsfreiherr vor einem Jahrhundert starb, war er, der seit einem halben Menschenalter fern von den großen Geschäften gelebt hatte, von feinen Zeitgenossen fast vergessen, und zürnend schrieb fein Verehrer Dahlmann, später der Führer der Kaiserpartei in der Paulskirche, »das schwache Geschlecht könne ihm seine Tugenden nicht vergeben". Heute wird (ein Name wieder bekannter, und wenn auch die große Menge kaum etwas von ihm weiß und seine Popularität keinen Vergleich mit der Bismarcks, Friedrichs des Großen und Luthers aushalten kann, so bemüht sich doch die Wissenschaft wieder stärker um ihn und sucht sein Leben und Wirken nicht nur bis ins Kleinste — hier und da bereits bis ins Kleinliche — zu erforschen und zu zergliedern, sondern auch den breiten Schichten näher zu bringen. Die Ursache, daß Stein bei seinem Tode der großen Oeffentlichkeit nichts mehr galt, lag an seiner Abwendung vom Zeitgeiste: er war ein grimmiger Feind der Franzosen, „des Volkes ohne Liebe und Treue", und feine Abneigung war durch die Julirevolution (1830) noch gesteigert worden. Die liberale Zeilmode, blind gegen das offene und versteckte Streben aller französischen Politiker nach dem Besitze des Rheinlandes und nach der Verewigung der deutschen Zersplitterung, sah aber grabe in Frankreich das Vorbild für jeden aufgeklärten Deutschen; war doch der eitle und unwahrhaftige L a f a y e t t e , das moralische Widerspiel Steins, ein Tagesgötze: „die reinste Personifikation des edelsten Geistes und Charakters in Frankreichs Revolution und Volk" nannte ihn Rotteck, einer der Hauptfllhrer der Liberalen in ehrlicher Begeisterung. Heute haben mir nach den Erlebnissen der letzten Jahrzehnte ein besseres Verständnis für Steins politische Grundstimmung; wir erfahren täglich die Wahrheit des unter Steins Augen geschriebenen Arndtschen Wortes, mit der Stellung am Rhein habe das herrschsüchtige Volk nicht nur den Fuß auf Deutschlands sondern auch auf Europas Nacken. Aber die Franzosenfeindschaft allein kann einen ausreichenden Grund für die Belebung feines Andenkens nicht bilden, er muß dem deutschen Volke stärkere, positivere Gedanken und Antriebe zu bieten haben, wenn wir ihn als nationalen Heros betrachten sollen. In doppelter Eigenschaft lebt der Reichsritter im Gedächtnis der Nachwelt, so weit sie sich mit ihm beschäftigt, fort: als Wiederhersteller Preußens nach dem Tilsiter Frieden und als deutscher Patriot, der den Kampf für die nationale Freiheit als heilige Sache anfah und über alle territorialen, konfessionellen und sonstigen Verschiedenheiten hinweg eine wirkliche nationale Einheit, einen großen deutschen Staat zu schaffen bemüht war. Indessen seine tatsächlichen Leistungen auf diesen Gebieten allein würden ihn noch nicht in die Reihe jener anderen Großen des Geistes und der Tat heben können, denn seine Wirksamkeit war begrenzter, als seine Bewunderer gemeinhin annehmen. Zwar Gewaltiges und Unvergängliches hat er vollbracht. Jur Reorganisation Preußens berufen (Oktober 1807) hat er die schon lange vor dem Zusammenbruch von Jena ergriffenen politischen Ideen nut eiserner Willenskraft allen Hindernissen zum Trotz durchzufetzen verstanden. Die Beseitigung des alten ständisch gegliederten Staates durch die Bauernbefreiung, die Einführung der städtischen Selbstverwaltung, die Umwandlung des alten Heeres haben eine neue preußische Staatsgesinnung geschaffen und damit die Grundlage zu einem Staat von ungleich größerer Kraft, als es das fridrieianifche Preußen sein konnte, gelegt. Die Möglichkeit, die gesamte Volkskraft in den Freiheitskriegen aufzubieten, ist durch Steins Gesetzgebung gegeben worden. Somit ist Stein stets mit Recht als der Befreier vom französischen Joch mit S ch a r n h o r st, dem Waffenschmied, und G n e i f e n a u, dem Schwertführer, gefeiert worden. Seine besondere Größe ist, daß er die Umformung, die in Frankreich so ungeheure Erfchütterungen hervorrief, ohne zerstörende innere Kämpfe zu bewirken vermochte. Nicht nach allgemeinen radikalen Doktrinen wie in Frankreich sollte das Neue ins Leben gerufen werden, sondern im allmählichen Uebergange; unter Anknüpfung an die altüberlieferten Formen wollte der aristokratisch gesinnte Reichsfreiherr das Volk zur Selbstregierung erziehen und den absolutistischen Staat durch Errichtung einer Nationalvertretung in einen konstitutionellen umwandeln. Aber so grundlegend Steins Leistung war, sie beschränkte sich auf die innere Politik. Es war ihm nicht gegeben, das Staatsfchiff durch die sturm- und klippenreichen Strömungen der Napoleonischen Zeit zu steuern; Augenmaß und Anpassungsfähigkeit, nach Bismarck die unentbehrlichen Grundlagen für jede erfolgreiche auswärtige Politik, standen ihm nicht in ausreichendem Grade zu Gebote. Hier war Hardenberg, als Persönlichkeit weit hinter ihm stehend, aber geschmeidig und unerschöpflich an Auskunftsmitteln, der rechte Mann. „In Stein", sagte Ranke, „lebte der Impuls ursprünglicher Gedanken und Gefühle, in Hardenberg mehr Empfänglichkeit für die allgemeinen Tendenzen, welche die Welt beherrschen." Nicht anders ist es auf dem Gebiete der deutschen Politik, auch hier war ihm das Höchste zu erreichen, nicht beschieden. Mit herzerfreuender Tatkraft und Kampflust hat er beim ersten Zusammenstöße zwischen dem Deutschen Reiche und der französischen Revolution (1792) den Kampf an feinem Teile — als hohem Finanzbeamten in Cleve lag ihm die Versorgung der preußischen Armee ob — geführt und dabei stets den Gedanken vertreten, daß Preußen und das übrige Deutschland in diesem Gegensatz eine unzerstörbare Einheit bilden müßten; seine Umformung Preußens galt ihm als Vorbereitung der Freiheit Gesamtdeutschlands, und von Napoleon wegen seines deutschen Patriotismus geächtet und aus Deutschland vertrieben, hat er doch nie die Zuversicht auf den endlichen Sturz des französischen Bedrängers verloren. Als Flüchtling in Rußland schrieb er in den Tagen, da Napoleon in Moskau einzog, feinen ersten Entwurf für eine gesamtdeutsche Verfassung nieder und ermutigte den Zaren zum Ausharren bis zum Aeußersten; nach dem Rückzug der Franzosen aus Rußland trieb er ihn zum Vormarsch über die Grenze, um mit Preußen gemeinsam den Freiheitskampf beginnen zu können. In allen Phasen der Freiheitskriege, auch in kritischen Augenblicken, ist er seinem Ziele, Napoleon zum Heile Deutschlands und der Menschheit zu stürzen, nie untreu geworden, und nach dem Siege hat er — namentlich auf dem Wiener Kongresse — unermüdlich für die Herstellung der deutschen Einheit gearbeitet. Aber grabe hier offenbaren sich die Grenzen feines Geistes am stärksten. So lebendig fein deutsches Empfinden war — „ich habe nur Ein Vaterland, und das heißt Deutschland" hat er im Jahre 1812 geschrieben: er war doch nicht imstande, die Momente, auf denen das deutsche^politische Leben beruhte, mit dem untrügerifchen Blick des Staatsmannes zu erfassen und die Linien, in denen es sich abfpielen mußte, festzustellen. Zweierlei Schranken konnte er nicht überwinden. Die erste ergab sich aus feiner Geburt. Als Reichsritter, der erst 1803 feine Reichsunmittelbarkeit verloren und nur mit gewissem Widerstreben den Dienst mächtigerer Herren angenommen hatte, fühlte er sich mit keinem Einzelstaat innerlich fest verwachsen und war bereit, alle zu opfern, wenn dadurch ein neues Deutschland geschaffen werden kannte. Auch Preußen, fein eignes Werk, der Staat, der im Kampfe gegen die Franzosen das Veste tat, hatte für ihn keine eigne Daseinsberechtigung. Der Gedanke, der V i s m ar (f beseelte und auch in einigen großen Zeitgenossen Steins wie Wilhelm v. Humboldt und Gneisenau lebendig war, daß jede Machtvergrößerung Preußens praktisch der Wiederherstellung Deutschlands dienen müsse, war ihm fremd. Die deutsche Entwicklung im 19. Jahrhundert beruhte aber seit dem Zusammenbruch der Kaisermacht auf der Ausgestaltung des territorialen Gedankens und nur von einem Einzelstaat konnte die Neugestaltung der deutschen Dinge ausgehen. Weitaus die große Mehrzahl von Steins Zeitgenossen — das Volk vielleicht noch stärker als die Dynastien — dachte territorial und wollte die altgewohnte einzelftaatliche Selbständigkeit nicht zugunsten eines neuen Reiches mit einheitlicher Regierung aufgeben: Stein öerfaffungsgebanten, die über die territorialen Grenzen hinwegschreiten wollten, mußten daher mit Unfruchtbarkeit geschlagen jein. Die Reformen des Freiherrn vom Stein in Preußen haben, weil sie dem herrschenden liberalen Geist des neunzehnten Jahrhunderts «ntgegen- kamen, eine so starke Bewertung erfahren, daß man darüber ihren Träger und erst recht die Beweggründe für sein Tun etwas hat in den Hintergrund treten lassen. Noch die große Biographie des Freiherrn von Max Lehmann, die vor einem Vierteljahrhundert erschien, bringt über die Persönlichkeit Steins herzlich wenig. Ganz im Geist ihres Zeitalters schildert sie das große Werk und geht dann wenigstens auch aus seine treibenden Kräfte ein. Dabei glaubte Lehmann, den Freiherrn vom Stein zeitlich möglichst binden zu müssen, indem er ihn seine Reformen in Abwandlung der durch die französische große Revolution gelösten liberalen Kräfte durchführen läßt. Er erweckte damals schon heftigen Widerspruch bei den konservativ gerichteten Kreisen, die unter Ernst von Meier schars gegen Lehmann auftraten. Doch wurde beiderseits der Kampf vorwiegend aus dem ftaatspolitijchen Handeln Steins heraus geführt, die Mentalität seiner Persönlichkeit, gewissermaßen seine geistige Lebenslinie wurde wenig beachtet. Stein wurde zu sehr auf seine amtliche Tätigkeit beschränkt. Mir jedoch erscheint gerade das Nebenher ,eines Lebens wo er sich ohne Rücksichtnahme, aus seinem Impuls heraus gibt, als ganz wesentlich für die Erkenntnis der Triebkräfte seines Handelns. Und dabei hebt sich bei ihm als kennzeichnendste Neigung seine Borliebe für Geschichtswerke und das geschichtliche Studium überhaupt. Seine Bibliotheken auf seinem Stammsitz in Nassau an d- »"h" Freiherr vom Stein, ein Förderer der Geschichtswissenschaft. Von Dr. Hermann Drcyhaus. Frucht getragen. „ Wenn man am 29. Juni in ganz Deutschland des Fre,Herrn vom Stein als des Staatsmannes gedenkt, so soll man nicht vergessen, wie er Dura, die Förderung der Geschichtswissenschaft gerade in Deutschland den toinn m überhaupt, «seine I für staatspolitische Betätigung geweckt und entwickelt hatUnk»zwar«aus der Lahn sowie auf | der Ursprünglichkeit seiner reichen und starken Persönlichkeit. Er Hetz l'^ seinem Altersaufenthalt in Kappenberg in Westfalen geben baoon einen unzweideutigen Beweis. Darüber hinaus aber zeigt seine trP™er n?,et)e^ kehrende Beschäftigung mit der Geschichtswissenschaft als solcher w.e imt einzelnen Geschichtsperioden, wie stark bei ihm die Geschlchtserkenntnis und ihre Anwendung in der Politik sich berühren. Da mdesien ferne rem ktnatsoolitsicke Betätigung sich nur auf das kurze Jahrzehnt von 180b bis 1815 beschränkt, so ist es verständlich, daß Stein viele Muße m (einem Leben gehabt hat, um sich der Pflege der Geschichtswissenschaft zu Die andere Hemmung, die Stein in der Betrachtung der deutschen I Frage empfand, hängt eng mit seiner politischen Grundrichtung zusammen I und ergab sich aus einer universalen Anschauung der Dinge. Nach [einer I Ueberzeugung war die Welt seiner Tage °rfMt von dem großen Zwiespalt zwischen dem revolutionären und bonapart,stischen Frankreich und | bPem übrigen Europa; Frankreich stellte ihm das Streben nach Knechtung nUer Völker dar die anderen Länder hatten die Pflicht die Weltjreiheit I durch Einschränkung der herrschsüchtigen Nation zu lächern. An M°m Kampfe schrieb er dem deutschen Volke einen hervorragenden Sintert 3U. I alfo mußte es eine Verfassung erhalten, mit der es das Höchste Kampf I gegen das böse Prinzip leisten konnte. Nicht nur den Deutschen sondern der ganzen Menschheit muhte die Verstärkung der deutschen Nation in einem neuen Deutschen Reiche nach seiner Ueberzeugung äugute kommen, und^n dteser Lei tung für die Menschheit sah er die Rechtfertigung für die Forderung einer neuen und besseren politischen Versasiung für« das I deutsche Volk.' Gewiß eine Auffassung von idealem Schwung aber es lag darin, soweit sie die deutsche Nation betraf, eine gewiße Schwach-, nicht um ihrer selbst willen galt es, die deutsche Nation neu W gestalten, sondern zu einem bestimmten, über sie hinaus weisenden Zweck. Um I Deutschland für diesen Zweck kampstüchtig zu machen, war er Jogar« bered, auf die absolute Unabhängigkeit und nationale Ausgestaltung der Verfassung zu verzichten und Rußland und England zur Leitung der deut- I schen Geschäfte heranzuziehen. Die Gefahr, daß Deutschland dabei m ! Abhängigkeit von den Fremden fallen könne fürchtete er nicht. Er war überzeugt daß jene Mächte, um dem revolutionären Frankreich, dem gemeinsamen Feind aller, einen starken Damm entgegenzusetzen die Nationalfreiheit Deutschlands nicht einschnüren sondern sogar zu seiner Kräftigung die Hand bieten würden. Es war ein Irrtum, denn Ruhland und England hatten, wie sich bald zeigte, ein ähnliches Jnteres e rote Frankreich, in Deutschland eine starke, ihnen ebenbürtige^ Macht nickst aufkommen zu lassen, aber ein Irrtum, der nicht aus «schwache und Mattherzigkeit, sondern aus hohem Idealismus, zugleich der ftarkjten Quelle seiner Kraft, entsprang. Dieser Idealismus ist es, der Stein weit über erfolgreichere Zeitgenossen wie Hardenberg ober gar Metternich erhebt und ihn dem deutschen Volke unvergeßlich macht. Alles, was er tat und erstrebte, jeder Augenblick seines Lebens, stand ihm unter sittlichen Gesetzen, die in Religiosität wurzelten, „alles, was keine sittlich-religiösen Unterlagen I hat ist vom Uebel und führt zum Abgrund" war seine Ueberzeugung; ein' Charakter und Wille ohne „religiöse Grundsätze und Gefühle war ihm undenkbar. Pflichterfüllung war ihm daher das höchste Gebot und zugleich das höchste Glückt „Die ehrlichen Leute", schreibt er einmal seiner grau, „sind belohnt durch das Gefühl, ihre Pflicht erfüllt zu haben, und durch den inneren Frieden, den sie genießen." Dieses Ideal zum Gemeingut aller zu machen war sein Ziel als Staatsmann; einen politischen Zustand zu schaffen, „daß jeder im Volke seine Kräfte frei in m or a- l i s ch e r Richtung entwickeln könne", hat er als fein Streben bezeichnet. Ausbildung der sittlichen Persönlichkeit ist also seine Forderung. Die aus der Religion geborene Pflicht zwingt den Menschen, den „kalten Egoismus" zu verwerfen und sich dem Dienste an den Mitmenschen, am eignen Volke, an der ganzen Menschheit zu widmen, ja sich selbst, wenn es das Geschick verlangt, zum Heile dieser Idee zu opfern: aber nie darf die Persönlichkeit als selbständige Gröhe, verschwinden, sondern stets soll sie das Gesetz des Handelns vom eignen Gewissen empfangen. Stein hat diese Grundsätze nicht nur, bekannt, sondern gelebt. Kemer seiner Zeitgenossen war freier von Menschenfurcht als er, mochte es sich um ein Bekenntnis vor Fürsten oder vor der großen Oeffentlichkeit handeln. Nur ein festes Gottvertrauen, das Bewußtsein der unbedingten Abhängigkeit von einer höheren Macht konnte ihm diese innere Sicherheit und Unbeugsamkeit auch in den trübsten Zeiten verleihen: „Ob und wie" schrieb er im Mai 1807, verstoßen vom König, den Untergang Preußens vor Augen, „Gott helfen wird, wer kann das jetzt schon wissen? Aber festes Hassen und Vertrauen nach oben, das heißt auf Gott, muß die Besseren aufrichten und jetzt mehr als je treu und fest unter sich Zusammenhalten. Nur wer sich selbst aufgibt und in mutloser Untätigkeit dem Geschicke überläßt oder unterwirst, der ist ganz und für immer verloren." Letztlich ist der Freiherr vom Stein einer der größten Erzieher unteres Volkes durch feine Persönlichkeit sowohl wie durch seine Staatsauffassung. Sittlichkeit ist ihm Verantwortung gegen sich selbst und gegenüber der Gemertischaft des Volkes. Aus dieser Einstellung heraus kann er sein politisches Glaubensbekenntnis wie folgt zusammenfassen: Der Staat ist kein landwirtschaftlicher und Fabriken-Verem sondern sein Zweck 'st religiös-sittliche, geistige und körperliche Entwicklung; es soll durch seine Einrichtungen ein kräftiges, mutiges sittliches, geistvolles nM allem ein kunstreiches, gewerbefleißiges gebildet werden. Und. aus diesem Bllck felde kommt er zum Geschichtsstudium als dem diesbezüglich besten Bil- dungsmittel wie er 1812 einmal dem Hauslehrer semes Schwagers geqemiber äußerte: „Der Einfluß der Geschichte ist wohltätig für em junges Gemüt, wenn sie gründlich, treu, einfaltig studiert wird unb mon nicht auf der Bahn metaphysischer Schwätzer und politischer «Sophisten daher wandelt; sie erhebt uns über das Gemeine der Zei genosseni und mächt uns bekannt mit dem, was die edelsten und größten Menjchen geleistet und was Trägheit, Sinnlichkeit, Gemeinheit oder verkehrte Anwendung großer Kräfte zerstört. Ich halte es daher für wesentlich, den ■Sinn für das Studium der Geschichte zu erregen und damit den Jüngling vorzüglich zu beschäftigen." Als Stein diese Worte schrieb, befand er sich in dem kritischen Zustand seiner Lebens, wo er eine „Macht für sich" war. Ende 1808 Ijatte er b preußischen Dienst verlassen müssen und war bald daraus von Rapoteon geächtet worden. So lebte er von 1809 bis 1812 als politischer üstuchUmg in Oesterreich, vorwiegend in Prag, bis ihn der Zar Alexander zu sich nach Rußland berief, wo ihm denn vergönnt war, eine entscheidende Rolle bei der Niederringung Napoleons zu spielen. Wenn auch Stein von Prag aus die engsten Beziehungen zu alten Gegnern Napoleons unterhielt so war er doch ohne Amt und konnte sich daher seiner Familie, die ihm bald hierher folgte, mehr widmen als das bisher möglich gewestn. Besonders beschäftigte er sich mit seinen beiden Töchtern, denen er selbst Geschichtsunterricht erteilte. Dabei hatte er ausreichend Gelegenheit, dw Verhältnisse in der Geschichtsliteratur kennenzulernen Besonders gluck! ch I waren sie nicht. Die Gesichte galt als moralisches Fach, bei dem die Nutzanwendung das Wichtigste war. Quellenkritik, w,e überhaupt möglichst genaue Festlegung der geschichtlichen Tatsachen, also gewissermaßen die Boraussetzungen für geschichtliches Erkennen alles das war noch im Werden. Erft 1810 hat ja Steins früherer Warbeiter B. G. Rieb ihr durch seine bahnbrechenden Vorlesungen über Römische.Geschichte den Weg gewiesen. Stein empfand die Mängel der Gefchlchtswissenschast bitter genug, besonders im Hinblick auf die Geschichte seiner Zeit. Da entschloß er sich, selbst seinen Kindern eine „Geschichte des Zeitraumes von 1789 I bis 1799" zu schreiben, die noch heute eine Fundgrube der politischen Erkenntnis Steins ist, weil sie seine Persönlichkeit in lebendige Bezichung zu dem einschneidendsten Ereignis seiner Zeit, zur französischen Revolution setzt Bei Lehmann sindek sie allerdings nicht viel Anerkennung. Seine praktische Betätigung als Geschichtsschreiber erfuhr freilich bald I ein Ende durch seine Berufung an den russischen Hof. Er konnte wieder Geschichte machen". Doch spurlos ist die Prager Zeit an totem nicht Dorüberqegangen. Als er nach den Befreiungskriegen wieder sozusagen I beschäftigungslos war, erwachte die alte Neigung. Die Zeiten waren ruhig, ein großer Plan konnte geboren werden. Zwar lagen die ersten Anregungen wieder im persönlichen Erlebnis. Bei der Beschäftigung mit ferner jüngeren Tochter empfand er den Mangel an Geschichtsguellen über das I Mittelalter. Er unterhielt sich darüber mit Goethe auf der gemeinsamen Rheinreise im Juli 1815; er reichte der preußischen Regierung einen Plan zur Sammlung älterer deutscher Geschichtsguellen ein. Allem die,ec versandete. Da ging Stein auf eigene Faust vor. (£r roanbte sich an pe£ sönliche Freunde mit und ohne Staatsamt, mit der Wirkung daß endlich am 20. Januar 1819 die „Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde I in Frankfurt am Main gegründet wurde. Ihr Plan war, „die besten I Quellenschriftsteller deutscher Geschichte des Mittelalters herauszugeben, I und zwar nicht bloß für die reine Fachwissenschaft, sondern auch für em I weiteres Publikum mit den Absichten, wie Stein überhaupt Geschichte gewertet wissen wollte. Der erste Ersolg des Aufrufes der Gesellfchast weckte weiten Widerhall, doch legten sich bald die Folgeerscheinungen der „Karlsbader Beschlüsse", die ja in jeder nationalen Regung und erft recht in seiner nationalgeschichtlichen ein Zeichen von „^atobtmstnus sahen lähmend auf das neue Werk. Allein Stein blieb unbeirrt. Mit bedeutenden persönlichen Opfern führte «r das Unternehmen vorwärts. In dem Hannoveraner Georg Heinrich P e r tz fand er einen wissenschaftlichen Mitarbeiter, der im großen und ganzen seiner Anregungen in Die Wirklichkeit umzufetzen verstand. Im Jahre 1826 erschien der erste Banö des Werkes, vor dessen Namen noch heute jeder Geschichtsforscher mit Andacht steht. Es sind die „Monumenta germaniae historica , die E>e- schichtsdenkmiiler Deutschlands. Stein glaubte sie in fünfzig Bänden für bi» Zeit bis zum Ausganq bes Mittelalters erschöpfen zu können, doch ergab sich im Verlauf ber Arbeit, baß eine private Gesellschaft das Wen überhaupt nicht zu Enbe führen konnte. Im Bismarckreich würbe es Reichssache mit einem beamteten Direktor. Heute stellen die „Monumenta eine stattliche Bibliothek dar. Das von Stein gelegte Samenkorn hat reiche mkfit vom Zeitenstrom treiben, sein Gefühl von Menschenwürde fand er Lcreits in der deutschen Vorzeit bestätigt. Verlorenes wollte er wieder- geroinnen, wenn er Führer und Geführte in gegenseitiger Anerkennung mnd Achtung zusammenbrachte zu gemeinsamer Arbeit am Wohl der Gesamtheit auf dem Boden der vaterländischen Geschichte und der deutschen Landschaft. Aus Steins Briefen und Denkschriften. An Steins Freundin, Frau von Berg. Wetter, den 29. Dezember 1792. --Ich habe es Ihnen bereits gesagt, daß ich in Gießen und Kassel vierzehn Tage täglich mit der Wallinodenschen Familie lebte, wo hundert Umstände, Begebenheiten und Aeußerungen mich von dem reinen, wohlwollenden Charakter und dem gesunden richtigen Verstände der Gräfin Wilhelmine (Steins spätere Frau) überzeugten, daß ich, nachdem ick «dreiste, eine solche unausstehliche Leere fühlte, sich eine solche trübe, freudenlose Aussicht vor mir eröffnete, mein Leben allein und isoliert zubringen zu sollen, daß der Wunsch, aus ihren Händen das für mich wenigstens einzige Glück des Lebens, häusliches Glück, zu erhalten, so lebhaft wurde, daß ich einen entscheidenden Schritt tat und nunmehr die Hoffnung habe, diejenige Verbindung mit ihr einzugehen, die solange der Gegenstand meiner Wünsche und Erwartungen war. Ich bin überzeugt, daß diese erfüllt werden, weil eine Bekanntschaft von drei Jahren wich in meinem Urteil über die Gräsin bestätigte und weil Reinigkeit des Charakters und Richtigkeit des Verstandes die Quellen aller häuslichen Tugenden sind. Auch ist es mir interessant, mit den Menschen, die jie umgeben, in Verhältnis zu treten, denn der Vater ist ein Mann von seltener Welt- und Menschenkenntnis. Er hat sehr vielen Adel in seiner Gesinnung und zeigt sehr viele Gutmütigkeit und Anhänglichkeit im Umgänge mit seiner Familie, und die Gräfin ist ein wahrer Engel von Güte, von Wohlwollen und Liebe. 21 n Frau von B e r g. Hamm, den 3. Oktober 1793. Es ist freilich sehr seelenerhebend, allein unter den Menschen der Vorwelt zu existieren, sich mit dem zu umgeben, was die Menschheit Voll- koinmenes darzustellen vermag, und diese nur in den glänzendsten Augenblicken ihres Daseins um sich zu versammeln; überläßt man sich aber ganz der Einsamkeit, entzieht man sich dem Umgang seiner Zeitgenossen gänzlich, so erhält das moralische Gefühl einen Grad von Reizbarkeit, der für uns ost schmerzhaft wird und uns zur Untätigkeit verdammt. Tätig und duldsam bleiben, selbst dann, wenn jugendliche Lebendigkeit und Gutmütigkeit sich vermindert hat oder unter dem Drucke des Leidens und der Einförmigkeit des Hin- und Hertreibens erloschen ist, dieses ist wohl das beste und vollkommenste Resultat alles Strebens nach Entwicklung und Ausbildung und zugleich leider das seltenste. Beide Eigenschaften verliert man am geschwindesten in dem Gewirre der sogenannten großen Welt, wenn man ausschliehend in ihr existiert, an ihrem Beifall hängt und von ihr alle seine Genüsse, die ganze Befriedigung seiner Wünsche erwartet, und am wenigsten ist man diesem tötenden Gefühl der Leere und Langeweile ausgesetzt, wenn man in zweckmäßiger Tätigkeit, in Aeußerung seiner Kräfte auf feste Zwecke lebt. Mir scheint das Schicksal der Weiber in den oberen Klassen der Gesellschast daher unglückticher □ls das der Männer; diese werden doch gewöhnlich zu bestimmten Be- rufsgeschäften erzogen und leben in ihrer Ausübung. Jene werden selten zu ihrer, ihnen von der Natur angewiesenen Bestimmung ausgebildet, die einer Mutter und Erzieherin. Man entwickelt in ihnen nur den vagen Wunsch zu gefallen und macht sie mit den materiellen Mitteln dazu bekannt, und ihr ganzes Leben ist in einem leeren Streben nach einem □llgemeinen Beifall, der nie erreicht wird, einer Beobachtung einer Menge zweckloser Pflichten gewidmet, ihr ganzes Jbeensystem besteht aus inko- därenten Bruchstücken der Meinungen, Gebräuche und Urteile der großen Welt, und alles trägt dazu bei, sie von ihrer einzigen, wahren Bestimmung zu entfernen. An den Prinzen Louis Ferdinand. Minden, den 17. November 1796. Cs ist gewiß, daß der philosophische Geist, welcher die Beziehungen verallgemeinert und die vereinzelten Gegenstände unter einem Grundsatz »der einem höheren Gesichtspunkt zusammenfaßt, diejenige Art des Geistes sst, welche den großen Mann bezeichnet; aber mit dieser Geistesart muß er die Kraft des Charakters verbinden, welche ihm in ruhigen Zeiten *en Fleiß zur Arbeit, die Hartpäckigkeit, alles, was auf feine Ausbildung linroirtt, zu verfolgen, in den Zeiten der Tätigkeit die nötige sittliche Kraft gibt, um die Anstrengungen des Geistes und des Körpers zu ertra- Itn, welche der Drang der Umstände erheischt. Es war Mangel an Charakter, was in der Revolution die tugendhaftesten und aufgeklärtesten Männer gestürzt hat, wie Monier, Vergässe, Bailly, selbst unter den Girondisten Condorcet, Roland, was die einen in die Verbannung trieb, Re anderen unter dem Dolche der Parteimenschen fallen machte. Es war •tefe Charakterstärke, welche man Enthusiasmus nennt, die den Thron er Kalifen gegründet hat, die durch Streben nach Reichtümern, Liede mm Ruhm« den Hang des Jahrhunderts nach Abenteuern heroorgebracht, ie spanischen Eroberer Amerikas und ihre Sieger, die Bukaniere, : «geisterte. , k Lebt der Mann, welcher sich durch die Natur zu einer großen und I nützlichen Laufbahn berufen fühlt, inmitten der Weichlichkeit der Hose der unter kleinen, kleinlichen Leuten, so kann er nur dann sich erhalten, oenn er sich mit den großen Männern der Geschichte umgibt und sich I > urch ihre Vorbilder gegen die zerstörenden Eindrücke verderbter und Meiner Umgebungen schützt. An den König, 1806. Es war ein Grundsatz einer durch schmähliche (Erfahrung her >fachen ■Seit als weise bewährten Vorzeit, daß in den mannigfaltigen Gescyasten innerer und äußerer Administration jeder von feiner frühen Jugend an durch spezielle Leistung und eigene, auf einen Zweck gerichtete Ausbildung und Erwerbung von Fähigkeiten für ein einzelnes Fach der Geschäfte bestimmt werde, in dem er alsdann, durch mannigfaltige Erfahrung gereift, den Grad der Vorzüglichkeit zu erreichen bestrebt war, welche zu erreichen Natur und Umstände ihm gestatteten. Als noch ein gesetzlicher Zustand der össentlichen Staatsrechtsverhältnisse in Europa bestand, ehe die Frage des Rechts tn diesen Verhältnissen als eine Torheit zuerst beseitigt, später verachtet ward, da war der Berus des Diplomatikers, des Ministers der auswärtigen Verhältnisse, ein Beruf vielumfasfender, schwer und langjährig erworbener Kenntnisse, dem, welcher sich ihnen nicht ganz und von der ersten Jugend an hingegeben hatte, nie in dem Grade vertraut, worin sie derjenige besaß, welcher sich diesen Berus früh und ganz erwählt hatte. Zwar ist in den Verirrungen und Verheerungen, worin alles ünter- ging, was unseren Vätern Fortschreiten im Glück und unverwüstliche Kraft im Unglück gewährte, auch dieser Grundsatz, nicht bloß in Beziehung auf dieses, sondern überall verschwunden, indem jeder sich für alles tauglich glaubt, wovon er sich einen bestimmten Begriff bilden kann; als ob frühe Bildung und fortdauernde Erfahrung nicht die eigentliche und wahre ausgezeichnete Tauglichkeit in jedem Geschäft verschafften. Was aber die Folgen von diesem Selbstvertrauen oder von dem nach gleicher Beurteilung gewährten Vertrauen sind, liegt nur zu sehr eben in dem Gang der össentlichen Geschäfte, , seitdem alle Verhältnisse aus ihren Angeln gehoben, seitdem alle ehemaligen bewährten Grundsätze der Staatsverhältnisse versäumt oder verachtet wurden, am Tage; und wenn ich gegen diese, nicht als Aeußerung der Empfindung des Augenblicks, sondern als lebndige und tiefbegrünbete Ueberzeugung geäußerten Grundsätze handelte, wenn ich in meinem fünfzigsten Jahre, nachdem ich siebenundzwanzig Jahre im iDenst Eurer Königlichen Majestät und Ihrer Königlichen Vorgänger in ganz verschiedenen Geschäften, welche mich ganz beschäftigt haben, diente, in ein mir fremdes Departement ministerieller Geschäfte übertreten wollte, fo würde ich mich einer Inkonsequenz schuldig machen, welche eben dem Vertrauen, wodurch Eure Königliche Majestät bewogen wurde, mir diesen ehrenden Antrag zu tun, nicht entspräche. A n Hardenberg, 18 0 7. Ich halte es für wichtig, die Fesseln zu zerbrechen, durch welche die Bureaukratie den Aufschwung der menschlichen Tätigkeit hemmt, jenen Geist der Habsucht, des schmutzigen Vorteils, jene Anhänglichkeit ans Mechanisch« zu zerstören, die diese Regierungsform beherrschen. Man muß die Nation daran gewöhnen, ihre eigenen Geschäfte zu verwalten und aus jenem Zustande der Kindheit hinauszutreten, in dem eine immer unruhige, immer dienstfertige Regierung di« Menschen halten will. Der Uebergang aus dem alten Zustand der Dinge in eine neue Ordnung darf nicht hastig Jein, und man muß die Menschen nach und nach an selbständiges Handeln gewöhnen, ehe man sie zu großen Versammlungen beruft und ihnen große Interessen zur Diskussion anvertraut. Denkschrift über eine deutsche Verfassung. Chaumont, den 10. März 1814. Die verbündeten Mächte sind in ihren Verträgen übereingetommen, daß Deutschland ein politischer Bundeskörper sein soll«. Es ist also unerläßlich, sich mit der Organisation dieses Körpers zu beschästigen, die Beziehungen der Teile, die ihn zusammensetzen, die Rechte, welche man ihm beilegt, die Verpflichtungen, die er eingeht, festzusetzen und über die innere Organisation dieser wesentlichen Teile selbst sich zu vereinigen. — Es geht daraus eine allgemeine Verfassung für den politischen Körper und eine besondere für di« Staaten, welche ihn bilden, hervor. Die deutschen Staaten sind verpflichtet, den Veränderungen ihrer Souveränität sich zu unterwerfen, welche die Verfassung fordern wird, da sie ja entweder diese Verpflichtung in ihren Zulafsungsverträgen «in- gegangen sind ober nur unter biefcr Bebingung bie oerbünbeten Mächte ihnen ihr politisches Dasein verbürgen werben. Jeber politische Bunbes- körper setzt «ine Versammlung ber Staaten voraus, die ihn zujammen- setzen, ober einen Reichstag, ber über bie politischen Interessen, über seine innere Gesetzgebung, über seine bürgerlichen unb militärischen Einrichtungen beschließt, unb ein Direktorium, ein« Obrigkeit, welche die Versammlung leitet, bie über bie Ausführung ihrer Beschlüsse, über bie Erhaltung ihrer sozialen, politischen, richterlichen unb militärischen Einrichtungen wacht. Das Direktorium kann nur unter den mächtigsten Gliedern ber Vereinigung gewählt werben, ba es eine zum Antrieb bes Hanbelns, zur Aufrechterhaltung ber Orbnung genügcnbe Kraft haben muß. Man kann es also in Deutschlanb nur Oesterreich, Preußen, Bayern unb Hannover anvertrauen. Seine wesentlichen Aufgaben finb bie Leitung bes Reichstags, bie Ausführung feiner Gesetze, die Aufsicht über die Einrichtungen, über die Unterhaltung der Beziehungen mit den fremden Mächten, über die, welche zwischen den Bundesstaaten und zwischen den Fürsten und den Untertanen festgesetzt sind. Es würde ihm das Recht, Krieg unb Frieben zu schließen, unb alle Folgerungen, bie daraus hervorgehen, im Namen der Vereinigung übertragen werden. Der Reichstag würde aus den Abgeordneten der Fürsten und denen der Hansestädte bestehen, denen man, um eine gleichmäßigere Vertretung zu haben, Abgeordnete der Prooinzialstände hinzusügen würde. Diese Abgeordneten würden keinen diplomatischen Charakter haben, sie würden nicht Beauftragte sein, und sie würden regelmäßig, alle fünf Jahre, jedes Jahr der fünfte Teil, neugewählt werden. Der Reichstag würde nur sechs Wochen im Jahr versammelt fein. Seine Aufgaben wären die Bundesgesetzgebung, die Steuern für die Bedürfnisse des Bundes, bie Entscheibung ber Streitigkeiten zwischen den Bundesstaaten unb zwischen den Fürsten unb ben Untertanen, er ernennt einen Ausschuß, ber sie entscheibet unb bie Aivssllhrung ber Beschlüsse bewirkt. abgelegt. Aber obwohl die auserwählten Fünf ein weitgehendes Vertrauen genossen, schien die eingetretene Ruhe doch nicht von langer Dauer zu sein. Die Damen fühlten sich ohne ihre Juwelen als beklagenswerte Stiefkinder des Glücks, während die Herren mit jedem Tag nervöser wurden, weil sich trotz der eifrigsten Nachforschungen nicht die geringste Spur von dem Diebe gefunden hatte. Jeder setzte seine Hoffnung auf den nächsten Hasen, wo die Polizei den Fall in die Hand nehmen wurde rmd ihr der gesamte Juwelen- und Geldvorrat durch den alten, jovialen Missionar in Begleitung einer der Damen ausgehändigt werden sollte, da der störrische Kapitän nicht die geringsten Anstalten machte, seine gleichgültige Haltung gegenüber der Gefahr, die die Passagiere seines Schiffs bedrohte, aufzugeben. „ Endlich war der Hafenplatz erreicht. Umgeben von der dichten Menge der Passagiere, standen der freundlich lächelnde, über alle menschlichen Eitelkeiten erhabene, weißhaarige Missionar und seine Begleiterin an Deck, um sich mit dem sorgfältig verschlossenen und versiegelten Koffer zu den Hafenautoritäten zu begeben. Jedoch in dem Augenblick, als das Paar sich anschickte, die Schisfstreppe hinabzusteigen, trat der Kapitän durch die Menge, schritt auf die beiden zu und legte sein« schweren Hande aus die Schultern des Missionars und seiner Begleiterin. Dann sagte er, ohne sich um die Empörung der Umstehenden zu kümmern, in ruhigem Tone: „Sie sind meine Arrestanten, bis die Hafenpolizei an Bord kommt und Sie von mir übernimmt. Bis dahin lege ich Beschlag auf das Eigentum der Passagiere." Zugleich winkte er mehreren Schiffsoffizieren, die, unterstützt von ein paar kräftigen Matrosen, kurzen Prozeß mit den beiden vom Kapitän bezeichneten Passagieren machten und sie in das Schisfsgefängnis abführten. Von dort wurden sie bald von einigen Polizeibeamten der Stadt abgeholt. Der Koffer mit den Wertsachen blieb unter Obhut des Kapitäns an Bord. Entgeistert hatten die Passagiere diese Vorgänge mit angesehen. Und um nichts klüger fühlten sie sich, als der Kapitän bekanntmachen ließ, daß jeder sich sein Eigentum bei ihm zurückholen könnte, und er außerdem darum bat, am selben Abend in großer Toilette zum „Captains dinner' zu erscheinen. Am Abend, bald nachdem man den Hafen verlassen hatte, fand das Festsouper statt. Und während beim Dessert di« Gläser von neuem gefüllt wurden, erhob sich der Schiffskommandant und sprach mit lustigem Augenzwinkern zu den überraschten Gästen, denen bisher jede Feststimmung gefehlt hatte: .. „Auf ihre Gesundheit, meine Damen und Herren! Ich beglückwünsche Si«, daß jeder von ihnen sein gefülltes Portefeuille wieder in der Tasche hat und seine Kostbarkeiten wieder hat anlegen können. Und nun will ich ihnen auch das erzählen, worauf sie alle neugierig sein werden: die Geschichte unseres abwesenden Freundes und seiner ebenfalls verhafteten Dame. r m „ Als ihnen der Radio-Bericht mitgeteilt hatte, welch illuftre Gesellschaft sich unter den Passagieren der Marlot' befand, war mir als verantwortlichem Führer des Schiffes klar, daß alles aufgeboten werden mußte, um zu verhindern, daß der Halunke an Bord meines Schiffes versuchte, seinen Fischzug zu machen, und ihn schleunigst zu entlarven. Zunächst mußte ich alle Aufmerksamkeit von mir ablenken und danach trachten, alle ihre Wertgegenstände zusammenzubekommen. Mein Plan glückte. Durch mein unfreundliches Auftreten hielt ich mich abseits und ließ zugleich dem unbekannten Betrüger freies Spiel. Was ich erwartet hatte, geschah. Er lief in die Falle. Der Vorschlag, alle Schmucksachen an Bord zu sammeln, der von der immer besonders reich geschmückten jungen Dame stammte, brachte mich bald auf eine Spur. Die Wahl ihrer Vertrauensleute wies mir den weiteren Weg. Die Dame mußte der vom Radio bezeichnete Handlanger sein, und der Gesuchte selbst mußte sich unter den Komiteemitgliedern befinden. Als die Gereiztheit und das Mißtrauen so hoch gestiegen waren, daß keiner mehr dem anderen traute, und nur noch der brave alte Missionar als letzte Zuflucht übrigblieb, fühlte ich mich meiner Sache immer sicherer. Hatte doch der Radiobericht darauf hingewiesen, daß der Schurke in den verschiedenartigsten Verkleidungen aufträte. Es gab keine geeignetere Vermummung für solchen Schurken, als die arglose Erscheinung eines greifen Misionars, der durch fein Alter und seine Lebensauffassung über alle Versuchungen erhaben war." . Der Kapitän nahm einen Schluck aus seinem Champagnerkelch uno fuhr fort: „Der letzte Zweifel wurde mir genommen, als ich von dem Vorhaben unseres Missionars hörte, sich als Hüter des gesamten Schiffsschatzes an Land zu begeben, und sich die bewußte Juwelenbesitzerin anbot, ihn zu begleiten. Inzwischen hatte ich die Hafenpolizei drahtlos benachrichtigt, daß ich anscheinend dem Dieb auf der Spur wäre und ihn bei mir an Bord hätte. Ich muh sagen, ich spitzte mich ein bißchen auf das-Vergnügen, das Pärchen den Behörden selbst auszuliefern. Davon waren 1« Zeuge, meine verehrten Damen und Herren, und ich freue mich, daß ja) in der glücklichen Lage war, jedem von ihnen fein Eigentum zuruck- zugeben." Hier machte der Kapitän verschmitzt lächelnd eine kurze Pause, bevor er das Schlußwort sprach: „Rur habe ich als angemessene Belohnung für mich selbst die Diaman ten der Helferin unsere/ Spitzbuben behalten." Ein nicht enden wollendes Gelächter folgte diesen Worten, und von allen Seiten wünschte man dem tüchtigen Kapitän Glück zu feinem erfolg' reichen Handeln. Doch der nahm unter lustigem Augenzwinkern noch einmal das Wort und endete seufzend seine Rede: „Nur eins ist schade, daß nämlich jedes Stuck von den Brulame» und Diamanten der scharmanten Dame falsch ist. Damit hatte ich uorv gens gerechnet. Denn es sind immer falsche Perlen, mit denen man • echte stiehlt." ■ — In jedem Bundesstaat werden Provinzialstände gebildet werden, welche sich jährlich versammeln, um über die Provinzialgesetze, über die für Die Kosten der Verwaltung bestimmten Steuern zu beschließen. Die Domänen werden für den Unterhalt des Herrscherhauses, die Steuern zu den erwähnten Zwecken bestimmt werden. Die mediatisierten Fürsten Graf«n und Adlige werden den Staaten eingeordnet werden — es werden ihnen di« Rechte von Standesherren beigelegt werden. Jedermann kann nur durch seine natürlichen Richter beurteilt werden und darf nicht länger als achtundvierzig Stunden sestgehalten werden, ohne ihnen vorgestellt zu werden, damit sie über die Ursachen seiner • Festnehmung entscheiden. — Jedermann hat das Recht auszuwandern, den bürgerlichen oder militärischen Dienst in Deutschland, der ihm paßt, zu wählen: jedermann und jeder Verein hat das Recht, Beschwerden gegen die Obrigkeit drucken zu lassen. Oer störrische Kapitän. Erzählung von Jan F e i t h. Man kann sich kaum vorstellen, was für eine Verwirrung der Radiobericht hervornes, der, durch einen mächtigen Lautsprecher verkündet, weit über das Deck des stolzen Ozeandampfers schallte. Es war die angenehme Faulenzerstunde vor dem Nachtmahl. Die Stewards hatten gerade eine kühle Erfrischung gereicht, die Romane waren zugeklappt, die Gespräche wurden unterbrochen, die Bridgespieler machten eine Paus«, die Schlummernden waren in ihren Liegestühlen erwacht, und, ein köstliches Glas Sorbet an den Lippen, lauschte jeder unwillkürlich den deutlich wiedergegebenen Worten, di« aus endlosen Fernen dem ruhig über den heißen Ozean fahrenden Passagierdampfer gesendet wurden. Bei den ersten Worten des Lautsprechers begann jeder gespannt zuzuhören, dann aber stieg das Erstaunen, um schließlich in Unruhe und Ausregung überzugehen. Dazu war reichlich Anlaß gegeben, denn der Lautsprecher lieh sich also vernehmen: „Im Namen des Polizeidienstes verschiedener Länder wird auf drahtlosem Wege dringend ersucht, auf einen der berüchtigsten internationalen Siebe, der es besonders auf wertvolle Schmuckgegenstände abgesehen hat, das Augenmerk zu richten. Ein Signalement des Verdächtigen zu geben, ist schwer, weil der Gauner es ausgezeichnet versteht, sich immer wieder in neuer Gestalt zu zeigen. Auch verfügt er gewöhnlich über die Hilfe eines Handlangers. Man vermutet, daß er sich kürzlich nach einem der großen Hafenplätze des Osten eingeschifft hat, und wenn die Informationen, die die gemeinsam nach ihm fahndenden ausländischen Polizeibehörden erhalten haben, richtig sind, befindet er sich augenblicklich an Bord des Passagierdampfers ,Marlot'. Es wird darum ersucht, den Betrüger festzunehmen und den Behörden zu Übergeben." Beim Hören des Schiffnamens bemächtigte sich der zahlreichen Passagiere eine unbeschreibliche Aufregung. Man hörte nervöse Angstschreie unter den weiblichen Passagieren, die Männer begannen lebhaft zu gestikulieren, überall bildeten sich Gruppen, die Vermutungen austauschten. Nur der Kapitän schien kühlen Kops zu behalten und gab sich Mühe, die erschreckten Passagiere zu beruhigen. Zunächst hatte er damit wenig Erfolg, ja, es schien beinahe, als ob er die steigende Erregung noch anfachte. Denn auf seine gutmütige, aber etwas rauhe Seemannsart fuhr er di« allzu üervösen Damen ziemlich heftig an, und geradezu ausfallend wurde er gegenüber den Herren, die ihn mit gutgemeinten Ratschlägen belästigten. Als verantwortlicher Kommandant des Schiffes müffe er selber wissen, was für Entschlüsse er zu fassen und wie er zu handeln habe, wenn es nötig sei. Die meisten Passagiere waren jedoch der Ansicht, daß es höchste Zeit fei, Maßregeln zu ergreifen, denn viele hatten echte Schmuckfachen, darunter solche von hohem Wert, bei sich. Abgesehen von beträchtlichen Geldbeträgen, trugen viele Damen ihren kostbarsten Besitz an Diamanten und Perlen. Das aber schien den alten Seebären kalt zu lassen, er zuckte ungeduldig die Achseln und überließ die aufgeregten Herrschaften ihrem Schicksal. Man fand seine Haltung empörend, und die allgemeine Unruhe, die Unsicherheit, das ängstliche Mißtrauen gegeneinander stiegen aufs ^"^Eine der aufgeregtesten Damen machte den Vorschlag, Unterschriften zu sammeln für einen Bries an die Direktion der Schiffahrtsgesellschaft,- in dem man sich über das rücksichtslose Benehmen des Kapitäns beschweren wollt«. Ein« andere, die von Anfang an die Aufmerksamkeit durch ihren herrlichen Schmuck erregt hatte, den sie sowohl zu den Mahlzeiten als auch zu den Abendfestlichkeiten anzulegen pflegte, bat mit mühsam beherrschter Nervosität darum, ohne Unterstützung des Kapitäns die an Bord befindlichen Kostbarkeiten zu sammeln und alles der Obhut einer aus den Passagieren zu bildenden Aufsichtskommission anzuvertrauen. Dieser Vorschlag fand allgemeinen Beifall. Die Schwierigkeit war nur, wen man mit dieser Vertrauenswürde beehren sollte. Denn es gab niemand mehr an Bord, der dem andern wirklich noch traute. Ohne es offen, merken zu lassen, verdächtigte einer den andern. Jeder konnte doch der gesuchte Hochstapler sein. Anderseits wieder mußte einem der nüchterne Verstand sagen, daß der unbekannte Verbrecher in der allgemeinen Verwirrung die beste Gelegenheit fand, die Passagiere zu berauben. Diese Möglichkeit zwang zum Händeln. Nach vielen Debatten wurde endlich em Ausschuß von fünf Herren gewählt, bestehend aus einem bekannten Bankdirektor der eine Inspektionsreise nach den Tropen machte, einem vertrauenerweckenden Plantagenverwalter, zwei höheren Kolonialoffizieren und einem alten, ehrwürdigen Missionar. Einige beherzte Damen machten den An ang und legten ihren Schmuck ab, die übrigen folgten, und das Komitee nahm den zu einem Vermögen angehäuften Pafsagiersbesitz in feine Obhut. , .. , . Die Damen erschienen nun, bleich und nervös, ohne leben Schmuck; auch die Herren hatten ihre Diamantringe und Perlenkrawattennadeln _______ _________________________ Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: VrÜhl'sche Aniversität^Vuch- und Steindruckerei. R. Lange, Gi«b-n- SiehenerZamilienvliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 42 Montag, -en I-Iuni Jahrgang 1951 Blue White durch Molen gebildeten Kanal nähern, und auch draußen vor dem Kanal M ... im Hacken Meer M das ^ahrsnaiier durck «fen weit hinaus abgesteckt, 6 II 16 6 8 L 9 § V £ c Magenta Black Wenn ich sagte: Vergleich mit Rom, so ist das ein überlegtes Wort. Ja, durch die Lage übertrifft Petersburg Rom. Es liegt im innersten Zipfel jenes sackgleichen Meeres, das der Finnische Busen heißt. Es ist eine Seestadt. Es wurde mit dieser ausdrücklichen Bestimmung von Peter gegründet. Es sollte das gastliche Tor Rußlands zur westlichen Welt sein und selbst eine westliche Stadt. Dieses Tor ward aber auch ein fester Bau, Abschreckung der Zudringlichen. Die Zudringlichen waren in damaliger Politik und nach russischer Ausfassung die Schweden. Ein« Insel im Meer liegt der Stadt in einiger Seemeilen Entfernung vor, die unheimliche Festung Kronstadt darauf, und Petersburg ist eine von der See her uneinnehmbare Stadt. Heute noch mehr denn früher. Denn die modernen, tiefgehenden Schiffe können sich nur durch einen stundenlangen, friedigende, Abstoßende an Schmutz, schlechtem >r Kanalisation und barbarischer moderner Stadt- d und Erlebnis aufnehmen muß: draußen in den Bahnhöfen, Kasernen, Krankenhäusern, Kirch- chwenskaja, wo in Schutt und Verkommenheit das b-Rewski-Kloster und das fabelhafte Smolnyklofter an das römische Marsfeld und die Stadtviertel vor 19 20 21 14 15 12 13 17 18 9 10 4 5 7 8 dam und Venedig. Man sagt, die Mittelpfeiler der riesigen schweren Jsaak- kathedrale der f)aupt= und Prunkkirche der Stadt, beginnen sich zu senken, wahrscheinlich weil die Pfahlroste verfault sind. Peter hat unfestes Sumpfland als Standort für feine Hauptstadt wählen müssen. An Venedig und Amsterdam erinnert Petersburg auch durch Inseln und Kanäle. Die Newamündung ist ein Delta, die Stadt liegt eben dort auf fünf Inseln und zwei Halbinseln. Die Hauptmasse der Stadt liegt aus den beiden durch Flußschleifen gebildeten Halbinseln, die Industriestadt auf der kleineren nördlichen mit dem Finnländischen, dl« Amts- und Wohnstadt auf der weit größeren südlichen mit dem Baltischen, Warschauer und Moskauer Bahnhof. Diese südliche Halbinsel ist in der Quere durch zwei große Kanäle durchschnitten. Run hat der Leser auch ohne Karte ein genügend klares Bild der Lage. Es tauchten schon die Erinnerungsbilder an Venedig und Amsterdam auf. Es gibt in der Tat Architekturbilder, die sehr an Venedig denken machen An die Amsterdamer Grachten erinnern die Kanäle aus Schritt und Tritt. Der Kopf einer Insel (Wassilewskaja) gegen den Strom- zuq, eben dort, wo die Newa sich in große und kleine gabelt, erinnert mit dem bedeutenden, aus Börse und monumentalen Userbauten entstandenen Architekturbilde an den Jnselkopf in Venedig, aus den man von der Piazzetta aus blickt. Auch an London muß man in Petersburg denken wegen der Breite des Stromes, wegen des Hafens in der Flußmündung und des Schiffoerkehrs und wegen der berüchtigten Peter- oigeres zu ucmeii. Wie die russischen Kaiser ihre Paläste und Staatsbauten, so baute der Adel seine Stadthäuser, übrigens nicht nur in Petersburg, auch in den Landstädten des russischen Reiches, z. B. in der ärchitekturschönen Kleinstadt Mitau in Kurland. Ich habe viel Architektur in Europa und Umgegend gesehen und weiß sie zu schätzen — ich glaube, ich habe nie so in Architektur geschwelgt wie in Petersburg, trotz den rheinischromanischen, trotz den französisch-gotischen, trotz den römisch-barocken, trotz den byzantinischen Kirchen und arabischen Moscheen. Aber auch Begeisterung soll mich nicht ungerecht machen, und ich muß zugeben, daß diese Architektur vielleicht ein wenig simpel ist, ein bißchen schnell zusammengefügt und derb und gar ein wenig handwerklich roh in den Einzelheiten, in Profilen und Konsolen, im Ornamentalen und Figürlichen. Aber hier ist Architektur wirklich einmal Stadt und — man möchte wegen des Zusammenspieles von Flüssen und Plätzen, von Straßen und Kanälen fast sagen — Landschaft geworden. Nicht die individuell« architektonische Schönheit zeichnet Petersburg aus, sondern der große Wurf in Stadt wie in Bau, der Reichtum an Individuen innerhalb dieser einen Welt architektonischer Vorstellungen, russische Fülle und Großartigkeit auch hier. Man gehe nach Petersburg! (Wenn die Räteregierung einen hereinläßt!) Pauls-Festung (auf einer von der Insel Petcrsburgskaja anscheinend künstlich abgegliederten Insel), die das finstere Bild des Towers herauf- ruft. An Paris mag man denken, wenn man von den Brücken oder Inseln auf das Ufer der südlichen Halbinsel zurückblickt und dort das gewaltige Winterpalais liegen sieht wie in Paris den Louvre, und an vielen, vielen Paläste und öffentlichen Bauten °p^aw" roie dort längs dem Arno. An Rom denkt der in ” »e noch insbesondere, wenn er in den Außenvierteln men (in denen Romane Dostojewskis spielen) das Don Josef Ponten. (Nachdruck verboten.) Sie kann mit Rom in Vergleich gebracht werden. Sie ist ohne allen Zweifel eine der schönsten Städte. In ihr hat sich eine Geschichtsperiode jo großartig, so eindeutig, wie selten einmal bis zum sinnlichen Ausdruck ihrer selbst durchgefunden. Man kennt sie wenig, denn sie liegt „aus der Welt". Sie heißt Petersburg. Green Grey 2 Yellow Grey 3 Cyan Grey 1 Red Grey 4 Oie Blutbuche. Von Werner Bock. Wenn die Geschwisterbäume grün sich färben, -i-L-JH. X-JL--1- —«Mit* Colour & Grey Control Chart «»m i 2 3 ie Gegend um den Scherbenhllgel denken, aber nicht, daß diese Erinnerungen an Amsterdam, werden, um von ihnen für das Bild Petersburgs den albernen Benennungen Jfarathen, Elbflorenz, buxtehudische Schweiz geschieht. Nicht Wertbilder, Z/Il\ daher geliehen werden, weil europäische Leser diese _______ Ulllllll UHU fast jeder mindestens eine von ihnen gesehen hat. Petersburg bedarf der Stützung seines Ansehens nicht, es ist durchaus trotz gewissen Anklängen etwas Eigenes und, was Einheitlichkeit des Architekturbildes angeht, ohne Vergleich. Hier bauten mächtige Kaiser eines großen und reichen Landes, bauten aufwändig und rücksichtslos, wurden nicht beschränkt durch geschichtliche stadtgeographische Begebenheiten, bauten, wo ein Nichts gewesen war, ein Vielfältiges und Großes, bauten über eine kurze Zeitspanne hin. 100 dis 150 Jahre, vom Anfang des 18. dis gegen Mitt« des 19. Jahrhunderts, so daß es kein Altertum gibt wie in Rom, keine Gotik wie in Paris, kein« Renaissance wie in Florenz, sondern nur Barock und Klassizismus, namentlich Klassizismus. Es bauten die Kaiser Schlösser für sich und Schlösser für ihre Günstlinge und Mätressen, die Kaiserinnen Schlösser für sich und für ihre Liebhaber, und beide Kirchen für das Volk, es baute der Hofadel, gern oder gezwungen, es baute der Staat, kurz Petersburg muß von Hammer und Kelle 150 Jahre lang geklungen hoben nicht weniger als das Rom der Päpste und ihrer Nepoten. Architekturräume von solcher geschlossener Einheitlichkeit und maßstäblichen Weitgriffigkeit wie der gewaltige Platz zwischen dem Winterpalais und der riesigen Fassadenapsis der Ministerien, dazu alle Gebäude am Platze einfarbig dunkelrot gestrichen, dürfte es in der Wett selten geben. Üeberhaupt die Farbe! Im Süden, in den Mittelmeerländern, malt man die Bauten farbig an — müßte man es