GiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1951 Sreitag, den 29. Mai Nummer 41 Nähe des Geliebten. Von I. W. von Goethe. Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer vom Meere strahlt: ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer in Quellen malt. Ich sehe dich, wenn auf dem fernen Wege der Staub sich hebt, in tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege der Wandrer bebt. Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen die Welle steigt: im stillen Haine geh' ich oft zu lauschen, wenn alles schweigt. Ich bin bei dir, du seist auch noch so ferne, du bist mir nah! Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne. O wärst du dal KrühlingSopfer. Von Hans B e t h g e. Sie saß am offenen Fenster, im Lehnstuhl, von blendenden Kissen umgeben, und sah auf ihre schmalen Hände, die ihr verschränkt im Schoße lagen. Es waren gläserne, müde Mädchenhände, auf denen sich die blauen Adern deutlich abzeichneten. Sie waren ganz weiß. Nur die Nägel zeigten noch eine schwache Röte, und dort, wo die Knöchel lagen, schimmerte es rosa. Aber ganz wenig nur. Sie regte die dünnen Finger, hob die eine Hand und hielt sie gegen las Licht, um das Blut schimmern zu sehen. Es leuchtete sehr blaß, blässer ols vor wenigen Tagen noch, und es fiel ihr jetzt auch viel schwerer, die Hand zu erheben. Es ging schnell abwärts. Sie legte die Hand in den' Schoß zurück, lächelte und sah zum Fenster hinaus. Draußen war der Frühling. Er war schöner als sonst, sonniger, wärmer, blütenreicher. Dicht vor dem Fenster schwankten blaue Fliedertrauben und verschwendeten einen süßen Duft, der wie lichte Wolken ins Zimmer zog. Goldregenbäume standen dahinter und leuchtende Schneeballen und all die bunten Sträucher, die unser Auge im jungen Frühlingsglanz immer von neuem zu entzücken pflegen. Auch Jasmin war in Menge da. Aber der blühte noch nicht. Seine Knospen träumtet noch verschlossen. Und aus der Ferne schlug eine Nachtigall. Sie sah mit ihren großen, blauen Augen in all den Glanz und ließ die strahlende Sonne ungehindert in ihr Gesichtchen fallen. Einmal hustete sie, leise und heiser. Dann neigte sie sich sanft vornüber. Dann schmiegte sie den Kopf, dem man seinen goldenen Haarschmuck schon genommen hatte, in die Kissen und träumte. Von der Vergangenheit. An die Zukunft dachte sie nicht gern. Oh, die war grausam ... grausam ... Sie war von Kind auf zart gewesen, immer schwächlich und blaß. Aber daß es in so jungen Jahren so weit kommen könnte, hätte sie doch nicht geglaubt. Sie artete nach der Mutter, die war lange, lange tot. Sie hatte ein schönes Grab auf dem Kirchhof, ein Grab in lauter Rosen und Immergrün und mit einem weißen, goldbeschriebenen Marmorkreuz darauf. Sie hatte ehre Mutter nie gekannt. Aber sie hing mit schrankenloser Liebe an ihr. Sie pflegte ihr Grab. Jedes Andenken an die Tote war ihr ein Heiligtum, und was ihr der Vater von ihr erzählte, vergaß sie nie. „Sie war ganz wie du, Annalisa", pflegte der Vater zu sagen, so zart und so schlank. Du hast alles von ihr: deine blauen Märchenaugen, dies unendliche Haar und diese feinen, zerbrechlichen Hände. Und auch die Stimme. Nur daß sie weniger sprach als du und auch leiser. Sie war .allezeit kränklich, Lisa. Siehst du, das wenigstens hat sie dir nicht vermacht. Du bist mein gesundes, kerngesundes Mädel, nicht wahr?" Da nickte sie bann. Sie war ja auch ganz gesund. Nur daß sie das Herumtollen nicht so aushielt, wie andere Mädchen. Sie bekam so leicht Stiche auf der Brust. Und sie tollte doch so gern. Der Vater hätte es ihr auch sagen sollen, daß es für ein Mädchen, wie fie, gefährlich fei mit den anderen herumzujagen. Aber er war zu schwach und zwang sich zu denken, daß es wohl auch gar nicht so schlimm sei, wie er in trüben Stunden befürchtete. Daß alles noch gut, ganz gut werden “önne. Es war nicht recht von ihm. Er fürchtete sich, ihr die junge Lust SU verbieten. Sie hätte bann vielleicht gemerkt, weshalb man es ihr verbot. Denn sie war ein kluges Mädchen. Aber fie merkte es bald auch so. Die Stiche sagten es zu deutlich. Aber fie verriet keinem etwas davon, daß sie es wußte. Sie wollte ihren Vater nicht betrüben und vor ollem: fie wollte nicht als siech bedauert werden. Das wäre ihr das Furchtbarste gewesen. Sobald man von jemand weiß, »aß eine Krankheit an ihm nagt, ist seine Schönheit, und sei sie noch so blendend, in den Augen der Menschen dahin. Nur Gesundheit ist schon. An Gesundheit erfreut man sich, Gesundheit richtet auf, und man sieht sie mit lachenden Augen. Für Krankheit hat man Mitleid und Scheu. Man wird befangen ihr gegenüber, und das goldene Lachen in den Augen erstirbt. Dies alles wußte Lisa. Und sie wollte kein Mitleid haben und denen, die um fie waren, keine Scheu einflößen, nur das nicht. Aber sie begann zu ahnen, was ihr bevorstand. Nur glaubte sie immer noch nicht, daß es so bald kommen würde. Sie hoffte immer noch, wenigstens so alt zu werden, wie ihre tote Mutter geworden war. Sie bat Golt so viel darum, ihr diesen einzigen Wunsch zu erfüllen, denn gar so jung von dieser verheißenden Erde zu gehen — das ist furchtbar. Aber Gott erfüllte ihren Wunsch nicht. Lisa trug ein großes, heimliches Verlangen in sich, eine Sehnsucht ohne Ziel. Und da sie ein nachdenkliches Geschöpf war, wie alle Leidenden, fo grübelte fie darüber nach, wohin eigentlich ihr innerstes Sehnen ging. Besonders nachts, wenn der Vater glaubte, sie schliefe, und sie mit wachen Augen, die Arme unter dem Kopf verschränkt, in ihrem Bette lag und mit heißen Augen in die Finsternis sah. War es die Mutter, nach der fie verlangte? Erst glaubte fie es. Aber wenn sie bann neben ihrem Grabe stand und ganz versöhnlich still und ohne Klage an die Tote dachte, und leise den Sprühregen der kleinen Gießkanne über den Efeu rieseln ließ, ohne daß das Herz ihr zuckle, dann schüttelte sie den Kopf: Nein, das war es nicht. Auch der Frühling, der Sommer war es nicht. Denn diese Zeiten dämmten ihre Sehnsucht nicht ein. Sie brannte rastlos weiter. Oder war es die Gesundheit? Ja, die Gesundheit ... Aber nein. Es tarnen Tage, es tarnen Wochen, in denen eine wundervolle Hoffnung durch ihr Inneres zog. Hoffnung auf Genesung. Sie fühlte sich dann leicht und frisch, der Schleier vor den Augen war gewichen, ihre Brust atmete frei, ihre Farben lachten, fie glaubte wirklich, daß fie genesen werde ... oh, fie wußte ja ... fie war schon fast gesund ... alle Leiden verschwunden. Aber die Sehnsucht blieb. Auch das war es nicht. Und sie tarn nicht dahinter. Sie sehnte sich weiter und grübelte weiter darüber nach. Und jene Hoffnungstage wurden kürzer und kürzer. Lisa meinte oft. Sie fühlte nun doch deutlich, daß es bald zu Ende ging. Daß alle Hoffnung Torheit war. Daß nichts, nichts half. Sie meinte über ihre Jugend, über all das Glück, das fie nicht kosten durfte, mie die anderen Mädchen, über ... Es war am Frühlingsabend. Sie mar rechtzeitig zu Bett gegangen, denn sie fühlte sich müder als sonst ... und mitten im Weinen hörte sie auf. Ihre Augen leuchteten. Es war ganz stille. Nur das Nachtlicht auf dem Oelglas knisterte leise, leise. lieber ... Sollte es das etwa fein, was die Menschen „Liebe" nannten? Wer liebte sie denn? Die Mutter war tot. Der Vater? Der hatte gar keine Zeit für fie. Er mühte sich den ganzen Tag über im Geschäft. Er küßte sie zwar oft auf die Stirn -— aber er sah fie dann immer so an dabei, so tief und wie mit verhaltenen Tränen, daß ihr unter feinem Kuß gar nicht recht wohl und warm werden konnte. Im Gegenteil: fie wurde nur noch trostloser dadurch. Es schien, als ob der einsame Mann sich selber nach mehr Sonne sehnte. Und die andere, die große Liebe, die sie nur ahnen konnte? Sie kannte sie nicht. Sollte es bas etwa sein? Sie sann die ganze Nacht. Und am andern Morgen war sie blaß, daß alle erschraken. Und ganz, ganz müde. Sie tarn nun nicht mehr aus dem Zimmer. Der Husten wurde immer ärger und wich nicht mehr. Sie konnte nur noch schlecht gehen. Und die Stiche, die gräßlichen Stiche. Man führte sie immer ans Fenster, in den Kissenstuhl, damit sie den Frühling genösse. Da saß sie bann, sah hinaus in bie blühenbe, verheißungsvolle Welt, mit der fie nichts, aber auch gar nichts mehr gemeinsam hatte, hörte die Vögel fingen und in der Ferne den Mühlbach rauschen — und wartete ab. Sie meinte schon längst nicht mehr. Aber roenn es bisweilen ganz besonders schön mar, der Duft betäubend, der Himmel roeit und blau und die Luft so federmeich, und roenn dazu von der Kirche die Glocken klangen, denen fie nicht mehr folgen konnte, bann würbe bie Sehnsucht mieber mit hoppelten Schmerzen in ihr wach. Dann schloß sie bie Augen, bann tarn ein Zug ber Wehmut, etwas Mabonnenhastes in ihre blassen Mienen ... unb bann stahl sich wohl auch eine Träne aus ihren langen Wimpern hervor. So war es auch heute. Warme, weiche, buftsüße Luft, recht für kranke Seelen unb Körper, ein Rauschen aus weitem Blau, ber träumenbe Sang einer Nachtigall unb sanftes, sanftes Glockenschwingen. Das griff ihr ans Herz. Sie lehnte sich zurück, bie Augen, um bie zwei buntle Ränber liefen, geschloffen. Sie fühlte sich heute unglücklicher als je. Die Brust war ihr so rounb. Es arbeitete barin unb stieg als heiserer Husten auf, ber sich nicht hemmen liefe, auch wenn man sich noch fo sehr gegen ihn sträubte. Früher hatte sie bas oft getan. Jetzt liefe fies schon lange. Es hals ja doch nichts. Oie heilige Johanna. Zu ihrem 500. Todeslage. Von Dr. Karl Hauck. Ain 6. Januar 1412 wurde in dem kleinen Städtchen Domremy an der Maas ein Bauernmädchen geboren, das berufen jein fällte, Die Retterin Frankreichs aus tiefem Verfall zu werden und dem bereits 100 Jahre währenden Kriege zwischen Frankreich und England jene entscheidende Wendung zu geben, die in der Folgezeit England dauernd vom Festlande vertrieb. .... Schon frühzeitig waren in der sinnenden und ernsten, von religiöser Schwärmerei erfüllten Jungfrau mystische Stimmungen hervorgetreten. Wenn sie einsam durch die Waldtäler ihrer Heimat wanderte oder unter einer alten Eiche in der Nähe ihres elterlichen Hauses saß, so glaubte sie, überirdische Stimmen zu vernehmen und die Mutter des Herrn und die Heiligen des Himmels in ihrer Nähe zu sehen, die ihr die Zukunft offenbarten und Großes von ihr verlangten. Frommer Wunderglaube und nationale Verehrung haben das Jugendleben der Jungfrau mit einem dichten Gerank von Legenden umgeben, aus denen sich als wahrer Kern die von ihr schon in kindlichen Tagen gehegte Ueberzeugung eines von Gott zu außerordentlichen Taten berufenen Wesens herausfchülen läßt. Unter Kriegslärm war sie ausgewachsen. Der Kampf zwischen England und Frankreich, an dem aus englischer Seite der Herzog von Burgund teilnahm, hatte seine Wogen auch in das stille Tal von Domremy geworfen, und in den engen Gassen von Domremy lreuzten sich nicht selten die Waffen der feindlichen Parteien. Als Karl VII. von Frankreich nach der entscheidenden Schlacht von Azincourt im Jahre 1415 von König Heinrich V. von England des Thrones für verlustig erklärt wurde, versuchte er vergebens, den französischen Boden von den fremden Eindringlingen zu säubern. Immer weiter wurde sein Heer zurückgedrängt — Anerkennung fand Karl schließlich nur noch jenseits der Loire, und auch hier schon wankten seine Anhänger. Nur Orleans wurde in dem von England besetzten Teile Frankreichs noch von Dunois gehalten. In dieser höchsten Gefahr erschien Johanna: plötzlich und unvermittelt trat sie vor den Hauptmann der in Vaucouleurs liegenden königlichen Abteilung und verlangte von ihm, vor den König geführt zu werden, da sie die heilige Sendung erhalten habe, Orleans von den fremden Belagerern zu befreien und den König zur Krönung nach Reims zu geleiten. Widerstrebend und zaudernd, aber nicht unberührt von der glühenden Begeisterung der Jungfrau gestattete er ihr endlich, sich nach Chinon zu begeben, wo der König damals Hof hielt. Wie in Vaucouleurs so nahm man auch in Chinon die schwärmerische Jungfrau anfänglich mit Mißtrauen und Zweifel auf. Was sie von ihrem Verkehr mit der Mutter des Herrn und den Heiligen des Himmels erzählte, erschien so sonderbar, daß der König die Theologen seines Hoses beauftragte, das Mädchen auf feine Rechi- gliiubigteit zu prüfen. Die Erklärung, die ihm von den Theologen zuteil wurde, daß Johanna von himmlischen Kräften, nicht aber von den Mächten der Dunkelheit geleitet werde, und ihre unberührte Reinheit, die voll den Frauen des königlichen Hoflagers festgestellt wurde, zerstreuten zwar die Bedenken des Königs, aber volles Vertrauen faßte er zu der fremdartigen Erfcheinung erst, als sie ihm geheimnisvolle Enthüllungen machte, von deren Inhalt zwar nichts Bestimmtes Überliefert ist, die sich aber aller Wahrscheinlichkeit nach auf die eheliche Geburt des Königs bezogen; denn von feinen Feinden, zu denen auch feine eigene Mutter gehörte, wurde der König als Bastard bezeichnet, der kein Recht habe, die Krone des heiligen Ludwig zu tragen. Im Einverständnis mit dem Parlament erhielt die Jungfrau jetzt eine, vorerst nur kleine Heeresadteilung, mit der sie den Kampf gegen das englische Heer begann, das vor Orleans lagerte. In wenigen Tagen schon erfüllten sich ihre Weissagungen: am 4. Mai 1429 drang sie in Orleans ein. Durch einige glückliche Ausfälle, die sie im Einverständnis mit den in Orleans liegenden französischen Führern vorbereitete, zwang sie wenige Tage später, am 8. Mai, die Engländer zur Aushebung der Belagerung. Nicht dieser Erfolg allein war es, der das Vertrauen des Königs zu ihr befestigte. Zucht und Ordnung war mit ^hr in das fast aufgelöste französische Heer zurückgekehrt, denn auch die Soldaten begannen an Die übernatürlichen Kräfte ihrer Führerin zu glauben. Mit der Einnahme von Orleans war der erste Teil der Aufgabe erfüllt, zu der sich die Jungfrau berufen fühlte — jetzt mußte das Werk zu der Befreiung Frankreichs vollendet und König Karl VII. an der geweihten Stätte des französischen Königtums, in Reims, gesalbt und gekrönt werden. Noch war der Weg dorthin durch machtvolle englische Heerhaufen gesperrt, die unter Dem Befehle Des englischen Oberfeldherrn Talbot standen; am 18. Juni wurde Talbot bei Patay vollständig geschlagen, er selbst gefangen genommen, und nichts hinderte jnetjr den König, den feierlichen Zug nach Reims anzutreten. Ihm zur Seite ritt Johanna in die Stadt ein,' und sie stand neben ihm, als der Erzbischof von Cambrai Karl VII. von Frankreich mit Dem heiligen Del salbte. In Der Dichten Menge, die Den Raum der ehrwürdigen Kathedrale füllte, befanden sich auch der Vater Johannas und ihre Brüder. Nur mit Widerstreben und in dunkler Ahnung kommenden Unheils hatte er die Tochter den Weg zum Könige nntret'en sehen — jetzt aber drängte auch er sich an den Altar der Kirche, um seiner Tochter im höchsten Glanze irdischen Glückes nahe zu sein. Es war der Höhepunkt ihres Lebens, dem unmittelbar darauf Ihr Atem ging hörbar. Es war ein leises Röcheln. Sie lag regungslos, süß wie ein Engelsbild, und langsam schwanden ihr die. Gedanken Ihr Mund öffnete sich in frohem Lächeln. Die Fruylmgsluste hatten sie überwältigt. Sie war eingeschlafen. . _. Draußen gingen die sonntäglichen Glocken immer noch. Die Nachugall hatte zwar ausgehört, aber andere Vögel erfüllten jetzt die Luft mit ihren Liedern. Der Himmel und die Sonne lachten weiter, und der Glieder nickte mit feinen reichen, blauen Trauben wie sonst ins Fenster hinein. Ein Zitronensalter kam gegaukelt und streifte mit seinen Schwingen Die Stirn der Entschlafenen. Sie merkte nichts mehr von all dem. Sie war giutflid). der jähe und furchtbare Sturz folgen sollte. Wie von einer inneren Stimme getrieben, wollte Johanna nach Der Krönung jeDer weiteren kriegerischen Tätigkeit entsagen und in Die Stille und Einsamkeit ihres befcheidenen Heimatdörfchen zurückkehren ... . Es sollte anders kommen. Ein König wie Karl VII., der in Den Tagen Der Not und Sorge Den Weg zu feinen Truppen nicht gefunden hatte, sah in den Tagen des Glanzes andere Aufgaben vor sich, als sie ihn draußen im Feldlager erwartet hätten. Nur widerstrebend fugte sich Johanna; was sie jetzt begann, geschah auf den Willen des irdischen Herrn: keine Mahnung Der Heiligen hatte sie zu befolgen, als sie den Kamps zur Wiedereroberung der Hauptstadt des Reiches unternahm. Bei einem Ausfälle der englischen Truppen wurde sie schwer am Schenkel verwundet und zur Aufgabe der Belagerung gezwungen. Es war der erste Mißerfolg ihres kriegerischen Lebens — nicht nur in ihr, auch in Den ihr unterstellten Truppen begann der Glaube Wurzel zu fassen, daß der Stern der Jungfrau sich neige. Trotz ihrem Abraten zog sich das Heer hinter die Loire zurück, und Karl VII. duldete, daß seine Truppen sich zerstreuten. Vergebens suchte sie im beginnenden Frühjahr das schwindende Glück erneut an ihre Fahnen zu fesseln. Um Compiegne von Angriffen des mit den Engländern verbündeten Herzogs von Burgund zu-schützen, warf sich die Jungfrau mit der geringen Mannschaft, die ihr gegeben war, in die Stadt. Noch einmal glaubte sie, den Sieg über Die vor den Toren lagernden Feinde davontragen zu können, mutvoll und begeistert, wie in ihren Ansängen, stürmte sie an der Spitze ihrer Truppen den Feinden entgegen, aber sie hatte sich in ihrem Eifer zu weit vorgewagt, ein feindlicher Soldat erkannte sie, riß sie vom Pferde und übergab sie dem Bastard von Vendome, der sie seinem Lehensherrn, dem Grafen von Ligny, auslieferte. Don ihm wu.de sie milde behandelt; ihre Leiden und Mißhandlungen begannen erst, als der Graf auf das Drängen der Engländer ihnen die wertvolle Gefangene gegen Zahlung von 10-000 Livres auslieferte ober verkaufte. Vergebens suchte sie zu entfliehen; ■ der Sprung von dem Turme zu Beaurevoir brachte ihr die ersehnte Freiheit nicht. Bewußtlos, aber kaum verletzt, wurde sie in die englische Gefangenschaft zurückgebracht, ohne daß sich der König oder die Großen des Landes um ihre Freilassung bemühten. Ein volles Jahr mußte die Heldin in dunkler Kerkernacht verbringen. Aus politischen Gründen waren die Engländer entschlossen, das Mädchen dem schmählichen Tode, dem Feuertode, zu übergeben. Im Februar 1431 begann der Prozeß gegen sie. Voll wilden Eifers klagte man sie an, ein Bündnis mit dem Teufel geschloffen und als Ketzerin geduldet zu haben, daß das gläubige Volk sie als Heilige verehre; öffentlich fei sie in Männerkleidern erschienen und habe dadurch weibliche Scham und Sittsamkeit verletzt — Verbrechen, die nur mit dem Tode ge'ühnt werden könnten. Ueber diese Beschuldigung saß ein Gericht zu Rate, dessen Urteil feststand, ehe noch die Berhandlung begonnen halte. Am 24. Mai 1431 wurde ihr bas Urteil verkünbigt, aber in lebenslängliche Kerkerhaft umgeroanbelt, als sie sich in einer Stunbe ber Angst zum Wiberruf unb zur Abschwörung ihrer Ketzereien bereit erklärt hatte. Wenige Tage später wiberrief sie ihr Gestänbnis. Das grauenhafte Leben in ber Haft unb wohl auch bas siegreich wieberkehrenbe Bewußtsein ihrer göttliche.i Sendung hatten diesen Ents-Mß in ihr erwachsen lassen. So wurde sie am 30. Mai 1431 als rückfällige Ketzerin auf dem Marktplatze in Rouen auf erhöhtem Holzstöße verbrannt, bis zum letzten Atemzuge in inbrünstigen Gebeten die heilige Jungfrau anrufenb. Ihre Afche wurde in bie Seine gestreut. Lange Jahre blieb bas Anbenken ber Jungfrau geschänbet: erst 1451 würbe auf Befehl Karls VII., ber babei einem stets inächtiger anwachsenben Verlangen seines Volkes folgte, ber Prozeß wieber ausgenommen, aber es dauerte fünf Jahre, ehe bie Verhandlungen jo weit gediehen waren, daß Papst Calixtus III. Die Jungfrau von Schuld und Verbrechen losfprechen konnte. In Frankreich wurde ste wie eine Heilige verehrt und als eine Verkörperung des französischen Nationalbewußtseins, bas in schwerer Zeit nicht vom Könige, fonbern von einer schlichten Gestalt aus dem Volke gepflegt und getragen wurde, wird sie weiterleben. Das Gasthaus im Iahchundertwandel. Von ber Herberge zum Grand-Hotel. Von Alexander von Gleichen-Rußwurm. Einen der merkwürdigsten Querschnitte ber Kulturgeschichte gibt ein; Betrachtung über bie außerordentliche Veränderung im Wesen, Ansehen und in dcr'Bedeutung, die das Wirtshausleben im Lauf ber Jahrhunderie erlitten hat. Sein Einfluß auf den Charakter und die Sitten einer Zeit ist viel wichtiger und einschneidender, als man gewöhnlich annimmt. Dabei löhl sich eine Parallelentwicklung feftfteUen zwischen dem eigentlichen Wirtshaus, der Herberge, worin der Fremde ein Nachtlager enthalt, unu Der Schankwirtschaft öder Garküche, wo nur Trunk und Imbiß M Wegzehrung gereicht werden. Ersteres entwickelte sich von der mitten alterliehen Herberge, oft einer bedenklichen Spelunke und Räuberhöhle, langsam zu dem behaglichen Gasthof mit einladend wirkendem SckM vor dessen Tor die gelbe Postkutsche zur Erlösung der Reisenden nach langer Tagfahrt endlich hielt. Hier empfängt eine freundliche saubere Wirtin, ein schmunzelnd geschwätziger Wirt seine Gäste. Welcher Unterschied zwischen der uralten „Absteige", wo nach ein" italienischen Novelle der Wirt auf die Beschwerde des Reifenden, er haue keine weihen (ö. i. reinen) Bettücher erhalten, mit der Frage geantwortei, ob sie etwa blau, rot oder grün gewesen seien, unb jener zierlichen „Locanda" bes 18. Jahrhunberts, wo Golbonis schöne ßoeanbtera Den bevorzugten Gästen selbst mit allerlei Grazie das frisch duftende Dinne bringt! Aber bie persönlichen, gemütvollen Beziehungen zwischen De , Wirtsleuten und ihren Gästen, bie bem Gasthausleben ber jüngst ve - > gangenen Jahrhunderte einen gewissen Reiz verliehen, verschwanden m । mancher Gemütlichkeit, um bem unpersönlichen, boch großartigen Eetrieo moberner Hotels Platz zu machen. ■ Nichts ist fo bezeichnend für die Welt unserer Tage, als es die Rm i palöste sind, in denen ein möglichst mechanisierter Betrieb täglich Hunoe von Fremden tadellos, aber seelenlos empfängt und entläßt. Jedes derartige Hotel ist ein Keines- Staatsgebilde für Pch. Es zeigt uns manch äußere Aehnlichkeit mit den großen Abteien vergangener Zeiten, die auch den vornehmen Fremdenstrom bewältigen mußten, mit eigenen Handwerkern und Kleinindustrien verschiedener Art ausgerüstet waren und einer Hierarchie von Angestellten bedurften, die der Abt mit viel Ernst und Energie regierte. Aber was damals die Hände und Füße, unzähliger Bediensteter leisteten, wird heute größtenteils auf dem Wege der Maschine vollzogen. Manches, was früher in Klöstern und Gasthäusern patriarchalisch die Fremden vereinte, zusammenhielt und einander näherbrachte, fiel dem zunehmenden Verkehr zum Opfer. Menschen, Stände und Berufskreise schließen sich heute immer strenger voneinander ab. Die „table d’hote", ein letzter Rest der urtümlichen Gepflogenheiten, am langen Wirtstisch schnell und zwanglos Bekanntschaften anzuknüpfen, erhält sich nur noch in Pensionen und Provinzhotels. Sonst hat sich der Fremde vollständig von dem Mitreisenden abgelöst. Er sitzt einsam und korrekt am kleinen Tisch, der korrekten Kellnerschar gegenüber. Er muß sehr mutig oder ein Russe mit unwiderstehlichem Drang zur Konversation sein, einen dieser korrekten Angestellten in ein Gespräch zu verwickeln. Im Mittelalter war die Geistlichkeit des Klosters ein sehr wichtiger Kulturfaktor. An den grghen Pilgerstraßen fanden sich Stationen, wo geistliche Herren das Pflegeamt des Herbergsvaters führten. Hier vereinigten sich, wie in besonderen Sammelbecken, dank den Erzählungen der verschieden gearteten Pilger, mannigfache, lebendig geschilderte Sagen, Märchen und halbgeschichtliche Berichte aus Vergangenheit und Gegenwart. Die Buntheit, chronologische Unmöglichkeit und Merkwürdigkeit der poetischen Ueberlieferung aus der früheren Periode europäischer Kultur ist hauptsächlich jenen urtümlichen Pilgerherbergen zuzuschreiben, die Fremden aller Länder zur Rast dienten. Dort pflegten sie ihre Wunden, warteten besseres Reisewetter ab und vertrieben sich mit der übrigen Reisegesellschaft die Zeit durch Erzählen und Fabulieren. Auch Künstler, Dichter und Spaßmacher sanden sich gern ein und wußten bei der spärlichen Beleuchtung die Abende zu kürzen. Mancher unter den gastlichen Mönchen war selbst Bonvivant, keinem Scherz und keiner Anekdote abgeneigt. Man unterhielt sich um so besser und ungenierter, da der Wallfahrtsort, das Reiseziel der meisten, ein großes Reinemachen aller etwa auf Reisen begangener Sünden versprach. Chaucers „Canterbury tales" haben die gesellige Unterhaltung auf den üblichen Pilgerfahrten getreulich gespiegelt. Unter anderem erfahren mir aus feinen Erzählungen, daß Engiand schon im 14. Jahrhundert gute Tischrnanieren schätzte. Darüber gibt der Bericht einer Aedtissin Aufschluß. Es ist freilich eine etwas affektierte Dame, und sie spricht lieber französisch als englisch, obwohl ihre sranzösischen Kenntnisse nicht weit her sind. Die derbe, rein männliche Geselligkeit der Wirtstafel hat Shakespeare in den Fallstass-Szenen geschildert. Damen sind hier natürlich ausgeschlossen, nur die flinke Wirtin und einige käufliche Frauenzimmer stellen das Ewigweibliche dar. Der ganze Ton ist danach. Es wird fest getrunken und handfest gespaßt. Irgend ein unfreiwillig komisch wirkender Gast ist meist die Zielscheibe des Witzes oder ein professioneller Spaßmacher sorgt für die Luftigkeit, der Wirt felbft sucht durch gemütlichen Scherz über die Bitterkeit der „Zeche" zu täuschen. Bei diesen Wirtshaus-Szenen wird viel Humor ausgegeben, ja, man kann die Gaststätte als das eigentliche Heim des herben Lachens bezeichnen. Aehnlich wurde es wohl auch in anderen Ländern gehalten, sobald der Wirt oder Herbergoater eine Art patriarchalischer Würde annahm, und es dem Gast behaglich zu machen suchte. Ich erinnere mich aus meiner Jugend, als Oesterreich noch mit wehmütigem Pathos an mancher, uralten, aus dem Mittelalter stammenden Gepflogenheit festhielt, daß es in einigen Wiener Hotels einen „komischen" Oberkellner geben mußte. Dieser Mann erzählte bei der Abrechnung allerlei sogenannte „Spassettln", trällerte, hüpfte, kurz, war ein richtiger Abkömmling des Spaßmachers von einst. Als auch die Damen anfingen, gelegentlich im Wirtshaus abzusteigen, verfeinerte sich der Ton. Zur Biedermeierzeit entwickelten sich feierliche „table d’hote“, bei denen die Damen fchon in großer Toilette erschienen, wie heute in den ersten Hotels, wo auch für die Herrenwelt Frack und Smoking gebräuchlich sind. Als der Reifrock aufkam und die breitausladende Eleganz des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreicht hatte, bildeten besonders die Hotels der damals modernen Badeorts ein beliebtes Stelldichein der vornehmen Welt. Berühmtheiten aller Art trafen dort zusammen, und Abenteurer mit interessantem Auftreten lösten die Gestalten uralten Gasthauslebens ab. Seltsame Paare tauchten auf. Lafsale und hie Gräfin Hatzfeld! in roter Bluse werben als „table d’hote=@äfte" in manchen Briefen erwähnt. In den „Memoiren des Satans" schilderte Hauff die unterhaltende Geselligkeit des Reifelebens in einem großen Gasthof am Rhein. Die Steigerung von Luxus und Beguemlichkeit, die vor dem Krieg das internationale' Hotel auszeichnete, mußte entschädigen für den Verlost an geistig regem und sinnlich anregendem Verkehr, an Phantasie unb Humor Da Humor, Ausgelassenheit, Geist und Keckheit längst nicht mehr in bas vornehme unb stilvolle Hotel mit feinen herrschaftlich korrekten Sitten unb Gebräuchen paßten, suchten unb fanben sie Zuflucht in ben Ausläufern her alten Schenke, Taverne, Dfteria, in den Kneipen, Cafes Gaststuben, verschiedenster Beschreibung. Aus diesem Urgrund erhob'sich aber verhältnismäßig erst vor kurzer Zeit, doch bereits einer eingehenden Biographie würdig, das Restaurant. Es ist eine Pariser Erlindung hauptsächlich aus dem Bedürfnis stammend, in verfchwiegenen „Chambres separees“ fröhlich zu fein. In der Zeit des zweiten Kaiserreichs erlebte es seine beste Blüte. Die Krinolinentragermnen, die sich in bie vielumsprochenen Räume her damals eleganten Restaurants in Europas Hauptstädten wagten, lebten fort in der Gestalt jener Samelienbame, die Dumas' Stück bis heute auf der Bühne erhalten hat. Meist stand ein Pianino in der „Chambre separee“, denn es wurde darauf gerechnet, daß nach den Champagnersouper etwas Polka oder Walzer die Stimmung zu steigern hatte. . Wir wissen gar nicht, wie unbefangen unser Leben geworden ist >m Vergleich zu der Zeit, da „Großvater die Großmutter nahm . Die modern« Art des seinen Gasthauslebens wirkt heute als angenehmes Ausspannen für die geschäftsgehetzte Menschheit. Seine Eleganz, die slatternde Buntheit sind nicht ohne Reiz unb nicht ohne eine gewisse scharfsütze Groß- stabtpoesie. Doch mit Wehmut kann man bemerken, wie sehr bas Auftreten der Gäste jetzt oft Grazie vermissen läßt. Bei noch so korrekter Bedienung fehlt jenen die Sicherheit des geselligen Lebens, die sich bedienen lassen und bei gCerteuerften Preisen herrscht billiger Witz unb Klatsch, zieht durch die gezwungene, durch laute Musik saft unterdrückte Unterhaltung ein Geist der Unsicherheit, der ein Zeichen des modernen Lebens ist. Wie bie Räume, in benen sich her Betrieb abspielt, mit wechselnber Zeit ihr Gesicht verändern, so geschieht es auch mit den Menschen, die dort verkehren. Anders sind Torsahrt und Empfang, wo der Reiter abstieg ober bie schwere Karosse unb bie Extrapost vorfuhren, unb wo jetzt her Kraftwagen bie Hupe ertönen läßt. Aber immer waren es Altvornehme unb Neureiche, bie bem Treiben den Charakter gaben, immer tarn der Streit zwischen einst und jetzt am deutlichsten zum Ausdruck, wo der gesellschaftliche, ober vielmehr gesellschaftlich scheinende Verkehr unter Fremden fein Herz am lautesten schlagen ließ, in ben Gaststätten der eleganten Welt. Liebesabenteuer spinnen sich an, wie einst unb doch anders, Geschäfte und Schwindeleien werden eingeleitet, Klatsch von der kleinen lokalen Verleumdung bis zum internationalen Rattenkönig schädlichen Geschwätzes, alles begibt sich um bie weißgebeckten Tische, auf denen das Geschirr funkelt und der Luxus des heutigen Lebens sich am sichersten entfaltet. Hoffnung unb Enttäuschung, affektierte Luftigkeit unb beschauliche Abenbstimmung reinen Gewissens, die ganze Skala der Gefühle durchzittert den Raum ... bis die Lichter erlöschen, her letzte Frack eilig verschwinden unb bas Abwaschweib die Stühle auf ben Tisch zu stellen beginnt. Aber oben in ben Zimmern, wo ber Teppich bie Schritte bämpst, klingen leise Stimmen, Romane, bie bas fieben spielt, setzen Kapitel an Kapitel — jeher Raum hat wohl seine Geschichte unb sein Erlebnis, wenn er auch noch so unpersönlich aussieht unb in ber Flucht ber Ergebnisse nur kurze Weile zur Rast lägt. Das große Hotel ist ein Bilb bes Lebens: Kommen, flüchtiges Grüßen unb Verweilen, feine Zeche zahlen (ober auch nicht) unb gehen. — Die Versuchung des Pescara. Novelle von Conrab Ferbinanb Meyer. (Fortsetzung.) Dieser öffnete ben Mund, als hätte er unerschöpflich zu reben. Da berührte ihn Pescara leife mit bem Finger. „Sachte, vorsichtig!" warnte er. „Jetzt betrittst bu ein schmales unb schwankes Brett: es konnte kommen, baß ich dich nach beiner Rebe als Verschwörer müßte in Fesseln legen lassen. Sprich nicht in beinern eigenen Namen, rate ich bir, sondern laß dir eine Maske bieten, wie du liebst, und warum nicht die bes verschollenen slorentinischen Sekretärs, ob er nun noch unter uns roanble ober schon im Geisterreiche? Rede, Niccolö Macchiavelli! Ich werbe bich schweigenb unb bemunbernb anhören unb' bir bann doch vielleicht beweisen, baß bu für einen Staatsmann immer noch viel zu viel Ein- bilbungstraft besitzest. Oh, ich will bich kritisieren, mein Niccolo! Aber beginne." Dieser fortgesetzt scherzenbe Ton bes Felbherrn beleibigte ben Kanzler, unb er empörte sich bagegen: „Jetzt sei des Spielen ein Ende. Erniedrige den nicht zum Schauspieler, welcher sein Leben wagt für die Rettung feines Vaterlandes! Pescara, ich bitte dich um Ernst!" „Ilm Ernst? Es sei!" erwiderte der Feldherr und schloß die Augen, wie um belfer zu lauschen. Jetzt erschrak ber Kanzler einen Augenblick vor ber Blässe unb Strenge des magern Angesichts. Doch er war entschlossen. „Es ist kein liebel, Erlaucht", begann er, „was Ihr bem Kaiser berichtet habt; es ist gut, baß Ihr Euch solange als möglich fein Vertrauen erhaltet unb Euch selbst bann noch nicht erkläret, wann ber Papst unb bie Liga ihr Manifest werben erlassen haben. Inzwischen brf !»t Ihr Eure Stellungen unb sichtet Euer Heer." Pescara runzelte die Stirn. „Leyva muß weg", forderte der Kanzler. Pescara zählte an den Fingern. „Was rechnet Ihr, Pescara?" fragte der Kanzler verwun-- t. Dieser erwiderte ruhig: „Muß Leyva draufgehen, so dürfen meine deutschen Hauptleute auch nicht leben bleiben, denn sie hangen an Kaiser und Reich. Ihre Häupter müssen fallen. Oder vergifte ich sie in einem gastlichen Trünke? Was rätst du, Kanzler?" Marone erbleichte. . „Und was fange ich mit meinen spanischen (Ebelleuten an? Lasse ich sie auch ermorben?" „Die Kastilianer", antwortete Moräne mit klopsenbem Herzen, „fallen wohl zum Kaiser zurück. Die andern verlocket Ihr mit unendlicher Beute. Sie widerstehen nicht, am wenigsten die neapolitanischen Aragonesen. Ich kenne diese Rasse: sie gleicht den räuberischen Helden der Neuen Welt. Denket nur an Euren Del Guasto, welch ein Ungeheuer!" Pescara widersprach nicht. „Eure Gemeinen aber, die aus allen Ländern der Erde iiifammen« geflossen sind, beherrschet Ihr durch Eure unerschütterliche Seele und durch Eure eiserne Kriegszucht, nicht zu vergessen einen regelmäßigen Sold, wie ihn der Kaiser nie zu geben vermochte, Euch aber gehören jetzt alle Schätze Italiens. Und erlittet Ihr eine Einbuße an Leuten, so füllet Ihr bas Heer aus ben Schweizern, die sich nun Überallhin vermieten, feit sie aus Mangel an Führung und an einem Staatsgedanken ihre schon gewonnene Weltstellung und ihre auswärtige Politik verscherzt haben. „Schade", redete Pescara mit sich selber. Er hatte eine Art Zärtlichkeit für bie Schweizer, die er zweimal überwunden und von welchen er bei Bicocca, mit einer insbesondere gegen deren rasende Sturmläufe erfundenen Stellung des Geschützes, in wenig Minuten ein volles tollkühnes Tausend vernichtet hatte. Er liebte dieses tapfere Volk, obwohl er feine (Fortsetzung folgt.) verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag.' Brühl'fch« Univerf itätL-Duch» und Steindruckerei,Lange, (Sieben. „Und betitelt sich?" „Tod und Narr", antwortete Pescara. für den Patrioten der Vollender Italiens, für den Gelehrten der wieder- auigelebte römische Ehrgeiz, für di« Fürsten, soviel du ihrer bestehen lassest, der herrschende Bundesgenosse. Du beutest alle Möglichkeiten und Begünstigungen des Jahrhunderts aus. Du wirst der Verteidiger des Papstes und eroberst ihm seine Städte und Provinzen zurück, die du für dich behältst; du reitest als Schiedsrichter zwischen der verröchelnden Republik und den Mediceern in Florenz ein, und sie gehorchten dir beide. Ja ogar die stolze Fürstin der chadria zwingst du in deinen Machtkreis! Ich «he dich", jubelte Morone, „wie du ihr Doge wirst und dich dem Meere vermählst. m , r . ,, So wächsest du, bis dich und dein herrliches Weib auf dem römischen Kapitol tausend frohlockende Arme vergötternd in die Lüfte heben und dich ganz Italien als seinen König zeigen, welches du dann, wie dir letzt, ich fürchte, noch nicht möglich ist, als deinen Besitz und deinen Ruhm em wenig lieben wirst, damit endend, womit ich angefangen habe, denn allem meine Liebe zu Italien, das Beste, das einzig Gute an mir, wirst mich dir zu Füßen, du Kaltherziger!" Und er umfing das Knie des Feldherrn mit einer so inbrünstigen Gebärde, daß dieser aufspringend einer solchen Anbetung sich entzog, aber doch innerlich ergriffen schien, sei es, daß ihn die e Wahrheit des Gefühls in einem lügnerischen Geiste fesselte, sei es daß sein mächtiger Verstand die angedeuteten Züge seiner und Italiens möglicher Größe unwillkürlich zu einem lebensfähigen Ganzen zusammen- E^r lieh den Kanzler und schritt mit über der Brust gekreuzten Armen mehrere Male langsam durch das Zimmer, zuletzt wie zufällig wieder vor ihm stehen bleibend. „Wie viele meiner Jahre verlangst du von mir, Morone?" warf er hin. „Viele, ohne Zweifel", versetzte der Kanzler. „Je mehrere, desto besser! Nur mit jenen langen und sruchtbaren Pausen, welche die Dinge still und unaufhaltsam wachsen lassen, unzerstörlich scheinende Hindernisse zernagen, die Gewissen abstumpsen und beruhigen und selbst das ursprünglich Frevle entsühnen und heiligen, nur auf solchen breiten und notwendigen Stufen ist Bleibendes im Staate erreichbar. Dein bester Verbündeter, Pescara, ist das Leben. Zehn, zwanzig, warum nicht dreißig Jahre, Pescara? Du stehst ja in der Fülle der Kraft und schöpfst nur so mit der Hand aus der überströmenden Quelle. Du hast deinen Schatz kaum noch angegriffen, und nicht zum wenigsten darum haben dich die unsterblichen ®otter Italiens zu diesem deinem herrlichen Werke berufen, weil du, römisch gesprochen, ein Jüngling bist und dich noch lange kein Tod.esschatten berühren darf!" _ . .. . a< .... Ein plötzlich hervortretender harter und finsterer Zug hatte das Antlitz des Feldherrn verwandelt. Er traf den Kanzler mit einem so feindseligen Blicke, daß dieser um einen Schritt zurückwich. „Weißt du', drohte er, , daß, wenn mich mein Ehrgeiz überwältigen sollte, das erste Opfer dem Gebieter, der Sforza, wäre? Denn ich finge damit an, euer Mailand dem Bourbonen zu geben, der mein Alterego, meine rechte Hand und em Gonzaga ist. Ich würde es ihm gönnen! Ueberlieferst du mir den Sforza? Bei allen Göttern, nein!“ schrie der entsetzte Kanzler. „Ich meinen Herzog verraten! Niemals! Nimmermehr! Und", rief er empört, „wie darfst du daran denken, Pescara, unsere reine und heilige Sache mit dem Bourbonen zu beflecken!" ,Seht diesen Menschen!" verhöhnte ihn Pescara. „Gibt es etwas Frecheres? Dem armseligsten Fürsten will er Treue halten, und mutet mir zu, sie meinem erhabenen Kaiser zu brechen! Sehet diesen unzusam- rnenhängenden Geist! Er verlockt mich zum Verrat und will rein bleiben von Verrat!" „Das ist etwas völlig anderes", wehklagte der Kanzler. „Der Kon- netabel hat sein Vaterland verraten, und du rettest es, indem du von einem Fürsten absällst, welcher nicht der deinige ist. Meinen Herzog preisgeben, meinen holdseligen Herrn! Der Mohr wird mir im Traum« erscheinen!" ... er tat einen erbärmlichen Seufzer ... „Doch, dennoch, es sei! Aber jetzt, Pescara, widerstehe auch du nicht länger! Erbarmst du dich Italiens? Gib Antwort, Grausamer!" und die Tränen brachen ihm aus den Augen. . ... , „Heute nicht, Morone!" tröstete ihn Pescara. „Wir sind beide ermüdet und' bedürsen der Ruhe. Es ist die Stunde der Siesta." Er klingelte. „Ippolito", unterwies er den Knaben, „führe den Herrn, der ein großer Staatsmann ist, in den Turmflügel. Der Haushofmeister soll ihm die ganze Zimmerreihe des Oberstockes öffnen und ihn sorgfältig bedienen imd reichlich bewirten lassen. Ihr sindet eine gewählte Bibliothek, Kanzler, und wollet Ihr Luft schöpfen, so steiget in den Garten hinab, er ist schattig und reicht bis an die Wälle. Ich lade Euch nicht zu Tafel, da ich Donna Viktoria erwarte, der mein Abend gehört. Lasset Euch die Zeit nicht lange werden. Morgen sehen wir uns wieder." „Wie wird mir der Tag vergehen?" jammerte der Kanzler. „Alles geht vorüber. Noch eins: nähert Euch, ich bitte, den Wachtposten Nicht, Ihr verstündet denn das Deutsche." Er sah den Kanzler erbleichen. „Fürchtet nichts", schloß er freundlich und entließ ihn. Wie er sich wieder umwendete, näherte sich ihm der Herzog und Del Guasto, die ihr Versteck verlassen hatten, beide in der höchsten Aufregung, der bleiche Bourbone mit fieberhaft geröteten Wangen, Del Guasto mit lodernden Augen. Pescara erriet, daß das belauschte Gespräch und der gezeigte Ruhm sie beide verführt und bezaubert hatte. Del Guasto lechzte nach Beute und der Herzog nach dem reinigenden Lorbeer. Noch schwiegen si«, aber ihre dringende und flehende Gebärde wollte sich in Worte verwandeln. Da schloß ihnen Pescara den Mund. „Herrschasten", sagte er, „hier wurde Theater gespielt. Das Stück dauerte lange. Habt Ihr nicht gegähnt in Eurer Loge?" Da schlug der Bourbone in plötzlich umspringender Stimmung eine gelle Lache auf. „Trauerspiel oder Posse?" fragte er. „Tragödie, Hoheit." Speerwunde von Pavia dem Stoß einer Schweizerlanze verdankte. „Ihre Freiheit wird ihnen bleiben, aber schade", wiederholte er. „Eures Heeres sicher", suhr der Kanzler fort — „ „Nehme ich Mailand", ergänzte Pescara. „Mein Plan ist entworfen. „Ihr braucht es nicht zu nehmen, da der Herzog em Mitglied der Liga ist. deren Feldherr Ihr seid." m ,r, . ~ „Richtig, das hatte ich vergessen. Aus alle Fälle, Mailand ist der Zentralpunkt. Und dann?" , m „Gebietet Ihr über die Truppen der Heiligkeit, Venedigs und Neapels, die Kleinen nicht zu nennen." „Halt, Morone! Neapel ist spanisch. Nach Neapel habt Ihr bann Euren Neffen gesendet als Euren V,ze- konig, der es durch seine Grausamkeit in wenigen Wochen unterworfen byClb,e,2(15° meinen Vizekonig? Ich König von Neapel? Seit wann trage ich die Krone?" fragte Pescara gelassen. „Siehe, die geflügelten Füße, die sie Euch bringen, sind vor Eurer Schwelle", sprach der Kanzler errötend. . _. Die kalte Miene des Felbherrn erwärmte sich, wie von einem Strahle berührt nicht aus einer Krone, sondern aus dem Lichtkreise seines nahenden Weibes. „Weiter geträumt, Morone", sagte er. Einmal an der Spitze der vereinigten italienischen Massen und in annehmbaren Stellungen", fuhr der Kanzler mit erstaunlicher Sicherheit fort, „hindert nichts, daß Ähr Euch mit dem Kaiser ausemandersetzet vielleicht sogar ohne Schlacht, denn ich weiß, daß Ihr, obschon, nem weil der erste Feldherr der Zeit das scharfsinnige Schachspiel und die umfassenden Berechnungen der Strategie jenen plötzlichen und immerhin blinden Entscheidungen der Walstatt vorziehet. Ich sage, vielleicht sogar ohne Blutvergießen, denn der Kaiser wird nicht so leicht einen neuen Feldherrn finden und ein zweites Heer in Italien zujammenbringen, nachdem er Euch und das Eurige verloren hat, wenigstens wenn ihm Frankreich und England zu tun geben, laut des von ihnen mit unserer Liga getroffenen .Ich kenne Euer Bündnis mit König Franz, sogar feinen Wortlaut , warf Pescara hin, „kann aber keinen Wert darauf legen. Der König öerguält sich in feinem spanischen Kerker. Um eine Stunde früher auf ein gesatteltes Pferd zu springen, verrät er Eure Liga hundertmal, wie ich ihn zu kennen glaube." ... , ... _ Noch vor wenigen Tagen", beteuerte der Kanzler mit einem komischen Gesichte, „hat mir die Regentin Louise von Paris geschrieben, sie halte das Bikndnis fest wie ihre Tugend —" Ein Pfiff durchschnitt das Gemach ... der Kanzler horchte verwundert. Es mochte ein Vogel am Fenster vorbeigejchwirrt fern. „Es sind noch andere da, die den Kalser beschäftigen , fuhr er fort, „der Halbmond und die deutschen Fürsten." Der Halbmond, ja", urteilte der Feldherr. „Mit den deutschen Fürsten aber und selbst mit ihrer neuen Lehre könnte sich der Kaiser allenfalls vertragen. .Meinst du nicht, Morone? Dieser antwortete denkend: „Es scheint so, aber ist doch nicht, wenn ich richtig sehe. Jedenfalls nicht mit der neuen Lehre. Der Kaiser bedarf der Kirche für fein schweres und dunkles Gemüt, das er von der Mutter geerbt hat. Der neue Glaube verlangt kräftigere Seelen." „Verstehst du etwas von diesen Dingen, Kanzler? fragte der Feldherr neugierig. . „ . Wie sollte ich, Pescara? Ich bin wie du linb wir alle em Bewohner ber "Wirklichkeit, ein Kind der Helle, das mit der antiken Weisheit über das Ende hinaus nichts sieht als Larven und Schemen und auf wogen- dem Nebel die riesigen Spiegelungen wieder dieses unfers eigenen uni) irdischen Daseins. Unter denen aber, welche mit dem Volke Gut und Bose glauben und Leib und Seele und die Fabel eines letzten ®?rickstrs, wird jetzt wie du weißt, unversöhnlich gestritten über die beste Rüstung an jenem Tage ber blasenben Posaune. Unsere kluge Kirche öffnet ihre Buden und legt verständig ihren Vorrat an guten Werken zum Verkauf aus. Der deutsche Mönch aber zankt und schreit: Das ist Plunder! Werst Euer Geld nicht weg! Ihr habt es umsonst. Eure Schulden sind bezahlt. Glaubet es nur, und sie sind nicht mehr! Solches aber zu glauben, braucht es eine große Tapferkeit, denn es ist unter dem Unglaublichen das Unglaublichste. Doch bringen es diese deutschen Kopfe fertig, so brauchen sie gar keine Pafsheit mehr und sind in ihrer trotzigen Sicherheit uns Italienern gewaltig überlegen, die wir ungläubig sind oder abergläubisch. Ich rede im groben, Pescara. Aber diese Vorstellungen, nichtig an sich werden im Leben zu den realsten Mächten, die kein Staatsmann vernachlässigen darf. Und du mit deiner großen Aufgabe am wenigsten, Pescara, wenn du auch selbst ein Gottloser bist, wie ich dich kenne. Sem Lächeln blieb unerwidert. ■ „Hier irrst du dich, Kanzler", sagte Pescara ernst. „Ich glaube an eine Gottheit, und wahrlich keine eingebildete. Doch in dem andern hast du recht. Ich hab« es mit Augen gesehen. Am Abende meiner Schlacht" — er meinte die von Pavia — „sah ich im Lazarett zwei höchst frevelhafte Menschen sterben, einen Deutschen und einen Spanier, diesen unter feinen Reliquien und in den Armen zweier Priester zitternd und bebend, jenen allein, doch voller Zuversicht und Freude. Ich sprach ihn an, denn ich weiß ein paar deutsche Wärter, und erfuhr, daß er traue und trotze auf den reuigen Schächer. Doch lassen wir diese Farben ber Seele. Zurück zu deiner Sache, denn ich meine, daß du noch nicht damit zu Ende bist." „Gewiß nicht, Pescara. Dann erst, wann du durch das Schwert ober durch ein listiges Abkommen den Kaifer außer Spiel gesetzt haben wirst, dann erst baust du deine Große und Italiens Freiheit. Die zwölf Arbeiten des Herkules! Doch du ruftst alle Seiten und Eigenschaften deines Wesens unter die Waffen: Geduld und Entschluß, Begeisterung und Berechnung, Arglist und große Gesinnung. Kein Teilchen von dir wird müßig gehen. Du kennst dich doch gar nicht, Pescara! Dann erst wirst du dich zeigen als der, welcher du bist in deinem ganzen Wüchse: für bas Volk ein fruchtbarer unb wohltätiger Dämon, für bas Heer ein unfehlbarer Sieger, Jihrgang 195| Freitag, den l Mai Nummer 54 Krühlingsnacht. unbfunü 22 19 14 11 OO cm 6 1 £ £ fr 9 L 8 6 1 ?r von 'deren 13m Zimmer suchte Mr. Frank nach bi _____ BH HJI Kaufmann machten Etuis den Lebenszweck Colour & Grey Control Chart 20 21 15 16 17 18 «leie, in ohne nähme, sie auf echende rbe um Ischasts- irüden“ hten in rer, bet iten zu Ährung enschasi- r drahten und durch- :tc eiet’ Jndivi- -ftimmte ugieren1. Jon den en, ohne mit dein ans und geftcUt: daneben darüber icn Kops unruhig- 12 13 d hat et. Er rügen, rührte !, daß Tigen- onnte. ungen, hießen öglich- d war langte, guirgs- n feie» Kritit gleichst, daß ibehren rosesior icnigen 1", um 9 10 7 8 4 5 Beamte gab sich nicht geschlagen, und wieder kam er früher an als Fox, der, da es nicht mehr höher ging, den Aufzug abwärts dirigierte, gehetzt von dem Kriminalisten. Nach einer halben Stunde hing dem Inspektor die Zunge so weit heraus, daß sie seine Krawatte verdeckte. Später schlich das gleichfalls erholte Bulldoggesicht in das Zimmer des Mr. Frank, um sich in einem Schrank zu verstecken. Als der Ruchlose die Schranktür öffnen wollte, klang „Besetzt" heraus, denn drinnen saß ein Hauschinese mit älteren Rechten. Bulldoggesicht sagte „Pardon!" und stieg in den nächsten Schrank. Mr. Frank suchte erst spät sein Zimmer auf. Beim Ausziehen des Rockes entdeckte er in seiner Taiche ein Etui und legte es auf den Nachttisch: dann setzte er sich und schrieb einen Brief Unter dem Bett kroch geräuschlos der Detektiv aus Chikaao hervor, nahm das Etui und verschwand unbemerkt. Nach einer Weile sah sich Frank um und vermißte es. Irre geworden, griff er in die Tasche und brachte neuerdings eins hervor, von dem er dachte, er habe es in Gedanken wieder eingesteckt. Der Vorgang wiederholte sich, denn die Etuis gingen weg wie frische Brezeln. Einmal drehte sich Mr. Frank rasch um und gewahrte den Chinesen, der mit einem Etui nur Tür schlich Der tüchtige Kausmann schleuderte dem Elenden seine Füllfeder nach, daß sie in dessen Profil stecken blieb und dort wedelte. Hierauf schoß der Chinese aus dem Zimmer, 2 3 alle leit’ der B°r’ in', !ag ° Aufmerk’ sich M rd) bo6 sh * bei lelk' i Körper’ nun ou-h ,müi» :ung ’M »' ?* X- galt *! ;u Mr. Frank aus Boston war zum erstenmal nach San Franzisko gekommen, um für seine Etui-Erzeugung neues Absatzgebiet zu erobern. Auf der Hotelsuche kam er zum „Grünen Anker", der zwischen Hafen und Chinesenviertc! gelegen war. Da er als Fremder nicht wissen konnte, daß sich dem Bürger bei Erwähnung dieses Hotels alle Haare sträubten, trat er ein und verlangte ein Zimmer. Der Portier gab ihm Nr. 77 und einen Schlüssel dazu, der die Verwunderung des Gastes erregte. Wie es in vielen Hotels üblich ist, die Zimmerschlüssel an Stäben zu befestigen, um das Einstecken und Vergessen zu verhindern, so war es auch hier: nur befand sich an Stelle des Stabes ein Gummiknüttel von anständigem Ausmaß. Auf die Frage des Mr. Frank antwortete der Portier, daß diese Vorrichtung für Gäste mit Minderwertigkeitsgefühl gedacht sei, denn im „Grünen Anker" habe man psychoanalytisches Verständnis. Gleichzeitig wies er auf eine Tafel, die folgende Inschrift trug: „Die p. t. Gäste werden ersucht, Schußwaffen größeren Kalibers und Messer von über zehn Zoll Länge im Hotelbureau zu deponieren." Mr. Frank, ein Mann von heiterer Lebensauffassung, freute sich über diese Fürsorge und schritt mit dem Selbstgefühl des Bürgers im Ordnungsstaat zum Fahrstuhl. Die Tür öffnend, sah er in der Ecke einen Mann sitzen der nach Babyart vor sich hinlallte. „Was hatterle denn?" fragte der Fabrikant teilnehmend, bekam aber keine Antwort. Offenbar litt der Fremdling seelisch, wofür bläulich unterlaufene Schwellungen im Gesicht sprachen, wie sie nach einem Boxkampf aufzutreten pflegen. Mr. Frank schüttelte ihn so lange, bis der Mann mit einem Auge erst schätzend, dann vertrauend blinzelte. Hierauf griff er nach seinem Genick, zog aus dem Kragen ein schwarzes Etui, drückte es Mr. Frank in die Hand und sprach: Bringen Sie Diamanten nach Pvlizeizentrale, Stop. Habe sie Billi Billi Im Zimmer suchte Mr. Frank nach dem (Etui. Bei dem tüchtigen ..c -j-L— ------- «-«■—-- f aus. Es war daher nicht zu drei Musterstücke von früher in den Taschen trug, inern, so daß anstatt der Etuis, für das sich die i, eines aus der Werlstätte des Mr. Frank zum nete es und fand es natürlich leer. Fachkundig hte Arbeit des angeblichen Konkurrenzfabrikats, )er ein und begab sich zum Abendessen nach dem Blue White Green Grey 2 Yellow Grey 3 Magenta Black Red Grey 4 Cyan Grey 1 Sie Zweiter. Geben Sie das Etui her, oder ich radiere Sie aus. „Was für eins denn?" begütigte Frank, „Sie können eins in Rot haben, eins mit Saffianleder gefüttert oder dasselbe in Grün." — „Wat Ker?" sprach das Bulldoggesicht und knirschte schrecklich mit den Zähnen, n es glaubte, der andere erlaube sich zu scherzen. Straffte die Muskeln des Oberarmes, daß die Aermelnähte krachten, nahm mit der Faust an der Kinnlade des Mr.’Frank Maß und holte soweit aus, als der beschränkte Raum im Lift zuließ. Der Bedrohte erinnerte sich rechtzeitig des psychoanalytischen Zimmerschlüssels und klopfte mit dessen Ende seinem Partner auf den Kopf. Das Bulldoggesicht seufzte, verdrehte die Augen und sank auf die Plüschbank neben den dösenden Inspektor. In der vierten Etage aussteigend, sah sich Mr. Frank einem ernsten Herrn gegenüber, der so lang war daß er sich tief bücken mußte, um in den Lift hineinsehen zu können. Als' er die Bescherung wahrnahm, fragte er bei Mr. Frank an, ob er nicht ein Etui gesehen habe. Durch die Erfahrung klug geworden, die gebeugte Stellung des neugierigen Hotelgastes geschickt ausnutzend, beantwortete er die Frage, indem et das bewährte Instrument betätigte, worauf der Herr mit einem Hechtsprung in das Fahrstuhlinnere verschwand. Als der Portier die traurige Ladung unten ankommen sah, kratzte er sich hinterm Ohr. Dann befestigte er eine Tafel mit der Aufschrift: „3n Reparatur I" an der Lifttür. saßen Herren im Smoking, von denen jeder seinen teben sich liegen hatte. Einer kratzte sich gerade ’f, denn seine Gedanken beschäftigten sich mit dem im 8er Detektivinspektor Anderson entrissen hatte, s Haupt der großen Bande. Ihm gegenüber, in aales, saß der berühmte Privatdetektiv Craggs aus men, weil er vernommen hatte, daß für die Wiederems von der beraubten Iuwelenfirma Gebrüder Jon 10 000 Dollars zu verdienen fei. Der dritte —war der Universalgauner Fox, ebenfalls aus Chikago: ein alter Dorn im Auge des Privatdetektivs. Auch Fox träumte in stillen Stunden von dem Diadem und wollte es feinen Kollegen abknöpfen. Mr. Frank fühlte messerscharfe Blicke auf sich gerichtet, und richtig vermutend, daß alles Unheil von dem Etui ausgehe, entledigte er sich feiner, indem er es auf dem Wege zu seinem Tisch fallen ließ. Natürlich erwischte er das falsche. Billi-Billi, der Privatdetektiv und Fox bekamen lange Hälse und Stielaugen. „Wie komme ich zum Etui?" dachte jeder. Herr Fox erfreute sich des Vorteils, den Lichtschalter hinter sich zu haben, und alsbald brach tiefe Finsternis herein. Gleich darauf konnte man aus der Saalmitte ein dumpfes Krachen hören, wie es sonst nur beim Kegelschieben zu vernehmen ist: die drei Herren waren mit den Köpfen zusammegerannt, al» sie nach der Stelle sprangen, wo sich das Etui befinden mußte. Da es wieder Licht wurde, waren die übrigen Gäste erstaunt, auf dem Tevpich drei elegante Männer sitzen zu sehen die mit den Köpfen nickten wie Pagoden. „Haben Sie vielleicht ein schwarzes Etui gesehen?" fragte der große Detektiv und sah die beiden anderen scharf an, denn wie sollte er wissen, daß er selbst darauf saß. Billi-Billi, bekannt als starker Mann, griff in feiner Wut in die Westentasche, holte einen Silberdollar heraus und biß davon kleine Stücke ab, die er dem berühmten Detektiv ins Antlitz spie. Dieser hatte vorsichtshalber den Zimmerschlüssel mitgenommen, weshalb er in der Lage war, den überraschten Billi-Billi überzeugend aufs Haupt zu schlagen, daß er sich wie ein Igel einringelte und zu träumen anfing. Bei dieser Amtshandlung war der Detektiv aufgestanden, wodurch das Etui sichtbar wurde. „Ha", lachte kurz und militärisch Detektiv Craggs und bückte sich nach dem Etui. Leider kam er nicht dazu, denn eben trat der Inspektor Anderson ein, der inzwischen im Lift aufgetaut war. Er sah das Etui undkwn Mann, der es aufheben wollte:da er seinen Kollegen nicht ®icficner£(imilicublätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger