Jahrgang 195| Montag, Öen 28. September Nummer 76 finb ante. 15 her K Ich Itz >t mejris Wir mi[i' Oer römische Brunnen. Von Conrad Ferdinand Meyer. Auf steigt der Strahl, und fallend gießt Er voll der Marmorschale Rund, Die, sich verschleiernd, überfließt In einer zweiten Schale Grund; Die zweite gibt, sie wird zu reich. Der dritten wallend ihre Flut, Und jede nimmt und gibt zugleich Und strömt und ruht. tfidji«111 Hut HeitiUu !lkt ei»,, bet (öijj »chen l■ ler ein * iii Mtz !& den k Simon. „!t ti Hirt! A echt! schrei jifiM men. nn Hintes en ft! W rn in W Meid chrben si! 7m M und» ütfgelN n ein ®°’ itt o«t< |()X iiA |W«1 legte. Philipp kann sagen, er habe es nicht gebrochen, sondern dem Himmel die Entscheidung überlassen, ob Karl es brechen würde oder nicht. Jeden Tag wurde es gebogen^ oft schien es zu brechen, ja gebrochen zu sein, aber immer richtete es sich wieder gerade. Ganz unerwartet, well so lange und so dringlich erwartet, brach es dann wirklich. Karl hatte in seiner Haushaltung die jungen Burschen aus dem Adel, mit denen er verkehrte, zu einem Bankett geladen. Er erschien in einem neuen Paar Stiefel, die er beim Nachtisch mit den Füßen auf den Tisch legte. Der Spaß fand Beifall, den aber Karl ablehnte. Nur einer Rundfrage wegen hätte er die Füße auf den Tisch gelegt, erklärte er. Wie die neuen Stiesel den Herren gefielen? Es regnete Schmeicheleien. Karl hörte zu, lächelnd und tückisch. Plötzlich verdüsterte er die Miene und schrie grob: was dem Schuhmacher gebühre, der es wage, ein Paar Stiefel ohne die notwendigen Pistolentaschen in den Schäften an die Hofhaltung des Jnfanten von Spanien Zu liefern. Sobald di« Frage verstanden war, wurden Vorschläge laut, deren jeder grausam und für den unglücklichen Schuhmacher entwürdigend war. Karl schüttelte zu jedem nur spöttisch den Kopf. Dann, um das Hin und Her abzuschneiden, fuhr er mit den Stiefeln auf dem Tische nach rechts und links aus, so daß Geschirre und Gläser auf dem Boden klirrten, hielt den Dienern die Beine hin und besohl die Stiefel abzuziehen und ihm dafür Pantoffeln zu bringen. In den Pantoffeln dasitzend, ließ er auf einem Block die Stiefelschäfte in Riemen schneiden; so befahl er, sie in Wasser zu kochen. Nach Mitternacht wurde, aus Bett und Hause fortgeschleppt, der Schuhmacher vorgeführt. Blaß und bebend trat er ein, nicht wissend, was man ihm zur Last legte. Karl, der vom Wein tropfte und glühte und vom wilden Uebermut des Zorns nicht weniger zitterte als der Schuster vor Angst, brüllte das Register der spanischen Schimpfnamen gegen ihn los. Karl kündigte dem Menschen an, daß er die Schäfte, die er so nachlässig angefertigt, zur Strafe hier auf der Stelle essen müsse. Der Topf mit der glatten, zähen und stinkenden Masse wurde hereingebracht, zwei Diener packten den Schuhmacher an den Armen, zwei brachen ihm den Mund auf und einer stopfte ihm das gekochte Leder zwischen die Zähne. Als Philipp dieser Vorgang berichtet wurde, merkte er, daß der Bruch des weißen Stäbchens geschehen war. Das war vor einer Reihe von Wochen. Philipp ist heute noch erstaunt, daß gerade dieses Ereignis den Ausschlag gegeben hat. Was liegt Philipp an einem Schuhmacher! Gleichviel. Seit damals ist der Bruch des Stabes eine Tatsache außerhalb Philipps. Er hat nichts dazu tun dürfen als beschließen, auf welche Weise Karl das Leben verlassen solle. Philipp hat auch zu diesem Beschluß keinen Berater und keinen Helfer gehabt als Karl selbst. Die stumme Beratung zwischen Vater und Sohn, die zudem als solche nur dem Vater bewußt war, lief im Staatsrat neben einer Auseinandersetzung über die amerikanischen Provinzen her. Es wurde zum wievielten Male über die schwierige Frage verhandelt, welche Eingeborenen jener Provinzen als frei, welche als leibeigen zu gelten hätten. Karl riß das Gespräch an sich und plapperte ein Unendliches daher, indem er aus der königlichen Selbstherrlichkeit die Leibeigenschast sämtlicher Untertanen folgerte und aus der hundertsten närrischen Ausstellung in die tausendste kam. Alba hörte mit verachtender Gebärde zu. Philipp, der sonst oft unterbrochen hatte, ließ den Redeschwall auslausen. Er härte etwas anderes, als Karl sagte. Er hörte aus Karls närrischem Geschwätz die Anweisung heraus, Karl so von der Außenwelt zu trennen, daß er seine ganze Narrheit gegen sich selbst richten müßte. Dies war das Mittel, um Karl aus der Welt zu schaffen, ohne ausgesprochenes Urteil, ohne Blutvergießen, ohne Todesbefehl, ohne das Vertrauen irgendeines Menschen in Anspruch zu nehmen. Philipp hatte dem Geschwätz Karls gelauscht, bis er mitten in einem Satz aufhörte, entweder weil ihm die Vorstellungen ausgingen oder weil er plötzlich erstaunte, daß niemand ihn unterbrach. Philipp hob diese Beratung auf mit den Worten: Was der Infant vorgetragen, sei in vielem neu und bis zur nächsten Sitzung zu überlegen. Alba hat Philipp angesehen, überlegend, wenn er selbst König wäre, welche Beschlüsse er hinter sich haben müßte, um diese Aufführung des Knaben Karl so hinzunehmen. Darüber ist noch eine Reihe von Tagen hingegangen. Karl hat noch eines seiner Bankette veranstaltet, ist noch einmal mit seinen Bacchus- genossen durch die abendlichen Straßen gestürmt, Pistolen losknnllend, Frauen beleidigend, Männer niedertretend, schreiend und kindisch an Häusern hinaufmeckernd. Dann ist die Nacht gekommen, in der königliche Trabanten die Ausgänge des Karlspalastes besetzten und ein Offizier mit zehn Mann Karl aus dem Schlafe weckte, ihn einlud, sich beim Schein der Fackeln anzukleiden, ihm aber den Degen nicht erlaubte und im Namen des Königs abführte, ohne ihm zu sagen, wohin. ®icfjencr£amilienblättcr Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Oer König wartet. Erzählung von Eduard R e i n a ch e r. Der König wartet. Die silberne Göttin auf dem Schreibtisch leuchtet ihm dazu mit einer mzigen Kerze. Die andern hat er gelöscht; denn es ist ihm in diesen !. achmitternacht-Stunden nicht der taghelle Glanz nötig, den er zur Arbeit lebt, sondern es ist ihm Dämmerung nötig. Dies aber nicht, weil er fähig zu sein wünschte, weil er zu träumen wünschte. Der König verbringt ! nicht mit Träumerei seine Mußestunden. Sondern er arbeitet oder Intet oder zerstreut sich ober schläft. Ruht er vielleicht nur eine Viertelstunde, Atem schöpfend, nachdem Ins kleinere Aktenbündel erledigt ist, das zur Rechten vor ihm liegt, und tröste sammelnd zur Bewältigung des größeren, das links vor ihm seiner ixirtet? Es könnte fein. Aber dieses Gesicht zeichnen nicht die Züge des Aus- t hens, wenn auch die der verzehrenden Ermüdung. Der gesamte Lebens- Utte, dessen dieser Mensch fähig ist, steht am Werk. Dieser Mensch arbeitet Äe nie. Seine Arbeit ist, eine Meldung zu erwarten. Wenn die Meldung In fein wird, so wird seine Arbeit sein, sich ihr gewachsen zu halten. Philipp der Zweite. König von Spanien. König der Inquisition. Vorauf wartet er? Eine Meldung des vollzogenen Grauens und Ent- Itzens scheint es zu sein, auf die König Philipp von Spanien wartet. So ziehen wir uns zurück und überlassen ihn der Cnisetzensholle seines isrzens? Nein. Etwas an ihm bewegt uns, seine Nähe zu ertragen, uns teitcr mit ihm zu befassen, in seiner Miene zu forschen. Dieses Etwas mit vier Worten besagt: Philipp ist ein König. , . , . Und wir find dessen versichert: daß es, wenn auch eine grausame und dutige, doch eine königliche Angelegenheit ist, die ihn vor feinen elf toten ‘Ui b der einen trüb flackernden Kerze wach und gespannt halt. Darum beiben wir in seiner Nähe, atmen das Düster seines Arbeitszimmers p.b das Gemisch von Wachsgeruch und Bücherfiaub und entziehen dem . mfamften unter den Menschen seines Landes unsere Gedanken nicht. „ Die grausame, aber königliche Angelegenheit ist d/se: ein Vater, der s d- Krone eines Reiches trägt, das noch wachsen will obwohl es schon Grenzen des Sonnenuntergangs überschritten bj- Meldung vom Abscheiden seines Sohnes, den er verurteilt hat zu sterben, I ®‘i[ er nicht den Nacken hat, um eine Krone zu tragen. . Vor Monaten hat Philipp beschlossen, daß Karl E K°mg werden ! d-rse: vor Wochen, daß er sterben müsse, solange Philipp, noch lebe lind nun sitzt er in der Nachmitternacht und erwartet die Meldung, daß 9 chehen fei, was er beschlossen hat geschehen zu lassen. " Welch eine Lage, und welch ein Entschluß, der sie geschaffenh ■ bn Namen König zu verdienen, muß ein Mensch seine Liebe und se n H der Pflicht geopfert haben. Wenn PhilippJemeni Sofcn Jarl geliebt fo ist damit bewiesen, daß er diese Liebe der Pflicht geg toifdjen Reich geopfert hat. Und er hat seinen Sohn geliebt! Vielleicht Cs ist'dVKicht des Königs, dem Lande /inen tauglichen Nachfolger i* hinterlassen. Karl ist nicht tauglich; also ist es Philipps Pflicht, Karl >t hinterlassen, des en Ansprüche unbestreitbar sind. Aber ein Serrurfte Karl, der sich manchmal das Ansehen der Tauglichkei zu g j-, wird ein Angelpunkt der Verwirrung sein. Karl wiwde , ' j& Hst heute auf sein Erbrecht verzichten, morgen aber den »«3 d)t ro^er '/en. Darum ist es die Pflicht Philipps, zu sorgen, daß Karl ihn nicht Erlebt. Philipp hat seine Liebe zu Karl geopfert. [ k Keine Hand hat ihm dabei geheim, kein Mund hat >,)n era i [ irl silbst hat ihm dabei geholfen, indem er m"/ . 'geholfen 7/ Unbrauchbarkeit zu häufen. Philipp bat M JJTänbe "Ni er das weiße, zähe Stäbchen des Gerichts in Karl- g Seither bewohnt der Jnfant diese zwei Zimmer, vor deren Fenstern nichts zu sehen ist als die dichten Kronen gewaltiger Baume. Tag und Nacht wird jede seiner Bewegungen beobachtet von Wachen, denen es verboten ist, mit Karl zu sprechen. Nur der Beichtvater, der ihn täglich besucht, darf sich mit Karl unterhalten. Im übrigen ist Karl von den Menschen und von der Menschheit geschieden. . Scheinbar ist er der Gefangene dicker Mauern und Gitter und schweigsamer Soldaten, die wie eiserne Männer sind. Nur Philipp weiß es anders: daß durch sein leises und erbarmungsloses Urteil der Gefangene sich selbst zur Gefangenschaft und Hinrichtung übergeben ist. Und der Gefangene rast gegen sich, als könnte es ihm nicht schnell genug gehen. Er hat das Recht, sein« Wünsche auf eine Tafel zu schreiben, die von dem wachhabenden Offizier gelesen und an den Haushofmeister weitergegeben wird. Alle Wünsche, die Speisen oder Getränke betreffen, werden erfüllt. Der Jnfant stopft seinen zur Bewegungslosigkeit verurteilten Körper mit den fettesten und gewürzreichsten Speisen und überschwemmt ihn mit Eisgetränken. Immer stehen Speisen, Früchte und Eislimonaden auf dem Tisch sowie Weine. Immer stopft Karl sich Bissen um Bissen in den Mund steht dann da und starrt die Wächter an, die steifen Mannspuppen an der Türe und im Vorzimmer, lacht einmal, weint das andere Mal und stürzt jedesmal einen Krug Eisgetränk in sich hinein, um dann mit dem Knabbern sortzufahren. (Schluß folgt.) Madrider Bilderbogen. Von H. Roesel, Madrid. Glauben Sie nicht, daß Sie in Spanien nachts ohne weiteres in Ihrem Haus aus- und eingehen können, wie es Ihnen beliebt. Um 11 Uhr abends wird vom Portier die Türe verschlossen, den nach dieser Zeit keine Macht der Welt mehr zur weiteren Ausübung seiner Pflichten veranlassen könnte; denn er griffe hier in die Befugnisse des Nachtwächters ein, der um diese Stunde feinen Dienst beginnt, um dem Heimkehrer gegen einen Obolus bereitwilligst die Tür zu öffnen. Schwieriger ist es schon, wollte man nach dieser Stunde noch aus dem Hause kommen. Nun sollt« man meinen, daß man auch in Spanien, um diesen Hindernissen zu entgehen, allmählich den Hausschlüssel hätte erfinden müssen; es soll auch nicht verschwiegen werden, daß man da und dort solch ein Instrument kennt; aber es will sich bei diesem konservativen Volk nicht recht einbürgern. Wozu auch, dafür gibt es ja die Nachtwächter. Madrid hat etwa eine Million Einwohner. Schlaf und Eigentum dieser Million Bürger stehen von 23 Uhr bis 6 Uhr unter der Kontrolle von etwa 600 städtischen Nachtwächtern, die 'zwar in ihrem Aeuheren weniger romantisch anmuten als die längst verschwundenen der deutschen Kleinstädte, aber in ihrer Eigenschaft als einzige rechtliche Hausöffner und -fchließer, doch etwas an das Mittelalter erinnern, wo man nur mit obrigkeitlicher Erlaubnis nachts passieren durfte. Sicher werden durch diese wohlgemeinte Fürsorge viel« gewaltsame Vorhaben, die das Dunkel der Nacht brauchen, verhindert. Vollständig überflüssig, ja geradezu störend muß sie aber von denen empfunden werden, die für ihre mehr oder weniger zarten Gefühle ebenfalls den Schutz der Nacht bedürfen und keinesfalls den Schein einer Nachtwächterlaterne vertragen. Will man also nach der Sperrstunde in sein Haus, so muß man sich auf der Straße so lange durch Händeklatschen bemerkbar machen, bis der „Sereno“, mit einem dicken Stock und einer Laterne bewaffnet, ange- schlürft kommt; bann schließt er auf, erkundigt sich noch aufmerksam, ob man einen Wachsdocht brauche, um die dunkle Treppe hinauf zu finden, nimmt seinen Obolus in Empfang und wünscht einem den Segen aller Heiligen für die Nacht. Wohl dem, der den Mann gleich in der für ihn zuständigen Straße findet. Nicht selten wartet man, klatscht zehnmal, zwanzigmal, nirgends der „Sereno“, man hat schon mit feinem Lärm die ganze nächtlich stille Straße in Aufruhr gebracht, und immer noch umsonst. Will man nun noch vor Morgengrauen in sein Bett kommen, muß man sich schon entschließen, diesen pflichtvergessenen Beamten in den umliegenden Kneipen zu suchen. Bor einem Glas Rotwein löst sich aber alle Erregung, und man stellt fest, daß es eigentlich noch früh am Morgen ist, was der Nachtwächter eifrigst bestätigt. Hat man nun im Laufe der Zeit durch besonders hohe Schiießgelder sein Vertrauen erworben, wird er einem in solchen Augenblicken die ganze Chronik der Straße erzählen. Seine Tätigkeit ermöglicht es ihm, mühelos aus dem häufigen Ausgang eines Ehemannes auf einen Ehezwist, aus der Begleitung einer Dame auf eine baldige Verlobung zu schließen, er kann Todesfälle prophezeien und Geburten und Konkurse voraussagen. „Noch ein Glas!" So einen Mann muß man als Freund haben, er wird beide Augen zudrücken, wenn ich einmal nicht allein nach Hause komme. » Nur wer genügend Zeit und Geld benützt, hat das Recht, im Schatten eines Klubhauses das Leben zu versäumen. Oberstes Gesetz dieser „cir- culos“ scheint zu fein, den Tag mit dem geringst möglichen Energieaufwand zu verbringen, und da man schon der Langeweile nicht ganz entgehen kann, diese wenigstens gemeinsam zu ertragen. Natürlich haben diese Klubs auch noch einen anderen Zweck. Wenn man ihre Statuten nochlefen wollte, würde man erfahren, daß bei dem einen die schönen Künste gepflegt werden, bei dem anderen die Interessen der Großtauf- leut«, und wieder wo anders die Geselligkeit aller ehemaliger Flugofsiziere. Aber die Mitglieder begnügen sich damit, die im Statut aufgezählten feierlichen Funktionen von dem Sekretariat erledigen zu lassen und ihre Mitgliedschaft, die sie mehr oder weniger ihrer gesellschaftlichen Stellung schuldig sind, nicht weiter auszunutzen, als in oder vor dem Klubhaus von morgens bis abends einen bequemen Sessel zu belegen, von wo aus sie dem draußen vorbeiströmenden Leben zusehen wie einem etwas langweiligen Theaterstück, das man nicht weiter ernst zu nehmen braucht. Wie um den Unterschied ihres abgedichteten und abgekehrten Daseins von der übrigen Welt besonders deutlich zu machen, liegen diese Klubräume meist in den verkehrsreichsten Straßen. Auf den Gehsteigen, neben bei« bichtbesetzten Kasseetischen, an denen politisiert, verhandelt und geflirtet wird, sieht man plötzlich zwei, drei Reihen bequemer Korbstuhle die Haussront entlang ausgestellt, in denen die Mitglieder emes olchen Shibs ihrer olympischen Ruhe pflegen, aus der sie kein Autounfall, kein Mmi- sterwechsel, keine noch so hübsche Passantin bringen kann. Drei Schritte vor ihnen das buntfarbige, bewegte lärmende Leben der Großstadt; aber fie betrachten das alles, als ob dies in einer anderen Welt gescheh«, sie sehen zu mit einem gewissen Wohlwollen und dem dankbaren Gesuhl des Unbeteiligtseins, wie es eigentlich nur di« Lebensweisheit einem neunmal klugen Weisen erlaubt ober ber Besitz eines sicheren Bankkontos. Ein paar Minuten genügen ihnen für bie Kontrolle des Kurszettels ober eines Unternehmens, dem sie ihr olympisches Leben verdanken; _banti -iehen sie sich wieder zurück in ihre Welt, die trotz der schonen Raume, trotz der umfangreichen Bibliotheken und guten Bildersammlungen nichts mehr mit dem eigentlichen Leben zu tun hat. ♦ Es gibt drei Möglichkeiten zu Geld zu kommen: es zu erarbeiten , zii stehlen ober es burch einen günstigen Zufall einfach geschenkt zu erhalten, wobei sich bie Vorsehung nicht selten solcher Institutionen wie einer Erbschaft, des Glückspiels ober der Lotterie bedient. Der Spanier ha« weder das Taylorsystem erfunden, noch zeigt er einen ausgesprochen kriminellen Charakter, beides brächte ihm auch zumel Unannehmlichkeiten Bleibt ihm also nur, auf die Vorsehung zu vertrauen, die ihn schon einmal zu Columbus Zeiten mit einem ungeahnten Gluck m öorm von Neuland, Goldminen und Edelsteinen Überschüttete. Dieser Glaube, daß jedem Spanier traft höherer Vorsehung einmal das Gluck in den Schoß fallen muß, ist nicht auszurotten. Und Nichts ist begrelflichei, als daß der Staat ihm mit dem wohlorganisierten System einer Cotten® entqegentommt, das ihm erlaubt, damit ein grobes Geschäft zu machen Dreimal im Monat schüttet er das Füllhorn des Glucks mit Millioncm von Losen über das Land aus, dreimal im Monat kaufen Millionen von Menschen, die seit Jahren das Glück enttäuscht hat, immer wieder ihr-- Lose, um gegen einen Einsatz von 3 bis 5 Peseten chre Hoffnung auff den großen Treffer weiter fristen zu können. Dreimal im Monat feigem sich in ganz Spanien die Stimmen ber Losverkäufer vom Crescendo bu -um Furioso, vom bescheidenen Angebot bis zum alles übertönenden Q)i-- schrei, daß morgen Ziehung, daß hier der „Gordo*, der Hauptgewinn zu haben sei. Am Tag« vor der Ziehung ist man auf keiner Straße, vor teinetn Eingang, in keinem Kaffee mehr sicher vor dem Mann, der einem mn einer bewundernswürdigen Hartnäckigkeit das groß« Los vermitteln möchte. Wer sich kein ganzes Los für 50 Peseten kaufen kann, nimmt em Zehntellos. Ist das noch zu viel, nimmt man Anteilschein« für 50 Cent mos für eine Nummer, an der zwanzig, dreißig völlig unbekannte -per" [anen noch mit beteiligt sind. Bei den meisten Firmen ist es eine ständig. Einrichtung geworden, ein Los, an dem alle Angestellten tellhaven, zu kaufen Schwierige Systeme werden ausgedacht. Zahlen kombiniert, Ka ten befragt und Träume gedeutet, nur um die richtig« Nustmwr A wühlen. Das Fieber steigt bis zur Höchstgrenze wenn zu Wechnachtm der „Gordo“ mit 15 Millionen gezogen wird. Zwei Tage und Nach!, warten Hunderte von Leuten, Arbeitslose, Bettler, Gelegenheitsarbell- in einer langen Schlange vor ber Münze, um bann ihre Platze an Leu « zu verkaufen, die bei dem großen Ereignis ber Ziehung habet fein moueiu. Die Geschäfte ber umliegenben Straßen stiften diesen^ Armen »rot , Würste, ganze Kessel voll Suppen und Holz für ihre nächtlichen Lagerfeuer mitten auf den Straßen. Wenige Minuten nach ber Siebung V das Ergebnis schon im ganzen Land bekannt. Die Zeitungen beschäftige sich spaltenlang mit den glücklichen Gewinnern, bringen Bild unb Leben-- lauf; ein paar Tage lang ist irgenb ein Postbote ober Wemhanbler dm populärste Mann ganz Spaniens. Nicht selten gehen die grofcen @eaHM' ins Ausland, nach Portugal, Frankreich, Südamerika, denn an der Weip nachtslotterie ist fast die ganze Welt beteiligt. Dem Enttäuschten, der sich lange schon vorher ausrechnete, was «n mit den Millionen alles anfangen wird, bleibt nichts, als in den nachum Wochen wetterhin sein Los zu taufen; denn aufgeben? — nein, ,rgenoi- wann muß er einmal kommen, der dicke Treffer. Unterwelt. Bericht aus einem Bergwerk. Von Robert Neumann. Die Stadt war früher deutsch. Ich werde ihren Namen nicht nenne» Vom Bahnhof — er ist saft menschenleer, die Gleise verklebt mit Tarn schnee, auf dem bie frierenbe Weihe einsamer Bogenlampen zerplatzt, ui an einer Kalkwand eine böse elektrische Klingel, die jammert unb nibn begleiten zu wollen, zuckt er die Achseln und gebt voraus. Eine Minute später sind wir hintereinander trottend in der Schwarze des mittleren Stollens untergetaucht. Was dem engen ^ichtbezirk unserer Lampen sich aufschließt, ist ein machtvoll mit schweren Balken verzimmerter Höhlengang. Die Mille des Bodens nimmt jenes Glas ein, dessen schwaches Blinken zehn Schritt weiter im Lichtlosen auslischt. Links des Gleises liegt die Leitung des Pumpwerks, unentwegt von dem aus ertrinkenden Schächten fortgefogenen Wasser durchbraust. Rechts liegt, in breiter Röhre auch sie, leise heulend und zischend die Führung des Wetters, der reinen Druckluft, die von ungeheurer Maschine über -tag m die vergasten Bezirke des Werks gepreßt wird. Zwischen den Balken der Seitenverzimmerung (Telephon, Telegraph haben da chre Spinnens d gespannt) schimmert hier und dort das schwarze Gestein vor. V Decke, aus Battenfugen, tropft Wasser. Da ich den Kopf heben will, legt die Hand des Führers sich wie ein Schraubstock um meinen Arm Er weift auf einen dicken Draht, der da frei m der Mitte schwebt, nicht höher als meine Stirn, und sagt: „Das ist bie Starkstromleitung s elektrischen Zug. Wer ankommt, bleibt liegen Jede zweite ober brrtte Woche wirb einer —" Vor uns schwankt ein Licht auf, wir drucken uns an die Wand unb gespenstisch bewegt mit Rattern unb flelbgrun fniftern« dem Funkenspringen zwischen dem Schleifkontakt unb schwingenden Draht klirrt uns ein langer Zug leerer Grubenhunde vorüber. Ganz hinten erst, auf dem letzten Waggon, kauert reglos em Mensth Das ver raffelt um eine Biegung. Dann erst trotten wir weiter, h'^re-nander gebückt und schweigsam beflissen, jenem noch immer schaukeln» bewegten Kabel auszuweichen. Eine Viertelstunde. Zwanzig Minuten. Dann ist rechts ein roh gegirrn wertes Tor, unb ba mein Führer den einen tflugel nut drückt, springt es uns an: schwarz gähnendes Loch und «n beulend est ger chriftzug, der mir die Leberkappe vom Kopf reißt. „Die Wettesifuhru g überschreit ber Mann bas Heulen. Dann duckt er sich und gleitet, d Fuße voran, in das Loch. Auf die Arme gestutzt, mit ^ Ob 'koper noch d°n Rand Überragend, sagt er: „Das ist Querbau 14 Er fuhrt 12» Meter hinunter zur vierten Sohle. Er ist nicht ganz lolrech gie[e I hi« Kohle, die abgeht, drunten noch in größeren Brocken sie frei, so zerschmisse sie sich drunten zu Staub. Ziehen Sie das Tor zu und kommen Sie nach. Sie legen sich auf den Rücken und lassen sich fallen. Arme und Beine spreizen — irgendwo bleiben Sie bann' schon an ber Verzimmerung hängen unb können bremsen. Lampe befestigen Sie an die Brust. Nach dreißig Metern ist ein Ort — dort landen Sie von selbst. Los!" Im gleichen Augenblick ist er verschwunden. Kleine Steine springen ihm nach. Hinter einer Wolke aufgewirbelten Staubes »erglimmt rot fein Grubenlicht. Ich lege mich auf den Rücken, und nach ein paar Sekunden Herzklopfens lasse ich los und gleite. Immer wieder finden Hand ober Fuß sich an einem vorragenben Balkenenbe ober behauenen Stein. Ich liege breit ba — das geht leichter als erwartet. Nur ba etwas meine Stirne ritzt unb ich bie Hanb banach heben will, merke ich tief erschreckt, bah kaum zwei Dezimeter zwischen meinem Gesicht unb der Decke sind. Aber da glimmt schon wieder bie Lampe bes Führers auf unb ich fühle festen Boben unter ben Füßen. „Der erste Ort", sagt ber Mann. Da ist eine kurze Höhle querab gegraben und endet an schwarzer Wand. Der Mann sagt: „Da liegen sonst sechs Mann vor der Kohle. Sind durchgebrannt mit ben anbern. Also weiter hinunter. Aber langsamer. Sie bleiben. Kopf seitwärts legen, sonst reißt's bas Gesicht weg. Es ist eng. Also Vorsicht!" Er ist schon wieber verschwunden. Ganz langsam geht es jetzt tiefer. Den Steiger finbe ich nach zwanzig ober breifjig Metern. Da hackt er unb leuchtet mit feiner Lampe bie Balken ab. Nun sehe auch ich es: bie bieten Bohlen ber Verzimmerung sind da geknickt. „Wie Streichhölzer", sage ich. Der Mann hört nicht auf mich. Mit feiner Lampe sucht er bie Decke ab. Unter feiner Schmutzfchicht ist er erblaßt. „Der Berg schließt sich wirklich", sagt er leise, unb noch einer Weile: „Hoffentlich ist ber Weg nach unten noch frei. Dreißig Meter tiefer ist wieber ein Ort. Er horcht hinunter. Sann, fast befremdet: „Dort arbeiten sie noch". Nun höre auch ich es: ganz ferne Stimmen unb einen plappern» ben Widerhall. Langsam gleiten wir tiefer. Wir tönernen durch. Kommen durch und stehen mit einemmal in einem leeren Grubenhund, der, wartend auf feine Fracht, vor den Eingang des Querhaus geschoben ist. Das also ist Ort 2. Die Höhle ist etwa doppelt so groß wie die eben besuchte. Sechs Grubenlichter glimmen — sechs Menschen sind in ihrem Schein gespenstisch bewegt. Sie schaufeln große Brocken losgebrochener Kohle in zwei wartende Hunde. Trotz des eisigen Sturmes, der wiedex in diesem Kessel sich fängt, sind sie nur mit Schuhen und Drillichhosen bekleidet. Ihre Oberleiber, dürr gelenkig, ausgezehrt zugleich unb mit Muskeln bepackt, sind nackt und von schwarzen Bächen Schweißes unb Kohlenstaub überriefelt. Menschen, Menschentiere, ohne Rast in Bewe» gung, sechs schwarze Gesichter, wie erstarrt in einem erbitterten Schlaf. Der Alte hat den Luftdruckbohrer eingeschaltet und preßt die rotierende Stange langsam wuchtig gegen den schwarz schimmernden Berg. Ein Rattern, von ben engen Wänben vertausendfacht, ein Dröhnen, das die Ohren zersprengt... Kein Wort ist zu hören. Und auch die Gesichter werden langsam zu Schatten. Denn vor dem Bohrer ist der Gesteinstaub ausgestanden, eine trübe, trag mächtige Wolke, und schiebt sich zwischen Gesicht und Gesicht. Rote Käser sind noch die Lampen. Gespenster schwingen Schaufeln im Takt. Und immer bas Dröhnen, das die Ohren zersprengt. Weiter durch den Querhau 14. Das ist kein Gleiten mehr, denn der Berg hat die Griffe und Stützen weggebrochen. So poltern wir nieder, mit einem Steinschlag, der vom Hangenden sich gelöst hat. Das trommelt gegen Schultern unb Kappe, reißt Wangen unb Hänbe wund. Auch die Lampe, von einem Brocken getroffen, verlischt. So taumelt sich's lichtlos weiter durch ben schwarzen Spalt des sich schließenden Berges. Aber bann ist ba wieder Boden unter ben Füßen, elektrisches Licht, vierte Sohle, ein Mann schreit uns zu: „Auffahrt burch Schacht 3! Hier lassen sie ben Korb nicht mehr nieber". Ein elektrischer Zug, ber Führer schwingt sich auf einen ber rollenden Hunde, ich folge ihm, liege flach geduckt auf der Kohle, dreißig Zentimeter über mir das Knallen und blaue Funken- tniftern des elektrischen Stroms. Das geht fo Kilometer und Kilometer. Dann Station: die elektrische Maschine wird abgekoppelt und aus einer Seitenhöhle des Stollens zieht man ein dick gemästetes, hochrückiges Pferd. Der Führer sagt: „Weil hier schlagende Weller find. Mit den elektrischen Funken darf man da nicht fahren. Nur mit Pferden. Da ist der Stall. Blind? Nein, blind sind sie nicht. Sie werden nur dick. Sie leben zehn und zwanzig Jahre da in der Grube. Erft die Kadaver werden nach oben geschafft. Einmal war eines krank. Mit dem bin Jd) aus- gefahten. Unb wie wir oben sind und wie das plötzliche Licht —" Er verstummt. „Was war das?" frage ich. Er sagt trocken: „Ausgeschlagen hat es. Gewiehert. War wie verrückt." Da hat der Trott des Tieres uns auch schon zwei Kilometer weit an ben Schacht geführt. Da ist ber Förderkorb, drei Stockwerke hoch. In den mittleren kriechen wir, kauern, die Campe zwischen den Knien. In den untern schiebt man eine verhüllte Bahre. Nur ein Männerarm, mit verkrallter Faust seitlich niederpendelnd, lugt unter dem Tuch vor. Der Führer blickt kaum hin. „Das ist alle paar läge", sagt er. „Sie springen nicht rasch genug weg, wenn das Hangende niedergeht." Dann reißt ein jäher Ruck und ein Heulen uns siebenhundert Meter auswärts. Wir landen im dritten Stockwerk eines Gebäudes. Im Sortierraum wird noch gearbeitet Knaben stehen da rechts unb links von einem laufenden Band, das die geförderte unb schon gewaschene Kohle niedergeleitet zu Trichtern und in Waggons. Dürre Knabenhände greifen da und dort in diesen langsamen Strom und holen Brocken tauben Gesteins heraus. Gesprochen wird nicht. Nur die Maschine saust. Ich trete hinaus auf den Hof. Noch immer hängt jenes Trauerlaken vor Sternen unb Mond. Und Schornsteine ragen, Baumwerk, enttront wie von schwarzen Blitzen oder dem Trommelfeuer einer Totenartillerie. Jenes Gittertor ist geschlossen. Draußen stehen Menschen, viele Menschen, und schauen herein. Man sieht nur ihre Hände an den Eisenstäben bes Eingangs. Man sieht nur ihre Gesichter. Kein Laut ist zu hören. So stehen sie ba und schweigen. Schweigen unb warten. Tresorembruch. Von I o Hanns Rösler. Das große Hotel lag ruhig. Es war an einer jener Vormittagsstunden, wo die Aufräumungsarbeiten bereits vorüber find, die Fenster geputzt, die Teppiche gereinigt, die Ledersessel der Halle gerichtet und die Gäste in Anbetracht der frühen Stunde noch nicht in der Lage wa^en, alles wieder in wohnliche Unordnung zu bringen. Plötzlich sah der Portier von der Morgenzeitung auf. Zwei Herren traten durch die Flügeltür. „Wir werden erwartet", sagte der Jüngere von ihnen. Der Portier fragte: „Herr Bill Brown?" Der Jüngere nickte: „Ja." Und zugleich zur Ergänzung fügte er auf den zweiten Herrn deutend hinzu: „Mein Anwalt". Der Portier winkte einem der Boys: „Führen Sie die Herren in das Privatkontor." * Zehn Minuten später hatte man sich in allen wichtigen Punkten geeinigt. Bill Brown faßte nochmals zusammen: „Ich übernehme Ihr Hotel mit dem heutigen Tage. Als Kaufpreis vereinbaren wir eine Million Anzahlung. Diesen Betrag habe ich aus der Staatsbank deponiert, wie Sie sich soeben durch telephonische Rückfrage überzeugt haben. Ich behalte mir ein Rücktrittsrecht von vier Tagen vor. Nütze ich dieses Rücktrittsrecht nicht aus, zahlt Ihnen in vier Tagen die Bank eine Million bar aus." Der Direktor des Hotels verbeugte sich. „Einverstanden. Wann wollen Sie die Leitung übernehmen?" Bill Brown ging'zum Schreibtisch, den der Besitzer des Hotels soeben verlassen hatte, und setzte sich breit in den Sessel. „Sofort", sagte er, „in dieser Minute. Sie brauchen nur den Vertrag meines Anwaltes zu unterzeichnen." Der Hoteldirektor unterzeichnete. * Zwei Tage vergingen. Kein Zwischenfall ereignete sich und der Tag verlief in der selbstverständlichen Ruhe großer Hotels. Kaum, daß man bis auf einige der älteren Angestellten den Wechsel in der Hotelsührung bemerkt hatte. Am Morgen des dritten Tages aber-- Der Nachtportier stand kreidebleich vor dem Privatzimmer Bill Browns. „Ich muh unbedingt sofort Herrn Brown sprechen." Das Zimmermädchen bedauerte: „Herr Direktor hat ausdrücklich befohlen, ihn nicht vor neun Uhr zu wecken." Der Portier schob das Mädchen zur Seite und öffnete die Tür. Sie ! war unverschlossen. Er eilte in das Zimmer. „Was gibt es?" fuhr Bill Brown auf, „was soll das bedeuten?" Der Portier stieß heraus: „Unsere Tresors —" „Tresors?" „ErbrochenI Beraubti Diese Nachti" „Was sagen Sie?" sprang Bill Brown aus dem Bett, „die Tresors erbrochen? Alle?" „Alle." „Haben Sie einen Verdacht?" „Nein." „Hat niemand den Tresorraum betreten?" „Nein. Die Tür nach dem Tresorraum blieb die ganze Nacht verschlossen. Sie war auch heute früh verschlossen, als ich den Dienst dem Tagesportier übergab und wir den üblichen Kontrollgang machten." „Führt noch eine andere Tür zu den Tresors?" „Ja. Es ist noch ein Zugang durch die Verwaltungsräume der Direktion." „Diese Tür?" „Ebenfalls verschlossen." Bill Brown hatte sich inzwischen angezogen. „Kommen Sie", sagte er, „wir wollen uns erst einmal die Sache ansehen." * Die Uhr schlug elf, als Bill Brown den privaten Sitzungssaal des Hotels betrat. Er war mit einem schwarzen Gehrock bekleidet und hinter ihm standen die beiden langjährigen Subdirektoren des Hotels. „Guten Morgen, meine Damen", grüßte Bill Brown, „guten Morgen, meine Herren." Die Gäste, die von der Hotelleitung hierhergebeten waren, erwiderten den Gruß nicht sonderlich laut. Sie wußten nicht, um was es sich handelte, die ganze wichtig gehaltene und doch dabei mit der Bitte um strengstes Stillschweigen erfolgte Aufforderung hatte ihre Nerven beunruhigt, und das feierliche Auftreten der Hotelleitung war nicht dazu angetan, ihre Bedenken zu zerstreuen. Es waren ungefähr vierzig Gäste, die hier erschienen waren, und es waren die reichsten und angesehensten Leute darunter, die alle ein Safe im Tresorraum des Hotels belegt hatten. „Meine Damen und Herren", begann jetzt Bill Brown, „ich muß Sie zunächst über das, was Sie jetzt hören werden, um strengstes Stillschweigen gegen jedermann bitten. Ich nehme Ihr Einverständnis an. Sollte jemand von Ihnen nicht die Absicht haben, dieses Versprechen zu geben, so bitte ich ihn, den Saal zu verlaßen." Niemand rührte sich. „Ich danke Ihnen", fuhr Bill Vorwn fort, „und jetzt ich Ihnen eine sehr unangenehme Eröffnung machen: Ihr« Tresors wurden diese Nacht erbrochen." Eine Unruhe lief durch die Versammlung. Rufe wurden laut — Fragen — Hände reckten sich. „Mein Tresor auch? — Familienschmuckl Safe 38? — wie war das möglich?" Bill Brown griff die Frage auf. „Wie war das möglich?" sagte er, „wir stehen selbst vor einem Rätsel — wir haben schon alles getan — vielleicht wird es uns möglich sein, die Sachen wieder herbeizuschafsen. Wir möchten -«der im Interesse unserer verehrten Gäste des Hotels die Sache vorläufig, wenigstens die ersten vierundzwanzig Stunden nicht der Oeffentlichkeit bekanntgeben. Wir hielten es nur für unsere Pflicht, Sie als Safeinhaber davon zu benachrichtigen und verpflichten uns, nach Ablauf der vierundzwanzig Stunden die Angelegenheit der Polizei zu übergeben, falls unsere Recherchen erfolglos bleiben. Ob aber die Polizei mehr Glück haben wird als wir, steht dahin. Es besteht natürlich die Gefahr — was ich offen gestehen muß — daß Ihr Schmuck und Ihre Depots verloren find." Einige Herren meldeten sich zu Wort. Bill Brown bat einen Herrn im weißen Bart, zu sprechen, aber bevor dieser zu ihm getreten war, sprang ein junger Mann auf einen Stuhl und rief: „Bitte, eine Minute für mich, meine Herrschaften! Es ist eine alte Erfahrung, daß gestohlene Sachen in den seltensten Fällen wieder herbeigeschafft werden können. Der Dieb befindet sich sicher längst im Ausland, zumal wir nur drei Schnellzu^sstunden von der Grenze entfernt sind." „Recht hat er", nickten einige. Der jung« Mann lachte: „Und jetzt, meine Damen und Herren, will ich Ihnen eine Möglichkeit geben. Das Stillschweigen, das Sie vorhin der Hotelleitung versprochen haben, nehme ich auch für mich in Anspruch und für das was ich Ihnen jetzt eröffnen und vorschlagen werde. Mein Name ist Teddy Taff, Versicherungsagent. Ich vertrete eine große ameri. konische Versicherungsgesellschaft für Reiseeffekten, gegen Diebstahl und Einbruch. Da ich selbst zu den Geschädigten gehöre und — wie man es bei den Versicherungsbeamten zumeist findet — selbst nicht verstchen bin will ich unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit heute noch auf' Ihre Tresoreinlagen Versicherung aufnehmen und diese zehn Tage vordatieren." Eine allgemeine Stille folgte. Zögernd kamen einige näher. Der junge Mann sprach weiter: „Ich muh aber noch eine Bedingung daran stellen daß die Direktion des Hotels nachträglich mein Safe, in dem ich mein Geld aufbewahrte, auf zweihunderttausend versichert, da ich mich selbst nicht vordatiert versichern kann." Bill Brown war sofort einverstanden'. „Wenn Sie diese Vordatierung für mich und meine Gäste auf sich nehmen können, ohne mit den Gesetzen in Konflikt zu kommen —" „Eben. Das ist es", riefen die Gäste besorgt. Meine Herren", antwortete Teddy Taff „überlassen Sie das mir. Ich kann es eventuell sogar mit gutem Gewissen, wenn Sie mir nur versichern daß Sie diese Versicherung mit mir bereits vor vierzehn Tagen mündlich abgeschlossen haben und unter der Voraussetzung, daß wir hier alle nichts von der Erklärung der Hoteldirektion gehört, haben." Ich werde Ihnen meine Herrschaften, erst morgen früh von dem Einbruch berichten", verstand Bill Brown sofort. Ich bitte darum", sagte der.Versicherungsagent, „übrigens mache ich dies nicht aus Nächstenliebe. Ich verdiene damit eine anständige Provision, und ich müßte Sie bitten, sich auf wenigstens drei Jahre versichern zu lassen wovon die Prämie des ersten Jahres in der Höhe von zwei Prozent bei Uebergabe-ber Police fällig ist, die Sie schon in den nächsten drei Stunden tn meinem Zimmer 105 beantragen und sich gleich abtzolen können." Der Nachtexpreßzug passierte die italienische Grenze. In einem Abteil erster Klasse faßen zwei Herren. „Wie hoch belaufen sich eigentlich die Versicherungen zusammen?" Der andere rechnete: „Fast zwanzig Millionen!" Zwanzig Millionen? Glauben Sie wirklich die Berechtigung?" .'Ausgeschlossen", lachte Teddy Taff, „ich bin überzeugt daß der ganze Tresorinhalt aller vierzig Fächer sich auf höchstens sechs Millionen belief. Aber mir kann es gleichgültig sein — ich habe meine vierhunderttauseno Prämie kassiert." „Wovon mir zweihunderttausend zufallen." , Gewiß, Bill Brown", nickte der andere, „schließlich haben SieJa bie ganze Jbee ausgebacht unb drei Tage Hoteldirektor gespielt. Außerbem mußten Sie eine Million Barkapital in bie Sache investieren." „Man kann mir nicht nachsagen, baß ich mit meinem Gelbe nicht arbeite. Das ist eine ganz nette Verzinsung, innerhalb von brei Xagen zweihunberttausend." , , , .Haben Sie Ihre Million bereits bei der Bank wieder abgehobenl . „Schon gestern vormittag, und heute ist der alte Besitzer wieder tm Hotel. Er wird sich wundern, wenn ihn seine Gäste nach den Tresors fragen. Er wird mit ihnen in den Tresorraum gehen und alles finpen, wie er es verlassen hat. Alle Tresors sind in Ordnung. Nicht em Stuck seh»." „Wann haben Sie alles wieder hineingeräumt?' „Gegen zehn Uhr — um dieselbe Stunde, in ber ich sie gestern aus- raUZebbg Taff bachte nach. Dann sagte er: „Eins verstehe ich doch nicht, Brown. Sie hätten doch den ganzen Versicherungsschwindel nicht zu orgam- fieren brauchen? Dann hätten Sie erstens nicht teilen müssen, unb oe. Betrag wär« auch noch höher gewesen." „Das fchon", lachte Bill Brown, „aber bann wäre es ein gemein« Diebstahl gewesen, ich wäre mit bem Gesetz in Konflikt gekommen, unv man hätte mir bie Polizei nachgehetzt. Das kann man jetzt nicht nww» auch wenn man erfährt, baß unsere amerikanische VersicherungsgeseUscyi l überhaupt nicht besteht. Denn wer wirb ber Polizei gern ^erraten, naß er selbst einen kleinen Versicherungsbetrug begehen wollte?" Verantwortlich: 0r. LanS THYriot. — Druck und Derlag:Drühl'sche UniversitätS^Duch« und Steinbruckerei. R. Lange, Dieben. MtzenerKmlIienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang Hreitag, -en 4. September Nummer 69 3ur Warnung. Somit fierte ich die Fockschot ein wenig spät, und wir schrapten um iner rt : nicmanb : tot (ein- A 21 20 19 8 L £ fr £ 9 L 8 6 trkgeri'l n sie mit rieibigieit ] >er alias, i Srofjung I Steintanii S mit btiti vor Di bete brti- entrißen, aus dm fehl M ibe ihm en. Ab« üanb d« 10t M ■ sch «11 imetabti W neuen h toieber Obbemetd'ten Wasserfalls —* So ging es fort; mir wurde immer bänger. Jetzt sprang ich aufi zumWein! Derwar denn auch mein Retter. — Merkt's euch, ihr tränenreichen Sänger, Im Katzenjammer ruft man keine Götter! Das kleine Bonnet. Von Hans Leip. Ob einer ein Schifferklavier zu bändigen verstehe? — „Julus von Dalben!" — „Der? Seit wann?" — „Ich hab es selber gehört", sagte ich. Julus stand auf, weiß im Gesicht. Er war aus Blankenese, begütert und nicht alt. „Schweig von dem kleinen Bonnet, verflucht, du und sie!" lachte er unsicher und ging davon. Also gut. Ich erzählt« nichts, und wir tanzten nach den abgedroschenen "Platten. Aber nun, da er.sich anderweitig verheiratet hat, ist es besser, alles klar zu stellen. geblieben, l saß und worbenen m tonnii ich! n* am Rand Hail«. „Hiß ein Bonnet!" grunzte Julus mich an, seine Verständnislosigkeit mit dem Brustton eines Hapagkommodores verdeckend. „Ay, ay!" erwiderte ich, ergriff, um etwas zu ergreifen, — denn Ich hatte auch keine Ahnung, — die seidenen Strümpfe, die noch immer auf dem Kajütendach lagen, obwohl längst trocken, und schor sie an die Flaggleine. Die Wirkung war, daß wir uns allesamt mit Julus verkrachten; denn er versteht betreffs korrekter Haltung keinen Scherz. Indessen machten wir wieder Fahrt, obgleich achteraus, da der Strom gekentert hatte. Und im Nu sahen wir fest auf Meiers Sand, das nette Hochgebirge Blankenese vor der Nase. Wir hatten rund zehn Stunden Zeit. Cs wurde Nacht. Alwel Gonde- fros wollte nicht im Boot bleiben. Sie ruderte mit ihrem Bruder auf die buschige Sandhöhe. (Nein, nach Hause fuhr sie nicht.) Si« nahm all« unsere Decken und Kissen mit und wollte baden. „Fahr' hinüber und sprich mit ihr!" sagte Julus endlich. „Dir ist wohl flau!" entgegnete ich. „Und du willst mich wohl als ein kleines Bonnet für dein Lebensfchiff mißbrauchen!" Aber dann pfiff ich Pipp und nahm das Beiboot und blieb danach drüben. Wir lagen still auf dem Rücken, nicht weit voneinander, sie und ich, und blickten in die Sterne und die Stromlichter. Pipp schlief. Aber Julus schlief nicht. Was er nie im Beisein anderer fertig gebracht hätte, er hatte eine Ziehharmonika hervorgezogen und spielt« herzzerreißend die ganze Nacht. Daher eben weiß ich es. 22 23 Von Eduard Mörike. P,„. Colour & Grey Control Chart 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 3 4 5 6 7 F«lien znicyr aus Die unstcyiage, um sich nicht bei Der Post zu blamieren). Und danach lud er „sie" schriftlich zum Segeln ein. Man mutz es ihm lassen, er ist ein ausgeluvter Segler, der gute Julus, und seine Sloop ist eine der gelecktesten zwischen Hamburg und Helgoland. Aber eines hätte er wissen müssen, man tauft sein Boot nicht von Einem Tag zum andern um; es bringt kein Glück. „Nasser Kater" war Ein annehmbarer Name für ein Boot. Aber als die schneeigen Schuhe 9er Gondefros übers Schanddeck ins Cockpit schritten, da stand am Spiegel mit frischer Farbe „Alwel". Und so hieß sie. Sie haben sonderbare Uamen, die Gondefros. Ihr Bruder beispielsweise hieß Pipp. Sie hatte hn kurzerhand rnitgebracht. Er war zwölf Jahre. Mir war es gleich. Was ich dabei sollte? Ich sollte den Fock bedienen und so, damit er äch ausgiebiger ihrem Anblick widmen könne; denn von Unterhaltung ann bei Julus nicht viel die Rede fein, was er wohl wußte; daher gedachte er, mich als Spaßmacher zu verbrauchen. Auch sollte ich, er sagte s mir hinter der Hand, und hinter der Hand sag ich es wieder, ich sollte t»ei Gelegenheit eine kleine Empfehlung seiner Person mit entfließen taffen. Es war ein hübscher, heißer lag, es brifte sanft achterlich, und wir 'Utschten mit der letzten Ebbe elbewärts und kamen nach Glucksstadt, als S er Wind fchralte und von Nord uns anhuftete. Da zeigten wir, was nur tonnten, hüpften über den Schwell und kratzten mit drei Schlagen in den gafen. Aber als Julus auf den Streckbug über Stag ging, da "ang mir ->n „Ree!" weiß der Teufel zu fchnauzig, und ich sah, wie sich Fraulein kllwels angenehmer Mund leicht spöttisch gegen mich hob. iorn eine! leuonM" Mchifeld jrnanbros. . Zeichen tz jageiA wie euch lotter W1 m in be” igeftöU? | Her-M «■1'8 Josua»« men y en !)att n es' Ml' onen & Mü-kunS nben/i, 1 auft-s 0 cm 1 2 Fingersbreite an der Mole längs und nahmen ein dickes Stück Wasser m..„ —oaneszV ’a.PPte es leider vorbei, der Knabe Pipp hatte pietä^y für ein zu erwartendes Jndianerfest „röten" iros' herrliche Beine, die traf es. agen, Schlips und Jacke. Sie zog die Schuhe uf halbem Weg zum Essen meinte er, ob ich und, ins Boot besorgen könne. Und man sah er puren Auffassung von Vornehmheit ihre achte. Ich sagte ruhig und plump genug, wir e Leute uns mit einer Gondefros mit bloßen ne hübscher seien als der teuerste Strumpf. dti «miltiii wich!,« ? Ni d Killt» men. « A winjit, er Sein) n K«W unreif« Werten mpfen und verglich sie mit der Fortuna, die ytlfZ rchturmkugel statt des Gockels steht, und ich ic entgegnete sie kühl, er verwechsle es hofsent- pen. (Auf dem war nämlich eine Dückdalbe, Röve darauf sitzend.) Und die Dame dort oben Figur, obwohl sie gerade Tennis mit dem eine, und Überdies hießen nach Morgenstern yuurfieus ismma. , . viel Geist und Schnippigkeit verstummten wir ein bißchen. Und nur der gute Junge Pipp half uns beim Essen darüber hinweg, indem wir uns in ein nachhaltiges Gespräch verwickelten über die in Jndianerreservaten bevorzugten Automobilmarken. Julus war in sich gekehrt. Ich sagte, um Luft zu schaffen, wir würden, wenngleich schmerzlich, so doch es begreifen, wenn Fräulein Gondefros mit der Bahn, anstatt mit unserer schmutzigen Kufs nach Hause fahren würde. Julus sprang wie ein harpunierter Schweinsfisch in die Höhe. Aber die unendlich kühle und schöne Alwel winkte lässig ab. Si« denke gar nicht daran, wir und das süße Boot, das mache ihr wirklich Spaß. Somit seilten wir elbauf zurück, und Julus überließ mir gnädig die Pinne, um dem ungerührten Sgelweiß der Angebeteten die Grundlagen seiner Existenz zu unterbreiten. Ihre Hautschatten waren bronzen wie die Tönung kantonesischer Glocken, ihre Augen weit und silbergrau wie die Nordseekimm bei Westernwind. Die Sonne durchleuchtete ihre Gobbymütze und ihre dicken Schläsenhaare. Es war ein milder Tag voll Ausslugsdampfermusik und voll der großmächtigen Bässe abgesalzener Ueberfeer aus aller Welt. Aber unser Wind wurde flauer, und knups, schlief er ein. Pipp, der unverblümte Knabe, ritt auf der Großbaumnock seiner Vollendung als Rothaut entgegen, klimperte an der Dirk und flötete nach Taifun und n Sinnen Black Grey Grey 1 Blue White Grey