SiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang Ml Zreitag, den 28. August Nummerbr Klein ist unter den Fürsten ... Von I. W. von Goethe. Klein ist unter den Fürsten Germaniens freilich der meine; kurz und schmal ist sein Land, mäßig nur was er vermag. Aber so wende nach innen, so wende nach außen die Kräfte jeder; da wär es ein Fest, Deutscher mit Deutschen zu fein. Doch was priesest du ihn, den Taten und Werke verkünden? Und bestochen erschien deine Verehrung vielleicht; denn mir hat er gegeben, was Große selten gewähren: Neigung, Muße, Vertrau'n, Felder, Garten und Haus. Niemand braucht' ich zu danken als ihm, und manches bedurft' ich, der ich mich auf den Erwerb schlecht, als ein Dichter, verstand. Hat mich Europa gelobt, was hat mir Europa gegeben? Nichts! Ich habe, wie schwer! meine Gedichte bezahlt. Deutschland ahmte mich nach, und Frankreich mochte mich lesen. England, freundlich empfingst du den zerrütteten Gast. Doch was fördert es mich, daß auch sogar der Chinese malet mit ängstlicher Hand Werthern und Lotten auf Glas? Niemals frug ein Kaiser nach mir, es hat sich kein König um mich bekümmert, und er war mir August und Mäcen. ein Oer Herr Geheimbderath. Zu Goethes Geburtstag am 28. August. Von Hans Sturm. Als Goethe nach Weimar kam, war die kleine Residenz noch stilles Landstädtchen, das sich abseits der großen Post- und Handelsstraße Leipzig—Frankfurt wie verschüchtert in den engen Kranz seiner Stadtmauern schmiegte, durch die nur vier strengbewachte Tore Ein- und Auslaß gaben. Jedermann und selbst die Hofleute mußten der Torwache oder dem Torschreiber auf „Woher?" und ;,,W°l)M? Rede und Antwort stehen „zwecks Meldung an Serenissimus. Natürlich gab es auch Lffte , diese Verordnung zu umgehen. So schrieb Goethe einmal an Frau von Stein, als er eine Wagenfahrt aus der Enge Weimars unternehmen wollte: „Wenn du im Tor nicht gemeldet fein willst ist das Sicherste, du steigst an der SternbrMe ein und aus. Bestell den Wagen dort hin' ich hole dich ab. Sonst gehts nicht, man mußte es tanihem Torschreiber verbieten, und das sieht kurws aus. Die^Straßen Weimars waren winklig und holperig, das Pflaster war halsbrecherisch und von den Häusern her nach der Mitte zu abgeschragt, damit alles was turzer- hand aus Türen und Fenstern gegossen wurde, ablaufen konnte, wenn dann noch morgens und abends das Vieh der Ackerbürger vom «tadth.r en durchgetrieben wurde, kann man verstehen, daß die Burger sich nich. gern allzulange in ihren Gassen aufhielten, ine bei Einbruch der Dunkelheit in völlige Finsternis ver anken. Zunächst wohnte Goethe bei dem Kammerherrn von K a l b, dann bezog er sein geliebtes Gartenhaus am Stern im Park, in dem er sich späterhin, weit- und menschenmude, derart verbarrikadierte, daß. W e land einmal klagte, man könne „nur mit Stangen und Brecheisen zu ihm gelangen. Trotz seiner schönen Stadtwohnung im^ Hause «m Frauenplan weilte er am liebsten in „seinem Gartenhaus $«r « seine künstlerischen Pläne, hier baut er seine wissenschaftlichen Thesen auf im engsten Umgang mit der Natur, von hier aus „regiert Knebel nennt ihn bald „das Rückgrat der Regierung « und Wieland schreibt an einen Freund über den frifch ernannten Herrn Ge^,mbder^ -Goethe lebt und. regiert und mutet, und Ä'l>t Regen ""d Sonnenschein und macht uns glücklich. Er mache, was er will! Und wirklich erfaßte Goethe den wirtschaftlichen Gesamtbau des kleinen Staates mit dem Herzen und mit dem Verstände und begriff das ^neinmrbergreifen her Kräfte und damit die Notwendigkeit I^der Existenz auch der scheinbar unwichtigsten, als Staatsmann und Mensch äugleid). Mit den Jahren Wuchs der Seaen feiner Arbeit für Land und Volk, und damit wuchs ■auch seine Belebtheit. Doch trotz aller Aemter, Wurden Ehren blwb er Der einfache bescheidene und, wie die Weimaraner ihn wohl zum Unterschiede 'von ande?en Räten nannten, der fleißige Herr Gehern be^a Er war ein Frühaufsteher und teilte den Tag streng ein, me meine -Seit nahmen seine Diktate ein, während deren er m-t «uf dem Rucken zusammengelegten Händen in seinem einfachen JlrbeiitsjI Darüber ■ab ging. Dann wurden die oft zahlreichen »-su^ »r^N-». »-ruber berichtet ein Enkel des englischen Satirikers Sw'ft iemem ^agebuch. »,Als ich ihn zuerst sah, verriet ich zwar äußerlich kemerle Aufregung, muß aber doch bekennen, daß ich innerlich zagte... doch so h h fach war sein Wesen, daß ich mich bald ebenso ungezwungen fühlte wie er selbst... Seine Haltung war etwas gebeugt, seine Gestalt von mittlerer Größe und Stärke, das Haar fiel ihm nur noch in spärlichen Locken vom Scheitel herab.. .* Von den herrlichen Augen weiß der junge Swift kaum genug des Lobes zu sagen. Mit besonderem Interesse gedenkt er des Abschiedsbesuchs: Er klebte fein Bild in mein Stammbuch und schrieb mit eigener Hand die Verse darunter: „Was verkürzt mir die Zeit? Tätigkeit. Was macht sie unerträglich lang? Müßiggang. Was bring in Schulden? Harren und Dulden. Was macht gewinnen? Nicht lange besinnen. Was bringt zu Ehren? Sich wehren!" Auch zu Tisch lud er gern Gäste ein. Man aß gut, doch einfach. Ditz Unterhaltung galt künstlerischen, wissenschaftlichen ober aktuellen Fragen? als einmal irgendeine Klatscherei aufzukommen drohte, erhob sich der Herr Geheimbderath und herrschte die Betreffenden an: „Euren Schmutz kehrt bei euch zusammen, aber bringt ihn nicht mir ins Haus!" Nachmittags erging er sich gewöhnlich auf den schattigen Wegen vor seinem Gartenhaus, von dem Bettina von Arnim schrieb: „In deinem Garten ift’s so schön! Alle mein Gedanken sind Bienen, sie kommen aus deinem duftenden Garten zum Fenster hineingeflogen, bas ich mir geöffnet habe, unb setzen ba ihren Honig ab, ben sie in beinern blütenreichen Garten gesammelt haben. — Unb so spät ist es, nach Mitternacht schon, so kommen sie boch noch einzeln unb umsummen mich unb wecken mich aus bem Schlaf; unb bie Bienen beines Gartens unb bie Bienen beines Geistes zusammen untereinanber." Noch in seinen letzten Lebenstagen ging Goethe unter ben meist selbst gepflanzten Bäumen bahin, bie ihm ans Herz gewachsen waren, mit denen er sprach als mit Vertrauten: „Wachset wie in meinem Herzen, treibet in bie Luft hinein, benn ich grub viel Freub unb Schmerzen unter eure Wurzeln ein." Zuerst führte er seinen Haushalt mit Haushälterinnen, würbe jeboch später „bieser halben Wesen überbrüffig", wie bas ber Letzten ausgestellte Zeugnis bestätigt: „... für eine Köchin kann sie gelten unb ist zu Zeiten folgsam, höslich, sogar einschmeichelnb. Allein burch bie Ungleichheit ihres Betragens hat sie zuletzt sich unerträglich gemacht... Unruhig unb tückisch, verhetzt sie ihre Mitdienenben unb macht ihnen, wenn sie nicht mit ihr halten, bas Leben sauer. Unter anberen Untugenben hat sie noch bie, baß sie an ben Türen horcht." Dieses Zeugnis legte er ber Polizei vor mit bem Vermerk, daß diese Musterköchin ihr letztes Zeugnis zerrissen und dann bie Fetzen im ganzen Hause verstreut habe. Trotz aller Arbeit blieb bem Dichter noch Zeit zu einem Ritt nach Bel» nebere, Tiefurt ober Ettersburg. Die Abende widmete er zurückgezogen seinen Studien; in den letzten beiden Lebensjahren kam er auch nicht mehr zu ben Abendgesellschaften — zu denen die berühmtesten Gäste zählten — sondern ließ bie Freunde sich „da unten" in seinen Empfangsräumen einander unterhalten bei einem guten Trunk. Noch wenige Jahre vor seinem Tode bestellte sich der Dreiundachtzigjährige aus der Weimarer Bibliothek ein lateinisches Werk über bie Farbenlehre. Wenn er tränt war, nahm bie ganze Stabt Anteil daran. So schrieb Betty Wesselhöft an Zelter, ben Direktor ber Berliner Singatabemie: „Goethe ist sehr krank gewesen. Am Sonntag verbreitete sich hier bie Nachricht er sei um fünf Uhr nachmittags gestorben. Endlich kommt die Nachricht, daß er noch lebe, unb-bie Aerzte hoffen, bie Krise sei überftanben. Die ©lieber sinb schon kalt gewesen, mit einem Male hat bie kräftige Natur aber roieber bie Oberhanb gewonnen und sein erstes Verlangen war, daß Ulrike (Schwester von Goethes Schwiegertochter) ihm bas Haar kämmen unb in Ordnung bringen sollte. Dann verlangte er zu trinken, Wein ... Noch ein Lebenszeichen: er hat gefragt, ob sich nicht einige Personen nach ihm hätten erkundigen lassen, und die Zettel sehen wollen. — Ueber die Ignoranz der Aerzte soll er verschiedentlich gewütet und Hofarzt Dr. Reh b ein sein bescheiden Teil abgekriegt haben." Wenn er nicht auf bem Posten schien ober eine schöne Arbeit vorhatte, mußten in einem Nebenzimmer unsichtbare Musiker ein Quartett ober anbere „sanfte Melobien" spielen, so auch an seinem letzten Geburtstag, ben er vor nun hunbert Jahren feierte burch eine stille, einsame Ueberschau über seinen weiten arbeitsvollen Weg unb sein weiträumiges, unvergeßliches Werk, Gommerausflug in Oberbayern. Von Wilhelm fj a u f e n ft e i n. „Nun ging mir eine neue Welt auf. Ich näherte mich den Gebirgen, die sich nach und nach entwickelten. Benediktbeuern liegt köstlich und überraschend beim ersten Anblick. In einer fruchtbaren Fläche ein lang und breites ... Gebäude und ein hoher Felsrücken dahinter. Nun geht es hinauf zum Kochelfee, noch höher ins Gebirge zum Walchensee. Hier begrüßte ich die ersten beschneiten Gipfel, und auf meine Verwunderung, schon so nahe bei den Schneebergen zu sein, vernahm ich, daß es gestern in dieser Gegend gedonnert, geblitzt und auf den Bergen geschneit habe..." Goethe, Italienische Reise. Aus der Ferne gesehen, schien der Berg, der die Landschaft am Starnbergersee regierte, ein zauberisches Spiel der Natur zu sein. Ein slacher Bogen schweifte sich weit hin als Umriß; darunter breitete sich senkrecht ein Felshang mit unzähligen Steinfurchen. Dies war die Benediktenwand. Aber nun vom See aus, schien sie eine Draperie aus zerknitterter Seide — nun und schon immer, so oft das Licht ihr auf eine gewisse zweideutige Weise begegnete, die Lüfte sie mit zärtlich verwandelndem Atem behauchten. So ward jene Steinwand ein ungeheuerer und fein gefältelter Vorhang aus gewichtlos leichtem Stoff, der den mürben Schimmer des Verjährten trug. Lilagrauer Vorhang aus dem Himmel gehängt, um das gesättigte, das ruhig-wirkliche Schauspiel des Südens zu verbergen ... Ich las wieder die Italienische Reife. Dort drüben war er gefahren. Die Benediktenwand war ihm zur Linken gestanden. Das weitläufig-uralte Kloster Benediktbeuern mit Zwiebeltürmen, Obstgärten, gelben Putz- mauern war ihm zur Rechten geblieben. Den Blick zwischen dem Gebirge und der Abtei teilend und weder ihr noch ihm völlig hingegeben, da ihm Gebirg und Klerisei gleich unbehaglich waren — so hatte er den Weg zum Kochelsee und Walchensee nach Mittenwald und Innsbruck genommen, nichts im Herzen als die Flucht aus dem verwunschenen Norden und den Drang nach einem gänzlich natürlichen, befreiend wirklichen Süden... Und wir zwei hier am See, im Bann der Wand dort drüben, die den Weg nach Süden verlegte — wir hatten mit einem Mal so heftig Lust, ein Stück des Goethischen Weges mit Augen und Sohlen nachzuzeichnen. Ein kleines Stück! So brachen wir auf. Die Bahn trug uns durch Voralpenland, wo dunkelbraune Torfgruben neben blühenden Moorwiefen scharf eingeschnit- ten waren. Die steinige Wirklichkeit des Berges wurde immer auffälliger. Lotrecht, hart und klüftig stand er uns auf, über sanft ansteigenden Alpenwiesen, die abwärts von niedrigem Waldwuchs gesäumt waren. Und vollends war nun das Wunder da — jetzt erst recht. Da war nun nicht ein Vorhang aus alter zerknitterter Seide, sondern ein steinerner Block, breit, etwas ausgehöhlt und tausendfach zerfurcht von oben nach unten; körperlich mit sichtbarer Schwere; abenteuerlich vergrößert und mit der erdrückenden Wucht plastischer Gegenwart! Doch so, wie er als Wirklichkeit uns jetzt offenbart wurde, schien er noch wunderbarer und unbegreiflicher! Oh, über das Wunder des Nahen und Wirklichen! Sommer um Sommer, so fiel mir jetzt ein, war ich auf dieser flach- geschwungenen Kuppe gestanden, ganz vorne an der Kante, wo die Höhe aus dem Berggras in den nackten Stein umgebrochen ist; wieder und wieder war ich in den steinernen Spalten herumgekrochen — an jenem kleinen Kreuz vorbei, das eines Abgestürzten gedenkt; mit Zehen und Fersen, mit Händen und Knien hatte ich den körperlichen Widerstand des Berges erprobt. Aber mir war zumute, als begriffe ich die Existenz des Gebirges heute minder als je, und in der deutlichen Nähe noch weniger als aus der verwirrenden Ferne, die aus dem Stein eine Phantasmagorie hatte machen wollen. O sonderbarste aller späten Erfahrungen: von Tag zu Tag erstaunlicher wird das Rätsel der Wirklichkeit — ein Rätsel, dem keine Wissenschaft würde abhelsen können! Wir stiegen nicht aus, fuhren vorbei. Und nicht der Berg, sondern das Kloster zu seinen Füßen sollte unseren ein wenig müden Herzen das letzte Ziel am Rückweg dieses Ausflugs fein. Jetzt lagen beide fchon hinter uns. Näher waren nun Herzogsftand und Heimgarten; der Gipfel, der zackige Grad zwischen ihnen, der großartige Sturz der Felswände gegen Norden füllten das weite Feld unserer Blicke. Und alte Freunde hoher Berge, wie wir waren, sahen wir einander fragend an: welche Phantasie der Erde, auf einmal in Stein« wänden von tausend Metern einen Aufstand zu unternehmen, senkrecht, wild! Sind Berge nicht Träume? In Kochel bestiegen wir das Postautomobil. Wir stürmten. Der Kochelsee erschien, und so oft wir ihn von den je nach den köstlichen Windungen der neuen Kochelstraße immer überraschend wechselnden Bastionen erblicken konnten, tief unten im Tal, klang in unseren Gedanken jenes: „Thalatta — Thalatta" der Griechen Tenophons mit.' Sie zwar sahen das blaue Meer; doch unser See wie flüssiger Smaragd war märchenhaft genug, und ein fast gimmetrotes Ufer gegen Schlehdorf lieh ihm einen freundlichen Reiz. War hier, nach einer Stunde, die eine Minute schien, schon die Höhe des Passes? Ja, denn auf der neuen Seite drunten lag der Walchenfee. Er nun war blau, er schien mit der homerischen Bläue, der purpurblauen des Mittelmeers gefärbt. Und wirklich war er so blau, wie die «infame Raserei des alten Lovis Corinth ihn gemalt hatte — wahrhaftig war er die südlich blaue Vision eines leidenschaftlichen Skythen vom Rande Rußlands: er selbst, der See, und die Kränze von Fichtenwäldern um ihn herum. Sah man pedantisch hin, so war dies Blaue alles stumpfer. Aber fo unmöglich, wie es war, pedantisch hinzusehen, so unvermeidlich war es, begeistert zu schauen, trunken zu schauen! Das Blut des toten Malers suhr uns in die schwächeren Adern und trieb uns den Enthusiasmus feiner leidenschaftlich blauen Gesichte in die Augen. Wir hatten seine Bilder vom Walchensee gesehen, jene mit Ultramarin hingesegten Bilder! Nun mußten wir den See durch jene Bilder sehen. Und mehr: konnte es nicht fein, daß die schöpferische Kraft jener blauen Bilder den See selbst verwandelt hatte? Das schauende Auge des Genies verändert die Welt! Wir sahen in diesem Augenblick die Seele des toten Malers, der hier sterblich gelebt hatte, als einen blau glühenden Geist über die Wasser und Wälder fegen ... Nun entwich er und begrub sich im unermeßlichen Grunde des Sees und fchimmerte wieder im glänzendweißen Atlas der Karwendelberge... Wie wir die alte Straße nach Kochel nieberftiegen, wurde der blaue Himmel Oberbayerns schwarz. Das Firmament zerbrach in einem Gewitter. Um den Bahnzug hingen schiefe Regengüsse wie nasse Teppiche. Blitze schienen ihn zu zerreißen, es knallte vor den triefenden Scheiben. Als neu die Sonne schien, sahen wir einander in den nassen Wiesen um Benediktbeuern Herumstapfen und Blumen brechen — vellchenfcirbene Glockenblumen, Arnika, gelb wie Sonnenblumen, karminrote Wttsen- orchideen. In einem Torfmoorgraben lag eine Kupfernatter an der warmen Sonne. Wir träumten in der Sonne. Wir sahen all dies Schöne und verstanden nichts. Dann saßen wir in der Klosterkirche. Da war eine schwere Renaissance bargetan; eine länbliche ungefüge und ländlich schwunglose Pracht aus staubig-weißem Stuck. Gipsene Figuren in halber Höhe hatten unglaubwürdig dicke Köpfe. Alte Prozessionsfahnen aus weinroter Seide auf hohen Stangen an den erdbraunen Betbänken waren köstlich. Auf einem Seitenaltar standen Religuiarien mit barock geschnärkelten Rahmen aus Silber, und unter schützenden Scheiben waren Splitter von Gebeinen aufgesteckt wie seltene Schmetterlinge. Wir lasen Sancti Achatii — Sancti Severini — Sancti Georgii, «stücke von den Gebeinen der Heiligen Achaz, Severin, Georg! Hinten seitwärts war eine Kapelle. Der heilige Johann Nepomuk stand barock bewegt, schier flatternd; er hatte das zugleich kunsthafte und übertrieben wirkliche Gesicht einer Marionette. Bunt gestikulierte seine Devotion aus goldener Wolke, lieber ihm hob sich ein Fenster; darin leuchtete ein frisches Stück des blanken, blauen Himmels und das grün« gofbne Laub einer Linde unter der Sonne. Dem heiligen Nepomuk gegenüber hing der Herr am Kreuz. Sein Herz lag ihm als silberner Schild in einer Kette auf der blutigen Brust. Beim Ausgang am anderen Ende des Schiffes war eine andere Kapelle angebaut. Sie war lauter blühendes Rokoko, und wie freuten wir uns doch, das geistlich« Schauspiel dieser Kapelle zum Ende so leicht, so souverän, so bezaubernd zu finden! Ein schneeweißes Oval war rings mit rotvioletten Pfeilern und 'Säulen bestellt, denen blütenweiße Engel anflogen, lieber den hohen Fensterbogen faßen Agraffen aus Stuck, weih und golden. Das Fresko der Kuppel war mit einem Ballett von Engeln ausgeftattet. An einem Altar wallte himmelblau und silbern ein Vorhang aus Stuck herab. Wir gingen in den Hof. Er war ein weites Rechteck in hellem Ocker. Hoch in der Nische stand Herkules. In der Mitte des Hofes stieg kerzengerade empor eine weiß und blau geringelte Fahnenstange; sie hatte die Farben des Landes, des Himmels, der Maria. Akazien, Hollunder, Rotdorn blühten mit phantastischem Schwall; Blutbuchen leuchteten mit durchscheinendem Rot unter den goldenen Strahlen des Abends. Durch ein Hoftor, unter dem Knechte Bier aus Steintrügen tränten, sahen wir ungeschirrte Pferde im Grasgarten traben. Wir nahmen den Heimweg durch den Kirchhof. Er duftete von unzähligen trapprot blühenden Bauernnetten, brannte von Mohn und Feuerlilien, war lieblich blau von Vergißmeinnicht, lieber den getaltten Friedhofsmauern nickten die Wipfel der Apfelbäume. Der seltsame Tag, reich an Wunderlichem, an Begeisterung, an Zauber und an Wirklichteit... Wir blickten abschiednehmend an die Beneditten- wand hinauf; nun schien sie freilich einfach das, was sie war, und gar nichts anderes. Vielleicht aber, daß morgen wieder der Zauber anfinge, all dies Unbegreifliche, ewig sich Verwandelnde des Nordens; und wir erwogen eine Fahrt über den Brenner in die ewige, rein« Gewißheit des Südens. Sturm über ßubo. Bon E. v. Ungern-Sternberg. Das Meer, in dem einst die Butaniere ihre tühnen Piratenstreiche ausführten, in dem die verborgenen, palmenumraufchten Schatzinseln liegen^ das Karibische Meer und der Golf von Mexito, in denen die Gold- und Silberflotten treusten, liegt auch heute noch fern vom gewohnten Alltag. An seinen Küsten wartet das Abenteuer. In den heißen Tropen- nächten, wenn die Wogen mit glänzenden Phosphorlichtern an das Ufer branden und die Sterne wie brillantene Ampeln sich auf die Erde fenten, tritt das Unerwartete ober das Wunder aus der Verborgenheit hervor. Es geschieht immer etwas und sei es auch nur im Land der Träume, denn die Sinne unterscheiden nicht immer streng zwischen Wirtlichteit und Phantasie, die Nerven stumpfen entweder während der Sonnenglut des Tages ab ober sie werben von einer fonberbaren Feinfühligkeit und erfassen Dinge, bie gar nicht in ihrem gewohnten Bereiche liegen. Die schneeweißen Dampfer ber Fruit-Compagnie aus New Orleans, bie schmutzigen, ftinfenben Petroleumschiffe aus Maracaibo, vo'rnehme Passagierbampfer unb allerlei Tramps, bie unter ihren Luken manches Geheimnis bergen, burchkreuzen tagtäglich den Golf von Mexiko. Ihre Rauchfahnen werfen lange Schatten über bas Wasser unb ihre Spitzen berühren irgenbeine Negerhütte am Snfelufer ober lagern eine bünne Rußschicht über ben tiefgrünen Zuckerrohrpslanzungen ab. In ben heißen ßänbern am Golf von Mexiko ist immer Revolution. Nicht bie häßliche, haßerfüllte Revolution norbifdjer Großstäbte, wenn hungrige Volksmafsen Lebensmittelgeschäfte plünbern, unb Schliffe hinter Straßenbarrikaden knallen, nein, die Revolutionäre dort pflegen Romantiker unb Despe'rabos zu fein, Typen aus einem Douglas-Fairbanks-Film, entroeber Generäle in golbftrotjenben Uniformen unb mit breiten Helbengesten ober mit allzuviel Temperament, wie z. B. General S a n b i n o in Nikaragua, ber mit einer Schar von Freibeutern sich in bie unzulänglichen Urroälber zurückgezogen hat unb auf eigene Hanb mit ben Marinetruppen ber Vereinigten Staaten unb mit bem von ihnen eingefetzten Präfibenten Krieg führt. Heute ist Revolution auf ber Zucker- unb Tabaksiiste! Cuba. Unb roieber, wie vor zwei Jahren auf ber berühmten Likörinfel Curaxao, von mo der venezolanische Revolutionsgeneral Urbano, nachdem er das holländische Waffendepot überfallen und die Garnison überwältigt hatte, inen Ueberfall auf Cumana unternahm, während sein Gesährte General Delgado-Chalbaud mit dem in Gdingen gescharterten Hamburger Dampfer „Falke" ihm mit Waffen und Abenteurern zu Hilfe eilte, wieder uie damals sind deutsche Dampfer in das revolutionäre Abenteuer auf Luba verwickelt. Im Hasen von Gibara, an der Ostkllste, so wird aus Havana und aus Neuyork gemeldet, hat ein deutsches Schiff, das bald .Friedrich II.", bald „Wilhelm II." genannt wird, Maschinengewehre und '.ufständische Truppen gelandet und hat den Revolutionären geholfen, die Verbindung mit der cubanischen Provinz Santa Clara herzustellen. Ein zweites deutsches Expeditionsschiff soll im Hafen von Neuyork von den amerikanischen Behörden beschlagnahmt worden [ein. Das sind Kor- arenstreiche, die böse Folgen haben können. In der prächtigen Hauptstadt Havana waren im Laufe der letzten Söhre Revolten gegen den Präsidenten Machado alltägliche Vorkommrisse geworden. Studenten verbarrikadierten sich nach spanischem Muster in der Universität und beschossen die Polizei. Unzufriedene Offiziere, die n ihrem Herzen das Blut von Vaterland'serrettern aufwallen 'spürten, chlossen sich ihnen an. Die auf den Zuckerplantagen brotlos gewordenen Jeane revoltierten, Hafenarbeiter streikten, es wurde sehr viel geschossen rnd meistens vorbeigeschossen, kurz, es war das übliche Bild füdamerika- üscher Revolutionen. In den Hafenkneipen von Havana, wo der Zucker- Iiehrschnaps von gierigen Lippen getrtmken wird, und schwarzäugige »rauen des Elendviertels vor fremden Matrosen die „Culebra" tanzen, üo Gitarren klimpern und die Messer lose in der Scheide sitzen, rekrutiert ich die Armee revolutionärer Desperados. Trotz Belagerungszustand und tarten Polizeimaßnahmen gelingt es, Freiwillige zu werben, die Leute in bewasfnen und sie aus der Stadt hinaus zu. schmuggeln. In irgend- liner Hacienda, auf einer Zucker- oder Tabakplantage, warten die Werbe- tffiziere, um den „glorreichen" Führer des Aufstandes, der entweder ein kxpräfident oder ein hoher General zu fein pflegt, (eine Armee zuzuführen. ||t)ie erste Aufgabe der revolutionären Vaterlandserlöser von der „Tyrannei" des gegenwärtigen Präsidenten General Machado, besteht im Requi- tieren. Trupps von zweifelhaften Gestalten unter Führung eines betreßten Üsfiziers erscheinen auf den großen Pflanzungen und Gütern oder in len reichen Tabaksniederlagen in Vuelta Abajo und verlangen im Namen ler Freiheit und des Patriotismus Geld, Lebensrnittel und Menschen- nateriaL Viele Neger und Kreolen flüchten in unzugängliche Wald- Iherftede, um sich nicht für die Revolution pressen zu lassen. Auch Regie- tungstruppen streifen durch das Land, und es kommt vor, daß sie das, aas die Revolutionäre übrig gelassen haben, nochmals requirieren und um zweitenmal eine panikartige Flucht in die Zuckerrohrfelder veranlassen. Zuweilen kommt es zu einem Scharmützel zwischen beiden Parteien. k-> wird viel geknallt, aber die Zahl der Opfer ist gering, denn man zieht is vor, während des Rückzuges zu schießen. Beide Teile, Expräsident Nenocal mit seinen Generälen, d. h. die Spitzen des Aufstandes und lie Regierung, melden dann gewaltige Siege. Da in Havana und den *jinberen Städten eine strenge Zensur über den Nachrichten wacht, erfährt man wenig Zuverlässiges über den Verlauf der „Schlachten". Wie die meisten Staaten Südamerikas durchlebt auch Cuba eine chwere wirtschaftliche Krise. Durch den Pariser Frieden hat die Insel, 'ach der Niederlage Spaniens, zwar ihre Selbständigkeit erhalten, aber Washington hat sich das Recht der Intervention im Falle von Unruhen mrbehalten, vor allem aber ist Nordamerika der Abnehmer der reichen 'Produkte Cubas, des Zuckers und des Tabaks. Die Zuckerpreise sind tcfaUen, die Produktion ist kontingentiert, und Brotlosigkeit der Arbeiter rt die Folge. Das ist. der beste Nährboden für Revolutionen! Nur wer die Pracht der großen Antilleninsel kennt, wer den Luxus haoanas gesehen und in das grüne Schlangenparadies der Pflanzungen • tingebrungen ist, kann sich ein richtiges Bilb von einem Ausstande in Cuba machen. Unwillkürlich fallen einem dabei Freibeutergeschichten und Raubzüge spanischer Konquistadoren ein. Phrasen moderner Wirtschasts- «uffassung, kommunistische Losungen und ein Wortschwall über demokratische Freiheiten können darüber nicht Hinwegtäuschen. Es ist alles so ganz cnbers als das Gewohnte. Am Abend berauschen sich die Sinne am Duft ier in Fruchtbarkeit verwesenden Blumen, und die Gedanken irren als Lachtgespenster in die schwüle Dunkelheit. Es ist noch immer sehr heiß. I diesige Fledermäuse fliegen lautlos und ziellos herum. Feuersliegen zucken lurch die Luft wie kleine Phosphorblitze. Es heißt, daß ebenso wie in \ Haiti, vielleicht ganz nahe in der Nachbarschaft, die Nachkommen der ktegersklaven auf einer Lichtung im Waldesdickicht dem grausamen und «rheimnisvollen Wodu-Kultus huldigen, vielleicht ist die schwarze Frau ' mit den aufgeworfenen, lachenden Lippen und den weißen Zähnen, die ien Kaffee auf dem Lagerfeuer brüht, eine Marnalei, der die Schlangen Nhorchen. Man glaubt, den eklen Moschusduft einzuatmen, der den Leibern Mancher Giftschlangen anhaftet, man glaubt, die toddrohende, boshafte Pupille des Reptils auf sich gerichtet zu sehen, aber es war nur ein Echatten, der über den Boden huscht, und rings herum ist wieder das schweigen der Tropennacht. Am Morgen flattern Scharen von Papa- ??ien um die Palmen, und die ganze Umgebung ist in Flammen und h old getaucht, Völker von Schmetterlingen und Insekten suchen die Blu- f iten. Die Mauserpistole liegt auf den Knien, man kann nicht wissen, was die nächste Stunde bringt. Die Kontraste auf der Insel sind sehr große. Es gibt prunkvolle Villen, d-e mit dem Luxus von Alabins Höhle ausgestattet sind, in denen vor- nsfjme Besitzer eine bezaubernde Gastfreundschaft ausüben. Es gibt [■ nebenan mit Maisstroh bedeckte, ärmliche Hütten, in denen Peone und f rbige Arbeiter ein elendes Dasein führen, aber über allen wölbt sich derselbe tiefblaue Himmel und alle umgibt dieselbe tropische Pracht. Cs 't eine unwirkliche Dekoration für eine Revolution, die den Charakter eines etwas grausamen Abenteuers hat. Vielleicht tauchen, wenn der Auf- fihr anbauert, in den nächsten Tagen nordamerikanische Kriegsschnse am rvrizonte auf und stellen, wie sie das schon häufig getan haben, die Urd- i'ung in den Staaten am Golf von Mexiko wieder her. Die nobamerifa= Jjfcfyen Besitzer der cubanischen Plantagen und Faktoreien haben kein "«rständnis für die Romantik einer südamerikanischen Revolution. Der Kampf der Tertia. Erzählung von Wilhelm Speyer. Alle Rechte beim Rowohlt Verlag, Berlin W 35. , lFortletzung.) Kurz nach acht Uhr, als bereits alle Knötzingianer die elterlichen Häuser verlassen hatten, begannen die Tertianer als Katzenbettler an die Türen der Stadt zu klopfen. „Wir sind gekommen, die Katzen abzuholen", sagten sie, und sie entfalteten umständlich ihre Kartosfelsäcke. „Ihr?" fragten die Leute mißtrauisch. „Was habt ihr denn damit zu tun?" „Es ist uns gelungen, den Auftrag noch in letzter Stunde zu bekommen", antworteten die Kaufleute, und sie schwenkten ihre Säcke. „Wir haben nämlich in unserem Laboratorium einen Gaskasten. Da stecken wir die tollwütigen Tiere alle hinein. Da stirbt Ihre Katze einen sehr schönen und anständigen Tod." „Davon haben wir gar nichts vernommen", antworteten die Leute. „Unsere Söhne sollten das hier in der Kiesgrube machen, und sie sollten für jede Katze zwanzig Pfennig bekommen. Jetzt kommt ihr mit eurem Gaskasten und wollt uns prellen. Das gibt’s nicht." „Bitte sehr", sagten die Tertianer gekränkt. „Wir haben eine Abmachung mit der Behörde getroffen, daß wir sogar fünfzig Pfennig bezahlen. Uns macht das nämlich Spaß, die Katzen zu vergiftenl Wir können da wissenschaftliche Experimente vornehmen, die für die ganze Menschheit von größtem Wert sind. Es handelt sich da um gewisse radioaktive Ionen-Kathoden-Strahlen oder Strahlen-Jonen-Kathoden, wie Sie wollen..." Und die Tertianer öffneten ihre Säcke am Boden, als solle die betreffende Katze, die zu verhaften war, zur Feststellung ihrer radio-aktiven Ionen-Kathoden-Strahlen da von selber hereinlaufen. Die Leute traten einen Schritt näher. „So? Ihr könnt also wirklich für eure Radiosache da fünfzig Pfennige pro Katzenkopf bezahlen? Und wenn man zwei Katzen abliefert, fo zahlt ihr gar eine Mark?" „Jawohl", antworteten die Tertianer, und sie machten Miez-Miez- Miez !‘ „Für zwei Katzen zahlen wir eine Mark und für drei eine Mark und fünfzig ... Miez-Miez-Miez!" „Hm", machten die Leute, und sie legten die fünf Finger an die Backe, und sie dachten über das Angebot nach. Dann schlurften sie in ihre Stuben, und dort machten sie ihrerseits ,Miez-Miez-Miez<, und dann tarnen sie an und hatten die Katze oder die Katze und ihre Jungen auf dem Arm oder auf der Schulter, wo sie zärtlich schnurrend ihre Nasen gegen die Schläfen ihrer Herren stießen. „Zeig' mal erst das Geld", sagten die Leute. Die Tertianer zeigten ihre fünf Zehn-Pfennig-Stücke auf der flachen Hand. Die Leute zauderten immer noch mit ihren Katzen auf dem Arm oder auf den Schultern. „Wart ihr es nicht", fragten sie mißtrauisch, „die hier unsere Häuser mit blutroter Farbe beschmiert haben, daß man es gar nicht wegbekammt und womöglich jahrelang warten muß, bis der Regen und der Schnee und die Winde es einmal ab waschen werden: Seid gut zu den Tieren?" Die Tertianer waren ganz entrüstet. „Das waren wir doch nicht! Wir werden doch nicht so gemein sein und hier die schönen Häuser der wohlhabenden Bürger mit solch einem albernen Satz beschmieren! Das waren dumme Jungens aus unserer Schule, die viel jünger sind als wir und kein wissenschaftliches Interesse für höhere Dinge wie das Töten und dergleichen haben." „Dann in Gottes Namen", tagten die Leute mit leisem Groll. „Die Miezi war eine gute Mausejägerin. Und jetzt soll sie vergiftet werden. Es könnte einen fast jammern um das schöne Tier!" „Was sein muß, muß fein", sagten die Tertianer, und schon hatten sie ihre Beute im Sack. Mit einem Handgriff war der Sack abgeschnürt. Mochten die da drinnen nur immer toben! „Na, und das Geld?" fragten die Leute aus Maineweh. „Hier", sagten die Tertianer, und sie zählten als ehrliche Kaufleute auf, was sie schuldig waren. Mit einem unwilligen Seufzer entschwanden die Leute im Dunkel ihrer Häuser. Oder sie sagten: „Da oben bei Möller ist auch noch eine! Da geh du man hin, wenn du noch eine für deine Wissenschaft taufen willst!" „Dante schön", sagte der Tertianer, und er lud sich den fürchterlich lebendigen Sack auf. „Ich weiß, daß da oben eine Katze ist. Wir haben von der Behörde ein Verzeichnis aller Katzen betommen." Es war entsetzlich, schon mit einer Katze so wandern zu müssen! Die Tertianer hatten daheim Experimente mit Karlemann im Sack gemacht. Karlemann hatte gerast, als sei er nun wahrhaftig tobsüchtig geworden. Wie würde es erst mit zehn werden? Aber man ist ein Handelsmann! Das Leben ist oft schwer, die Straße beschwerlich, das Vieh widerborstig, — man tut (eine Pflicht und punftum. Ja, bei Möllers oben, — da war überhaupt keine Katze im Haus! Nein, wirklich nicht! Der Tertianer zieht die Stirn in strenge Falten. „Hören Sie, Frau Möller, Sie dürfen uns nicht anfchwindeln! Wir sind jetzt für Sie Behörde, verstehen Sie? Sie haben ja eine Katze im Haus! Wir haben ein Verzeichnis von allen Katzen in der Stadt. Ihr Name steht auch darin." Und der Tertianer holt tatsächlich ein Verzeichnis aus der Tasche, denn die Bande hat sich wirklich mit Falks Hilfe eines angelegt. Dieses Verzeichnis macht einen überwältigenden Eindruck. Aber es stießen blutige Tränen, und Seufzer und Weinen geht durch das Haus. „Nehmen Sie doch Vernunft an, Frau Möller! Es geht doch um die menschliche Gesundheit und Wissenschast! Das müssen Sie doch einsehen!" „Das steht man ja auch ein! Aber mein Mausemann ist doch nun einmal gar nicht krank! So ein liebes, sanftes Vieh!" „Das sagen Sie so, Frau Möller! Alle Katzen im Land sind toll, oder ste können es jeden Augenblick werden! Und was soll der Herr Oberamtmann und die Menschheit dazu sagen, wenn Sie Ihre Katze nicht abliefern wollen? Der Herr Oberamtmann meint es doch so gut mit der Menschheit! Ich sage Ihnen, der hat deshalb einen Stein im Brett bei der Regierung, weil er hier für die Gesundheit im Bezirk so trefflich sorgt! Und außerdem zahle ich fünfzig Pfennig pro Katze." „Das mit den fünfzig Pfennigen wäre ja ganz gut, — aber auf die Gesundheit, da huste ich, wenn ich meinen armen Mausemann vergiften soll, — merk dir das mal!" „Aber, Frau Möller, da brauchen Sie doch nicht gleich zu husten! Ihre Katze stirbt doch einen so schönen Tod! In den Gaskasten, und hin ist hi"!" ™ „ „Und wer soll hier im Land die Mäuse fangen? Fängt eure Wissenschaft Mäuse? Kriecht eure Gesundheit hinter die Fässer im Keller? Nein, ist das ein Jammer!" „Es wird schon wieder neue Katzen geben, Frau Möller! Miez-Mrez- Miez!" . „Wie kann es denn neue Katzen im Lande geben, du Doskopf, wenn die alten alle in euren Gaskasten steigen?" schreit Frau Möller zornig. „Macht man bei euch Katzen, wie man hier Stiefel macht?" „Fünf Kilometer von hier, Frau Möller, da ist doch der andere Bezirk, wo die Katzen nicht tollwütig sind, — dort werden später neue Katzen angekauft. Die waren diesmal im Frühjahr sehr rührig, weil man ihnen gesagt hat, daß sie im Herbst mächtig im Preise steigen werden!" „ „Ihr seid mir die Rechten! Erst schreibt ihr an alle Hauser: .Seid gut zu den Tieren!' Das war fast recht, und man hätte seine Freude daran haben können, — und jetzt zahlt ihr fünfzig Pfennige pro Katzentod!" Der Tertianer ist beleidigt. „Jetzt machen Sie bitte mal Schluß, Frau Möller! Ich bin hier Behörde, und Sie sehen ja, daß auch die andern ihre Viecher abgeliefert haben. Schließlich ist eine Katze nur eine Katze, da braucht man nicht so viel Umstände damit zu machen, und ich habe Überhaupt heute noch mehr zu tun, als mich mit Ihnen zu unterhalten!" Und schwupps ist die Katze im Sack, die fünfzig Pfennige sind bezahlt, und der Jammer wird unterbrochen mit einem: „Das wäre ja noch schöner!" Aber wie der Tertianer die Katze auf dem Buckel hat, sagt er noch zum Trost: „Vielleicht sehen Sie Ihre Katze noch mal wieder, Frau Möller! Wenn auch nicht auf Erden, so doch im Himmel!" Worauf die entrüstete Antwort ertönt: „Also — so was zu sagen, das ist doch eine Gemeinheit!" Schallend fliegt die Tür zu, man hört Schimpfen und Weinen von Erwachsenen und von Kindern. Ader der herzlose Tertianer draußen mit dem immer schwerer zu zügelnden Sack auf dem Rücken lacht nur gräßlich und roh. Schon hatten die Schnellsten und Kräftigsten unter den Katzenkäufern ihre Säcke voll oder halbvoll. War die lebendige Fracht allzu ungeftütp, so daß der Junge die Krallen und Bisse nicht mehr zu ertragen vermochte, so lief er wohl auch mit nur halb gefülltem Sack zum Hauptquartier in das Wäldchen. Es bestand ja immer die Gefahr, daß die Tiere in ihrem Gefängnis ersticken würden. Zwar hatte man allenthalben Luftlöcher geschaffen, und das Leben der Katzen ist zäh, aber die scharfen Krallen der fast rasenden Tiere erweiterten diese Löcher, und da sie in ihrem höllischen Dunkel noch wütende Kämpfe gegeneinander ausfochten, tat die allergrößte Eile not. Kaum waren die Katzenkäufer im Birkenwäldchen eingetroffen, als ihnen Reppert und der Häuptling mit sachverständigen Griffen die Säcke von den blutenden Rücken rissen und den Inhalt, als fei es Häcksel in die bereitstehenden Kisten entleerten. Auch dort noch herrschte eine infernalische Enge, aber die Gefahr des Erstickungstodes war für die Tiere beseitigt, denn es waren oben die Latten in einem Abstand von je drei Zentimeter auf den Kiftenrand genagelt, so daß ein reichlicher Zustrom frischer Luft ermöglicht wurde. Auch der Häuptling und Reppert bluteten von Bissen und Krallen; aber keiner von allen achtete dessen. Kaum war einer von der Schlachtfront mit feinen aufsässigen Beutestücken angelangt, so nahm er aus der Feldflasche einen Schluck Milch, die sorgfältig in der Quelle gekühlt worden war, und in Karriere ging es keuchend und fröhlich wieder zurück in die Schlacht! War aber eine Kiste gefüllt, so wurde sie auf den Beiwagen eines Motorrades verladen und in rasender Fahrt über Stock und Stein nach dem Schulstaat verfrachtet, in den Zwinger im Walde, das Asyl der gequälten Kreaturen. Die Schreie der Katzen während der Fahrt übertönten das Knattern der Mokore. Die Hunde aus allen Dörfern, die sie passierten, rissen sich blutig an ihren Ketten. So war ein Pendeldienst zwischen dem Hauptquartier und dem Zwinger eingerichtet worden. Es standen ihnen drei Motorräder zur Verfügung, mit je einem Beiwagen. / Bald jedoch zeigte es sich, daß sie zu gering an Zahl waren. Es mußten ständig zwei Mann, der Große Kurfürst und Reppert, im Hauptquartier verbleiben, drei jagten auf den Motorrädern hin und her, und es wurde für den Fall eines feindlichen Einbruches ein fliegendes Hilfskorps von fünf der Stärksten gebildet, die sich an der Stadtgrenze bereit hielten. Zwar liefen von diesem Korps, solange es noch untätig war, die Schnellsten den aus der Schlacht Zurückkehrenden entgegen, um ihnen die Last abzunehmen oder sie beim nächsten Male wohl auch abzulösen, wenn der Träger allzu sehr keuchte und zu erliegen drohte, — alles in allem aber büeben ihnen nicht mehr als fünfzehn Katzenkäufer übrig. Auch waren die Hunde der Tertia störend. Sie gerieten in eine fürchterliche Aufregung. Sie sprangen den Sackträgern entgegen, sie wollten ihnen die Tierbeute von den Schultern reißen, sie stürzten sich auf die Kisten und winselten und bellten, und kein Machtwort tonnte sie zur Ruhe bringen. Es war deutlich, daß sie Schrecken vor den Tieren in ihren Gefängnissen empfanden. Aber auch das Bestreben, ihnen und ihren Herren zu helfen, wurde sichtbar. Doch schufen sie Verwirrung, und sie erhöhten die Erregung. Dennoch stand die Schlacht bis zehn Uhr morgens gut. Man konnte zufrieden fein. Es fand keine feindliche Einwirkung von außen statt. Man. hatte schon einen Teil der Tiere gerettet, und die Beute wuchs von. Minute zu Minute, denn die Käufer hatten allmählich Routine bekommen, sie ließen sich auf keine langen Gespräche mehr ein, sondern sie forderten barsch, was ihnen von Amts wegen zukäme. Um halb elf Uhr aber fanden die ersten feindlichen Angriffe statt. In der Schule der Knötzingianer war das Gerücht entstanden, daß bk Tertianer heimtückischerweise in die Stadt eingebrochen seien und sich amtliche Befugnisse anmaßten. Da waren die Verwegensten aus bient Unterricht fortgelaufen, um die Wahrheit dieses Gerüchtes zu erkunden. Otto Kirchholtes sah mtt seinem Sack auf dem Rücken an einer Straßenecke drei Jungens, die ihm drohend entgegentraten. Sogleich legti Otto Kirchholtes feinen Sack auf den Erdboden. Er stellte sich in Boxer- stellung auf. Er ging sogleich zum Angriff über. In wenigen Augenblicken taumelte der Stärkste von den dreien mit einem fast blödsinnige» Gesichtsausdruck gegen di« Hauswand. Er hielt die gekrümmte Hand unter die Nase. Er mußte Nasenblut einsammeln anstatt der Katzen. Di« beiden andern sahen entrüstet, mit offenen Mündern und gelähmte» Armen, dem engelsschönen Knaben zu, wie er sich den Sack auf die Schultern lud und gemählich wie ein Lastträger daoonschritt. Zu derselben Zeit bekam Borst die ersten Stockschläge. Borst war entschlossen, die Niederlage wieder autzumachen, die er von seinem eigene» Hemd erlitten hatte. Er zog fein Holzschwert, er fletschte die Zähne vor Wut und vor Angst, er stand in einer Haltung sinnloser Kampfbereitschaft einer Ueberzahl von Angreifern gegenüber, von denen der Schwächste genügt hätte, ihn zu überwältigen. Man lachte ihm dicht ins Gesicht. „Seht den Affen!" riefen sie, und sie entrissen ihm im Nu seine Katzen. Mit einer Bewegung des Spanns, als fei es ein Fußball, schleuderte der eine von den Stadtschülern den Katzensack «in paar Meter weiter. Da zog Borst seine Torpedopfeife. Das Signal ertönte. Sogleich erklangen in den benachbarten Straßen Rufe. „Wir kommen! — Kommen!" Die Knötzingianer ergriffen schnell den Sack. Sie liefen mit ihm davon. Aber sie liefen geradezu in ihr Verderben. Denn wie ein Un> gerollter fegte das Hilfskorps durch die Straßen, in Sporthosen und Leibchen, in einer Reihe, Arm in Arm, friedliche Passanten überrennend! Ehe die Knötzingianer überhaupt begriffen hatten, was mit ihnen geschah, war ihnen die Katzenbeute entrissen worden! Dafür hatten sie aber, zum Ausgleich ihres Verlustes, ein paar Fäuste ins Gesicht bekommen... Das Hilfskorps entschwand, mit Borst in der Mitte. Während sie dem Hauptquartier zueilten, lachten sie alle erhitzt und froh, und sie lobten Borst, der schnell und geschickt das verabredete Signal gegeben hatte. „Das haft du gut gemacht, Kleiner!" riefen sie ihm beim Laufen zll. Borst erglühte. Er hatte schon gefürchtet, sie könnten ihn für feige halten! Und er war doch gerade zum erstenmal in seinem Leben mutig gewesen! Er hatte den Mut entdeckt, wie ein Seefahrer das Festland! Er fand feine neue Entdeckung herrlich schön! Er gelobte sich, bei der nächsten Gelegenheit sogleich wieder mutig zu fein! Am liebsten wäre er jetzt Lüders oder Königsmarck an die Kehle gesprungen, — aus nichts als Freude über das Festland feiner Seele, das er soeben entdeckt hatte! Im Hauptquartter schlug er Lüders mehrmals auf die Schulter, wobei er feine Gestalt gewaltig Hochrecken mußte. Er schrie: „Donnerwetter, Mensch, das hätten wir geschafft!" Lüders Nasenflügel wurden vor sturem Staunen geradezu platt und flach. In feinem Gehirn stand ihm der Verstand still, und in feinem Gaumen der Kaugummi. Er wollte nach langer Zeit etwas sagen, aber da war Borst schon bei Reppert, den er heißblütig aufforderte, mit ihm zu ringen. Reppert sah ihn finster an. Die Lust roch nach schwefelgelben Ohrfeigen. Da besann sich Borst noch zur rechten Zeit und etwas kleinlaut zog er sich zurück. In der Tat, der Häuptling und Reppert hatten bedenkliche Gesichter. Sie waren nicht so wohlgelaunt wie Borst, da jetzt aus allen Himmelsrichtungen die ersten Meldungen feindlicher Angriffe eintrafen. Nur einen Augenblick zögerte der Große Kurfürst, bann verwandelte er die fünf Mitglieder des Hilfskorps in fünf Adjutanten, und er befahl: „Das Ganze sammeln! Die Schlachtfront wird ins Birkenwäldchen zurückgenommen!" Im Verlaus von einer halben Stunde war die Bande vollzählig um den Häuptling versammelt. Der Motorraddienst wurde eingestellt. Man hatte feine drei Kisten voll Katzen. Schabzieger muhte sie im Wald bewachen, an einem unzugänglichen Platz. Inzwischen hatten die Knötzingianer von elf Uhr ab Freizeit bekommen. Diejenigen von ihnen, die entschlossen waren, dem Morden nicht beizuwohnen, schlenderten beobachtend in den Straßen oder auf jenen Feldern umher, die an die Kiesgrube grenzten. Die Mehrzahl jedoch lief nach Haus, mit Zorn im Herzen, daß ihr Feind einen so großen Vorsprung errungen hatte und die Schlacht in einer so ungünstigen strategischen Position begann. Geschwind holten die Knötzingianer ihre Kartoffelsäcke, und sie begannen nun ihrerseits die Häuser nach Katzen abzusuchen. Diejenigen Einwohner, die ihre Tiere bereits an die Tertia abgeliefert hatten, wurden entrüstet darauf hingewiesen, daß sie etn Opfer von Betrügern geworden feien, denn das Bezirksamt habe sie, nur sie, bevollmächtigt, die Tiere einzuziehen. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Buch- uud Steindruckerei. :X. Lange, Gießen-