Jahrgang 1931 Hreitag, den 27. November Nummer 93 ;nSe,C Meinem Kinde. Von Gustav Falke. Du schläfst, und sachte neig ich mich lieber dein Veilchen und segne dich. Jeder behutsame Atemzug Ist ein schweifender Himmelsflug, Ist ein Suchen weit umher. Ob nicht doch ein Sternlein wär, Wo aus eitel Glanz und Licht Liebe sich ein Glückskraut bricht, Das sie geflügelt herniederträgt Und dir aufs weiße Deckchen legt. selbst einmal so eine Art von Lausbub gewesen) — fand das Heftchen, scheinbar unauffällig, spitz zur hinteren Längswand des Schubkastens gewinkelt und die rechte obere Ecke des Büchleins mit Bleistift ganz leise gegen das gelbe Auslegepapier markiert. Natürlich! Dieser Lausebengel wollte mich kontrollieren, wollte prüfen, ob große Leute ihre freiwilligen Versprechen halten.....So ein Mistkerl!" dachte ich. Sagte aber bei- leibe nichts; denn er hatte ja eigentlich recht. Erkundigte mich nur bei« läufig, ob in dem Büchel denn schon was drin stünde; und Heinzelmann nickte verdächtig pathetisch. Das ging so eine Weile hin, bis mir die Sache zu dumm wurde und ich den Heinzelmann kurzerhand bat, mir doch einmal eine kleine Stich, probe zu gestatten — so ein bis zwei Seiten, die zu wählen und vor- zuzeigen ich ihm selbstverständlich gern überlassen wolle. „Tja —" meinte Heinzelmann sehr gedehnt, „eigentlich verdienst du's ja, daß ich dir was zeige, weil du bis jetzt noch nie reingeguckt hast, aber —" und damit war der Satz zu Ende. „Ja, aber woher weißt du das so genau, daß ich nicht hineingeschaut hab'", wagte ich einzuwenden. Doch Heinzelmann wurde keineswegs aus der Haltung gebracht. Er lächelte sein kleines Geheimnis so allerliebst vor sich hin, daß ich den kürzeren zog ... Als Heinzelmann schlief, öffnete ich den ominösen Schubkasten zum zweiten Male und blätterte ganz vorsichtig und jeden Moment ge- markig, von Heinzelmanns Unterbewußtsein geklappt zu werden, eine Heflseite nach der anderen um, ohne das Büchlein dabei zu verschieben. Und was sah ich? Nichts! Gar nichts! Blank waren die Seiten, wie Adams Gewissen am ersten Schöpfungstage! Am anderen Morgen rief ich den Heinzelmann zu mir, gerade als er mit seinem Flitzbogen in den Hühnerhof ziehen wollte. Ich schlug einen gedampften zärtlichen Ton an: „Heinzelmännchen! Wirst du mir vor der Heimreise dein Büchel zeigen? Ich denke, es werden nimmer gar so schlimme Sachen hereinkommen wie in der vorigen Woche!" Da kriegte Heinzelmann Mut. In der Nacht vor seiner Heimreise — es war zunehmender Mond, und das Einschlafen wurde mir schwer — hörte ich ... oder täuschte ich mich? Nein, es war wirklich ... denn es erschien ein kleiner Hemden- zipfel, der sich zaghaft immer weiter ins Zimmer schob; ich sah's im Spiegel! Bisweilen blieb er horchend stehen; erst, als ich hörbar atmete, huschte eine kleine Gestalt ganz dicht an mein Bett, ein Aermchen langte in weitem Vogen über mich hin, streifte für eine atemlose Sekunde um Haaresbreite meine Stirn und ließ, dicht neben mir auf dem Kopfkissen, einen kleinen, schmalen, rechtwinkligen Gegenstand zurück. Dann hörte ich schon die nackten Füßchen, weil sie eilig zur Tür strebten und — jenseits — erleichtert weiterpatschten ... Ms die letzten Schritte verklungen waren, machte ich Licht. Herzklopfend, als müßte ich selber beichten, ergriff ich das Büchlein und las: „Eim Arbeiter ne Murmel durch die Beine gekullert und dann weggelaufen. Auf ein Spatz, der aber schon tot war, extra raufgetreten. Ausm Oertchenfenster ein Mann auf die Mütze gespuckt, der aber nix gemerkt hat. In ein silbernen Becher zwei Aprikosenkerne versteckt, weil ich die Firsiche doch nicht ab pflücken darf. Auf eine Eidexe ein Backstein geschmissen und dann weggelaufen. Abend, wie ich schon gebetet hatte, in der Nase gebohrt. Abend vor Einschlafen alle häßlichen Wörter gezählt. Es waren aber nur 29, weil ich die andern schon wieder vergessen hab. Zum Dachdecker, der grab auf der Leiter war, raufgerufen: Paule Paule Poll hast die Hosen voll! Da hat er was nach mir geschmissen, hat aber nich getroffen. Wie der Truthahn gerade Rad schlug, ihm eines mitn Flitzbogen hinten aufgebrannt." — Am Morgen, ganz früh, schlich ich nun meinerseits in Heinzelmanns Zimmer, setzte mich behutsam auf den Bettrand und strich leise über das feine, sprühende Haar. Heinzelmann blinzelte. Reckte sich, richtete sich hoch und schlang, als ihm langsam die Erinnerung kam, beide Arme noch halb verschlafen um meinen Hals: „Bist du ganz wirklich nicht böse?" — „Heinzelmann", sagte ich. „nun geh heim und werde ein ganzer Kerl und lern mir vor allem tüchtig arbeiten und nie feige sein. Wenn du groß bist, wird dir der liebe Gott auch deine vielen, vielen Wünsche erfüllen." „Auch die bösen?" — „Es gibt keine bösen, mein Kind!" An diesem Tage ist dem Heinzelmann ein Stern aufgegangen. Den hat er mitgenommen in seine Heimat. mi einem fc sich die &|t< auf. „Meizr es ist ja \tf Mich ha!« nach oom ir der jetzt eigen! aufmadjen. i I gehört? iltrl ;on der fcl er Verkehr ll rkehr von kl ug. lieber kl 5 zwischen kl st tat gut $1 'schreib-"?! «tfl !,S> da- KJ N'W Linier l'w ie fürchtete N t - mit M uchs, der« um zu aö k schon die ■ Ä traut ti tont. 2u, ffl geht's los: I üchner, der t viel. Ä * mich. n mir ein. » lern. 6*1 3 dacht-' den doch , jhrem Sie werd'" H Das Gimdenbirchleirr. Von Gerda von Below. Mein kleiner Schutzbefohlener — ein Ferienkind — war siebenjährig linb hörte, wenn Überhaupt, auf den Namen „Heinz". Weil er so fein« knochig und beweglich war, nannte ich ihn „Heinzelmann". Ueberdies ein iharmanter Lausbub! Da ich bei den Herren der Schöpfung in dieser Ausgabe auf ein« Ivandfreies Betragen schon lange keinen Wert mehr lege — man ist ja mittlerweile so etwas wie eine „erfahrene Frau" geworden — schloß mich her Heinzelmann rasch in sein Herz und versprach mir sogar, mich nicht lnzuflunkern. Dieses Versprechen gab er mir freiwillig. Er merkte sehr vohl, daß mein nachsichtiges Schweigen einen für das feine Gewissen nicht sehr behaglichen Hintergrund hatte; und das peinliche Gefühl, ebenso Ichors beobachtet wie nachsichtig übersetzen zu werden, verpflichtete ihn guasi, mir gegenüber den Gentleman herauszukehren. Allein — wie das so geht mit Versprechen, die man freiwillig gibt: |te werden nicht länger gehalten, als alle anderen. Das war sogar eine schlimme Geschichte. Mein Lausbub hatte einem der Goldfische heimlich des Nachts eine Flosse abgezogen. Am anderen Morgen kam er zu mir gelaufen, sehr erregt, und belichtete von einem „Kriegsgreuel" aus der Fischwelt, das ich sofort in Augenschein nehmen mußte. An der außergewöhnlich prüfenden Art, mit der ich dabei von der Seite, angeschielt wurde, merkte ich gleich, daß etwas faul war an der Geschichte. „Hast du gesehen, wie das vor sich ging?" fragte ich scharf. Auf liefe Frage war Heinzelmann nicht ganz vorbereitet. „Ja — eigentlich — das heißt... nein, gesehen hab ich's nicht; es war ja noch ein bißchen iuntel, und ich lag noch im Bett, aber ich horte so ein Eeplumpse und ein Gekluckse, weißt du, so ein komisches Geschiebe am Glas hin und her - und da dachte ich, du mußt doch mal nachsehn, was da los ist — na, inb da sah ich die Bescherung!" — „So — hm! weißt du auch, daß lische so etwas nur aus Hunger tun, wenn überhaupt —? Da hast du io ganz einfach vergessen zu füttern!" — Heinz schwor, er habe ge« irttert, aber das Futter müsse aus den und den Gründen den armen fischen nicht geschmeckt haben! Das war mir denn doch zu arg! Ich machte kehrt und ließ den Bengel een mit seiner Bescherung. Zwei lange Tage wechselten wir kaum ein rt. Als er genug „gezappelt" hatte, beschloß ich, ihn aus seinem mora« li'chen Dilemma zu befreien. Aus eine Art freilich, die ihn zunächst in flrachloses Staunen versetzte. Ich hatte ihm nämlich ein kleines Register -ngerichtet, ein blaues Oktavheftchen mit vprgezeichneten Linien und laten, das ihm bei Gelegenheit feierlich übergeben wurde: „Das Alte füllen wir vergangen fein lassen, mein Heinzelmann! Aber siehst du, hier in dieses Büchlein wirst du von morgen ab all deine Missetaten ein- lagen; weißt du, die heimlichen, von denen man nicht spricht, die man ul' er doch gern irgendwo loswerden möchte! Du brauchst es nicht ein- ^schließen, kannst es ruhig in deinem kleinen Schreibtisch liegenlassen; ich wrspreche dir sogar, nicht hineinzugucken." — Heinzelmann nahm mit ehern Seufzer das Büchlein in Empfang, schob es bedächtig von einer f'inb in die andere und meinte — noch ein wenig beklommen, boa) fajon lieber mit einem leisen Anflug von Spitzbubenlaune: „Hm noa) ift s g-nz leicht ... aber — wenn das Ding erst mal wirklich ganz voll ist — on Backe!" Am übernächsten Tage, gegen Abend, als Heinzelmann in der Bade- ftonnc steckte, öffnete ich behutsam das Schreibfach, um herauszuschnuf- ob das Sündenbüchlein etwa schon in Gebrauch genommen worben lC|- Und ich fand — genau was ich vermutete — (benn man ist doch N J x.e5 41 Qn: mS A ntll$ niebliitj, | Jl * Au! '.Bonn hH | N't den ä| ! 65 nötig, Ij.ig ttumznfchj ■ und sich toi M'4es (ta I Uch die in» M War es dich ■ ir die Sfiinki 1 die Eltern? - ■ Wollen? 1; I auf ein ti I orgenftimmnr; * vor den Mückenwolken ge- Handelsherrn in die Berge Zelte von Anders Hua zu des Eismeeres, wo gute Weideplätze liegen strichenen Höhenkämme der Herde Schutz währen. Wir waren mit einer Empfehlung vom In einer Stunde sollten wir den anderen folgen, die in die Berge nach der Herde gegangen waren. Sie waren schon vor vier Stunden aufgebrochen und mehr als sechs Stunden war es nicht bis zur Herde, meinte Anders. Und ob wir wohl helfen könnten. Biel laufen müsse man, schreien und mit den Armen um sich schlagen. Eine lärmende Kette, so müsse man die Herde von den Bergen hinab in die Hürde treiben. Ich erklärte uns den Anforderungen gewachsen. Der Tag war heiß, die Luft zitterte über Gräsern und Moosen des Hanges, der hellgrün anstieg. Birken leuchteten zart. Schneezinnen ragten vom User des Festlandes, von den harten Konturen der steilen Insel- felsen geschnitten. Da war schon die Hürde, ein Gatter in Dreieckform. Bom Eingang lief ein langer Zaun quer über den Hang. Er sollte die Flucht der niederstürzenden Herde aufsangen und in das Gatter leiten. Weiter stiegen wir mit der Sonne, die Birken blieben zurück, die Blumen, das Summen der Insekten. Der Wind strich kühlend über die Steinbuckel, in den Mulden stand hartes Gras und Renmoos, hier und da lag Schnee. Anders Hua spähte nach einer Schlucht im steilen Felsensattel: die Herde. Ich sah sie nicht. Die Schutzfarbe ihres Felles tarnte die Tiere in dem sonnigen Gestein. Aber ein seltsames Grunzen wie von aufgeregten Schweinen erscholl, bald wieder wie Blöken, wie ein Massendisput zwischen einer Abordnung von Ebern und Widdern. Das ist die Oie Lärche. Don Werner Bock. Unter dunklen Tannen, du Lichte, Klagst du sehnsuchtverzehrt, Daß der bannenden Erde Dichte Deine Wurzeln beschwert. Wolken greifst du und Winde, Niemals hältst du sie fest. Aus der blutenden Rinde Strömt dein Schmerz ins Geäst. Manchmal durchbebt dich ein Ahnen, Dann ist dein Stamm nur noch Baum. Doch deine zitternden Fahnen Schweben schon weit in den Raum. gestiegen, vierzig Kilometer weit, um die _ , finden. Wir hatten das alte Ehepaar Hua und das junge Ehepaar Biti im Zelte nebenan begrüßt, im alten Zelt Kasfee getrunken und Rentier- fchinken gegessen, im jungen Zelt uns auf Fellen zur Ruh gelegt. Als wir am nächsten Morgen erwachten, war unser Zelt schon leer. Die beiden Alten erwarteten uns im anderen Zelt mit Kaffee und Brot. in Meilen rechnet. So waren auch wir, zwei Großstadtflüchtlinge, durch dieses Land der Siebenmeilenstiefel kund der Kanus mit Außenbordmotor!) gereist, durch Sameaednam, das Land der Nomaden. Wir hatten Karasjok gesehen — die Goldwäscher bei Sargiok — aber den Inbegriff, das Symbol, die Nahrung des Landes — das Ren, das hatten wir nicht gesehen. Als käme jemand in die Schweiz, getrieben von der glühenden Sehnsucht, eine Kuh zu sehen. Gletscher sieht er, Engländer, Kellner, Lokomotiven, Liftboys und Alpenglühen — aber keine Schweizerkuh. So ging es uns mit den Renntieren. Sie schienen verschwunden. Und das waren sie auch. Die Renntiere haben nämlich eine großstädtische Angewohnheit — sie reifen im Sommer an die See. Und mit ihnen der Lappe. Herden von ein-, zweitausend Tieren weiden von Inner-Finnmarken bis an die Küste und die vom Seewind be- Hirtentag am Eismeer. Von Per Schwenzen. Der besondere und für Europa ganz einmalige Reiz Finnmarkens liegt in der Einsamkeit des Landes. In dieser norwegischen Provinz, die an Ausdehnung das gesamte dänische Jnselreich um zehntausend Quadratkilometer übertrifft — leben nicht einmal vierzigtausend Menschen. Zwei Drittel fast dieser Bevölkerungs„menge" entfällt auf die wenigen Küstenstädte, von denen außer Hammerfest eigentlich nur Henningsvaag und Kirkenaes zu nennen find. Der Sommer, der in heißen Tagen und sonnerfüllten Nächten, der Herbst, der bei mittlerer Temperatur, fahlen, ost kalten Nächten diese Hochebenen und Berge mit heller Birkenwolle kleidet, mit Vogelstimmen und Wasserrauschen erfüllt, der wunderliche Polarzirkelsommer wandelt dies Land des langen Winters in ein kurzes, träumerisches Paradies. Unwirklich muten den Zivilisationsentronnenen schon die rein äußeren Verhältnisse an, die hier das tägliche Leben bestimmen, Zeitwertung, Entfernung und dergleichen fundamentale Dinge, die für uns doch einen festen Maßstab in sich tragen. So kommt der zuverlässige und höfliche Mann in Europa nur selten zwei bis drei Stunden zu spät. In Finnmarken kann man das nicht ohne weiteres annehmen und verlangen. Wenn der Pfarrer von Karasjok einer wichtigen Besprechung mit seinem Amtsbruder in Koutokeino zusammentreffen will — kann er wissen, ob nicht Nebel oder Sturm ist, Regen? Dann kann man eben nicht so schnell gehen. Denn gehen muß man unter allen Umständen. Einige Tüchtige haben auch die Fahrt mit dem Kanu gemacht, aber da muß man das Kanu wieder Kilometer lang über Land tragen, so geht man schon besser. Und Faltboot? Das gibt es hier noch nicht, wäre für einen einzelnen Mann auch gar nicht jo einfach, da man ja allen Proviant mit sich schleppen muß, denn wenn man am Tag ein Zelt oder Haus trifft, so ist man schon hoch gesegnet ... So ist dieses Land, und es ist gut so. Ueberall Telephon — überall wird man erwartet — in dieser Einsamkeit herrscht eine seltene Präzision des Verkehrs — wenn man also nicht in Stunden und Minuten, sondern eben in Tagvierteln, nicht in Kilometern, sondern Stimme des Rens. Und aus einet hellen Wolke Steinstaub stechen jetzt die Geweihe, bricht die Flucht der Herde, die wie ein lebender Wirbel, sich drängend, kreiselnd, den Steilhang hinabschiebt. Jetzt hört man das rasende Bellen der Hunde, die um den Strudel kreisen, das Schreien der Treiber. Die Herde versucht immer wieder Höhe zu gewinnen. An der Peripherie des Knäuels fliegen Renböcke mit prächtigem Geweih, hellere Kühe und zierliche Kälber wie Tierfiguren eines Karussells vorüber, lang, sam, scharrend, knackend, stampfend und grunzend schiebt sich das ganz« uns entgegen. Auf einmal öffnet sich der Knäuel, eine Gruppe setzt in wilden Sprüngen auf uns zu, sie sucht gipfelan durchzubrechen. Hei! Ho! Ai!! Ai!I Wir brüllen, stolpern, schwenken Stöcke, Hunde jagen heran, quer an uns vorbei mit rasendem Gekläsf entsprungenen Tieren nach. Ein Rudel rennt mich jaft an, stellt und setzt in panischem Schrecken zurück, der Durchbruchsversuch ist abgeschlagen. Wir rennen im Schweiße unseres Angesichts, die Hunde patrouillieren mit hängender Zunge von Flügel zu Flügel — acht Menschen und ebensoviel Hunde drängen tausend Rentiere durch die Weite dieses offenen Terrains auf die Hürde zu. Jetzt find die Tiere ganz zusammengepfercht, die Hunde kreisen in regelmäßigen Abständen wie eine lebende Kette um die Herde. Anders Hua geht heran und wirft den Lasso — zieht den Leitbock heraus, eine große Glocke klappert an feinem Hals, er sperrt sich und bockt, aber Anders beruhigt ihn rasch. Nun ist die größte Gefahr vorüber, denn die Kühe folgen jetzt mit zu Tal. Nur die verdammten jährigen Kälber, die noch keine Ahnung von Tradition und Ordnung haben, rennen immer wieder vom Haufen. Und bann gibt es für die Mütter kein Halten mehr, dem Kinde nach: Kurz vor der Hürde brechen einige Kälber durch, es geht wie eine plötzliche Revolte durch die Herde, Kühe, Böcke, alles gehörtet sich wieder wie rasend, und ehe Mensch und Hund es hindern können, ist die Kette durchbrochen, drei-, vierhundert Tiere kommen durch, sammeln sich und ziehen rasch wie ein Wolkenschatten zum Grat hinauf. Das Gros drängt sich grunzend ins Gatter und kreist, in eine gelbe Staubwolke gehüllt, um sich selbst. Anders Hua und feine Leute find mitten im Strudel. Unablässig fliegt das Laffo und trifft immer das Ziel Nur die gute alte Frau Hua blamiert die Sippe. Aufgeregt ftolpert die Greisin im Flock herum und wirft unter großem Aufwand sichere Nieten. Endlich resigniert sie und kauert bei den anderen Weibern am Lagerfeuer und widmet sich der Zeremonie des Kaffeekochens. — Anders Hua und seine Leute haben viel zu tun. Es ist das erstemal in diesem Sommer, daß sie das „Ren niederholten". Da werden vor allem die Jährlinge gezeichnet. Das Kalb wird zu Boden geworfen, rittlings über ihm kniend schneidet man ihm das Herdenzeichen, ein Dreieck aus dem linken Ohr aus. Stumm und tödlich erschrocken liegt das Kalb, springt ans, schüttelt den Kopf, zwei Blutstropfen spritzen, und schon rennt es wieder im Mahlstrom der kreisenden Tiere. Strahlend zeigt Anders Hua mir seinen Reichtum, zeigt auf die vor- überhastenden Geweihe: Godde! Boaze! Miesse! Beärge! Rodno! Er benennt mir die Tiere nach ihren Ordnungen, denn der Lappe hat ein völlig neues Wort für die feinsten Unterscheidungen, für Alter und Geschlecht, ob zahm ober roilb, ob die Kuh gekalbt hat, ob zu früh ober zu spat. Gestalt unb Farbe, Fell unb Geweih — aus allen biefen Unterschieblich- teiten ergeben sich über ein halbhunbert Benennungen, bie jebes ein felbftänbiges Wort darstellen, etwa im Sinne van „Rappe" und „Schimmel". Und nun muh man eben alle diese Boazos und Beärges desühlen und beschauen, muß die Simles melken, wobei sie störrisch gespreizt dastehen. Eine einzige Tasse Milch gibt die Renkuh und damit ihre Abgeneigtheit gegen jede organisierte Milchwirtschaft zu erkennen. Aber man zapft sie ihr ab! Die Schwiegertochter rennt mit dem Holznaps voll Milch, Haaren und Staub hinter ihrem Mann her, der mit dem Lasso ein paar Liter Milch einfängt. Durch ein Tuch geseiht wird der gute, fette Rentierrahm gleich zum Kaffee serviert. Nach kurzer Pause geht die Arbeit weiter. Die Lassos fliegen bis in die Nacht, Ohren werden geschnippelt, Kühe gemolken. Endlich ist bas Tagewerk vollbracht. Einen traurigen Blick schickt Anders Hua zum Grat hinauf, hinter dem die ungeschnippelten und ungemolkenen Ausreißer äsen. Das gibt einen neuen Großkampftag! Für heute aber ist Schluß. Das Gatter wird geöffnet, die Herde zieht gipfelroärts in die Freiheit, die Menschen talwärts in die Zelte. plattdeutsch. Von Franz Fromme. Es gibt noch immer viele Leute (vielleicht sogar sehr viele), die sagen, Plattdeutsch sei „ein Dialekt". Sogar unter den Gebildeten kann man manchen treffen, der einem erzählt, er habe den bayerischen Jodler nicht verstanden, weil er „plattdeutsch" gesungen. Es ist daher noch immer nötig, wenn man diesen Ausdruck gebraucht, zu wiederholen, daß Plattdeutsch eine Sprache für sich ist, bie Sprache bes platten brutschen Landes, mit anberen Worten: Nieberbeutschlanbs, wenn auch bie Bezeichnung „platt" vielleicht in biefer Zusammensetzung von anberswoher gekommen ist unb aus einer Zeit stammt, wo platt gleichbebeutend war mit dem holländischen „rond uit", deutsch etwa „geradezu". Es gibt auch noch immer viele Leute (zumeist dieselben, von denen wir oben sprachen), die meinen, das Plattdeutsche sei dadurch entstanden, daß ungebildete Menschen das Hochdeutsche nachlässig ausgesprochen, Silben verschluckt unb so bie Sprache vergröbert unb verunstaltet hätten. ' Es wirb beinahe lästig, baß man bemgegenüber stets wiederholen mutz, daß diese „platt"- oder niederdeutsche Sprache keineswegs aus dem Hochdeutschen entstanden, sondern daß eher das Umgekehrte der Fall ist: Von dem Stamm der übrigens germanischen Sprachen hat sich das Hochdeutsche vor mehr als einem Jahrtausend durch bie sog. zweite Lautverschiebung abgesonbert, unb währenb man in Norbbeutschlanb, ben Niederlanden unb Skanbinavien beim alten Klange blieb, erweichten sich w Mittel- unb Oderbeuischlanb gewisse Laute zu neuen Klängen: Aus „Schiep" würbe „Schiff", aus „up" wurde „auf", aus „osf" wurde „auch" ufw. Von ben beiden deutschen Sprachen ist also die nieberdeuyche bie ältere Schwester, bie ben übrigen germanischen Jbiomen näher stehy -«'S -en ,B her n°A W die *>»\ *&$ runftal*[ (B jii,' s oiie^S" letfl M r * ii’^w Redjen i>u £**? zg?°N • «Wtenig LnnEn- $1« »„ bew- h, hch «*r,i0; M ÖQ5 QQH;. feK “bredjen. h,z Jj“ni)e j0J(, Wnen liet(l ichem Sdjrtfc n im Cihwch >er Zunge» rangen taujcaj Hürde zu. * kreisen i Herde. And«, ck heraus, tit, md bodt, «fc ■über, denn fc Jen Äälber, ü rennen im« n halten nich, r durch, es gstz alles gebirk andern tonnen len durch, |» Brat hinaus. :, in eine g* ine Leute (iS isst immer te isgeregt W lufwand sich« n Weibern all ens. — And« emal in dies« allem die SH ilings über iH aus dem lin!,' ib, springt e rennt es twk igt aus die W Rodno! 6r i» ,e hat ein v« und EelW h ober M H Unterschied* die jedes W ’e" und,E iearges bei# ich gespm^ damit ihr« H erkennen. > n hoiZnap! . mit dem W wird der R «SÜ »M während die hochdeutsche die jüngere ist. Dieser Umstand erleichtert noch heute dem Niederdeutschen, der seine alte Muttersprache beherrscht, ganz außerordentlich die Erlernung des Englischen, der niederländischen und der skandinavischen Sprachen. Es gehört schon fast zu den „ollen Kamellen" das Erwähnen der Tatsache, daß diese niederdeutsche Sprache in ihrem früheren Zustande durchaus eine vornehme war, daß sich die sächsischen Könige und Kaiser ihrer bedienten, Herzöge wie Heinrich der Löwe und Hermann Billung, die Ratsherren und Admiräle der Hansestädte, kurz das gesamte Volk, hoch und niedrig, soweit die „Waterkant" reichte, von Dünkirchen bis Danzig, und darüber hinaus in Ostpreußen, ja in den Städten des Baltikums, in Riga und Reval. Gesetzbücher wurden in ihr geschrieben, die Staatsmänner verhandelten in ihr, auch die nordischen Könige, wenn sie mit den „Königlichen Kaufleuten" der Hanse zu tun hatten, und es gab kein Ding und keinen Gedanken, keine Bedingung und keine Formulierung, der die Sprache etwa nicht gewachsen war — noch vor vierhundert, dreihundert Jahren. Von dieser stolzen Höhe ist ste herabgesunken, und mit der vielgestaltigen Ausdrucksfähigkeit und umfassenden Geltung ist es längst vorbei. Wir wissen, wie es allmählich so gekommen ist. In der Gefolgschaft von Luthers Lehre drang die „sächsische Kanzleisprache", das Hochdeutsche, in die niederdeutschen Lande ein, im eigentlichen Niedersachsen, Hannover und Braunschweig, in Schleswig-Holstein, in Mecklenburg, Pommern und Ostpreußen wurde es die Kirchen- und Schulsprache. Die Landesherren begannen sich des Hochdeutschen zu bedienen, die Herzöge in Schleswig- Holstein und Ostpreußen, und einer der eifrigsten Vorkämpfer der lutherischen Sprache war König Christian IV. von Dänemark, zugleich der Herr des niedersächsischen Kreises, sogar in der Festung Kristianstad, die auf sein Geheiß an den Grenzen seines Reiches, im heutigen Südschweden entstand, gab er den Straßen hochdeutsche Namen. Der niederländische Freiheitskrieg spaltete das damalige Niederdeutschland in zwei Teile; der Westen schuf sich eine eigene Schriftsprache, die noch bis ins 19. Jahrhundert hinein allgemein „Nederduitsch" genannt wurde und heute „niederländisch" heißt; der Osten aber bekam allmählich eine hochdeutsche Oberschicht. Wer von Staatsmännern, Geistlichen und Gelehrten nicht das Lateinische vorzog, der wandte sich dem Hochdeutschen zu. Die Zeit Lessings und Klopstocks, Schillers und Goethes vervollkommnete diese Sprache, so daß man in ihr alle Gedanken ausdrücken konnte, während das Niederdeutsche die Geschmeidiges verarmt sogar der Reichtum an feit verlor, verwickelte Gedankengänge wiederzugeben. Dieser Verlust der Geschmeidigkeit hat eine gute Seite: die plattdeutschen Wörter für die Dinge des Alltags, in Haus und Hof, in der Lust und zur See, sind nicht so wie die hochdeutschen durch abstrakte Nebenbedeutungen entstellt; sie zaubern uns eine größere Greifbarkeit, Sinnlichkeit und Anschaulichkeit vor die Seele. Es strömt ein anderer Erdgeruch; eine stärkere Seeluft aus ihnen. Ihre Bilder find ursprünglicher; sie sprechen mit unverfälschter, ungeschwächter Kraft zu unserem Herzen, stärker als die hochdeutschen, die nur allzu oft gebraucht, abgegriffen und entseelt sind. Dieser Vorzug der größeren Anschaulichkeit kam einem Klaus Groth, einem Brinckmann und Reuter zugute. Sie sind es, die auf einem begrenzten Gebiet dem Plattdeutschen zu neuer Geltung verhalfen haben. Die Gefühle des einfachen Menschen, feine Lust und Liebe, fein Schmerz und fein Leid und vor allem das weite, durch erklärende Worte nicht abzugrenzende Gebiet des niederdeutschen Humors hat seither in vielen plattdeutschen Dichtern die mannigfaltigsten Dolmetscher gefunden. Aber Neuland zu erobern, wagten diese Gestalter der plattdeutschen Sprache nicht. Industrie und Technik arbeiten nur mit hochdeutschem Wortschatz, auch auf niederdeutscher Erde; kommt eine neue Erfindung, eine neue Maschine, eine neue soziale Einrichtung ins plattdeutsche Land — nur selten findet der Volksmund ein eigenes Wort dafür: die hochdeutsche Bezeichnung, durch Schule, Zeitung und Behörden gebraucht, setzt sich durch. Und Hand in Hand damit werden selbst die Wörter des Alltagsleben, die bodenständigen niederdeutschen, durch die eingedrungenen hochdeutschen ersetzt. Ja, es verarmt sogar der Reichtum an schönen eigenartigen Worten, die das Plattdeutsche für die Geschöpfe der heimischen Tier- und Pflanzenwelt besitzt. Wo sagt man noch „Boitervagel", „Bottersleege" oder „Fleerling" für „Schmetterling , „Sünnbrang" für „Blindschleiche", „Snaten" für „Ringelnatter , „Lunk für „Sperling"? Hört man nicht vielerorts schon die unschönen Nachbildungen „Smadderling", „Ringelnadder" und „Sparling ? Die Gegenbewegung, die gegen diese Entartung eingesetzt hat, geht von einer ziemlich schmalen Grundlage aus. Wesentlich ist allerdings daran, daß sich die Oberschicht der niederdeutschen Bevölkerung daran beteiligt. Was sie vormacht, wird von den anderen nachgemacht. Die Kriegszeit hat das Volkstum wachgerüttelt und damit auch seine wesentlichste Aeußerung, die Sprache, belebt. Wir wissen, wie seitdem das niederdeutsche Schrifttum und die niederdeutsche Bühne zu neuem Gedeihen gekommen ist. In einer großen Zahl niederdeutscher Stabte, in Hamburg Flensburg, Kiel, Lübeck, Olbenburg, Bremen, Braunschweig, auch in kleineren Orten haben sich Liebhabertruppen gebttbet von benen die Hamburger, Dlbenburger unb Flensburger es zu beachtlichen kunst- ein eigenartiges Bilb: während in den breiten Massen bas Plattbeuisch zurückgeht — sowohl bie Zahl berer, bie es sprechen, nimmt ab, wie auch die Reinheit und Urwüchsigkeit ber Sprache; es ist in vielen Stabten n noch ein trauriges Gemengsel von Hoch unb Platt — erfahrt bas N eberdeutsche im engeren (unb vielleicht ausschlaggebenben) Kreise volksbe^ wußter Kämpfer eifrige Förderung. Wir nennen außer den Buhnen auch die Lehrstühle verschiedener Universitäten. Und diese Ansätze berechtigen wohl zu allgemeinen Hosfnungen. Denn daraus darf man kein Hehl machen, daß die niederdeutschen Bestrebungen zur Erhaltung der eigenen Muttersprache dem Gesamtdeutschtum bienen;. d,e Sprache ist die wer!- i, oag oie nieoeroeuqmen "irt hi. " rf. spräche dem Gesamtdeutschtum dienen; die Sprache st die wertvollste Aeußerung ber Seele, und ihr Verfall zieh den Verfall des Jolts- tums nach sich. Das Niederdeutschtum aber ist em wesentlicher Teil des deutschen Volkstums. Zwei wollen zum Theater. Roman von Hans-Caspar von Zobeltttz. Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Als sie oben in den Dorflur trat, stand Büchner vor ihr. Er hatte einen seidenen Schlafrock übergezogen, das Haar war verwirrt. Erstaunt sah er sie an. „Ach Sie, gnädiges Fräulein, Sie? Verzeihen Sie. Ich hatte Geräusche gehört, die ich mir nicht erklären konnte. Ich dachte vielleicht Einbrecher. Man kann ja nie wissen ..." Seine Worte kamen stockend. Er konnte hier keine Zusammenhänge finden. Isa Weiher verließ im Morgengrauen die Wohnung, um gleich wieder zurückzukehren? Isa Weiher? Was hieß das, was bedeutete das? Gedanken tarnen, unmögliche Gedanken, die er zurückstieß mit aller Gewalt. Isa hatte die Tür hinter sich zugezogen. Es war fast völlig dunkel in dem fenfterlofen Raum, nur durch die halboffene Tür zu Büchners Zimmer drang etwas Licht. Drinnen hatte er feine Bettlampe angezündet. Sehr blaß war Isa. Sie schwankte. Mit ganz großen Augen sah sie Büchner an, sie las Fragen in seinem Gesicht. Sie schämte sich. Er wandte sich ab. „Verzeihen Sic", sagte er noch einmal und schritt seiner Tür zu. Da richtete sich Isa auf. „Bleiben Sie — bitte, bleiben Sie." Sie hauchte bie Worte nur, sie konnte nicht laut reben. „Ich muh Ihnen bies erklären." Er schüttelte den Kopf. „Sie sind mir keine Rechenschaft schulbig." „Doch." Sie stieß es hervor. „Doch, gerabe Ihnen. Ich habe Gertie fortgebracht. Sie ist unterwegs nach Weimar. In ihrem Auto. Heimlich. Ich weiß, es ist nicht recht so." Sie war währenb ber Worte langsam zurückgetreten, Halt suchenb. Bis sie bie Wanb hinter sich fühlte, sich anlehnen konnte. Jetzt füllten sich ihre Augen mit Tränen. Sie senkte den Kopf, als ob sie ein Urteil erwartete. Er konnte bie Zusammenhänge nicht gleich erfassen. Er sah ba nur bas junge Mäbel, blaß, schwanken!), meinenb. Dieses hübsche, junge Ding, talentiert, begabt. Er hatte ihr ben Weg zur Bühne gezeigt, ihr unb jener Freunbin, von ber sie jetzt sprach. Mit irgendeinem Schmerz, in irgendeiner Zerfahrenheit, die er noch nicht durchschaute, nicht durchschauen konnte. Mitleid war in ihm. Er fürchtete, Isa würde gleich zusammenbrechen. Er trat auf sie zu, griff nach ihrem Arm, um sie zu stützen. Sie schreckte zusammen, zitterte. Er fühlte es. Sie hielt noch immer ben Kopf gesenkt, ihr Atem ging jetzt schnell. Auf sie herab sah er, auf bies blonde, weiche Haar. Was sollte er tun? Er wußte es wirklich nicht, er kam sich selbst hilflos vor. Was war das für eine Situation? Er im Schlafrock, nur Morgenschuhe über den nackten Füßen, ungebürftetes Haar. Es war ja eigentlich lächerlich. Aber ihm war gar nicht lächerlich zumute. Es mußte doch nun etwas geschehen, sie konnten doch nicht ewig hier so stehen. So fragte er: „Kann ich Ihnen helfen?" Sie schüttelte nur den Kopf. Da raffte er sich zusammen. „Unsinn! Natürlich kann ich Ihnen helfen. Ich sehe doch, daß hier etwas nicht in Ordnung ist. Außerdem können Sie sich ja kaum noch aufrecht halten. Kommen Sie." Fester faßte er sie, schob sie neben sich her ber Salontür zu. Willig ließ sie sich führen. Ihr würbe plötzlich leichter, sicherer fühlte sie sich, geborgen. Nur ihre Knie waren so schwach. Sie hatte ben Wunsch, sich jetzt an ihn zu lehnen, ganz fest an ihn zu lehnen. Sie hob den Kopf, sah zu ihm auf, mit großen Augen, wie gläubig. Im Salon war es schon taghell. Der Morgen war heraufgekommen. Immer noch stützte er sie, leitete sie zu ber Ecke, in ber eine Gruppe großer, hochlehniger, alter Stühle stanb, Weiherscher Erdbesitz. Einen Augenblick freute er sich roieber an ber Schönheit bieser Möbel, wie er sich schon oft an ihnen gefreut hatte. Das gab ihm seine Lebensficherheit zurück, Alltagssicherheit. Dazu bas Tageslicht, bie Helligkeit. „Setzen Sie sich, Isa", sagte er. Sie glitt in einen Stuhl, lehnte sich zurück, ben Kopf am hohen Polster, bie Hänbe auf den geschnitzten Armstützen. Sie schloß bie Augen. Es tat so gut, zu sitzen, zu ruhen. „Also nun erzählen Sie. Was ist mit Ihnen? Was ist mit Fräulein Stofe?" Auch er hatte sich einen Stuhl herangezogen, bicht zu ihr. Er sah sie an: es war ein Bilb, bas blasse Mäbchen in bem alten Sessel, ber blonbe Kops auf bem buntlen Brokat, bie schmalen Schultern, bie schlanken, matten Arme, bie feingliebrigen Hände auf bem tiefgebeizten Holz. Nervös krampften sich bie Finger. Wahrhastig, es war ein Bilb — unb bas Möbel war schön. Sie sprach nicht, sie lauschte. Hatte er nicht eben „Isa" zu ihr gesagt? Sie fühlte noch ben Druck seiner Hanb auf ihrem Arm. Ob er noch einmal „Isa" sagen würbe? Da würbe er ungebulbig: „Also, was gab’s, gnädiges Fräulein?" Sie nahm mit einer jähen Bewegung die Hände von dem Schnitzwerk unb faltete sie vor ben Knien, lehnte sich vor, stützte bie Unterarme auf. „Gut", begann sie, „ich will Ihnen berichten ..." Sie (grübelte alles heraus: daß Gertie ben Unterricht ohne Erlaubnis ber Eltern genommen, daß biete alles entdeckt unb alles verboten hätten, wie sie Gertie gekränkt hätten, unb baß Gertie nun eben geflohen fei. Leben tarn in sie, währenb sie sprach. Blut kam in ihr Gesicht, Bewegung in ihren Körper. Er mußte lächeln: „Wie sie erzählt — sie versteht es, man sieht ja alles vor sich — sie hat schon Talent, schauspielerisches Talent." Unb bann weiter: „Aber was sinb das noch für Kinder!" Und endlich: „Da habe ich ja was Nettes angerichtet, wie werden sich bie Eltern, die braven Leutchen, ängstigen, bie bas Theater noch immer für einen Sünbenpfuhl halten; aber eigentlich famos, wie schneibig bie Kleine ihr Schicksal in bie Hanb genommen, wenn es so auch sicher eine Dummheit war. Unb nun muß ich bie Sache wohl in Ordnung bringen, ein Teil der Verantwortung liegt ja bei mir. Außerdem mochte ich den Alten mal kennenlernen, er muß ja ein Typ jein." „Wo kann ich diesen Herrn Rose sprechen, heute früh noch?" fragte er, als Isa schwieg. „Was wollen Sie?" Isa sagte es erschreckt. Er legte seine Hand auf ihre gefalteten Hände. ,Laben Sie Angst vor mir? Ich will alles wieder einrenken. Das wird das Beste fein. Wenn ich mit dem Vater rede, bringe ich bas schon fertig. Wo ist fein Bureau?" Isa wußte es, nannte die Adresse. „Und Sie wollen zu ihm gehen? Wollen Sie für (Bertie bitten?" Nun lachte er wirklich. „Ja, kleine Isa, das will ich." Er stand auf. Da stand auch sie auf, trat auf ihn zu, griff nach feiner Rechten. „Ach, ich bin Ihnen ja so dankbar, so dankbar." Und plötzlich beugte sie sich vor, ganz tief und, ehe er es hindern konnte, berührten ihre Lippen seine Hand. Dann lief sie schnell davon. Erst als sie aus dem Zimmer war, kam ihm dies letzte voll zum Bewußtsein. Langsam hob er seine Hand und betrachtete die Stelle, die sie geküßt hatte. * Vater Rose war sehr erstaunt, als ihm (ein Bureaudiener die Karte: „2r. Ulrich Büchner" brachte. Er las den Namen, schüttelte den Kopf. „Kenn' ich nicht!" Und dann zum Diener: „3n welcher Angelegenheit?" „Privat, sagte der Herr." „Bettelei, Koschel?" Koschel meldete seit fünf Jahren feinem Chef die Besuche an, er kannte sich aus. Jetzt winkte er mit der Hand ab. „Nee, Herr Rose, bestimmt nicht. Gut angezogen und sehr sicher." „Reisender, Koschel?" „Auch nicht, Herr Rose. Nur dünne Aktentasche. Also keine Muster. Sonst hätte ich ihn gleich Herrn Tilgers gemeldet. Wegen ’nem Reisenden inkommodier' ich doch Herrn Rose nicht selbst." „Versicherung, Koschel?" „Nee, nee, Herr Rose. Sie wissen doch, ich täusch' mir nur sehr selten. Diesmal ist's was anderes. Diesmal ist's wirklich privat." Rose sah auf das Zifferblatt der großen Schreibtifchuhr vor ihm: ,Mrrz nach neun privat, Koschel, das ist unwahrscheinlich." Nun war Koschel fast beleidigt. ,Lch irr' mir nicht, Herr Rose", sagte er mit Nachdruck, ging an die Tür, öffnete sie, behielt die Klinke in der Hand. „3m Empfangszimmer I, Herr Rose." Rofe las sich noch einmal den Namen auf der Karte durch: „Dr. Büchner", dann erhob er sich, etwas schwerfällig, etwas unwillig, denn vor ihm lag ein Bericht feiner Reinickendorfer Konservenfabrik über den Versuch mit Heringsfilets in Tomaten, Halbpfund- und Pfundbüchfen, ein Versuch, den er anbefohlen hatte und der ihm sehr wichtig war. Als er über den Korridor zum Empfangszimmer I ging, dachte er noch einmal: „Büchner?" Irgendwo hatte er den Namen in den letzten Tagen schon gehört. Geschäftsmäßig kühl machte er seine Verbeugung gegen den Fremden beim Eintreten, murmelte vorstellend: „Rose", wies gewohnheitsgemäß ; auf einen Klubsessel: „Wollen Sie nicht Platz nehmen? Womit kann ich j Ihnen dienen? Wenn Sie sich gütigst möglichst kurz fassen wollen, ich bin sehr beschäftigt." Er setzte sich selbst. Auch Büchner hatte sich gesetzt. „Ich bin der Lehrer Ihrer Fräulein Tochter, Herr Rose, sie hat bei mir dramatischen ..." Weiter kam er nicht. Vater Rose waren schlagartig alle Zusammenhänge mit dem Namen „Büchner" eingefallen. So ruhig er sich vor einem Augenblick hingesetzt hatte, so schnell stand er jetzt wieder auf: „Damit ist Schluß, verehrter Herr Doktor, da nützt kein Bitten. Endgültig Schluß. Ist Ihnen das Mädel noch Honorar schuldig, dann will ich es Ihnen bezahlen. Das ist aber das letzte." Er griff nach seiner Brusttasche. „Wieviel machts'?" Büchner mußte lächeln. „Sie sind anscheinend noch nicht ganz im Bilde, Herr Rose. Sie wissen wohl noch nicht, daß Ihre Tochter fort ist." Vater Rose trat einen Schritt vor. Er stützte sich mit den Händen auf den Tisch, der zwischen den beiden stand. Verständnislos sah er Büchner an. „Was ist sie? Fort? Wohin denn? Wie denn?" „Ich muß Sie schon bitten, ruhig zu bleiben, Herr Rose. Ich verstehe Ihre Erregung vollkommen. Ich möchte Ihnen nur vornweg sagen: Sie brauchen sich in keiner Weile zu erregen oder zu ängstigen. Ich selbst habe durch einen reinen Zufall yeute früh von der Abreise Ihrer Tochter..." Wieder fiel ihm Rose ins Wort: „Abreise? Abreise? Ja, zum Teufel, was heißt denn das?" „Wollen Sie nicht erst einmal wieder Platz nehmen, Herr Rose. Ich glaube, es spricht sich besser im Sitzen. Ich kenne, wie ich besonders betonen möchte, auch erst feit heute früh, das heißt nach der erfolgten Abreise Ihrer Tochter, die Differenzen, die bezüglich des dramaturgischen Unterrichts und der Laufbahn Ihrer Tochter zwischen Ihnen und ihr bestanden haben." Rose hatte sich gefetzt, jetzt fuhr er wieder hoch. „Ich will von diesem Unterricht nichts mehr wissen, das haben Sie doch gehört." Ganz ruhig blieb Büchner. .Herr Rose, ich glaube, ich muß Sie erst einmal darüber aufklären, daß ich nicht als Bittender zu Ihnen komme. Sie scheinen auch noch nicht genau zu wissen, wer ich bin. Ich rede sonst sehr ungern von mir selbst: Ich bin der oberste Spielleiter des Hebbel-Theaters und der mit ihm vereinigten Bühnen und, wie ich glaube, ein nicht nur in Berlin, sondern im ganzen Reich, vielleicht darüber hinaus anerkannter Theatersachmann." „Ich will nichts vom Theater wissen, mein Herr. Meine Tochter kommt nicht zur Bühne." „Sehen Sie, Herr Rose, ich sagte Ihnen ja schon, daß ich diese Einwände Ihrerseits kenne. Ich wünschte, ich hätte sie früher gekannt, dann hätte sich diese Unterhaltung wahrscheinlich viel ruhiger und einfacher gestaltet. Jetzt aber müssen wir uns mit den gegebenen Tatsachen abfinden. Ihre Tochter ist heute früh nach Weimar gefahren, Herr Rose, sie hat dort ein Engagement am Goethe-Theater angenommen." „Das erlaube ich nicht." Wieder hob Büchner beruhigend die Hand. „Was ich vollständig verstehe, Herr Rose. Trotzdem möchte ich mit Ihnen darüber reden. Wollen Sie mich bitte anhören. Ich möchte für Ihre Tochter bitten. Ich sagte Ihnen, daß ich Theaterfachmann bin, anerkannter Fachmann, und als solcher sage ich Ihnen: Ihre Tochter hat Talent und hat Zukunft." Rose wollte aufbegehren, aber Büchner hielt ihn mit einer Bewegung zurück: er kannte von der Bühne her die Wirkung solcher Bewegungen auf das Publikum, und für ihn war Rose in diesem Augenblick Publikum, ein sehr leicht zu fassendes Publikum sogar. Er begann jetzt von (Bertie selbst zu sprechen, erst einmal, ohne auf ihr Theaterblut einzugehen, von ihrer guten äußeren Erscheinung, ihrem hübschen Gesicht, ihrer treuen Freundschaft zu Jfa Weiher, ihrem guten Charakter, ihrem frischen Wesen. Von all dem, was dem Vater schmeicheln mußte. Er fühlte bald, daß es schmeichelte und dadurch wirkte. Dann kam er auf ihr Begabung zu sprechen, erzählte von großen Theaterkarrieren, nannte Namen, von denen er annehmen mußte, daß selbst Rose sie kannte, er nannte Tagesgagen, vierstellige Zahlen; er wußte, er sprach mit einem Kaufmann, dem Zahlen imponierten. Wieder sprach er nun von (Berties Talent, erzählte, welchen Eindruck sie auf den Direktor des Goethe-Theaters — er nannte dessen Titel voll — gemacht hätte, daß dieser eine erstklassige junge Kraft für die Uraufführung eines neuen Stückes suche und glaube, diese Kraft eben in (Bertie gefunden zu haben. Hier machte Büchner eine kleine abschließende Pause. Die Wirkung blieb nicht aus. „Sagen Sie, woher hat das Mädel das alles bloß?" warf Rose, jetzt schon fast ganz ruhig, ein. „Das ist natürlich schwer zu sagen, Herr Rose. Talente sind meist ererbt." Nun wurde Vater Rose wieder sehr unwillig. „In unserer Familie hat nie einer Komödie gespielt. Wir sind immer kleine, ehrliche Handelsleute gewesen." Da hatte Büchner den Punkt, wo er erneut einhaken konnte. „Wissen Sie, Herr Rose, daß Sie da eben meinen Beruf beleidigt haben. Denn das Theater ist auch mein Beruf." „Aber ich bitte Sie, ich wollte Sie in keiner Weise ... Sie müssen das nicht so persönlich nehmen." „Ich glaub's Ihnen. Aber sehen Sie: Komödie spielen — Komödianten. Sie trumpfen da mit alten Voreingenommenheiten auf. Sie denken: leichtes Volk, Schminke, Liebelei, Verführungen. Seien wir doch ehrlich, Herr Rofe, wenn Sie Ihrer Tochter den Weg zur Bühne versperren, so tun Sie es, weil Sie die Schauspielerlaufbahn einmal nicht für standesgemäß halten, weil Sie zum andern für die Moral Ihrer Tochter fürchten. Schütteln Sie nicht den Kopf, es ist so. Aber es ist grundfalsch. Die Zeiten der Schmiere und all ihrer Nachteile, besonders ihrer moralischen Nachteile, sind vorüber. Der Schauspieler ist heute ein ernster Arbeiter, und seine Arbeit ist nicht leicht. Es gehört viel Können, viel Kraft, viel Mut und viel Liebe zur Sache dazu, um sich durchzuarbeiten und durchzusetzen. Wer aber das Können und die Kraft aufbringt, wer neben seinem Talent auch noch den Mut und die Liebe zu seinem Beruf hat, der wird vorwärtskommen. Und wird volle Befriedigung in feiner Arbeit finden. Heute steht der Schauspieler genau so im bürgerlichen Leben, Herr Rose, wie der Kaufmann. Er arbeitet und verdient. Arbeitet er gut, so verdient er auch gut. Aber Sie müssen sich nicht einbilden, daß seine Arbeit leicht ist. Sie ist so schwer, daß sie schon vor Leichtsinn schützt!" Büchner hatte langsam und eindringlich gesprochen, wirklich aus seinem Herzen heraus. Und das fühlte auch der Mann ihm gegenüber; er war schon mehr als halb überwunden. Er saß eine ganze Weile still und sah Büchner groß an. Dann fragte er: „Und Sie meinen, ich soll mein Mädel ...? Sehen Sie, sie ist doch unsere einzige, wir haben sie doch lieb. Und nun sollen wir uns von ihr trennen, bloß weil sie Theater spielen will!" „Sie sind ein Egoist, Herr Rose. Sie wollen Ihrer Tochter den Weg verbauen, weil Sie sich nicht von ihr trennen wollen. Ist das richtig?" Jetzt wurde Rose ganz unsicher. „Gewiß. Aber ist das denn wirklich eine Zukunft? Das Mädel hat doch alles, kann doch alles haben." .Lawohl, Herr Rofe, sie hat alles. Nur eins nicht: Arbeit. Und gerade weil sie ein tüchtiger Kerl ist, hat sie sich die gesucht. Weil sie ein selbständiger Mensch werden will. Weil sie nicht stolz auf Vaters Verdienste fein will, sondern auf ihre eigenen Verdienste. Blut von Ihrem Blut, Herr Rose, Sie werden noch Ihre Freude an dem Mädel haben. Aber lassen Sie sie nun bei ihrer Arbeit, halten Sie sie bei ihre? Arbeit fest." Wieder saß Vater Rose eine Weile still. Dann sagte er: „Ausgerückt ist sie." „Das schadet nichts. Das werden Sie ihr schon verzeihen." Nun wäre Roses Stimme ganz frei. „Das hab' ich fchon. Arbeit, sagen Sie, Herr Doktor. Gut, ich will's glauben. Ich will's nicht nun glauben, ich glaub’s fchon. Wahrhaftig. Aber das sag' ich Ihnen: ich habe in meinem Leben auch arbeiten müssen, und geholfen hat mir 'keiner. Außer meiner Frau, früher. Allein hab' ich's schaffen müssen, ganz allein. Und deshalb ist es auch was geworden. Und allein soll es die (Bertie nun auch schaffen, allein wie ich. Keinen Pfennig bekommt sie vor mir. Vorläufig wenigstens nicht. Und wenn sie betteln kommt, ober wenn sie sagt: Vater, hilf mir, ich hab' Schulden, bann sage ich: Schluß, mein Kind. — Verstehen Sie mich?" Büchner stand auf. „Ausgezeichnet, Herr Rose. So ist es sicher richtig. Und passen Sie auf. Das Mädel kommt nicht betteln. Es freut mich. Sie tennengelernt zu haben." (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: vr. Hanö Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'scheUniverfitätS^Duch. und Steindruckecei, 'N. Lange, Gießen.