SiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang Ml Montag, den 27. Zuli Nummer 58 Gebet. Von Friedrich Hebbel. Die du, über die Stern« weg. Mit der geleerten Schale Aufschwebst, um sie am ew'gen Born Eilig wieder zu füllen: Einmal schwenke sie noch, o Glück, Einmal, lächelnde Göttin! Sieh, ein einziger Tropfen hängt Noch verloren am Rande, Und der einzige Tropfen genügt. Eine himmlische Seele, Die hier unten in Schmerz erstarrt, Wieder in Wonne zu lösen. Ach! sie weint dir siiheren Dank, Als die anderen alle, Die du glücklich und reich gemacht: Latz ihn fallen, den Tropfen! schimpfung greift, als geben will, weil der (! Robert Schumann. Gestorben am 29. 3uli 1856. Von Professor Dr. Hans Joachim Moser. (Nachdruck verboten.) Man muh die packende Schilderung des jungen Klaus Groth uom Begräbnis des Tonsetzers Robe r t Shuman» kennen: wie an einem schönen Sommertage das rheinische Volk zu Tausenden den edlen Sänger, der im Jrrenhause Endenich von geistiger Erschöpfung endlich erlöst und genesen war, zur Bonner Ruhestätte geleitete, dasselbe rheinische Volk, das er in Liedern und Sinfonien uorcinft so hoch gefeiert, das aber den müde werdenden Düsseldorfer Meister bann so arg gequält und gepeinigt. Ein deutsches Musikerschicksal halte sich in tragischem Düster vollendet, so deutsch und echt wie nur eines. Der hochbegabte Jüngling im erzgebirgi- scheu Zwickau, ebenso von Musik berauscht wie von Dichterträumen gelockt, dann der Leipziger und Heidelberger Student, der seine Freunde Schuberts und Chopins Klavierwerke mit Jean Panischen Ohren zu hören lehrt, der mit dem genialen Kinde Clara Wieck Märchen in Worten wie in Tönen traumgaufelt und ihr erste Schmerzen schasst, aber plötzlich sich aus einer Phantasie-Irrung des Künstlers heraus mit einem andern Mädchen Dorübergehend verlobt. Endlich darf er die studia juridica an den Nagel hängen und Musiker von Berus werden — der gestrenge Friedrich Wieck als Lehrer, dessen Tochter Clara als erkorene Muse, die von Schumann begründete „N tue Zeitschrift für Musi k" als Kampfstätte des hochgesinnten Beeihovener wider den Astergeist flacher Gefallkünste — das ist seine Welt Ende der dreitziger Jahre des romantischen Jahrhunderts. Dann der erbiiterte Streit mit dem Lehrer und Schwiegervater, der lieber zu Verleumdung und Beschimpfung greift, als daß er dem Hochbegabten die Tochter zur Frau geben will, weil der Ehrgeizverblendete um deren Laufbahn als Klavier- uirtuofin bangt und wohl auch schon die Spuren des Pathologischen in Schumanns Seele ahnt. Schließlich gibt das Gericht die tapferen Oiedes- leute zusammen, und Clara beschert dem Tondichter einen Liebessruhliug, der den bisher säst ausschließlichen Klavierkomponisten mit einem r^chlage zum Schöpfer der fast anderthalb hundert Singlieder von 1840 werden läßt. Diese ersten Leipziger, bann Dresbener Ehefohre, in denen Schumann zubem bie Freundschaft mit Mendelssohn als ftarfes Crlebni empsindet, führen seine Schöpferluft auf den Kipfel — er wendet fid) ben großen Chor- und Orchesterformen zu und versteht es, was bis bah gtiffelfeine, skizzenhafte Kleinkunst gewesen war, ohne eigentlicheCm- buße an solcher Eigenart sich auch den erweiterten Formsachen anzupasscn. Doch allmählich, fast unmerkbar den Nächslstehenden, kündet sich,eme Derwandlung an. Der Tob Mendelssohns, ber wusle Harmber: »erl ner März- und Dresdener Maistürme 1848, Spuren schöpferischer Ermüdung wirken verdüsternd auf die mimosenzarte Seele des versonnenen ckr,s o- traien ein. Schassen wird mehr zur krampfhasten Gewöhnung als bafi wie bisher eine Fülle beglückender Eingebungen ihm von oben her zugeraunt worden war. Immer schweigsamer wird der ohnehin Ber- schlossene: die lleberficblung als ftäbtrfr Wuftft>treftor nad> ©iiffelborf scheint zunächst günstig zu wirken, bie tfntberfung bes junge naftiaun gewährt ihm tiefe Freude — doch bann wachsen wieder b.e Be°ngstigun gen, und ber unselige Sprung inbeuNH-,» am dmtte J< se™.on g bes Februar 1855 bringt bas geistige Enbe, das Erloschen ber tocpopi traft - seither hämmert er trostlos mübe dahm. psluckt Blumen tm Enbenicher Garten, sucht sich mühselig auf Früheres zu - - stirbt. Jene Welt in Tönen, bie Schumann In einmalig oollcnbeler Prägung aufgebaut, betrifft einige Seiten bes beut scheu Wesens, die zwar durch ihn so red)t deutlich ins Bewußtsein der musizierenden Nation getreten sind, nun aber zeitlos weiterklingen und weil mehr für uns bedeuten als etwa nur eine vorübergehende, spätromaniifche Zeitmode. Gewiß hat er auch eine biebermeicrlid)c Seite, jenen „sd-elmisch" treuherzigen, dabei etwa» zu gefühlvollen Ton, der uns Heutige etwas altiungfräulich, gewollt harmlos, zimperlich anmutet — manche schöne Musik ist da durch Texte Ehamissos und Robert Reinicks unmodern geworden. Aber e» wäre so verkehrt wie möglich, in diesen durch „Albums" dis zum lieber« brufi popularisierten Stucklein Schumanns Wesentlid-es zu erblicken. Der Eigentliche ist er vielmehr in ber Darstellung Eichenborssscher unb Kernerscher Waldromantik, im näd)tlichen Gliihwurmgeleudft, Heimlid) glühender Umsd-Iingung nebelnber (Qebilbe, leibenschastlid-em Ueberschwang unb Becherklang beutscher Burschenschafter, in schwankenden Pierrotoisionen mit huschenden Sylphiden, in schmerzvollen Ironien unb wehmütiger Groteske. Die technischen Mittel, all biefe Heimlid)« Phantastik barzustellen, sinb alle letzten Enbes seiner Klavierspielweise entsprungen, die schwerpuuktlosen Binbenoten mit ihrem vermischten Ungefähr, bie gotisch verzockten Nebenstimmen mit ihrem spinnwebfeinen tiiniengcmirr, bie bis ins Eigensinnige gesteigerten Kettungen kurzatmiger Motivchen — und doch bauen sich aus diesem Gewimmel kleinster Teilchen oft wahre Dome mit allem Glanz des Karbinalspurpurs empor. All diese Reizsamkeit, Zwischensarbigkeit, dieses jd)attenreld)e Zwielicht in Tönen Hot die Zeitgenossen, bie Mendelssohns Glätte und Klarheit leidster verstanden, zunächst vielfach befremdet, aber sehr bald hat sid) dies herrliche, nur scheinbar chaotische Erbe, zumal in der Haus- unb Kammermusik, aber auch mit vier Sinfonien unb mancher Ouvertüre im Konzerl- faal burchgesetzl und ist so sehr zum Besitztum der ganzen Musikwelt geworben, baß man gelegentlich tast vergessen hat, me(d)e Eroberung von Nenlonb bies olles vormols bebeutete unb wie großen Donk man bem dämonischen Ringen dieses Künstlers immerbar schuldet. Mögen Zeitgenossen, wie R. Wagner, durd) gewaltige Auswirkung sd)on in ber Oessentlichkeit des Operutheoters geglänzt unb lauteren Weltruhm erworben haben, so bleibt es Schumanns unvergleichliches Verbienst, unser Bolk gerabe in vielem Heimlichsten unb Keuschesten seines Wesens erraten unb künstlerisch nachgestaltet zu haben, bas, gegnerischen Tageslosungen zum Trotz, unverloren in allen Guten roelterleben wirb. Ein häßliches Mädchen. Novelle von Jo van Ammers-Küller. Dem Motorrabler, ber etwas fünfzig Meter von ihr hielt unb sich an feinem Rabe zu schaffen machte, schenkte sie keine Ausmerksamkeit, bi» sie plötzlich von einer Männerstimme dicht hinter sich ertorerft ausfuhr: „Verzeihung, mein Fräulein, könnten Sie mir vielleicht Ihren Schroll» benschlüfsel leihen, ich habe meinen zerbrochen." Hastig sprang bas junge Mäbchen auf und erkannte, errötend und verwirrtz in bem Sprecher einen hübschen blonben Stubenten, ber wie sie bas Technikum besuchte, aber einem, bem bas Slubimn Spiel war, unb für ben Sport unb Spiel Lebenszweck zu sein schienen. Auch er erinnerte sich, sie vom Sehen zu kennen, nahm zum zweitenmal sein« graue Sportmütze ab unb stellte sich vor: „Mein Name ist Bijlevelb." „Ich ... ich bin Fräulein Burger", stotterte sie unb streckte unsicher eine Hanb aus, zog sie jeboch, da ber junge Mann in ber einen Hand (ein Rab unb in ber anbern bie Mütze hielt, schnell roieber zurück. Mit kurzen Rucken begann sie bann an ben Riemen ihrer Rablosche zu nesteln; er stellte seine Maschine an einen Telegraphenpfahl auf der anderen Seil« des Kiesweges und kam ihr zu Hille. Doch sie hotte den Schlüssel schon gesunden, sie besaß sogar zwei; triumphierend hielt sie sie hoch, in jeder Hand einen. Er lachte, eine breite Reihe gesunder Zähne in seinem blühenden, gutmütigen Gesicht zeigend: „Was für ein Luxus!" „Kann ich Ihnen helfen?" erbot sie sich verlegen. „Wenn Sie das Rad halten wollen, sehr gern, bann wird es leichter gehen." Si« stand schweigend dabei, während er an bem losen Pebal arbeitete. Dicht neben ihr war sein regelmäßiges, rotbraun gebräuntes Gesicht, lieber einen sich stark abhebenden weißen Stirnstreisen fiel, unorbentlid) durch bas wieberholte Bücken, sein bichles krauses Haar. „Fertig", sagte er «nblich mit einem Seufzer ber Erleichterung. „Bielen Dank für bie Hilf«." Das Mädchen fudjte wieder ihren Platz im Gras« auf, unb ber Student fetzte sich neben sie. Das Gespräch, etwas zögernb einsetzenb, belebte sich rasch. Das Mäbchen gab witzig tressenbe Antworten auf sein« leicht hingeworfenen Be- Einige Wochen später sah Hans mit seinen Kameraden an der Speise- täfel im Klub, als Karel de Voogd die neuerschienene Nummer der Zeitschrift „Minerva" aus seiner Jackettasche nahm. In seinem sommersprossigen Faunsgesicht funkelten die kleinen Augen von kaum unter- drückter Spottlust. „Meine Herren", begann er feierlich, das Blatt auffchlagend, „es spielt sich in unserer unmittelbaren Umgebung ein erschütterndes Liebesdrama ab. Eine junge Dame mit dichterischen Neigungen hat eine hosfnungslose Leidenschaft für die schöne Erscheinung unseres Freundes Bijleveld gefaßt. Sie hat... „ , . „-Vorlesen! Vorwärts, Karel!" riesen die jungen Leute durchemander, und de Voogd, toll vor Vergnügen, kletterte auf einen Stuhl und deklm mierte laut zwei Gedichte von Ella Rooze mit der Aufschrift: „Für H. B." Das erste eine wehmütige Erinnerung an ein kurzes, starkempfundenes Glück das zweite eine Klage voll brennenden Schmerzes, die Klage einer Frau, die sich, nach kurzem Wahn, in ihren Illusionen betrogen sieht. Es gab diesen Abend noch mancherlei Rumor in Klub. Ueberall, in allen -Zimmern, las man Suze Burgers Verse an H. B., und über seine sonderbare Verbindung mit dem „Skelett" machten die phantastischsten Erzählungen die Runde. Verspottet und verhöhnt lief Hans schließlich nach Hause und verwünschte aus dem Tiefsten seines Herzens die närrischen Gedichte des „Skelettes" und seine eigene Dummheit, die. ihr Pseudonym einem gemeinsamen Bekannten von ihm und de Voogd verraten hatte. Australische Goldstädte. Eintagsskädte entstehen und vergehen. Von Professor Dr. Walter Geisler, Breslau. In Westaustralien liegen die Goldfelder, in der viele Tausende von Menschen nach dem Edelmetall suchten, aus der aber auch viele enttäuscht und an Leib und Seele gebrochen ohne den erhofften Reichtum 8urua= kehrten, froh, das nackte Leben gerettet zu haben, während ungezahm Goldsuchcr ungenannt und unbekannt den furchtbaren Tod des Verschmachtens gefunden haben. Im letzten Jahrzehnt des 19. Iahrhundertk und im ersten des 20. Jahrhunderts find die größten Fund« in Wettaustralien gemacht worden; seitdem ist die Ausbeute immer geri"^^ geworden. Wenn man aber bedenkt, daß im ganzen für über 153 Mnlw- nen Pfund Sterling Gold gefunden worden ist, so kann man ermessen, welch unschätzbare Bedeutung die Goldfelder für den großen und dabei so dünn bevölkerten Staat gehabt haben. Vor den Goldfunden war Westaustralien eine mit den größten Schwierigkeiten kämpfende Kolonie, die man am liebsten wieder aup gegeben hätte, jetzt gilt Westaustralien als das Land der Zukunft. Wo die Prospektoren einst in Mißachtung aller Gefahren die felsige, sonnen- druchglühte Erde durchwühlten, da findet sich jetzt blühendes Kolomau land. Der Unternehmungsgeist des Goldsuchers hat das Land erschloßen- Als die Kunde von den Goldfunden in weitere Kreise drang, fanden sich Abenteurer, Geldgierige, gestrandete Existenzen, aber auch ernstyai Strebende, um in der glühenden Steinwüste nach dem ersehnten Meta zu suchen. Die Ausrüstung dieser Leute, die sich zu „parties“ zusamme - schlossen, war dürftig genug. Außer dem Mundvorrat, zu dem als wmb tigster Teil das Wasser gehörte, wurden Hacken und Schaufeln und o „Dryblower“ mitgenommen, d. h. eine Vorrichtung, um durch Schüttet von Sieben das leichte Muttergestein von den goldhaltigen, Wto