GiehenerKnnilieMätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1931 greitag. den 27. März Nummer 25 klingendes.Plätschern: zehn fadendünne gedrehte Wasserstrahlen springen im Kreis aus dem Kapitell einer Säule, fallen in schlanken Bogen in die Schale und enden in ewig zitternden hellglitzernden Talern auf dem grünen Wasser. Feinste silberne Musik, einschläfernd und doch wach machend in seiner besonderen Art. Nachtfahrt durch Kalabrien. Das Meer wie perlgraue Seide im Abend, breit gestreift. Drüben auf Sizilien winzige golden glitzernde Lichterketten von Messina. Scilla wie ein Märchen: Großes, ganz dunkles Kastell auf dem steilen Felsenklotz im Meer, unten im Halbrund angelehnt lichte weiße Häuser mit vielen Lampen. . Tunnels durch die Felsen — viele viele Tunnels, eine ganz Nacht Inn2ie kalabrischen Bergschluchten, in die Lichter sich nach oben ver« Heren. Hier soll es Räuber geben. Zum letztenmal die schöne Insel Sicilia, schwarz, bergig, unter Gewitterwolken. Das Meer davor, schon fast nächtlich, einmal noch aufleuchtend vergißmeinnichtblau. Dann im Nachtgewitter — Tunnels, schwarzes Meer, bläuliche Blitze» Donner, Donner, Regen an die Scheiben — durch Kalabrien, * Im Wagen nur Bauern. Alte schwarze Frauen, krause Haare, eingefallene Wangen, faltige, fast indianische Gesichter mit edlem, oft leidendem Ausdruck. Eine junge Frau, wie eine Madonna. Psirsichfarbenes Kopftuch, goldene Ohrringe, hellblaue Augen, glattes dunkles Haar in Zöpfen um den Kopf gelegt, klare runde Stirn, bräunlich, jungfräulich. Sie hat eine blaue Samtbluse an, läßt sie von dem jungen Bauern neben sich befühlen, lächelt glücklich, voll Charme und wissender Reinheit. Fahle Blitze die halbe Nacht. Die Frauen steigen aus; nur Männer bleiben. Sie liegen grotesk und graziös herum und schnarchen. Trübe Lampen. Furchtbarer Schmutz. Manchmal ein schleichendes lauerndes Subjekt. Jede Stunde der schwarze Faschist im Radmantel. Er sucht jemanben, seit der Fähre schon, sieht jedem ins Gesicht. Jetzt kiekst er — nicht unfreundlich — jeden der Tiefschlafenden, der die Fuße auf der Bank hat. Mich sieht er nur an, es genügt auch. Draußen die Mondnacht von Kalabrien. Immer ganz dicht am dunklen Meer viele Stunden die zarte, voll Mondlicht gesogene Brandungswelle. Eine 'Palmen-Silhouette bewegt sich sacht. Alte Wachtturme gegen die Seeräuber. Auf dem Streischen Wiese zwischen uns und dem Meer liegen massige dunkle Tiere: schlafende Büffel. Eine runde Zisterne im ^Einmal Hochküste, hundert Meter tief, unten das Meer dunkel leuchtend. Ganz schmale kreidige Schluchten stürzen zu ihm ab. Ziegen wachen auf. Ihre langen blauschwarzen Haare glänzen im Mondjcheln. Sie fliehen hinab, und hinter ihnen rieseln die Steine Bei Salerno opalisierender seidiger Fruhmargen. Rote Kahne aus dem schwerflüssigen, wie noch nicht aufgewachten Meer; weit draußen schwebende Segelboote. Hellblau und gold. Assisi. Es liegt klein und zusammengedrängt mit vielen großen Kirchen auf einem Hügel, eigentlich einem Vorsprung des hohen kahlen Monte Suoasio. Steinern, in heller Sonne, ganz ohne Grün und Baume. Aber vor der Stadtmauer glitzern graugrüne Oliven auf grasigem Hang. Ein kleiner Junge holt uns ab. Ganz kleines altes Albergo (Hotel), Malerquartier. Eine Alte verneigt sich. Wir wohnen unterm Dach, ganz hoch, ungesehen von unten. Vor uns höckrige qraurote Dächer — auf einem ein Glockenstuhl mit nltersgruner Bronoeglocke — viele nahe flitzende Schwalben, tief unten eine Ebene voll Licht; mitten darin eine Kuppelkirche wie vergessenes Spielzeug. Fern und schwebend über dem Dunst die blaugrune Gebirgskette. Unter uns und den Schwalben eine winzige winklige Piazza (|>tag), Taq und Nacht sehr heiter und dicht belebt. Das halbrunde Mauerchen vor einem obskuren Laden ist immer besetzt. Ein S°"'8er gelber Hund liegt davor und macht mit dem Kopfe alle Erregungen des ^ages mit. Frauen mit gelben Kopftüchern, „bimbi“ (Saug mge) an der Brust S e kommen wach, lebhaft, lachend die beiden Straßen herauf ober bte anbcrn beiben herunter, mit großen gebauchten hellrotglodenen Kupfer trügen am Brünnchen Wasser zu holen. Em .alter Lei rkasteiiniann kommt die steile Straße herauf — um ihn em Truppchen Kinber — und [vielt Liebliche, lustige, ganz berückende Melodien, daß wir gar nichts mehr denken. Aus allen Türen kommen noch kleine Jungen gerannt.— Manchmal ein schreiendes Eselchen mit seinem Karren. Immer Radau. Aber Assisi ist so still, bah dieser Lärm als Stille wirkt. Oie Palmen. Von Werner Bock. Tagüber, wenn die Sonne spitze Strahlen schießt, Sind unsre Blätter stählern hart wie Pfeile. Wir starren felsengleich in nackter Steile Und warten atemlos, daß Nacht uns übergießt. Das erste Mondlicht rinnt wie Tau zum Wurzelgrund Und perlt als Silberblut durch unsre Stämme. Wir rauschen plötzlich auf wie Wogenkämme, Wenn Wind vom nahen Meer uns streift mit lauem Mund. Wie Harfen hört ihr unsre Fächer schlagen: O, daß wir Bäume sind und Früchte tragen! Aus einem Reiselagebuch. Bon Wera W a g e n s ch e i n. M o n r e a l e. Wir fahren mit einem Bähnchen ins Freie, und, eine halbe Stunde steigend, nach Monreale hinaus. An der Strecke brusthohe wilde Geranien, rosa glühend und reglos im Nachmittag. Der junge Schaffner lächelt mich immer an. Er ist braun und ernst. Ich lächele auch und M. bekommt finstere Blicke. Rechts der Berghang ist karg und grün; bis zum Grat hinauf Kakteen-Jnseln, die in der Sonne glänzen und blenden wie Wasser. Links in der Tiefe das Meer, und, wie ein weißer Teppich, die ^^Monreale"ist eine kleine alte Stadt auf der ersten Hügelterrasse des Gebirges. Schon die kleine wunderbare Bronzetüre halt uns fest. Begebenheiten aus dem Alten Testament, gebeugte Baumindividuen, priuutw unö lebendig. Im Innern der Kathedrale werden wir von einer klaren Stille unb ergriffen: [unter 2Jto|niten von (5olb unb einem rupeuoil leuchtenden dunklen Blau, auch der alles fast magisch beherrschende riefiae Christus mit übergroßen dunklen orientalischen Augen. Durch bte farblosen Bogenfenster fallen Sonnenscheinbüschel und unterbrechen all dies herrliche Blau. Es sind Mosaikbilder aus dem Alten und Neuen Testament; hohe und helle Gestalten, alle in großer Bewegtheit und Änmut, mit hochgezogenen Knien, wie getrieben, schrelteno. Die Schöpfungsgeschichte. Zuerst nur Meer und zwei Baume: der offene Feigenbaum und der geschloffene runde Fruchtebaum der Erkenntnw. Gott sitzt auf dem Erdball und madjt nut ©efcfjtoHenf)e11 unb ‘1^acP,t an der fiebenringigen Sternfcheibe Sonne und Mond. Er fetzt ms Waße Fische die alle ihn anschauen, sich ihm entgegenheben, in die Luft Bogel — außer der Taube noch starr - unb ein Rudel lebenslustiger Vierfüßer/auch das Einhorn ist dabei. Der Mensch empfangt feinen 2Item. Dann ruht Gott, zwisck)en feinen beiden Baumen auf der Kugel sitzend, mit gelösten Armen unb Füßen, geneigtem Koxst unb ernsten unbegreiflichen Augen; wie in übernatürlicher Trauer unb Einsamkeit. ^Zwei ärmliche Kinber sinb durch die Bronzetur gekommen blaß braune Lumpen. Das elfjährige Mädchen hebt den kleinen Bruder vo ein Heiligenbild, beiden legen wilde Blumen hm. Ihre Gesichter, voll lichter Heiterkeit, bleiben sie lange stehen, gehen wieder, Hand m Hand, W SS*, MW. d-. Ich hmafa f.e.t.uf.n» unb eine Nacht. Um den heißen Rosengarten mehr als hunder sch anke Säulenpaare aus weißem Marmor unb buntem Mosaik, gold, bunfelblau unb bunteirot. Nur ganz selten unb dadurch besonders bezaubernd eine mit Hellem Türkisblau. Die eingelegten Zacken Streifen, Sterne sind doU Vbantasie und schöner Schlichtheit. Keine gleicht der anderen, do ) aleiäit jede im Ganzen. Jedes zweite Säulenpaar ist aus schneeweißem Marmorn vielleicht kommt daher die überraschend einheitliche, ,a ruhige qmrkana' bes Sen bei aller bunten Vielfältigkeit. An den Ecken sind MMZWWM Wenn «in Fremder durch geht, wird es etwas ruhiger und alle gucken. Einmal ein geputzter junger Herr mit verlegen wippenden Tritten; er bleibt vor einem Anschlag stehen, und ein kleiner Junge kommt aus dem „salotto di barbiere“ (Barbierstube) gestürzt, hockt sich vor ihn hin, befühlt schnell die hellen Wildlederschuhe und rennt wieder in sein Loch Es fällt mir auf, daß die Burschen und kleinen Buben sich im Gehen oft so freundlich umarmen. Eins zieht uns immer wieder an: ein spitzes Haus, das schmäler wird nach unten, wo ein vom Alter fast verschwundenes Heiligenfresko gemalt ist; man sieht nur noch ein bißchen Blau, aber es liegen frische Blumen davor und abends wird ihm für die Nacht ein gelbes Lämpchen angezündet. Drüber ist ein Zimmer mit kleinem Balkon, da wohnt ein alter Mann mit seinem großen weihen Bett und seinem kleinen weißen Seidenhund. Man sieht den alten Mann langsam in seinem Zimmer hin und her gehen und manchmal das schöne breite Bett noch glatter streichen. Der kleine Hund aber springt wie ein Teufelchen und leicht wie eine Feder auf den Balkon und wieder ins Zimmer, hier und dort angelockt; er interessiert sich für alles. Selten kommt auch der alte Mann heraus, aber er sieht nicht nach unten und streichelt nur den kleinen weißen Hund, der dann den Kopf zurücklegt und ganz stillhält.^ Heute am Palmsonntag ist alles noch gesteigert und von Festlichkeit überglänzt. Die Frauen tragen buntere Kopftücher und lächeln bereitwilliger. Und alle tragen Oelbaumzweige im Ann. Wir gehen unsere Straße hinauf. Sie ist eng, dunkel beschattet. Kleine lockende Läden, auf deren Fliesenfußböden ganze Herden von Porzellanlind Steinguttöpfchen sich drängen; manche mit bunten Vögeln und Blumen darauf, andere mit dem rotgoldigen und dunkelblauen Grund einer tiefschillernden Kupferglasur. Groteske und liebliche Formen. Dazwischen der heilige Franziskus auf Kacheln, Decken, Tellern. Aus diesem bunten Dunkel, das wie ein Plaudern ist, durch ein Tor plöglick in flimmerndes Mittagssonnenlicht auf den geschlossenen Platz der Klosterkirche. Der weite heiße Hof, ein paar Einspänner klein und müde darauf in das bißchen Schatten gerückt, an beiden Seiten niedrige Säulengänge, die fern aufeinander zulaufen, einer im Licht, einer im Dunkel. Ein Maultier darin angebunden. Als Abschluß das Kloster des heiligen Franziskus. Ein ganz kleiner Junge mit einem Gesichtsausdruck, der abwesend ist vor weißer Mittagshelligkeit, bietet mir ein Sträußchen blasser Cyclamen an. Es ist ihm gleich, ob ich sie nehme. Wir steigen höher. Die heißen steinernen Straßen sind fast menschenleer, doch von vergangenem Erlebnis erfüllt. Manchmal Scharen von jungen Mönchen, wie Nabenschwärme. Lange Schritte, flatternde schwarze Gewänder. Ihre Nagelstiefel zwitschern auf dem Pflaster. Dann wieder Leere. In kühlen dunklen Gewölben arbeiten Kupferschmiede. Wenn die Augen sich vom Mittagslicht abgewendet und an das Dunkel gewöhnt haben, sehen sie rötlich-goldenes Gesunkel in allen Winkeln, große schöne Krüge und Becken, zwischen denen die still Arbeitenden fast verschwinden. Bor den runden Eingängen riesige schmiedeeiserne Greifen mit vielen Krallen, die oft seltsame Glockenspiele halten. Wir klettern weiter, gehen durch Torbögen — lastende schwere und leichte doppelte, schmal und hoch, über denen Tauben und Schwalben bürgen und durch die man unten das Land sieht. fRenaiffancebrunnen, on die Häuser gelehnt, plätschern in di« Stille. Die Stadt, die zuerst uns grau erschien, gewinnt langsam eine feine Farbigkeit. Hinter verschlossenen Fensterläden hallen Klaviere; altmodisches Spiel. Hoch im Ort die Piazza. Da ist buntes Leben. Ein Brunnen mit spuckenden Steinlöwen unb vielen trinkenden Tauben. Bauern mitzOliven- zweigen. Die Glocken läuten den ganzen Tag; sie machen eine richtige Musik in Assisi, sind auseinander abgestimmt; Melodien in wechselndem Rhythmus. Eine lange. Schar ganz kleiner Priesterchen wird von Mönchen über den Platz geleitet, und noch kleinere folgen, zu zwei und zwei. Waisenkinder, Knaben in schwarzen Capes, Mädchen in grauen; sie werden in Kolonnen geführt, wie Taubenschwärme. Vor den Stabtmauern glitzernde Oliven. Stechend heiße Sonne. Am kahlen graugrünen Hang des Monte Subasio Disteln, Buchsbaum, Geröll. Wir klettern ein Stück bergan, so weit es geht in der Glut. Legen uns ins Gras. Unten hinter Mauern die Stadt, zwischen zwei Bergtürmen. Ueber ihr hängt das Glockenkonzert wie eine unsichtbare Wolke, ganz tief unten die verschwimmende Ebene. Der runde Hang des Monte Subasio, an dem wir liegen, ist steil und kahl, ohne einen Busch, ohne Halt. In düsterer Nähe lagern sich breit die massigen umbrischen Berge, braun, unter hitzeflimmerndem Himmel. Ein Hirt zieht mit seiner Herde hinter uns bergan. Wir hörten sie nicht, aber der Hund steht plötzlich da und sieht uns mit feurigen Augen an. Es ist ein wunderbarer Hund, wie aus Andersens Märchen: „Augen wie Teetassen", herrliche weihe und braune Haare, die in der Sonne schimmern, groß und von einer Urtümlichkeit, wie ich noch keinen sah. Wir verhalten uns ganz still und rühren uns nicht, denn fein Blick ist flackernd vor Wildheit. Aber er beschließt, uns nicht zu fressen. Plötzlich kommt er ganz nah, stößt seinen Kopf an meine Schulter, wedelt kurz auf und läuft voll Würde seiner Herde nach. Fern auf dem Berg drüben singt ein umbrischer Hirt. Seine Schafe sind klein wie Krümel. Plötzlich wird der Himmel flockig und geht zu. Es kommt Wind. Vollmondnacht. Das kalte grünliche Mondlicht und das warme der gelben Laternen bekämpfen sich an den Häusern. Drüber der samtblaue Nachthimmel. Brunnen plätschern aus dem Schatten, riefeln in bläulichem Silber. In den verlassenen Kupfergewölben funkelt es schwach in den Winkeln; die Krüge haben Mondstrahlen von irgendeiner Fensterscheibe gefangen. Es wetterleuchtet. Die Leute sieben vor ihren Häusern, still jetzt, und sehen nach den Blitzen über der Ebene. Die ferne Kuppelkirche leuchtet auf. In der Nacht schwingt auf dem Nachbardach der Sturm die Glocke. (Wird fortgesetzt.) Geschichte und Gegenwart. Von Uniöerfitätsprofeffor Hans Sieger. Der vierte Band der Propyläen-Weltgeschichte trägt den Titel „Das Erwachen der Menschheit" und enthält unter den bisher vorliegenden vielleicht das meiste Neue und Unbekannte. Bis auf 20 000 Jahre v. Chr. kann man jetzt zurückschauen, während bisher die Geschichtsbetrachtung meist erst 5000 v. Chr. einzusetzen pflegte. Mit Erlaubnis des Propyläen-Verlags veröffentlichen wir aus dem neuen Bande diesen Aufsatz: Die gesamte Geschichte des geschichtlichen Denkens bestätigt den innigen Zusammenhang von Geschichte und Gegenwart. Sie lehrt, daß die geschichtliche Betrachtung ihrem tiefsten Sinne nach immer Selbstverstän- bigung der Gegenwart gewesen ist, und daß nur Zeitalter, die in sich selber einen neuen Gehalt verspüren, die Geschichte neu zu sehen, neu zu deuten imstande waren. Die pragmatischen Historiker haben aus dieser sinnhaften Beziehung von Geschichte und Gegenwart oft ein grobes Prinzip der Stoffauswahl gemacht. Sie haben als Gegenstände der historischen Erkenntnis nur diejenigen gelten lassen wollen, die einen unmittelbaren Bezug auf die gegenwärtige Welt und einen offensichtlichen Nutzen für die Orientierung in ihr haben; alles übrige sollte als gelehrter Plunder in die Ecke geworfen werden. So denkt etwa Solingbrote in feinen Leiters on the study and use of history. Die wahre und lebendige Geschichte geht für ihn im Grunde nicht hinter das 16. Jahrhundert zurück. Denn hier habe das politische und soziale System, das noch jetzt Europa beherrschte, seinen Ursprung genommen; nur diese Jahrhunderte seien also für den, der lebendig in seinem Zeitalter stehe, wahrhast Geschichte. Das ist sehr kurz geschossen und heißt sowohl den Gehalt der Gegenwart wie seine wirksamen Ursprünge unterschätzen. Nur weil er das Studium der Geschichte ausschließlich in den Dienst des praktisch-politischen Handelns stellt, kommt Bolingbroke zu einer so radikalen Begrenzung des Stoffes. Aber in einem erweiterten und vertieften Sinne wirkt der Gegenwartsbezug der Geschichte in der Tat als Prinzip der Stvffauswahl — auch in denjenigen Systemen weltgeschichtlicher Vetrachtung, die willens find, die Kette der Ereignisse und ihrer Voraussetzungen wirklich bis zum Anfang zurückzuverfolgen und alles Menschliche in den Sinnzusammenhang der Geschichte aufzunehmen. Jede Analyse des Polybios, des Augustiiiiis, Herders oder Hegels zeigt, daß der Anspruch auf Universität, den sie alle erheben und in ihrer Weise erfüllen, keineswegs identisch ist mit stofflicher Vollständigkeit, sondern im Gegenteil die bestimmtesten Normen der Auswahl in sich schließt. Nur was für das Werden des Römischen Reiches, für das Werden der civitas Dei, für das Werden der Humanität und des Freiheitsbewußtseins eine wesentliche Stufe gebildet hat, nur was in einem sinnvollen Zusammenhang mit dem lebendigen Gehalt der Gegenwart steht und durch diese hindurch in die Zukunft wirksam ist, wird in die „universale" Geschichte ausgenommen. Bereits ihrem Umfang und ihrer Fülle nach steht also die Geschichte unter dem formenden Einfluß der Gegenwartsproblematik. Allein dieser Einfluß reicht nun viel tiefer. Nicht nur was an Vergangenheit dem Sinnzusammenhang der Geschichte eingegliedert, was als unwesentlich ausgeschlossen wird, sondern auch wie dieser Sinnzusammenhang selbst gestaltet wird, ergibt sich erst vom eigenen Standort und seinen Wertentscheidungen aus. Erst dadurch, daß die eigene Gegenwart und Zukunft (sei es positiv, sei es negativ, sei es als Vollendung ober als Verfall) in ben Entwicklungsgang der Menschheitsgeschichte eingeordnet wird, gliedert und stuft sich die Vergangenheit, bekommt sie ihre Akzente und Perioden, wird sie ein einheitlicher Sinnverlauf, wird sie „Weltgeschichte". Weil für den christlichen Geschichtsphilosophen die Erlösung der Menschheit oder der Sieg der Kirche in der Welt den schlechthin gültigen Sinn seiner eigenen Existenz ausmacht, spaltet sich ihm die Vergangenheit in die Geschichte vor und nach der Erlösung; und innerhalb dieses absoluten Schemas formt sie sich zu einem dramatischen Verlauf mit klar bestimmten Einschnitten, Ruhelagen und Höhepunkten. Und erst als sich die europäische Aufklärung als Beginn einer neuen allgemeinverbindlichen Kulturidee, als Trägerin eigener Gegenwartsaufgaben und Zukunftsziele bewußt geworden war, wurde sie fähig, dem christlichen Geschichtsmythus eine eigene Geschichtsauffassung entgegenzusetzen. Auch diese Geschichtsauf- faffung mit ihren charakteristischen Antithesen von Varbarei und Zivili- sationj von Wildheit und Humanität, von dunklen und hellen Zeitaltern, mit ihrem guten Blick sür die entscheidenden Errungenschaften und Fortschritte, mit ihrem ausgeprägten Sinn für die hohen Zeitalter der Kultur bietet eine Konstruktion des universalgeschichtlichen Prozesses von denjenigen Normen aus, durch die fick) die Gegenwart gebunden fühlt. So alle Systeme der weltgeschichtlichen Betrachtung, die es überhaupt unternehmen, die Vergangenheit als Sinneinheit zu begreifen. Der Spruch der Vergangenheit ist in der Tat „immer ein Orakelspruch"; nur vom Selbstbewußtsein einer bestimmten Gegenwart aus kann er gedeutet werden. Wenn an die geschichtliche Erkenntnis, wie es um der Objektivität willen oft geschieht, die Forderung gestellt wird, sie solle auf jede Gliederung nach Wertgesichtspunkten verzichten und jede Beziehung der Vergangenheit auf gegenwärtige Entscheidungen vermeiden, so ergibt sich, falls die geschichtliche Erkenntnis sich nicht in sammelnde Materialarbeit auflöft, sondern an einem Gesamtbegriff der Weltgeschichte festhält, notwendig das Bild eines ungeheuren Schauspiels, dem der gegenwärtige Mensch als reiner Zuschauer gegenübersteht. Und an Stelle des echten historischen Bewußtseins, dem die Beschäftigung mit der Geschichte innere Notwendigkeit ist, pflegt sich dann irgendein Surrogat einzuftellen: der ästhetische Genuß am bunten Spiel des Geschehens, der bloße Poly- Historismus, die Skepsis, die aus der Mannigfaltigkeit der Bewertungen auf die Ungültigkeit der Werte schließt, ober ber resignierte Spott über die Menschheit, die zwar immer in andern, ober immer in neuen Illusionen lebt. Ernst T r oe11sch und andere moderne Theoretiker der historischen Erkenntnis haben diesen Sachverhalt, den die Geschichte der Geschichtswissenschaft allerorten zeigt, zu einer grundsätzlichen Erkenntnistheorie der 9 . , , , „ Raum Auf der einen Seite, nach Das Atelier: ein hoher, saft kahle gm Atelier nirgends dem Tiergarten zu. von einem Gla-dach sjtegermn5feu L7°nst^ ra7m!Ä7-erbh7i^desR^ gemildert und zur Große erh , Staffelei vor dem angefangenen In der Mitte des R°E/,Lb' «"erderzu feiner Gesundheit, die lewe Bilde, dieser diszipllniert s . auszeichnen, ein starkes Maß SÄ«"*«“ »,2""pn* zu stellen. „ , nieies immerwährende Kunstschauen und M-K»n T°ch"km"» °"d--|r,id’ "n“ 9<"’"n'- a“9 »S*Ä R«p'„;r I«* « °7 «ÄSÄ immer zur Ausübung seiner Kunst bereit, uno i anderen Künstlern in gewisse Disferenzen. Er erzählt Wer sein Mus- liches Leben und seine Dagese>nte> UW- Rufstehn — Frühstück — „Bei mir geht alles nach der ®mu . 11 !> @runb(a9C nach seinem Befinden. c> vielem Sommer haben se mir sä*« ='-m" Nachmittags vier Uhr. Obermann kramt zeigt dem Besucher °Uerle. Schatze. Auch das GeWenr^ Staates: ein schwerer SUberkasten 'Mt Photos p^) * achtzigsten Bildern Liebermanns b’e Aeun2”Snigt hatte. Mit Vergnügen holt ^/^auch^e^Ka"rika?ureE"die^7o7 ihm i.?de^ letzten Jahren erschienen ^"Da"kl°pft es, und ein Beamter der Akademie bringt eine Mappe voller Briese Zur Unterschrift. Sckreibtisch nieder, der an einem Liebermann laßt sich an m Sitrnatien blicken. Mit flinken ..Er t.mld, SU' Ä”'Ä Sr ää r,„"ÄSÄ S"S?d.."l5.i«mÄEd" »* w "* steckte sie in einen Topf voll . der Diener ganz E-. sein. Das hat seinen Sinn! — * (üpmälben aejcymuckte 2\5oi)nung y i ) •,^*88?Äw'S» »" »ich. Mf«i- Liebermann. Meist« Marti» der Süfner und i-»>« «»<■( •» « r » ,,u„» SS*Ä s klärte Antlitz der Alten zeigt wohl, daß se in’bem Augenblicke, sie nieder mit dem Kopse auf die Bettt 11 , ^f. Sie ist gestorben! als die Amme das Kind l°Atragt, i l Martin schwieg, „das 'st - „Das ist", sprach Paumgartner.ais , ein, wie das eine’ wunderbare ®e!^‘e’6“o|mutter mit Eurem starrsinnigen Vorsatz; weissagende Lied der alten Gr tz wo(lcn, zusammenhangen kann. Rosa nur einem Kupermeister g 3 W(1S tann denn klarer sem, al. __ Ach", erwidert Meister Martin, ,, Lebens, von dem Herrn das-"die Alte in dem letzten Augenblick ih me uertünbete, wie es aanz besonders erleuchtet, mit weiss g „^«e? Der Bräutigam, der mit Rosa, sollte sie glücklich sein, f <$) t 9 unb Hort ins Haus mit dem blanken Häuslein Re.ch u'M Gluck, HeU^m o^- b£i ir bringt' wer kann das anders sem np(«rtiat bat? In welchem andern sein Meisterstück, sein blankes Hauslein gef S ? u b roenn der !ffiein arbeitet, dann rauscht und 1 er, ,£n au? und ab fahren und Ls sind die lieben Englein, die m den^luten^aut hat die lustige Liedlein singen. 2a, la! uermeister, und dabei soll es denn alte Großmutter S-me.nt als den Kap 1^ erklärt lieber auch bleiben." - .§hr erklärt - *T6mutter nun einmal nach Meister Martin, die Wor e d Ql nicht recht zu Sinn, und Eurer Weise. Mir will.Eure Deum a g b£5 Himmels und dem bleibe dabei, daß 2hr alles P " rirbiiae Ausspruch verborgen Herzen Eurer Tochter, m dem ich", fiel Martin ungeduldig liegt, lediglich überlasten sollt. „ £in jür allemal kem anderer ein, „ick, bleib« bobei,daßm „ amngortn«r wäre beinahe zormg sein soll als em tüchtiger Kuper. Pa h ach und stand auf geworden über Martins Eigensinn, doch Meister Martin, laßt vom Sitze, indem er sprach. „Es ist w t g or un9 nicht mehr un7 setzt aufhören mitTr.nken undReden,^b-we^„ stand em dienlich zu s«»n. — Als s , benen der älteste kaum acht, der sunaes Weib da mit sunf Knaben, von ®cjb sommerte und jüngste kaum ein halbes Jahr °lpTntaeacn unb sprach: „Ach Gott schluchzte. Rosa eilte den Eintretende gg stjn Weib nut i'" TX'n.'^Baltin gestorben?" rief Meister^Mmtti. ganz bestürzt — „ei über b°^aümaartncr"7enkt'Euch,'mein würdiger Euch", wandte er sich dann Su Paun ä - ” jrf) in ber Arbeit hatte, 3».»- Nachmittags bei Max Liebermann. Bon H a n s O st w a l d. Präsidenten der Kvnstakadem.e, aU Mechch m£lm „ it)i< nachmittags richtig kennenlernen will der kann es a l . jmmer nod) wie cm besuchen darf. Nachmittags arbeitet d ! 11 @d)Qfj£nbe nicht an der Jugendlicher unermüdlich und ^Arbeitszimmer das aus den Tier- Staffelei. Da liest er wohl m EM Arbe^ z , er „ie. Zum garten blickt, oder ererll'digtPos.Ohne^ g n @ßc unt) mindesten hat er ein Buch in d das Buch weg in seinen Schiller oder em Werk von Kant Zog rno w» ousbewahrt werden — WML ÄSÄS» M°".'»° ÄfÄSS L suchte und Geg konkrete Zeit immerzu in den prägnanten l'isch notwendig Ist^l Wie^t^bk°nttAeiZe.tindurchdin bi£ Zukunft strebt, j --oment des I tz wesentlich in gegenwärtiges Leben und gegen- s mundet die wescyicyw we;e i > n a .... oeben überhaupt als Mi vollziehende Fortbildung der Gs)), „ ben Uebergang zur 1 >iid des geschichtlichen Verlaufs uno eine $ ^mart stch mit einer I Sendungen. Das heißt natürlich nichk- " Wanzen ausfassen dürste. Sie | roden Teleologie als Ziel oder Werdens ein, I! liebert sich vielmehr selbs m b-n Na'nmenyang^ not, I ielleicht keineswegs als dessen Vollendung v r bcr ^schicht- | Jcnbiges Glied. Sie »«ft'bt Juf) höchst b stimmten ^-rpf » 6o ftar{ der I ter Autonomie der wissenschaftlichen Arbeit y» z sich dieses seines 8 Gehalt seiner Zeit m ihm leben mag und so bet » treibt, der Standes sein mag, ^rc..yrnter^tenUntrflf,^Q n t e bas ganse Stergniigen am 1 Forderung, deren Erfüllung nach R a n ^lder der Dinge zu ver- Studium der Geschichte ausmacht „die §^,9ea(g Ie6teg Resultat zu er- I folgen", Mitgefühl, Efimpn Eorikmn lebt die Spannung zwischen dem I streben. In allen produktiven H'stmik ie tWirklichkeit hinzugeben, Willen, sich rein ontemplatio der ve ll ng > bc{timmte und dem Bewußtsein,. daß s'e d « lbe,aMy i bieje Spannung Gegenwart vergegenwärtigen müssen uno e ber histotl- wo nicht aushebt, so doch er‘™gba^ Geschicht-- schen Objektivität und der Autonomie der achten Hift°- forschung einen unantastbaren Sm ber geschichtlichen Gestal- riter lebendige Ehrfurcht „^heit vom Standpunkt der Gegen- tungen. Keine Güederung der Berga^g ) nimmt den geschichtlichen wart aus, die nicht reine B g > Verwirklichung eines eigenen Gestalten die hohe Duatttat, inbimöueUe er _ @0'tf,B3U sein. Keme Sinns, in sich fAdst öenttier, „ Wegstück zu einer anderen, menschliche Wirklichkeit .st Lenn fie io qebüd)t ist, ist sie histo- 'risch Äach?„Die'Geschichte ist nie Richterin, sondern alle Zeit Recht- fertigerin" ($. Croce). Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. -Srud und Verlag: Drühl'sche AniversitSts-Buch. und Steinbruckerei. R. Lange, Gießen. * Auf einer schönen grasichten, von hohen Bäumen beschatteten Anhöhe lag em iMger Gesell von stattsjchem Ansehen, Friedrich geheißen. Die Sonne war schon herabgesunken, und rosige Flammen leuchteten auf aus dem tiefen chimmelsgrunde. Ganz deutlich konnte man in der Ferne die berühmte Reichsstadt Nürnberg sehen, die sich im Tale ausbreitete und ihre stolzen Turme kühn in das Abendrot hinaufstreckte, das sein Gold ausstromte auf ihre Spitzen. Der junge Gesell hatte den Arm ge- ' "Ä das Reisebundel, das neben ihm lag, und schaute mit sehnsuchtsvollen Blicken herab in das Tal. Dann pflückte er einige Blumen, die um 11)11 her in dem Grafe standen, und warf sie in die Lüfte dem Abendrot .u dann sah er wieder traurig vor sich hin, und heiße Tränen perlten in einen Augen. Endlich erhob er den Kopf, breitete beide Arme aus als wolle er eine geliebte Gestalt umfangen, und sang mit Heller, gar 'lieblicher Stimme folgendes Lied: Schau' ich dich wieder, O Heimat süß, Nicht von dir ließ Mein Herz getreu und bieder. O rosiges Rot, geh mir auf! Mag nur schauen Rosen, Blüh'nde Liebesblüt' Neig' dem Gemüt Dich zu mit wonnigem Kosen. Willst du springen, o schwellende Brust? Halt' dich fest in Schmerz und süßer Lust. O goldnes Abendrot! Schöner Strahl, sei mein frommer Bot', Seufzer — Tränen mußt Treulich zu ihr tragen. Und stürb' ich nun, Mochten Röslein dich fragen. Sprich: ,Jn Lieb' verging" sein Herz.'" . Nachdem Friedrich das Lied gesungen, zog er aus seinem Reisebündel em stucklem Wachs hervor, erwärmte es an seiner Brust und begann eine schone Rose mit hundert seinen Blättern sauber und kunstvoll aus- zutneten. Wahrend der Arbeit summte er einzelne Strophen aus dem t_ieüe vor sich hm das er gesungen, und so ganz in sich vertieft, bemerkte er nicht den hübschen ^imglmg, der schon lange hinter ihm stand und emsig seiner Arbeit zuschaute. „Ei, mein Freund", sing nun der Jüng- ling an, et mein Freund, das ist ein sauberes Stück, was Ihr da Friedrich schaute ganz erschrocken um sich, als er aber dem frem- I ten xwnghng in die dunklen freundlichen Augen sah, war es ihm als kenne er ihn schon lange; lächelnd erwiderte er: „Ach, lieber Herr'wie möget Ihr nur eine Spielerei beachten, die mir zum Zeitvertreibe 'dient auf der Reise? — „Nun", fuhr der fremde Jüngling fort, „nun, wenn x'hr so getreulich nach der Natur zart geformte Blume eine Spielerei nennt, so mußt Ihr ein gar wackrer geübter Bildner sein. Ihr ergötzt mich 'wlLftUn Nrt. Erst drang mir Euer Lied, das Ihr nach der zarten Buchstabenweis Martin Haschers so lieblich absanget, recht durch die Brust, un® M-Miltz ich Eure Kunstfertigkeit im Formen hoch bewundern. Wo ff,denn noch heute hinzuwandern?" — „Das Ziel", erwiderte riedrich, „das Ziel meiner Reise liegt dort uns vor Augen. Ich will hin nach meiner Heimat, nach der berühmten Reichsstadt Nürnberg. Doch d « Sonne ist schon tief hmabgesunken, deshalb will ich unten im Dorfe I übernachten; morgen in aller Frühe geht's dann fort, und zu Mittag kann >ch m Nürnberg feim — „Ei , rief der Jüngling freudig, „ei, wie sich .bus l° lHon trifft! Wir haben denselben Weg, auch ich will nach Nürnberg. Mit Euch übernachte ich auch hier im Dorfe, und dann ziehen wir "'fflicn weiter. Nun lacht uns noch eins plaudern." Der Jüngling, Rein- hold. geheißen, warf sich neben Friedrich ins Gras und fuhr dann fort- „Rügt wahr, ich irre mich nicht, Ihr seid ein tüchtiger Gießkllnstler das S c?n Art zu modellieren, ober Ihr arbeitet in Gold'und Sllvei.- Dnedrich sah ganz traurig vor sich nieder und fing dann klein- I mutig an: „Ach, lieber Herr, Ihr haltet mich für etwas viel Besseres und I beres, als ich wirklich bin. Ich will es Euch nur geradehin sagen daß * itf) die Küperprofession erlernt habe und nach Nürnberg zu einem be« kff'uten SNeister in die Arbeit gehen will. Ihr werdet mich nun woh! verachten da ich nicht herrliche Bilder zu modellieren und zu gießen Der« mag, fonbeni nur Steife um Fässer unb Kufen schlage." — „Ich soll Euch verachten weil Ihr em Kuper feib, unb ich - ich bin ja selbst gar nichts I "fferes ols das. Friedrich blickte ihn starr an, er wußte nicht, was er glauben sollte, denn Reinholds Aufzug paßte freilich zu nichts weniger J5JU ffoffn reifenben Kupergesellen. Das Wams von feinem schwarzen Tuch mit Samt besetzt, die zierliche Halskrause, das kurze, breite Schwert, ffffffn ffffff mit einer langen, herabhängenden Feder ließen eher auf einen iuob(beguterten Handefsmann schließen, und doch lag wieder in dem m der ganzen Gestalt des Jünglings ein wunderbares Etwas, das ff'? .hoffen an den Handelsmann nicht Raum gab. Reinhold merkte w'V ?TLe[;." r,6 sff" Reisebündel auf, holte das Küperschurzsell, sein Messerbesteck hervor und rief: „Schau doch her, mein Freund, schau bod) nur ffr!—-Zweifelst du noch daran, daß ich dein Kamerad bin? — "3$ weiß, dir ist mein Anzug befremdlich, aber ich komme von Straß« bürg, da gehen die Küper stattlich einher wie Edelleute. Freilich hatte ich sonst, gleich dir, wohl auch Lust zu etwas anderem, aber nun geht mir das Kiiperhandwerk über alles, und ich habe manch schöne Lebenshoffnung darauf gestellt. Gehts dir nicht auch so, Kamerad? — Aber beinahe scheint es mir als habe sich unversehens ein düsterer Wolkenschatten in bem heiteres Jugendleben Hineingehängt, vor dem du nicht fröhlich um dich ZU bücken vermagst. Das Lied, das du vorhin sangst, war voll Lie« bessehnsucht und Schmerz, aber es kamen Klänge darin vor, die wie aus meiner eigenen Brust hervorleuchteten, unb es ist mir, als wisse ich schon alles, was m dir verschlossen. Um so mehr magst du mir alles vertrauen, "'/sffn wir denn nicht ohnedies in Nürnberg wackere Kumpane fein unb bicben? Reinhold schlang einen Arm um den Friebrich unb sah ihm freundlich ins Auge. Darauf sprach Friedrich: „Je mehr ich dich anschaue, frommer Geselle, desto starker zieht es mich zu dir hin, ich vernehme deutlich die wunderbare Stimme in meinem Innern, die wie ein treues Echo widerklingt vom Ruf des befreundeten Geistes. Ich muß dir alles sagen! — Nicht, als ob ich armer Mensch dir wichtige Geheimnisse zu vertrauen hatte, aber weil nur die Brust des treuesten Freundes Raum gibt dem fremden Schmerz unb ich in den ersten Augenblicken unserer jungen Bekanntschaft dich eben für meinen treuesten Freund halte. __ Ach bin nun ein Küper worden und darf mich rühmen, mein Handwerk Zu verstehen, aber einer andern, wohl schönem Kunst war mein ganzer Sinn zugewandt von Kindheit auf. Ich wollte ein großer Meister im Budergießen unb in ber Silberarbeit werden, wie Peter Bischer ober der italienische Benvenuto Cellini. Mit glühendem Eifer arbeitete ich beim ^errn Johannes Holzschuer, dem berühmten Silberarbeiter in meiner £>etrnat, der, ohne gerade selbst Bilder zu gießen, mir doch alle Anleitung dazu zu geben wußte. In Herrn Holzschuers Haus kam nicht selten Herr Tobias Martm, der Küpermeister, mit seiner Tochter, der holdseligen Rosa. Ohne daß ich es selbst ahnte, kam ich in Siebe. Ich verließ die Heimat unb ging nach Augsburg, um die Bilbgießerei recht zu erlernen, "ber nun schlugen erst recht die hellen Liebesflammen in meinem Innern auf 3d) sah unb hörte nur Rosa; alles Streben, alles Mühen, das mich nicht zu ihrem Besitz führte, ekelte mich an. Den einzigen Weg dazu schlug ich em. Meister Martin gibt seine Tochter nur dem Küper, ber in feinem Hause das tüchtigste Meisterstück macht und übrigens der Tochter wohl ansteht. Ich warf meine Kunst beiseite und erlernte das Küperhand- werk. Ick) will hin nach Nürnberg und bei Meister Martin in Arbeit gehen Aber nun die Heimat vor mir liegt und Rosas Bild recht in lebendigem Glühen mir vor Augen steht, nun möcht' ick) vergehen in Z?geu- und Not Nun seh' id) klar das Törichte meines Beginnens, -weiß ich s beim, ob Rosa mich liebt, ob sie mich jemals lieben wird?" — Neinho d hatte Friedrichs Geschichte mit steigender Aufmerksamkeit an« gehört. Jetzt stützte er den Kopf auf den Arm, und indem er die flache Hand vor die Augen hielt, fragte er dumpf und düster: „Hat Rosa Euck) denn niemals Zeichen der Liebe gegeben?" — „Ach", erwiderte Friedrich, „all), Rosa war, als ich Nürnberg verließ, mehr Kind als Jungfrau. Sie mochte nitd) zwar gern leiden, sie lächelte mid) gar holdselig an wenn 'dj in S)errn Holzschuers Garten unermüdlich mit ihr Blumen pflückte und Kranze wand, aber ..." — „Nun, so ist ja noch gar keine Hoffnung verloren , rief auf einmal Reinhold so heftig und mit "solch widrig gellender Stimme, daß Friedrich sich fast entsetzte. Dabei raffte er fick) "auf, das ^ffwert klirrte an seiner Seite, unb als er nun hock) aufgerichtet da stand fielen die tiefen Nachtschatten auf fein verblaßtes Antlitz unb verzerrten bie Milben Zuge bes Jünglings auf recht häßliche Weise, so daß Friedrick) ganz ängstlich rief: „Was ist dir denn nun auf einmal geschehen?" Dabei trat er em paar Schritte zurück und stieß mit dem Fuß an Reinholds Reisebundel. Da rauschte aber ein Saitenklang auf, und Reinhold rief Zornig: „Du böser Geselle, zerbrich mir nicht meine Laute!" Das Instrument war an dem Reisebündel befestigt, Reinhold schnallte cs los und griff stürmisch hinein, als wolle er alle Saiten zersprengen. Bald wurde aber das Spiel sanft und melodisch. „Laß uns", sprach er ganz in bem milden Ton wie zuvor, „laß uns, lieber Bruder, nun hinabgehen m das Dorf! Hier trage ich ein gutes Mittel in den Händen, die bösen Ueifter zu bannen, die uns etwa in den Weg treten und vorzüglich mir was anhaben könnten." — „Ei, lieber Bruder", erwiderte Friedrich, „was sollten uns beim auf unferni Wege böse Geister anhaben? Aber dein Spiel ist gar lieblich, fahr' nur damit fort." — Die goldenen Sterne waren hinaufgezogen an des Himmels dunklem Azur. Der Nachtwind strich im dumpfen Gesäusel über die duftenden Wiesen. Lauter murmelten die Back)e, ringsumher rauschten die büftern Bäume bes fernen Waldes. Da Zogen ijrieörid) unb Reinhold hinab, spielenb unb singend, und hell und rs.ar,.wie auf leuchtenden Schipingen wogten die süßen Töne ihrer sehn- suchtigen Lieder durch die Lüfte. Im Nachtlager angekommen, warf Rein- hold Laute und Reisebündel schnell ab unb drückte Friedrick) stürmisch an |cme -öruft, ber auf seinen Wangen bie brennenden Tränen fühlte die Reinhold vergossen. (Fortsetzung folgt.) dem Bau eines großen Fasses gefährlich mit dem Lenkbeil, bie Wunde mürbe schlimmer und schlimmer, er verfiel in ein hitziges Fieber und gar sterben müssen in seinen blühendsten "Jahren." Darauf sd)ritt Meister Martin zu auf das trostlose Weid, die, in Tränen gebadet Hegte, daß sie nun wohl verderben werde in Not unb Elend. „Was"' iprad) Martin, „was denkt Ihr denn von mir? In meiner Arbeit brachte' sich Euer Mann die gefährliche Wunde bei, und id) sollte Euch verlassen in Eurer Not? — Nein, ihr alle gehört fortan zu meinem Hause! Morgen, offr wenn Ihr wollt, begraben wir Euern armen Mann, unb bann Z'eht Ihr mit Euern Knaben auf meinen Meierhof vor dem Frauentor wo ich meine schöne offene Werkstatt habe unb täglich mit meinen Gesellen arbeite. Da könnt Ihr dann meiner Hauswirtschaft vorstehen, unb Eure tüchtigen Knaben will ich erziehen, als wären es meine eigenen joobne. Unb daß Jhr's nur wißt, Euern alten Baler nehme ich auch m mein Haus Das war sonst ein tüchtiger Küpergeselle, als er noch Straft in den Armen halte. Nun! — wenn er auch nicht mehr Schlegel, Kimmkeule ober Banbhake regieren ober auf der Fugbank arbeiten fnnn, fo ist er doch noch wohl des Degsels mächtig oder schabt mir mit bem Krummesser die Bände aus. Genug, er soll mit Euch zusammen in meinem Hause aufgenommen sein." Hätte Meister Marlin bas Weib nicht erfaßt fie wäre ihm vor Schmerz und tiefer Rührung beinahe entseelt zu Fußen gesunken. Die ältesten Jungen hingen sich an sein Wams, unb bie betben jungften, die Rosa auf den Arm genommen, streckten bie Hünd- eßen nad) itjm aus, als hätten sie alles verstanden. Der alte Paumgartner lPr"?) lächelnd, indem ihm die hellen Tränen in den Augen standen: „Meister Martin, man kann Euch nicht gram werden", und begab sich bann nach seiner Behausung.