SietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang Zreitag, den 27.5ebruar Nummer l? Nachtlred. Von Friedrich Hebbel. Quellende, schwellende Nacht, voll von Lichtern und Sternen: In den ewigen Fernen, sage, was ist da erwacht! Herz in der Brust wird beengt, steigendes, neigendes Leben, riesenhaft fühle ich's weben, welches das meine verdrängt. Schlaf, da nahst du dich leis, wie dem Kinde die Amme, und um die dürftige Flamme ziehst du den schützenden Kreis. Traumerzählung. Von Arnold U l i tz. Würden die Menschen sich noch um Bücher kümmern, wenn sie des Träumens alle teilhaftig wären und aus den Nächten die Träume herübernähmen in ihren Tag? Es ist gesagt worden, Träumen sei Dichten. Wer aus Träumen erwacht, hat wieder eine kindliche Seele. So erwachte ich heute. Die Läden waren noch vor die Fenster gepflockt, durch ihre Ritzen drang unbeschreibliches glänzendes Blau. Ein Tag von unerhörter Schönheit mußte angebrochen sein, und so trat in mein Herz, nicht wie sonst beim Erwachen, irgendeine Sachlichkeit, sondern gleich eine große Freude. Der Freude aber bleibt ein Traum gern im Gefolge, und so kommt es, daß ich heute meinen Traum erzählen kann. Mitten durch eine Landschaft, die das Grenzgebiet einer großen Stadt mar, verlief ein schwarzer Zaun, dessen Enden ich nicht sah. Viele seiner Latten waren schon geborsten und an Stellen verspellt, aber nirgends schimmerte das Geleucht frischer Holzwunden, so uralt war der Zaun. Er zog sich mit einer verrückten Hartnäckigkeit quer durch Felder, die unbebaut und feucht wie Frühlingsäcker waren, und durch Gartenbeete und Häuserhöfe in gleicher Weise, unbeirrbar in gerader Linie. Zwar standen schon Blumen auf einigen Beeten, aber es war dennoch sichtlich eine frühe Zeit des Jahres, dampfig von Feuchte, und von der Erde wußte man, daß sie in speckigen Klumpen an den Sohlen haften und an den Absätzen sich wie Schneebälle knäulen mußte. Ich dachte, während ich am Zaun stand: das ist so traurig hier wie in London, aber ich hatte diese Stadt niemals gesehen und nur aus Dickens' Büchern war mir der Eindruck einer schmerzhaften Düsternis geblieben, in der es viele Schuhwichsefabriken gibt und Flaschenspülanstalten und Sattlereien, wo neunjährige, verhungerte Knaben einen zehnstündigen Arbeitstag harmvoll verbringen. Alles das war jetzt auch im Traum. Rauch ging aus Schornsteinen, gefährlich aussehend, langsam empor, wurde von der Schwere des Himmels geduckt und zwischen die Häuser niedergeknufft, und so kam er über das glitschige Pflaster heran, widerlicher Dunst. Sonderbar war es, daß sehr viele Straßen auf dieses Ackergebiet mündeten und alle auf den großen Zaun zuliefen, in einer verdrehten Städtebauweise, die sogar im Traum als verdreht erschien. Menschen waren nirgendwo zu sehen, nur Arbeiterblusen und Frauenzimmerhemden hingen triefend an Stricken und Drähten, die um grünberußte Altanen gestrafft waren. Es war Vorstadt und war ein Geruch nach Arbeiterhüusern. Auf einmal erscholl sehr leise noch, hoch über den Arbeiterhäusern, im dicken Rauchgewühl das Summen eines Fliegers. Jählings war mir die Bedeutung des Zaunes klar, er war die Grenze oder die „Front", und alles Jenseitige war der Feind, das Diesseitige aber waren wir, war Deutschland. Der Propeller trieb den Grauqualm in Fetzen vor sich her, schlug mit den wunderbar geschmeidigen Flügeln den Dunst hernieder und reinigte den Himmel in einem Nu. Die Häuser standen in Klarheit, zwischen den Zaunlatten war in prächtiger Schärse reinumknntetes Licht errichtet, und es war, als sei es ein Zaun aus Lichtstäben: Licht sei das Baumaterial, in einen finsteren Raum hineingezimmert. Nachdem diese Verwandlung ins Lichte geschehen war, begannen auf ein Signal hin, das wie ein zackiger Glasscherben am Bauch des Flugzeuges aufgrellte, Geschütze, die hinter London standen, ein gewaltiges Feuer gegen Deutschland. Die Flugbahnen heulten hohe Bögen über den flimmernden Zaun, hinter dem ich mich niederwarf, und wenn sich das Geheul zu einem furchtbaren Laut zusammengeballt hatte, erfolgte jedesmal eine schreckliche Detonation. Ich lag voll Entsetzen, die linke Wange dicht an die Erde schmiegend, und so konnte ich auch sehen, daß meine Hand gestreift war wie ein Zebrafell, was mir sehr auffiel. Drüben die Stadt blieb menschenlos, aber hinter mir meinte ich Flüstern, Weinen und Geschrei zu hören. In meiner Neugier wandte ich den Kopf, und sah eine Landschaft und eine Stadt, die gänzlich der feindlichen glich, nur daß ich sogleich empfand, wie grenzenlos ich sie liebte. Die Leute standen törichterweise auf den Straßen, und die Mütter schleppten mit furchtbaren Gebärden getötete Kinder in die Häuser. Die Kinder hingen wie Ertrunkene in ihren Armen. Ich sah auf das herabhängende Bein eines dreijährigen Knaben; es war drollig und rührend wie alle Kinderbeine sind, und es trug einen dünnen abgeschabten Lederschuh. Der erst rührte mich so, als sei er der Jnbegrisf alles unverschuldeten Leidens in der Weit, und ich war betrübt und ohne Trost. Plötzlich sprang ich auf, und ich merkte, daß ich Offizier sei. An einem grellblau gestrichenen Briefkasten in der deutschen Straße stand ein langer schlanker Mann und telephonierte in den Schlitz des Bries- emwurfs hinein, und es war unverkennbar, daß manchmal das Geschütz innehielt, um auf ihn zu lauschen, und dann, über Irrtümer aufgeklärt, mit dreifacher Wut und betäubender Geschwindigkeit feine furchtbaren Granaten herllberwarf. Ich erbleichte, als ich vollkommen deutlich verstand: „Hundert Meter zu kurz" Also ein Spion. Die Gaffer standen mit dicken Adamsäpfeln an gestreckten Hälsen, die Mütter sammelten noch Leichen, er aber telephonierte in der Ruhe eines abgefeimten Bureaumenschen. Er trug auch eine leichte Bureaujacke, und die linke Hand hatte er in der Hosentasche. Kein Mensch schien zu merken, daß er der feindlichen Artillerie dienstbar war. Ich ging langsam geradezu bummelig auf das Haus zu. Es trödelten einige Soldaten davor herum, in blauen Uniformen, alte über Vierzigjährige, mit aufgepflanztem Bajonett. „Merkt ihr es denn nicht, ihr Esel", dachte ich ingrimmig, aber ich wußte, daß ich eine gleichgültige Miene machen mußte. Ich sprach einen an und ließ mir Feuer geben. Während ich die Zigarette schon paffend im Munde hatte, sagte ich wie ein Schmierenintrigant mit zwischen den Zähnen geknirschter Stimme: „Machen Sie sich fertig, mir müssen den Mann da am Briefkasten verhaften. Haben Sie geladen? Gut. Folgen Sie mir unauffällig." Hierauf ging ich weiter und durch eine Nebentür ins Haus hinein. Es war ein Wachtlokal, einige Soldaten faßen da und spielten Skat. „Still, still", flüsterte ich, „besetzen Sie die Ausgänge des Hauses und die Straße. Ich habe einen Spion zu verhaften." Sie gingen lautlos hinaus. Dann trat ich auf den langen Menschen zu und sagte: „Sie sind mein Arrestant!" Er fragte ruhig: „Aus welchem Grunde?" „Sie haben zum Feinde telephoniert." „Suchen Sie nach einem Telephon, Sie dürften schwerlich eines finden!" „In der Tat", so mischte sich ein kleiner Herr mit grauem Spitzbart ein, „ein Telephon ist im ganzen Hause nicht. Ich weiß es zufällig, ich bin der Wirt." Ich erkannte plötzlich, daß es ein Wirtshaus war, von jener Art mit kleinen gemütlichen Hinterstuben, in denen hasardiert wird. Ledersofas, eichene Tische und Stühle und gute Kupferstiche an den Wänden, dazu ein einwandsreier alter Wein. Uebrigens ein anständiger Ton im Hause, Weiber reizten seine Gäste nicht. Diesen Gesamteindruck hatte ich jetzt sofort, als kennte ich die Kneipe seit Jahren. Dem Wirt machte ich ein hochmütiges Gesicht, obwohl er eigentlich nicht unangenehm wirkte, sondern eher fein und gescheit, etwa wie ein Privatsekretär. Als seine Frau, eine mütterliche und gramvoll aussehende Fünfunddreißigjährige, zu sprechen begann, in einer großen Bangigkeit, der anzuhören war, daß sie sich in dieser Ehe zu einer schweren Kummerflut gestaut hatte, schüttelte ich nur den Kopf. „Sie haben kein Telephon im Hause", sagte ich, „aber Sie haben vielleicht eins im Briefkasten." Niemand außer dem Langen lachte, aber das klang nicht dreist, sondern nur erlöst, weil das ja solch ein Unsinn war. „Ach, Herr Leui- nant!" sagte die Wirtin. Ich wertete das Gelächter des Langen sofort scharfsinnig aus. Es war um eine ganze Stufe zu laut, und es war um eine Viertelnote zu höhnisch. Ich sah mich nach dem Posten um, er hielt das Gewehr schußfertig. Der Lange eilte auf den Briefkasten zu und klappte den blauen Deckel, der über dem Einwurf lag, laut auf und nieder. „Hören Sie, machen Sie sich nicht lächerlich", sagte er. „Ein Telephon im Briefkasten!" Ich lächelte auch wirklich und sagte vertraulich zu ihm: „Wie kann man nur ein so plumper Psychologe [ein, mein Herr!" Der Hohn warf ihn ganz nieder, er zitterte. Dann hob ich, nachdem ich dem Posten noch einen Wink gegeben, mit einer gewissen Großtuerei den Deckel. Der Lange lachte, denn es wurde nur eine große Schraube sichtbar, die offenkundig harmlose Zwecke hatte, doch ich wandte mich um und sagte ruhig: „Um eine halbe Note zu verzweifelt!" ^°Jch erwachte, die dunkle Stille brodelte sonderbar um mich, und ich AL-T EL'LN'WKstK tzKKRNZELMß AZs. sfcsgp^a tes-x s äsä” 6a,t2Z GMk--ZLHMWß Schnee. Ich ging zwischen zwei Mädchen dadurch do- rief e t c„x-„ c,ä„ frfiniit einen doch an, wenn man lyn |o preqi, uvu ZLM---ES--- Schönheit erwachte ich ... Schmalkalden. S!"S5S: fewiffi W AAZWMWW MWSMSW S-S-sSZLZMWck »onm*in 's-.--». °>- °°» «™g« » " , » Ä S«> ! kung des spamschen Besitzes m Italien uno^ ^^^ogengezänk" keinen waren. Schon in Biorrns patte er i Persönlichkeit Luthers zu USZSE-S-G WZMWW I lawi chen Hauser von ^"aieno a rneltlidier und erblicher Herzog Albrecht in K°n.g-bergder^ weltliche^ u J hatte, ML??LS--2WUSM z-rL« i!» s > -ÄZWZrAMWMz SSä ff sst rassfig Bürgedriege. Ein Religionsgespräch zu Regensburg>un Jahre M» h- *"«*” Vbren. dellen Knifflichkeiten, tuyrle eoen,vlaen>8 ouL Verständigung, "^e die endliche schreckte vielleicht mehr die drohende Notwendigkeit einer Rückgabe d „ä? ääjäwO ■ÄftS SS "'S «*<»« ®Ä «N T ■EBBSS Ä ÄS » iUTS SÄ's'Ä« SN SÄ RfflSSH WMsZWZiMM ZWMNMWM ..s »s SSM-Äß.fl«S | s ^E'^^knÄwahr^ichrie der Lange, „es ist nicht wahr!" (Holla, das sE .wk.m ro ftUr ®errätl“"ätte die weite Stimme, und der Lange weinte und rief" „Mein Äott, mein Gottl" »"»■ * r i"r, irÄ»”***® N» Von Carl Zimmermann. An die Seite der klassischen Städte aus der Reformationsgeschlchte, »“7“T'°S.«'“»»“»oFSÄs«“''»”» SiSchLL 1"»-/«. &» »»“X sagte, beiseite geschoben. nftw nl.e xer imeiten Tagung von Speyer und zu Augsburg hatte ^sMWWMZHW MZxL----UZs--Z 8MSWW8 WWDUchMUWg W-M-WWGM i Mä-»'S.E'S ;‘3-Ä5S MZMsE------ I '-W!UZMM-L»S für em Jahrhundert endgültig. | sgraljms gegeben. Ich wußte sofort, daß ich nur wenig würde sprechen In die Augen hatte ich noch nicht sehen können. Ich näherte mich langsam. War er das? Konnte er das sein? Nun zog Kalbeck mich heran. Ich sah in die Augen, die noch das Licht hatten. Blau und einzig, aus Robert Schumanns Welt, aber dem können. Die stille, junge, fühlende Art neben ihm schien ihm zu behagen. Er ah mich wiederholt an, und ergreifend, weil ihm unbewußt, zeigte sich die brechende Kraft dieses Riesen. Niemals war er krank gewesen — nun hatte der Feind ihn erreicht. Er wehrte sich, er würde bis zum lebten Augenblick sich wehren — aber während er auf die Frage der Freunde erwiderte: „Es geht mir besser — der Arzt ist zufrieden , wußte er das Gegenteil. Das gab in das leuchtende Blau dieser Augen eine Trauer, die ich nie vergesse. Behutsam betrachtete ich ihn. Das Gesicht war schon abgemagert und fahl doch das Haupt hatte noch die wundersame Schönheit des alten Zauberers. Er lieh mich schauen und pflückte langsam die dunklen, quellenden Beeren einer Brüsseler Weintraube. Wie eine Pflegerin voll zarter Hingabe, Zufriedenheit heuchelnd, saß die gute Frau Kalbeck ihm gegenüber. Sie wußte, was dem Freunde noch wohltat. Man lachte gerne bei Tisch, um keinen melancholischen Schatten auskommen zu lassen. Der alte Wilhelm Singer, ein Muster der Wiener Raunzerart, gab Gelegenheit dazu. Er schimpfte auf alles. Dann aber sprach man von Konzerten, und der Name Robert Schumann floß ms Gespräch. Da kam es über mich. Ich sagte leise vor mich hin, Ja, Schumann." Es konnte eigentlich nur für mich sein. Doch Brahms hatte es gehört Er nickte und hielt, ohne zu pflücken, die Weintraube in feinen «inaezoqenen Kloster-Ländereien und -schätze als ein geistiges Kompromiß der Meinungen. Aber ihre Halsstarrigkeit brachte die Schale des kaiserlichen Zornes zum lieb erlaufen. Im Herbst nach Luthers Tode begannen die Kanonen zu sprechen. Da überdies Herzog Moritz von — . • r. _ -1... föinun CflfHithpncmpnnuPti 3 Bald nach Tisch brach er auf. Er trat zu mir hin und gab nur noch einmal die Hand. Nun erst spürte ich, daß er von der bevorstehenden Ausführung wußte ... „ ,, „„ „Na, soll man Ihnen nun Glück wünschen? - Das waren die letzten Worte, die ich von ihm gehört. Herb, scheinbar kühl — keine „Musikerstimme". . .. Ich sqh ihm nach, dem Meister des Frauenüedes, dem Trager menschlicher Sehnsucht, dem Letzten aus dem großen, alten Reich. Oie drei gerechten Kammacher. Erzählung von Gottfried Keller. (Fortsetzung.» Von demselben rührte auch ein blanker kleiner „Gewürzmörser her, welcher das Gesimse ihres Schrankes zierte zwischen der versprochen war. Von demselben rührte auch ein blanker kleiner Gewürzmörser her, welcher das Gesimse ihres Schrankes zierte zwischen der blauen Teekanne und dem bemalten Blumenglas; schon lange war em solches artiges Mörserchen ihr Wunsch gewesen, und der aufmerksame Zeugschmied kam daher wie gerufen, als er an ihrem Namenstage damit erschien und auch was zum Stoßen mitbrachte: eine Schachtel voll Simmet, Zucker, Nägelein und Pfeffer. Den Mörser hing er dazumal vor her Stubentüre, ehe er eintrat, mit dem einen Henkel an den kleinen Finger, und Hub mit dem Stößel ein schönes Geläute an, rote mit einer Glocke so daß es ein fröhlicher Morgen ward. Aber kurz darauf entfloh der falsche Mensch aus der Gegend und lieh nie wieder von sich Horen. Sein Meister verlangte obenein noch den Mörser zurück da der Entflohene ihn seinem Laden entnommen, aber nicht bezahlt habe. Aber Züs Bünzlin gab das werte Andenken nicht heraus, sondern führte einen tapfern und heftigen kleinen Prozeß darum, den sie selbst vor Gericht verteidigte auf Grundlage einer Rechnung für gewaschene Vorhemden des Entwichenen. Dies waren, als sie den Streit um den I Mörser führen muhte, die bedeutsamsten und schmerzhaftesten Tage ihres Lebens da sie mit ihrem tiefen Verstände die Dinge und besonders das Erscheinen vor Gericht um solch zarter Sache willen viel lebendiger begriff und empfand, als andere leichtere Leute. Doch erftritt sie den S'^emi aber^die^zierliche Seifengalerie ihre Werktätigkeit und ihren exakten Sinn verkündete, so pries nicht minder ihren erbaulichen und geschulten Geist ein Häufchen unterschiedlicher Bucher, welches am Fenster ordentlich aufgeschichtet lag und in denen sie des Sonntags fleißig las Sie befaß noch alle ihre Schulbücher fett vielen Jahren her und halte auch nicht eines verloren, sowie sie auch noch bie gan^e ttane Gelehrsamkeit im Gedächtnis trug, und sie wußte noch den Katechismus auswendig, wie das Deklinierbuch, das Rechenbuch, wie das Geographie- buch die biblische Geschichte und die weltlichen Lesebücher; auch besaß fie einige der hübschen Geschichten von Christoph Schmid und dessen kleine Erzählungen mit den artigen Spruchversen am Ende, wenigstens I ein halbes Dutzend verschiedene Schatzkastlem und Rosengartchen zum I Ausschlagen eine Sammlung Kalender voll bewährter mannigfacher Erfahrung und Weisheit, einige merkwürdige Prophezeiungen eine Anleitung zum Kartenschlagen, ein Erbauungsbuch auf alle Tage düs Jäheres für denkende Jungfrauen und ein altes Exemplar von Schiller^ I Räubern, welches sie so oft las, als sie glaubte es genug am vergeßen I -u haben, und jedesmal wurde sie von neuem gerührt, hie t aber sehr verständige und'sichtende Reden darüber Alles was m diestn Buchern stand, hatte sie auch im Kopfe und wußte auf das schönste darüber und. über noch viel mehr zu sprechen. Wenn sie zufrieden und nicht zu ehr beschäftigt war, so ertönten unaufhörliche Reden aus 'hrem Munde und alle Dinge wußte sie Heimzuweisen und zu beurteilen undjung und alt hoch und niedrig, gelehrt und ungelehrt mußte von ihr lernen und sich ihrem Urteile unterziehen, wenn sie lächelnd oder sinnig erst ein We I- | chen aufgemerkt hatte, worum es sich handle; sie sprach zuweilen so viel Zu Tisch mit Brahms. Von Georg H i r s ch s e l d. An Johannes Brahms sich erinnern, das heißt Gerichtstag halten über fein musikalisches Ich. Bei Beethoven ist die Seele gesichert. Brahms ist die ewige Warnung vor dem Abweichen ins Bequeme, Undisziplinierte, I vor dem Sturz in den Abgrund des Vergänglichen Wir brauchen in einer Zeit, die durch den Expressionismus gegangen ist und den Impressionismus „historisch" sehen möchte, das Bild des ringenden Künstlers, der nur Mensch war. Brahms war em Unzufriedener, Brahms war ein Himmelskind nut harter Erdenstlmme, unbestechlich auch vor sich selbst, sehnsüchtig und seine Sehnsucht als Heiligtum vergrabend. Der Hamburger, der ein Menschenalter in Wien gelebt, flüchtete sich zu dem Gegenpol seines Wesens, zu Mozart, und blieb vor I Beethoven fern und still. I Vans v. Bülow machte bekanntlich gute Witze, und er freute sich b selbst wohl am meisten daran. So spitzte er sich lange daraus, Johannes I Brahms und Otto Brahm miteinander bekanntzumachen. Er sah mit Recht voraus, daß die beiden Namen dem Publikum eine schwer uder- windliche Verwechslung kosten würden. Ihm selbst, dem strengen Magister des Publikums, blieben die Namen persönlich so tief geschieden, wie sie in der Sache gemeinsam waren. Ms Brahms und Brahm sich endlich begegneten, brachte Bülow seinen sorglich aufberoahrten Witz an. I er sagte zu dem Berliner Theaterdirektor und Kritiker: „Lieber Nomina- tivus, hier bringe ich Ihnen Ihren Genitivus . I Brahm behielt dieses Wortspiel im Gedächtnis. Als der Genitivus dann ein Dativus der Menschheit geworden und als Akkusatwus des indischen Lebens zu Gott gekommen, im Jahre 1897, schrieb Brahm mir, des Toten gedenkend: „Er war ein Mann in eigenen Schuhen. Das war er, und dieses Urteil noch über den Ruhm der geroaltigen 1 Schaffenskraft zu stellen, erscheint mir vor dem Denkmal des Meisters nicht nur richtig, sondern auch notwendig. Kem Musiker hat es ausgesprochen, sondern nur ein Mensch, der jedes Können achtete vor jeder Meister chaft den Hut zog. Hier wurde der ringende Mann, der seinem I Menschentum die große Kunst dankte, gekennzeichnet. I Brahms ist männlich, Brahms zieht uns mit, wo echte Sehn- I tl'rf3d?ttoar 23 Jahre alt, als er noch lebte und durch die Gassen von ®ien schritt, die ich eben kennenlernte. Im Frühling 1896 hatte ich gute Wiener Tage. Für den Herbst stand die Aussührung meines Schauspieles Die Mütter" im Deutschen Volkstheater bevor. Unter denen, die mich damals herzlich empfingen, war auch Max K a l b e ck, der Freund und Biograph Johannes Brahms'. Er hörte aus meinen Worten einen Wunsch, den ich nicht aussprach. Immer habe ich mia» sumeift als Musiker gefühlt, und als ich nach Wien kam, war mir diese Kunst doch mehr noch als das beste Theater. Beethoven und Schubert sprachen als Getzter- ftimmen aus der Materie alter Hauser, alter Garten Brahms aber Jch°?rachte natürlich mancherlei anekdotische Kenntnis von seiner Lebensführung aus Berlin mit. So wußte ich auch von dem Stammlokal in der Altstadt, vom „Roten Igel", wo Brahms seit Jahren Mittagsgast war. Es zog mich dorthin, ich suchte es auf, und als ich tm ersten Stock an einem runden Tisch saß, konnte ich das berühmte „garnierte Rindfleisch" nicht würdigen, denn mit Herzklopfen war ich gewärtig, bah plötzlich der alte Magier in meiner Nahe sitzen wurde. Doch es blieb bei den behaglichen Wiener Bürgern um mich herder große Stammgast wurde nicht sichtbar. Schließlich zwang ich mich doch, den Zahllellner nach ihm zu fragen. Während ich es tat, kam mir meine Frage o phantastisch vor daß ich ganz undeutlich wurde. Doch der gute Josef, ober wie er hieß, neigte firf) zu mir nieder und erwiderte: .Der Herr Doktor Brahms Der sitzt unten im Parterre! Soll ich s ihm sagen? Um alles in der Welt nicht — das war mein Gefühl. Ich bedankte mich stotternd und verlieh schleunigst den „Roten Igel . Die Tur zum Parterrelokal ließ ich zu. Aber ich lief zum Ring hinüber und in den Stadtpark, wo das Leben blühte. Man weiß nicht, was noch^werden^mag. Durch diesen Park, das wußte ich, führte Brahms täglicher Heimweg. Ich betrachtete feine kleinen Freunde, die Spielhnber, mit denen er woh. schon oft gesprochen hatte, und eilte bann in mein Hotel. 2l(s ich im Herbst roieber nach Wien, kam, sagte Max Kalbeck. „Ich möchte Sie boch diesmal mit Brahms zusammenbringen. Aber leider — es ist nicht mehr der Brahms von einst. Er ist sehr krank, kranker als pr ohnt fXmmerhin man foll es nicht versäumen. ♦ Alles in mir sagte ja dazu. Es fügte sich, daß ich Max Kalbecks Mittagsgast an dem Tage war, dessen Abend die erste Aufführung der Mütter" bringen sollte. Rausch und Weihe war es für mich, denn mein Stück lebte in Musik und strebte zu dem Meister. Mit Brahm, dem Nominativus, ging ich zu Kalb eck, um den Gem- tiV'SßenVSäfte'in der behaglichen Wohnung der Porzellangaffe In einem kleinen Rimmer ftanben %raDm uni>. Stalbetf nut : bem. alten heim Singer vom „Neuen Wiener Tagblatt. Ich tjrelt mich, (ajeuer Erwartungsvoll, etwas abseits. Verträumt bemerkte ich erst einen neuen Gast bei ben brei Männern, als er schon 'M Gespräch mit ihnen ftan . Ich wurde aufmerksam. Ein kleiner, we>ßbart,ger Herr m grauem Rock? chen, gelbliches Gesicht mit Zwicker, etwas harte, kühle Stimme -eine „Musikerstimme". und so salbungsvoll, wie eine gelehrte Blinde, die nichts von der Welt sieht und deren einziger Genuß ist, sich selbst reden zu hören. Bon der Stadtschule her und aus dem Konfirmationsunterrichte hatte sie die Uebung ununterbrochen beibehalten, Aufsätze und geistliche Memorierungen und allerhand spruchweise Schemata zu schreiben, und so verfertigte sie zuweilen an stillen Sonntagen die wunderbarsten Aufsätze, indem sie an irgendeinen wohlklingenden Titel, den sie gehört oder gelesen, die sonderbarsten und unsinnigsten Sätze anreihte, ganze Bogen voll, wie sie ihrem seltsamen Gehirn entsprangen, wie z. B. über das Nutzbringende eines Krankenbettes, über den Tod, über die Heilsamkeit des Entsagens, über die Größe der sichtbaren Welt und das Geheimnisvolle der unsichtbaren, über das Landleben und dessen Freuden, über die Natur, über die Träume, über die Liebe, einiges über das Erlösungswerk Christi, drei Punkte über die Selbstgerechtigkeit, Gedanken über die Unsterblichkeit. Sie las ihren Freunden und Anbetern diese Arbeiten laut vor, und wem sie recht wohlwollte, dem schenkte sie einen oder zwei solcher Aufsätze, und der mußte sie in die Bibel legen, wenn er eine hatte. Diese ihre geistige Seite hatte ihr einst die tiefe und aufrichtige Neigung eines jungen Buchbindergesellen zugezogen, welcher alle Bücher las, die er einband, und ein strebsamer, gefühlvoller und unerfahrener Mensch war. Wenn er sein Waschbündel zu Züsis Mutter brachte, dünkte er im Himmel zu sein, so wohl gefiel es ihm, solche herrliche Reden zu hören, die er sich selbst schon so oft idealistisch gedacht, abe rnicht auszustoßen getraut hatte. Schüchtern und ehrerbietig näherte er sich der abwechselnd strengen und beredten Jungfrau, und sie gewährte ihm ihren Umgang und band ihn an sich während eines Jahres, aber nicht auszustoßen getraut hatte. Schüchtern und ehrerbietig näherte' halten, die sie mit sanfter, aber unerbittlicher Hand vorzeichnete. Denn da er neun Jahre jünger war als sie, arm wie eine Maus und ungeschickt zum Erwerb, der für einen Buchbinder in Seldwyla ohnehin nicht erheblich war, weil die Leute da nicht lasen und wenig Bücher binden ließen, so verbarg sie sich keinen Augenblick die Unmöglichkeit einer Vereinigung und suchte nur seinen Geist auf alle Weise an ihrer eigenen Entsagungsfähigkeit heranzubilden und in einer Wolke von buntscheckigen Phrasen einzubalsamieren. Er hörte ihr andächtig zu und wagte zuweilen selbst einen schönen Ausspruch, den sie ihm aber, kaum geboren, totmachte mit einem noch schöneren; dies war das geistigste und edelste ihrer Jahre, durch keinen gröberen Hauch getrübt, und der junge Mensch band ihr während desselben alle ihre Bücher neu ein, und bnuete überdies während vieler Nächte und vieler Feiertage ein kunstreiches und kostbares Denkmal feiner Verehrung. Es war ein großer chinesischer Tempel aus Papparbeit mit unzähligen Behältern und geheimen Fächern, den man in vielen Stücken auseinandernehmen konnte. Mit den feinsten farbigen und gepreßten Papieren war er beklebt und überall mit Gold- dÖrtchen geziert. Spiegelwände und Säulen wechselten ab, und hob man ein Stück ab oder öffnete ein Gelaß, so erblickte man neue Spiegel und verborgene Bilderchen, Blumenbuketts und liebende Pärchen; an den ausgeschweiften Spitzen der Dächer hingen allwärts kleine Glocklein. Auch ein Uhrgehäuse für eine Damenuhr war angebracht mit schönen Häkchen an den Säulen, um die goldene Kette daran zu hängen und an dem Gebäude hin und her zu schlängeln; aber bis jetzt hatte sich noch kein Uhrenmacher genähert, welcher eine Uhr, und kein Goldschmied, welcher eine Kette auf diesen Altar gelegt hätte. Eine unendliche Mühe und Kunstfertigkeit war an diesem sinnreichen Tempel verschwendet und der geometrische Plan nicht minder mühevoll, als die saubere genaue Arbeit. Als das Denkmal eines schon verlebten Jahrs fertig war, ermunterte Züs Bünzlin den guten Buchbinder, mit Bezwingung ihrer selbst, sich nun loszureißen und feinen Stab weiter zu fetzen, da ihm die Welt offen- stehe und ihm, nachdem er in ihrem Umgänge, in ihrer Schule so sehr sein Herz veredelt habe, gewiß noch das schönste Glück lachen werde, während sie ihn nie vergessen und sich der Einsamkeit ergeben wolle. Er weinte wahrhaftige Tränen, als er sich fo schicken ließ und aus dem Slädtlein zog. Sein Werk dagegen thronte seitdem auf Züsis altväterischer Kommode, von einem meergrünen Gazeschleier bedeckt, dem Staub und allen unwürdigen Blicken entzogen. Sie hielt es so heilig, daß sie es ungebraucht und neu erhielt und gar nichts in die Behältnisse steckte, auch nannte sie den Urheber desselben in der Erinnerung Emanuel, während er Veit geheißen, und sagte jedermann, nur Emanuel habe sie verstanden und ihr Wesen ersaßt. Nur ihm selber hatte sie das selten zugestanden, sondern ihn in ihrem strengen Sinne kurz gehalten und zur höheren Anspornung ihm häufig gezeigt, daß er sie am wenigsten verstehe, wenn er sich am meisten einbilde es zu tun. Dagegen spielte er ihr auch einen Streich und legte in einen doppelten Boden, auf dem innersten Grunde des Tempels, den allerschänsten Vries, von Tränen benetzt, worin er eine unsägliche Betrübnis, Liebe, Verehrung und ewige Treue aussprach, und in so hübschen und unbefangenen Worten, wie sie nur das wahre Gefühl findet, welches sich in eine Vexiergaffe verrannt hat. So schöne Dinge hatte er gar nie ausgesprochen, weit sie ihn mit trefflichen Gesprächen stundenlang bei sich fest, und Dietrich von dem verborgenen Schatze, so geschah es hier, daß das Schicksal gerecht war und eine falsche Schone das nicht zu Gesicht bekam, was sie nicht zu sehen verdiente. Auch mar es ein Symbol, daß sie es war, welche das törichte, aber innige und aufrichtig gemeinte Wesen des Buchbinders nicht verstanden. Schon lange hatte sie das Leben der drei Kammacher gelobt und dieselben drei gerechte und verständige Männer genannt; denn sie hatte sie wohl beobachtet. Als daher Dietrich der Schwabe begann, sich länger bei ihr aufzuhalten, wenn er fein Hemde brachte ober holte, und ihr den Hof zu machen, benahm sie sich sreundfchaftlich gegen ihn und hielt ihn mit refslichen Gesprächen stundenlang bei sich fest, und Dietrich redete ihr voll Bewunderung nach dem Munde, fo stark er konnte; und sie vermochte ein tüchtiges Lob zu ertragen, ja sie liebte den Pfeffer desselben um so mehr, je stärker er war, und wenn man ihre Weisheit pries, hielt sie sich möglichst still, bis man das Herz geleert, worauf sie mft erhöhter Salbung den Faden aufnahm und das Gemälde da und dort ergänzte, das man von ihr entworfen. Nicht lange war Dietrich bei Züs aus- und eingegangen, fo hatte sie ihm auch schon den Gült, brief gezeigt, und er war voll guter Dinge und tat gegen seine Gefährten fo heimlich, wie einer, der das Perpetuum mobile erfunden hat. Jobst und Fridolin tarnen ihm jedoch bald auf die Spur und erstaunten über feinen tiefen Geist und über feine Gewandtheit. Jobst besonders schlug sich förmlich vor den Kopf; denn schon seit Jahren ging er ja auch in das Haus und noch nie war ihm eingefallen, etwas anderes da zu suchen, als feine Wäsche; er haßte vielmehr die Leute beinahe, weil sie die einzigen waren, bei welchen er einige bare Pfennige herausklauben muhte allwöchentlich. An eine eheliche Verbindung pflegte er nie zu denken, weit er unter einer Frau nichts anderes denken konnte, als ein Wesen, das etwas vön ihm wollte, was er nicht schuldig fei, und etwas von einer selbst zu wollen, was.ihm nützlich fein konnte, fiel ihm auch nicht ein, da er nur sich selbst vertraute und seine kurzen Gedanken nicht über den nächsten und allerengften Kreis seines Geheimnisses hinausgingen. Aber jetzt galt es, dem Schwäbchen den Rang abzulaufen, denn dieses konnte mit den siebenhundert Gulden der Jungfer Züs schlimme Geschichten aufstellen, wenn es sie erhielt, und die siebenhundert Gulden selbst bekamen auf einmal einen verklärten Glanz und Schimmer in den Augen des Sachsen wie des Bayers. So hatte Dietrich, der erfindungsreiche, nun ein Land entdeckt, welches alfobalb Gemeingut würbe, und teilte bas herbe Schicksal aller Entbecker; denn die zwei anbern folgten sogleich seiner Fährte unb stellten sich ebenfalls bei Züs Bünzlin auf, unb diese sah sich von einem ganzen Hof verständiger unb ehrbarer Kammacher umgeben. Das gefiel ihr ausnehmend wohl; noch nie hatte sie mehrere Verehrer auf einmal besessen, weshalb es eine neue Geistes- Übung für sie ward, diese drei mit der größten Klugheit unb Unparteilichkeit zu behandeln unb im Zaume zu halten und sie fo lange mit wunderbaren Reden zur Entsagung unb Uneigennützigkeit aufzumuntern, bis ber Himmel über bas Unabänderliche etwas entschiebe. Denn da jeber von ihnen ihr insbefonbere fein Geheimnis und feinen Plan vertraut hatte, fo entschloß sie sich auf der Stelle, benjenigen zu beglücken, welcher fein Ziel erreiche und Inhaber des Geschäftes würbe. Den Schwaben, welcher es nur durch sie werben konnte, schloß sie aber baoon aus und nahm sich vor, diesen jedenfalls nicht zu heiraten; weil er aber der jüngste, klügste unb liebenswürdigste ber Gesellen war, so gab sie ihm burch manch« stille Zeichen noch am ehesten einige Hoffnung unb spornte durch die Freundlichkeit, mit welcher sie ihn besonders zu beaufsichtigen und zu regieren schien, die anderen zu größerem Eifer an, so daß dieser arme Kolumbus, der das schone Land erfunden hatte, vollständig der Narr im Spiel ward. Alle drei wetteiferten miteinander in der Ergebenheit, Bescheidenheit und Verständigkeit und in der anmutigen Kunst, sich von der gestrengen Jungfrau im Zaune halten zu lassen und sie ohne Eigen- nutz zu bewundern, und wenn die ganze Gesellschaft beieinander mar, glich sie einem seltsamen Konventikel, in welchem die sonderbarsten Reden geführt wurden. Trotz aller Frömmigkeit und Demut geschah es doch alle Augenblicke, daß einer ober der andere, vom Lobpreisen der gemeinsamen Herrin plötzlich abfpringenb, sich selbst zu loben unb heraus- zustreichen versuchte und sich, sanft von ihr zurechtgewiesen, beschämt unterbrochen sah ober anhören mußte, wie sie ihm bie Tugenben ber übrigen entgegenhielt, bie er eiligst anerkannte unb bestätigte. Aber bies war ein strenges Leben für bie armen Kammacher; so kühl sie von Gemüt waren, gab es boch, feit einmal ein Weib im Spiele, ganz ungewohnte Erregungen ber Eifersucht, ber Besorgnis, der Furcht und der Hoffnung; sie rieben sich in Arbeit und Sparsamkeit beinahe auf unb magerten sichtlich ab; sie würben schwermütig, und während sie vor den Leuten unb befonbers bei Züs sich ber srieblichsten Berebsamkeit beflissen, sprachen sie, wenn sie zusammen bei der Arbeit ober in ihrer Schlafkammer saßen, kaum ein Wort miteinanber unb legten sich seufzend in ihr gemeinschaftliches Bett, noch immer fo still unb verträglich wie drei Bleistifte. Ein unb berfelbe Traum schwebte allnächtlich über bem Kleeblatt, bis er einst so lebenbig würbe, baß Jobst an der Wand sich herumwars und den Dietrich anstieß; Dietrich fuhr zurück und stieß den Fridolin, und nun brach in den schlummertrunkenen Gesellen ein wilder Groll aus und in dem Bette der schreckdarste Kampf, indem sie während drei Minuten sich so heftig mit den Füßen stießen, traten und ausschlugen, daß alle sechs Beine sich ineinander verwickelten und ber ganze Knäuel unter furchtbarem Geschrei aus bem Bette purzelte. Sie glaubten, völlig erwachend, der Teufel wolle sie holen, ober es seien Räuber in bie Kammer gebrochen; sie sprangen schreiend auf, Jobst stellte sich auf seinen Stein, Fridolin eiligst auf seinen unb Dietrich auf denjenigen, unter welchem sich bereits auch feine kleine Ersparnis an- gesetzt hatte, unb inbem sie so in einem Dreieck standen, zitterten und mit den Armen vor sich hin in die Luft schlugen, schrien sie Zeter Mordio und riefen: „Geh fort! Geh fort!" bis der erschreckte Meister in die Kammer drang unb bie tollen Gesellen beruhigte. Zitternb vor Furcht, Groll und Scham zugleich krochen sie endlich wieder ins Bett unb lagen lautlos nebeneinander bis zum Morgen. Ader der nächtliche Spuk war nur ein Vorspiel gewesen eines größeren Schreckens, der sie jetzt erwartete, als der Meister ihnen beim Frühstück eröffnete, daß er nicht mehr drei Arbeiter brauchen könne und daher zwei von ihnen wandern mühten. Sie hatten nämlich des Guten zu viel getan unb fo viel Ware zuweg gebracht, baß ein Teil baoon liegen blieb, inbes ber Meister ben vermehrten Erwerb bazu verwenbet hatte, bas Geschäft, als es auf bem Gipfelpunkt stand, um fo rascher rückwärts zu bringen, und ein solch luftiges Leben führte, daß er bald doppelt fo viel Schulden hatte, als er einnahm. Daher waren ihm die Gesellen, so fleißig und enthaltsam sie auch waren, plötzlich eine überflüssige Last. Er sagte ihnen zum Trost, daß sie ihm alle drei gleich lieb und wert wären und es ihnen überließe, unter sich auszumachen, welcher dableiben und welche wandern sollten. (Fortsetzung folgt.) verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck unb Verlag: Drühl'sche Univerf itätS-Vuch- und Steindruckerei. L. Lange, Gießen. GietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Irhrgang Ml Montag, den 2-8ebruar Nummer <0 Gtilleben Colour & Grey Control Chart lern 14 6 8 L 9 § V £ L Nachdem ich noch etwa 10 Kilometer in südlichem Kurs zurückgelegt hatte, erschien die Sonne. Und, obzwar ich vor Schmerz auf den Zehenspitzen gehen mußte, erfreute sie mich doch, zumal die naßkalten Blätter der Wildnis, die ich nun hinter mir hatte, nicht mehr mein Gesicht Magenta Black *uu» ^ui|itiniirvü «hi ytryt. Wie still! nur auf der Klosterau Keift fernhin eine alte Frau: Im kühlen Schatten nebendran Dumpf donnerts auf der Kegelbahn. 19 20 21 15 16 17 18 9 10 11 12 13 7 8 erzählt. Aber diese Einheimischen konnten mir nicht nachfuyien; oenn nie waren sie — so wie ich — allein gewesen. In den Pyrenäen schrie ich oftmals aus meiner Sehnsucht von irgendeiner hohen Kante den Namen eines Kameraden über die Wälder. Aber mir antwortete nur das Geflatter der aufgescheuchten Vögel. Ob ich dort sechs Wochen oder bloß drei derart herumwandcrte, weih ich nicht, da die Sonne ausblieb. Und nach den Feiertagen konnte ich mich nicht richten: denn sie sielen mir nicht auf. Und fragte ich die Holzfäller, weil ich keinen anderen Ausweg wußte, einfach nach dem Weg nach Madrid, so schauten sie wie vor einem Rätsel und empfahlen aus dem Drange- mir immerhin gefällig zu sein, Maladetta oder Murillo und schickten mich also noch weiter von den kultivierten Straßen weg. Und ich lief mir schließlich durch die zerschundenen Schuhe die Füße wund, daß ich Angst bekam, sie könnten wegen des Straßenschmutzes zu eitern anfangen und abfaulen. 5a, so vereinsamt fühlte ich mich schon, daß ich glaubte, es gäbe da auch keinen Arzt für mich. Ich riß breite Streifen von der Decke ab und wickelte damit meine Füße ein. Die Schuhe ließ ich liegen und wanderte und wanderte und verbrauchte die Decke zu Bandagen. Und so kam ich endlich in ein Tal, das Schienen hatte. Ich humpelte an die Strecke heran, setzte mich und wartete. Und als mir auf einmal der „Expreß Paris- Bordeaux—Madrid" den Ausweg bahnte, erhob ich mich sogleich und tappte dahin. Und ich beeilte mich sogar, trotzdem mir dabei die Tränen kamen. 1 2 3 4 5 6 OlCinCTT, (jur vymuiiy yVlUHllllVll. wiutim <.*«« ------nnr----1T«1 ■; I .mn. bald wieder mit einer Ladung Heu, unter der unser Esel kaum zu sehen war. Nachdem aus dem größten Teil des Heues Lagerstätten für uns gemacht worden waren, durfte der Esel das übrige fressen. Und Martin sagte, ich müsse liegen bleiben, bis meine Füße kuriert seien. Er kochte ab und besorgte alles, was wir so zur Haushaltung benötigten: und zwar ging es auf Konto meiner kranken Füße. Wir bekamen Besuch und erhielten auch Salben. Und als wir uns schon nahezu zwei Wochen an der Zivilisation erfreuten und meine Füße geheilt waren, und mich Martin einmal, da nun ich für die Herbeischaffung der notwendigen Sachen zu sorgen hatte, fragte, wohin ich denn heute gehen wolle, da antwortete ich, ich ginge zur Polizei, um uns als ordentliche Staatsbürger anzumelden. Ja, es ging uns so gut, daß wir all das Mißliche, das hinter uns lag, verhöhnten. Und abends saßen wir auf einer Bank vorm Haus, wie Einheimische. Wir wurden sogar gegrüßt. Ja, einer sorgte für den anderen. Und es schien alles vortrefflich. Aber wenn es dunkel geworden war, und wir so nebeneinander auf der Lagerstätte lagen und irgendwo die Mädchen fangen, da merkte ich durch unser Schweigen, in dem wir da verharrten, daß auch Martin dorthin sann ... Und dennoch — wir sagten es uns nicht, was wir so kühlten ... Aber dann, an einem Abend, brauste es mit einem Male auf. Und wir erschraken Es donnerte. Die ersten Tropfen fielen. Der Sturm nahm zu. Es funkte dazwischen. Und es begann in Strömen zu gießen. Wir erhoben uns und nahmen unsere Sachen über die Schultern, und während der Regen aus uns niederprasselte, und das Gewitter tobte, gingen wir, so stumm wie ganz Enttäuschte, auf unserer Straße weiter. Und das Tier tappte uns freiwillig nach. Yellow Grey 3 Blue White Cyan Grey 1 Green Grey 2 Red Grey 4 I und meine Hande streifen konnten, so daß es sich anfühlte, als schleckten 1 *Hm‘* oänesX'''' Tiere daran. Den Wegweisern sagte ich laut: „Guten pictäW -oime wirkte schließlich derart auf mein Gemüt, daß adezu närrischen Vertröstung verstieg, in dieser Rich- : sie vor lauter Hoffen „Generalrichtung" — mög- l einen Kameraden zu treffen. Aber als ich, so nach drei Tagen, in einem Dorf ankam, hätte ich am »den laufen mögen, so schmerzten die Wunden. Und .al dermaßen von Trostlosigkeit befallen, daß ich den iuchte, ihm meine Füße zeigte und erklärte, so könne n. Und ich legte mich, da er mir nicht helfen wollte, in ich sagte, ich verließe nicht eher das Dors, bis ich Mich von feinem Knecht auf den Marktplatz tragen, solle ich umgebracht werden. Aus allen Türen und jgSfflBHgje'ute herbei, zuvorderst die Frauen, von denen manche Mr, während ich so schrie — sofort für mich Partei erten den Bürgermeister mit harten und scharfen Z/IW niete neben mir, streichelte mich: und ich begeisterte ... . . J, Gott solle es ihr lohnen. Da küßte sie mich, erhob sich und ging von neuem gegen den Bürgermeister vor und hetzte die Manner gegen ihn. Und mit einem Male knieten, während ich so da- lag, viele Frauen bei mir. Und ich bewunderte ihre offenherzigen Augen, die mir viel mehr sagten, als die schönen Worte: „Armer Teufel ..." Das Haus ohne Dach. Von Albert D a u d i st e l. Nachdem ich während meiner Wanderschaft, so in meinem 18. Jahre, von See her in Spanien angekommen war, muhte ich mir gar bald — wegen trostloser Strecken — einen Kochtopf, einen Sack für Lebensmittel, eine Schlasdecke und zwei Schweineblasen, die eine für den roten, die andere für den weißen Wein, besorgen. Und dennoch vermochte mich der Kram auf die Dauer nicht in freudiger Stimmung zu halten. Mittags und abends kochte ich zwar herrlich ab; aber was übrig blieb, muhte ich ausschiitten. Und noch nicht mal ein kleines Tafelgespräch war mir möglich. An Gelächter durste ich überhaupt nicht denken. Und wenn man sich die Wünsche selbst erfüllen muß, und man niemand an dem, was man so erlebt und genießt, teilnehmen lassen kann, besteht die Gefahr, daß. auch dfe Lust zur Unternehmung leidet. Ich war jedoch, da ich keinen " .........."«Hin «II Illi - ■■■’! „-X4.-U .... Mein Kamerad, ein zwanzigjähriger Lothringer, war erst aus der gemeinsamen Freude über uns zu sich gekommen, als ich plötzlich dem bereits weiter galoppierenden Maultiergespann aus Leibeskräften nachrief: „Mein Esel! Mein Esel!" Den hatten wir vergessen abzuknoten. Mein Kamerad, der Martin hieß, warf seinen Hausstand, den Gebens» mittelsack, die Schlasdecke und den Kochtopf ob und reichte mir seine beiden noch ziemlich vollen Schweineblasen und flitzte dem Gespann nach. Als er endlich mit dem Esel bei mir ankam, half er mir aufsitzen und nahm seinen Kram an sich. Dann zogen wir, während wir uns so aussprachen, in das Dunkel ein. Links und rechts der Chausiee geisterte über den Wiesen der Nebel. Der Mond schien blank. Aber die Schatten der Nacht fürchteten wir nicht. Ja, von dem Schmerz an meinen Füßen fühlte ich nichts mehr. Und wenn unser Esel vor Müdigkeit mal stolperte, gab ihm Martin Zucker. So kamen wir auf eine Brücke und lauschten dem Geräusche des Stromes. Und da erfüllten auf einmal Zwölf tonende Schläge die weite Stille. Wir bogen links ab und zogen rnn Üfpr entlang, dem Flecken, der sich gemeldet hatte, entgegen. Und