GietzenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang Ml Montag, den 26. Oktober Nummer 8$ Der Ahn legt mir die Han- aufs Haar. Von Diemar Meeting, Der Kindheit Märchenbrunnen rauscht, Ein Vogelruf schluchzt zauberwild — Ich habe Zeit und Ort vertauscht. Ich weiß ein altes Bild: Seltsame Kammer schließt mich ein. Ich lehne an des Ahnen Knie. Norm Fenster rostet rot der Wein, Im Stall schnauft dumpf das Vieh. Die Fliegen summen im Gemach, Im Garten draußen pfeift der Star, Die Tauben gurren unterm Dach — Der Ahn legt mir die Hand aufs Haar. Der Ahn legi mir die Hand aufs Haar — Und Einkehr jucht mein junger Blick: Ich finde in Geschlechterjahr, In Kreis und Mitgeschick — Und weih: ich bin ihr tief verwirkt, Der Hand, die aus mir ruht, Die meinen Scheitel schweigsam birgt — Bin Blut aus ihrem Blut — Und spüre Wurzel, Stamm und Zweig Des Baumes, der mich hält. Wie Blatt um Blatt sich leise neigt, Und blüht und welkt und fällt — Und spüre tief geheimen Sinn In meines Wesens Spur: Daß ewig ich geborgen bin Und nie zu Tode fuhr! Und von mir, wie ein staubig Kleid Nach dunklem Wanderlos, Sinkt erbengrau der Trug der Zeit: Ich lächle seelengroß — Vorm Fenster rostet rot der Wein, Im Garten pfeift der Star. Des Ahnen Hand ruht schwer wie Stein Auf meinem Knabenhaar. Zwei wollen znm Theater. Roman von Hans-Caspar von Zobel titz. Copyright 1930 by Carl Duncker-Berlag, Berlin. (Nachdruck verboten.) 1. Man wartete auf Doktor Ulrich Büchner. Der vielbeschäftigte Mann hielt einmal wieder die angesetzte Stunde nicht inne. Sein Auto raste wohl irgendwo durch Berlin, irgendwie hin und her zwischen dem Hebbel- und dem Goethe Theater, zwischen dem Theater in der Friedrichstraße und der Schauburg. Sein Wesen und Wille füllten ja den ganzen Konzern der Rechberg-Bühnen. Wenn er seine kraftvolle Hand nicht über den Proben hielt, wenn fein Geist, fein Temperament nicht durch die Uraufführungen blitzten, war der Erfolg selbst des besten Stückes nicht gesichert. Sie wollten seine Regie, nur seine Regie: Presse und Publikum. Karlos Pistorius tief aufgeregt zwischen seinen Schülern auf und ab. Von Unterricht war nicht mehr die Rede, wenn man auf Ulrich Büchner wartete. Zum Unterricht hatte der kleine dickliche Karlos in diesen Minuten keine innere Ruhe. Er fürchtete, daß das Telephon läuten und Büchner ihm vom anderen Ende der Strippe zurufen könnte: „Ich komme heute nicht, ich komme überhaupt nicht mehr. Meine Zeit ist zu kostbar, um sie an diese Herde von Gänsen und Gänserichen zu verschwenden". Jeden Tag konnte er das sagen. Und dann war es mit der Theaterschule des Herrn Karlos Pistorius aus, endgültig aus. Büchner war die Glanz-, Nummer feiner Prospekte, vor allem die Zugkraft seiner Stunden. Karlos Pistorius holte mit zittrigen Fingern die Uhr aus der Westentasche. Ein Viertel nach drei. Also schon fünfzehn Minuten Verspätung. Er sah auf seine Schüler. Die hockten auf Stühlen, die längs der Wände des Unterrichtsraumes standen, und schwatzten. Dieser Raum war das Eßzimmer seiner Wohnung, das übliche Berliner Zimmer des Westens der Reichshauptstadt. Ein großes Fenster in der hinteren Ecke als einzige Tageslichtquelle. Und dies Lichlloch war auch noch verstellt, denn vor ihm war in der ganzen Zimmerbreite die kleine Probebühne ouf- gerichtek ein Bühnchen mit dürftigen Kulissen, dürftigem Hintergrund und dürftigen Soffitten, aber immerhin mit dreifarbigem Rampenlicht und Oberbeleuchtung. Ein Bühnchen, dessen mäßig erhöhtes Podium bei jedem Schritt hallte und dröhnte, dessen Rahmen wackelte, wenn auf chm auch nur ein Funken Temperament sich austoben wollte. Drei Uhr zwanzig. Pistorius hatte Schweißperlen auf der Stirn. „Meister Buchner laßt warten", sagte er und versuchte einen Ton des Vorwurfs in feine Stimme zu legen. ,Zch glaube, wir verschwenden die Zeit nicht, wir gehen noch einmal die Posaszene durch. Wenn ich bitten darf: Herr Wagner als König, Herr Chartowsky als Posa auf die ^uhne." — Sehr langsam lösten sich zwei schlanke Jünglinge aus den Schulergruppen und schlorrten durch den Raum. Vorn sprangen sie auf das Pod.urn, das geräuschvoll erbebte. Pistorius schaltete das Rampenlicht ein. „Herr Wagner, bitte setzen. Herr Chartowsky, Sie kommen von rechts. Herr Wagner, bitte tiefer im Sessel lehnen, breiter behäbiger. Sie sind der große Philipp. Also bitte schon im Sitz königlicher. Ober muß ich Ihnen auch das vormachen?" Aus dem Dunkel des Zimmers kam eine Mädchenstimme: „Ach ja, bitte, Herr Direktor, sitzen Sie uns einmal königlich vor". Gelächter schlug auf. — „Bitte um Ruhe!" Herr Karlos Pistorius rief es und tat als ob er den Inhalt der Worte nicht verstanden. „Anfängen!" Chartowsky kam aus den Kulissen, stelzte auf den königlichen Herrn Wagner zu und kniete vor ihm nieder. „Nicht so tief knien, nicht so lange. Nur andeuten den Kniefall, nur leichte Beuge, aber keinen Knicks wie ein kleines Mädel. Schnell wieder hoch. Der Posa ist ein stolzer Mann. „Ohne Zeichen der Verwirrung", sagt Schiller, und der wußte, was er wollte. Bitte nochmal den Auftritt." Chartowsky verschwand und kam wieder, machte seine Kniebeuge, schwenkte den Arm, als ob er einen Federhut in ihm hielte. , Besser!" sagte Pistorius. Wagner-Philipp legte sein Gesicht in ernste Falten und begann: „Mich schon gesprochen also?" Chartowsky-Posa: „Nein". Wagner-Philipp: ,Hhr machtet um meine Krone Euch verdient. Warum entzieht Ihr Euch meinem Dank? In meinem Gedächtnis drängen sich der Menschen viel. Allwissend ist nur einer ..." Die Szene rollte ab. Dann und wann griff Pistorius ein, der auch, wenn nötig, den Souffleur machte. Er sprach einen Satz ober ben anberen vor, schob ben Chartowsky-Posa halb näher an den Wagner- Phüipp heran, bald dirigierte er ihn zurück. Er hatte immer bas Gesicht nach der kleinen Bühne. Was hinter seinem Rücken oarging, schien ihm gleichgültig zu [ein. Er wußte wohl, daß da niemand aufmerfte, und wußte auch, daß er als Lehrer diese Jnteressenlosigkeit seiner Schüler nicht dulden durfte. Aber was sollte er tun? Schließlich waren es ja alles erwachsene Menschen, oder wollten es wenigstens sein. Da schrillte eine Klingel. Drei, vier tiefen: „Büchner kommt!" Eine junge Dame lief in ben Vorflur, um zu öffnen. Chartowsky-Posa brach mitten im Satz ab unb sprang von der Bühne. Wagner-Philipp erhob sich unb folgte ihm. Alle waren ausge- ftanben unb hatten sich der Tür zugewandt. Büchner trat ein. Er war in Huk unb Mantel, riß ben grauen Filz vom Kopf, warf ihn auf einen Stuhl. „Vorwärts, Kinber, vorwärts. Hab' nicht viel Zeit. Los. Die Cafefzene aus „Rausch". Fräulein Janusch als Henriette, Herr Weiß als Maurice, 'rauf auf bie Bühne. Setzen Sie sich beide. Der kleine Tisch steht zwischen Ihnen. So. Anfängen. Plötzlich wat Leben in allen. Zwei Stühle, ein kleiner Tisch wurden nach oben geworfen. Die kleine Janusch unb bet junge Weiß fingen sie auf. Saßen. Unb schon ratterte Weiß los: ,Zst er nicht in fünf Minuten hier, so kommt er nicht. Wollen wir inzwischen mit seinem Gespenst trinken?" Unb bie Janusch: „Prosit!" Aber'ebenso schnell fuhr Büchner bazwischen: „Das ist ja Mehlsuppe. Mensch, Weiß, ber Maurice hat einen Bombentheatererfolg hinter sich, er ist plötzlich ein berühmter Kerl, ein reicher Kerl. Er fitzt mit einer Frau zusammen, einer schönen Frau. Wissen Sie, was bas heißt: reich unb eine Frau? Donnerwetter. Und Sie, Fräulein Janusch. Ihr „Prosit" muß eine Fanfare sein. Nicht ein Gelabber. Wenn die ersten Worte nicht sitzen, richtig in ber Stimmung sitzen, ist die ganze Szene vermasselt. „Rausch" heißt das Stück, „Rausch"!" Mit einem Satz war er auf der Bühne, stieß Weiß vom Stuhl, setzte sich, sprach, riß das Mädel sich gegenüber mit. Er hatte nicht viel Stimme, er sprach nicht einmal glatt, aber Tempo hatte er, Tempo. Unb Stimmung in jeber Geste. Die unten streckten bie Köpfe vor und lauschten. Unb sahen sich die Augen aus dem Kopf. Sahen nur ihn: Büchner. Jung war er noch. Dreißig vielleicht, eher weniger. Groß, zu groß für den Winzraum von Bühne. Blond: hoch die Stirn, schmalrückig die fast mächtige Nase: ein wenig tief lagen die dunkelbraunen Augen hinter einer hellrandigen Hornbrille. Ihn störte nicht, daß die Bühne wackelte. Er schob seinen Stuhl zurück, zog ihn wieder an den Tisch; es knarrte und kreischte. Aber 63 ßjQf ßeben Dann sprang er auf. Wandte sich zu Weiß. „So!" sagte er ausatmend. „Und nun Sie." Einige klatschten. „Ruhe!" schrie er barsch, und sofort ruhten, die Hande. Weiter ging es. Sie sogen seine Korrekturen in sich hinein, sie machten jede seiner weisenden Armbewegungen mit, sie waren alle nur noch er: ^"^Fertig!" Er schrie es, wie er vorhin „Ruhe!" geschrien hatte. „Miserabel war es, hundsmiserabel. Das nächste Mal: Minna von Barnhelm. Szene werde ich bestimmen." Er sah in das Dunkel des Raumes. „Bitte Licht'" Einer schaltete die Deckenbeleuchtung ein. Sein Blick fuhr über die Köpfe, sein Finger zeigte bald auf diesen, bald auf jenen. „Tellheim — Sie! Den Riccnut — Sie! Den Just — Sie! Den Wirt — Sie! Den Wachtmeister — Sie! Und welche Herrenrolle bleibt? Weih keiner! Traurig für Menschen, die zur Bühne wollen. Sollten wenigstens ihren Lessing kennen. Also: Der Bruchsall fehlt, — Herr Chartowsky kann ihn geben. Und nun die Damen. Die Minna — Fräulein von Weiher, ia bitte. Die Franziska — Fräulein Rose. Bleibt?" Wieder fragte er. Eine schüchterne Stimme antwortete. „Recht so", suhr er fort. „Die Dame in Trauer" die können Sie sich dann auch einstudieren, Fräulein ... wie heihen Sie doch? Lerrer — richtig Lerrer. Also Fräulein Lerrer — „Die Dame in Trauer". Ueberdies'eine sehr dankbare Charge. Alles als Vorbereitung für die Prüfung. Schluß für heute. Danke." Er nahm seinen Mantel und stürmte davon. Die anderen blieben stumm stehen. Etwas atemlos, etwas warm. So war es immer nach zwanzig Minuten Büchner. Auch dem guten Karlos perlte die Stirn, trotzdem er nichts getan hatte. Er begriff das nicht: „Warum hören sie dem Büchner zu und nicht mir, er sagt doch auch nichts anderes als ich, er korrigiert, er mimt, chlecht eigentlich. Hat's ja auch nicht gelernt — warum? Warum? Er ist eben modern — ich bin abgestanden!" Er begriff nicht, trotzdem er felbst jedesmal der suggestiven Kraft Büchners erlag. Die Schüler drängten aus der Tür. Formvolle Verabschiedung gab es hier nicht. Dafür aber im Vorflur einen erregten Wortwechsel. Die kleine Ianusch hatte ihn entfacht. „Natürlich Isa bekommt die Minna — natürlich. War ja von vornherein klar. Konnte ja nicht anders sein. Das feine Fräulein von Weiher. Wir wissen ja warum. Wissen es alle." Sie stand mitten in einer Gruppe Schülerinnen, die sich in ihre Mäntel und Pelze zwängten, stand da wie eine Agitatorin, rot im Gesicht, spitz den Mund, der Gift spritzte. Den ganzen Kreis hatte sie aus ihrer Seite. „Natürlich, die Weiher!" schrie alles. Es war ein Chor der Rache. __ Der dickliche Pistorius steckte seine porige Nase durch den Turspalt. Er war Krach gewöhnt, aber solchen Krach hatte es lange nicht gegeben. Plötzlich merkte er auf. In den Chorus kam Bewegung. Aus der Masse hob sich eine Einzelfigur heraus, die bisher abseits gestanden, wie sich das bei guter Regie gehörte. Donnerwetter, was würde das geben? Die kleine Rose war es, die kleine, dunkle Gertie Rose; das reiche Mädel, das ihm das Lehrgeld immer wie eine Bagatelle auf den Tisch warf. Wie ein Gewitter fuhr sie in die Schar der Schülerinnen, verteilte Püsse nach rechts und links, blieb vor der Ianufch stehen, hob die Faust. „Werdet ihr eure Lästermäuler halten. Ich nehrn's mit euch allen auf, mit euch blaffen Fetzen. Ich habe nicht umsonst Boxen gelernt. Wollt ihr wissen, warum Isa die Minna bekam? Weil sie was kann, ihr Idioten, weil sie mit jedem Ton und jeder Geste euch gehirnlose Spatzen in die Tasche steckt. Und vor allem dich, Ianusch. Willst du vielleicht die Minna geben? Was? Studier' die Lulu. Die kommt dir eher zu. Und nun hattet die Mäuler, rat' ich euch." Wirklich, die anderen waren still. Kein Ton mehr. Sie machten Platz, als Gertie kehrtmachte und auf die Flurtür zuging, an der Jfa Weiher wartete, blaß, mit fast geschlossenen Augen und zuckendem Mund „Komm, Isa, laß die Bande. Sie können dir ja nicht das Wasser reichen. Keine." Sie nahm die Freundin bei der Hand und zog sie hinaus auf die Treppe. — Unten vorm Hause stand Gertie Roses Roadster. Ein schnittiger, kleiner Selbstfahrer, hellgrün lackiert. Blank jeder Griff, blank jedes Fenster. Ein kleines Schmuckstück. Gertie zog Jfa über den Bürgersteig, schubste sie in den Wogen und sprang nach. Sie löste die Bremse und gab Gas. „So!" sagte sie, „und jetzt fahren wir ins Unionhotel, Tee trinken. Ich bin gerade in der Stimmung. Diese Weiber, diese Weiber! In die Zähne hätte ich ihnen schlagen mögen, in ihre Schandmäuler!" Jfa war noch immer blaff, sie zitterte ein wenig am ganzen Körper. „Warst du nicht zu heftig, Gertie?" Die andere legte noch zehn Kilometer am Tempo zu. „Ich zu heftig? Milde war ich. Ganz anders muß man mit dem Pack umspringen. Glaubst du, daß man mit Nachgeben durch die Welt kommt? Nee, meine Siebe. Mit der Faust muß man auf den Tisch schlagen, daß es kracht. Das kannst du leider nicht. Das liegt dir nicht. Jammerschade ist das. Aber dafür bin ich ja schließlich da." „Ich bin dir so dankbar." „Red' bloß nicht von Dank. Das ist auch so'n Quatsch. Wenn hier einer zu danken hat, bin ich es. Ohne dich wäre ich doch gar nicht in die Schauspielerei hineingekommen. Wenn du nicht angefangen hättest, säße ich jetzt noch zu Hause und drehte Daumen. Oder läge ewig auf dem Tennisplatz ober auf dem Eise. Wie's das Wetter gerade will. Aber jetzt: mimen. Es macht mir ja solche unbändige Freude." Sie kreuzten die Tauentzienstraße. Die Verkehrsampel zeigte rot. Gertie sah es erst im letzten Augenblick. Sie zog die Bremsen, daß der Wagen dockte. Aber es war zu spät. Die Pneus rutschten auf dem glatten Asphalt weiter, über die Haltelinie hinaus. Und schon war der Beamte am Schlag und zog sein Notizbuch. „Ihre Papiere!" forderte er barsch. Gertie legte ihr Gesicht in die liebenswürdigsten Falten. „Ach, Herr Wachtmeister, ich kann wirklich nichts dafür. Es ist fo verteufelt glatt heute. Und ich habe gebremst wie toll; sehen Sie her, die Bremse ist ganz fest angezogen. Sie verstehen doch selbstverständlich auch was vom Chauffieren. Jeder Herr kann das doch heute. Und natürlich viel besser als wir armen schwachen Frauen." Sie deutete auf die Ampel. „Grün, Herr Wachtmeister, darf ich los? Ja? Danke." Sie nickte dem Mann noch einmal zu und trat auf den Gashebel. Fort fauste der Wagen. Um das Mandat wären wir glücklich 'rum!" Gertie lachte, hell, klingend „Es ist ja nicht wegen der zwanzig Mark. Aber nachher kriegt Papa den Strafbefehl in die Finger und fragt: „Was hast du denn um halb fünf an der Tauentzienecke gemacht?" Er denkt doch, ich bin im Klub. Und dann muh ich wieder eine andere Schnurre erfinden. Ach, es ist schlimm, wie man sich durch die Welt lügen muß." „Warum sagst du es denn deinen Eltern nicht?" „Die — und schauspielern. Mama würde in Ohnmacht fallen, und Papa würde mich enterben oder so was. Auf jeden Fall wäre es mit Karlos Pistorius aus. Geht nicht, meine Liebe, geht nicht! Ich muß lügen — ich muß, ich muh, ich muh ..." Die Korneliusbrücke war da. Isa wohnte dicht bei ihr in der Keith- straße. Mit ihrem Bruder zusammen bei ihrer alten Großmutter, der Gräfin Treutsch, ihrer Mutter Mutter. Seit dem Tage, an dem der Vater ins Feld gezogen, um nicht wiederzukehren. Im August 1914 war er gefallen, bei Montrepas. Seine Leiche hatten sie zurückgebracht und neben die Mutter auf dem alten, schönen Friedhof Hohenleubens gebettet. Damals dachten sie ja noch, daß das Gut ihnen bleiben, daß Bruder Peter einmal Herr auf dem alten Weiherfchen Sitz werden würde. Aber das Schicksal hatte es anders gewollt. Das Schicksal, die Inflation, die Inspektoren. Weg, fort, kein Pfennig war geblieben. Nur die beiden Gräber: Vater und Mutter. Und das eiserne Muß, sich selbst durch- zubeihen, Geld zu machen. Und fei’s mit Schauspielern. Büchner hatte es geraten, Büchner, der vorn die beiden schönsten Zimmer Großmutter abgemietet hatte. Seit Jahren schon. Der solch ein stiller, bescheidener Untermieter war, daß Großmutter ihn fast liebte. Der an allem teilnahm, an Glück und Unglück. „Werfen Sie doch die alten Vorurteile über Bord", hatte er gefügt. „Die Bühne ist doch kein Wanderzirkus mehr, sie dient heute der Kunst. Ihr ganz allein. Ein Kampfplatz ist sie. Eine Werkstatt. Ein Feld der Arbeit. Verdammt ernster und schwerer Arbeit. Aber wer was kann, verdient. Es ist wie im Handel, wie in der Industrie: Die Tüchtigen kommen nach oben, die mit Kopf, die mit Talent. Wir suchen ja gerade gebildete Kräfte. Holz, aus dem sich etwas schnitzen läßt. Geben Sie Ihre Enkelin frei. Ich halte meine Hand über sie." So war es gekommen. — Isa klopfte Gertie auf die Schulter. „Halt an; ich will aussteigen; ich will nach Haus." Aber (Bertie schüttelte lachend den Kopf. „Gibt's nicht. Erst muß ich dich vor dem Gesindel 'rauspauken, daß mir die Kehle trocken wird, und dann soll ich meinen Tee allein trinken? Das könnte dir passen." „Gertie, ich muß 'raus. Unionhotel, das kostet doch eine Unsumme. Du weißt doch ..." „Jawohl, ich weiß. Und du weißt, daß mir die Kröten ganz wurst sind. Ich habe sie nicht, um sie zu behalten, sondern um sie nutzbringend anzuwenden. Zum Beispiel: um anderen eine Freude zu machen. Einer hat Geld, der andere nicht. Das ist mal so, und es ist ungerecht. Also habe ich die moralische Pflicht, den Ausgleich zu schaffen." „Aber ich kann mich nicht immer von dir einladen lassen." „Jawohl, du kannst. Halt' den Schnabel. Stör’ mich nicht beim Fahren, hier wird's eng und ernst."--- Im Unionhotel spielte Danilo Degas zum Tanztee. Danilo, den ganz Berlin kannte, der tausend Grammophonplatten bespielt hatte und allwöchentlich einmal im Rundfunk dudelte, süß, schmachtend. — Isa und Gertie drehten sich durch die Windtür, guerten das Vestibül und gaben ihre Mäntel in der Garderobe ab. Isa ihren Wollflausch, Gertie ihre lederne, pelzgefütterte Autojacke. Dann traten sie gemeinsam von den großen Spiegel. Und nun war es wie immer: plötzlich wuchs Jfa über die Freundin hinaus. Licht war um sie, Welt war um sie; das billige Fähnchen, dos sie anhatte, wurde zum Kleid, der Körper schien sich zu strecken. Sie hob mit angeborener Grazie die Arme, ordnete eine Strähne ihres blonden Haares, das sie kurz geschnitten glatt aus der Stirn zurücktrug. Alles an ihr war natürliche Sicherheit. „Bist du fertig, Gertie? Ja? Dann können wir wohl gehen?" Die Herren hoben die Köpfe, als sie durch die Halle schritt, die breite Treppe mit ruhigen Schritten nahm, in den Saal trat. Sie war sehr schlank, drahtig, rassig. Das Gesicht schmal, großtinig, aber ebenmäßig; die Lippen herb, die Augen, unter den fast weißblonden, hohen Brauen, von dunkler Bläue, ein wenig überschattet, ein wenig umschattet. Wirklich: Gertie verschwand neben ihr. Sie war kleiner, aber das war es nicht allein: ihr molliger Gamintyp konnte sich trotz seiner frechen Niedlichkeit neben Isa nicht halten; er schlug sicher neunzig vom Hundert aller Durchschnittsmädel aus Feld, Isa nicht. Da war etwas Klassisches. „Das feine Fräulein von Weiher", hatte die Ianusch gesagt; sie hatte recht, wenn sie es auch ganz anders meinte: hohnvoll. Isa warf einen Blick durch den lichterfüllten Raum. Um die parkettierte Tanzfläche waren die kleinen Teetische in vielen Reihen angeordnet. Die meisten waren schon besetzt, an jedem ein oder zwei Paare: Die Herren in dunklen Sakkos und helleren gestreiften Beinkleidern, die Damen in Seide und Voile aller Farbschattierungen. Die Musik schwieg. Es war Tanzpause. „Wir wollen dort die Ecke nehmen, wenn es dir recht ist, Gertie. Drüben sitzt Peter mit Leo Queis und noch ein paar Herren. Du weisst, ich lege nicht viel Wert ..." „Wie du willst, Isa — natürlich." (Fortsetzung folgt.) Herr glatt _ e ist »äs oom "'ei befo »@riin, •nm ®ann wagen, he», Hin. her kriegt denn um h bin im iben. Ach allen, und re es mit Ich must bet Keith, »utter, bei i bem bet 1914 war bracht und is gebettet aß Bruder ürbe. Aber jlation, die bie b eiben lüft burch- er hatte es Brofemutter »escheibener i teiinahm, bet Bord', r, sie bient Werkstall. Met wer uftrie: Die Wit suche« äht. Gebe« Ach, *lt iremi ifteigen; ich :st muh ich wirb, und r.“ Unsumme. ganz wurst utzbringeud eben. Einer erecht ®le tim Fah"". >, bei» g»J le unb <* i(t *4 as NesB Wnllstatssch. ncmeinl"”1 tziich < ar um f; der i. ** iatt aus st bu f«1'9, t bie dZ e n>ar l< ebenM-D ,en »•** Ox Wunder der Wittenskrast. Von Dr. med. W. Schwei sheimer» München. Das gehorsame Herz. In früheren Jahren zog ein Mann auf den Universitäten umher, der Willkürlich Einfluß auf seine Herzmuskel gewinnen konnte. Der Mensch ist dazu im allgemeinen nicht imstande. Wir können wollen, daß der Arm sich bewegt, — und die absichtliche Muskelzusaminensetzung führt diese Handlung aus. Aber unser Wille, das Herz schnell oder langsam schlagen zu lassen, genügt nicht zum Eintreten dieses Vorgangs. Auf Umwegen können wir das Ziel erreichen: wenn wir etwa so rasch lausen oder den Körper sonst so sehr anstrengen, daß das Herz nunmehr rascher schlägt. Mit dem Willen hat das aber nichts mehr unmittelbar zu tun. Das Herz ist eben zwar auch ein Muskel, aber er ist anders gebaut als der Arm- inuskel, und auf ihn wirkt die Nervenübertragung nicht in der gleichen Weife wie auf die „willkürliche" Muskulatur. Nun, diesem Mann gelang es, durch eine Willensanstrengung das Herz langsam und langsamer schlagen zu lassen. Man sagt wohl: "er konnte den neroenverlangsamenden Nerv, den Nervus vagus, reizen, aber damit .st nichts erklärt. Er selbst erklärte seine Fähigkeit auch lediglich damit, daß er eben wolle, sein Herz solle langsamer schlagen, er richte seine ganze innere Aufmerksamkeit auf diesen entscheidenden Punkt. Der gleiche Mann 'onnte auch sein Zwerchfell — jene große Muskelplatte, die Brust- und Bauchhöhle trennt und dem unmittelbaren Willen sonst auch nicht zugänglich ist —, absichtlich und willentlich beeinflussen. Er lagerte es so gegen die vordere Ärustwand vor, daß das Herz ganz vorn zwischen die Nippen gepreßt wurde und dort in schauerlich deutlicher Erhebung sich »usdehnte und zusammenzog. Eine andere absonderliche Fähigkeit des Mannes: willkürlich den einen Unterarm zum Schwitzen zu bringen, hing nicht allein mit dem Willen zusammen. Zur Erzeugung dieser Erscheinung stellte sich der Mann vielmehr vor, daß der Unterarm in sehr heißer Luft sich befände. Aber bei der Mehrzahl der Menschen würde auch eine solche Vorstellung nicht aus- ieichen, um Schweißausbruch an beliebiger Stelle hervorzurufen. Der leipziger Physiologe Weber konnte in ähnlicher Weise sein Herz, unter jleichzeitiger Anhaltung des Atems, stillstehen lassen, bis ihm das Bewußtsein schwand, damit der Wille ausgeschaltet wurde und das Herz wieder weiterschlug. Auch von anderen Menschen werden sichere Beobachlungen über derartige Fähigkeiten mitgeteilt. Aufwachen ohne Wecker. Bei manchen Menschen besteht offenbar eine stärkere, innigere Ver- linbung von Wille und Körper als bei anderen. Der Wille kann über Lchlasdrang und Müdigkeit Hinwegbringen, das ist in vielen Menschen iiöglich. Viel seltener ist es schon, willentlich zu bestimmter Stunde oder Rinute zu erwachen. Zur Vorsicht wird ein Wecker gestellt, aber der Reiz los Willens ist so mächtig, daß das Erwachen schon vor dem Ablauf der löeckeruhr eintritt, — zu ungewohnter Stunde, um 3 Uhr, 4 Uhr, 4.15 Uhr morgens. Seltsam ist es, daß in solchen Fällen gar nicht immer der Schlaf mruhig ist, wie man annehmen sollte, wenn der Wille hemmend in den schlaf hineinreicht. Manche derartige „Willenserwacher" schlafen vielmehr its zur festgesetzten Stunde ruhig und störungslos. Auf einmal, Punkt 115 Uhr, wachen sie auf, sind mit einem Schlag so munter, als sei das iire übliche Erwachensminute, obwohl diese drei Stunden später liegt. Der Physiologe Johannes Müller sagt über seinen eigenen Schlaf- 1 Villen: „Manche, wie ich selbst, können sich schlafen machen, wenn sie Nollen, wenn sie sich gedankenruhig hinlegen." Die Behandlung der s k chlaflosigkeit besteht in manchen Fällen darin, daß der Patient lernt, ! lieber schlafen zu wollen. Johannes Müller hatte auch sonst Möglichkeiten, |b-*n Willen auf den Körper wirken zu lassen, wie sie sonst selten sind. Er Ikchörte zu den Menschen, die alle Ohrmuskeln bewegen (mit den Ohren । „Dackeln" können). Außerdem verstand er es, sogar die Muskeln im kstkiltelohr zur Anspannung zu bringen. Näherstehende hörten das Knir- |l9en der Gehörknöchelchen. Außerdem etwas ganz Seltenes: wenn er jein Auge verdeckte, konnte er die Pupille des anderen Auges willkürlich 8 tt roeitern und verengen, eine Tätigkeit, die sonst dem menschlichen Willen jUntz entzogen ist und nur von der Stärke des Lichteinfalles abhängt. I Wir bewundern die Rekordleistungen der Sportsleute namentlich der k stingstreckenläufer. Bei sonst einigermaßen gleichen Körperverhältnissen l «trb jener Sieger dessen Willen dem Körper stärkeren und nachhaltigeren t Atllrieb gibt. Der Läufer von Marathon, besessen von dem verzehrenden Billen, die Siegesbotschaft so rasch wie möglich der Heimat zu bringen, jlleb seinen Körper unerbittlich vorwärts, obwohl die Leistung über seine K'äste ging: ein wandelnder Leichnam, körperlich tot, aber vom Willen Bitod) beseelt, so brach er am Ziel zusammen. Beim Rekordlänjer gibt der Bick auf den Gegner oder auch die Stoppuhr dem Willen den mächtigen Mitrieb, der wie eine erbarmungslose Peitsche die Muskeln des Körpers in Höchstleistung anfeuert. Die durchbohrte Zunge. In Varietes und Schaubuden der Volksfeste treten zuweilen Menschen Ijif, bie sich Körperteile ohne Schmerzen und ohne Bluten mit )pigen Ptgenftänben durchbohren lassen. Man ist begreiflicherweise sehr geneigt, silier solchen Vorführungen irgendeinen Trick zu vermuten. Das braucht ßi°i°ch nicht der Fall zu'sein. Ich hatte selbst Gelegenheit, eine Frau zu k9obachten, die solche Fähigkeiten besaß. Die sehr einfache und gestünde U'vu tritt feit ihrer öffentlichen „Entdeckung" als „Fakirin m einem Wanderzirkus auf was ihr schon vorher immer als höchstes -diel cor» | s chwebt hatte. L Diese Fakirin stieß sich einen spitzen Haken durch die Mitte der Zunge. Weder beim Einstechen noch bei dem ruckarUgen Herausziehen floß ein kstvpfen Blut. Weiter stieß sie sich eine Hutnadel durch den vorderen Teil ^'Halses, vor dem Kehlkopf. Dabei werden keine großen Gefäße cer- M, wohl aber Haut, Fett, Muskulatur und Bindegewebe. @s flofc tein |l|opfen Blut, die Frau spürte auch keinen Schmerz. Auch nach dem Entfernen der Nadeln bluteten die Stichstellen nicht. Es entstanden jroei leichte Quaddeln, die nach einer halben Stunde verschwunden waren. Auch dann waren die Stichöffnungen noch als feine Punkte sichtbar. Ein Arzt würde es niemals wagen, die kleinste Einspritzung unter die Haut mit undesinfizierten Nadeln vorzunehmen und auch sonst wäre es niemanden zu raten, aber diese Frau bekam bei jahrelangen Einstichen mit ungereinigten Radeln usw. niemals eine Entzündung ober Eiterung. Auch der Arm wurde durchbohrt, oberflächlich und tiefer. Es ist offenbar, daß die Frau mit dem Willen Vorgänge des Blutens und Schmerzens überwachen und beeinflussen kann, die unserem Willen sonst entzogen sind. Verletzt sie sich etwa mit einer Nadel beim Nähen am Finger, ohne darauf vorbereitet zu fein, so blutet die Stelle genau wie bei anderen Menschen. Während der Versuche kommt es aber nicht zur Blutung. Sie denkt sich, wie sie immer wieder sagt, dabei: „es muß einfach", und dann geht es. Vor dem Durchstechen wird eine Willenskonzentration in ihrem Gesicht offenbar, während des Durchstechens wird das Gesicht ganz rot, der Atem ist angehalten. Sie spürt keinen Schmerz und verliert keinen Tropfen Blut, wenn sie will; wie das aber im einzelnen zustandekommt, darüber ist sie sich ganz unklar. Aus der Erzählung ihrer Lebensgeschichte geht hervor, daß sie eine sehr willenskräftige Frau sein muß. WillkürlicheBlutungen. Vor einer Reihe von Jahren machte ein ehemaliger Bergmann viel von sich reden, der im Varietö ohne Blut und ohne Schmerzen sich spitze Nägel durch den Körper schlagen, spitze Pfeile in den Körper schießen ließ und blutige Tränen meinen konnte. Er vermochte angeblich nur durch den Willen an beliebigen Stellen Blut aus der Haut treten zu lassen, am Knie, an Handrücken usw. In späteren Enthüllungen wurde ein Teil der Vorführungen allerdings in anderem Licht gezeigt. Es wurden beispielsweise zwei Stunden vor der Vorführung mit einem Lineal zwei Linien in Kreuzform in die Haut gedrückt. Was daran sichtbar ist, schwindet nach einiger Zeit wieder. Es war nur die Willenskraft des Mannes, daß er durch bewußte Muskelkonzentration das Blut in der Gegend des Hauteindruckes sammeln konnte. Der vorher gesetzte Eindruck trat als tiefrotes Mal („Stigma") scharf hervor, die umgebende Haut wurde blutleer und blaff. Nach mehrmaliger Wiederholung des Eindruckes an derselben Stelle ließ Muskelkonzentration das Blut durch die Haut nach außen pressen. Die blutigen Tränen, die der Mann meinen konnte, kommen auf folgende Weise zustande. Kurze Zeit vor der Vorführung mürbe mit einem spitzen Gegenstand ein scharfer Eindruck in das Innere des Augenwinkels gemacht. Der Eindruck verschwand wieder, so daß Untersucher nichts davon sahen. Aber er genügte, um später bei starker Blutansamm- lung im Kopf und besonders in der Augengegend etwas Blut austreten zu lassen. Tränen konnte der Mann mit Leichtigkeit jederzeit erzeugen. Das Blut lief dann in Verbindung mit dem Tränenwasser als wässerige Blutflüssigkeit die Backen hinunter. Die hier angewandten Vorbereitungen erklären in Wirklichkeit sehr wenig von dem Phänomen. Cs bleibt immer noch die Fähigkeit, an einer bestimmten Stelle durch den Willen eine stärkere Blutansammlung hervorzurufen, eine Möglichkeit, die den meisten Menschen jedensalls nicht zur Verfügung steht. Die Tränen der Filmschauspielerin. Auch bei der Fähigkeit, willkürlich zu weinen, Tränen zu erzeugen, ist zwischen zwei Arten zu unterscheiden. Man erinnert sich noch an jenen berühmten Prozeß um die Tränen der Asta Nielsen. Es wurde behauptet, jene unaufhaltsam rollenden Tränen seien aus künstlichen Stoffen hergestellt, ein Hauptbestandteil sei Glyzerin. Asta Nielsen konnte aber Nachweisen, daß es in der Tat echte, ungekünstelte Tränen seien, die sie während der Aufnahme weinte. Diese Tränenerzeugung geht bei ihr wie bei der Mehrzahl der Menschen nicht direkt durch Willensbeeinflussung vor sich, sondern auf dem Umweg über traurige Vorstellungen. Sie versetzt sich seelisch in .Sagen, bei denen Weinen eine natürliche Gemütsreaktion darstellt, und das genügt, um die Tränendrüsen zu starker Absonderung anzuregen. Es gibt aber auch Menschen, die unmittelbar durch den Willen die Tränendrüsen anregen können, wie man etwa willentlich eine sonst ruhige Hand vorübergehend zum Zittern bringen kann. Von indischen Fakiren werden Wunderleistungen berichtet, unb bann wird zur Erklärung vielfach hinzugefügt: bie Leistung fei körperlich gar nicht vollbracht worben, fonbern es habe sich um eine Massensuggestion ber Umstehenben gehanbelt, bie zu sehen glaubten, was ihnen suggeriert worben sei. Eine gleichzeitig aufgenommene Photographie habe von dem angeblich gesehenen Phänomen nichts erkennen lassen. Wunden durch Hypnose. Diese Erklärung dürfte doch für mindestens zahlreiche der geschilderten Phänomene nicht zutresfen. So einfach liegen die Dinge nicht. Es gibt eine direkte und eine indirekte Willensbeeinsluffung auf den Körper. Ein Beispiel: Rudolf Schindler, ein Münchner Nervenarzt, hat durch hypnotische Willensbeeinflussung bei geeigneten Personen Wunden entstehen lassen. Das geschah z. B. bei einer als hysterisch zu bezeichnenden Frau. Schindler unb bie anberen beobachtenben Krankenärzte sicherten sich von Anwenbung irgenbwelcher Hanbgrisse bei ber Entstehung von Blutungen baburch, baß starke Gipsverbänbe an den betreffenden Körperteilen angelegt wurden (linker Oberschenkel), an denen die Blutung entstehen sollte. Hypnotische Beeinflussung bringt es fertig, daß die Frau an ganz bestimmter Stelle und zu ganz bestimmter Zeit eine Blutung oder eine mit Blut gefüllte Blase entstehen läßt. Die blutige Blase entsteht zur festgesetzten Zeit unter den Augen des Arztes innerhalb fünf Minuten. Zur Sicherung war auch hier ein Gipsverband angelegt, in den an ber betreffenden Stelle ein Uhrglas eingegipft war, durch bas man bie Hautstelle beobachten konnte. Aehnliche Erscheinungen ließen sich bei anberen Menschen feststellen. Eine mechanische Erklärung für biefe Vorgänge ist nicht zu geben. Schinbler ist aber ber Ansicht, baß in ben beschriebenen Fällen bie Blutungen unb Blasendilbung von ber Vorstellung ber Menschen über» zurück. mir ist den an und Meinung wir hob Der .Guck emal an", erboste sie sich, „da hast du Geld als wann's aus der' Wand geschmissen wär. Du mußt dir nicht einbilden, daß ich in den Säcken lauf. Du schaffst mich nicht fort. Ich bin nur gespannt: was tatst hals ihm dann die sprach: wird's bezeugen!" Veraniworllicd: Dr. Jans Thvriol. - Druck und Derlag: Drühl'sch« UniversilätS'Luch. und Strindruckerri. R. Lange, Gießen. den Hof. vor den best, den noch alles Esel dal" aus wiegend oder allein abhinge. Eine besondere Veranlagung ist dabei doch anzunehmen. Denn die überwiegende Mehrzahl der Menschen tnirb weder in gesundem noch krankem Zustand, weder im Wachen noch tn Hypnose derartige Erscheinungen sertigbringen. machte: „No?" Er war doch ein bißchen verbellert. „Nicht, daß ich was im Hintertürchen hätt. Ich sag meine grab heraus. Du unb ich, wir passen nicht zusammen!" „Was soll dann das bedeuten?" „'S ist so, wie's ist. Wir passen nicht zusammen, 'S ist de gehen wieder auseinander." „Gick, gick! Da ist ein Lumpenstecher, der hetzt. Und tut oornhinspannen. Das gab so ein Aektchen! Ich bin aber auch „Du kannst mir's glauben, 's keins, das hetzt. 'S kommt mir." das hielt er auch. Den Bries nach Lauterbach trug er zur Post. Darauf machte er seinen Laden zu. Beim Zwölfuhrläuten verließ er das Haus und sputete sich, daß er vor Abend nach Kirtorf käme. friedlich nebeneinander. Sie hatten die Nase auf der Erde, arbeitsreiche Tage standen bevor. Hammbast, der Sauhirt, trieb seine Tier« auf die Weide. Den Hut hatte er mit jungem Laub bekränzt. Das alles sah der Meister im Vorüberschreiten und sah es doch nicht, denn nur sein Ziel stand ihm vor Augen. auf die Spur. Der Alte wunderte sich baß. „Was willst du dann hier?" „Das sollst du gleich hören", versetzte der Meister. „Wo ist Marie?" Es war Frühling. Aus den Gehösten herrschte reges Leben. Die Aussaat hatte begonnen. Der Schwickertsadam ritt mit seinen Füchsen aufs Feld, dem Handpferd hatte er den Säesack auf den Rücken gehängt. Der Kappepeter, der sich in aller Frühe schon einen nassen Buckel geholt hatte, bot dem Adam mit einem mißgünstigen Blick die Zeit und dachte: „Der sitzt wie die Katz aus dem Speck. Mit meinen Kühen, das ist ein langweilig Gemächt. Wem das Glück wohl will, dem kalben die Ochsen!" Der Der Meister sprang wie von der Tarantel gestochen auf und schrie: „Glüh sollst du gehen, du schlechtes Tier, du Schnippel!" Er rannte wütend in dem Stübchen auf und ab. Kreuzmillionenbonnerwetter! Die hatte ihn schön bran gekriegt. Was für eine schänbliche Heimtückerei! Unb bie Kirmesschiebern trug ben Kopf noch hoch. Wo keine Scham war, war keine Ehre. Fort mit Schaben! Im Drcck herum- wühlen macht er nicht. Am Ende hatte sie ganz recht: es war ihm wirk- lich brum zu tun, baß sie rasch auseinanber kamen. Dem staub, Gottlob, jetzt nichts mehr im Weg. Kein Bibswörtchen sprach er mehr. Als bie Nacht hereingebrochen war, hielt bas Gespann bes Schwickerts- abam vor ber Tür. Der Vetter lub ber Sardine sieben Sachen auf seinen Wagen. Sie selber, munter wie eine Amsel, thronte in vollem Staat auf bem Kutschersitz. Der Abam schnalzte mit ber Zunge. Die Pferbe zogen an. Vorwärts ging's nach Wallenrob. Der Meister in feinem Labenftübchen hörte bie Räber rollen, ferner unb ferner. Dann war's still, murremausftiU. Er atmete auf. Ein Mühlstein war ihm vom Herzen gefallen. Die Wallenröberin war er nun los. Seine Gebauten roanberten nach Kirtorf. Da war feine Marie. Es wurde ihm ganz artlich, ganz seltsam zu Mut. Unb es war ihm, als ob sie rief: „Ich sitz hier unb es ist nur ein Warten aus bich!" Seine ernste Miene hellte sich auf. Alte Liebe wurzelt tief, alte Liebe rostet nicht. was dazwischen gekommen." Er hängte die Mütze an den Kleiderhaken und stellte den Stock gewohnten Platz. Dann hob er an: „Sardine, ich möcht emal was mit dir schwätzen." Sie kniff die Augen zu, verschränkte di« Arme über der Brust „Droben. Ich schätz, mit ber hast bu nix mehr zu schicken." „Das wirb sich zeigen. Ich möcht sie sprechen." Der Alte verschwaub unb trat nach «in paar Minuten auf „Du sollst kommen!" Der Meister stieg bie Treppe hinauf. Es flimmerte ihm Augen, in seinen Ohren saug bas Blut. Nun öffnete er bie Stubentür. Da ftanb bie Marie, frischer beim je. in bie Tasche unb sprach: „Ich schätz, 's ist bir sehr daran gelegen, daß wir risch auseinander kommen. Horch zu! Was bu wolltst, bas mit bem Krammich vor sich gehen sollt bas ist am zweiten Sirmestag passiert. Laß ihn nur laben, he Glock fünf war er in Kirtorf vor seines Schwiegervaters Haus. Dieser, ein hoher Siebziger, schaute, bie Mütze auf bem Kops, zum Fenster hinaus. Er erkannte ben Ankömmling nicht gleich. Der Meister V " "i" Alte Liebe. Novelle von Alfred Bock. (Schluß.) Das Ladeuglöckcheu bimmelte. Unerwartet kehrte der Meister Die Karoline erhob sich unb schritt ihm entgegen. „Ei was, bu bist schon wieber ba?" , „Ja" sagte er unb eine leichte Röte trat in (ein Gesicht, „ s ich mich ertunbigt. Wann he alleweil wieder bei dich ging', könnt s Gericht in Ordnung bringen, daß wir zwei auseinander kommen. Ich bin nicht eso, ich will auch was geben." Sie maß ihn mit einem stolzen Blick. . , , „'S mag fein wxe's will. Ich tu mir darüber kein Herzbrechen machen. Ich wüßt nicht, daß ich mich mit dir verkrämert hätt. Ich sitz hier lang gut und geh nicht fort!" . , „ . , Du mußt keinen alten Tauber für einen jungen verkennen , sagte er scharf. „Ich hab's aus der Quell'. Und 's wird haarklein verzählt: der Lauterbacher war dein Schatz!" Ihre Gleichmütigkeit war nicht zu erschüttern. , „Ja no und wann? Er hott' nix, ich halt' nix. Zweimal mx gibt wieder nix. Was hätt daraus dann werden sollen?" „Du hängst noch an ihm. Das könnt auf der Kirmes ein Blinder Im Dorf stürzten sie sich auf die Neuigkeit wie Stoßvögel auf Tauben. Des Getratsches war kein End«. Der Meister kümmerte sich um nichts und hielt sich ruhig in seinem Haus. — Ein volles Vierteljahr nach dem Abzug der Wallenröderin geschah'?, daß der Meister Allerhand ein Aktenstück vom Gericht empfing. Das tat ihm kund, daß seine Ehe mit der Karoline Lehrmund geschieden war. Er hob das Urteil sorgfältig auf und wies die Kasse in Lauterbach, wo er (ein Geld stehen hatte, an, der Karoline dreitausend Mark zu zahlen. ~ Schuldschein, den er ausgestellt — das hatte der Anwalt gesagt — kam als Urkunde nicht in Betracht. Es änderte an der Sache nichts. Seine Worte waren nicht ins Wasser geschrieben, und was er versprochen, Nur daß sie ein wenig schmäler geworden war. Er hatte sich, was er ihr sagen wollte, vorher zurechtgelegt, jetzt war ihm die Kehle wie zugeschnürt. Sie aber machte es ihm leicht unb sprach: „Das ist aber recht, baß bu emal nach mir guckst!" Die Tränen liefen ihm über bie Backen. Sie legte bie Hanb auf feine Schulter. „Sei stärk, ich bitt bich, sei stärk. Drüben über bem alten Jöckel seinem Türchen steht: .Tust bu es nicht aus freien Stücken, es Hilst bir nichts, bu mußt dich bücken.' Ja, ift’s nicht so? Du hatt'st dein Geschäft, bu tonnt’ft nicht anders. Ich bin bir wegen ber Heirat nicht bös!" Nun sand er das befreiende Wort, erzählte was für bittere Erfahrungen er im Geschäft mit ber Kitzelmine unb seiner Schwester Sohn, bem Anton, gemacht, wie seine zweite Eheschaft fehlgeschlagen war und wie er sie kurzerhanb abgeschüttelt hatte. Er war orbentlich in die Hitze geraten. Sich einmal grünblich aus« zufurcheln, wie barbarisch gut bas tat! Nun bämpfte er seine Stimme unb sprach: „'S ist kein Tag, keine Stunb vergangen, baß ich nicht an bich gebucht hab, Marie. Aus reinem Herzen frag ich bich: willst bu wieber zu mir kommen?" Das brang so übermächtig auf sie ein, baß sie alle Fasiung verlor. Doch gewann sie bie Herrschaft über (ich schnell zurück unb sagte, bas Gesicht von stillem Glück verklärt: * „Wann bu mich wieberhaben willst, ich komm!" Sie hatten einanber viel zu vertrauen. Stunbe um Stunbe verrann. Am späten Abend noch saßen sie Hand in Hand, um sich fortan nicht mehr zu trennen. sehen." , „ „Spar bir ben Odem, du schaffst mich nicht fort! „Schlag mit ben Flügeln wie ein Gockel", rebele er unbeirrt weiter, - -----ö -------------------- . bu hast's mit bem Lauterbacher gehabt. Da ist nix zu leugnen. Nu hab Hackepitscher unb ber Trittchesrnacher gackerten auf ihren Gewannen irh rnirh erFnnbiat. Wann he alleweil wieder bei bich ging', könnt's bas s------- w-l. „..l x„, „^.11=,.;*» bu bann geben?" Er hob die Brust. „Fünfhundert Mark!" Sie schlug eine Lache auf. „Fünfhundert Mark!" Du bist nicht bei Trost!" „Meinetwegen, läufig Mark. Ich sagt bir’s ja, ich bin nicht eso. Sie schüttelte erregt die Hand. „läufig Mark! Das heiß ich Gappali. Wann der Krammich sich selbständig machen und heiraten will, braucht er breitaufig Mark, bei Heller unb Pfennig!" Der Meister zog mit einem Ruck bas Kinn zurück. „Dreiläufig Mark! Wo nehm ich bie her?" „Behalt bein Gelb", stieß sie verächtlich heraus, „ober wers's in ben Bach, ba hört man ben Plumps. Ich müßt ja ein Dappfchaf fein, wann ich mich hier nicht mantenieren tat. Noch emal: bu schaffst mich nicht fort!" Er krümmte sich wie ein Wurm. In Gelbjachen hörte bie Gemütlichkeit auf. Ja, wenn's Rübenschnitzel wären! Es war nicht seine Art, zu knackern. Und doch, was man so schwer verdiente, war einem ans Herz gepicht. Es gab ein langes Wortgefecht. Er ließ es auf Spitze und Knopf ankommen. Dreitausend Mark! Was fiel ihr denn ein? Sie wollte den Sack samt dem Zipfel verdienen! Sie gab nichts nach, stand fest in den Schuhen. Endlich hatte sie ihn soweit, er bewilligte die dreitausend Mark. „Versprechen und halten ist zweierlei", argwöhnte sie noch. „Ich muß es von dir schriftlich haben." Dreitausend Mark! Das ging ihm an die Nieren. Er hatte sich da eine teure Schleife angehängt. Und wenn, es war nicht für die Grins'. Sollt er noch Sperrenzchen machen? Allegar durch. Er mußt in den sauren Apsel beißen. Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb: „Wenn meine Eheschaft mit der Karoline Lehrmund aus Wallenrod rechtskräftig geschieben ist, verpflichte ich mich, besagter Karoline Lehr- munb breilaufenb Mark in bar zu zahlen. Auf bie Vorausklage verzichte ich." Sie las, was er hingeworfen, aufmerksam burch, schob bas Papier