SiehMrZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1951 Zreitag, den 26. Juni Nummer 49 Oer Mond ist aufgegangen. Von Matthias Claudiu». Der Mond ist aufgegangen, Die goldnen Sternlein prangen Am Himmel hell und klar; Der Wald steht schwarz und schweiget. Und aus den Wiesen steiget Der weiße Nebel wunderbar. Seht ihr den Mond dort stehen? — Er ist nur halb zu sehen Und ist doch rund und schön! So sind wohl manche Sachen, Die wir getrost belachen. Weil unsre Augen sie nicht sehn. Wir stolze Menschenkinder Sind eitel arme Sünder Und wissen gar nicht viel; Wir spinnen Luftgespinste Und suchen viele Künste Und kommen weiter von dem Ziel. So legt euch denn, ihr Brüder, In Gottes Namen nieder; Kalt ist der Abendhauch. Verschon' uns, Gott, mit Strafen Und laß uns ruhig schlafen! Und unfern kranken Nachbar auch! Oas Heckerlied. Anekdote von Wilhelm Schäfer. (Nachdruck verboten.) Nach dem Gefecht bei Kandern ging es dem Hecker Icharf an den Kragen obwohl er mit seinen Freischärlern nicht weit ins badische Land gekommen war, verlegte ihm das Militär die Straßen so daß er durch den Schwarzwald auf ungewissen Wegen reitend einen Durchschlupf nach der Grenze gewinnen muhte. Er fand zu seinem Gluck im unteren ~obt- moos einen Knecht, der ihn zur Nachtzeit ins Hügelland der Murg hinüber brachte. Wie er da gegen Mittag vorsichtig spähend aus dem Wald von Eggberg ins Rheintal hinunter schritt, sein Pferd am Zugel führend, todmüde und verdrossen von der Nacht und der «Letzten Flucht vorher, sand er seitab von allen Wegen und sicher genug zurRas-me Waldkapelle. Er band seinen Fuchs an eine Birke, lang am Zugel, damit er araien konnte und setzte sich verstaubt und gähnend vor Erschöpfung hinein, den Einbruch eines drohenden Frllhlingsgewitters abzuwarten, um dann im Regen den letzten Ritt zu wagen. Der kleine Raum war mulmig und durch den Widerschein der früh- lingsgrllnen Buchen im Gewitterlicht glasig erhellt; auf einem bröckeligen Steinaltar stand neu bemalt die holzgeschnitzte Muttergottes und üichel e Er war zu dreisteren Stunden nicht abgeneigt gewesen, solch einem Holz bild kindttcher Unterwürfigkeit den Hals abzudrehen; nun ch'en es [einem (Brnll nls ob kie ein Recht zu lächeln hatte, wie er als Re[I unaus- gerich'teter Heldentaten vor ihr dafaß; doch weil die Schwule des nahenden Gewitters drückte, nahm ihm ein Schlaf die bleierne Erichopfung ab und ließ den Fürstentöter rasch in die Grunde hinunter sinken. di« der Vernunft und Aufklärung nicht mehr erreichbar sind. Da blühten auq in seinem Geist, ganz unbekümmert der Gefahr d,e bunten Traumbluten auf und mitten drin stolzierte die angemalte Jungfrau und lächelte ihn an, wie nur auf Bildern die Frauen einen dürfen. So halb wach war sein Traum daß er sich selber Wafdnd wußte und also deutlich das Wunder spurte, mwend.g e^e^ Zauberwelt^zu haben, darin der eigene Körper — der doch [dM f . . Wachsein war und mit der Jungfrau Hand m Hand spaZ'erengng^ to hatte ihr Kind eilfertig auf einen Grashang gelegt, wo "der ihm der Stengel einer Bärenklau im Wind schaukelte und Mit den Scha"en semes Blattwerks die Sonne von ihm abstreichelte. Er suhlte ihre dünnen Fing in der Hand, als ob sie wirklich hölzern wären, doch lebte sie trotzdem und führte ihn mit lächelnden Lippen einem Waldrand zu, darin das Dunkel zwischen den Stämmen von starrenden Flintenläufen, alle auf seine Brust gerichtet, durchlöchert war. Trotz aller Deutlichkeit der Bilder blieb ein Gefühl bei ihm, daß alles nur ein Blendspiel seiner träumenden Sinne vorstellte; und wenn ihm die Wirklichkeit sichtbar gewesen wäre, die sich unterdessen vor seinen schlafenden Augen vollzog, er hätte der verräterischen Holzhand leicht ein paar Finger abgebrochen. Denn weil ein Sturm dem aufmarschierenden Gewitter heimtückisch in die Flanke gefallen war, verließ es mit den ersten Tropfen den stolz gewählten Kurs und zog sich rechts abschwenkend mit einer grollenden Kanonade ins Aargau zurück; gerade als ein Landstreicher, den auch die Kriegsnöte dieser Tage seitab getrieben hatten, gleichfalls an die Kapelle kam. Der sah mit bösem Gewissen das gesattelte Pferd und — nach vielfacher Vorsicht durchs Fenster spähend, dann an der Türspalte horchend — auch den Herrn dazu, gemächlich neben seinem Hut und Mantel eingeschlafen. Er war beherzt genug, den von der Jungfrau angebotenen Tausch nicht auszuschlagen; als er den Schlapphut nicht schlecht im Maß fand, ließ er die Kappe dafür liegen, die nicht so neu, für einen Fußgänger aber passender war, nahm auch den Mantel; und wenn der Schläfer statt um drei um ein Uhr aufgewacht wäre, hätte ec ihn können abreiten sehen, den Heckerhut stolz auf dem Kopf trotz seinem schlecht rasierten Stromergesicht, die Rechte lässig in die Hüfte gestützt, wie ers aus irgend einer Reitknechtszeit her kannte; erst steil den Wiesenhang hinunter und dann dem schmalen Fahrweg nach auf Säckingen zu. Indessen schlief der Hecker sich immer dicker aus buntem Traum In schwarzen Schlaf hinein und wurde erst am Nachmittag geweckt, als ein steinaltes Holzweib mit einer Kerze kam. Er brauchte lange, der Advokat aus Mannheim, bis er sich als besiegter Freischärlerführer in der Kapelle wiederfand, darin der glasige Gewitterschein schon lange dem gewohnten bräunlichen Dunkel gewichen war. Die Stromerkappe gefiel ihm nicht, noch weniger aber, daß sein Mantel fort war und, als er nachsah, draußen das Pferd. Erst wollte er das alte Weib bedrohen; sie wußte wirklich nichts und die Madonna war ausgewacht aus ihrem Traum und stand mit bunten Farben bemalt als steifes Holzbild da. Alles, was ihm Böses widerfahren war in diesen Tagen, die klägliche Niederlage und die Feigheit der Genossen, die Mühsal und Beschämung der eigenen Flucht, das alles hatte ihm den Rest von Mannesmut nicht töten können, den dieser Lumpenstreich am Hals erwürgte; als ob ihn die Erbärmlichkeit von Deutschland selber das Pferd gestohlen hätte. Er gab dem Kerzenweib, das ihn zitternd für einen Räuberhauptmann in Reiterstlefeln halten mochte, ein Geldstück und zog sich querseitlich in den Wald zurück, immer dichter ins niedere Gestrüpp, manchmal auf allen Vieren kriechend, nicht anders als ein Tier, das sterben will. Doch kam er nicht ins Dickicht, wie er dachte, sondern unvermutet durch Ginster und steinichtes Geröll auf eine Felskoppe, die ihm eine geschützte Aussicht ins Rheintal bot. Da blieb der besiegte und ausgeplünderte Feldherr der deutschen Freiheit liegen, sah die Sonne ein wahres Welttheater mit durchglänzten Wolken machen — als ob es seine Luftschlösser wären — sah die blauen Waldberge der freien Schweiz so nah, daß ein Vogel in zehn Minuten hinüberfliegen konnte, und ganz unmerklich kam in den Hochmut der trüben Erbitterung, in den rauchenden Zorn die Stärkung des guten Schlafes und die lächelnde Buntheit seines Traumes zurück, die ihn damit zur Demut führten. Solange er mit Hut und Mantel noch im Sattel gesessen hatte, war er noch immer der geschlagene Führer gewesen; seitdem ein Stromer aber mit seinen Feldzugspapieren im Mantel wer weiß wo ritt, war er kaum besser als die andern, die nur frühzeitiger ihr Leben retteten und ihm die Schlacht mit ihrer Feigheit verloren. Sie durften trotzdem laufen, soweit sie konnten; er aber, durch dessen Schuld doch mancher zerschossen auf der Wahlstatt lag, er hätte zur Freiheit stehen müssen mit einem tapferen Opfertod. Und obwohl di« Menschenseele in ihm erstaunt vor solchem Ueberschwall den Kopf hob, und die Grundlage seiner Meinungen und Taten — das eigene Leben — nicht gefährdet sehen mochte: so fielen doch di« stolzen Gewänder seiner Ideale wie Lappen von ihm ab, so daß er unter Gottes Himmel demütig übrig blieb und nicht mehr Deutschland um sein persönliches Schicksal bemühte. So stand mit der Dunkelheit ein anderer fröstelnd von seinem Graslager auf, als der sich nachmittags hitzig dahin geworfen hatte. Die eingetauschte Kappe des Landstreichers war ihm zu schäbig gewesen, nun schien es ihm geraten, sie auf dem Kopf zu haben. Noch einmal kam er dadurch zur Holzjungfrau zurück, die jetzt im Kerzenlicht der alten Frau ihr ärmlich geehrtes Dasein hatte; im Gesprenkel flackernder Schatten von unten her beleuchtet, schien ihr Gesicht merkwürdig frech, als ob sie über den Umschwung seiner Gesinnung spotten wollte. Er blies ihr rachsüchtig wie ein Knabe das Licht aus und obwohl er kopfschüttelnd über soviel Lorhelt aus der dunkeln Kapelle in die noch schwach durchhellte Nacht hinaus trat, brachte er das Gefühl von seinem Traumerlebnis mit ihr nid>t völlig fort, als er — die Kappe vorerst noch in der Hand — zu Fuß denselben Weg antrat, den Mittags ein anderer mit seinem Hut und Mantel stolz geritten war, den steilen Wiesenhang hinunter und dem schmalen Fahrweg nach auf Säckingen zu. Der Sichelmond fuhr gerade aus einem schwarzen Wolkenwald in ein üchtblaues Sternenfeld, als er — mit vieler Vorsicht — sich aus einer Seitengasse an die gedeckte Holzbrücke machte, die Kappe auf die Ohren gedrückt und mit den Schritten absichtlich schleifend. Sie war, wie er sofort bemerkte, von blinkenden Flintenläusen bewacht; er blieb nicht stehen, schwenkte nur, die Hände steif in den Taschen, linksab in den Ort zurück, in dem längst alles zu schlafen schien, und wollte gerade dem Laternenlicht von einer Wirtschaft ausweichen, als ihm von hinten einer derb auf die Schulter schlug. Cs war auch wirklich ein Soldat, ein Württemberger, der seitwärts an der Mauer gestanden hatte und ihn, stark angeraucht, mit in das Wirtshaus nötigte. Weil er geradeaus schon wieder eine Postenkette spürte — der er auf seinem Seitenweg nun richtig in die Falle gegangen war — schien es ihm klug, dem Mann, der ihn nicht los ließ, gutwillig in den Schenkraum zu folgen, wo nur noch drei Soldaten am runden Tisch übrig geblieben waren, doch alles von einem vorhergegangenen Verkehr in einer qualmigen Wärme schwamm. Der andere vergaß ihn da gleich wieder, so daß er sich bescheiden seitab setzen und bei der Wirtin einen Käs mit einer Halben Halauer bestellen konnte, indessen die Kameraden den Württemberger aus ihrer schläfrigen Trunkenheit gröhlend begrüßten; namentlich ein dürrer Korporal — der an der Leber zu leiden schien — saß schwer im Dampf, schlug mit dem Säbel auf dem Holztisch den Takt und sang das Heckerlied,.wie wenn er den neuen Gast damit begrüßen und verhöhnen wollte. Der Hecker blieb hinter seinem Käs steif sitzen und kaute mit beiden Backen, weil er sich nicht verraten wollte, auch einen wüsten Hunger hatte. Er dachte erst, daß sie nur um den schmählichen Sieg bei Kandern so versoffen wären und merkte erst allmählich aus ihren Reden, wie sie den Stromer mit seinem Pferd und Mantel mittags gegriffen hatten, der nun als Hecker im Spritzenhaus zehnfach bewacht das Kriegsgericht abwartete. Er sah sich plötzlich wieder Hand in Hand mit der Madonna, wie sie ihn lächelnd vor die starrenden Flintenläufe leitete, und weil es ihm warm ausschoh vor Dank, bekam die Himmelsjungfrau unmerklich auch chr Teil. So saß er auf gefährliche Art gesichert und aß getrost einen zweiten und dritten und schließlich noch einen vierten Käs, als etwas Unerwartetes ihn störte. Die vier Kerle hatten im selben Wirtshaus sein Pferd eingestellt, das ihnen als Kriegsbeute zugefallen war; sie wollten es aus- würfeln, doch gab das großen Umstand, erst Gelächter, zuletzt säst Streit, wobei schon einer mit seinem Stuhl hinfiel. So kamen sie darauf, es zu verkaufen, da sie doch Infanteristen wären und morgen früh abrücken müßten, und den Erlös redlich zu teilen. Wie Pe nun dafaßen in dem Qualm und inneren Dampf, durch den wüst verschlemmten Wein mit ihren Sinnen an den Umkreis ihrer nächsten Umgebung gebunden und also den Schenkraum und die verdrießliche Wirtin nach Käufern musternd, fielejt dem Korporal die Sporen an den Stiefeln des Heckers auf; und weil ein Betrunkener noch mehr als fönst einer leichtgläubig ansieht, was seinen Wünschen paßt, saß er gleich fest auf der Idee, der Mann im Vollbart mit der verregneten Kappe wäre ein Pferdehändler. Die tapferen Schwaben waren so versessen in ihr erneutes Glück, daß es bald einen lärmhasten Aufbruch nach dem Stall gab, wo der Hecker feinen Gaul bei der Laterne mit schwerer Fachkunst bemäkeln mußte. Der Handel wurde schließlich, den Sattel eingerechnet und der besseren Verteilung wegen, auf 32 Gulden festgesetzt, die er danach mit einer Maß Veltliner in der Schenkstube aufzählen sollte. Wie er so unvermutet die starrenden Flintenläufe sinken sah, kam ihm auch schon die Advokatenschlauheit wieder: Sie sollten ihm den Kauf bescheinigen, damit er nicht noch Schwierigkeiten bei ihren Kameraden hätte. Das konnten sie nun freilich nicht, ihm eine Art Passierschein geben, doch fand der Korporal, der seine acht Gulden entschwinden sah, rasch einen Ausweg: wenn er noch in der Nacht heim wolle nach Eglisau, sei es gescheiter, auf Schweizerboden dem Rhein entlang zu reiten und hier in Säckingen die Brücke zu nehmen, wo sie ihn selber durch den Poften geleiten konnten. So kriegten sie das Geld mit Gold und Silber aus seinem Brustbeutel in vier Häufchen auf den Holztisch gezählt und auch die Maß Veltliner, und tränten sie und schwadronnierten noch, bis seine Ungeduld zum Ausritt drängte. Dann gab es einen Auszug, der den Säckingern, obwohl ihn außer der Wirtin keiner bemerkte in der Nacht, für Kindeskinder in der Erinnerung blieb: der Hecker hoch zu Roß mit einer Kappe auf den Ohren, von seinen Häschern an die Brücke und mit vielem Lärm auch durch den Widerstand der Schildwache gebracht, indessen der Stromer im Spritzenhaus dreifach verriegelt sein Tagesglück verschlief. Sie gaben dem Reiter noch alle herzhaft die Hand, wie deutsche Männer tun, wenn sie ein Bruderherz gefunden haben, und weil den Korporal um der acht Gulden willen der Teufel ritt, fang er ihm auch zum Abschied noch einmal das Heckerlied. Er hätte dos aus manchen Gründen besser unterlassen; denn nun faßte den Mann, der Deutschland vom Elend seiner Fürsten hatte erlösen wollen, doch wieder sein Stolz und Jähzorn an: er warf dem Sänger die Kappe mitten aufs Maul. Sie hielten das für einen Abschiedsspah und wollten vor Gelächter bersten, während er langsamen Schrittes von den Holzplanken hinunter ritt Und als er längst auf freiem Boden im Galopp hinjagte und fast zu Schaden gekommen wäre, weil ihm die Tränen wild ausbrachen, torkelten die Glücksschwaben noch immer an dem erstaunten Rheinstrom und krähten um acht Gulden das Heckerlied, indessen die Holzjungfrau in ihrer Waldkapelle ohne Kerze auf dem Steinsockel stand und ganz im Dunkeln lächeln mußte. Das verlassene Mägdlein. Von Eduard M ö r i t e. Früh, wann die Hahne krähn. Eh' die Sternlein verschwinde^, Muß ich am Herde stehn. Muß Feuer zünden. Schön ist der Flammen Schein, Es springen die Funken; Ich schaue so drein. In Leid versunken. Plötzlich da kommt es mir. Treuloser Knabe, Daß ich die Nacht von dir Geträumet habe. Träne auf Träne dann Stürzet hernieder; So kommt der Tag heran — O ging’ er wieder! Oer Bauer im deutschen Mittelatter. Von Johannes Bühler. Aus dem im Insel-Verlag zu Leipzig erschienenen Buche „Das erste Reich der Deutschem Non der Pälkerwanderung bis zur Reformation". Mit 80 Bildtafeln. In diesem Buche lernen wir die politischen und kulturellen Lebensmächie kennen, die eines der glorreichsten Zeitalter der deutschen Bergangen- heit geformt haben. Man hat die Zeit vorn zwölften bis zum vierzehnten Jahrhundert und auch bis zum Ausgang des Mittelalters überhaupt als eine für das deutsche Bauerntum günstige gerühmt. Und in der Tat hatte sich gegen früher das Los der landarbeitenden Bevölkerung in manchem wesentlich gebessert: Der freie Pachtvertrag und die freie Erbleihe für die lieber« nähme herrschaftlicher Grundstücke unter Wahrung der persönlichen Freiheit hatte sich in großem Umfange durchge^etzt, die Abgaben und die Fronarbeiten waren vielfach vermindert worden, die persönliche Abhängigkeit war vor allem dadurch gelockert worden, daß sie teilweise in Geldabgabe umgewandelt worden war, außerdem hatte der an die Scholle Gebundene in wichtigen Menschenrechten, wie zum Beispiel bei der Eheschließung, etwas größere Freiheit erhalten. Aber diese Besserung war nur relativ, die Lage der Bauern blieb das ganze Mittelalter hindurch gedrückt. Es rächte sich dauernd, daß der gemeinfreie Mann bei dem Uebergang von der volksgenofsenfchaftlichen germanischen Verfassung zur monarchischen und aristokratischen des Frankenreiches sich fast nur um seine wirtschaftliche und kaum um seine staatsrechtliche Stellung gekümmert hatte. Als vom zwölften Jahrhundert an die Geldwirtschaft gegenüber der Naturalwirtschaft immer mehr an Bedeutung gewann und der Geldbedarf der Großen für Kriege, Hofhaltung und Regierung stetig wuchs, begünstigten die Abgabenempfänger selbst die Umwandlung von Naturalleistungen für Hörigkeit und Grundzins und von Fronarbeiten in Geldzahlungen, was zunächst zu Erleichterungen für die Grundholden (hörige Leute) und persönlich Unfreien sühne. Sobald sich jedoch die neuen Verhältnisse befestigt hatten und Arbeitskräfte wieder in größerer Zahl vorhanden waren, trieb die Herren ihr Geldhunger erst recht zur Ausbeutung der von ihnen Abhängigen. Gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts begann nach der Abschwä- chung der großen Pestkatastrophen eine neue Uebervölkerung des platten Landes. Auf dem altdeutschen Boden bot sich keine nennenswerte Gelegenheit mehr zu weiterer Urbarmachung, da alles Land besiedelt und die Landesherren und Großgrundbesitzer gegen eine weitere Rodung der Wälder waren. Dazu stand die Kolonisation im Osten still, nachdem die Grenzoolker selbst zu erstarken begannen. Die Städte nahmen wohl immer noch etwas von dem Ucberschuß der bäuerlichen Bevölkerung auf, •aber die Mehrzahl der Zugewanderten blieb nun nach dem Ausbau des Zunftwesens in dürftigen Verhältnissen und vermehrte nur das städtische Proletariat. So erfolgte auf dem platten Lande eine üble Güterzersplitterung, im ganzen Westen Deutschlands besaß der Bauer durchschnittlich nur noch eine Viertelhufe, außerdem wuchs nun auch auf den Dörfern die Zahl der fast oder ganz Besitzlosen. Dabei sank setzt der Wert der landwirtschaftlichen Erzeugnisse; der wachsende Verkehr und Handel hatten ihn nur anfänglich gehoben, später, als Schisse mit Getreide und anderen Agrarprodukten Meere und Flüsie durchzogen, fielen die Preise. Zahlen und fronben aber mußte der Bauer nach wie vor. Ungefähr zu derselben Zeit, da sich das Verhältnis des Unfreien zum Leibherrn und des Grundholden zum Gutsherrn zu lockern begann, fing die Gerichtsherrschast an, auf die Wirtschaft überzugreifen. Seit dem zwölften Jahrhundert verlangte der Gerichtsherr von dem zu seinem Gerichtsbezirk Gehörenden verschiedene Leistungen, auch Frondienste, und beschränkte die persönliche Freiheit und Freizügigkeit seiner Gerichisuntertanen, selbst wenn diese bisher persönlich unabhängig geblieben waren. Als bann aus bcm Gerichtsherrn der Lanbesherr würbe, preßte man zumal in den kleineren Territorien, in ben geistlichen nicht weniger als in den weltlichen, den Bauer aus, soweit es nur möglich war. Die modernen Historiker beurteilen die allgemeine Lage des platten Landes sowohl für die Zeit des Hochmittelalters wie für die des ausgehenden meist viel zu günstig. Es lassen sich freilich ganze Bände mit Scheinzeugnissen für diese angebliche Blüte des Bauerntums füllen. Es gab wirklich einzelne Gebiete, in denen es den Bauern ganz erträglich ging, ferner fehlte es nicht an einzelnen besser gestellten Gruppen der ländlichen Bevölkerung, die als Inhaber von Meier- und Schulzenhöfen sich sogar eines gewissen Wohlstandes erfreuten, und in besonders fruchtbaren Jahren erzielten die Bauern wohl überall für den unmittelbaren Lebensbedarf ausreichende Erträge. Ferner darf man nicht übersehen, aß seit dem zwölften Jahrhundert die materielle Kultur auf allen @e« ieten erhebliche Fortschritte macht« und damit auch bei der Nahrung, Löhnung und Kleidung des Bauern manches Eingang fand, was früher ort unbekannt war. Die Rechtshistoriker weisen auf verschiedene gesetzliche Maßnahmen hin, die der Bedrückung der Bauern entgegenwirken □Uten, auf di« von uns schon erwähnten Erleichterungen und auf die Semlich ausgedehnten Selbstverwaltungsrechte der dörflichen Gemeinden. Schließlich scheinen auch literarische Zeugnisse mit ihren Schilderungen Endlicher Vergnügungen, Schmausereien und Zechereien für ein gewisses Wohlleben der Bauern zu sprechen. AU dies kann indes nicht darüber Hinwegtäuschen, daß die allgemeinen Jerhältnisse, in denen das Landvolk lebte, armselig genug waren. „Der Zauer behielt nicht mehr als den dritten Teil des Ertrages für sich, denn hrta «in Drittel desselben wurde als Zins vom Grundherrn erhoben, on den übrigen sechsundsechzig Prozent hatte er sechs Prozent als Zehnt rt die Kirche abzugeben. Es verblieben daraufhin sechzig Prozent, wovon nn Drittel der Bogt erhielt und zehn Prozent auf die Steuern entfielen" 3. Kulischer). Nun besaß aber der Bauer im größten Teile von Deutsch- □nd infolge der Güterteilungen durchschnittlich kaum mehr als zehn bis fünfzehn Morgen, oft noch weniger. Dazu gelang es bei der damaligen Wirtschaftsweise — Dreifelderwirtschaft mit Brache, ungenügender Dün- ntng, Bearbeitung der vielfach recht klein gewordenen Betriebe oft nur nit Hacken; manchmal taten sich auch mehrere Bauern zum Erwerb eines Zfluges zusammen, meist wurde das Saatgut nicht eingeeggt, und die Sögel fraßen einen Teil davon; statt rationeller Bewirtschaftung verließ nan sich auf Zaubersprüche und fromme Flurgänge — nur einen Bruchei! von dem zu erzielen, was heute auf gleicher Anbaufläche erreicht j>irb. Was besagen der Tatsache gegenüber, daß eine ganze Familie vom teilten Teile des aus solch kleiner Bauernwirtschaft gewonnenen Ertrages !:-ben mußte, die sogenannten hofgenossenschaftlichen, in den SBeriümcrn ausgezeichneten Rechte und die literarischen Zeugnisse, bei denen erst einmal systematisch festzustellen wäre, wie viele sich von ihnen auf die ver- Altnismäßig wenigen für den Bauer günstigen Landesteile und wie der Irrühmte „Meier Heimbrecht" auf gehobene Gruppen beziehen oder nur ler Ausdruck einer den Bauern feindseligen Gesinnung sind? Und wenn ler Bauer, der das Jahr über hungerte und in Lumpen ging, vielleicht r n Festgewand besaß, bas bei feinem Tobe nicht selten als „Todsall" «t die Herrschaft ubgetiefert werden mußte, sich bei Hochzeit und Taufe mb einigen kirchlichen Festen toll und voll aß und trank, sein Vieh bei Mdjen Gelegenheiten schlachtete und seine Vorräte bis auf den letzten fceft vertilgte, so beweist auch dergleichen nicht eben viel für einen blühen- Isn Wohlstand des Bauerntums. Außerdem wurde die Landbevölkerung bei ihrer nichts weniger als /änzenden Lage häufig von furchtbaren Katastrophen heimgesucht, lieber« chwemmung oder Mißernte bedeutete ein Jahr äußerster Not und Ent- l-ljrung; in den zahllosen Fehden und Kriegen wurden die Felder verwert, die Hütten niedergebrannt, die Landleute grausam mißhandelt. . nb war ber Lanbesherr ein Bauernschinder, dann boten weder Gesetze wch uralte Gewohnheiten einen ausreichenden Schutz. Kein Wunder, daß seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts da und fort Unruhen ausbrachen und es schließlich 1525 zum Bauernkrieg kam. Berühmte Reisende schreiben ins Beschwerdebuch... Von Dr. Herbert Schmidt-Lamberg. Es gibt Leute, die meinen, das Beschwerdebuch gehöre dem Witzblatt Öet einer längst verschollenen Zeit an. Wer sich diesem Glauben hin- i bt, ist sehr im Unrecht, denn kluge Gastwirte und Hoteliers haben auch laute noch in allen Kulturstaaten die Gewohnheit, den Zorn ihrer Gäste '3>er diese ober jene vermeintliche Ungerechtigkeit und Nachlässigkeit sich in lihristlichen Ergüssen ablagern zu lassen. Wenn ganz allgemein diese Sitte bftünbe, so dürfte man davon überzeugt sein, daß viele laute und iTianflänbige Lebensarten und Tadelsworte nörgelsüchtiger Besucher und (»■äffe gar nicht zur Welt kämen oder doch in höslicher und mindestens uiiroanbfreier Weise fein säuberlich zu Papier gebracht würden. Es gibt t.tsächlich mehrere Kulturstaaten, in denen das Beschwerdebuch von der holizei obligatorisch eingeführt worden ist und wo die Schimpferei des belftes im Hotel oder Restaurant als Geschäftsschädigung vorn Wirt leElagt werden kann. Diese Staaten sind die Türkei, Bulgarien, Finnland, llhile, Japan, Mexiko und die Südafrikanische Union. Es ist sehr bebauer« Ich, baß sich gerade die großen westeuropäischen und mitteleuropäischen ilullurnationen dieser Sitte noch nicht angeschlosfen haben, da die Nörgel- ftcht mancher Gäste geradezu ins Aschgraue geht. Dafür zeugen nun auch eine Reihe mehr oder weniger humorvolle ^otizen, die Unzufriedene in den Beschwerdebüchern früherer und heutiger --eiten untergebracht haben und von denen wir die besten bekanntgewor- dnen Niederschriften, oft berühmter Leute, wiedergeben wollen. Da treffen wir in den alten Büchern auf eine Notiz von der Hand les berühmt-berüchtigten Fürsten Me t t e r n i ch aus einem römischen Sutel, die folgendermaßen tautet: „Würde ich hier zu befehlen haben, f ließe ich gegen den chef cuisinier ein Verfahren wegen versuchten Anschlages auf die Person des Erftministers eröffnen. An den Spaghetti biinahe erstickt, hinterher am sogenannten jungen Puter einen goldenen Okkzahn zerbrochen. Der Teufel hole solche Garküche/ Für das Tempera- n»nt des großen österreichischen Ministers gewiß ein nicht zu übertreffen« d-s Zeichen. Von der Hand des österreichischen Lyrikers Samberg [fuben wir in Salzburg aus dem Jahre 1843 folgende Notierung in einem sftitelbeschwerdebuch: „Verziehen hab ich, daß das Zimmer kalt, verlachen, daß das Huhn zu Mittag alt — verziehen hab ich, daß um 11 lellosch das Licht, — doch in mein Manuskript gepackt der Lachs: das ncht!" Ueberhaupt prägt sich die Dichtereitelkeit in manchen Beschwerde« chern in sonderbarer Art aus. Uhland schreibt einmal in Straßburg [filgenbe Philippika: „Es regt mich nicht weiter auf, daß die Oberkellner Iwid Marqueurs jenseits des Rheines mich nicht kennen, aber datz he »ich nach ber Vorstellung für einen Weinhändler gleichen Namens hielten, l*« ist toll. Sind alles Schwefelbrüder hier." Vielleicht die älteste Beschwerdebucheintragung ist eine schriftliche Notiz des nach Potsdam reifenden Voltaire im Hotel du Koi Soleil in Nancy: „Die Stadt hat schöne Mädchen, doch kann man nicht ganz drum verzeihen, daß der Siarqueur (Kellner) seine Perücke in der Suppe badet. Auch ist es unverzeihlich, daß noch immer die Salate mit gemeinem Del zubereitet werden, wozu als einzige Entschuldigung gilt, datz man meint, so ein schriftstellernder Weltreifender habe noch niemals deren bessere genossen. Es ist zu hoffen, daß bei meiner Rückreise auch dieser elende Fisch nicht mehr serviert wird, von dem gewiß schon di« vorige Generation gegessen hat, der natürlich nicht ganz so schlecht dabei wurde wie mir gestern mittag. Sonst war aber alles in Ordnung und es wären zwei oder drei Kleinigkeiten für einen courageufen Wirt, das Getadelte zu beheben." Manche englischen und amerikanischen Beschwerdebücher bieten oftmals noch krassere Fälle von giftigen Ergüssen oder derbkomischen Anzapfungen. Da ist beispielsweise vom Trafalgar-Hotel in einer nord- englischen Mittelstadt ein Beschwerdebuch aus dem Jahre 1847 erhalten, in dem man von der Hand eines Sir Eric Harward lieft: „Der Bursch« von Schuhputzer guckt morgens durchs Schlüsselloch und freut sich über den Zorn der Gäste, wenn sie die schlechtgeputzten Schuh« sehen. Diesen Lümmel in den Müllkasten! Das Zimmermädchen erscheint nicht, wenn man die Glocke schwingt oder in die Hände klatscht, wie das ortsfittig. Aber wenn man ihr eine Kußhand hinwirft, und einen Sovereign blinken läßt, da bleibt sie sogar. Der Kellner, der hier oben die Bestellungen entgegennehmen soll, ist schwerhörig und läßt alle Speisen kalt werden, ehe sie heraufkommen. Dieser ist faul und gehört mit der liebeslüfternen Bonn« in den Fluß. Es kommt mir in den Sinn, daß die ganze Wirtschaft nur einem anderen Wirt unter di« Finger kommen möge, um besser dazustehen. Ober ist etwa biefer noch nicht verheiratet? Dann ist die Sache mit einer resoluten Gatkin in Ordnung zu bringen." — Als Welling- t o n in Genua weilt«, wohnte er in der Casa Bianca und hatte dort über Ungeziefer zu klagen. Er trug folgend« grimmigen Sätze in das Beschwerdebuch ein, das man noch heute in dem städtischen Museum dort finden kann: „Scheinen hier mit den Franzosen Übereins zu fein. Haben jedenfalls zäheres Fußvolk und stichficherere Reiterei. Allerdings liebt das Volk hier den heimtückischen Ueberfatt zur Nacht und denkt nicht daran, daß ein alter Soldat ein wenig schlafen muh. Der erst« Eindruck von dieser Stadt werden immer diese nächtlichen Attacken fein; wenn ich Genua einmal im Sturm nehme, lasse ich sämtliche Flöhe erschießen. Die sind gefährlicher als der franzosenfreundlichste Genueser sein kann." Auch Wilhelm II. hat sich in einem deutschen Badeort in das Beschwerdebuch mit folgender Notiz eingetragen: „Ist das eine Erziehung der Leute, wenn ich als Graf B. ankomme und in der nächsten Stunde schreit mich jeder Pikkolo mit Majestät an? Es gibt im Hotel soviel Dinge, die man leise und diskret behandeln muß und ich bitte darum, auch anonyme Monarchen zu diesen Gelegenheiten zu rechnen." — In Brüssel hat Eduard VII., der ja alle Monate einige Tage im kleinen Paris verbrachte, folgende Verse in ein Hotelbeschwerdebuch eingetragen: „Ich möchte gern essen gut und viel. Aber ihr macht aus der Mahlzeit ein frivoles Spiel. Meint ihr denn, daß ein Herrschermagen Könnte zehnmal soviel als ein anderer vertragen? Ein wenig weniger — das wäre mehr. Zeigt im kleinen, was ihr könnt, mir her." Nach dem großen Kriege ist ja das Beschwerdebuch fast in Vergessenheit geraten mit Ausnahme von jenen Staaten, die wir oben anführten. Als der Schriftsteller Hans Heinz Ewers auf einer Dftafienreife diese Entdeckung von der obligatorischen Anwendung des Beschwerdebuches hörte, schrieb er in Tokio in ein dort aufliegendes Heft in deutscher Sprache: „Müßt bei uns doch auch ein jeder: strafbar ist das barsch Gezeter. Denn des Richters Arm, der trifft dich! Glücklich Land: du schimpfst nur schriftlich." Als Bernard Shaw in Bangkok sich von den Nuhmesmanifestationen einer Riesenmenge, die vor sein Hotel gekommen war, nicht freimachen konnte, ließ er sich das Beschwerdebuch bringen und schrieb hinein: „Das kann man euch nicht verdenken, daß ihr einen wildgewordenen Europäer anftaunt, wie wir in unseren Zoologischen Gärten eure weihen Elefanten. Ader bitte tut mir einen Gefallen und denkt an die Tafel, die wir auch als Schutz für eure Elefanten anbringen: ,Das Füttern mit ungeeigneten Gegenständen ist verboten. Das Tier ist dem Schutze des Publikums empfohlen!'" — Und Lacoste, der vielgenannte französische Tennismeister, machte in Nizza sogar den Anfang mit einem neuen Beschwerdebuchs in das er auf die erste Seite folgende Zeilen eintrug: „Wie der gute Spieler auf dem Tennisplatz, so soll der Gast eine Beschwerde elegant und zielsicher seinem Gegner, dem Wirt, zuwerfen. Dieser soll sie in aller Ruhe auffangen, parieren und in vollendeter Weise zurückgeben. An der Art wie der Ball geworfen wird, sieht man, mit wem man zu spielen hat, und bei den schriftlichen Notizen kann man vermeiden, daß es zu Differenzen über einen Streitfall kommt." Man sieht, daß eine Wiedereinführung des Beschwerdebuches vielleicht auf Interesse stoßen würde, und daß der Wirt und Unternehmer besser als bisher über die wahre Denkart seiner Gäste sich orientieren könnte. Zum Schluß wollen wir einen denkwürdigen Fall aus Sao Paulo erzählen, der sich im Jahre 1922 zugetragen hat. Ein Defraudant war von Lima herübergekommen und nahm in einem ersten Hotel der Stadt Wohnung. Am zweiten Tage ließ er sich das Beschwerdebuch kommen und trug folgende Zeiten ein: „Warum die dumme Pute von Zimmermädchen meine Sachen heute morgen nachgewühlt hat? Ob sie meint, daß, vorausgesetzt, ich wäre ein Betrüger, ich meine Angelegenheiten derart unvorsichtig behandelte, daß sie mit einem einfachen Nachschnüffeln etwas finden würde? So dumm würde ich nie fein..." Am folgenden Tage kam eine Kriminalstreife in das Hotel und hatte an den Meldungen und Pässen der Gäste nichts auszusetzen. Der Defraudant schien schon gerettet. Da kam es einem Kriminalkommissar durch Zufall in den Kopf, einmal im Beschwerdebuch zu blättern und natürlich interessierten ihn diese Zeilen über den Vorfall mit dem Zimmermädchen. Die temperamentvolle Art, in der der Fremde den Verdacht der Dummheit zurückwies, lenkte erst die Aufmerksamkeit auf ihn. Man beobachtete ihn und ... am nächsten Morgen wurde er verhaftet. Auch ein Erfolg des Peschwerdebuches. pav'a. Volksweise. $)err (Borg von Fronsperg, Herr Görg von Fronsperg Der hat die Schlacht vor Bavia gewannen. Gewannen hat er die Schlacht vor Bavia in eim Tiergart, In neunthalben Stunden gewannen Land und Leut. Der König aus Frankreich, Der König aus Frankreich Der hat die Schlacht vor Bavia verloren. Verloren hat er die Schlacht vor Bavia in eim Tiergart, In neunthalben Stunden verlor er Land und Leut. Nun grüß dich Gott, du Königstöchterlein im ganzen Frankenreich! Euerm Vater hab ich abgewunnen in neunthalben Stunden Land und Leut. Ich Habs gewagt frisch unverzagt, Ich Habs gewagt frisch unverzagt, . n , Euerm Vater hab ich abgewunnen in neunthalbsn Stunden Land und Leut. Im Blut mußten wir gähn, Im Blut mußten wir gähn Bis über bis über die Schuch: Barmherziger Gott, erkenn die Not! Barmherziger Gott, erkenn die Not! Wir müssen sonst verderben also. Lärmen lärmen lärmen Lärmen lärmen lärmen Tat uns die Trummel und die Pfeifen sprechen! Her her her! ihr frommen deutschen Landsknecht gut! Laßt uns in die Schlachtordnung ftahn. Laßt uns in die Schlachtordnung ftahn, Bis daß die Hauptleut sprechen: Jetzt wollen wirs greifen an! Reiter zum Pferd, Sattel und Zaum! Der Feind der ist vorhanden. Oie Versuchung des Pescara. Novelle von Conrad Ferdinand Meyer. (Schluß.) „Zwei Stimmen gegen eine, denn so lautet auch meine Meinung", entschied Pescara. Moncada schwieg mit verschlungenen Armen, Leyva, dessen große Narb« sich mit Blut zu füllen schien, zerrte den Schnurrbart, Bourbon aber erhob sich, bot Franz Sforza den Arm und geleitete ihn aus dem Saale. Draußen stieß er mit Del Guasto zusammen, der ihm zuslüsterte, es sei befremdend: die Truppen Leyvas zögen sich gegen den Palast. Bourbon runzelte die Stirn. „Beobachtet und berichtet!" gebot er. Del Guasto wollte enteilen, rief aber zurück: „Noch eins: ich höre, Donna Viktoria sei am Tore angelangt und verlange nach dem Feldherrn." Da Bourbon in den Saal zurücktrat, forderte eben Leyva den Kerker, die Folter und, nach vervollständigtem Bekenntnisse, Block und Beil für den erbleichenden Marone. „Auf die Folter!" stöhnte dieser. „Wenn ihr mich windet wie ein Tuch, so werdet ihr nichts anderes als Blut und Schweiß aus mir herauspressen. Ich habe mich vor dem Feldherrn ausgebeichtet. Du bist nicht grausam, Pescara!" „Pfui, Leyva", rief Bourbon, sich wieder in den Kreis setzend. „Will sich der Herr an den Zuckungen dieses närrischen Gesichtes ergötzen? Das leide ich nicht. Ich lasse mir meinen Marone nicht verdrehen. Zittre nicht, Girolamo! Dir wird kein Haar gekrümmt: du wirst mein Schreiber. Mein gnädiges Urteil lautet: Girolamo sitze in seinem Hause, und man bewache ihn, bis ich mir ihn vom Kaiser werde erbeten haben." „Mir scheint, das genügt", entschied der Feldherr. „Marone hat gestanden vor drei glaubwürdigen Zeugen, deren einer ich selber bin. Keine unnütze Marter, sondern sichere Haft. Zwei Stimmen gegen eine. Nehmet ihn, Hoheit. Mir ahnt, daß Girolamo Morone sich noch einmal umwandelt und in kaiserliche Dienste tritt." Da schrie Morone unklug vor Freude über das geschenkte Leben und die erlassene Folter: „Pescara, ohne dich kein Italien! Das ist vorbei. Mach' mit mir, was du willst. Ich bin das Geschöpf deiner Großmut und Güte... Und wenn noch weiter geredet werden soll, so erfahret, Herrschaften, und darin ist alles andere enthalten: die Liga ist dem Kopfe der Heiligkeit entsprungen, wie Athene der Stirne des Zeus..." Seine Zunge stand plötzlich still, da er neben sich einen ansehnlichen Mann im Reisekleid gewahrte, der eben eingetreten war. Dann rief er: „Das weih niemand besser als der da!" Es war Guicciardin, dessen Blicke neugierig im Kreise umliefen, endlich aber unverwandt auf dem Antlitze des Pescara haften blieben. „Ich störe, Erlaucht?" sagte er. „Doch ich werde mich kurz fassen. Ich komme mit Eilpost von der Heiligkeit, die diesmal besser einen andern geschickt hätte. Die Heiligkeit läßt Erlaucht wissen, sie habe auf die erste Kunde der eröffneten Feindseligkeiten einen ihrer Vertrautesten nach Madrid gesendet, den Kaiser zu unterrichten, daß sie dem Bündnis der italienischen Staaten fremd geblieben ist. Eine heilige Liga existiert nicht. Der oberste Hirte schaudert vor dem Schwert." „Halleluja!" rief der Kanzler, den die Lebensfreude berauscht und völlig toll gemacht zu haben schien, der Feldherr aber entgegnete: „Wie, Guicciardin? Eben hat Morone an den Tag gebracht, daß die Liga das Werk der Heiligkeit ist. Was ist Wahrheit?" „Beides", versetzte Guicciardin. „Mein Auftrag ist ausgerichtet und damit gut." Er verbeugte sich und verließ den Saal, aber Bourbon, in den der Satan fuhr, rief dem Gesandten des Papstes nach: „Florentiner, sage deinem Herrn, ich werde nach Rom kommen, seiner Wahrhaftigkeit den Pantoffel zu küssen, mit lauter Lutheranern und Marranen, und nachts will ich meine brennende Kerze umwerfen, daß der Heiligkeit ein Licht aufgehe!" Die Lache, die der Unselige aufschlug, scholl gellend wider aus der Kuppelwölbung und aus den Ecken des Saales wie aus dem Munde schadenfroher Dämonen, so daß Guicciardin erschreckend umblickte. Der Feldherr wies nun auch den Kanzler mit seiner Wache weg, sei es, daß er es für unziemlich hielt, das Haupt der Christenheit preiszugeben, oder er war der menschlichen Komödie müde. Da sich Guicciardin und der Kanzler draußen zusammensanden, fragte jener: „Man führt dich zum Blocke?" „Bewahre!" . „Durchgeschlüpft? Unvergleichlicher! Doch wie begab es sich In Novara?" „Oh, ich kam auf den Esel zu sitzen ... Dieser Pescara ist das Rätsel der Sphinx ..." t. „Das ich errate, Kanzler, aus seinem Antlitz. Es tragt dl« hippokratischen Züge, und ich werde vielleicht der Heiligkeit eine Todesnachricht zu bringen haben. Erinnerst du dich noch, Girolamo, was ich dir in den vatikanischen Gärten sagte, von einem möglichen letzten Hindernis in der Brust Pescaras? Wenn ich wörtlich wahr geredet? Wenn der Feldherr bei Pavia den Tod empfing und ihn verheimlicht hat? Wenn wir einen nicht mehr Derfuchbaren in Versuchung führten?" Der Kanzler schlug sich vor die Stirn: „Du sagst es, Guicciardin! Aehnliches, das ich damals nicht verstand, hat mir der Arzt des Feldherrn, Messer Ruma Dati, in Novara angedeutet." „Also die Wahrheit", schloß der Florentiner. „Nicht Pescara trog. Wir selbst haben uns betrogen. O Weisheit der Menschen!" Mit dieser Betrachtung fchieden die beiden. . In dem Thronsaal herrschte ein« unheimliche Luft. Die drei Feldherrn und der bei ihnen zurückgebliebene Moncada standen in weiten Entfernungen. Pescara, völlig entkräftet, wie es schien, hatte sich auf den über den Thron ausgebreitete Goldbrokat geworfen. Bläffe bedeckte fein Gesicht, die Brust arbeitete. Bourbon maß den Saal in leichtfertigem Tanzfchritt, während er Moncada scharf beobachtete. Dieser, in einer Fensterbrüstung lehnend, winkte aus einer andern Leyva zu sich und flüsterte ihm ins Ohr: „Es ist Zeit. Er hat sich enthüllt. Tot oder lebendig ..." ,, _ „ Jetzt rief auch Pescara den Herzog. „Setze dich neben mich, Karl, keuchte er leise. „Führst du Papier und Stift?" „Um Gottes willen, Ferdinand, merkst du nichts? Du bist bedroht! Di« beiden flüstern. Leyva ist verdächtig. Sie wollen dich verhaften!" „Führst du Papier und Stift?" wiederholte der Feldherr. Der Herzog gab sie. Nach ein paar Zügen sagte Pescara: „Meine Hand zittert, schreibe '„Ferdinand, bist du blind? Siehst du nicht, wie Moncada sich regt?' „Er wird mich nicht erreichen", sagte der Feldherr und diktierte mit gepreßter Stimme: „An die Majestät des Kaisers. Erhabener Herr, Mailand ist Euer. Pescara hält Treue bis zum letzten Atemzug. Lohnet sie ihm mit drei Erfüllungen ..." ,Ich beschwöre dich, Ferdinand! Er kommt auf dich zu! Ermanne dich! Wir fechten... Ich rufe die Wachen..." Bourbon wollte auffpringen, Pescara aber hielt ihn fest: „Schreibe! Er erreicht mich nicht, fage ich dir. Wo bist du? ... mit drei Erfüllungen: Majestät schütze Sforza! Ma,e- ftät begnadige Morone! Majestät gebe mein Kommando dem Konne- tabel..." „Er steht wenige Schritte vor dir! Zieh! Wo hast du deinen Degen t „Ich vergieße kein Blut mehr..." Pescara unterzeichnete, und der Stift entglitt seiner Hand. Mit einem schwachen Schrei und erlöschenden Augen sank er in die Anne seines Freundes. Moncada, der jetzt ganz nahe getreten war, stand bestürzt. „Was l|i dem Feldherrn?" fragte er, und ihn betrachtend: „Verschieden?" „Geschieden!" weinte der Herzog. „Ein Herzschlag. Der Feldzug hat ihn getötet", sagte Moncada uns hob das Papier auf, das an den Boden gefallen war. Er las, uni) bei der dritten Bitte angelangt, stand er sinnend. Dann übergab er, ohne die Miene zu ändern, das Papier dem Herzog mit den Worten: „Wir ehren seinen letzten Willen. Hoheit hat das Kommando. Hoheit befehle. Bourbon erschien als ein Heimatloser und Entwerteter dem Sohne Ferdinands des Katholischen ungefährlich und war, ohne Pescara, ouM Leyva minder verhaßt, denn um die Gunst des großen Feldherrn halle diefer den Konnetabel beneidet. Karl Bourbon winkte sie weg und bettete Pescara auf den Goio- brotat. Der Palast war ganz stille geworden, und selbst die Wachen an den Toren schritten leise, in der Meinung, der Feldherr halte zu dieser Stunde Siesta, wie seine Gewohnheit war. Auch der Herzog, das geliebte Haupt im Schoße haltend, versank in einen Mitlagstraurn, er vergaß das tragische Los des Toten und das eigene aus Ruhm und Schmach gefloall tene, er empfand nur einen dumpfen Schmerz über den Verlust des einzigen Freundes. .« Stimmen erschollen vor der Saalpforte. „Nein, Madonna, er rupt verbot Del Guasto, und Viktoria rief durchdringend: „Weiche, Böser! äM will zu ihm!" Bourbon vernahm nahende Schritte, er wendete nicht einma das Haupt. Er legte den Finger an den Mund und flüsterte: „Lei! . Madonna! Der Feldherr schlummert." ... . Viktoria trat zu dem Gatten. Pescara lag ungeroaffnet und ungerum auf dem goldenen Bette des gesunkenen Thronhimmels. Der starke IW-, in [einen Zügen hatte sich gelöst, und die Haare waren ihm über d> Stirn gefallen. So glich er einem jungen, magern, von der Ernte erschöpfte» und auf seiner Garbe schlafenden Schnitter. , Verantwortlich: l)r. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche UniversitätS-Buch- und Stetndruckerei. R. Lange, Gießen.