GietzenerKmüienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Irhrgang 193| Donnerstag, den 24. Dezember Nummer 10 A ------- \ Legende vom Christkind. Volksweise. Als Gott der Herr geboren war, Da war es kalt. Was steht Maria am Wege stehn? Ein Feigenbaum. Maria laß du die Feigen noch stehn, Wir haben noch dreißig Meilen zu gehn, Es wird uns spät. Und als Maria ins Städilein kam Vor eine Tür, Da sprach sie zu dem Bäuerlein: Behalt uns hier, Wohl um das kleine Kindelein, Es möcht dich wahrlich sonst gereun, Die Nacht ist kalt. Der Bauer sprach von Herzen ja, Geht in den Stall! Als nun die halbe Mitternacht kam, Stand auf der Mann: Wo seid ihr dann, ihr armen Leut? Daß ihr noch nicht erfroren seid, Das wundert mich. Der Bauer ging da wieder ins Haus, Wohl aus der Scheuer. Steh auf, mein Weib, mein liebes Weib, Und mach ein Feuer, Und mach ein gutes Feuerlein, Daß diese armen Leuielein Erwärmen sich. Und als Maria ins Haus hin kam, Da war sie froh. Joseph Der war ein frommer Mann, Sein Säcklein holt: Er nimmt heraus ein Kesselein, Das Kind töt ein bißchen Schnee hinein. Und das fei Mehl. Es tat ein wenig Eis hinein, Und das fei Zucker, Es tat ein wenig Wasser drein, Und das fei Milch: Sie hingen den Kessel übern Herd, An einen Haken, ohne Beschwerd Das Müslein kocht. Ein Löffel schnitzt der fromme Mann Von einem Span, Der ward von lauter Helsenbein Und Diamant, Maria gab dem Kind den Brei, Da sah man, daß es Jesus sei Unter seinen Augen. Oie heilige Nacht. Legende von Selma L a g e r l ü f. Copyright 1931 by I. L. A. Wien. Es war einmal ein Mann, der in die dunkle Nacht hinausging, um sich Feuer zu leihen. Er ging von Haus zu Haus und klopfte an. „Ihr lieben Leute, helft mir!" sagte er. „Mein Weib hat eben ein Kindlein geboren, und ich muß Feuer anzünden, um sie und den Kleinen zu erwärmen." Aber es war tiefe Nacht, so daß alle Menschen schliefen, und memand antwortete ihm. ~ Der Mann ging und ging. Endlich erblickte er in weiter tferne einen Feuerschein. Da wanderte er dieser Richtung zu und sah, daß das Feuer >m Freien brannte. Eine Menge weiße Schafe lagen rings um das Feuer und schliefen, und ein alter Hirt wachte über der Herde. Als der Mann, der Feuer leihen wollte, zu den Schafen kam, fahler, daß drei große Hunde zu Füßen des Hirten ruhten und schliefen, cie erwachten alle drei bei seinem Kommen und sperrten ihre weiten Rachen auf, als ob sie bellen wollten, aber man vernahm keinen Laut. Der Mann sah, daß sich die Haare auf ihrem Rücken sträubten, er sah, wie ihre scharfen Zähne funkelnd weiß im Feuerfchein leuchteten, und wie sie auf ihn losstürzten. Er fühlte, daß einer von ihnen nach seinen Beinen schnappte und einer nach seiner Hand, und daß einer sich an seine Kehle hängte. Aber die Kinnladen und die Zähne, mit denen die Hunde beißen wollten, gehorchten ihnen nicht, und der Mann litt nicht den kleinsten Schaden. Nun wollte der Mann weitergehen, um das zu finden, was er brauchte. Aber die Schafe lagen so dicht nebeneinander, Rücken an Rücken, daß er nicht vorwärts kommen konnte. Da stieg der Mann auf die Rücken der Tiere und wanderte über sie hin dem Feuer zu. Und keins von den Tieren wachte auf oder regte sich. Als der Mann fast beim Feuer angelangt war, sah der Hirt auf. Es war ein alter, mürrischer Mann, der unwirsch und hart gegen alle Menschen war. Und als er einen Fremden kommen sah, griff er nach einem langen, spitzigen Stabe, den er in der Hand zu halten pflegte, wenn er "eine Herde hütete, und warf ihn nach ihm. Und der Stab fuhr zischend gerade auf den Mann los, aber ehe er ihn traf, wich er zur Seite und auste, an ihm vorbei, weit über das Feld. Nun kam der Mann zu dem Hirten und sagte zu ihm: „Guter Freund, hilf mir, und leih mir ein wenig Feuer. Mein Weib hat eben ein Kind- lein geboren, und ich muß Feuer machen, um sie und den Kleinen zu erwärmen." Der Hirt hätte am liebsten nein gesagt, aber als er daran dachte, daß die Hunde dem Manne nicht hatten schaden können, daß die Schafe nicht vor ihm davon gelaufen waren und daß sein Stab ihn nicht fällen wollte, da wurde ihm ein wenig bange, und er wagte es nicht, dem Fremden das abzuschlagen, was er begehrte. „Nimm, soviel du brauchst", sagte er zu dem Manne. Aber das Feuer war beinahe ausgebrannt. Es waren keine Scheite und zweige mehr übrig, sondern nur ein großer Gluthausen, und der Fremde hatte weder Schaufel noch Eimer, worin er die roten Kohlen hätte tragen können. Als der Hirt dies sah, sagte er abermals: „Nimm, soviel du brauchst!" Und er freute sich, daß der Mann kein Feuer wegtragen konnte. Aber der Mann beugte sich hinunter, holte die Kohlen mit bloßen Händen aus der Asche und legte sie in seinen Mantel. Und weder versengten die Kohlen seine Hände, als er sie berührte, noch versengten sie seinen Mantel, sondern der Mann trug sie fort, als wenn es Nüsse ober Aepfel gewesen wären. Als dieser Hirt, der ein so böser, mürrischer Mann war, dies alles sah, begann er sich bei sich selbst zu wundern: „Was kann dies für eine Nacht fein, wo die Hunde die Schafe nicht beißen, die Schafe nicht erschrecken, die Lanze nicht tötet und das Feuer nicht brennt?" Er rief den Fremden zurück und sagte zu ihm: „Was ist dies für eine Nacht? Und woher kommt es, daß alle Dinge dir Barmherzigkeit zeigen?" Da sagte der Mann: „Ich kann es dir nicht sagen, wenn du selber es nicht siehst." Und er wollte seiner Wege gehen, um bald ein Fetter cmziin- den und Weib und Kind wärmen zu können. Aber da dachte der Hirt, er wolle den Mann nicht ganz aus dem Gesicht verlieren, bevor er erfahren hätte, was dies alles bedeute. Er stand auf und ging ihm nach, bis er dorthin kam, wo der Fremde daheim war. Da sah der Hirt, daß der Mann nicht einmal eine Hütte hatte, um darin zu wohnen, sondern er hatte sein Weib und sein Kind in einer Berggrvtte liegen, wo es nichts gab als nackte, kalte Steinwände. Aber der Hirt dachte, daß das arme unschuldige Kindlein vielleicht dort in der Grotte erfrieren würde, und obgleich er ein harter Mann war, wurde er davon doch ergriffen und beschloß, dem Kinde zu helfen. Und er löste sein Ränzel von der Schulter und nahm daraus ein weiches, weißes Schaffell hervor. Das gab er dem fremden Manne und sagte, er möge das Kind darauf betten. Aber in demselben Augenblick, in dem er zeigte, daß auch er barmherzig jein konnte, wurden ihm die Augen geöffnet, und er sah, was er vorher nicht hatte sehen, und hörte, was er vorher nicht hatte hören können. Er sah, daß rund um ihn ein dichter Kreis von kleinen, silberbeflügelten Englein stand. Und jedes von ihnen hielt ein Saitenspiel in der Hand, und alle sangen sie mit lauter Stimme,^daß in dieser Nacht der Heiland geboren wäre, der die Welt von ihren Sünden erlösen solle. Da begriff er, warum in dieser Nacht alle Dinge so froh waren, daß sie niemand etwas zuleide tun wollten. Und nicht nur rings um den Hirten waren Engel, sondern er sah sie überall. Sie saßen in der Grotte, und sie saßen auf dem Berge, und sie flogen unter dem Himmel. Sie kamen in großen Scharen über den Weg gegangen, und wie sie vorbeikamen, blieben sie stehen und warfen einen Blick auf das Kind. Es herrschte eitel Jubel und Freude und Singen und Spiel, und das alles sah er in der dunklen Nacht, in der er früher nichts zu gewahren vermocht hatte. Und er wurde so froh, daß seine Augen geöffnet waren, ! daß er aus die Knie fiel und Gott dankte. Weihna^ien. Don Joseph von Eichendorfs. Markt und Straßen stehn verlassen, still erleuchtet jedes Haus; sinnend geh' ich durch die Gassen, alles sieht so festlich aus. An den Fenstern haben Frauen buntes Spielzeug fromm geschmückt, tausend Kindlein stehn und schauen, sind so wunderstill beglückt. Und ich wandrc aus den Mauern bis hinaus ins freie Feld. Hehres Glänzen, heil'ges Schauern, wie so weit und still die Welt! Sterne hoch die Kreise schlingen, aus des Schnees Einsamkeit steigt's wie wunderbares Singen. — Oh, du gnadenreiche Zeit! Vergessene Schuld. Weihnachtserzählung von Wilhelm von Scholz. Copyright 1931 by I. L. A. Wien. Was wollt ihr denn heute am Weihnachtsabend, oder richtiger schon ! in der Weihnacht selbst, noch etwas Gruseliges hören! Es ist sehr spät geworden. Wir wollen schlafen gehen. Wind hat sich ausgemacht und fährt wild über die Dächer. Er wird uns nicht einschlafen lassen, wenn wir jetzt noch eine Geschichte zum Gruseln erzählen. Aber weiser Rat wird ja nicht angenommen und befolgt. Man hatte an diesem Weihnachtsabend aus dem Lukas-Evangelium Ehristi Geburt gehört, ein paar alte schöne Weihnachtslcgenden erzählt und dann den „Gleitenden Purpur" von Conrad Ferdinand Meyer vor- geiragen. Das Wunder der Weihnacht, in der alljährlich das Licht nach kurzer atmender Raft sich durch den erst anhebenden dunklen Winter emporzuringen beginnt, hatte uns alle ubcrschauert. Es war schließlich zu verstehen, daß man nun etwas Wunderbares vernehmen wollte, etwas, das die Müdigkeit noch einmal bannte, ehe man vom warmen Punsch aufbrach und zu Bette ging. So hört denn zu! Es ist eine wahre Geschichte und wird euch deshalb vielleicht nicht gruselig genug sein. Denn die richtigen Gruselgeschichten sind alle erfunden und erdichtet. Ich hatte einen Freund aus jungen Jahren, schon von der Klippschulzeit her, der nachher auch mit mir in Marburg studierte. Kennt ihr Marburg? Es ist so vollendet die kleine urheimliche deutsche Universitätsstadt mit Berggassen, Giebeln, Spitzdächern, Flieder, weitem Blick ins Land, Mädchen und Studenten, daß man, wenn man in der Dämmerung drin herumläust, sich immer wieder überzeugen muß, ob es auch wirklich Wirklichkeit ist und nicht Märchen oder ein Bild, in dessen gemalte Tiefe man arglos hineingeraten. Da studierten wir. Mein Freund wollte auch gelegentlich, wenn er dazu Zeit finden würde, im Archiv eines benachbarten Schlosses, das vor 100 Jahren seiner Familie gehört hatte, nach etwa noch vorhandenen Urkunden und Briefen seines Urgroßvaters suchen; aber natürlich nur so nebenbei, neben dem vielen Wichtigeren, das ein Student zu tun hat. Wir waren froh und guter Dinge, sogen blaue Himmelsluft und blauen Pseifenrauch, den abendlichen Dust des Flieders, Mondschein und Küsse in unsere junge Seele — bis mir an meinem Freunde eine Verstimmung ausfiel, die ich mir nicht erklären konnte. Als ich aufmerkie, war mir, als liege der Beginn seines Trübwerdens schon einige Zeit zurück — hatte ich es nicht beachtet, weil mich eine kleine Liebschaft beschäftigte und von dem Studiengenossen abzog? Als ich Eduard schließlich geradezu fragte, was ihm sei, wich er lange aus. Erst auf heftigeres Drängen bekannte er, daß ihn ein sich wiederholender unangenehmer Traum quälte. Das Merkwürdige an diesem Traum sei nicht nur, daß er, Eduard, in den letzten Wochen schon etwa dreimal völlig das gleiche geträumt habe, sondern daß er — obwohl er bisher nichts davon wußte — sich nun erinnere, schon als Knabe dasselbe geträumt zu haben. „Es ist kurios, ich gehe als ein junger Mensch, etwa in unserem Alter, aber in einer Kleidung, wie man sic heute nirgends mehr sieht, einen Gartenzaun entlang und trage eine undeutliche, aber blanke Waffe in der Hand Am Ende des Zaunes, wo eine Laube von innen ihr Blattgerank über das Staket hängen läßt, steht ein. anderer, den ich in dem Traum viel deutlicher sehe als mich. Er funkelt mich zornigen Auges an. Mein Herz schlägt wild, und in seinem Pulsen überkommt mich ein glühendes, beglückendes Liebesgefühl, wie ich es, das kann ich dir versichern, noch keiner unserer hiesigen Blondinen und Brünetten gegenüber, überhaupt noch nie im Wachen empfunden habe. Ich weih, sie wartet unsichtbar in der Laube auf den Sieger. Da fällt mich auch der andere schon besinnungslos an, stürzt in meine nur eben erhobene Klinge und versinkt ins Dunkel. Ich fühle mit jäher Angst, daß. selbst wenn ich als Täter verborgen bleibe oder man meine Tat als Duell glimpflich beurteilen wird, dieser Augenblick über meinem ganzen künftigen Leben als schwerer Seelendruck liegen und meine Liebe zu der so blutig errungenen Frau ewig überbüftern und überdunkeln wird. Damit wache ich auf. So wiederholt es sich." Mein gutes Zureden, mit dem ich das alte Sprichwort „Träume — Schäume" abwandelte, schien ihn wieder heiterer zu stimmen. Bald darauf kam Eduards fehr beschäftigter Baler, den Sohn auf einen Tag zu besuchen. Ich hielt mich zurück, da der Vater, wie ich wußte, vielerlei Familien- und Vermögensdinge mit Eduard bereden wollte, wobei ich nicht stören durfte. Am nächsten Tage berichtete mir mein Freund, er hätte auch seinem Vater beiläufig von den quälenden Vorstellungen erzählt. Sein Vater habe erst in Öen mit gebrachten Papieren ruhig weitergeblättert und anscheinend kaum zugehört, sei plötzlich aber erschreckt ausgesahren, blaß habe er den Sohn angestarrt und erwidert: „Auch ich bin in beinern Alter von diesem Traum verfolgt worden und dein Onkel Theodor, mein jüngerer Bruder, auch!" Diese Wiederkehr eines zwanghaften, sich gleichbleibenden Geschehens in der Schlasseele mehrerer männlicher Mitglieder ein und derselben Familie würde nur eine Kuriosität mehr sein in der Zahl der vielen vorkommenden Unerklärlichkeiten, die uns, eben weil sie unerklärlich sind, nicht weiterbringen. Aber hier schimmerte, wenn auch keine Erklärung, zuletzt doch ein Stückchen Zusammenhang — wie eine da und dort ausglitzernde Flußschleife in hochbegrastem grünen Wiesenial — aus der Vergangenheit her. Eduard war den Traum um Burschenleben glücklich losgeworden. Er kam endlich, ein volles Jahr nach dem Besuche seines Vaters, beim Herannahen des Abschieds von Marburg und dessen Wissens- und sonstigen Schätzen, die sich meinem Freunde inzwischen erschlossen hatten, dazu, noch auf das Gut hinauszufahren, das einst dem Urgroßvater gehört hatte. Ich begleitete Eduard und durchstöberte mit ihm alte, umschnürte Packen von Kaufverträgen, Testamenten, Familienaufzeichnungen; denen ein unbeholfen gezeichneter Stammbaum angehestet war, gebündelte Jahresabrechnungen des Gutes und in ausgestorbenen zierlichen Handschriften geschriebene Briese. Ss war viel mehr Stoff, als mein Freund je vermutet hatte, und viel mehr, als in der uns noch bleibenden Zeit auch nur zu registrieren gewesen wäre. Wir beschlossen, das ans Licht Gehobene unerforscht der ' ©rabfammer im Archiv wieder zurückzugeben, als mein Freund mir einen Brief in der zarten verschnörkelten Handschrift, die, wie wir sestgestellt hatten, die seiner Urgroßmutter war, mit einem zugleich fragenden und hinweisenden Blick und einer fast erschrockenen Gebärde herreichte. Der Brief war aus dem Jahre 1813. Mein Freund wies auf eine Stelle der zweiten Seite. Ich las in den braun gewordenen, in das vergilbte Velinpapier eingesaugten und eingetrockneten Buchstaben, die doch so lebendig sich zu Worten eines leidenschaftlichen Herzens zusammen- schlofsen, als schlüge dies Herz noch jung und nah: „... ich beschwöre Dich, geliebter Mann, suche nicht mehr um Deiner, unserer Schuld willen den Tod! Verlaß mich nicht! Ich hieß es mit schwerem Kummer, um Deine Seele zu entlasten, um Dein Gewissen zu befreien, gut, daß Du Dich ihm stellen wolltest, damit, wie Du sagtest, Gott leicht hätte. Dir zu vergeben oder Dich zu strafen. Nun mußt Du aber wissen, daß Du ein Kind haben wirst. Ist es da nicht tapferer und besser, mit des Allmächtigen Hilfe auszuharren und auch ein verdunkeltes Leben auf sich zu nehmen? Und ist Zweikampf, wenn auch —“ Hier war das Blatt — wie es schien, absichtlich — abgerissen. Der Rest fehlte. Trug das Geschlecht eine verborgene lastende Schuld seiner Ureltern schwer im Blute weiter und war verurteilt, sie im Traum immer neu zu durchleben und auf sich zu laden? Das He lige Lanv in der Heimat. Krippen und Krippenfiguren. Von Wilhelm H a u f e n ft e l n. Immer und immer wieder ist Ursache, von der schönen Krippenjamm- lung zu sprechen, die im Münchner Nationalmuseum an der Prinz- rcgentenstraße aufgestellt ist. Von diesen köstlichen Dingen, die dem Eifer des Sammlers Sch niederer verdankt werden, ist viel die Rede; aber merkwürdig: so oft man in den Oberstock des Museums hinauskommt — nicht immer findet man Beschauer. Wahr ist: es fehlt dort oben einigermaßen an Wärme. Ader wenn man von außen her auch ein wenig friert, das Herz wird warm, so oft es diese reizenden Figuren und Gruppen und Raumbilder spiegelt, und wo das Gemüt nicht fröstelt, da kann die Haut es aushalten ... Die Krippen dort oben haben eine fünffache Kraft, aus der sie uns das innerste Behagen schenken. Sie reden von Weihnachten und von diesen Dingen jo, wie man zu Kindern redet — und also sprechen sie in uns das Beste an: das Ewig-Kindliche des Menschen. Dies ist das Zweite. Sie reden von den frommen Dingen aber auch mit der Vollendung der Kunst, und also sättigen sie den Anspruch der Erwachsenen, ja der in den Künsten geschulten auf eine vollkommene Form. Dies ist das Dritte. Das vierte ist dies: die Krippen haben die heiligen Geschichten in den Begriff der Heimat übersetzt; sie haben die heiligen Geschichten zu uns hergetra- gen — nach dem Norden, her zu uns nach Deutschland, nach Bayern zumal, in die Alpenländer, denen mir durch Geburt oder Wahl verbunden sind. Und das Fünfte: die Krippen begünstigen auch die Luft der Phantasie, begünstigen das Reifen-Wollen der Einbildungskraft, reden zauberisch von fremden Ländern, in denen es Palmen und Mohren und Kamele gibt und einen ewigen Frühling; die Krippen erzählen, wie sie von den Alpenländern melden, auch vom Neapler Golf, von den Paradiesen des mittelmeerländischen Südens. Kann etwas vollständiger (ein? Wenn hier nun wieder einmal von den Krippen gesprochen wird, so kommt noch ein besonderer Grund dazu. Nämlich dieser: es gibt zwei schöne Veröffentlichungen zur Krippenkunst. Die eine rührt von Rudolf Berliner her, dem ausgezeichneten Kunstpfleger am Münchner Nationalmuseum, und bringt in fortlaufendem Erscheinen gute Abbildungen gerade des Münchner Bestandes an Krippen. Die andere ist eine Arbeit des Dichters Leo Weismantel, der feinen Heimatboden kennt und liebt. Weismantel hat da ein wahres Lehrbuch der Geheimnisse des Krip- penkünstlers geschrieben. Er macht uns wissen, wie die Krippen entstehen: die einsachen und bescheidenen Flachkrippen voran, dann die schwierigeren und kostbareren Bildnerkrippen, die plastisch dastehen. Der ganze Arbeitsvorgang wird von einem Mann erklärt, der im Geschichtlichen und im Technischen aufs allergenaueste Bescheid weiß; da lernen wir, wie model- ltert wird und geschnitzt, rote gegossen (in Zinn, Wachs und Gips) und wie gekleidet — denn nicht wahr, die Figuren find sehr oft ganz köstlich angezogen, und dafür bedurfte es richtiger Krippenschneiderinnen. Dilettant und Fachmann, Liebhaber und Lehrling werden in die Regeln der guten Ueberlieferung des Krippenwesens sorgfältig etngeweiht. und man begreift nun besser als je, daß auch dies Krippenmachen eine rechte gültige Kunst ist... Zunächst begegnen wir den eigentlichen Krippen: den Weihnachtskrippen mit der Heiligen Familie und dem kleineren oder größeren Aufwand an Personen, an Getier, der zur Sache gehört. Wer bald erführt man, wie die Krippenmeister, vom Besonderen des festlich-frommen Anlasses, vom Eigentümlichen der Weihnacht ausgehend, in ihren wachsenden und immer wieder wachsenden Werken die weite Welt nachgebilüet und ausgebildet haben. Die Krippen werden zum Ebenbild eines Ganzen, das wir „Leben nennen; nichts fehlt — vom Himmel droben bis zur untersten Erde und wieder hinauf zu den milchigen Wolken, die den Engeln als Betfchemel und Ruhekissen dienen. Ach diese Engel ... ihre Himmelsleiblichkeit ist fast so schön und manchmal beinahe noch schöner als die klassische Leiblichkeit der Griechen. In Rosarot ist die entzückende Form gefaßt; die Flügel sind flaumweiß, die Haare goldblond, das Irdische ist in die Zartheit des Himmlischen ausgegangen. Aber es mangelt auch nicht an einer schöpferischen Entschiedenheit, die mit Kraft und Treue das Wirklich-Körperliche des irdifchen Bodens gegenwärtig mackt. Da ist das Gebirge; so steht es in Oberbayern und Tirol; da ist die Welt der Felsen und Steinberge. Da ist um Felsen und Gebirge die dichte Nacht oder die schwere Dämmerung unseres Winters Die Flucht nach Aegypten — sie geschieht bei uns daheim. Und freilich ist dies Landschaftsbild auf wunderbare Weife zugleich eine Ahnung des Fremdartigen ferner Felsschluchten. Ein Zauber spielt — ein verwandelnder Zauber; es ist wie im Traum; die Heimat wird hinübergeträumt ins Exotische — und was kann merkwürdiger anmuten als dieser große, wundersame Doppelsinn der Heimat? ± < So spielt das Leben der Krippen hin und her. Manchmal phantasiert es freilich auch ganz offenbar vom Exotischen. Ist in einer Krippe der heilige Vorgang von Tiroler Bauernhäusern umstanden, die so heimatlich deutlich sind, daß man meint, man habe in ihnen schon einmal gesessen und «schlafen und einen Schoppen Kälterer getrunken, so ist die Krippen- szener. ein undermal mit einer ganz und gar wunderlichen, leidenscha,t- lichen-fremdarligen Märchen-Prachtstadt bestritten, vor der dir schwindlig wird... _... . — und nun geht es weit fort, dorthin, wo der europäische euben und die afrikanische Welt einander schon begegnen und auch der Westen und das Morgenland: nach Neapel. Denn Neapel ist die Statte der ersten Berührung zwischen den vier Welten: zwischen Abendland und Levante, zwischen Europa und Afrika. Noch geschieht alles richtig um die Krippe herum: um das neugeborene Jesuskind und seine Eltern. Ja, wie sonst in der nordischen Krippennacht das Schlaglicht vom innersten Himmel an den Engel hintraf und an die Muttergottes und an das gleichsam mit einem eignen, innerlichen Schimmer antwortende Jesuskindlein, so liegt auch hier, in dieser süßen lauen, halbhellen Nacht von Neapel, das „bedeutende Licht auf dem Kinde und auf dem vergißmeinnichtblauen und rosenroten --eiden- glanz der Kleider Mariä. Doch ringsumher ist alles schon aufs genaueste südlich-landschaftlich ausgebildet: Palmen und tragende Orangenbäume stehen umher; der Befuv raucht; der Himmel und der Golf verharren in einem zarten Blau, das ein Vorspiel der Unendlichkeit ist. Und allmählich wird der heilige Anlaß immer kleiner gemacht und die Welt umher immer größer Nicht als ob es den Krippenmelstern an Frömmigkeit fehlte. Vielmehr- dis Geburt des Herrn, die Weihnacht, ist ihnen etwas so ganz und aar Gewisses, so Unbestreitbares, daß sie es sogar wagen können, das Herz der Krippe, die Geburt des Heilandes, immer kleiner zu machen und die Welt darumher immer größer unds reicher und Nun werden große Architekturen aufgesuhrt, da find exotisch neapolitanische Palasthöfe, und sie werden mit allerlei kuriosem Volk gefuUt, Sie das Gesolae der heiligen drei Könige darstellen. Die Krippe, das Kind mit den Eltern — wo bleibt nun die Krippe? Ach, irgendwo hinter der Szene. Aber dies macht nichts. Die Weihnacht ist so sicher, eine so gewiße Tatsache, daß man sie gar nicht erst immer wieder zu beweisen braucht im Sichtbaren. Man darf es wagen, nur vom Drum und Dran zu reden wie es die Menschen manchmal gerne tun. So kommt es, daß die Krippen werden, was man Genrebild nennt. Immer mehr werden sie zu einer Art von bunter und ost humoriger Volkskunde. Zuweilen wandelt der Krippenmacher das echte Krippenmouv woh, auch ab- statt der Geburt wird die Passion gezeigt, oder der Kmder- mord Aber zuletzt wird das religiöse Krippenmotio überhaupt hinaus- geschoben; übrig bleibt eine bis ins Letzte durchgebildete Darstellung des Weltlichen das um die Weihnacht herum überhaupt ,e irgendwo auf der ahnungslosen Erde fein konnte. Noch geschieht ,a tteillcy auch, daß an einer Wand ein Madonnenbild nachgeformt er,che,nt. - ü^ em letzter Gegenstand der andächtigen Erinnerung an Jesus unb SRorta, aber sonst ist die ganze Szene ausgefüllt mit wimmelndem Volksleben. Es geschieht wohl auch, daß in der Krippe drinnen seitwärtsi eine eigen liche „Krippe" angebracht ist: das Volk geht vorüber und besieht die Krippe. Zu allerletzt ist aber alles Religiöse aus der Krippe — die ihren Namen nun fast nicht mehr tragen sollte, — hinausgefetzt. Es bleibt allem das tausendfältige Bild des süditalienischen Volkslebens mit Landleuten, Reben Wein-Butten, Eseln, Bettlern, mit aller suditalienischen Kreatur. Jetzt ist die Krippe gar eine süditalienische Weinschenke geworden. Doch noch einmal: man soll wohl nicht sagen, twß diese „emanzipierten" Genre-Krippen des Religiösen so verlustig gehn, wie sie es 3u tun scheinen. Das Christkind ist, wenn es nicht in der Krippe erscheint doch wenigstens „ideell" h i n t e r der Krippe. So wie Gott auch dann existiert wenn von ihm nicht gesprochen wird, so wenn an thn nicht emma. geglaubt wird — denn gerade dies ist Gottes Wes^i, von den Menschen und ihren Vorstellungen unabhängig zu existieren. Bei den Krippen aber ist es so, daß manchmal zwar Christkind und Weihnacht nicht mehr erscheinen, aber von dem Krippenmacher doch geglaubt werden und auch in seinem Bildnerherzen wenigstens noch heimlich Mitwirken. Nun mühte man erst ansangen, die Einzelheiten zu fehen: Gesichter, die kostbaren Kleider, aus Tölz und Innsbruck und Neapel; die Pferdesättel und Musikinstrumente und Tiere. Die rosaroten und weißen Flamingos und die chimärischen Geschöpfe alle, die noch von der Gotik erfunden zu sein scheinen, obwohl sie im Barock gemacht sind. Im Barock, ja — und da haben wir auch den kunstgeschichtlichen Geist, der diese Krippen trug mit Namen genannt... Die Krippen haben es auf allerlei Art mit dem Barock zu tun. Sie lieben die barocke Ueppigkeit, den barocken Uebersluß im Ganzen und Einzelnen. Sie haben den barocken Sinn für das, was man „Illusion" nennt: für eine bis zum Aeußerften geh'iebene Naturtreue. Sie haben die Spannweite des sozialen Blicks der Barockzeit; sie kennen die Reichen, aber sie kennen auch die Armen — wie ja das Barock zuerst einen entdeckerischen und planvollen Blick in die unteren Bezirke der Gesellschaft gerichtet hat. Sie Krippen haben mit dem leidenschaftlich spielenden Naturalismus des Barock auch den barocken Bautrieb. Sie besitzen den barocken Raumsinn; jenen Raumgeist des Newton-Zeitalters, der weiß, daß die Menschen im Raum so groß sind wie Käferchen. Und so lieben es die Krippen, die Weite des Raumes, die planetarische Weite der Welt besonders nachdrücklich darzustellen. Endlich: die Krippen haben den großen barocken Theatersinn — und man wundert sich, daß die Krippenfiguren aus ihrer deutlichen, schon überdeutlichen Starre nicht heraustreten, um sich zu bewegen, wie Figuren eines unendlich feinen Welttheaters. Dies aber nur nebenbei; denn die Krippen sind mehr als ein Gegenstand der bloßen Kunstgeschichte; sie treffen die Seele. Deshalb soll auch nicht lange erzählt fein, daß die Entwicklung der Krippen ähnlich ist der Entwicklung großer Kunst: hier wie dort eine zuerst ausschließliche Darstellung des Weltlichen, hinter dem das Heilige nur noch als ein fernes Licht zu schimmern scheint. Wohl aber darf noch gesagt werden: wenn die neapolitanische Krippe reicher ist als die unserer Zone, fo sind unseren Krippen, den alpenländischen, die größere Unmittelbarkeit der frommen Beziehung geblieben. Da gibt es Bauernhäuser und Berge und die Tiere der Weide, Kuh und Geiß; aber die Weihnacht mit dem Christkind ist da kaum je aus der Mitte der Krippe verschwunden. Indessen, wie dies fein mag: eins Haden wir auszusagen vergessen. Es wurde vorhin von der mannigfachen Ära ft gesprochen, mit der die Krippen uns anziehen. Eine Kraft hätte dazu genannt werden sollen, und sie soll nun wenigstens am Schluß bezeichnet fein: die herzerwärmende Kraft des Volksmäßigen, das immer an der Wurzel aller Dinge ist. Man sieht die neapolitanischen Krippen, die zuweilen keine Weihnacht und kein Christkind haben. Man hat es ihnen nicht übel nehmen können. Weshalb? Weil Überall, wo echtes Völk ist, der Sinn für die Verehrung des Heiligen lebt — selbst wenn er sich nicht immer unmittelbar aus- fpricht, sondern manchmal, ja gemeinhin mit Humor nur dem Profanen zugekehrt erscheint. Zwei wollen zum Theater. Roman von Hans-Caspar von Zobelti tz. Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin. (Nachdruck verboten.) lFortsetzung.) „Netter Unsinn. Sehen Sie, da wäre das erste Austreten doch eine gute Gelegenheit zur Versöhnung. Wird cs ein Erfolg, sind die Eltern mit alle meinverstanden. Wird es ein Reinfall, hat die Kleine sie zum Trost da, und der Weg nach Hause ist wieder offen. Ich kenne das ja. Hab's schon ein paarmal mit angesehen. Also sprechen Sie mal mit Roses. Vermitteln Sie. Sie tun ein gutes Werk. Aber bald müssen Sie es tun. Samstag steigt die Sache schon." „Sie antworten ja gar nicht." Und nun sah er, daß sie blaß war, daß ihr Mund ein wenig zuckle. Er begriff: sie war erregt, sie hatte ihre Aufgabe im Kopf, wartete. Es war ja so selbstverständlich. So nahm er das Buch vom Tisch, das er sich Phon zurechtgelegt halte: „Frauenopfer". ....... . Also jetzt zu Ihnen", sagte er. „Haben Sie sich eingelebt in die (Renate9" Sie nickte. „Nicht ganz leicht. Ich weiß", fuhr er fort, „lieber den Wert des Stückes läßt sich streiten. Aber die Renate ist eine Rolle, eine Bombenrolle. Aus der läßt sich was rausholen." Er blätterte. „Ich denke, wir nehmen die große Szene im zweiten Akt. Sie wißen ja, wo Renate ihr Schicksal im Gefängnis schildert." In die Mitte des Zimmers trat er rückte die Möbel zur Seite, daß ein freier Raum entstand. „Dort die Zuschauer. Von dort kommt die Treppe aus ihrem Schlafzimmer herab, dort ist die Tür in den Park. Hier der Stuhl, in dem Sie nachher zusammenbrechen." Wieder blätterte er, vergegenwärtigte sich noch einmal die Szene, las ein paar Sätze, blickte durch das Zimmer. „So, das ist wohl alles?" „ , Isa war ausgeftanden und bis zum Fenster zuruckgetreten. Sie sah ihm zu, wollte helfen, aber fühlte, daß sie nicht fähig dazu war. Gewiß, sie hatte die Szene im Kopf, die Worte. Aber die Nerven zitterten. „Wollen wir anfangen?" fragte er. Sie ging bis in die Mitte des Raumes. Er wies sie weiter nach rechts. „Sie find von dort oben gekommen. Ihr Mann hat Sie erwartet. Er steht hier, fragt Sie, Sie beginnen ...", er sah in das Buch, .Als du gegangen ...' Bitte." e Sie trat noch etwas zurück, fing an: „Als du gegangen ... eie wußte, es war die schwerste Stelle im Stück, diese lange Holge von Sätzen, die fast ein Monolog waren. Die Worte kamen, diese Beschreibung des Erlebens im Gefängnis, die Marter. Sie sprach sie, wie sie es sich elngelernt hatte, sie sah habet Georg Büchner an. — Und nun fühlte sie: er hat ja gar keine Beziehung zu diesem Erleben. Sie fragte sich, während sie sprach: „Warum sage ich dies alles eigentlich, dieses Fremde, Eingefuchste, diese Phrasen, die mich ' eigentlich nichts angehen, warum betone ich dies Wort, warum spreche ich hier langsam?" Sie hörte, wie er sie verbesserte: „Nicht so weich", und sie legte etwas mehr an Tempo und Ton zu. Aber nicht aus dem Inneren heraus. „Blutooller", rief er, .jetzt Stimme! Sie müssen doch noch zittern in der Erinnerung." Aber nun fehlte ihr das Beben, das sie vorher n sich gefühlt. Er trat näher aus sie zu, wie es die Gegenrolle befahl. Sie tastete ich nach dem Stuhl zurück. Ihr Monolog war zu Ende. Seine Gegenfrage kam: „Warum er- itest du es?" Und nun ihr Schrei: „Für dich!" Groß sah sie ihn an. Und jetzt war wirklich Qual in diesem Ruf. Einen Augenblick stutzte er. Er stand neben ihr, die in ihrem Sessel .merte. Aus sie herab sah er, suchte nach den Worten, die er ihr jetzt leben mußte, damit sie sortfahren konnte. Er hatte die Rolle nicht im ,topf, wollte lesen, aber scheute sich, das Buch, das er in der Hand hielt, hochzuheben und aufzuschlagen. Eine Stimmung war plötzlich da, die er nicht zerstören wollte. Er wußte: diese Stimmung hat nichts mit dem Stück, nichts mit den Rollen zu tun, sie ist rein persönlich. Dieses junge, schmalschultrige Mädchen, das da blaß und verängstigt auf sein Wort wartete, wartete auf etwas anderes. Der Blick, der zu ihm heraufkam, war kein Theaterblick. Er war erfüllt mit menschlichem Fühlen. Ein Reiz war da: wenn ich jetzt die Hand nach ihr ausstrecke, wenn ich sie hochhebe, fällt sie mir zu: und sie ist schön, ist lieblich: ganz weich würde diese leine Isa mir im Arm liegen: sie muß leicht sein wie eine Feder, ich önnte sie hintragen, wohin ich wollte. Blitzschnell gingen diese Gedanken. Dann hob er das Buch, las feine Sätze und dachte: „Rein, es wäre hlecht: sie ist zu schade für ein Spiel; was soll ich mit ihr, mich binden, -sseln an sie, für immer? — Unmöglich." Aber was er sagen mußte, lesen mußte, war das Gegenteil. Leiden- chast war in den Worten. Und Leidenschaft mußte von ihr zurückklingen. Er fürchtete: nun llrde ein heißer Ausbruch ihres Fühlens kommen, an ihn gerichtet, nicht ,n den Partner jener Renate, die sie spielte. Jedoch er wurde anders: er horchte enttäuscht auf. Leise sprach sie, 'erhalten. Jetzt wurde wieder der Lehrer in ihm wach. „Stärker, jetzt müssen Sie ausstehen. Denken Sie doch, diese Renate sehnt sich nach ihrem llann." Etwas lauter wurde Isa. Es war nicht schlecht, wie sie die Stimme modulierte, gewiß nicht schlecht, aber es war keine Glut in ihr. Sie !and, aber sie drängte nicht aus ihn, ihren Partner, zu, wie sie es im chtigen Erfassen ganz von selbst tun muhte. Er gab ihr ein Stichwort, geschaffen, sie weiter zu entfachen. Es wirkte icht. Nun versuchte er sie auszurütteln. „Sie sind liebende Frau. Ganz Aeib. Vergessen Sie doch einmal, daß Sie Fräulein von Weiher sind, >erfen Sie das junge, wohlerzogene Mädchen über Bord." Da brach Isa ab. „Ich kann das nicht so sagen." „Aber Sie müssen es können." Sie schc sie den Kopf. „Ich kann es nicht." „Sie müssen diese Hemmungen überwinden; ohne das geht es doch if der Bühne nicht. Versuchen Sie noch einmal." Sie rührte sich nicht. Wiederholte nur: „Ich kann es nicht." Ihre Arme hingen schloss herab, ihre Schultern fielen müde nach orn, und nun neigte sich langsam ihr Kopf. — Unendlich leid tat sie ihm. „Mut, Isa", sagte er laut. Da hob sie plötzlich den Kopf, als ob der Anruf sie geweckt habe. Sie sah ihn wieder groß an. „Doktor Büchner", sie hauchte seinen Namen hin, kaum, daß sie dabei die Lippen bewegte. Und wieder bedrängte es ihn: nimm sie dir. Der Mund ist so jung, so unwissend; er ist wie dieses ganze Kind. Alles nur Erwartung, Hingebung. Das muß ja wundervoll sein. Sie bringt dir eine große Liebe. Unbewußt. Unberechnet. Sie wird sich in eine noch größere Leidenschaft hineinwachsen: in dies Feuer der Kühlen. Dann wird sie vielleicht auch noch die große Darstellerin. Wird es sicher. Sie will ja nur geweckt werden. Er sah sie an, sah ihre Augen. „Ein Kind", dachte er und weiter, „ich liebe sie ja nicht. Ich muß nach Wien, ich habe meine Arbeit, immer Arbeit, Arbeit. Ja, wenn ich srei wäre." Er wußte, wenn sie jetzt eine Bewegung machte, würde auch er schwach werden. Er fürchtete diese Bewegung, aber er wartete doch einen Augenblick aus sie. Hoffend. Aber sie kam nicht. Da wandte er sich ab. Mit festen Schritten ging er zu seinem Schreibtisch. Ihm war wie befreit, als das schwere, breite Möbelstück wie ein Klotz zwischen ihm und ihr stand. Die Verführung war fort, die Arme einfach nach ihr auszustrecken und sie sich zu nehmen. Die große Verlockung. „Wir wollen heute aufhören", sagte er, „es hat keinen Sinn mehr." Sie stand noch immer inmitten des Raumes, vor ihrem Stuhl, zwi- schen.diesen beiseite gerückten Tischen und Sesseln. Rur ihr Blick war ihm' gefolgt. „Sind Sie mir böse?" „Warum soll ich böse sein?" „Weil ich es nicht konnte." Er setzte sich. „Kommen Sie, Isa", sagte er, und nun lag ein väter- llchor Ton im Nennen ihres Namens, „nehmen Sie sich wieder Ihren Stuhl. Wir wollen einmal ruhig reden. Es war alles nicht schlecht — nein." Erfreut horchte sie auf. „Wirklich nicht?" „Nein. Und doch: wissen Sie noch, was ich Ihnen damals von mir sagte, als Sie mich fragten, warum ich nicht wieder aufträte; wissen Sie es noch?" — Sie nickte. „Sehen Sie, so ist es, glaube ich, auch bei Ihnen. Es ist Können da, Talent. Aber das letzte fehlt: das Große, der Funke. Theaterblut, Isa, das alle Hemmungen besiegt, das in jeder Stimmung sich losreißt vom Eigenen und nur eines kennt: die Rolle. Ganz in ihr untergctzt, sie selbst wird." „Und was soll nun werden?" „Wir wollen abwarten, Isa. Ruhen Sie sich erst einmal aus. Die Aufgabe war schwer. Zu schwer vielleicht. Denken Sie dann über sich selbst nach. Gewiß: Sie könnten heute in der Praxis anfangen. Auf irgendeinem Bühnchen. Ich könnte Ihnen schon einen Platz besorgen. Aber passen Sie dorthin, Isa? In ein Gedränge von Kollegen, die so ganz anders find wie Sie? Die sich rücksichtslos durchs Leben boxen." Sie war ganz zufammengebrochen in ihrem Stuhl. „Ich soll es also aufgeben?" Schmerzlich fragte sie es. „Es wäre wohl das Richtigste", wollte er sagen. Aber sie tat ihm so leid. „Nein, das nicht. Aber warten. Ausruhen. Erst mal ganz etwas anderes denken. Den Kopf frei bekommen. Wenn ich aus Wien zurück bin, sprechen wir weiter. Versuchen vielleicht neu." Dies „vielleicht" hätte er nicht sagen sollen. Denn jetzt begriff sie. „Vielleicht", wiederholte sie, „vielleicht". Sie erhob sich langsam aus ihrem Stuhl. Er folgte ihrer Bewegung, schritt neben ihr zur Tür. Ehe er öffnete, standen sie sich noch einmal gegenüber. Sie sahen sich an. Und nun war in ihr wieder das Zittern der Nerven, das Schwanken der Knie, was ihr vorhin gefehlt hatte, als sie die Renate verkörpern sollte, die Frau, die ihrer Liebe alles opferte, auch sich selbst. Sie griff nach seiner Hand. „Ich danke Ihnen, Doktor Büchner." Jetzt wartete sie auf einen Gegendruck, wartete auf ein Wort. — „Ulrich Büchner", sagte sie leise. Er verbeugte sich. Er konnte ihr nicht mehr in die bittenden Augen sehen. Langsam drückte seine Hand die Türklinke nieder. Da ging sie hinaus. Leo Queis war beim alten Dannegger gewesen. Sie kannten sich seit Jahren, saßen gemeinsam im Aufsichtsrat der Thüringischen Elektrizitätswerke, trafen sich auch gesellschaftlich dann und wann. Von Peter hatten sie gesprochen. Queis hatte sich nach ihm erkundigt, wie die alte Gräfin Treutsch ihn gebeten hatte. Er hatte nur Gutes erfahren, und das freute ihn, denn so fest wie die Großmutter hatte er nicht an die plötzliche Wandlung des Vetters geglaubt. Er kannte ihn ja nur als den liebenswürdigen Gesellschafter mit den ewig leeren Taschen, den Nichtstuer, dem man aber trotz seiner Faulheit nicht böse sein konnte. Und er besonders nicht, weil er in seinem Gesicht immer irgendwo einen Zug der Schwester sah, einen Zug Isas. Die Gcschwister- ähnlichkeit hatte ihn auch stets wieder weich gemacht, wenn Peter mit einer Bitte kam. Denn schließlich war er ost die Brücke zu Isa gewesen, wenn auch nur der Bote eines Grußes oder der Ueberbringer einer Rose. Nein, Dannegger hatte nur Lob gehabt, und Queis wußte, daß der Geheimrat fein Lod nie verschwendete. „Es steckt was in dem Jungen", hatte er gesagt, „Organisationstalent. Er hat Augen im Kopf, verflucht helle Augen, und Herz dazu. Er hat sich ohne Murren an die Maschinen gestellt und in ein paar Tagen einen Blick für soziale Fragen bekommen, mit denen er sich vorher sicher nicht besaßt hat. Aber auch für technische Dinge. Ich war wirklich erstaunt." „Und was haben Sie jetzt mit ihm vor?" „Erst soll er einmal in meinem Bureau ein bißchen Kaufmann lernen. Abends schicke ich ihn in unsere Fortbildungskurse. Macht er sich weiter gut, wandert er langsam durch alle Abteilungen. Bald technisch, bald wirtschaftlich. Ich muß sehen, wohin seine Begabung schlägt. Ich habe den Bengel gern. Schon seines Vaters wegen. Dann ober auch, weil er ein so herrlich junges Mundwerk.hat und einen so köstlichen Willen." Der Wille wunderte Queis am meisten. Denn das rechte Wollen hatte Peter in Berlin immer gefehlt. Daß er ein heller Kopf wäre, daran hatte er nie gezweifelt. Aber woher kam ihm plötzlich die Willenskraft? Es war kurz vor sieben. Er ging vor dein Verwaltungsgebäude auf und ab, wartete auf Peter. Er wollte ihn zum Abendessen einladen in die berühmte Weinstube am Markt. An der Bordschwelle stand Bretthauer mit dem Tourenwagen. Ein Klingelzeichen ging durch den Bau. Die großen Flügeltüren öffneten sich. Die Masse der Angestellten strömte heraus, zuerst tropfen weise, bann in breitem Fluß, dann wieder verebbend. Lauter fast gleiche Gestalten in fast gleichen Mänteln, fast gleiche Filzhüte auf den Köpfen, alle mit Mappen unter dem rechten Arm, alle etwas ftubenfarben. „Hier fehlt Sportbetrieb", dachte Queis, „ich werde es dem Peter nachher sagen, dann hat er wieder was zu klagen und zu organisieren. Das scheint sein Chef ja an ihm zu schätzen." Da kam als einer der letzten Peter. Auch er im Universalmantel, mit Unioersalsilz und Mappe. Nur schlanker und schwipper als die anderen. „Tag, Peter!" — „Nanu, Leo, was führt dich des Wegs?" „Bin gerade in Jena; hatte hier zu tun. Willst du mit mir zu Abend essen? Bretthauer wartet drüben." „Essen gern, Leo. Aber hier Autofahren in deiner Protzenkalesche? Lieber nein. Wenn'? dir recht ist, lausen wir. So die Kollegen überhole» mit Hupe und Benzinwolke: macht nur böses Blut." Queis verstand. „Gut, laufen wir." Er gab dein Chauffeur Weisung, bann stiefelten sie los. Auch mit bem Lokal war Peter nicht ganz einverstanben. „Muß es gerabe Goehre sein? Da sitzen die Direktoren gern. Und wenn ich junger Schnöiel ..." „Weißt du ein anderes Restaurant?" „Nein, mein Guter. Ich kann mir keinen Wein leisten." „Einmal wird Goehre wohl gehen. Wir setzen uns in eine verschwiegene Ecke." Da gab Peter nach. (Fortsetzung folgt.) läerantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.