Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang (951 Hreitag, den 25. September Nummer 75 Herbst. Bon Karl Nötiger. Und diese übermächtige Pracht Des Herbstes in den Gärten macht Mich ratlos, fassungslos und schwer, Fragend stehen alle Dinge um mich her. Und stehen wie eine fremde Welt, In die ein Traum mich hingestellt, Darin ich hin und wieder gehe. Die ich bestaune und nicht verstehe. Zuweilen, wenn ein Duft hinschwebt, Ein Blättlein sich im Winde hebt Vom Wein, der an den Gittern rankt, Sich löst und leise niederschwankt —: Denk ich: die fremde Stimme spricht: „Du kamst herein und kennst mich nicht, Du kannst durch meine Schönheit gehn, Dich wundern und mich nicht verstehn." General Boulanger. Von Dr. Bruno Weil. Der heute säst vergessene General Boulanger (1837 bis 1891) war vor etwa einem halben Jahrhundert für kurze Zeit der populärste Mann in Frankreich. Fast hätte er, leidenschast- licher Verfechter des Revanchegedankens gegen Deutschland, schon 1887 den Krieg entfesselt. Sein abenteuerliches Leben fährt von glänzendem Aufstieg zu jähem Sturz und rühmlosem Ende. Boulanger machte militärisch rasch Karriere, wurde Oberst, Kavalleriegeneral, Kriegsminister unter Freycmet, Haupt der monarchistischen Kreise und der antirepublikanischen Opposition: schließlich stand er knapp vor der Diktatur. L.och war er bei alledem ein Mann der Phrase und der Pose, — nicht der Tat. Sein dilettantisches Gastspiel in der hohen Politik wurde sein Verhängnis. Er wurde kaltgestellt, als Abgeordneter aufs neue populär, bald darauf vom Staatsgerichtshos angeklagt und nach seiner Flucht ins Ausland verurteilt Seine letzten Jahre, politisch bedeutungslos, stehen unter dem beherrschenden Eindruck eines romantischen Erlebnisses: Boulanger, wenig glücklich verheiratet, verliebte sich bis zur Raserei in die schöne Bicomtesse de Bonnemains und lebte mit ihr im Exil, bis sie erkrankte und starb. Zwei Monate spater er choß sich der General an ihrem Grabe. — 3m folgenden geben wir aus dem in Kürze erscheinenden Buch ./Gluck und Elend des Generals Boulanger" von Dr Bruno We il mit Erlaubnis des Verlages Dr. Walther Rothschild 'N Berlin einen kurzen Abschnitt wieder. Nachdem der Berchsser ,m. Vorjahr in seinem Aufsehen erregenden, in zahlreichen Auslagen erschienenen Buch „Der Prozeß des Haup mann D cyfus diese Affäre spannend geschildert hat, behandelt der neue Band den General Boulanger, der im Frankreich der achtziger Jahre die Verkörperung des Revanchekrwges darstellte^ Weil g bt neben der romantischen Liebesgeschichte des Generals unter Benuizunq der deutschen diplomatischen Akten ein abschließendes Bild der deutsch-französischen Politik dieser Zeit vom^Eim greifen Bismarcks, der Haltung des alten Kaisers und der Frage: Wer hat den Krieg gewollt? Georges Ernest Maria Boulanger, Reitergeneral, Kriegsimmster Ab- Ieordneter, Märtyrer des Staatsgerichtshofes, Parteiführer und grandia- ler Liebhaber - wie wenig Erinnerungen find an dich gebLebern Hat sich &as impulsive, immer zur Anbetung bereite, aber m der lateinischen Klarheit doch lebten Ende« kritische Volk der Franzosen der ungeheuren Äo Jungen für dich ein ganz klein wenig geschämt? Und es nicht wahr haben -wollen, daß ein Federbusch es zur Raserei, ein blonder Bart in^emem Eäglichen Gesicht es fast um den Verstand gebracht. hatte. Wi« so mancher stürmisch Liebende kaum mehr begreifen kann ist der Rauschber Zärtlichkeit verflogen, daß diese, gerade diese Frau seine Leiber, , s ober Me noch uno I—J. - ber Epoche, die seit saft zwanzig Jahren die Menschheit m Angst und Schrecks Üalt, stehen werden, wenn noch ein paar Jahrzehnte ih e ~ Pf Meer der Ewigkeit haben fallen lassen, was wird dann in den Geschichtsbüchern von Boulanger zu lesen sein? Mit drei Zeilen wird daran erinnert werden, daß es einmal einen Kriegsminister dieses Namens gab, der einen wunderschönen Rappen Tunis ritt, dem das Volk zujubelte und der, fern der Heimat, starb. Oder nein — wird nicht vielmehr im Gedächtnis der Nachfahren aus diesem Leben nur die große, alles überragende Liebe übrigbleiben, und Großmutter wird ihren Enkelkindern wie von Tristan und Isolde, von Romeo und Julia, so auch von Georges und Marguerite erzählen? Aber, wenn auch das Bild des Mannes nach und nach verblaßt ist, so bleiben doch einige Dinge als Schlußfolgerung aus der Bewegung, die seinen Namen trug, übrig, die festgehalten werden müssen, zunächst dies: Die französische Republik hat sich erst fünf Jahre nach ihrer tatsächlichen Konstituierung ihre Verfassung gegeben. Der Anschlag, den die Royalisten unter Mac Mahon zwei Jahre darauf auf sie unternommen haben, ist abgeschlagen worden. Aber bis zur Bewegung des Boulangismus blieb die Gefahr immer noch groß, daß — fei es auf dem Wege über den Stimmzettel ober mit Gewalt, legal oder illegal — die Republik gestürzt und die Monarchie an ihre Stelle gefetzt werden könne. Mit dem Fall Voulangers ist die monarchistische Bewegung in Frankreich zu Tode getroffen worden. Seit dieser Zeit ist die königliche Linie der Orleans und die kaiserliche ber Bonapartes zur Einflußlosigkeit verurteilt. Ein Versuch zur Wiederherstellung der Monarchie ist nicht einmal auch nur ernsthaft in Erwägung gezogen worden. Und wenn auch heute noch in irgendwelchen abgelegenen Tälern oder auf einsamen Gebirgsrücken ober selbst in ber politisch leicht erregbaren Hauptstabt Paris eine geringe Anzahl Menschen in ber Erinnerung an bas Königshaus ober an bie Taten bes großen Korfen lebt, ja selbst, wenn bei einer festlichen Vermählung bas immer noch verbannte Haus Orleans alle Getreuen zur weiten Fahrt nach Palermo aufbietet, unb wenn bem Ruf eine Anzahl trabitionserfüllter, mit ber Republik nach nicht versöhnter Monarchisten folgt: Politisch ist bas ohne jebe Bebeutung. Die Republik steht in Frankreich fester als je. Das Beispiel ber Boulanger hat sich weiter bahin ausgewirkt, baß seit biefer Zeit niemals wieber ein Versuch unternommen worben ist, die Verfassung mit Gewalt zu stürzen. Kein Anwärter auf die Diktatur ist in Erscheinung getreten. Der Gedanke einer gewaltsamen Aenderung ber Verfassung ist nicht einmal im Kriege, als bie Kanonen bas große Wort zu sprechen hatten, aufgeworfen worben. Die Zivilgewalt hat ihre unbebingte Vorherrschaft gegenüber ben militärischen Instanzen immer unb überall burchzusetzen gewußt. Die großen militärischen Entscheidungen sind von den Militärs herbeigeführt worden, aber die gesamte Maschinerie des Heeres wurde nie Selbstzweck, blieb ein Teil, wenn auch einer der wichtigsten im Getriebe der politischen Entscheidungen, bie bie Zioilgewcllt mit eisernem Willen in ihren Händen hielt. Ohne daß, wie bas Exempel gelehrt hat, bie Kriegführung barunter zu leiben brauchte. Boulanger war ber letzte General, ber eine Diktatur hätte aufrichten können. Selbst er hat es zum Schluß nicht gewagt. Mit ihm find alle Diktaturpläne zu Enbe gewesen. Und noch in einem dritten Sinne hat die Affäre Boulanger Heilung und Aufklärung gebracht: Die Franzosen sind durch sie vor weiterem Mißbrauch bes Begriffes bes Nationalen behütet worben. Die Boulangerpartei war in ber Sprache ihrer Anhänger „b i e nationale". Sie versuchte sich einen Vorsprung baburch zu verschaffen, daß sie die andern Parteien als nicht oder ungenügend national bezeichnete. Sie bildete oder suchte zu bilden Frankreichs nationale Opposition. Das hätte um so eher gelingen können, als die Erinnerung an die Niederlage von 1870 und 1871 noch so lebendig war, daß der Appell an die nationalen Instinkte allzu leicht Widerhall im französischen Volke fand. Obschon also die Bewegung sich auf einem Hintergrund abfyob, der einem revolutionären General leichten Erfolg versprach, und obschon in der Person des Generals Boulanger ein Mann gefunden war, der für einen großen Teil der französischen Nation das angebetete Idol, den Helden, den Führer, den unbestrittenen Chef barstellte, hat die Bewegung die Spaltung des Volkes in einen nationalen und in einen nichtnationalen Teil nicht erreichen können. Woher ber Mißerfolg? War es, weil in romanischen Länbern sich bie Volksleibenfchaft von Zeit zu Zeit wie ber Krater öffnet und glühende Lava auswirft, deren Feuerschein selbst die dunkle Nacht mit Glanz erfüllt, die aber im Weiterströmen alles, was im Bannkreis des Kraters liegt, zerstört und vernichtet? Daß also die Popularität schon nach kurzer Zeit demjenigen zum Verderben gereichen muß, dem das Volk so heiß entgegenjubelt? Mag sein. Volksgunst ist wetterwendisch. Aber entscheidend ist ein anderes gewesen: Kritik, Unzufriedenheit, Verneinung des Bestehenden, Kampf gegen die jeweilige Staatsordnung und die Machthaber sind ungemein mächtige Triebfedern im Organismus bes staatlichen Lebens, insbefonbere ber Demokratie. Vom Besitz ber oeri Wil icht bestehen vor der in allen Einzelheiten aus- Arbeiterparteien, die mit bestem wissenschaftlichen ,The name?' fragte ich. .Fifton', sagte der Matrose, William Fifton. — „Das ist ja eine aufregende Geschichte", brummte Petersen. „Sie ist noch nicht zu Ende", fuhr Punsch, der Bankier, fort. „D>e melancholische Pointe ist durchaus noch nicht da. Ich hatte das Erlebnis, das blitzende Messer und den Mann mit dem verbundenen Auge fall qesscn, als ich — das war im August — in der Zeitung las, daß _iÜiatn Fiston in Hamburg in einer übelberiichtigtcn Kellerkneipe einen Menschen niedergestochen und schwer verletzt hatte. . .Er hat mir das Leben gerettet', dachte ich, erkundigte mich bei Dem zuständigen Gericht und beauftragte — damals hatte man noch einiges Geld — einen hervorragenden Asiwalt mit der Verteidigung Fiftons. Der Verteidiger überzeugte das Gericht, daß Notwehr Vorgelegen hatte. Fifton wurde freigesprochen. Auch das hatte ich fast vergessen, als ich — vor sechs Wochen er, - giften auf dem Hamburger Hauptbahnhos traf. Er erkannte mich schon- .Wissen Sic eigentlich', fragte ich auf englisch, ,wcr Ihnen damals Den berühmten Verteidiger bestellt und bezahlt hat'?' .Verteidiger?' lachte der Matrose. .Für mich? Ich verstehe nicht. .Aber das Gericht hat Sie doch sreigesprochcn', sagte ich, .Sie muhen sich doch erinnern' . .. .Ich war nie vor Gericht', schüttelte der Matrose den Kops, .und nie angeklagt.' ........ .Aber Sie sind doch Fiston?' fragte ich, und ich suhlte, wie mir etwas Kaltes den Rücken herunterkroch. . .Fifton?' schüttelte der Matrose den Kops. .Der bin ich nicht. William Fifton war der Mann, der Sie damals in der Kellerkncipe erjtcnjci ", H m, hm", sagte Petersen und verzog den Mund zu einem breiten Grinsen „das ist wirklich eine melancholische Geschichte." „ „Haha", lachte Makmatt, „die Sache ist furchtbar komisch. „Tragisch!" seufzte Pünsch und starrte in den Regen • „Nun, ja", sagte Makwatt, „meinetwegen: tragisch. Fast evem tragisch wie das, was ich in diesem Sommer in Zoppot erlebt 0«”; Ich war im Kasino. Der Fürst Ncrwa war auch im Kasino. Tagilch wunderten wir sein Spiel, seine Nerven und seine (agenumtvobene, Brieftasche. Eines Abends aber sah ich, wie ein unscheinbar aus|ei)cnu jn>r.At in ihrem Mikbrauch ist ein kurzer Weg. Und ewig mißtrauisch Macht SU 'hr°m ^tzbmucy^'ir bic b Regierenden anvertraut ist, gerecht verwaltet wird. Aber niemals noch ist es tzelungen, dü> Verneinung als solche und allein zur erfolgreichen Grund- lage einer großen politischen Aktion und einer dauernden^arteigrundung zu9 machen.9 Das Negative hat zur Bindung großer Schichten der Volksgenossen aneinander niemals ausgereicht. Die politischen Parteien aller Länder mit modernem Versafsungsleben setzen sich aus Menschen zusammen, die sich Sftr Gewinnung von Macht uereiniat haben weil sie gleichartige politische, kulturelle, wirt af11 iche oder soziale Interessen haben. Eines dieser großen Jntere sengebiete gilt ihnen so sehr als über den anderen stehend, ß sie die sonst im Leben widerstrebend auseinanderlausen wurden, sich durch die Klammer der Partei, als der Vertreterin dieser Interessen zu- sammenbinden lassen. Es ist zum Schicksal des Boulangismus geworden, daß ihm ein Programm gefehlt hat, das über einige allgemeine Schlagworte hinausging. Weder politische, noch kulturelle, noch sozwie, noch wirtschaftliche Formeln waren gesunden worden, die über den Tages- gebrauch hinaus gereicht hätten. Boulanger hatte zwar den ungeheuren Appell an die nationalen Gesühle für sich: aber mochte er sich noch o fchr als nationale Front sichten, die Parteien, die auf der andern Seite standen, waren nicht geneigt, ihn in nationaler Beziehung °ls überlegen anzuerkennen weil er die Revanche starker als sie betonte. Sie behaupteten vielmehr — und das französische Volk hat sich im Endergebnis auf ihre Seite gestellt —, daß leidenschastliche Töne allein den Patrioten noch nicht machen, und daß der Ruf nach Revanche zu neuen kriegerischen Verwicklungen und, wenn die Weltkonstellation nicht zugunsten Frankreichs gelagert sei, zum Untergang führen müße. Was hatten aber außerhalb des nationalen Gedankens Boulanger und der Boulangismus noch zu bieten? Er hatte in sein Programm gewisse sozial «Elemente aufgenommen. Aber hier wieder konnte sein „Sozialismus" nick' "" ln nus" gearbeiteten Lehre der Arbeiterparteien, ........ .. ... . Rüstzeug von Marx und Lassalle geschassen war, und zu der die französischen Arbeitermassen sich gerade in diesem Augenblick zu bekennen begannen. Blieb schließlich als Kernstück boulangist,scher Bestrebungen der Ruf nach Revision der Verfassung. Aber auch hierin lag nichts Originales. Auf keiner Seite war eigentlich beftritten worden daß die Verfassung von 1875 ein Provisorium war, geschaffen um die Republik zunächst einmal unter Dach und Fach zu bringen. Aber die schlechtesten Gesetze haben ja im Dasein der Völker häufig das zäheste Ledem und so ist diese viel geschmähte und viel angefeindete Verfassung auch jetzt nach nahezu 60 Jahren noch im großen und ganzen unverändert in Kraft Zudem stand Boulanger mit seiner Forderung nach sofortiger Ver- sassungsresorm gar nicht allein. Die Radikalen wollten den Senat schon lange abschafse». Boulangers eigenen Verfassungsplanen fehlte die Präzision. Hinter seinen großen Reden stand viel mehr der Wunsch nach persönlicher Geltung und nach großer, überragender Stellung un Staatsleben als die feste Ueberzeugung von der Notwendigkeit der Durchsetzung bestimmter, unabänberlid)er Prinzipien des Versassungslebens. Und gar die Forderung nach Auflösung der Kammer war eine zeitlich bedingte Frage: von ein paar Monaten früherer oder spaterer Auslosung konnte das Schicksal der Republik nicht abhangen. Und das war chließlich alles, was an Sachlichem von Boulanger empfohlen . wurde. Mit einem solchen gehaltlosen Programm war es wohl möglich, auf kurze Zeit eine Volksbewegung zu schaffen, zumal, wenn sie von einem so populären Mann getragen wurde. Als es aber zu den allgemeinen Wahlen ging, zeigte es sich, daß der Eindruck nicht genug in die Tiefe gegangen war, um Millionen Wähler von ihren bisherigen politischen Ideen abzubringen. m . Und ein tragischer Irrtum Boulangers und seiner Berater kam noch hinzu: Die Bewegung, die ursprünglich eine republikanische, revisionistische „nd, wenn man will, revolutionäre gewesen war, wurde durch persönliche Bindungen, durch das Geld der Könige, durch den Ehrgeiz der Führer mehr und mehr an die monarchistischen Parteien gekettet. Hier schlossen heterogene Elemente ein Bündnis, ohne sicher zu fein, daß auch die Anhänger ihnen folgten. Der sichere Instinkt des französischen Volkes aber erkannte, daß das Bündnis zwischen Boulanger und der monarchistischen Reaktion entweder direkt oder indirekt auf dem Weg über seine Diktatur, zur Wiederherstellung der Monarchie führen müsse. Nun bedeutete zwar die Legende des großen Napoleon die Erinnerung an eine glorreiche Epoche Geschichte, in der die französischen Fahnen in die weite Welt bis zu den Pyramiden, bis tief hinein ins russische Reich getragen worden waren. Aber das Endresultat sah anders aus. Napoleons Sturz im Jahre 1815 hatte zur Verkleinerung des französischen Staatsgebietes, zur Zurückdrängung des französischen Einflusses, zur Miiiderung des französischen Ansehens geführt. Was die Revolutionsheere erobert, was die Republik zu Frankreich geschlagen hatte, konnte das Kaiserreich selbst des genialen Mannes aus Korsika nicht behaupten. Der Glanz seines Ausstiegs war von der französischen Nation mit Opfern an Gut und Blut allzu teuer bezahlt worden. Mochte aber auch in den breiten Volksmassen der grüne Hut des ersten Napoleon damals schon im Nebelhasten zu verschwinden begonnen haben, so war doch um die Zeit Boulangers die Erinnerung an den dritten Napoleon noch allgegenwärtig. Auch fein Name hatte mit dem Glanz der sechziger Jahre, mit der Schönheit der Kaiserin Eugenie, mit den wunderbaren Festen der Tuilerien, mit der Ausbreitung der Finanzmacht einen Höhepunkt sranzösischen Ansehens in der ganzen Welt bedeutet. Aber das Kaiserreich hatte zum Krieg von 1870 und zur Niederlage gzsiihrt. Sedan, Metz, Straßburg — welch schrecklichen Zeichen! Niemand konnte ihre Wiederkehr, niemand eine» dritten Staatsstreich wünschen. Aber darüber mußte man sich klar fein: die Errichtung einer boulangistischen Diktatur bedeutete Krieg mit Deutschland. Allzuoft und unverhohlen hatte Bismarck dieser Meinung Ausdruck gegeben. Ein Regime Boulanger hätte den Parteien und Männern in Deutschland, hie zum Präventivkriege drängten, nicht einen, tausend Vorwände zum Losschlagen gegeben. Unb «Ismarrf hätte, selbst wenn er es gewollt hätte, sie nicht zügeln können. Da wären die Magazingewehre von selbst 10S$)Tbe9rnetn[amfeit des Exils, in den langen, schlaflosen Nächten hat Boulanger seine Fehler auch selbst erkannt. Aber diese Erkenntnis ift dem Manne, der sich sehnsuchtsvoll die Augen nach der Heimat ausschmhe ,u fyät gekommen. Die Stunde, die sich ihm geboten, die er mcht zu nutzen verstanden hatte, ist nie mehr zurückgekehrt. Versenkt im Meer de? Ewigkeit untergegangen. Und darum ist letzten Endes andern Bündnis mit den Monarchisten, an der Erkenntnis des sranzösischen Volkes, daß die Folge eines boulangistischen Sieges der Krieg fein muffe, die Bewegung gescheitert. Boulanger und sein Anhang hatten die Tivue der sranzösischen Nation zur Republik und den Willen ihrer Mehrheit zum Frieden unterschätzt. Herbst drinnen und draußen. Drei surchtbar traurige Geschichten. Von Hans R i e b a u. Die Blätter fallen. Der Wind wirbelt am Boden entlang. Weiße Segelboote werden in schmutzige Schuppen verstaut, Motorräder in Pe- trolcum und Golsanzüge in 'Mottenpulvergetaucht. Es ist Herbst. In der Veranda des „Hotel Forsthaus sitzen drei Herren und starren durch die Scheiben. Was tun die drei Herren, mitten im Herbst, im "EG "Regenschauer prasselt herunter. „Erzählen Sie doch etwas, zum Teusel", sagte Petersen und klapste sich die Pseise aus. „Im Herbst," seufzte Makwatt, „im Herbst fallen mir nur traurige Geschichten ein. Der ganze Sommer, das ganze Jahr scheint nur aus melancholischen Dingen bestanden zu haben." Und wenn schon," zuckte Pünsch, der Bankier, die Achsel, „warum soll 'es keine Melancholie geben? Ist nicht jedes Erlebnis, das wir zum Totlachen sinden, eine verflucht traurige Angelegenheit, wem, es vom Standpunkt des belachten Opfers angesehen wird? Sind nicht alle die angeblich luftigen Typen, Serenissimus, Adamson, Federmann und wie fie alle heißen, im Grunde beklagenswerte Geschöpfe? Und sind nicht die Hofnarren der Vergangenheit und die Clowns der Ge^nwart, wenn sie ihre Rolle richtig und gut spielen, geradezu tragische Gestalten? „Wozu philosophieren," sagte Petersen und legte die Pfeife weg, ^Jch wollte gerade anfangen", lächelte Pünsch. „Im Juni vorigen Jahres war ich in Hamburg. Immer, wenn ich in Hamburg bin, mache ich einen Bummel durch di« Hafenkneipen. Besonders das Chinesenviertei ist interessant. Na ja. Ich saß also in einem Keller, der bestimmt mcht als Attraktion für die Fremden gedacht ist. Allerlei Seeleute saßen da herum, aber die meisten Gäste waren zweifellos Angehörige der Unterwelt. Zwischen den Männern die üblichen Mädchen. Aber nein, em Mädchen war da das gehörte, wie ich glaubte, nicht hier her. Jung war sie, und ... Nun kurz und gut: das Mädchen warf mir einen Blick zu, ich warf Den Blick zurück. Sie fetzt« sich an meinen Tisch. Di« Gäste an den Nebentischen machten lange Halse. Nicht ohne Gründ. Denn plötzlich kam ein Mann herangeschlendert, der — es war wie in einem amerikanischen Film — ein Auge verbunden hatte. ,Hei ernte er guckte das Mädchen an, guckt« mich an. Eine Sekunde (pater flog der'Tisch um, die Gläser gingen in Scherben, ein Messer blitzte. Da erlo ch das Licht. ,Cornel' flüsterte eine Stimme. Ich kam und ließ mich sichren. Als ich aus der Straße stand, sagte ich: ,Danke schon, Wie heilen Der andere, offenbar ein englischer Matrose, antwortete nicht. nur ois ,0Ü Itlf , „MNN mir W i es oit It alle iii i und« ) nidjt dir fl. M er in fr t. ad starm icrbft, in was, D 5 üewolii >on sttz lhten tz ininis i|i U5fc|e ji im m$ii» n ÜSolft! "üfle, iit treue In 'M jun 'm tnir^ feife «d ii Dorigen I bin, moin ie|enoiedilI it nidjt ob I da Heron mit. 3* idchen * e, und.. > marf l»> Üicht * - es * hatte. M - inte IB M m unh^ |ri|ön, s ftrlet W B n las? nV ch bei i* Ä eW legen r >«K j nqer Mann, während er sich scheinbar interessiert über den Tisch beugte, it einem Griff dem Fürsten die Brieftasche aus der Tasche zog. Ich legte sofort die Karten hin und ging auf den jungen Mann zu. Vr sah mich erstaunt an. .Ich habe es gesehen", slüsterte ich. Was?" fragte der junge Mann. Ich zuckte die Achsel. Wenn er es nicht anders wollte ... Meine Herrschaften", rief ich, .dieser Taschendieb hier" — und ich iq'tc aus den jungen Mann — chat dem Fürsten Nerwa die Brieftasche e ftobten. Bitte rufen Sie die Polizei." Die Polizei war sofort da. Die Beamten untersuchten den jungen Kann. Aber sie fanden keine Brieftasche. Mich ober trafen mißtrauische ^Wollen Sie sich bitte legitimieren?" sagte einer der Beamten. Ich griff in mein Jackett und zog ... die Brieftasche des Fürsten ' crroa hervor." Donnerwetteri" rief Petersen. „Und dann? "Dann" fuhr Makwatt fort} „wurde ich verhaftet und eingesperrt. Imd ich würde noch heute int Gefängnis sitzen, wenn nicht" — Makwatt 1 itl;,tc _ „wenn nicht die Banknoten des Fürsten falsch und der Fürst . crroa selbst ein Herr Pichula aus Posemuckel gewesen wäre." — ,91a ja", sagte Petersen, „mit einer Briestasche habe ich auch einmal ihr"traurige Dinge erlebt. Das war damals, als ..." .Also was denn?" ermunterte Pünjch. Mein Freund Scherimann", erzählte Petersen, „kam eines Tages in i ildsr Hast zu mir. .Denk' dir", sagte er, .gerade will ich dir die hundert Stark wiederbringen, die du mir geliehen hast, da entdecke ich, daß ich i »eine Brieftasche verloren habe.' .Das ist sehr schlimm', zuckte ich die Achsel, .aber — ,Du hast mir doch", unterbrach Scherimann, .vor em paar Monaten le'Adresse von dem Hellseher gegeben." - Aha" triumphierte ich, .damals hast du mich ausgelacht, und jetzr .Ich habe den Zettel stundenlang gesucht", murmelte Scherimann, .aber it) kann ihn nicht finden." . Na" sagte ich und setzte meinen Hut auf, .bann gehen wir also zu- fmmen zu Monsieur Girod, dem Hellseher. Du wirst staunen, mein lieber!1 . . Und wir gingen zu Monsieur Girod. .Eine Brieftasche?" fragte der und rieb sich die Stirn. .War sie hell- i reib? Mit einem roten Knopf in der Mitte?" .Jawohl", sagte Scherimann und riß die Augen auf. .Die Brieftasche", fuhr Monsieur Girod mit fester Stimme fort, .beludet sich in dem Hause Parkstrahe 54, erste Etage tmts Scherimann sprang auf, drückte dem Hellseher ein Gelbstuck in bie land, und dann fuhren wir zur Parkstraße. .Dr. Finck, stand auf de reiben Türschild, .Rechtsanwalt". . „ . „ ., Dr Finck war selbst da. .Sie kommen wegen der Brieftasche? fragte i- .Gewiß, ich habe sie gefunden. Welche Farbe, wenn ich fragen darf, । 'hellgelb' sagte Scherimann, .mit einem roten Knopf in der Mitte. .Und der'Jnhalt?" fragte der Rechtsanwalt weiter .Hundert Mark in Zwanzigmarkscheinen, murmelte Schenmann Dr. Finck zog die Augenbrauen hoch. .Geld, schüttelte er den Kops, Selb habe ich nicht in der Tasche gefunden. , „„(.„horrirht wie Scherimann wurde blaß. .Die Tasche ist 6a, rief er, ""beh s > - c nun einmal ist, .und das Geld ist fort? Da hat sich wohl d 'Ä«gÄ !L--ch n. »*«"•* «- —r Srlt'tmlrm'i-'n i)il!krT,fm>ot'n wir uns vor bem Haul- wieder. Der Rechtsanwalt hatte uns auf die Straße gefetzt. »i' l« -'n- »-'nftud- ----n--» pg er fünf Zwanzigmarkscheine hervor. -Donnerwclite , sudte das Geld an, .da habe ich es also doch nicht in bie Brieftasche iefUnb dann haben wir — anders konnte es ja nicht sein — das Geld ^W'Jagk Makwatt, „die Geschichte habe ich nicht ganz nerftanbem krstens: Wie konnte der Hellseher so genau wissen daß die Brieftasche ^arkstraße 54, erste Etage links, war? Und »mei^ns. Woher muß 1-cchtsanwalt, daß Sie vorher bei dem Hellseher während der Gan, recht" feuhte Petersen. „Das habe ich auch erst wayreno oer Gerichtsverhandlung erfahren, in der wir wegen Be c' ‘-1™^ Rechts- «inck verurteilt wurden. In der hellgelbenBrieftasche h Adresse toroalt nichts weiter gefunden als einen kleinen Z nber5 jun? : imb einer Fernsprechnummer. Er hat dann - was !°ll -r anders tun. < *- die Fernsprechnummer angerufen siud den Fund „Und auf bem Zettel —?" fragte Makwatt. 2£breffe „Auf bem Zettel", senkte Petersenben Kopf , ßat naturh* me I (eftanben, bie Scherimann sich bamaks notiert hatte. j "wÄrtj ..3«. nUl. $ün|d,. >• P -in- "°»-i-- ®- | K « Ld-'d-.--« frÄÄ ÄÄ- (%'•» “ 36r“ . Eandigen Rechnungen bitten? te„ murmelte Punsch, der { , Die drei Herren sahen sich an. „vW enouiv' > h ■■ | jinnti«, „in den nächsten Tagen eine größere! /{^nb Makwatt. Dann „Ich auch", sagten, wie tn einem Atem, Beter! »loben entlang. I Mutten fie aus bem Fenster. Die BlaUier gelten den Boben^enuan^ i 'er Wind fegte um bie Bäume. Em Regensch p kaukasischen B lugte Petersen, und in seiner Stimme lag bie Melancholie oer rau h | steppe, „es ist Herbst." Der Tambour. Von Eduard M ö r i k e. Wenn meine Mutter hexen könnt', Da müßt' sie mit dem Regiment Nach Frankreich, überall mit hin, Und wär' die Marketenderin. Im Lager wohl um Mitternacht, Wenn niemand auf ist als die Wacht Und alles schnarchet, Roh und Mann, Vor meiner Trommel säh ich dann: Die Trommel müht' eine Schüssel sein, Ein warmes Sauerkraut darein, Die Schlegel Messer und Gabel, Eine lange Wurst mein Sabel; Mein Tschako wär' ein Humpen gut, Den füll’ ich mit Burgunderblut. Und weil es mir am Lichte fehlt, Da scheint der Mond in mein Gezeit; Scheint er auch auf Franzö'sch herein. Mir fällt doch meine Liebste ein: Ach weh! jetzt hat der Spaß ein End'; — Wenn nur meine Mutter hexen könnt'! Krawall. Von Ludwig Thoma. (Schluß.) Er hat aber den Kopf schnell zurückgezogen, denn wie ihn herunter! ein paar gesehen haben, pfeifen fie durch die Finger und brüllen hinauf, ein Wort gröber wie das andere. D du Herrgottssakrament, tu deinen Gipskopf hinein, ober es geht bir schlecht!" _ t Enblich kommt ber Polizeibiener Kraus hinter ber Kirche herum, ben Helm auf, ben Säbel umgeschnallt, unb blaß wie ber leibhaftige Tob. Er hat später oft erzählt, baß er Reu unb Leib gemacht hat, bevor er in ben Haufen hinein ist. Er kann sich zuerst nicht verftänblich machen; aber nach unb nach zieht sich ein Kreis um ihn, und ein Bursche steigt aus bas nächste Bier- saß unb schreit: .... „Ruhe! Seib ruhig eine kleine Weile, jetzt müssens wir Horen, wie lang wir noch bayrisch bleiben." Meine Herren!" sagt ber Polizeibiener Kraus, „machen Sie boch keine folchene Ruhestörung! Ich muß Sie aufmerksam machen, baß es verboten ist." „ t m r, m. , . „Steht bas im preußischen G'setz?" fragt ber Bursche vom Bierfaß herunter. „ , . , Unb in bem Augenblick geht ber Lärm auf ein neues an. Wie auf Kommanbo fingen alle zu gleicher Zeit: „Schenkt's mir amal was boarisch ein! Boarisch woll'n wir luftig fein, Schenkt's mir amal was boarisch ein, Boarisch woll'n wir sein!" Den Kraus packen brei ober vier und schieben ihn voran, und gleich schieben noch ein paar mit, und vor er richtig umschaut, fliegt der Polizeidiener in den Hausgang vom Rappenbräu hinein, und vom Hausgang in die Gaststube unb von ber Gaststube in bie Küche. Hedt's ihn gut auf!" schreit einer zu ben Weibsbilbern hin, „benn wenn er nochmal raustommt, könnt's leicht (ein, daß er zerbrochen wird." , , , . m, , Der Kraus hat nicht daran gedacht, noch einmal auf den Platz zu gehen, denn er hatte seine Pflicht schon erfüllt und betrachtete sich für kampfunfähig und gefangen. Bis jetzt war eigentlich nichts geschehen; aber in bem Augenblick, wo es acht Uhr schlug, ging es wie auf Befehl über bas Rathaus her. Auf bie Stunbe war bie Versammlung angesetzt, unb die Burschen haben geglaubt, daß fie jetzt die preußischen Offiziere erwischen konnten. Natürlich war überhaupt keiner in Diirnbuch, aber cs war allgemein gesagt in der ganzen Gegend. Also die Kannibalen stürzen über die Stiege hinaus und nehmen den Gemeinbeschreiber bei ber Gurgel. „Wo sinb die Preußen?" „Heraus damit!" „Es sind keine Preußen da! Tut mir nichts, ich hab Weib und Kind!" „Kerl, wenn wir sie finden, bist du auch hin!" Die Haufen verteilen sich und suchen das ganze Haus ab, treten Türen ein, reißen Schränke aus, werfen die Akten herum, zerschlagen ine Fenster, johlen und brüllen. Jetzt hätte die Bürgergarde einschreiten müssen. Der Messerschmied Simon, der als Leutnant dabei war, hat sich ein Herz gefaßt unb ist aus seinem Hause heraus unb zum Buchbrucker Schmitt in bie Kirchgasse gelaufen. Denn ber Schmitt war Kommanbeur, unb alles mußte auf feinen Befehl geschehen. m Revolution! Revolution!" schreit ber Simon unb reifet an ber Glocke. Die" Türe wirb vorsichtig aufgemacht, unb ber Schmitt, Gott hab ihn und auf dem Schlachtfeld Um kommen." Er hat seinen Tschako abgenommen die Polizei Heimgenomnien. „Viktoria!" schreit der Messerschmied Verantwortlich: vr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitä ts^Vuch. undSteindruckerer.L. Lange, Sieben. selig, steht im Schlafrock da und zittert wie im Frostfieber. Aber der Simon war ein martialischer Mensch, wie jeder weiß, der ihn kennt. Er macht die militärische Ehrenbezeugung und sagt: „Ich melde gehorsamst, Herr Major, in der Stadt herrscht Aufruhr! Die Bauern stürmen das Rathaus!" „Wir sind alle sündige Menschen", sagt der Schmitt, „um Gottes willen, Simmerl, glaubst du, daß sie jeden umbringen, oder bloß die Magistratsrät?" „Ich bitte den Herrn Major gehorsamst um Befehl zum Marin!» „Sei so gut, Simmerl! Ist der Spektakel nicht schon arg genug? Jetzt wird der Messerschmied Simon zornig. „Schmitt," sagt er, „du weißt, daß es bei Revolutionen allemal über die Druckereien hergeht; wenn du jetzt nicht gleich deine Uniform anlegst und mitgehst, dann können sie von mir aus dein Geschäft demolieren? Und das war auch richtig. Wo man von einem Aufstand was zu lesen kriegt, steht immer dabei, daß Druckereien erstürmt worden sind. Der Schmitt hat das selber gewußt, und er ist in Gottes Namen mit dem Simon gegangen, aber er hat noch nie so schwer an seinen Epauletten getragen, wie diesmal. .. Auf der Gasse sagt der Messerschmied wieder ganz militärisch: „Herr Major sammeln vielleicht das Korps in der obern Stadt, ich alarmiere am Kühberg, und meine Rotten stoßen mit den Ihrigen am Marktplatz zusammen, dann ist der Feind in die Mitte genommen.' „Simmerl, sei g'scheit und bleib bei mir!" Aber der Messerschmied Simon fragt barsch: „Befehlen der Herr Major, daß Bajonett aufgepflanzt wird?" .... „Tu was d' magst", seufzt der Schmitt. „Mit dir komm ich heut noch ins Unglück." Und er schleicht langsam an den Häusern vorbei. Der Simon rennt wie ein Feuerreiter in die untere Stadt. Er holt seinen Stabstrompeter, den Schuhmacher Batz, und läßt ihn Alarm blasen. Der Batz ist nicht faul und schmettert sein Signal durch die Wäschergasse und die Kreuzstraße, über das Petersberg! und überall. Aber kein Mensch kommt heraus. Im Gegenteil, wo der Batz mit seiner Trompeten sich hören läßt, schließen die Bürger ihre Fensterläden und verrammeln sie von innen. Jetzt rasselt auch eine Trommel. Ein Geselle vom Schmied Kasenbacher ist gehorsam auf den Alarm erschienen und schlägt auf das Kalbsfell los. Rataplan! Rataplan! Die Spielleute tun ihre Schuldigkeit, aber von der Mannschaft läßt sich keiner blicken. Am Kühberg wohnt der Büchsenmacher Weinzierl. Das ist ein erprobter Scharfschütz, und ein tapferer Mann, aber leider sind auch bei ihm Fenster und Läden zu. Der Messerschmied Simon ist wütend. „Hans!" schreit er, „komm heraus!" , „Warum?" fragt der Weinzierl durch das Guckloch im Fensterladen. „Ja, hörst du denn nichts von dem Spektakel? Alarm wird geblasen. Die Bauern sind über uns." „Ich schieß bloß auf die Preußen", sagt der Weinzierl und gibt keine Antwort mehr. Der Simon hält Kriegsrat. „Ich habe dem Herrn Major versprochen, daß ich mit meinem Hilfskorps zu ihm stoße. Wenn ihr mitgeht, ist's recht; sonst gehe ich allein hin." Der Batz und der Schmied Maxl standen aber fest zu ihrem Leutnant. „Nur", sagte der Schuster Batz, „keine Attacke können wir nicht machen, denn wir sind zu wenig, und mit einer Trompeten kann man den Rammeln die Köpfe nicht einschlagen." „Wir machen eine Streifpatrulle", erklärte Simon, „ und schleichen uns an den Feind heran. Wenn die Sternbräustiege frei ist, kommen wir gedeckt hinauf, und dann sehen wir schon, wie es weiter geht." Die drei liefen schnell am Alzufer hinauf und hatten das Glück, daß unterwegs noch der Zimmermann Heiß zu ihnen stieß, der ein Pionier bei der Bürgergarde war und mit der Axt ausrückte. Vom Fluß weg geht direkt eine überwölbte Stiege in den Hof des Sternbräu, wo man dann mitten am Marktplatz war. Der Batz schlich voran, hinterdrein der Simon, dann kamen die andern zwei. Es war niemand um den Weg, denn beim Sternbrau war das Tor geschlossen; aber im Hof stand der Bezirkskommandeur, Oberst Hingerl mit Namen, und sein Feldwebel war bei ihm. Er wollte die Kontrollversammlung bei dem Tumult nicht abhalten und blieb in seiner Wohnung, und das war sein Glück. Denn wenn ihn die Kannibalen im Rathaus gesunden hätten, wäre wahrscheinlich ein Unglück passiert. Er sagte aber, er werde schon noch mit den Herren Zusammentreffen, wenn ihnen der Rausch vergangen wäre, und es ist auch ein paar Wochen später so gekommen. Also jetzt stand er im Hof vom Sternbräu und machte ein fuchsteufelswildes Gesicht. Den Messerschmied Simon, der ihn militärisch grüßte, fuhr er gleich an: „Wer sind Sie?" , Melde mich zur Stelle, Leutnant Simon vom Landwehrbataillon. ,'So? Von den Hasenfüßen? Ihr benehmt euch schön und laßt die besoffenen Lümmel die ganze Stadt auf den Kopf stellen!" Zu Befehl, Herr Oberst, ich tu meine Bürgerpflicht, und will mit meinem Korps zum Major Schmitt stoßen, daß wir die Ordnung Herstellen." _____________________________________________ „«.nuuu! wv Simon, „wir haben sie! Jetzt schnaufen wir aus, und dann wollen wir unfern Brüdern zu Hilf- schau gehalten. Der Platz hat grauslich ausgesehen; Maßkrüge und Scherben imo herumgelegen, Bierlachen sind überall gewesen, und auf dem Pflaster unterm Rathaus war alles voll Glasscherben und Papier und Aktendeckeln. Jetzt sind aber in allen Häusern die Fensterläden zurückgeschlageii worden, und die Leute haben herausgeschaut und dem Simon ein Bravo zugerufen. . Den tapferen Messerschmied hat es gefreut, und er hat militärisch mit dem Säbel gedankt. „Aber", hat er gesagt, „das ist nur der erste Sieg; der schwerere kommt noch." Indem pfeift der Rappenbräu-Martl und winkt dem Heiß. „Was willst?" „Da geht's her. Nehmt's euern Major mit!" „Was für einen Major?" fragt der Simon. Jetzt erzählt ihm der Marti, daß der Herr Major Schmitt sich in den Rappenbräu geschlichen und überhaupt kein Gros gesammelt hat. „Ist er noch drin?" fragt der Simon. „Und wie!" lacht der Marti. „Schaut's ihn nur an." Sie gehen durch die Gaststube in die Küche, und da macht der Hausknecht die Speistllr auf, und richtig sitzt der Herr Major Schmitt neben dem Polizeidiener Kraus auf dem Anrichttisch, und sie schauen grasgrün vor lauter Angst, wer denn kommt. . „Ah, du bist's, Simmerl!" ruft der Major, „Gott sei Dank, ich M schon was anderes geglaubt." Aber der Simon sagt kein Wort; er macht einen Schritt vorwärts und haut seinem Vorgesetzten eine Watschen herunter, daß er unter den Tisch gefallen ist und sozusagen betäubt war. Das ist die Geschichte von unserer Dllrnbucher Revolution, welche si-> Anno 67 durch den Preußenhaß zugetragen hat. Die Bauernburschen sind Hinterher bös eingegangen; die Rädelsfuyrei sind ins Zuchthaus gekommen. Viele haben als Soldaten zweiter Rlom in Ingolstadt Sand schieben müssen, und die anderen haben in oen Kasernen auch nicht das schönste Leben gehabt. Die Bürgerwehr ist bald -nachher aufgelöst worden, weil Thron und Altar jetzt anderweitig geschützt sind. ,, o Aber der Buchdrucker Schmitt, Gott hab ihn selig, ist acht -Jam später doch noch in der Majorsuniform in den Sarg gelegt worden. -Wenn er hat es ausdrücklich fo gewünscht. _ „Ist das Ihr ganzes Korps?" fragt der Oberst und schaut den Tromm- (er an und den Trompeter und den Pionier. „Das Gros befehligt der Herr Major Schmitt", sagt der Simon, der auf unsere Dllrnbucher Garde nichts kommen lassen will. „Wo steckt denn Ihr tapferer Kommandeur? Ich höre und sehe nichts von ihm." „Er flankiert den Feind und bricht hinter der Kirche vor. „Also frisch drauf los!" ruft der Oberst. Aber der Messerschmied Simon war ein besonnener Mensch, der feine Truppen nicht blindlings aufs Spiel fetzte. „Zuerst müssen wir rekognoszieren", sagte er, „und uns mit dem Gros verständigen." Er ging bis ans Tor, und der Pionier Heiß mußte die Axt emklem- men, daß man eine Spalte hatte, durch die der Batz als der längste Umschau hielt. Vom Marktplatz herein hörte man nur mehr einen schwachen Spektakel, denn in der Zwischenzeit waren die meisten Burschen schon abgezogen. Wie sich im Rathaus kein Preuße finden ließ, marschierten sie im die Ludwigsstraße ans Bezirksamt und schmissen die Fenster ein und liefen dann johlend auseinander. Auf dem Marktplatz blieb nur ein schwaches Dutzend zuruck und soff das Bier aus. Jedoch davon wußte der Simon noch nichts, und er ließ den Baz scharfe Umschau halten. „Was ist los, Batz?" „Bei der Mariensäule hocken etliche Burschen, und daneben sind anbere, und sie schreien immer noch." „Das hör ich selber. Aber siehst du nichts vorn Major? „Nein, da sieht man gar nichts" „Schau an die Kirche hin. Zum Seifensieder Gurnpold. Aus der Gasse müssen sie kommen." „Nein. Man sieht nichts." . „Heiß, druck fester an, daß der Spalt größer wird! Jetzt schau, genau hin!" „Man sieht keinen Menschen nicht." „Kreuzteufel, was ist das? Dem Schreien nach sind nicht mehr via. Burschen auf dem Platz?" „Es sind höchstens noch zehn ober zwölf." „Sann ist der Herr Major ben Lackeln nachgerückt. Wir muffen hinaus." „Jawohl und rasch!" rief der Oberst. „Nur Zeit lassen!" kommandierte der Messerschmied Simon. „Du,. Heiß, schiebst den Riegel zurück, aber stad, daß man es nicht hört! Bah, und Schmied Maxl, ihr bleibt hart neben mir, und schreit's recht! So, jetzt: das Tor geschwind auf! Hurra! Hurra!" Die vier stürzten hinaus. Wie die Burschen das Feldgeschrei hören,, packen sie zusammen, und auf Und davon, was sie taufen können. Zwei sind in der Besoffenheit liegen gblieben, die hat dann hinterher