Jahrgang <951 Montag, den 2\. August Nummer 66 Widerschein von Landregen. Von Wilhelm Schüssen. Der Regen fällt so grau ins Gras Die ganze liebe, lange Zeit, Und jedes Blättlein nickt und tickt. Und in den Lüften webt etwas Wie Fäden aus der Ewigkeit, Mich einzuspinnen hergeschickt. . ' i Wolke zu Wolke wirft. ,Es will auf di« Nacht warten", sagt das Mädchen und hebt die Hand Furcht. Novelle von Hans Friedrich B l u n ck. „Die Kinder haben noch Durst", sagte der Bauer, „das macht das hochkommende Gewitter." Die Magd steht auf und geht in die Küä)e, um Milch zu holen. Der junge Steenbock sieht ihr nach, er lächelt, weil seine Frau lächelt und beide vermeiden es, den Bauern anzusehen. „Die kann auspassen", prahlt der alte Steenbock. Er muß die Magd rühmen, er ist ein rechtlich denkender Mann und fürchtet, fein Sohn und dessen junge Frau könnten etwas Abfälliges vorbringen. Er weiß auch, beide überlegen jetzt: Wie steht sie mit Bater? Aber sie brauchen sich keine Sorge zu machen, er wird ihnen ihr Erbteil nicht schmälern! Anna Fehrs kommt mit einer großen Kumme voll Milch zurück und gießt schweigend den Kindern ein. Sie weiß, man hat über sie gesprochen, während sie draußen war; das ist meist so, wenn Menschen zusammen sind und einer geht. Aber sie tut, als ginge es sie nicht das Geringste an; sie ist nicht befangen, dafür sah sie zu viel vom Leben. Selbstsicher und freundlich sorgt sie für die fremden Menschen, die zu Besuch kamen. Aber insgeheim wartet sie auf den Augenblick, wo sie wieder gehen. Das Gewitter wird es machen; es kann auch fein, daß sie selbst niemand neben sich und dem Bauern wünscht. Das Schweigen wird unbehaglich. Der alte Steenbock fragt den Sohn nach Stadt und Beruf, obschon er alles weiß. Die junge Frau antwortet für ihn. Sie ist höflich und gut, sie will zeigen, daß sie den Vater ihres Mannes liebt, obwohl sie aus einer städtischen Familie aufwuchs. Sie ist auch eine gute Mutter, sie strahlt über ihre beiden Kinderchen und erzählt dem Großvater kleine drollige Beobachtungen, die die zwei zuwege brachten, lieber die Stare etwa, die unter den Schindeln hausen und mit riesigen Maden einfliegen wollten, aber zunächst die Kinder fortzuschrecken eien, um ihr Nest nicht zu verraten. Oder über die Wasserrose: Die me badet, nicht wahr, Mutti? Sie haben offne Augen, sagt der Bauer froh, er sieht die Enkel an und begreift nicht, wie er ernsthaft an Anna Fehrs denken konnte. Nun, man ist noch rüstig, man hat mitunter ein schmerzliches Gefühl darüber, daß der Hof in andere Hände geraten wird. Aber er hat seinem Sohn damals selbst zugeraten, etwas anderes als Bauer zu werden; es lag in der Luft, jeder tüchtige Kerl zog in di« Stadt, fein Junge sollt« nicht zurückbleiben. „ , , „ ., . . .. Eine dumme Zeit war's; man weih es heut besser, weiß, daß die meisten arbeitslos verkommen, die in die Großstadt wanderten. Aber sein Junge ist etwas geworden, er ist ein pflichttreuer Beamter und weiß viel über neue Kabel und Fernämter zu erzählen. Und er hat eine gute Frau gefunden, sie ist flink und fleißig und kann wirtschaften. Das Gespräch schleppt sich hin; es ist draußen unerträglich dumpf; es stört auch, daß Anna Fehrs beim Esten zugegen ist aber das gehört sich nun einmal so, man kann sie nicht in die Küche schicken. Außerdem hat man ausgeredet; bei jedem Besuch berichtet der Junge, welche Plane sein 'Postrat hat, bann bewundert die Frau alles Getier und fuhrt ihre Kinder durch die Ställe, um die Natur kennenzulernen, wie sie sich ausdruckt. Danach schläft die Unterhaltung langsam ein. Vom Hof wollen die Jungen nicht viel wissen; sie hören höflich zu, aber sie sind aus einer andern Welt. ,... .... „Wann kommst du nun mal wieder", fragt der Bauer schließlich man muß an den Zug denken. Er merkt, wie Anna Fehrs unruhig ausfahrt. Äast wünschte er selbst, daß Zeit dazwischen tage; er furchtet er plagt seinen Jungen mit diesen Besuchen, obwohl der es ihn nie merken lasten wird. Wie fremd man einander wird! . _... „Es donnert", sagt die Magd und steht auf und geht vor die Tur Der Bauer zieht die Uhr. „Ihr müßt euch beeilen, wenn ihr trocken ^^"D^reW°die"junge'Mutter die Kinder hoch, sie hat Furcht, auf diesem ^„Vringst0uns an die Bahn, Vater?" Es war noch immer ,0. Mber unter der Tür bleibt der Bauer stehen. »Ich bleibe hier. Er kann den Hof nicht verlassen, wenn ein Wetter bevorsteht, der Junge hatte das missen müssen Es ist als hätte der noch etwas auf dem Herzen, das er stch für den Weg zur' Bahn auffparte. Er schüttelt dem VaterJa^er ata sonst die Hand und bleibt zurück, während Frau und Kinder schon im ersten Wirbelstaub den Weg zum Bahnhof eilen. Da kommt Anna Fehr« vorüber, sie bringt die Laterne in den Stall, es wird sehr dunkel. „Ist alles gut versichert", nickt der Bauer plötzlich böse, ata erriet« er die Sorge des Jüngeren. Aber danach wollte der nicht fragen, er lächelt gutherzig, wirst einen fragenden Blick zum Stall und folgt hastig seiner Frau. / Es kommt ein schlimmes Wetter hoch. Anna Fehrs und der Bauer warten vor dem Tor, ihre Blicke hängen an den blauen Quadern, büv von kleinen weißen Büscheln überflockt, stch im Süden auftürmen. Di« Vögel fliehen zum Nest; eine Drossel lauert und schilt; Schatten senken sich, einer tiefer als der andere, über Hof und Weg. Borwarnend dröhnt es von fern. Die Magd hat noch ihr Sonntagskleid an, das ärgert Steenbock; man weiß nie, wo man zupacken muß. Aber er wirft doch von Zeit zu Zeit einen Blick auf sie; hat sich gut gehalten, obschon sie über die dreißig sein wird. Einer hat sie im Stich gelassen, heißt es, auf den sie lange gewartet hatte, sonst wäre sie nicht unter fremdem Dach. Sein Junge wollt« fragen — man weiß, woran Kinder denken. Gut, daß er nicht gefragt hat, dem Bauern steigt das Blut zu Kopf. Es ist ihm lästig, davon zu wissen. Steenbock zündet sich erzürnt bi« Pfeife an, er sieht in (Bebauten Leute, bie ben Hof besehen unb barauf bieten wollen. Das kann noch lange dauern, droht er ihnen; er ist rüstig, er kann noch zwanzig Jahre durchhalten, wenn's not tut. Was wollt« der Junge fragen? Wieder dies ferne Rollen, das nicht näherkommt. „Ist nicht viel Waffe« im Teich", sagt das Mädchen, „woher soll man’s holen?" Der Hof steht hundert Jahr! Bildet sie sich ein, es könnte heute ein* schlagen? Aber es tut wohl, daß sie sich Sorgen macht. Steenbock nimmt die Pfeife aus ben Zähnen unb weist stillschweigenb zu ben Eichen hin* über. Sie versteht, bie fangen jeben Schlag auf; aber sie hat boch im Frühling gesorgt, baß der Blitzableiter nachgesehen wirb, sie sichert liebe« doppelt, wie alle Frauen. Jetzt stürzt ein weißer Stich priemenscharf aus dem Gewölk; st« horchen, ber Donner läßt auf sich warten. Das Warten quält ben Bauern. Immer wieber glimmt bei aufziehenbem Wetter bie Furcht um ben Hos! in Steenbock unb babei zugleich bie Angst, was sein wirb, wenn er einmal unter ber Erde liegt; was soll nur werben, wenn eine schlechte Hand auf fein Haus bietet? Er hätte ben Jungen bamals boch bei sich behalten sollen, denkt er oft, so «in Hof will Blut von Blut. Dumpf steigt es in ihm auf; die alte Eifersucht, der Haß auf jeden Fremden ist es. „Da hätten mehr sein müssen, als nur der Eine!" sagt Steenbock halblaut zu sich selbst. Anna Fehrs merkt, woran er denkt, er braucht nichts hinzuzufügen. Sie schweigt, das muß er allein hinunterkämpfen. Obe« will er jener Frau Vorwürfe machen, jener längst Verstorbenen, von ber sie mitunter Silber finbet. Sie möchte einen Grund finden, um in bi« Diele zu gehen, aber es gelingt ihr keiner, und das Dunkel macht FurckA da muß sie neben dem Bauern stehen bleiben. Das Welter tut’s beiden an, ein Wetter, das nicht hochkommt und immer aus der gleichen Höhe murrt und grummelt und blaffen flache« zu ben Bäumen, hinter benen es unbeweglich ruht. Mitunter kommt ei« Staubwinb, baß man langsamer atmet. Wenn's nun aber doch einmal trifft, denkt Steenbock, wenn's eine« etwa über Nacht trifft — nein, es ist keine Furcht babei, es sind nu« böse Gedanken gegen jenen Fremden, der hier einziehen wird, wenn'» einmal zu Ende ist. Hat er nicht oft genug daran gedacht? Aber immer mit Haß ober auch mit Angst wie heute. Der Bauer kommt nicht bavo« los, er klammert sich ans Leben — nein, nicht ans Leben, an biefen HH ber Blut aus ihm trägt, bem er Blut aus sich zum Herrn geben muß* als könnte man bas Sterben baburch betrügen. Erst wenn ein Fremde« hier einzieht, stirbt der Bauer — daß man so selten daran denkt! Selten?, Zu spät denkt man daran, ift’s nicht schon zu spät? Wie man sich festgrübeln kann! Das macht das Wetter oder es ist ber Besuch bes Jungen, ber alles längst wie fertig und abgemacht ansieht — ober ift’s bie junge Frau, ober — Steenbock stöhnt auf, als blickt« er in ein Gespinst von Betrug, mit bem er sich selbst umstrickte. Was hat er boch? Die Angst steigt ihm bis in bie Schläfen. Kein Fremder, denkt «r stöhnend, sein eigen Blut soll's sein! Er hämmerte den Hof, wie er ihn vom Vater übernahm; er muß zeugen, wer nach ihm kommen soll. In einer Furcht, größer ata irgendeine, bie ihm je im Leben begegnete^ klammert er seine Vorstellung an biefen Hof, auch über bas Leben hinaus. Was fragte fein Junge? „Er hat Angst", sagte ber Bauer laut unb nickte zum Bahnhof hinüber, „er hat Angst, ich könnte noch mal heiraten, Anna." Steenbock breht sich um. „Was meinst, kannst ja brüber nach- benten”, sagt er heiser unb schreitet ins Dunkel ber Diele, wie um stch vor jemanbem zu verbergen. Siebener tfamilicnblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Horoskop der Königin. Von Liesbet Dill. (Nachdruck verboten.) Drei Horoskope liegen vor mir: das Alexandras, der letzten Zarin von Rußland, von M a r i e - A n t o i n e t t e und von Charlotte von Mexiko. Alle sind sich in einem Punkte ähnlich, indem sie auf em gewaltsames und qualvolles Ende Hinweisen. Man könnte einwersen, daß man das leicht behaupten kann, nachdem das Leben das letzte Wort gesprochen und sich ihr Schicksal vor den Augen der Welt erfüllte, aber das Horoskop ändert sich nicht. Es wird nach den Zeichen der Geburt bestimmt und bleibt bestehen für immer. Was dieses Horoskop dem enthüllt, der seine Zeichen zu entziffern versteht, behält Geltung für olle Zeiten. Und das Leben und Ende dieser Menschen liegt klar ausgezeichnet vor uns. Was die Zarin von Rußland betrifft, so hatte das Schicksal diese kluge, sehr konservativ eingestellte Frau, die unbeeinslußbar in ihren Anschauungen war, mit den starken, asketischen Neigungen, einer tiefen Abneigung vor Geselligkeit und prunkenden Festen, nicht für einen Thron bestimmt (nach I. Naumann und dem Horoskop). Sie hielt diese repräsentativen Feste schon körperlich schwer aus und litt unter einer ihr feindseligen Umgebung. Ihr Sinn war auf ein glückliches Familienleben gestellt. Sie fühlte sich am wohlsten, wenn sie abends mit dem Zaren allein war und sie sich vorlasen oder sie, wie eine Bürgersfrau, mit einer Handarbeit bei ihm saß. Sie kümmerte sich um ihre Kinder wie jede gute Mutter, oder mehr als diese durchschnittlich; sie hat sie zeitweise sogar allein unterrichtet. In Gesellschaft war sie weder gewandt noch geistvoll und, für die Oeffentlichkeit völlig ungeschaffen, fühlte sie sich unter vielen Menschen beobachtet und belastet von unerträglicher Schwere und war durch die feindselige Umgebung, die ihr teils schmeichelte, sie teils verleumdete, mißtrauisch und unsicher geworden. Das, was man ihr vorwerfen kann, ist wohl, daß sie sich schließlich in die Politik gemischt hat und den schwachen Zaren — der sein Schicksal lange vorausgeahnt und der wußte, daß eine Auflehnung dagegen zwecklos war — zu Eingriffen beeinflußt hat, die für ihn und sie und dem Land verhängnisvoll geworden sind. Das Zeichen der Zwillinge verlieh ihr die große, schlanke Gestalt, das rotgoldene Haar, den tiefen, strahlenden Glanz ihrer magischen Augen, die man niemals vergaß. Sie war intellektuell eine sehr hochstehende Frau und beherrschte mehrere Weltsprachen. Mond und Mars, die beiden unruhigen Planeten, geben Ruhelosigkeit, Raschheit und Oberflächlichkeit. Die Besetzung ihres Merkurs dagegen vertiefte diese Besinnlichkeit zur zeitweiligen pedantischen Gründlichkeit und gab ihr eine praktisch reale Lebenseinstellung, Vorsicht und Diplomatie, das Zeichen des Stiers, Trigon und Saturn den Ernst und die Ausdauer. Sie war außerordentlich zielbewusst und zwang ihren Gatten, sich als Autokrat zu zeigen; sie war sehr fromm und glaubte, daß ein Herrscher von Gott eingesetzt sei. Das Stierzeichen in ihrem Horoskop bewirkte ihre Selbstsicherheit und das Steinbockzeichen zeitweilige Rücksichtslosigkeit, von der Stellung des Mars auf ihre Aszendenten noch erhöht. Sie hatte marsische Energie und marsi- sches Feuer, scharfe Kritik, Urteilskraft und Organisationstalent. Jedoch standen Sonne und Mond unter ungünstiger Saturnbestrahlung. Und unter diesem Saturneinfluß stand ihr ganzes Leben und verlieh ihr den melancholischen Einschlag, unter dem sie selbst am meisten gelitten hat. Sie wurde von vielen für kalt und gefühllos gehalten wegen ihrer großen Zurückhaltung. Wenn sie lächelte, blieben ihre schönen, tiefgrauen Augen immer ernst, ihre Züge streng. Ihre Schönheit flöhte Bewunderung ein, aber sie wärmte nicht. Ihre leidenschaftliche Liebe zu dem Zaren, die er in den ersten Jahren nur sehr zurückhaltend und zeitweise erwiderte, äußerte sich am leidenschaftlichsten und hemmungslosesten in ihren Briefen, die sie ihm ins Feld schrieb, als ihr Herz schon von dunklen Ahnungen erfüllt war, als die Angst um den einzigen Sohn die beiden Eltern enger zusammenschmiedete, als der Thron zu wanken begann und es um sie beide immer einsamer und leerer wurde und sie darauf mit Entsetzen sah, wie allein sie beide dastanden. „Sei Peter der Große, Iwan der Schreckliche — zermalme sie unter Siri" Das klingt grausam; sie war es nicht, sie wußte nur, wie schwach ihr „Niky" war, wie sehr er unter dem ihr feindseligen Einsluß der Umgebung stand. Es war die Macht der Verzweiflung, die ihr solche Worte eingab. Sie wollte ihm den Thron erhalten. Ihr Horoskop deutet schon auf kein starkes Nervensystem. Das der Zarin war den Schicksalsschlägen nicht gewachsen, die sie erlebte. Sie war zeitweise wie gelähmt in ihrem Denken und zog sich von den Menschen zurück, um mit sich und ihrem Gott allein zu [ein. Zeiten tiefster Depression hat sie durchgemacht. Die Enttäuschungen der ersten Geburten, als sie es nicht vermochte, dem Lande einen Kronprinzen zu schenken, nur Töchter und Töchter, die Krankheit des einzigen Sohnes, dann Krieg und Revolution. Schon lange hatte sie, ihre angegriffene Gesundheit vorschützend, sich von den Hosfestlichkeiten zurückgezogen, und so waren Zar und Zarin allmählich vereinsamt. Ueber dem „Haus der Vergnügungen, Geselligkeit und Spiele" herrschte der strenge Merkur, der Zurückgezogenheit, Verzicht und Askese ausstrahlt. Durch die Saturnwirkung fühlte sie sich gehemmt und unglücklich. In Hessen liegt ein altes Schloß, wo die Zarin im Sommer zuweilen mit ihrer Familie wohnte. Wenn man dieses einfach eingerichtete, unbequeme, altmodische Schloß, in der einfachen, flachen Umgebung und den engen Echloßgarten durchwandert, ^greift man kaum, was die Zarin hierher zog. Ihr Hang zur Einsamkeit und Abgeschlossenheit, zur Schlichtheit der Umgebung war es. Hier konnte sie zu Fuß zur Stadt gehen, mit ihren Kindern einen Laden betreten; hier hatte sie in ihrer Jugend als glückliches Kind gelebt und hierher zog es sie immer wieder zurück, obwohl ihr genug glänzendere Schlösser zur Wahl offen standen. Empfänge und alles öffentliche Zur-Schau-gestellt-sein waren ihr eine Qual. Schon ihre Hochzeitsseierlichkeiten waren von unglücklichen Ereignissen begleitet — und erinnerten an den Unglückseinzug Marie-Antoinettes in Paris —, als durch ungenügende Ueberwachung auf dem Chodynskischen Feld 2500 Menschen im Gedränge umkamen und zertreten wurden. Man sah darin kein gutes Vorzeichen. Ihre ersten Jahre am russischen Hof waren schwer. Kalt und feindselig stand der russische Hof der deutscher, Prinzessin gegenüber; ihre ersten Briefe an die Gräfin Rantzau klangen verzweifelt. Es dauerte lange, bis sich Alexandra durchzusetzen verstand gegen die viel gewandtere Schwiegermutter, die alte Zarin, gegen den ganzen Hof, und bis sie sich die Liebe des kühlen Zaren erobert hatte und ihn für sich allein besaß. Erst in der Gefangenschaft fanden sich die Gatten (wie Marie-Antoinette mit Ludwig XVI.), als ihnen die schweren Kronen vom Haupt genommen waren und sich die Türen des Gefängnisses hinter ihnen geschlossen hatten. Merkur im zwölften Hause beweist ihren Hang zum Mystizismus. Als auch noch Rasputin auftritt, dem es gelang, durch Suggestion ihrem Sohn das Leben zu retten, ist sie diesem Bauern verfallen. Von seinem wüsten Leben weih sie nichts, an seine Sünden glaubt sie nicht; er hat ihren Sohn zweimal vom Tod gerettet, indem er feine Hand auf die Stirn des Kindes legte. Der Mutter ist das genug. Sie hört nicht auf die Warnungen der Umgebung. Sie verehrte in ihm den Retter ihres Kindes. Da sich Rasputin ihr gegenüber zufammennahm und in ihr stets die Kaiserin achtete, konnte sie von seiner Zwitternatur nichts ahnen; die Anschuldigungen hielt sie für Neid. Auch von dem Zaren liegt ein Horoskop vor. Es ist schwach besetzt von glücklichen Sternen und sehr eigenartig für einen Fürsten. Er war unter dem dienenden Zeichen der Jungfrau geboren, also nach (einer Natur nicht zum Herrscher bestimmt. Die Führerzeichen Widder waren verletzt und geschwächt. Das erklärt seine Unsicherheit, daß er leicht verstimmt, mißtrauisch und schwankend war. „Du und Rußland sind eins", schrieb die Zarin in ihren überschwenglichen Liebesbriefen nach zwanzigjähriger Ehe an ihn. Aber er glaubte nicht daran. Saturn, der Herr seines fünften Hauses, machte ihn schwerblütig, Frauen gegenüber unfähig zu Liebschaften während seiner Ehe. Sein Horoskop deutete zwar „Neigung zu Freundschaften" an, doch seine kurze, wärmere Freundschaft zu der in ihn verliebten Hofdame, auf die die Zarin fehr eifersüchtig war, wurde von Alexandra rasch beseitigt. Und was man auch von der Umgebung unternahm, ihm andere schöne Frauen in den Weg zu führen — er blieb kalt und seiner Gattin treu. Auch diese eheliche Festigkeit liest man aus seinem Horoskop. Die starke Planetenbesetzung des okkulten 8. Hauses und des okkulten Krebszeichens ließen den Zaren fein Schicksal ahnen. Jupiter, mit dem Mond verbunden, gab ihm religiöses Schauen. Er erlebte [eine Geschichte im Unterbewußtsein schon lange vorher. Er trug sie mit sich, ehe er am 17. Juli 1918 nach Mitternacht von Sowjetsoldaten geweckt wurde zu seiner Erschießung. „Ich habe kein Glück", war seine tiefste Uebergeugung, von der ihn kein Ereignis und kein ehelicher Sonnenschein ablenken konnte. In seinem Lächeln lag immer etwas Schmerzliches und in feinen Augen die tiefe Uebergeugung, daß er zu schweren Prüfungen bestimmt war... Man sagt, daß das Schwerste für Alexandra gewesen sei, als sie hörte, der Zar habe abgedankt. Ihr stolzes Herz bäumte sich dagegen aus, eine Entthronte zu fein. Ihre Gefangenschaft ertrug sie ohne Klagen. Saturn als Schicksalsplanet und Herr des Todeshauses in schlechter Bestrahlung brachte der Zarin ein bitteres Ende in Gefangenschaft und den gewaltsamen Tod. Eine «-Arche Noah" wird ausgeladen. Von Paul E i p p e r. Im Mai 1929 wandte sich das sranzösische Kolonialministerium durch eine Mittelsperson an Carl Hagendeck in Stellingen, bat um Pläne für einen modernen Tierpark auf der Pariser Koloniälausstellung. Es ist verwunderlich, daß Frankreich damit an eine deutsche Firma herantritt; doch der Eingeweihte weiß längst, daß Deutschland aus dem Gebiet der Tierhaltung konkurrenzlos ist, und daß niemand auf der Welt besser einen zoologischen Garten bauen kann, als die Söhne des alten Carl Hagendeck, der zu Beginn dieses Jahrhunderts der Tierhaltung völlig neue Wege gewiesen hat. Im Südosten von Paris erstreckt sich das Bois de Vincennes, und dort wurde ein 33 000 Quadratmeter großes Gelände für jenen Park bestimmt, der im Rahmen der Koloniälausstellung die Fauna der Tropen zeigen soll. Verschiedene Versuche, mit französischen Kräften die Aufgabe zu löfen, mißlangen. Ende Oktober 1929 unterbreitete Hagendeck Plan und Kostenvoranschlag für die Bauten und die Tierlieferung, sandte auch ein plastisches Modell der gesamten Anlage nach Paris. Neun Monate zogen sich die Verhandlungen hin; denn riesenhafte Summen standen auf dem Spiel; allein die monatlichen Futterkosten wurden mit etwa 10 000 Mark angesetzt. Wenn auch der Park nur für die Dauer der Ausstellung, also ein halbes Jahr, bestehen sollte, so mußten die Freianlagen und Tierhäuser doch mit Rücksicht auf die Sicherheit stabil gebaut werden. Am 18. Juni 1930 wurde der Kontrakt geschlossen. Er sah vor: ein Plateau für Elefanten mit einer großen Badegelegenheit; zwischen Felsen eine offene Weide für Giraffen; eine Steppe mit Wasserlauf für Antilopen, Kraniche, Büffel, Strauße und Zebras; einen Vogelteich; eine nach drei Seiten offene Löwenschlucht und einen riesenhaften Felsen für 150 Mantelpaviane. Auf Nashörner, Flußpferde, Robben und Mähnenschafe mußte verzichtet werden. Im Herbst wuchsen die ersten Freianlagen hoch. Fast eine halbe Million Reichsmark beanspruchte der Bau dieses kleinen Tierparadieses, bcis einen Monat vor Eröffnung der Ausstellung, im Frühjahr 1931, fertig’ gestellt war. * Wer von Ihnen allen, die Sie diese Zeilen lesen, kann sich einen Begriff vcn jenen abertausend Handgriffen machen, die nötig sind, um eine „Arche Noah" auszupacken? Ich bin, vierzig Minuten Mittagspause ausgenommen, unentwegt tätig, habe mitgeholfen so gut es ging, ["M weil das Zusehen auf die Dauer peinlich ist. wenn alle Mitarbeiten. Da Ich werde abgerufen, muß beim Aussetzen der Antilopen helfen, den Zugelefanten holen, weil wir die großen Elenantilopenkisten etwas ,,geschoben" haben wollen. Zwar ist es erstaunlich, wie die Last eines solchen Behälters aufgehoben werden kann durch zwei richtig untergesetzte Holzrollen, aber solch ein Elefant schiebt eben doch schneller als acht Menschen. Durch einen kleinen Stoß mit dem Stiefelabsatz werden die Rollen dirigert, so daß die holpernde Kiste sich plötzlich in einer Kurve weiterbewegt, haargenau bis an die Pforte, die zum „Steppengelände" führt. Dann werden die Deckel aufgemacht und Gnus, Blehböcke, Zebras, Büffel und Oryx stapfen, trippeln, poltern und springen in ihre Freiheit, sie haben eine große, langgestreckte Weide mit schattenspendenden Bäumen, und oom benachbarten Sumpfgebiet der Wasservögel her zieht sich der Bach durch das Gehege. Deshalb laufen auch Jungfernkraniche, Störche, Perlhühner zwischen den Antilopen, machen das zoologische Bild noch bunter. Schließlich setzen wir sechs große Strauße dazu, sparen uns dabei das Hinrollen der Kisten. Mitten im Weg wird solch em Kasten aufgemacht, zwei Wärter greifen blitzschnell zu, jeder packt einen Straußenflügel, und nun toben sie mit dem lebendigen Transportstiick los, werden oft oom Riesenoogel zur Seite gerissen, schwanken im Zickzack, aber ihre Fäuste lassen nicht locker, und endlich führen sie den Strauß doch dorthin, wo künftig seine Behausung ist. Dieses Transportieren steht höchst gefährlich aus, und der Anschein trügt keineswegs; denn wenn die Manner ungeschickt wären, sich nicht trotz aller Turbulenz oorsehen würden, könnte der Zehensuh dieser Laufoögel ihnen wohl das Bein abschlagen. Inzwischen schassen zwei andere Stellinger mit zwanzig französischen Hilfskräften die hundertfünszig Asfenkisten nach dem Schlafhaus der Paviane, das in den großen Kletterfelsen eingebaut ist. Die Assen sollen im gedeckten Unterkunftsraum erst einmal zur Ruhe kommen. Das Löwenplateau wird durch eine vier hundertzwanzig Quadratmeter große, nach drei Seiten offene Terrasse gebildet, die oberhalb der 2Inti= iopenfteppe, dem Vogelteich und der Flamingowiese aufwuchtet Bunt prangende Pflanzenanlagen verdecken die sechs Meter tiefen und acht Meter breiten 2lbfperrungsgräben; cyklopenartig türmen stch im Hmte^ gründe rötliche Felsblöcke zu einer Höhlenschlucht. Aber noch habe ich keine Zeit, diesen Anblick ästhetisch zu genießen. Zu dreien bauen wir aus den mitgebrachten Eisengittern einen Laufgang vom Raubkierwagen ins Innere des Hauses, setzen kleine Kisten zu einer Sreppe zusammen bis an den ersten Käsig, und als nach vier Stunden Arbeit dieser Gikter- lunnel fertig ist, ziehe ich den Eisenschieber hoch. Neugierig schnuppernd kommt ein Löwe aus seinem Reisewagen, gleitet in den -lunnelgang und bummelt gemächlich an uns vorbei seinen vorgeschriebenen Weg in Die Sicherheit der künftigen Wohnung. Der nächste hat em hitziges Tempe- rament; er brüllt, flitzt zähnebleckend und nervös den Laufgang hin unö her, schlägt mit den Tatzen und will lange Zeit nicht bie Bahn freigeben 'ür seine Kameraden. Die jungen Löwen fuhren wir die friedliche «traße - sie miauen — mit zärtlichen Lockungen vom Wogen m den Stall und kurz vor der Dunkelheit fitzen auch die sechs großen Schwarzbemahten SeT stane^ Zebrahengst wird von Professor Vogelsang mit Kampferspiritus massiert und durch große Mengen von Medizin gestärkt. Jetzt ist Feierabend. Bis auf die Giraffen einige Gnus und Die Lowen- mutfer find alle Tiere ausgesetzt, wir Menschen aber 311m UmfaUen mube. Am andern Morgen lockt die Aussicht auf ein heimatliches Mittag^- •rot, denn Vater Timm setzt schon um 6 Uhr einen Riesentopf aufs Feuer, Erbsensuppe mit Speck. Zuvor müssen die Giruffen heil in ihrem Gehege sein; das macht viel Mühe, kostet Schweiß »nb Aufregung, benn bic Tiere fühlen sich in ihren warmen, gepokerten SMebojen s° wohl, baß sie nicht herausgehen wollen. Mit Gewalt ist nichts zu machen. Immer wieder hält ihnen der Pfleger ein Gefäß mit Milchreissuppe vors Gesicht, läßt sie ein wenig trinken und versucht bann, rudroarts geßenö, bie Giraffen mitzulocken. Bei zweien gelingt s; bei der dritten ichtieß ich »uch, die vierte weicht und wankt nicht, guckt auch am2Xbenb nocf> Jpo tti f d>- jutmütig zu uns herab, als freue sie sich, uns ein Schnippchen geschlagen Die^mißtrauisch reizbare Löwenmutter und ihre vier Kinder sind auf sonders gesichertem Weg ebenfalls in ihren Wohnraum gekommen, heißt cs „marsch, marsch" von einem Ort zum anderen: jetzt zum Löwenwagen, dort die diplomatischen Verhandlungen unterstützen, damit wir einen einzigen Baum am Wegrand fällen dürfen. Sonst müßten wir nämlich unsere Raubtiere hundertzwanzig Meter vor dem Haus ablaben, ba5 heißt, jeder Löwe wäre einzeln in eine Umsatzkiste zu locken, auf dem Schlitten ins Raubtierhaus zu schleppen und mühte dort wieder aus- geladen werden. Das würde drei Tage Zeit beanspruchen — nach zweistündigem Palaver erlaubt uns der Gartenkommissar, die Axt zu schwingen. Nun alle Mann zum Vogelauspacken! Die Schwäne, Störche, Enten, Pelikane müssen endlich ins Wasser. Eine Kiste nach der anderen wird geöffnet, ich lerne Flamingos tragen; es gibt nur einen Griff „hinter den Schulternblättern", dort, wo die Flügel angewachsen sind. Dann baumelt der lange Hals nach vorn, der wehrhafte Hakenschnabel kann unfern Fingern nicht gefährlich werden, und die dünnen Rohrstelzen der Beine hängen pendelnd abwärts, schlenkern in Lufttritten dicht über dem Boden. Dann halte in Kraniche, indische Enten, Perlhühner, Horn- raben und Pelikane, denen die Schwungfedern etwas beschnitten werden, damit sie nicht allzu weit stiegen können. Immer, wenn ich solch einen Bogel loslasse, hüpft und flattert er von der Steinmauer über den Bachlaus zu jener Insel, wo der Futtertrog steht. Aber das Fressen ist nicht die Hauptsache! Erst werden die Flügel so weit als möglich entfaltet, ein Schlagen der Schwingen hebt an, der ganze Vogel schüttelt stch, hüpft und genießt feine Bewegungsfreiheit. Diese hundertsünfzig tropischen lind subtropischen Vögel werden es besonders gut haben; denn alles, was sie in ihrer Heimat besaßen, sinden sie auch hier: einen Schwimmsee, die trockene heiße Sandbank, Sumps und kühle Schattenhöhlen, Kletterbäume, einen vielfach gewundenen Bach. Noch zwei Vorteile hat dieses von Hagenbeck erbaute „afrikanische Sumpfgebiet": Morgens und abends bringt der Wärter Futter in reichlicher Menge, und Krokodile gibt es hierzulande nicht. die Gnus wälzen sich im Kraal und nehmen ein Staubbad; — wir können mit dem heutigen Tag recht zufrieden sein, kein Tier ist beschädigt. Es regnet leider an den nächsten beiden Tagen immer wieder für Stunden, aber wir benützen jeden trockenen Augenblick, um die empfindlicheren unserer Pfleglinge in die neuen Tieranlagen ju gewöhnen. Ich erlebe mit großer Beglückung die Freude aller dieser Kreaturen an Sonne, Licht und Bewegung. Meine engeren Reisekameraden, die Elefanten, schlenkern, trollen, ja springen vergnügt auf ihrem Sandplateau zwischen den Felsen, scheuern ihre Lederhaut am Gestein, wühlen Löcher in den Boden und blasen sich gegenseitig Staub auf die Stirn. Schließlich entdeckt der Zwerg August das Wasser. Frech und unbekümmert watet er hinein; seine Ätutter Roma trompetet vor Schreck und will ihn zurück- halten. Doch der Elefantensohn hat schon Geschmack am Baden gefunden; er plantscht und spritzt, quietscht und — schwimmt. Was bleibt da der guten Mutter anders übrig, als auch unterzutauchen, das weißliche Grau ihrer Haut naß und dunkel zu machen? Es dauert keine Viertelstunde, bann schwimmen und baden alle fünf Elefanten, vergnügen sich wie übermütige Menschenkinder, trotzdem Roma allein saft hundert Zentner wiegt, halten ihre Rüsselnasen gleich Periskopen hoch und folgen keinem Kommando ihres indischen Wärters, weil dieses lang vermißte Bad schöner ist als jede Futterlockung. Drüben im Schatten der Ulmen und Kastanien stapfen jetzt die vorsintflutlichen Gestalten der Giraffen, zupfen am Gras und lassen sich durch die Straußenvögel nicht stören, die wie im afrikanischen Heimatland zwischen ihnen äsen. Gitter gibt es auch hier nicht; nur ein Absperrgraben, durch Kakteen und Steinpflanzen kaschiert, trennt das Publikum vom Tier. Nachmittags öffnet sich die Eisenklappe im Affenhaus. Wie ein Gebirgsbach schäumt das Heer der hundertfünszig Paviane aus der Höhlung. Geckernb, kreischend, schnatternd umrunden sie den fast vierzig Meter hohen Gebirgsblock, halten auf jedem Terrassenvorsprung für ein paar Sekunden an, toben aber immer höher hinauf, der Sonne entgegen. Nun sitzen die auf den höchsten Schroffen, gleichen in ihren silbergrauen Mantel- mähnen ägyptischen Gottheiten, die das Himmelslicht, die lebenspendende Wärme anbeten. Ein Fußkranker, den wohl sein Rivale auf der Reise gebissen hat, lahmt hinterdrein; aber auch er kommt ans Ziel, muß nur geduldig sein und immer wieder zur Kräftigung einen Schluck trinken am Wasserfall, der zwischen den Schründen niederrieselt. Wir Menschen blicken uns befriedigt an bei Sonnenuntergang, betrachten mit Genuß die schönen Anlagen, die nun mehr und mehr durch unsere Tiere bevölkert sind. Morgen wollen wir das schwierigste Experiment machen, .die Löwen auf die gitterlose Terrasse gewöhnen. Dann mag Heinrich Hagenbeck kommen, der Vater dieser Schöpfung, Kritik üben und bas vollenbete Werk bem Ministerium übergeben. * Auch bie Raubtiere sink» nun in Freiheit. Die Pläne unb Entwürfe haben sich bewährt, es ist kein Unglück geschehen. Aufregung gab es aller- bings, zweimal sind uns gerabe bie größten Löwen hinabgestürzt in ben nassen Abgrunb. Sie gaben sich zu sehr bem Fangspiel hin, bie alten Herren, unb tarnen babei an ben Rand der Terrasse, so daß einer den anderen ins Leere stieß. Nun, das ist nicht gefährlich, nur ein unfreiwilliges Bad und eine Klettertour durch den hohlen Fels, dann kann sich der Wasserscheue oben in der Sonne wieder trocknen. Aber ich habe herzlich lachen müssen — über das verdutzte Gesicht des Löwen, der oben blieb und fassungslos hinunterftarrte zu feinem Kameraden. Der Kampf der Tertia. Erzählung von Wilhelm Speyer. Alle Rechte beim Rowohlt Verlag, Berlin W 35. (Fortsetzung.) Die Tertianer sahen stch mit einem fast überirdischen Glanz gegenseitig in die Augen. Dann aber sahen sie den Mann an. Jetzt waren ihre Augen starr und undenkbar wie die Augen der Seraphim geworden. Sie sprachen kein Work. Sie gaben keinerlei Antwort. Und der Mann zog die Schultern hoch, als sei ihm auf dem Kirchhof ein Gespenst begegnet. Er mußte oft des Nachts über bie Lanbstraßen unb burch bie Walbeswege fahren, er fürchtete sich nicht. Jetzt aber war ihm, als fei etwas Unbegreifliches und Peinigendes vor ihn hingetreten. „Hören Sie zu, Herr Biersack!" begann der Große Kurfürst würdig und väterlich zu sprechen. „Wir haben nichts Besonderes gegen Sie! Das sind Ihre Privatangelegenheiten! Wir wollen unsere Tiere, weiter nichts." „Was wollen Sie denn mit den Tieren?" schrie der Mann jetzt wütend, denn nichts macht einen Geschäftsmann rabiater, als wenn er die Interessen des Gegners nicht begreifen kann. „Es find ja gar nicht Ihre Tiere! Was mischen sich denn die Herren hier in alles? Ihren Kötern geschieht ja gar nichts!" Wir müssen Sie dringend bitten, Herr Biersack, von unseren Tieren in einem anständigen Ton zu sprechen!" rief Otto Kirchholtes mit engels- hoher Stimme. Jetzt fah der Mann geradezu entsetzt ben Knaben an. Nichts schien ihm an biesem Raubüberfall einen solchen Einbruck zu machen wie Ottos Zwischenruf. Deffnete sich in ber buntlen unb gemeinen Welt, in ber er lebte, ein Spalt voll überirbischen Lichtes? Der Häuptling beobachtete mit Interesse bie violette Narbe von ber bösartigen Halsentzünbung. Schnell benutzte er ben günstigen Augenblick, ben er erkannt zu haben glaubte. „Nehmen Sie unser Selb an, Herr Biersack! Vielleicht können wir unsere Eltern bitten, uns später noch etwas mehr zu geben. Die meisten von uns finb arm, aber wir haben ein paar Kameraben, beren Eltern wohlhabenb finb, — warum wollen Sie sich mit uns für Jahre hinaus nerfeinben? Es gibt immer Dinge, die wir bei Ihnen zu guten Preisen kaufen können, denn Sie handeln ja mit vielerlei. Wird die Verordnung bis morgen mittag zurückgezogen, fo bekommen Sie bis drei 10>r nachmittags einhundert Mark. Unb hat es bis zur Aufhebung ber Sperre feilten Tiermord mehr gegeben, so bekommen Sie noch einmal so viel. — Meint Ihr nicht, daß wir auch das noch einmal zusammenbringen?" „Ja!" riefen die Jungen. „Ja!" Und nur die schwächeren Charaktere unter ihnen dachten einen Augenblick daran, — aber auch nur einen Augenblick, — auf wieviel herrliche Dinge des Lebens man in den nächsten Monaten werde verzichten müssen, um so viel Geld zusammen zu bekommen. Der Mann rechnete und überlegte. Er dachte sich wohl, was ein Angebot von solchen ,Laufejungens' wert sei. Das waren keine Bolljährigen, mit denen man einen Vertrag abschließen konnte, auf Grund dessen eine Forderung einklagbar war. Da waren sie an den Richtigen gekommen! Ihn konnten gerade ein paar Straßenjungens betrügen, mochten auch einige von ihnen aus den feinsten Familien des Landes feint „Nein!" sagte der Mann. „Dann gehen Sie jetzt", sagte der Häuptling ganz ruhig. „Ihr Wagen ist von zwei Kameraden behütet worden. Die haben die Taschen voll Zucker für Ihr Pferd." . Der Häuptling gab Lüders und Kömgsmarck ein Zeichen. Diese beiden begleiteten den grollenden Mann zu seinem Wagen zurück. „Krieg!" sagt« der Kurfürst. „Ärieg!" wiederholten die Tertianer. Sie erhoben ihre Hände. Ihre Arme standen starr wie die Stämme der Tannen, die sie umgaben. XV. Die Tertianer bezeichneten ihre Schulfeinde in der Stadt verächtlich Mit dem Namen .Knötzingianer'! Die Knötzingianer waren keine durchaus bösartig« Raffe. Keine Jungens- und keine Mädchenrasse auf Erden ist durchaus bösartig. Sie waren nur gedankenlos, schlecht geleitet, kleinlich, dumpf und roh, wie ihre Vorfahren. Ihre Stellung zu den Tieren beispielsweise war ihnen vorgezeichnet, — da gab es nichts zu denken und zu fühlen! Das Vieh war auf Erden, um aus feinem Mutterleibe die Milch sür die Leute herzugeben; um im Gespann zu arbeiten; um geschlagen, gejagt, gefangen, getötet und verspeist zu werden. Der Hund war seiner Wachsamkeit wegen geschaffen worden. Die Katze, um Mäuse und Brummer zu fangen. Tiere, die zu nichts nutze waren, wie die Blindschleiche oder der Frosch, wurden erschlagen, wo immer man sie antraf. Das war seit Bestehen der Menschheit so, — darüber gab es nichts zu grübeln. Die Knötzingianer waren überzeugt, daß die Tertianer die Hunde- und Katzensperre nur zum Anlaß genommen hatten, um wieder einmal Streit anzusangen. Die meisten unter ihnen glaubten, daß die Tertia lediglich aus Gewinnsucht handele. Nach ihrer Änsicht galt es, einen rein geschäftlichen Konkurrenzkampf auszufechten. Es gab einige Knötzingianer, die sich auf den Freitag wie auf einen Ferientag freuten. Sie sollten in der Tat die letzten zwei Schulstunden frei bekommen, um sich dem staatlichen Gebote dienstbar zu erzeigen. Sie sollten auf die Katzenjagd gehen. Es war nun einmal im Interesse der Sicherheit und Hygiene des Staatsbürgers erforderlich, diese Jagd bis zum letzten Hauch von Mann und Tier vorzunehmen. So mancher malte sich das nicht alltägliche Vergnügen dabei aus: man sollte die Katzen in Säcken sammeln, immer zu zehn. Wie würde das wohl aussehen, in einem Sack zehn Katzen, die sich vor Angst gegenseitig in ihrem höllischen Dunkel zerfleischen würden? Ein Kartoffelsack, der sich bewegen würde, mit lustigen Sprüngen, bald hier-, bald dorthin! Ein Kartoffelsack, der sich kräuseln und aufbäumen würde wie ein Tümpel im Wind! Ein Kartosfelsack, der in namenloser Angst davonläust und in bleichem Grame wieder zu seinem Henker zurückkehrt! Man könnte auch ein Wettrennen zwischen den einzelnen Säcken veranstalten. Vielleicht, daß das Naß von den blutig geweinten Augen der Tiere hindurchsickern würde, — dann endlich die Knüppel in die Hand nehmen und darauf losschlagen, bis die lebendige, das Leben sich anmaßende Umhüllung Ruhe gäbe... Es war keine bewußte Grausamkeit bei alledem im Spiel, sondern vielmehr die Abwesenheit jedes Mitgefühls mit allen vernunftlosen Geschöpfen dieser Erde. Doch es waren auch Schüler genug in dieser Stadt, die sich gelobten, während des Mordens in die Felder zu gehen und erst zurückzukehren, wenn alles vorüber fein würde. Man war im Schulstaat in der letzten Zeit an Ueberraschungen gewöhnt, wenn es sich um die Tertia handelte. Jedoch, was man am Freitagmorgen dort erfahren mußte, war ohne Beispiel. Es mochte schon vorkommen, daß ein einzelner Schüler einmal einen halben Tag lang verschwunden war, — aber eine ganze Klasse? Konnte eine ganze Klasse so mir nichts, dir nichts verschwinden? Das aber war mit der Bande der Fall. Sie war am frühen Morgen, als die Präfekten in den verschiedenen Schlafstuben ihr „Aufftehen!" brüllten, nicht mehr vorzufinden! Sie war entwichen, zerstäubt, eingegangen in die ewigen Jagdgründe ihrer Väter. Jeder mochte sich aus- denken, was immer er darüber denken mochte. Das Sonderbare aber war, daß auch gar keine höhere Weisung erging, nach der Horde zu fahnden. Man nahm es hin, so schien es, daß eine ganze Klasse nicht beim Morgengebet, nicht beim Lauf und Frühstück, nicht beim Unterricht zugegen war. Das verursachte zumal der Sekunda schwere Stunden. Sie machte ernste Augen, ihre Brauen waren hochgezogen, die Stirnen mißbilligend und voll Trauer gerunzelt. So also ging die Disziplin, die Nährmutter alles edlen Strebens der Menschheit, zum Teufel! Wie konnte der undeutsche und geradezu widerliche Elan der Tertia dem Vaterlande und der Menschheit zu Nutzen sein, wenn sie nicht pünktlich beim Laus, beim Unterricht, bei den Feldarbeiten, beim Sport, kurzum wenn sie nicht zu allen Stunden, wie geboten, pünkt- iich war? Währenddessen befand sich die Tertia an diesem Morgen im Dorgelände von Maineweh. Dort in einem Wäldchen standen im Morgengrauen mit ihren Hunden fünfundzwanzig Tertianer, bis an die Zähne bewaffnet. Reppert aber hatte einen Lederbeutel am Gürtel hängen, wie Judas Jfchariot. Reppert zahlte gerade jedem die Munition aus. Er hatte eine Unmenge von Zehn-Pfennig-Stücken zur Verfügung, die er sich tags zuvor bei der Reichsbankfiliale erstanden hatte. Die Bande hatte bei den Lehrern, beim Gutsinspektor und bei den Handwerkern des Schulstagtes eine große, freilich zinslose Anleihe auf genommen. Sie war eine Gesamtbürgschaft eingegangen. Jetzt war sir verschuldet, daß es ein Graus und ein Grauen war. Reppert war im Begriff, Borst fürs erste einmal fünfzig Zehn- Pfennig-Stücke auszuzahlen. Borst stand mit nacktem Oberkörper do, denn er wollte einige Veränderungen in seiner Toilette vornehmen. „Wirst du uns wieder reinlegen?" fragte Reppert streng, während dir andern aufhorchten. Borst schlug vorwurfsvoll die Augen auf. „Ganz bestimmt nicht!" „Also! Was hast du zu tun?" Borst schwenkte einen riesigen Kartoffelsack, den er, wie die Soldaten ihre Mäntel, in feldmarschmäßiger Ausrüstung fest zusammenrollte. „Ich habe den Bezirk Bahnhofstraße—Bechermachergasse." „Gut. Und?" „Ich gehe in jedes Haus und frage, ob Katzen darin sind, die abzu- liefern sind." „Gut. Und?" „Ich sage, daß das Bezirksamt zwanzig Pfennige pro Katze bezahlt.' „Gut. Und?" „Ich biete dreißig Pfennige pro Katze mehr." „Nun?" „Sowie ich fünf, im Höchstfälle aber zehn Katzen im Sack habe, liefere ich sie im Hauptquartier ab." „Wo befindet sich das Hauptquartier?" „Hier im Wäldchen." „Wenn dir einer deine Katzen rauben will, was tust du?" „Ich kämpfe!" „Jawohl! Du kämpfst, bis du nicht mehr kannst, hörst du? Aber das genügt noch nicht. Was hast du noch zu tun, sobald du angegriffen wirst?" „Ich pfeife, was ich kann!" „Zeig deine Torpedopfeife." Borst zeigte sie her. „Was geschieht dann?" „Die Reserve oder mein Nachbar kommt mir zu Hilfe." „Jawohl! Und so lange hast du auszuhalten, mein Junge, und wenn du krepierst. Wer sich seine Katzen rauben läßt, der ist wie ein Soldat, der sich seine Fahne hat rauben lassen! Verstanden?" „Ja, Reppert!" „Daß mir ja alles heute klappt! Du hast noch allerhand auf dem Kerbholz! Deine Freundschaft zu Daniela hebt dich nicht gerade! Mer! dir das mal!" Borst war gekränkt. „Der Kurfürst weiß, Reppert —' „Schon gut, mein Sohn, ich weiß allerhand von dir!" sagte der Häuptling würdevoll, der sich die Instruktion des Rekruten angehört hatte, und alle Tertianer schielten erwartungsvoll zu Borst hin, ob er sich ausnahmsweise einmal unständig benehmen werde. Was sie da in diesem Augenblick zu sehen bekamen, machte ihnen nicht viel Mut. Borst war nämlich im Begriff, eine verhältnismäßig einfache Handlung vorzunehmen: er wollte sich sein Hemd anziehen. Aber der Wind flatterte, und Borst bekam das Hemd nicht an. Immer, wenn er den einen Aermel erwischt hatte, ging ihm das Großsegel des andern in Windstärke neun davon. Bald peitschte es ihm rutengleich den Rücken, bald schnürte es sich wie der Strick eines Galgen um seine Kehle, bald wehte es ihm wie eine Ohrfeigen erteilende Standarte über dem Gesicht und über dem Schädel. Bekam er wirklich einmal den zweiten Aermel zu packen, dann verknäulte sich das Mittelftück seines Hemdes in einem hoffnungslosen Wirrwarr auf feinem Rücken, — und schließlich trat geradezu Gefahr für Borsts Leben ein. Das Hemd hatte es darauf angelegt, ihn im Glanze feiner Jugend wie ein Kaninchen zu ersticken. Der Krieger Borst war abgekämpft, ehe noch di« Schlacht begann. Kew chend, schwitzend und ratlos vollsührte Borst mit seinem Hemd nur noch ein mattes Rückzugsgeplänkel. Stumm, ernst und sorgenvoll sahen die Tertianer ihm zu. Sie schielte» nicht mehr, so sehr sie sich auch schämten, solch ein betrübendes Schauspiel vor Augen haben zu müssen, — sie blickten geradeswegs auf diese tragische Bühne menschlicher Ungeschicklichkeit. Hornbostel aber löste sich von der starren Masse der zuschauenden Knaben, ging an Borst vorüber und gab ihm einen wuchtigen Faustschlag in die Grude seiner Hüfte. „Dreh dich doch mit dem Wind, du Esel, und nicht gegen ihn!" Das war ein funkentelegraphischer Rat zur Errettung aus höchster Seenot! Borst drehte sich mit dem Winde, und siehe da, alsbald saß ihn'- das Hemd wie angegossen auf dem Leib. Die Tertianer seufzten tief auf, und ein jeder wandte sich wiederum feinem Geschäfte zu. -> (Fortsetzung folgt.)_________________ ^verantwortlich: Dr. HanS Thtzriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Univers itäts-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Dieben.