GietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Sreitaa, den 24. Juli nuntnitrSI Oer Hausgötze. Volksweise. Uni> welche Frau ein Götzen hat. Die schläft wohl ohne Sorgen; Er wäscht die Tisch, er wäscht die Bänk, Das tut er alle Morgen. Sie gab ihm ein Besen in sein Hand» Das Haus sollt er ihr kehren; Wiewohls der Götze nicht gerne tat. Noch dürft er sich nicht wehren. Und wenn der Götze essen wollt. So tät sie ihm bald geben. Sie gab ihm nichts als Sauerkraut Und Wassersuppe daneben. Sie nahm ein Prügel in ihre Hand, Dazu zween harte Steine, Sie schlug den Götzen vor'den Kopf; Noch dürft er ihr nicht weinen. Sie nahm ein Strick in ihre Hand, Und band ihm alle Viere, Sie hing den Götzen an die Wand Und ging danach zu Biere. Und da es kam an den dritten Tag, Das Fräulein kam zu Haufe; Sie nahm den Götzen von der Wand, Er sollt ihr lernen mausen. Sie gab ihm ein Korb in seine Hand, Nach Pilzen sollt er laufen; Der Götze war von Flandern, Er sprach: Frau! ich will wandern. Bleib bei euch nun nicht mehr. Oer falsche Zopf. Eine Düsseldorfer Gefchichte. Von Hans Müller-Schlösser. Kürzlich war in der Altstadt eine große Aufregung. Es war gegen zchn Uhr, als in der engen Mühlenstraße plötzlich ein Auflauf entstand, ein Zusammenlaufen schreiender und lachender Menschen, daß sich der ganze Verkehr staute. Keine Karre, kein Auto konnte durch, und es war gerade Hauptmarkt. Sogar die Elektrische mußte stehen bleiben. Die Polizei war machtlos. „Da ist er!“ hörte man, „halt' ihn doch fest!“ Frauen kreischten auf. „Er hat einen Kopf im Maul! Ganz voll Plut! Hu!, ich kann es nicht sehen! Polizei! Polizei!“ Manchmal öffnete sich eine Lücke, aber gleich schloß sie sich wieder. Die sich schiebenden und stoßenden Menschen starrten alle auf den Boden. Plötzlich ein allgemeiner Schrei. Aus dem Beingewirr löste sich ein kleiner ftrupiger Köter, entsprang den Stöcken und nach ihm greifenden Händen und raste wie toll davon nach dem Marktplatz, schlüpfte unter die Bauernkarren her, setzte über die Gemüsekörbe, rannte Blumentöpfe um, hinter ihm her die schreienden und johlenden Menschen. Der Köter trug etwas im Maule, das sich in der Behendigkeit, mit der der Hund flüchtete, nicht erkennen ließ. Es konnte tatsächlich ein Kopf fein, denn langes braunes Frauenhaar schleifte über das Pflaster. Jetzt schlüpfte der Hund durch die Rathaustur. Zwei Polizisten hielten mit Mühe die nachstllrrnenden Menschen zurück, während zwei andere Polizisten dem Hund di« Treppe hinauf nachsetzten. Der Hund übersprang immer zwei Stufen. Die Polizisten rasten ihm keuchend nach bis zum dritten Stock, wo der Hund durch den düsteren Flur lief, an dessen Ende eine Milchglasscheibe leuchtete mit der in verschnörkelten Buchstaben gemalten Aufschrift „Kanzlei“. „Jetzt haben wir das Biest!" riefen die Polizisten, aber in diesem Augenblicke öffnete sich die Tür, und der Hund sprang durch die Beine des heraustretenden Beamten, der vor den Polizisten zurückprallte. Als die Polizisten in die Kanzleistube stürmten, sahen sie den Hund vor dem Stuhle eines älteren Kanzlisten auf den Hinterbeinen sitzen, fern Schwänzchen wedelte lustig. Mit den Vorderpfoten machte er „bitte, bitte“, unb im Maul hielt er dem Kanzlisten einen rotbraunen, halb aufgelösten Zopf hin. Der Kanzlist starrte erschrocken auf den Hund. Die übrigen Kanzlisten [prangen von den Stühlen auf und traten, die arbeitsnaffe Feder in ber Hanb, näher. Die Polizisten aber liehen dem alten Kanzlisten feine Ze», sich zu fassen, sondern fragten ihn barsch: „Ist das Ihr Hund?" „Jawohl" antwortete er ganz verdattert, und die anderen Kanzlisten nickten bestätigend. „Dann kommen Sie mal mit! Die Sache muß aufgeklärt werden." Der alte Kanzlist stand auf, trocknete die Feder an einem bunten Läpp» djen ab und legte sie hin, nahm dem Hund den rotbraunen Zopf aus dem Maul und folgte den Polizisten. Der kleine Hund lief hinterdrein. „Sie heißen? fragte ber Kommissar den alten Kanzlisten, während bie beiben Polizisten an ber Tür des Amtszimmers Posten faßten. „Josef Limbach", antwortete der Kanzlist ganz verstört. „Geboren?" „Am dritten August achtundsechzig." „Sie wohnen?" „Am Hafenwall neun.“ »»Ledig? Verheiratet?“ „Nee, noch lebig.“ „Sie finb Kanzlist in städtischen Diensten?" „Jawohl. Schon halb breißig Jahr'.“ „Unb bas ist Ihr Hunb?" „Ja, das ist mein Hund." ®er Hund, noch hinter Atem, japft« mit heraushängender Zunge unl> fajaute fragend abwechselnd seinen Herrn und den Kommissar an. „Was können Sie zu der Sache aussagen?" „Ja, da fragen Sie mich zuviel, Herr Kommissar. Ich weiß von nit* „Hm, hm. Wissen Sie vielleicht, wem dieser Zopf gehört?^ Limbach besah den Zopf, den der Kommissar ihm auf einem Lineal entgegcnljielt, wurde verlegen, kratzte sich am stoppeligen Kinn, schaute zu dem Hund hinab und räusperte sich. „Nun, wem gehört der Zopf?“ „Ja, Herr Kommissar — hm — ich hab' fo’ne Ahnung — und darf! ich em offenes Wort —?" „Darf? Nichts zu dürfen! Sie müssen!" „Aha. Ja, bann nützt bat ja all nix, Herr Kommissar, ber Zopf da. ber gehört, ober ich müßt' mich benn arg täuschen, ber Witwe Petronella Meiswinkel." „Wer ist bas? Kennen Sie bie Dame näher?“ „Jawohl, Herr Kommissar, bie Dame kenn' ich näher.“ „In welchem Verhältnisse stehen Sie zu ihr?" „Verhältnis? — hm — Verhältnis wär' vielleicht zuviel gesagt. Die Petronella Meiswinkel ist nämlich bie Witwe von ’nem Kollegen, unb ich hm — ich bin Junggesell unb — unb ba hat sich bat benn sozusagen non selber gemacht, bat ich ab unb zu ber Witwe Meiswinkel einen kleinen Besuch mach', so um guten Tag zu sagen. Ich geh' unb hol' ne Maß Bier und wir sitzen bann zusammen unb verzählen uns wat — ja hm — Sie finb boch sicher verheiratet, Herr Kommissar?“ „Ja. Aber bas tut nichts zur Sache." „Ich mein’, ba können Sie verstehen, bat unsereins auch mal ein bißchen Gemütlichkeit haben will. Wat hat man benn als möblierter Herr? Ein kalt, ungemütlich Zimmer, ein müssig Bett, wat immer ein bißchen feucht ist, weil es nicht genug gelüftet wirb. Morgens kriegt man dünnen, aufgewärmten Kaffee, mittags Rinbfleischfupp’, bie wie Leim schmeckt, unb abenbs brei Scheiden Schinkenwurst mit ’ner Flascht Bier. Dat ist doch auf bie Dauer nix." Der Kommissar unterbrückte ein Lächeln unb sagte in strengem Tone: „Herr Limbach, bleiben Sie bei ber Sache. Das hat boch alles mit bem Zopf nichts zu tun." „Oh, sagen Sie bat nit, Herr Kommissar! Meiner Ueberzeugung nach sogar sehr viel. Die Witwe Meiswinkel ist ja grab’ nit bat, wat man eine Schönheit nennt. Ihre Ras' ist für meinen Geschmack zu lang. Unb wenn sie im großen ganzen unb überall wat runber mär’, bat hält' ich lieber.“ „Das will ich alles nicht wissen.“ „Dann weiß ich nit, wie ich Ihnen bat mit dem Zopf plausibel machen soll, Herr Kommissar.“ „Na schön, weiter!“ „Jawohl, Herr Kommissar. Also die Witwe Meiswink«! ist sonst eine sehr nette Person. Da sollten Sie bloß mal hingehen und gucken, wie nett und gemütlich die es hat unb so propper. Wie geleckt. Unb vom blanken Fußboben können Sie essen, Herr Kommissar, ja! Unb mir hat sie immer bi« Socken gestopft unb bie ausgerissenen Knopflöcher in ben Hemben geflickt. Unb zum Namenstag hat sie "mir ein Fuchsientöpfchen geschenkt. Da hing an ’nem rosa Bändchen ein Tütchen mit fünf Zigarren, bat Stück für zwanzig Fenning. Ist bat benn nix!“ „Ja, ja, aber bas kann ich boch nicht alles zu Protokoll bringen." „Ist mir auch lieber, wenn Sie es weglaffen. Es gefrt ja sonst keinen Menschen wat an. Ich erzähl' es Ihnen ja auch bloß, weil —" „Ja, ja, nur weiter!“ „Herr Kommissar, lassen Sie mich mal bumm fragen: Kennen Ste Zwiebelsupp'?“ „Nein.“ ta ■ Ml- -■ 6 I» M'; r- » i «fi« lljl JE w M ■ fli M W 6 to « k Imi ta ton Hit lii mit i IP ' W Bl ’ i i ui Can lii lai Itil i Ä I If! i '' iv t Zustand man formte zwar ein bißchen an ihm herum, man „zivilisierte" ihn zwar, aber man machte doch kein selbständiges in sich ruhendes Kunst- werk daraus. Einerseits durste man bei dem so Zustandegekommenen noch von Natur, anderseits aber auch schon von Kunst reden. Wie alles mit den, Fluch des Eincrseits-Anderseits Behaftete, war auch dies Gcbild unerfreulich zu besehen. Dem Freund einer frei sich regenden Natur wie dem mit einigem Stilgefühl Begabten ein Greuel. Im Ernst sind nur zwei Formen des Gartens diskutabel. Die Form des architektonischen Gartens, bei der man von vornherein darauf verzichtet ein Stück Natur in ihrer Freiheit vorzuführen, bei der man vielmehr durchaus nach den statischen Gesetzen des umgrenzten Raumes gestaltet. Und die Form des ... ja für diese Art „Garten" gibt es in Europa keinen tressenden Namen. Man könnte hier allerdings mit gutem Recht von einem Naturgarten, auch von einem Landschaftsgarten sprechen, wären die Bezeichnungen nicht durch ihre landläufige Bedeutung bereits zu stark kompromittiert. Kurzum, wir meinen etwa den chinesischen Garten Der architektonische, der Kunstgarten auf der einen, der chinesische, der Naturgarten auf der anderen Seite verkörpern nicht nur zwei formal sondern auch — Verzeihung dem starken Wort! — weltanschaulich diametral entgegengesetzte Prinzipien. Man kennt aus den Schriften Lao Tses und seiner Schüler jenen Zug des chinesischen Wesens, der sich durch Worte wie Nicht-Handeln, Weichheit, Stille, Schwäche, einigermaßen charakterisieren läßt. Dem allen liegt die Erkenntnis zu Grunde, daß derjenige der Vollkommenheit am nächsten steht der, voller Weisheit, imstande ist, sich dem Walten der Natur, oder, wenn man will, des Schicksals am innigsten anzuschmiegen. Erst wer den Einklang erreicht, hat Frieden gewonnen. Aus diesem demütigen und klugen Verhältnis des chinesischen Menschen zur Natur — grundverschieden von dem des europäischen — erklärt sich die Eigenart des chinesischen Gartens. In ihm wird das Wogen und Weben der Natur nicht vergewaltigt, nicht menschlich-ästhetischen Gesetzen untertan gemacht, sondern versucht, es in seiner ganzen Schönheit sich entfalten zu lassen. Legt der Chinese einen Garten an, so horcht er gleichsam tief hinein in das geheimnisvolle Drängen und Sehnen der Pflanzenseele und schickt sich an, diesem Drängen den Weg zur Erfüllung sreizumachen. Nicht nur der Pslanzen- seele übrigens, sondern der Natur überhaupt. So erschafft er etwa einen „Garten des stillen Wassers", in dem sich die Stimmung des ruhenden Gewässers und feiner Vegetation fo vollkommen wie irgend möglich offenbart Oder er bereitet sich einen „Garten des schnellen Wassers", wo sich Fels nickendes Gebüsch, triefendes Gras, Strudel und Gemurmel, kurz all die Natur, die am hüpfenden Waffer zu finden ist, mit ihren letzten Wundern zur Schau stellt. Oder ist er darauf bedacht, einen Garten der Lotosblume, der Kirschblüte, des Pflaumenbaumes erstehen zu lassen. Wie das im einzelnen geschieht? Nun, der Gartenkünstler geht da ähnlich zu Werke wie der Lyriker. Er dichtet, er verdichtet. Er verdichtet das Vielfältig-Besonders zu einer Art von repräsentativer Allgemeinheit. Er macht den Vorwurf in einem, eigenen Sinne „wahrer", „schöner", „tiefer , als die Natur ihn in zufälliger und verstreuter Anordnung hervorbringt. Er versucht, dem Urbild, der Idee seines Vorwurfes nahe zu kommen. Niemals steht er selbst, immer das Rätsel des Seins im Vordergrund. Sein Handeln ist nur ein Beiseiteräumen von Hindernissen, auf daß die eigentliche, sich selbst schöpfende und vollendende Seele der Welt frei emporsteigen kann. So weiß man in China sogar von einem „Garten des Mondlichts", einem Gebilde also, in dessen hängendem Geäst, an dessen Blütenkelchen und Laub das Flimmern des silbrigen Lichtes sich märchenhafter als anderswo zeigt. Man lauscht und beobachtet und verhält sich still, bis man hinter die leiseste Anmut gekommen ist. Dann tut man ein paar Handgriffe, um das Verborgene recht offenbar werden zu lassen, und wird wieder still. Kein Zweisel, daß auf diese Weise, ähnlich wie in der seltsam naturalistischen und doch über die Zusallsgebärde der Natur hinaus erhöhten chinesischen Malerei Wunderdinge ans Licht gehoben werden. „Fördern und nicht beherrschen, das ist geheimes Leben, sagt Lao Tse. Das Gegenteil von dieser Gelöstheit manifestiert sich in den architektonischen Garten Europas. Alle dynamischen Spannungen, alle statischen Gesetze, alle ausbalancierten Proportionen, die in der Stcinarchiteklur vorherrscl)en, sind auch, mit leichten Abwandlungen, dem Garten eigen. Hier ist keine Rede mehr von einer behutsamen Zurückhaltung der Eigenart der Pflanze, dem Willen und Wirken der Natur gegenüber, hier diktiert der Mensch seinen neuen Willen, hier gilt es nicht, zu warten und stille zu sein, hier sind Energien am Werk, die der Vegetation eine männliche und herbe Aesthetik aiifprägen. Was gemeint ist, zeigen die strengen Schöpsungen moderner Gartenarchitekten. Sie, die in der „faustischen" Gartenkunst der Renaissance und des Barock ihren stilistischen Ursprung haben, tun überzeugend dar, welch konzentrierter Leistungen die abendländische Gartenkunst heute noch fähig ist, auch wenn sie nicht mehr Gelegenheit hat, in so gigantischen Ausmaßen wie weiland in Caserta, Versailles, Daux le Vicomte, Wilhelmshöhe, Nymphenburg, Sanssouci zu schwelgen, sondern gehalten ist, in bescheidenem Rahmen zu gestalten. Das Weltgefühl bleibt übrigens das gleiche, ob die abschließenden Wäyde aus zierlichem Taxus oder aus mächtigen Baumreihen bestehen, ob 500 oder 5000 Quadratmeter geformt find. Immer bilden bau- und raumkünstlerische Grundsätze die Basis des Ganzen. So gelingt es auch stets, das Haus ohne weiteres in den architektonischen Organismus einzugliedern. Man geht beispielsweise in den meisten Fällen direkt mit akzentuierten Längs- und Querachsen vom Hausbau aus, gliederl dann die Fläche in räumlich geschlossene Sondergärten, die ihrerseits wieder architektonisch aufs sorgfältigste durchkonstruiert sind, Höhenunterschiede werden durch Terrassierungen mit flachen Böschungen und Trep- pcnanlagen überwunden. Den Harmonien des Grundriffes entspricht der Aufbau der Pflanzen. Schon die Tatsache, daß hier von einem zlufbai der Pflanzen geredet werden kann, ohne daß jemand daran Annoy nimmt, ist für den Geist, der europäische Gärten schafft, überaus vezeia) nend. Aus Bäumen werden Wände hergestellt, aus Taxus Pyramide geschnitten, aus Buchsbaum Kugeln geformt, die an den Ecken klein Gartenrasen ihren Platz als wichtige bauliche Elemente innerhalb o -> Alm Sehen Sie, Herr Kommissar, der Fall mär’ Ihnen klar, wenn Sie" schon mal ein Tellerchen Zwiebelsupp' von der Witwe Meiswinkel aeaessen hätten. Die Frau mag sein, wie sie will, aber sowat von Zwiebel- Fupp’ röie die kocht, ah! Im Winter drei Tellerchen von der Supp irn Leib und Sie brauchen keinen Ösen. Ohne die Zwiebelsupp war ich vielleicht gnrnit auf die Idee gekommen, Herr Kommissar. „Aus was für eine Idee?" , ~ . Aus die Heiratsidee. Denn ich hab' immer gesagt, eine Frau, die so 'ne "herrliche Zwiebelsupp' kocht, kriegst du im Leben nit mehr. Wie hängt aber die Zwiebelsuppe nfit dem Zops da zusammen t * "Ich hab', wat man so Schwäche nennt, für kastanienbraun Haar. "Slber das ist doch ein falscher Zopf." Ja bat weih ich jetzt auch, Herr Kommissar. Bis letzt hab ich davon keine Ahnung gehabt. Und dat bringt mich ganz durcheinander Denn wenn sie schon salsch Haar hat, wo weih ich denn da ob bei ihr sonst alles echt ist? Was meinen Sie, Herr Kommissar? Es hat mir schon nie gefaUen, bat die Petronella, bic Frau Meiswinkel mein ich, so nen Pick auf den Ami hat." „Wer ist Ami?" , . , . . Hier mein Hund, Herr Kommissar. Und bat ist ein so nett, brav und treu Tier. Und so schlau wie ein Aff' im Zirkus. Menfchenverstand hat er. Bat er nicht sprechen kann, ist alles, gelt, Ami?" Der kleine Hund sprang liss 67890 ENJTA RDGOV ULMWHRDG , Still, 21m i! Wir gehen gleich wieder. Die zwei, der Ami und die Me'i'swinkelsche, die können sich nicht verknusen. Sie knufsk ihn, wo sie kann. Und neulich hat sie ihn expree auf die Psot' getreten. Unb bat sie ihn immer ,sieses Biest' nennt, paßt mir auch nit. Unb wie ich meinen Ami kenne, hat er ihr den falschen Zopf gestohlen, um ihr eins zu versetzen und um zugleich mich damit zu warnen: ,Nimm dich in acht, Lim- bach! An der Frau ist nit alles echt/ Ist es nit so, Ami?" Der Hund bellte wieder unb sprang herum. „Sie können sich braus verlassen, Herr Kommissar, so ist es unb mt anbers. Denn heut' morgen fiel es mir auf —" Er unterbrach sich brehte sich zur Türe, benn im Vorzimmer horte man eine zornige, keisenbe Frauenstimme. „Die Frau Meiswinkel!" flüsterte Limbach bem Kommissar zu. Im selben Augenblicke schoß sie herein, eine hagere Person mit langer, spitzer Nase und spitzem Kinn. Ihr winziges Haarkrönchen hatte sich gelost, unb tue bünnen Strähnen standen ihr vom Kopse ab. ,So!" schrie sie mit überschnappender Stimme, „So?! Dat ist also der Dank für all die Gutheilen! Dafür haben Sie sich immer bei mir den Bauch vollgeschlagen! Unb dafür sich Ihre verschlissenen Brocken standbringen lassen! Schicken Sie mir bat heimtückische, siese Biest auf den Hals! Kömmt bat Vieh bei mir herein heut' morgen, ich benk' an nix Böses, unb bat Biest schnappt mir ben Zopf vom Nachtkonsölchen unb weg damit! Nee, Herr Limbach, mit uns zwei ist es am End'! Sie brauchen mir nit mehr zu kommen, oder es fliegt Ihnen ein Schlupp an den Kopf, Sie, alter Buschklepper!" Damit riß sie ihren Zopf vom Tische des Kommissars, dem vor Ueber- raschung die Worte im Halse stecken blieben, unb rannte hinaus. Limbach machte verstohlen ein Kreuz, zwinkerte bann bem Kommissar zu unb sagte: „Gott sei gelobt unb gedankt! Da wär ich glücklich bran vorbei. Er hob den Hund auf den Arm unb brückte ihn an sich. „Ami", sagte er zärtlich, „bu bist mein Freunb." Unb bann ging er schmunzelnb hinaus. Natur und Kunst im Garten. Gedanken über westliches und östliches Wellgefühl. Von Manfred Hausmann. Unerbittliche Gartenarchitekten werden sagen: es gibt nur Kunst- gärjen. Naturgärten sind ein Widerspruch in sich, da eben Natur unb Garten zwei Begriffe ausmachen, die sich schlechterdings nicht vereinigen lassen. Wird dergleichen trotzdem versucht, so kommt ein fatales Gebilde heraus. Nach europäischer Anschauung haben die so Argumentierenden recht. Denn was man hier — vorwiegend in England unb Deutschland — als Natur- ober Lanbschastsgarten kennt, stellt in ber Tat ein nicht eben erfreuliches (Behübe bar. Man merkt ihm nur zu beuilich an, bah es sich aus romantisch-sentimentaler Zeit herleitet. Damals schwärmte man für bie Natur unb war boch selbst einigermaßen unnatürlich. Damals malte, dichtete, musizierte und sang man immer wieder über bas Thema „Natur" unb hatte boch von wirklicher Natur herzlich wenig Ahnung. Man halte beispielsweise einmal neben eine Naturbeschreibung Jean Pauls ein Lanb- schaftsstiick von I. P. Jacobsen ober Knut Hamsun unb man wirb halb inne werden, daß bie Romantiker boch nur eine verschwimmenbe, eine anthropomorphe Vorstellung von ber Natur hatten. Diese selbe Unklarheit offenbart sich auch im Lanbschastsgarten, wie er bamals aufkam unb heute noch fein Wesen hat. Er ist nicht Fisch, nicht Fleisch. Nicht Natur unb nicht Kunst. Erst wenn er verwilbert, wenn bas ursprüngliche Wachtum alles Menschenwerk überwuchert, empfinbet man ihn in seiner melancholischen Versunkenheit wieber als ein geschlossenes Ganzes. Aber das ist ja eine Art „Rückkehr zur Natur". Der Landschastsgarten stellt einen ber vielen romantischen Kompromisse bar, bie man in allen Gebieten ber Kulturgeschichte antrifft. So wie sie sich ihm barbot,. roilb, unbarmherzig, anarchistisch, grausam, war die Natur dem Menschen nicht recht. Sie mußte, wenn man sich in ihr wohl fühlen sollte, gezähmt und gewissen menschlichen Gesetzen ästhetischer unb moralischer Art unterworfen werben. Damit war aber Natur nicht mehr Natur. Anstatt sich bas einzugestehen unb Baum, Gras, Strauch unb ©taube nunmehr einfach als ein Material zu benutzen, aus bem man wie aus Marmor, Ton ober Holz nach künstlerischen Maximen etwas gänzlich Neues, nämlich ein Kunstwerk, also etwas aus der Natur Herausgehobenes, fchaffen kann, schloß man ein Kompromiß, das heißt, man ließ zwar den Urftoff — Pflanze unb Erbe — nicht in feinem natürlichen s-esamtorganismus haben. Steinarchitekturen wie Gemäuer, Pforten, Zocket niro Möbel eigenartiger Stilisierung gliedern sich ohne weiteres 'n die gärtnerischen Linien und Flächen ein. Kurzum, der Mensch gilt mit all seinem Herrschersinn als das Mah der Dinge. Der Westen formt, bindet, befiehlt, der Osten beobachtet, löst, dient, liier der Wille und die Tat, dort die Versenkung und das Schweigen. Wer hat den Mut, zu entscheiden, wo man tiefer und inbrünstiger lebt? Oer Streuner. Von Otto Ehr hart, Dachau. Vor ein paar Jahren schlenderte ich mit dem alten Revierjäger Dax gemütlich am Rande des Klarbachs ins Erdmoos hinüber. Wir wollten unge Kiebitze und Brachvögel beringen, die Sache interessierte uns D0,1(£65töar) gegen Ende Mai. Der Dust der blühenden Faulbeerbäume, der harzenden Kiesern und jungen.Birken jchwängerte den Morgen. Die Söget sangen wie nach Roten, der Bussard schrie überm Moor, wo der □raue Fischreiher würdevoll durch die nassen Wiesen spazierte. Dort wo das Waldland aushört, sangen die niederen Erlen an. Eschen lind glatte Silberweiden geben dem Bach noch eine Weile das Geleite. Dann kommen die tiefen Entwässerungsgräben, die braunen Torsstiche mit den schlechten Wiesen, mit all' dem schönen, bunten Unkraut, das so üeuchtet und das der Bauer halt gar nicht leiden kann. Den Bodenbrütern aber wächst dieses Zeug so recht zur Freude. Das war die Gegend, die wir suchten. Wir probierten möglichst ungesehen an sie heranzukommcn, aber es dauerte nicht lange, da ging uns ein Bracher hoch, dem bald ein zweiter, ein dritter folgte; Kiebitze iikten durch die Luft und bald war der Himmel nur noch ein einziges Weteife. Wenn einer etwas Heimliches vorhat, ist das das richtige Volk »im es populär zu machen. Zum Teufel nochmal'. Wir hotten uns doch io vorgesehen! , ,, „ Es blieb uns gar nichts anderes übrig, als uns zu empsehlen. Ver- nrgert trollten wir zu den Weiden hinüber, da brach es polternd aus Lei Dickung hervor, ein wirklich kapitaler Sechser, einer, wie ich schon lange keinen mehr gesehen hatte. Er mußte ordentttch erschrocken sein ldenn er wollte sich lange nicht beruhigen: „Bouh! Bouh! Bouh! Das tonnte alles mögliche heißen. Zum Glück verstanden wir s nicht und wir Hieben, wo wir waren, mitten im Unkraut hocken. Der Bock hatte mir ausgezeichnet gefallen. „Kennen Sie ihn? frug ich ^"De^wiegte? bedächtig den Kopf. „I glaub schon. Aber erst muß i mir «mal die Fährt anschoun. Wenn er mit dem rechten Hinterlauf auswärts gebt, is es der Streuner. Der muh fich amal als Bockerl die schale verletzt Ham. Heut aber kennens ihm nix mehr an. A Lump is er und griffen müa toa andrer. Halten tunt er net. Heut da, morgen dort, und wenn d !3agb aufgeht, is er wia verwaht. Dem wünfch i bloß, daß er amal a «ehrliche Kugel kriagt. Net daß ’n d' Schlaucher derwifchn. „Des wär schad'", meinte ich, „denen -ldnn ich den Bock nuchnet Es war kein Schußneid, der aus mir sprach. Aber dazumal hatten wir ■ein paar üble Schießer auf der angrensenben »auernjagb, bietme em ■Schlauch — daher der Name — in die gutgehegte Jagd meines Freundes hineinführte. Die Schlaucher waren wchrotspritzer und das hab ich nie leiben können. Scholenwilb soll die Kugel haben! D-r ° e Dax ?, Den Nachbarn spinnefeind, feitbem'er einmal ein elend angebleites Spietzer- Nachdem sichre Vögel wieder beruhigt hatten, untersuchten mt den Moorboden und fanden bald die für den feltenen So l’ W fd) spreizte Fährte. Im Gesicht des Jagers zuckte und arbeitete es. tri starrte zu den Schiauchern hinüber. „Sakkrawollt nomal, Sakkrawollt, Daß der Depp jetzt grab da umananderziahng wuah. .. Aber diesen Bock sollte weder der alte Dax noch fein Jagdherr zur Strecke bringen. Er war einem andern bestimmt — einem der vorläufig igar nicht daran dachte. Der solaende Sommer war wie immer für manchen guten — und bei Den Schiauchern auch für manchen schlechten — Bock der etz e gemeßen. Der Streuner aber war nicht dabei. Es war schon °, w'e der alte Dar sagte: „Sobald d' Jagd ausgeht, is er rota oerroabt! ■— 3m'ewtberbl wurde der Bock bann in der staatlichen Hege bestätigt und im Fruhlah »loor unb brad>le «rtontai und Mm- «mne mit. J1"“ idie Saat. Der Streuner wurde nimmer gesehen. Mit dem reifenden Korn ‘UÄÄ L «°u°m. w..*«**« «ä Dockes gegeben. Vor Tagesgrauen |rf>on roar ich brnufi , iimfonft 'bekannten Bock anzupürschen, aber ich hatte kem Gluck d sonf^ durchstreifte ich den ganzen Morgen lang die bekannte . g . ich sah, das wollte ich nicht, unb was ich wollte sah ich nicht. „Latz b r 3eitr, dachte ich bei mir selbst. „Es muß ja nicht ausgerechnet heute '‘"so war mir damals der ganze Tag ohne Erlebnis.°erg°ngem Gegm 'Abend packte ich mich hinten im Moor in einen trockenen Graben wo Weidenröschen blühten und ein alter Schlehdorn s-hutzend seine Zwe.ge über die Umwallung legt. Die Lerchen hingen trillernd■ im »M Ö £ vergehenden Tag zst loben. Ich lag behaglich 'M «rase hob dann und wann das Glas, um die Landschaft zu ftub-cren ober mi ju enträtseln, was verworren war; einen menschlich anmutenden Ba s aUsfaft Sauerampferwedel, der wie ein hinter den Weid n äsendes Reh aus ah Meine Gedanken gingen hin and l^r, sie 'p°^ten m,t den Wolken über das Helle Moor hinaus, bis an den 3tanb.ber SBelt, bie> «us ber Entfernung — immer am liebsten hab. Ctf) aug 3 __ roat)T= chern hinüber, wo es heute schon ein paarmal gekna tRa-- baftig! — schon wieder zwei neue Jager die Hochs tz z 8 haben!" Dachte ich bei mir, „bann wirst bu wenigstens keine Langeweile haben! Jetzt traten brüben die ersten Rehe aus der Schonung und schoben sich ins Feld... Und es dauerte auch nicht lange, ba_ fiel aus ber Birke, auf die vorhin einer der Jäger geklettert war, ein Schuß. Ich riß das Glas an die Augen. Aber: „Mensch, was gehen dich denn die Schlaucher an, wenn dir da eben ein kapitaler Sechser ins Ried gesprungen ist?!" Er hielt geradewegs auf mich zu, der ich schnell ins Anschlag gesahren war, kam näher und näher. Jetzt warf er auf und loste zu den andern hinüber. Korn aufs Blatt, Anschuß gemerkt, Finger krumm — Päng! — den hat s! Das alles war so schnell gegangen, daß ich gar keine Zeit zu irgendwelcher Erregung hatte. Jetzt aber schlägelte mein frohes Herz und klopften meine Pulse. „Zünd dir mal erst eine Pfeife an. Wenn bu fie aus- geraucht hast, darfst du nach ihm schauen." In den glatten Weiden, keine zwanzig Schritt vom Anschuß weg, hatte er sich niedergetan, sand ich den toten Bock. Rot lag ber Schweiß auf den Blättern, rot unb festlich glühten bie Himmelsfahnen, rot leuchtete ber rote Bock. Rot ist ber schöne, ber blitzschnelle Tob! Diesmal aber hatte er einen erschlagen, dem ich's von Herzen gönnte. Keinem anderen wünschte ich mehr das schnell tötende, feurige Blei, als ihm — dem Streuner! Als ich an jenem glückhaften Sommerabend nach Haufe schlenderte, pfiff ich wie eine verliebte Amsel. Aus dem Drummholz trat mir ein alter Jäger vor, wies auf den Bruch an meinem Hut und fragte lobend: Harns Waidmannsheil g'habt, war's a guater?" Und ich selig, strahlend, die Zigarren schon in der Hand: „Der Beste den wir hatten! Der Streuner!" Zog der alte Dar den Hut, begeistert, fluchend, lobend: „Sakra, Sakkrfaawolltnomal! Ja Waidmannsheil! Jetzt fowas — Sakkrawollt — ber Streuner!!" Oer Kampf der Tertia. Erzählung von Wilhelm Speyer. Alle Rechte beim Rowohlt Verlag, Berlin W 35. (Fortsetzung.) ' Der Große Kurfürst, der da wußte, daß man noch dem hassenswertesten Feinde einen Platz an seinem Feuer anbietet, sobald er die Höhle betreten hat, rief jetzt Konigsmarck zu: „Mach' einen Stuhl frei für Knötzinger!" Konigsmarck fegte mit einer verdrießlichen Bewegung des nackten Fußes die Kleider von feinem Stuhl, den er dem Präfekten der Untersekunda mit einem Tritt zufchob. Dieser aber schüttelte ablehnend den quadratischen Kopf. Der älteres Kirchholtes begann nun ohne Umschweife, während seine Hand das blonde Haar des Bruders streichelte, der mit geschlossenen Augen diese Liebkosung ertrug: „Die Leute in Maineweh sind heute morgen aufgewacht und haben die Wände ihrer Häuser, ihrer Fabriken, ihrer Amtsgebäude, manchmal bis hach in die dritten Stockwerke hinauf, mit roter Schrift angemalt gefunden. Sogar haushoch ausgestapelte Bretter der Holzsirma Gott- loeber 8- Söhne sind mit dieser Schrift bemalt worden, ebenso Kino- und Konzertplakate, amtliche Anschläge, Bahnhofsfahrpläne, Firmen- und Reklamefchilder. Außerdem Kanalifationsröhren, die ausgewechfelt werden follten, und Telegraphenstangen. Ich selbst bin heute nach der Parade mit einigen andern hinuntergefahren, um mir das alles anzusehen. Aber wir mußten uns so schnell wie möglich wieder zurückziehen, denn die Empörung über den nächtlichen Einbruch in die Stabt war allzu groß. Besonders richtete sich der Unmut der Behörden und Einwohner gegen die Tatsache, daß jene sich immer wiederholende Mahnung: Seid gut zu den Tieren! nicht nur in der deutschen, sondern auch in ausländischen Sprachen, die niemand verstand, angemalt worden war. Nun mochte ich euch im Austrag der Leitung fragen, ob ihr euch dazu bekennt, diese Schrift des Nachts geschrieben zu haben. Ob ihr bejahenden Falles alle gemeinsam handeltet ober ob sich irgendwelche Mitglieder der Klasse ausgeschlossen haben. Und ob ihr irgendwelche andern Helfershelfer hattet. Der Große Kurfürst, der fein lockiges Haupt schwerfällig in ber flachen Hand ruhen ließ, rief mit kaum wahrnehmbarem Spott: „Borst! Antworte bu!" Borst machte ein Gesicht wie eine Maus, die man bei ihren Ohren aus dem Bau hervorgezogen hat. Er erschrak so gewaltig, daß er blinzelnd die Augen schloß. Alles hatte er erwartet, nur das nicht: bah er hier vor allen Kameraden dem großen, sehr geachteten und sehr geliebten Kirchholtes in einer so ernsten Frage Antwort erteilen sollte. Er faltete die vor Angst verschwitzten kleinen Hände. Also?" sagte der Große Kurfürst mit streng gerunzelten Brauen. Da gab sich Borst einen Ruck. Er schluckte wild und antwortete alsdann klar und vernünstig: . ,, . „Wir alle haben die Schrift angemalt! Wir haben keine Helfershelfer gehabt! Es haben alle mitgemacht!" Kirchholtes sah Borst mit Wohlwollen an, und er sah ihm auch noch freundlich zu, als Borst schon längst nichts mehr sprach, sondern sich mit blutrotem Gesicht unb niedergeschlagenen Augen hinter die Rücken der Dordermänner versteckt hielt. Der Große Kurfürst aber war mit Borst nicht zufrieden. „Haben wirklich alle mitgemadjt?" fragte er streng. Borst bekam einen Schreck. Er hatte eine ganz bestimmte, sehr wichftge Angelegenheit vergessen! Muhte er wirklich den Namen, der ihm unsäglich heilig war, hier vor allen aussprechen? Es schien so, als verlangte man es von ihm. Dennoch zauderte er jetzt, fast mit Trotz. Aber nun bemerkte er, dah ihn alle insgesamt finster und erwartungsvoll musterten. Da drehte «r den Hals und guckte um die Ecke, am Rücken des Jungen vorbei, der vor ihm saß. „Daniela war nicht in der Stabt , sagte er leise, unb er schämte sich entsetzlich, biesen geehrten Namen ausgesprochen zu haben. Knötzinger, mit bem viereckigen Haupt bes Richters, in dessen Nacken sich bereits' ein Erwachsenen-Wulft der Unbestechlichkeit bildete, starrte bei ksiefem Nunmehr vollendeten Schuldbekenntnis der Tertia mit verzerrtem Lächeln geradeaus in die Luft. Während das schöne Engelshaupt seines Bruders ihm auf den Knien lag, sagte Alexander Kirchholtes, und er sprach zu dem Präfekten der Tertia hin: „Ihr habt hiermit der Leitung des Staates sehr viel Ungelegenheiten bereitet. Es wird Klagen wegen Sachbeschädigung geben. Auch Klagen wegen Beamtenbeleidigung und wissentlich falscher Angaben und dergleichen mehr. Ihr habt vielleicht die Macht dieses Schulstaates überschätzt. Gerade die Behörden warten nur darauf, uns Schaden zuzusügen. Gewisse Kämpfe, die von der Leitung im Walde Tag und Nacht ausgekämpft werden müssen, sind euch gewiß unbekannt, sonst hättet ihr vielleicht eure nächtlichen Schreibübungen eingestellt." „Keineswegs!" unterbrach der Große Kurfürst fast heftig den Präfekten der Obersekunda. „Im Gegenteil! Wir unterstützen die Leitung in ihrem Kamps!" Da öffnete Knötzinger zum erstenmal den höhnisch-strengen Mund: „Es könnte die Frage aufgeworfen werden, ob der Leitung diese Unterstützung vierzehn- oder fünfzehnjähriger Schüler erwünscht ist." Die Tertianer richteten ihre Häupter insgesamt zu dem Sohne des Oberamtmanns hin. Ihre Lingen hatten einen starrenden Ausdruck, während sie ihn ansahen. Dann wieder kehrten sie, wie in einer großen Scham, die Häupter von ihm ab. Kirchholtes aber unterbrach die fast schmerzliche Stille, die im Schlafsaal der Tertianer eingetreten war. „Wollt ihr mir nun sagen, ob ihr euch mit der nächtlichen Mahnung an die Stadt Maineweh begnügen werdet oder ob ihr noch ein anderes Vorhaben in dieser Angelegenheit der Tiere habt? Wollt ihr mir auch sagen, zu welchem Zweck ihr die Tierzwinger in der Waldeslichtung erbaut habt?" „Reppert, erkläre das!" sagte der Große Kurfürst, der zu faul war, das zu erklären. Reppert stand von seinem Bett auf und setzte sich auf das Bett des jungen Kirchholtes, so, daß er Schulter an Schulter neben dem älteren saß, und er nahm Ottos Hand in seine Hand. Auf diese Art hatten sie beide ihren Teil an dem Knaben, dessen Haupt auf den Knien des Bruders ruhte, während seine Hand von der Hand des Klassenkameraden umschlossen wurde. So bildete der Leib des lässig und schmeichlerisch daliegendes Kindes eine Verbindung zwischen den beiden andern, wie der Leib eines Kindes den Streit der Eltern lindert und den Vater zu der Mutter und die Mutter zu dem Vater zurückführt. Und noch ein anderer Blutstrom wurde zwischen Reppert und dem älteren Kirchholtes geschlossen: denn ihre vier Füße, Kirchholtes beschuhte und Repperts nackte, lagerten auf der schmalen, hart abgestuften Wirbelsäule der Wolfshündin Lama, die zuweilen den schlanken Kopf rückwärts nach oben drehte und mit dankbar blinzelndem Auge den sprechenden Tertianer anblickte. „Ich will versuchen, dir alles in der größten Ordnung vorzutragen. Aber ich muß ganz offen gestehen, daß die Tertia sich dir gegenüber viel rückhaltloser aussprechen könnte, wenn wir hier unter uns wären und keinen Verräter zu fürchten hätten." Knötzinger stand mit dem gelben Wutgesicht des beleidigten Beamten hochaufgerichtet am Fenster. Kirchholtes aber sagte gütig und verweisend: „Ihr habt keinerlei Verrat von irgendeiner Seite zu befürchten." „Wirklich nicht?" rief Hornbostel hitzig dazwischen. „Wir haben nämlich eine interessante Entdeckung gemacht!" Kirchholtes sah Hornbostel fragend an. „Der Polizist Holzapfel nämlich hat dem Großen Kurfürsten und Reppert in seiner Dummheit ausgeplaudert, daß er einen Wink von oben bekommen hat, in den Nächten gut aufzupassen." Hornbostel richtete sich mit energisch gestrafftem Körper in seinem Bette auf. „Ich möchte Knötzinger fragen, ob er hier im Schulstaat spioniert und uns bei feinem Vater angegeben hat?" Knötzinger hatte blaßrote Flecken über den breiten gelben Backenknochen. „Ich bin nicht hierhergekommen, um Auskunft zu geben. Ich bin hier im Auftrag der Schulleitung, um Auskunft zu bekommen. Im übrigen tue ich meine Pflicht als zukünftiger Staatsbürger, und ich werde stets die Staatsgewalt in ihrem Bestreben unterstützen, hier in unserer Gegend ebenso wie überall sonst im Bezirk die größte Ordnung walten zu lassen." Wie aus einem Munde schrien die Tertianer auf! Niemals hatten die Wände dieses Sehlafsaales, die an gewaltigste Tonstärken gewöhnt waren, solch einen Schrei gehört! „Lump! — Kinder, einen Eimer zum Kotzen! — Sauber! Sauber! — Dieses Vieh unterstützt die Staatsgewalt!. — Mensch, sag' nicht ,Vieh!' Das ist eine Beleidigung für Lama und Karlemann! — Er verrät an die Behörden, was hier vorgeht! — Spione werden erschossen! Er soll in die Stadt gehen, hier hat er nichts mehr zu lachen!" Und plötzlich erklang aus dem Chaos ihrer Empörung der große musikalisch-rhythmische Ruf, — sie wippten auf den Sprungfedern ihrer Betten: sie trampelten mit nackten Füßen oder mit Holzpantinen, mit denen sie in den Waschraum zu gehen pflegten; sie hoben auch Stühle in die Luft und pflanzten sie mit den vier Beinen auf den Erdboden; sie stampften mit Stöcken und Besenstielen; sie rissen an den Ketten der Fensierklappen; sie nahmen jeden nur immer tönenden, Krach machenden Gegenstand, sie hätten sich wohl am liebsten gegenseitig mit den Köpfen an die Wand geschlagen in ihrem leidenschaftlich großen Rufe: „Verräter 'raus--Verräter 'raus!" Sie fangen es, fie lachten es, ihre Hunde bellten es, sie überbrüllten ihre Hunde, sie wurden betrunken von ihrem eigenen Lärm. „Verräter 'raus! Verräter 'raus! — Verräter 'raus! Verräter 'raus!" Der Verräter hatte die Augen niedergeschlagen, und die Haut über feinen Backenknochen zitterte ein wenig. Aber er war nicht feige, obwohl Schriftleitung: i. V. Dr. Fr. W. Lange, Gießen. — Druck und Verlag: et, der Sekundaner, Grun8 'genug hatte, Se Gewalttätigkeit der rafeh gewordenen Tertia zu fürchten. Die meisten von ihnen waren dank ihr- wilden Lebens weit über ihr Alter hinaus stark an Kräften, und Lüder allein hätte es mit zwei Sekundanern ausgenommen. Kirchholtes sogar mußte es dulden, daß sich die Hände des schön» Bruders in seinen Armen festkrallten, während die Beine sich im Rhyt) mus des Klassenrufes hoben und senkten. Doch gelang es Alexander |ü aus der Umklammerung des Bruders zu befreien, aufzuspringen und S Arme hoch über seinen Schultern zu erheben, mit einer Bewegung zugleich leidvoll, umfassend, gebietend und versöhnend war. „Ruhe, Jungens! — Ruhe!" Niemand anders im ganzen Schulstaate, — mit Ausnahme natüM der einen, der höchsten Person, — keinem Lehrer und keinem Schülü! wäre es gelungen, was jetzt Kirchholtes gelang: die Tertianer zu besä» tigen und zum Schweigen zu bringen. Aber lange Zeit noch grollten und murrten sie, und die Wogen ihr«, Zorns schlugen dann noch gegen die Mauern des Saales, als der Stur» bereits gelindert war. „Ihr habt kein Recht, Knötzinger zu beleidigen!" rief Kirchhollw „Denn die Leitung im Walde hat ihn zu euch geschickt, und er steht hie als der Abgesandte aus dem Walde!" Da schlich ein jeder knurrend in sein Bett zurück. Aufs neue legte Otto Kirchholtes die schmeichelnde Wange auf bii Knie des Bruders, ließ wiederum feine Hand von Repperts Hand um schließen, und abermals war es Lama, die den zwiefachen Blutstrm beschloß. Jetzt aber nahm zur allgemeinen Verwunderung und Freude bet Große Kurfürst selber das Wort. Die Tertianer drehten ihm mit stolzem Vergnügen die Köpfe zu, und auch Kirchholtes sah ihm achtungsvoll, mit einem leichten Lächeln entgegen. Knötzingers Gestalt und Gesicht abu zeigte die Willensanspannung eines Menschen, der da weiß, daß er do< seinem gefährlichsten Feinde steht. Die Tertianer schmunzelten und rieben sich zwischen ihren Knien diu Hände mit kleinen Ausrufen: „Sauber! Sauber! — Schick! Schick! — Fein! Fein!" Sie freuten sich, daß sie ihren besten Mann vorschicken konnten; denn nach ihrer Ansicht war überhaupt im ganzen Sch-ulstaai keiner redegewandter, klüger und spöttischer als ihr Häuptling. Und ihr« Herzen schlugen in Dankbarkeit, daß sich der Große Kurfürst ausnahmsweise einmal nicht zu faul erwies, ihre Angelegenheit persönlich jiu übernehmen. Der Häuptling begann unter atemloser Stille aller zu sprechen, unJo niemand in der Horde unterbrach ihn auch nur mit einem Grunzen: „Drüben auf der andern Seite des Hochwaldes, wohin nur selten eim Mensch aus dieser Gegend gerät, in einem der ärmsten Dörfer des Bezirkes, in Niederteufen, hat ein Gendarmeriegehilfe Schießübungen auf! einen angeblich tollwütigen Dackel abgehalten. Da fürs erste einmal keine große Aussichten auf einen neuen Krieg bestehen, so will man schließlich zeigen, was man mit einem Armeedienstreoolver leisten kam. Dieses Schwein da hat dem Dackel mit sieben Volltreffern den Hinter« abgeschossen. Ein Fräulein im Pfarrhof da drüben, die Schwester be* Pastors, um deren Dackel es sich handelt, hat dem Schützen gesagt, roa« sie von ihm denkt. Daraufhin wurde fie in Maineweh wegen Beamtem beleibigung zu dreihundert Mark Geldstrafe verurteilt. Die arme all« Person wird ins Gefängnis wandern müssen, denn sie kann im ßebeni keine dreihundert Mark bezahlen. Und der Pfarrer, der ärmste Geistliche im ganzen Bezirk, ebenfalls nicht. Der Pfarrer erfreut sich keiner Beliebt" heit bei den Behörden in Maineweh, weil er in feinen Predigten gegen: die unchristlichen Hetzereien des Oberamtmannes Stellung nimmt. Der' Dackel feiner Schwester war also angeblich tollwütig. Er soll fo sanft wie die Lama hier unter mir gewesen sein, aber der Herr Fellhändler Biersack,, der die Hunde nicht leiden mag, — das aber ist nicht der einzige Punkt,, worin er mit dem Herrn Oberamtmann und einigen seiner Kreaturen Aehnlichkeit hat —, Herr Biersack hat erklärt, daß der Dackel ihn gebissen hat, obwohl der arme Dackel wahrscheinlich froh war, wenn der Herr Biersack ihn nicht gebissen hat. Der Kopf des Dackels wurde, anstatt, wir es Vorschrift ist, nüch Berlin, der Zeitersparnis halber und wegen her verringerten Kosten irgendwo in die Nachbarschaft geschickt. Auch sind die Leute hierzulande ja viel geschickter als die in Berlin. Hier verstehen sie sich viel besser auf die Tollwut als im übrigen Deutschland, denn hier hört seit dem Krieg die Tollwut nicht mehr auf. Allerdings nur die der Menschen! Ein einwandfreier Fall von Hunde- ober Katzentollwut wurde hierzulanbe noch nie festgestellt. Ich habe mich genau bärüber erkundigt Kurzum, hier haben sie sofort in bem Kopf bes Dackels aus Jlieberteufen, — Spätzle hieß er, benn bas Fräulein, bem er gehörte, war eine brave Schwäbin, — den berühmten Tollwut-Stoff als denselben Stoff wiedererkannt, den sie in ihren eigenen Köpfen beherbergen. Reppert und ich, wir sind neulich persönlich mit Genehmigung der Leitung nach Nieder- teufen gewandert und haben uns mit bem’ guten Pfarrer und seiner guten Schwester unterhalten. Die beiben trauerten sehr um ihren armen Spätzle, unb sie lachten nur schmerzlich, als wir sie fragten, worin sich benn bie Tollwut bes Dackels gezeigt haben soll. ,Jn befonberer Sanftmut', erroiberte ber Pfarrer. Aber ber arme Pfarrer kann bem Herrn Oberamtmann nichts anhaben. Für ben Herrn Oberamtmann, ber bie Jugend des Landes 4m männlichen Streite stählen will, für ihn war bie Tollwut-Diagnose ein gefundenes Fressen. Kurz und gut, es kam die Hunde-, nein, es kam auch die Katzensperre. Denn derselbe Herr Biersack hat mit den Tieren Pech. Den hat nicht nur der schwäbische Dackel Spätzle gebissen, sondern es ist ihm auch noch in demselben Niederteufen eine erbsensuppenfarbene Katze mit gelben Augen fauchend in das Gesicht gesprungen und hat ihm die Nase zerkratzt. (Fortsetzung folgt.) Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange in Gießen.