Geheim ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang <951 Hreitag, den 24. April Nummer 32 Baum im Frühling. Von Siegfried von Vegesack. Jahr um Jahr wächst ihm ein Ring unter harter Borkenrinde. Frühling kam, und Winter ging, doch er bleibt und steht im Winde. Immer tiefer senkt er seine Kraft in den dunklen Schoß der Erde. Immer höher treibt er Harz und Saft, daß ein neuer Ring ihm werde. Und so wächst er unentwegt jedes Jahr um eines Ringes Breite. In den starken Aesten aber trägt er Gestirne, Wolken, Himmelweite. Oie Wolga trägt Tote. Don Bruno Nelissen Haken. Nur die Bäume heben sich aus dem Dunkel der Straße. Die Laternen geben dem Laub einen ganz hellen Schimmer. Zwei junge Menschen am Fenster sehen in die Straße; das Auge wandert die hellen Bäume entlang: Es ist nur Sehen darin; das macht den Blick weit und still. „Es ist ein Bild wie Pastell", sagt Kola Struve. „Dort hinter Wai- dows Haus ist die Wolga ..." „Ja", sagt das Mädchen leise. „Man darf nicht denken, daß dies wieder Tag wird. „Tag? — Du meinst: Stadt, Menschen, die Bürger..." Er legt den Arm um ihre Schulter. Sie sucht seine Hand. Sie sehen sich nicht an, aber sie fühlen, daß sie lächeln. Von weitem hallt das Rollen von Rädern. Sie hört und sieht ihn an. Aber er schüttelt den Kopf. „Nicht vor morgen; sie brauchen den Vater in Tambow. — Nadeshda Dimitrijewna ist ein kleines Mädchen; ist sie das?" Da schlägt der Lärm des Wagens um die Straßenecke. Räder rattern über das Pflaster. Zwei, drei Atemzüge glauben sie, es wird vorüberfahren. Aber der Wagen hält vor dem Haufe: Eine Stimme, die zu den Pferden spricht. Das Mädchen steht, schlank und streng: „Kola Alexandrowitjch..." sagt sie, ganz langsam; Laut nach Laut fällt in den Raum zwischen ihnen: „Sein Vater ..." Er faßt sie am Arm und hört zur Tür: „Bleib", sagt er gepreßt. Er geht an die Tür, aber er ist unschlüssig, bevor er öffnet: „Nein — komm, Nadeshda Dimitrijewna!" Sie stehen vor Herrn Alexander Struve. „ „Sie da. Junge, man ist früh zurück. Spanne doch die Pferdchen aus. Der Alte ist voller Bewegung, weite Fahrt ist hinter ihm. Da sieht er das Mädchen. Sein Blick geht zu dem Sohn, fragend. Der sagt langsam und leise: „Nadeshda Dimitrnewna Fertschin, Vater..." Nach einer Pause: „Wir hatten zu reden — ja... Der Vater antwortet nicht. Er kehrt sich schwersällig um, geht zum Wagen, hebt das Geschirr ab. Die beiden Jungen stehen stumm. Plötzlich weint das Mädchen. Der Alte sieht auf: „Bringe doch diese Russin nach Hause, Kola... Unablässig weint sie auf dem Wege. Er findet kein Wort, das zu ihr kommt. Aber er denkt: Was taten wir, warum, warum?! Sie gehen unter den hellen Bäumen hin. Ähr grüner schimmer fte!)* fremd in der Nacht; denn di« Stille scheint grenzenlos, weit und flach im Raum. Kola Struve geht langsam zurück. _ Einige in den belebteren Straßen, grüßen ihn. Viele sehen ihn fragend an- es ist der Sohn des Ratsherrn Struve, der in Tambow war. Wäre er wach, er sähe auch in Augen, die mehr wissen, als sie - fragen wollen. Aber feine Gedanken benimmt ein Gefühl von Wehmut, das ihn einsam macht. Er möchte zurück und noch ein Wort zu ihr lagen, ein gutes Wort; aber es geht nicht mehr jetzt. -las Morgen ist lange. Benommen und traurig setzt er Schritt vor Schritt. Der Vater erwartet ihn. Er sitzt im Sessel, ruhelos pocht eine Hand auf dem Schreibtisch. Er sieht Kola nicht an: „Der Landtag in Tambow war kurz', sagt er schwer- »Morgen, übermorgen stehen Bolschewik! vor der Stadt. Die Wolgastadte haben den Selbstschutz alarmiert." „Vater ...", sagt Kola zögernd. „ „Die Wolga bringt Tote heran von Kasan und Saratow. „Vater, Nadeshda Dimitrijewna ist meine Braut.. „An den Bäumen unterwegs traf ich Leichen." „Hör mich an, Vater!" „Wir Deutschen stehen atlf dieser Seite. Die Roten sind ein Kontingent Kaukasier." „Du tatest dem Mädchen unrecht, Vater!" „Laß das. — Höre: Nicht alle sind sicher in der Stadt. Auch der Vater dieses Mädchens wird morgen wissen, wofür sein Herz schlägt. Dimitri Fertschin ist ein Kaukasier... Dies Volk ist eine Sippe." „Was geht mich ihr Vater an...?! — Aber das Weinen des Mädchens schert dich nicht! Daß du mein Mädchen beschimpftest, soll ich mir gefallen lassen .. ,?r „Was dich ihr Vater angeht? — Ja, was geht dich dein Vater an?l Es war das Haus deines Vaters, Sohn!, in das du dies Mädchen brachtest. Ich beschimpfe niemanden!" „Nein, gewiß: Dies ist auch das Haus deines Vaters und deines Vatervaters — eine alte — große Familie, ja. — Aber ich bin jung, und ich hasse dies, und ich weiß nichts von euch, nichts weiß ich, nichts... Bin ich nicht jung?" „Und darum darfst du?" „Darf, darf? — Nein, ich will!" „Was denn? — Du weißt nicht, was du willst. Geh jetzt, wir reden morgen!" Kola Struve ist allein in seinem Zimmer. Er hört, wie der Vater sich zur Ruhe legt. Wieder ist es ganz still. Man sieht von hier aus den Fluß: Tote trägt die Wolga? — Was für ein Wort... Nein, sieh doch, wie weit und still alles ist. Sein Blick wandert im Zimmer umher: Dort hängt das Bild Peter Struves, der seines Vaters Vater ist. Er war Pastor in Tambow. Dies ist eine Silhouette des Gerichtsvogts Struve, der aus Saratow hier- herkam: Gesichter, Gesichter. Da kommt Lärm in der Straße auf; Männer, welche von Tür zu Tür eilen mit der Faust daranschlagen. Fenster öffnen und schließen sich; Fragen, Antworten. Jetzt unten an diesem Haus. Kola beugt sich aus dem Fenster. „Sammeln auf dem Markt!" ruft einer. „Sammelplatz der alte Markt." „Holla, Struve, gehört ihr nicht dazu?" lacht der Mann. „Es ist gut", sagt des Vaters Stimme unten. Kola geht nach unten. „Schneller als wir dachten", sagt Alexander Struve. „Ein Bataillon Weißer von Saratow verschanzt sich hier. Das ist gut!" Kola Struve denkt an Nadeshda Dimitrijewna. Er ist nicht feige, aber Fremdes ist in ihm. „Du nimmst am besten diesen Karabiner", sagt Alexander Struve. „Komm jetzt'" Was bindet ihn mit diesem Mann? Die Straße ist wieder leer. Die Männer sind längst weiter. Ein paar Lichter schimmern aus den Häusern. Fahl und fast greifbar stumm liegt der Schein der Frühe auf dem Pflaster. Es ist seyr kühl. In Nachbarstraßen tönt der Schritt von Menschen, die man nicht fleht; das ist unheimlich. Kola hat den Wunsch, laut zu sprechen, aber er erschrickt vor dem ersten Wort; es ist eine verzerrte Betonung darin. Sie erreichen den Marktplatz. Eine Truppe lagert auf der Straße. Posten gehen langsam die Straßenecken ab und rufen Patrouillen an. Vor einem Tisch, mitten auf dem Platz, ein Offizier, der eine Meldung lieft. Ein Soldat leuchtet mit einer Taschenlampe auf das Papier. Wie vom Flusse her Schüsse fallen, kurz nur, zwei-, dreimal ein heller Schlag, sieht jener sich suchend um und trifft den Blick Alexander Struves; beide lächeln, ein wenig gewollt. Man bringt einen Gefesselten; ein paar Fragen, er wird abgeführt, kurz darauf ein Schrei. Ein Soldat, der im Mantel auf dem Pflaster liegt, die Hände verschränkt unter dem Stopf, ruft Kameraden etwas zu. Sie lachen. Der Offizier tritt zu Herrn Alexander Struve: „Die draußen haben Leute in der Stadt. Sie versuchen alles. Nehmen Sie zehn Berittene, Alexander Petrowitsch. Und dann: — Weg damit!" Er zieht die flache Hand durch- die Luft. Alexander Struve sammelt den Trupp. Er nimmt zwei von den Pferden am Halfter, die sich in der Mitte des Platzes drängen, sitzt auf, winkt Kola. Zu dem Offizier: „Mein Sohn — er begleitet mich." Kola reitet mit. In der Vorstadt ist sonderbares Hin und Her. Wenn sie näherkommen, erloschen Lichter in den Stuben. Auf gerissene Augen hinter Fenstern folgen starr ihrem Weg. Kola sieht Augen, Gesichter, Menschen: Wer ist er selbst habet? Einer, der den Anzug der Grusinier trägt, redet auf eine Gruppe ein, die an der Parkmauer um ihn steht. Dauernd treten Neugierige herzu. sinkt in sich zusammen. Kola starrt hin. . Alexander Struve lenkt sein Pferd zur Seite. Kola sieht, wie einer der Soldaten, die geschossen haben, sich hinter vvrgehaltenen Händen eine Zigarette anzündet. Hinter dem Damps- wölkchen schauen zwei gleichgültige Augen über die Hände. Kola Struve bleibt stumm. r s. o s Nadeshda Dimitrijewna ist ein kleines Mädchen, ist ste das? Dl« darf so etwas nicht sehen, nein. Er denkt an diesen Satz, immer wieder, immer wieder. Da sieht er das Gesicht seines Vaters. Gesicht, ein Gesicht, Augen, der Mund... Alle Menschen um ihn haben dieses Gesicht, «in einziges, altes blasses, müdes Gesicht. Und dort sind die Bäume, der Himmel. — Die Benommenheit weicht von ihm. Mit einem Male schreit er gellend auf, ein Wort, einen Satz, man versteht ihn nicht: „Struve schreit er, „Struve", schreit seinen Vater so an, schreit es in den Himmel; dann lacht es heiser und krank aus ihm heraus. Aber wie Herr Alexander Struve an ihn heranreitet, wirft er wild sein Pferd herum, schlägt darauf los und galoppiert dem Flusse zu. Sie sagen etwas zu Herrn Struve, sie weisen aufgeregt in die Richtung des Flusses. Er zuckt die Achseln. Sein Gesicht ist starr. Der Hufschlag des Davonreitenden verklingt im Straßenzug. Jetzt hallt er dumpf vom Feldweg herüber... Kola Struve erreicht die Wolga. Er winkt den Gestalten, die den Fluß überqueren nach seiner Seite zu, winkt, ruft, schreit hinüber. Aber sie verstehen ihn nicht und plötzlich schlagen Schüsse durch die Luft, hell und hart. Kola bricht mit dem Pferd zusammen. Sein Körper gleitet in den Fluß... Es gibt ein Lied von der Wolga, denkt er zuletzt, alle kannten es. Nadeshda Dimitrijewna sang es unter den hellen Bäumen; sie sahen aus wie ein Bild von Pastell. Viele Tote wird die Wolga tragen? Was für ein Wort, ja: aber es ist wahr. Glaubst du das, Nadeshda Dimitrijewna? Ein Windstoß streift ihn noch. Er trägt Kampflärm und Rufe heran. , Hier gleitet der Leib des Kola Struve. In den Augen, welche keinen Blick mehr haben, spiegelt sich tot der Himmel dieser Welt. Salzburg. Von Jakob H a r i n g e r. „Die Gegenden von Salzburg, Neapel und Konstantinopel sehe ich für die schönsten der Welt." A. von H u m b o l d t. Das ist wie ein Bilderbuch für große Leute. Sie hat von hundert schönen Städten nur deren schönste Seiten. Man muß da ober immer das Gefühl haben, wieder recht bald abreisen zu müssen, das verschönt alles mit einer leisen Trauer. Zu allen Gassen schauen die nahen und fernen Hügel und weihen Berge herein wie neugierige Mädchen und liebe gütige Großmütter. In unendlicher Liebe neigen sich die alten Häuser zueinander. Es duftet nach Wachs Aepseln, Wäsche. Vom Mirabellschloh klingt Musik herüber. In einer dunklen Gasse stehst du, als dich plötzlich immer wieder ein goldener Streisen rosa Sonne, mildes Grün und Sehnen überrascht. Zwar ist die ganze Luft wie ein zartes, mädchenhaftes Parfum, aber in der Arenberggasfe duftet es immer nach Frühling. Diese Stadt, die so süß von Liebe, von der Ireue und von Wehmut geigt — man ist ihr verfallen wie einer Frau. Da beschleicht einen die Wehmut verklungener Tage der Kindheit, der ersten Liebe, der letzten Hosfnunqen. Das Herz ist zu Tränen erschüttert. , Draußen in den Feldern hocken die Maler. Du verlaßt mit deinem geliebten Mädchen die Vorstadtgärten und wanderst durch die nahen Dörfer. Schöne Wirtshauslauben locken euch. Du träumst davon, es auch einmal so gut zu haben wie andere Menschen und erzählst der Zukunst schönste Märchen. Ja, das Leben Ist nimmer schwer, wenn man drauf pfeift. Gefahren sind keine mehr, lächelst du drüber ... ach nein, du bist ja ;t‘en Sterne schillern, die jungen Mägde meinen und seufzen: D du himmelblauer See... Des Mondes roter Türkensabel glanzt phan- tastisckx Nie, ach, war mein Herz so überschattet! Und ich trinke ein Glas ür die Nacht und die Melancholie. Ein Lachen klingt. Erne alte petma*; tür fällt leis ins Schloß. Der Krämer hat schon zu. Man muß durch äCn$omU kapujinerberg herab blasen zwei Hörner: O du himmlischer Vater schick uns a Elans Geld ... Kätzchen putzen sich. Und früher einmal chrieb Mozart für all die kleinen Mädchen, die verträumt in Cafes und Konditoreien vom Leben schwärmen, die Zaubersldte. . Um den Mönchsberg, an der Gstättengasse sind Winkel wie du sie nur in deinen schönsten Kinderträumen geschaut hast. In den uralten Kastanienalleen wandeln Verliebte, um bie Stadtmauer bluhn die spaten Herbstfalter, Brunnen plätschern. Die Dinge sind nicht tot; sie leben mit uns. Diese uralten Gassen die steinern Wappen, Portale, mystischen Durchhauser, Schlosser - sie lebten mit uns Menschen, sie nahmen manches von unfern dunkeln Wieder nachts vorm Fenster ein Wasser rauschen hören! Vor Sonnenaufgang liegen zaubervoll ferne und nahe Landschaften und blicken schimmernd in die alten Gassen herein... Erst in zwei Stunden loscht man die Laternen. In rosigem Morgenlicht glimmt ine Burg auf und langsam steigt die Sonne hinter dem weihen Gebirge auf. Morgenhell ist dein Zimmer und der Menschen Lärm macht dich froh. Durch die Bierjodlgasse wanderst du übers Nonntalerkloster hinaus. Hab Mut, kleines Herz'. An stillen Dörfern vorüber dann lagerst du zufrieden im hohen Gras. Wenn die Sonne in die Fenster der Burg brennt als ständ' sie im hellsten Feuer und die Glocken alle so traumhaft schlagen, kommt vielleicht ein dunkles Ahnen über dich. ' Ja wo soll man leben? Aber cs ist hier zu schon. Es 'st hier nur schön um in den Armen einer geliebten, nie versagenden Frau, von reuen Freunden umhegt, so ganz, ganz langsam sterben zu können die letzten Blicke um diese geliebte und doch so schmerzliche Erde, diesen blautraurigen Himmel mit seinen hoffnungsvollen Sternen. Am Nachmittag bist du in Hellbrunn. Der stille Park, von uralten stählern schilfbekränzten Weihern umspielt. Beete voll Rosen um die Statuen und gestürzten Säulen. Die letzte Sonne flattert wie ein Schmetterling über Gras und Kies. Kühl, fröstelnd weht es aus den ©rotten. Ein leichter Nebel fängt sich in den Wipfeln der Pappeln. Da tont die alte Orgel vom Puppentheater. Mondlicht funkelt durch die Alleen. Und das Herz seufzt auf ... gib Ruh! Altes und doch so dummes Herz! Und wenn der Mond droben über die Stabt schaukelt, rote eine pon einem Mädchen angebissene Ananas — o Musik rührt wieder lunglmg- hast dein Herz und es schlägt wieder jung ...ach aU tue bittern Enttäuschungen der (Beliebten, denen man begeistert all dies Herrliche gewiesen, ihr Lachen, Glühn, Verrat, Betrügen, Fliehn — konnten dies kleine Ding nicht sterben machen, bann ist man roieber ber dumme Knabe, voll Hoffnung. , . ... Dann wünscht man wieder, hier, in geliebten Träumereien, selig zu sein und vertraut wieder den Menschen, dem Leben und den lockenden ^oTn der herrlichen alten Gartenwirtschaft zu Aigen hocken, die ganzen Siebter ber Dämmerung spielen Hinterm Weinglas. Drüben, vom Schloß herüber plätschert der Brunnen. Der ganze wilde Sommer duftet... Noch tropfen die Blätter der Bäume vom Nachmittagsgewitter. Dann, die Treppen hinab borfeinroärts dem Abendrot zuwandern. Drinnen liegt die Burg, mit den schönen Hügeln, alten Gassen und vielleicht auch wieder einer Hosfnung für dein armes, müdes, heimatlos irrendes Herz,.. f)1?rUnb "nachts denkt man erschrocken an truntner Wälder Bäche an ein lang verstorbenes silbernes Lachen wieder, an em weißes Alpenhotel, an ein entschwundenes Kinderspiel, und daß wir eine Seele haben, die von uns stiefmütterlich vergessen ward. Und du ieufzst um emes letzten unsäglichen Enttäuschtseins welken Rosenkranz. Oh, die Meere der Weh- mut ertränken das Herz. Ach, als ob wir Nicht viele Wege gehn muhten um zum Herzen zu finden... Das kann man mcht.sagen, kann man den Duft des Maiglöckchens, ein bräutliches Erröten, eine heimatliche Speist, das edle Trauern gefangener Tiere beschreiben? Ich glaube kaum! Freilich, alte Gassen, mit spielenden Hündlein, dunkle gespenstische Häuser, Klosterhöfe mit schönen Kindern, verträumte kleine Kneipen die alle auf dich warten, draus Zithern wie Nachtigallen schlagen, verzauberte Hügel — ja, dies alles gibt es überall, ist wo anders auch oft, aber «.°n bk Sch.-Y.n ziehn; gute Nacht, du mein herziges Kind — (o herrlich, nirgenbs tltngen bie alten lockenben Walzer von Strauß, Geugl, Lanner so rührend lieb wie aus diesen Gärten, wo du allein mit deinen paar letzten Hoffnungen "“Sr," wie schön dies alles, weißt du erst immer, wenn du wieder fort bist. Wenn man nimmer da ist, weiß man bann plötzlich, daß diese Stadt eine Heimat ist, so wie sie uns manchmal aus Kindertagen aus alten Liedern, aus schönen lieben Bildern, einer süßen (Erinnerung a^Ach t wieder fort, wieder draußen in Fremde und Bitternis, unter verwirrten betörten Menschen sein und doch, wie tröstlich ist es zu wissen, auch über bie Heimat fternt berfelbe Himmel. .... . .. D große ©nabe bes Lebens, arm zu fein, entbehren muffen, roieber in Sehnen und Enttäuschungen durch große Städte irren unb bann wieder in diesen uralten Alleen, kleinen Kneipen träumen am Monchs- berg wandern; in der Ferne die nahen 2(lpen, ben tiefblauen H'mmel und übern Mozartplatz tröstet das Glockenspiel: Dort unten in der Wenn Leute um bie Ecke biegen, kehren alle Gesichter sich dorthin. Angespannte Bewegtheit ist in den Augen. Zuweilen em Zuruf an den Redner den er rasch aufnimmt. Des öfteren packt em Wort sie an und sie reden lauter durcheinander." Aber das bricht schnell ab. einer vo ihnen hält starr den Kops zur Ecke gekehrt, wo em Dritter aufpaßt. Cie epen das, bie (Bebärbe seines Gesichts ist unheimlich, sie macht stumm. Aber kaum später ist das vergessen. Gemeinsamer Haß wurde wach. Sie rufen wild. Einige jubeln dem vor ihnen zu. cr„ Ekstase bricht das Kommando Struves. Nicht alle an der Partmauer erfaßen es gleich: wenige laufen weg, einer schreit auf unb fragt wieder angstvoll die Umstehenden. Einer wehrt nut erhobener Handfläche ten Lärm ab und horcht, auf dem Sprunge: wie der Galopp- schlag der Anreitenden von allen gehört wird, ist bie Truppe auch schon “^eht^rennen alle, stolpernd, einige verbissen stumm, andre schreiend, brüllend. Aber die Soldaten sind hinterher: zwei versperren mit den Gäulen den Ausgang, der Rest springt ab: Sie packen den Redner Kurzes Verhör; jener schweigt. Ein Dritter, den sie darum laufen lassen, ruft. Es ist Dimitri Fertschin, der Grusinier. Alexander Struve nickt und winkt seinen Leuten. Da zwingt Kola Struve sein Pferd an das des Vaters. Er ist ganz stumm, aber seine Augen, bie weit aufgerissen sinb, bohren sich m bie bes anberen. Er packt besten Hanb an, bie ben Zügel halt: „Du wirst nicht , preßt er hervor. Seine Lippen stehen offen, aber bie Zahne verbeißen sich ineinanber: „Du wirst nicht, nein!" „Sagte ich es bir nicht", sagt Alexander Struve. Es klingt kalt. Er sucht vorn Blick bes Sohnes freizukommen: „Dies Volk ist eine Sippe. .Das ist aber boch Wahnsinn — was tut ihr denn?? , jagt Kola. „Nadeshda Dimitrijewna..." Es durchzittert ihn krampfhaft. „Du denkst an das Mädchen? — Du bist ein Weichling! .sagt Alexander Struve. Im gleichen Augenblick krachen zwei Schüsse. Dimitri Fertschin land erzählte, wurde er ausgelacht. Die heißen Strome und Quellen, das dorr zur Höhe statt in die Tiefe stürzende Wasser — die mächtigen Geiser — der Wald von steinernen Bäumen, der gläserne Berg, der nichts anderes ist, als «in großer, glänzender Obsidianfelsen inmitten des Parkes, die gewaltigen Gebirgsketten ujw., alles wurde für wildes Phantasiegebilde gehalten. Heute ist das einst so sagenhafte Waldland der Yellowstone-National- Park — ein Naturschutzpark von über 85 000 Quadratkilometern. Mit wilden Schluchten, Schrunden, Riesenwäldern, StrörNen, Seen, steppenartigen Ebenen, kolossalen Bergen, von denen viele tote Vulkane sind mit riesigen eingefallenen Kratern. Ein Wunderland, dessen Geschichte eine Saga der Erde ist. Was die unsterbliche Phantasie eines Richard Wagner geschaut, ist hier zur Wirklichkeit geworden. Die Montsalvat, Klingsors, Zaubergarten, Fafners Höhle, Ribelheim, der Walkürensels, der Feuerzauber mit der „wabernden Lohe", sie olle liegen vor dem Auge in leiblich-nüchterner Vollkommenheit da. Und vereinigten sich auch die edle Plastik eines Phidias, die glühenden Farben eines Tizian, der eherne Griffel eines Shakespeare und die göttliche Inspiration eines Beethoven zu einer ungeheuren Symphonie zum Preise der Majestät dieses einzigen Naturwunders, sie könnten dieser Landschaft trotz ihrer unvergleichlichen Bemeisterung menschlicher Ausdrucksfähigkeit doch nicht Gerechtigkeit widerfahren lassen. Schon das Farbenspiel, das das zehn Meilen lang sich hinziehende Grand Canyon offenbart, wird allgemein als das merkwürdigste und eindrucksvollste aller Landschaften der Erde angesehen. m „ Abgesehen vom Hot Springs National Park wurde der Yellowstone- Park als erster seiner Gattung von der Union zum nationalen Naturschutzpark erklärt: „For the benefit ok the people“. Und kein Baum darf dort gefällt, kein Quell zerstört, nirgends der Boden umgeackert, kein Haus gebaut werden, außer jenen, die die Regierung für notwendig hält. Und obwohl sämtliche Tiere, darunter Bären und Panther, sich frei im Park herumtummeln, wurde noch nie von einem Angriff auf Menschen berichtet... Die schweren, vierspännigen Gebirgswagen, auf denen es früher in saufender, echt hinterwäldlerisch-verwegener Fahrt durch den Park ging, haben dem Automobil Platz gemacht, der berühmten „Yellow Fleet“, die aus siebenhundert Personenkraftwagen besteht. Meister Martin der Küfner und seine Gesellen. Erzählung von E. T. A. Hoffmann. (Schluß.) Wenn er nun zurückkehren mußte zu seinen Dauben und Bänden und daran dachte, daß nur so Rosa zu erwerben, dann war es, als griffen Krallen hinein in sein blutendes Herz und er müsse trostlos vergehen in der Ungeheuern Qual. In Träumen kam oft Reinhold und brachte ihm eltsame Zeichnungen zu künstlicher Bildereiarbeit, in der Rosas Gestalt auf wunderbare Weise, bald als Blume, bald als Engel mit Flügelein verflochten war. Aber es fehlte was daran, und er erschaute, daß Reinhold in Rosas Gestaltung das Herz vergessen, welches er nun hinzu-- zeichnete. Dann war es, als rührten sich alle Blumen und Blätter des Werks singend und süße Düfte aushauchend, und die edlen Metalle zeigten ihm in funkelndem Spiegel Rosa Bildnis; als strecke er die Arme sehn- üchtig aus nach der Geliebten, als verschwände das Bildnis wie in büftern Nebel, und sie selbst, die holde Rosa, drücke ihn voll seligen Verlangens an die liebende Brust. — Tötender und tötender wurde sein Zustand bei der heillosen Böttcherarbeit, da suchte er Trost und Hilfe bei seinem alten Meister Johannes Holzschuer. Der erlaubte, daß Friedrich in seiner Werkstatt ein Werklein beginnen durfte, das «r erdacht, und wozu er seit langer Zeit den Lohn des Meister Martin erspart hatte, um das dazu nötige Gold anschaffen zu können. So geschah es, daß Friedrich, dessen totenbleiches Gesicht das Vorgeben, wie er von einer zehrenden Krankheit befallen, glaublich machte, beinahe gar nicht in der Werkstatt arbeitete und Monate vergingen, ohne daß er sein Meisterstück, das große zweifudrige Faß, nur im mindesten förderte. Meister Martin setzte ihm hart zu, daß er doch wenigstens so viel, als es seine Kräfte erlauben wollten, arbeiten möge, und Friedrich war freilich gezwungen, wieder einmal an den verhaßten Haublock zu gehen und das Lenkbeil zur Hand zu nehmen. Indem er arbeitete, trat Meister Martin hinzu und betrachtete die bearbeiteten Stäbe. Da wurde «r aber ganz rot im Gesicht und rief: „Was ist das?" — Friedrich, welche Arbe.tl hat die Stäbe ein Geselle gelenkt, der Meister werden will, oder em einfältiger Lehrbursche, der vor drei Tagen in die Werkstatt hmemgerochen? — Friedrich, besinne dich, welch ein Teufel ist in dich gefahren und hudelt dich? — mein schönes Eichenholz, das Meisterstück! ei du ungeschickter, unbesonnener Bursche." — Ueberwältigt von allen Qualen der Holle, die in ihm brannten, konnte Friedrich nicht länger an sich halten; er warf das Lenkdeil weit von sich und rief: „Meister! — es ist nun alles au5 — nein, und wenn es mir das Leben kostet, wenn ich vergehen soll in namenlosem Elend — ich kann nicht mehr — nicht mehr arbeiten im schnödigen Handwerk, da cs mich hinzieht zu meiner herrlichen Kunst mit unwiderstehlicher Gewalt. Ach, ich liebe Eure Rosa unausspreGich, wie sonst keiner auf Erden es vermag — nur um ihretwillen habe ich ja hier die gehässige Arbeit getrieben — ich habe sie nun verloren, ich weiß es ich werde auch bald dem Gram um sie erliegen, aber es ist nicht anders, ich kehre zurück zu meiner herrlichen Kunst, zu meinem würdigen alten Meister Johannes Holzschuer, den ich schändlich verlassen. — Meister Martins.Augen funkelten wie flammende Kerzen. Kaum der Worte mächtig vor 2&ut, stotterte er: „Was — auch du? Lug und Trug? — mich hintergangen — schnödes Handwerk? — Kuperei. — fort aus meinen Augen, schändlicher Bursche — fort mit dir! Unö damit packte Meister Martin den armen Friedrich bei den Schultern und warf ihn zur Werkstatt hinaus. Das Hohngelächter der rohen Gesellen und der Lehrburschen folgte ihm nach. Nur der alte Valentin faltete die Hande, sah gedankenvoll vor sich hin und sprach: „Gemerkt hab^ ich wohl, daß der gute Gesell Höheres im Sinn trug als unsre Fässer, yrau Marthe weinte sehr, und ihre Buben schrieen und jammerten um Friedrich, der Naturschutz Gebiete. Von Felix Baumann. Zum fünfundzwanzigjährigen Bestehen der Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege fand vor kubzem in Berlin der neunte Deutsche Raturschutztag statt, mit einer Naturschutz-Ausstellung verbunden. Auch im den Vereinigten Staaten rüstet man sich zur festlichen Begehung der Jubiläen einiger berühmter Naturschutzparks. In diesem Jahre wird die achtzigste Wiederkehr des Tages der Entdeckung des Yosemite-Tals in Kalifornien gefeiert, während im nächsten Jahre der Pionier unter den amerikanischen Naturschutzparks, der Hot Springs National Park in Arkansas, auf sein hundertjähriges und die Krone aller Naturschutzparks, der Yellowstone National Park in Wyorming, auf fein sechzigjahriges Bestehen zurückblicken können. . In den Vereinigten Staaten gibt es heute dreiundzwanzig Naturschutzparks, die insgesamt ein Gebiet von 12 430 Ouadratmeilen umfassen. 5n diesen Naturschutzparks kommen 59 Naturschutzdenkmale aller Art, feie unter der Obhut der dem Staatsministerium des Innern angegliederten Kational Park Service foroie dem Ministerium für Landwirtschaft und Lern Kriegsministerium stehen. Dieses sorgt insbesondere für die Erhaltung der alten historischen Forts, und dem Kriegsminister direkt unter« ssiehen außerdem noch zwölf sogenannte „National Military Parks“ wie «Chieamanga in Georgia, Chattaneoga in Tennessee, Gettysburg in Pennsylvanien usw. Die 23 Naturschutzparks werden nur vom National [Park Service betreut, wogegen die „National Forests“ — die „National- oDÖlbcr", die in keinem Zusammenhang mit den Nationalparks stehen — Der Kontrolle und dem Schutze der Forstabteilung des Ministeriums für Landwirtschaft unterworfen find. Selbst vielen Amerikanern ist der Unter« «schied zwischen den Nationalparks und den Nationalwäldern unbekannt. Während es bei den Nationalparks darauf ankommt, das Landschafts- gebilde, die Natur- und geschichtlichen Hauptmerkmale, das Tier- und Pflanzenleben im Naturzustände zu erhalten und jeder militärische und kommerzielle Zweck ausgeschlossen bleibt — nur das Fischen ist in den Nationalparks erlaubt — darf in den Nationalwäldern gejagt, Holz gefällt, Reisig gesammelt, Grünzeug für das Vieh geholt und die Wasserkraft der Fälle und Bäche ausgenutzt worden. Auch stehen Ausslüglern die Wälder für Picknicks zur Verfügung. Der frühere Raubbau hat die amerikanischen Waldbestände arg gelichtet, die sich ursprünglich über achthundert Millionen Acres erstreckt haben — nach dem Zensus vom 1. April 1929 beträgt der Gesamtwald- bestand der Vereinigten Staaten (mit Ausnahme Alaskas) 167 064 899 Acres. In Alaska befinden sich heute die beiden größten Nationalwälder: ;ber Tongaß mit 16 545 143 und ber Chugach mit 4 799 670 Acres. Den kleinsten Nationalwald besitzt Arizona in dem Crook Forest mit 1 424 291 Acres, während die achtzehn Nationalwälder in Kalifornien 19 043 520 Acres umfassen, dagegen sich die vier kalifornischen Nationalparks: Yosemite, Squoia, General Grant und Lasson Volcanic nur auf zwei Millionen Acres erstrecken. Daß die Nationalparks auf die Amerikaner eine große Anziehungskraft ausüben, beweist die Besucherzahl, die sich im letzten Jahre (und «die in Frage kommende Saison ist nur kurz) auf zweieinhalb Millionen bcAiffcrtß Der älteste Nationalpark wurde im Jahre 1882 durch Kongreßbeschluß als „Hot Springs Reservation“ geschaffen, um seine berühmten 46 Heilquellen, die bereits 1541 von dem spanischen Entdecker de Soto besucht wurden, den monopolisierenden und kommerziellen Gelüsten zu entziehen. Der Park, der nur 928 Acres umfaßt, wurde im Jahre 1921 durch Kcngreßbe'schluß in „Hot Springs National Park“ umgetauft. Der Parkverwaltung untersteht nur der Badebetrieb, während die 16 000 Einwohner zählende Stadt Hot Springs selbst, die man als das „amerikanische Aachen" bezeichnen kann, ihre eigene Verwaltung besitzt. — Das Vosemite-Tal hat seine Entdeckung vor achtzig Jahren einem Zufall zu verdanken. Längs der Flüsse San Joaguin, Merced und Fresno lebende Ansiedler, die im Sommer 1850 von herumstreifenden Indianern überfallen und ausgeplündert wurden, waren auf die Vermutung gekommen, daß die Rothäute in jener Gegend einen unzugänglichen und noch unbekannten Schlupfwinkel haben müßten. Im Mai 1^51 beschloß der amerikanische Hauptmann Boling, der Sache auf den Grund zu gehen. Unter Führung des Indianerhäuptlings Tenaya drang er in Die Gegend ein und entdeckte zur größten Bestürzung der feindlichen Wilden ihre Hochburg — das Yofemite-Tal, diesen prachtvollen Erdenwmkel, der heute ein Mekka der internationalen Touristenwelt bildet. Das Tal wurde nach einem Häuptling des Mirokstammes benannt und Yosemite ist aus einer Verballhornisierung des Wortes „Uzumaiti (Großer grauer Bar) entstanden. , . .. Im Jahre 1852 wurde eine zweite Expedition unternommen, aber Die Schilderungen über die märchenhaften schönen Landschaftsbilder sanden nirgends Glauben. Auch dem San Franziskoer Zeitungsbesitzer I. M. Hutchins, der im Interesse seines Blattes da- Aosenute-Tal besuchte, trat man skeptisch gegenüber. Und erst seinem 1862 veröffentlichten Buche „Scenes of Wonders and Curiosity in California blieb Vorbehalten den Leuten die Augen zu öffnen. 1864 waren schon 240, 1865: 360 und 1866: 620 Besucher zu verzeichnen. Das erste Haus in Dosemite-Ta entstand 1856 am Fuße des Sentinel Peak unb als erster weißer Ansiedler wird ein gewisser James E. L a m o n genannt Im Jahre 1866 übernahm der Württemberger Fred Leidig das Blockhaus und. nann e es „Sentinel Hotel“ Schon am 30. Juni 1864 war das Yosernite-Tal laut Kongreßbeschluß für einen öffentlichen Vergnugungsplatz erklärt worden - „to be inalienable for all time“ (ein für alle Mal ein unoeraußer- liches Gebiet). Arn 1. Oktober 1890 stempelte der Pr°sldent der Vereinigten Staaten, Harrison, das Tal zum Nationalpark dessen Grenzen 1905 und 1906 bedeutend erweitert wurden. Da das Bosemite-Tal seinerzeit von der Bundesregierung dem Staate Kalifornien öusiriproch gab Kalifornien am 3. April 1905 das Gebiet an 9Bfa,fi’mgton iuirutf- Wie dem Yosemite-Tal erging es dem Yellowston^Park Ms sein Entdecker, Jim Bridger, von dem geheimnisvollen Wald- «nd Berg- mit ihnen freundlich gespielt und manches gute Stück Backwerk ihnen zugetragen hatte. - So zornig nun auch Meister Martin auf Reinhold und Friedrich sein mochte, gestehen mußte er doch sich selbst, daß mit ihnen alle Freude, alle Lust aus der Werkstatt gewichen. Von den neuen Gesellen erfuhr er täglich stichts als Aergernis und Verdruß. Um jede Kleinigkeit mußte er sich kümmern und hatte Mühe und Not, daß nur die geringste Arbeit gefördert wurde nach seinem Sinn. Ganz erdrückt von den Sorgen des Tages seufzte er dann oft: „Ach Reinhold, ach Friedrich, hättet >hr mich doch nicht so schändlich hintergangen, wäret ihr doch nur tüchtige Kuper geblieben!" Cs kam so weit, daß er ost mit dem Gedanken kämpfte, alle Arbeit gänzlich aufzugeben. In solch düsterer Stimmung saß er einst am Abend in seinem Hause, als Herr Jakobus Paumgartner und mit ihm Meister Johannes Hol^ schlier ganz unvermutet eintraten. Er merkte wohl, daß nun von Friedrich die Rede sein würde, und in der Tat lenkte Herr Paumgartner sehr bald das Gespräch auf ihn, und Meister Holzschuer fing an, den Junglmg auf alle nur mögliche Art zu preisen. Er meinte, gewiß sei es, daß bei solchem Fleiß, bei solchen Gaben Friedrich nicht allein ein tresflicher Goldschmied werden, sondern auch als herrlicher Bildgießer geradezu in Peter Vischers Fußtapfen treten müßte. Run begann Herr Paumgartner heftig über unwürdige Betragen zu fchelten, das der arme Gefell von Meister Martin erlitten, und beide drangen darauf, daß, wenn Friedrich ein tüchtiger Goldschmied und Bildgießer geworden, er ihm Rosa, falls nämlich diese dem von Liebe ganz durchdrungenen Friedrich hold sei, zur Hausfrau geben solle. Meister Martin ließ beide ausreden, dann zog er sein Käpp- lein ab und sprach lächelnd: „Ihr lieben Herren nehmt euch des Gesellen wacker an, der mich auf schändliche Weise hintergangen hat. Doch will ich ihm das verzeihen, verlangt indessen nicht, daß ich um seinetwillen j meinen festen Entschluß ändere, mit Rosa ist es nun einmal ganz und gar nichts." In diesem Augenblick trat Rosa hinein, leichenblaß, mit verweinten Augen, und setzte schweigend Trinkgläser und Wein aus den Tisch. „Run", begann Herr Holzschuer, „nun, so muß ich denn wohl dem armen Friedrich nachgeben, der seine Heimat verlassen, will auf immer. Er hat ein schönes Stück Arbeit gemacht bei mir, das will er, wenn Ihr es, lieber Meister, erlaubt, Eurer Rosa verehren zum Gedächtnis, schaut ! es nur an!" Damit holte Meister Holzschuer einen kleinen, überaus künst- j lief) gearbeiteten silbernen Pokal hervor und reichte ihn dem Meister ; Martin hin, der, großer Freund von köstlicher Gerätschaft, ihn nahm und ■ wohlgefällig von allen Seiten beäugelte. In der Tat konnte man auch kaum herrlichere Silberarbeit sehen als eben dies kleine Gefäß. Zierliche Ranken von Weinblättern und Rosen schlangen sich ringsherum, und aus den Rosen, aus den brechenden Knospen schauten liebliche Engel, so wie inwendig aus dem vergoldeten Boden sich anmutig liebkosende , Engel graviert waren. Goß man nun hellen Wein in den Pokal, so war es, als tauchten die Engelein auf und nieder in lieblichem Spiel. „Das Gerät", sprach Meister Martin, „ist in der Tat gar zierlich gearbeitet, und ich will es behalten, wenn Friedrich in guten Goldstück n den zwiefachen Wert von mir annimmt." Dies sprechend, füllte Meister Martin den Pokal und fetzte ihn an den Mund. In demselben Augenblick öffnete sich leise die Tür, und Friedrich, den tötenden Schmerz ewiger Trennung von dem Liebsten auf Erden im leichenblassen Antlitz, trat in dieselbe. Sowie Rosa ihn gewahrte, schrie sie laut auf mit schneidendem Ton: „Oh, mein liebster Friedrich!" und stürzte ihm halb entseelt an seine Brust. Meister Martin setzte den Pokal ab, und als er Rosa in Friedrichs Armen erblickte, riß er die Augen weit auf, als fäh' er Gespenster. Dann nahm er sprachlos den Pokal wieder und schaute hinein. Dann raffte er sich vom Stuhl in die Höhe und rief mit starker Stimme: „Rosa — Rosa, liebst du den Friedrich?" — „Ach", lispelte Rosa, „ach, ich kann es ja nicht länger verhehlen, ich liebe ihn wie mein Leben, das Herz wollte mir ja brechen, als Ihr ihn verstießet." — „So umarme deine Braut, Friedrich — ja, ja, deine Braut", rief Meister Martin. — Paumgartner und Holzschuer schauten sich ganz verwirrt vor Erstaunen an, aber Meister Martin sprach weiter, den Pokal in den Händen: „Oh, du Herr des Himmels, ist denn nicht alles so gekommen, wie die Alte es geweissagt? Ein glänzend Häuslein wird er bringen, wllrz'ge Fluten treiben drin, blanke Englein gar luftig fingen — das Häuslein mit gülbnem Prangen, der hat's ins Haus getrag’n, den wirst du süß umfangen, darfst nicht den Vater frag’n, ist dein Bräutigam minniglich! — o ich blöder Tor! — Das ist das glänzende Häuslein, die Engel — der Bräutigam — hei, hei, ihr Herren, nun ist alles gut, alles gut, der Eidam ist gefunden!" Wessen Sinn jemals ein böser Traum verwirrte, daß er glaubte, in tiefer, schwarzer Grabesnacht zu liegen, und nun erwacht er plötzlich im hellen Frühling voll Dust, Sonnenglanz, und die, die ihm die Liebste auf Erden, ist gekommen und hat ihn umschlungen, und er schaut in den Himmel Ihres holden Antlitzes, wem das jemals geschah, der begreift es, wie Friedrich zu Mute war, der faßt seine Überschwengliche Seligkeit. Keines Wortes mächtig, hielt er Rosa fest in feinen Armen, als wolle er sie nimmer lassen, bis sie sich sanft von ihm loswand und ihn hinführte zum Vater. Da rief er: „O mein lieber Meister, ist es denn auch wirklich so? — Rosa gebt Ihr mir zur Hausfrau, und ich darf zurückkehren zu meiner Kunst?" — „Ja, ja", sprach Meister Martin, „glaube es doch nur! Kann ich denn anders tun, da du die Weissagung der alten Großmutter erfüllt hast? — Dein Meisterstück bleibt nun liegen." Da lächelte Friedrich ganz verklärt von Wonne und sprach: „Nein, lieber Meister, ist es Euch recht, so vollende ich nun mit Lust und Mut mein tüchtiges Faß als meine letzte Küperarbeit und kehre dann zurück zum Schmelzofen." — „O du mein guter, braver Sohn", rief Meister Martin, dem die Augen funkelten vor Freude, „ja, dein Meisterstück fertige, und bann gibt’5 Hochzeit." Friebrich hielt reblich fein Wort, er vollenbete bas zweisubrige Faß, unb alle Meister erklärten, ein schöneres Stück Arbeit sei nicht leicht verantwortlich: gefertigt worden, worüber dann Meister Martin gar innig sich freute und überhaupt meinte, einen trefflicheren Eidam hätte ihm die Fügung des Himmels gar nicht zuführen können. Der Hochzeitstag war endlich herangekommen, Friedrichs Meisterfaß, mit edlem Wein gefüllt unb mit Blumen bekränzt, ftanb auf bem Flur bes Hauses aufgerichtet, die Meister bes Gewerks, ben Ratsherrn Jakobus Paumgartner an ber Spitze, fanben sich ein mit ihren Hausfrauen, benen die Meister Golbschmiebe folgten. Eben wollte sich ber Zug nach ber St. Sebalbuskirche begeben, wo das Paar getraut werden sollte,- als Trompetenschall auf der Straße erklang unb vor Martins Haufe Pferbe wieherten und stampften. Meister Martin eilte an bas Erkerfenster. Da hielt vor bem Haufe Herr Heinrich von Spangenberg in glänzenben Fest- tleibern unb einige Schritte hinter ihm auf einem mutigen Rosse ein junger hochherrlicher Ritter, das funtelnbe Schwert an ber Seite, hohe, bunte Febern auf bem mit strahlenden Steinen besetzten Barett. Neben dem Ritter erblickte Herr Martin eine wunderschöne Dame, ebenfalls herrlich gekleidet, auf einem Zelter, dessen Farbe frischgefallner Schnee war. Pagen unb Diener in bunten, glänzenben Röcken bilbeten einen Kreis ringsumher. Die Trompeten schwiegen, unb der alte Herr von Spangenberg rief herauf: „Hei, hei, Meister Martin, nicht Eures Weinkellers, nicht Eurer Goldbatzen halber komme ich her, nur weil Rosas Hochzeit ist; wollt Ihr mich einlaffen, lieber Meister?" — Meister Martin erinnerte sich wohl seiner Worte, schämte sich ein wenig und eilte herab, den Junker zu empfangen. Der alte Herr stieg vom Pferde und trat grüßend ins Haus. Pagen (prangen herbei, auf deren Armen die Dame hcrabglitt vom Pferde, der Ritter bot ihr die Hand und folgte dem alten Herrn. Aber sowie Meister Martin den jungen Ritter anblickte, prallte er drei Schritte zurück, schlug die Hände zusammen und rief: „O Herr des Himmels! — KonrabU — Der Ritter sprach lächelnd: „Jawohl, lieber Meister, bin ich Euer Geselle Konrad. Verzeiht mir nur die Wunde, die ich Euch beigebracht! Eigentlich, lieber Meister, mußt' ich Euch totschlagen, das werdet Ihr wohl einsehen, aber nun hat sich ja alles ganz anders gefügt." Meister Martin erwiderte ganz verwirrt, es fei doch besser, daß er nicht totgeschlagen worden, aus dem bißchen Ritzen mit bem Lenkbeil habe er sich gar nichts gemacht. Als Martin nun mit ben neuen Gästen eintrat in bas Zimmer, wo die Brautleute mit den übrigen versammelt waren, geriet alles in ein frohes Erstaunen über die schöne Dame, die ber halben Braut so auf ein Haar glich, als fei es ihre Zwillingsschwesier. Der Ritter nahte sich mit eblem Anstande ber Braut und sprach: „Erlaubt, holde Rosa, daß Konrad Euerm Ehrentag beiwohne. Nicht wahr, Ihr zürnt nicht mehr auf den wilden, unbesonnenen Gesellen, der Euch beinahe großes Leid bereitet?" Als nun aber Braut und Bräutigam und der Meister Martin sich ganz verwundert und verwirrt anschauten, rief der alte Herr von Spangenberg: „Nun, nun, ich muß euch wohl aus bem Traume helfen. Das ist mein Sohn Konrab, unb hier möget ihr seine liebe Hausfrau sowie die holde Braut, Rosa geheißen, schauen, Erinnert Euch, Meister Martin, unsers Gesprächs. Als ich Euch frug, ob Ihr auch meinem Sohne Eure Rosa verweigern würdet, bas hatte wohl einen befonberen Grunb. Ganz toll war ber Junge in Eure Rosa verliebt, er brachte mich zu bem Entschluß, alle Rücksicht aufzugeben, ich wollte den Freiwerber machen. Als ich ihm aber sagte, wie schnöbe Ihr mich abgefertigt, schlich er sich auf ganz unsinnige Weise bei Euch ein als Kllper, um Rosas Gunst zu erwerben unb sie Euch bann wohl gar zu entführen. Nun! — Ihr habt ihn geheilt mit bem tüchtigen Hiebe über’n Rücken! — Habt Dank basür, zumal er ein edles Fräulein fand, die wohl am Ende die Rosa fein mochte, die eigentlich in seinem Herzen war von Anfang an." Die Dame hatte unterdessen mit anmutiger Milde die Braut begrüßt und ihr ein reiches Perlenhalsband als Hochzeitsgabe umgehängt. „Sieh, liebe Rosa", sprach sie dann, indem sie einen ganz verdorrten Strauß aus den blühenden Blumen, die an ihrer Brust prangten, heroorholte, „sieh, liebe Rosa, das sind die Blumen, die du einst meinem Konrad gabst als Kampfpreis; getreu hat er sie bewahrt, bis er mich sah, da würd' er dir untreu und hat sie mir verehrt, sei deshalb nicht böse!' Rosa, hohes Rot auf ben Wangen, verschämt bie Augen niederschlagend, sprach: „Ach, eble Frau, wie möget Ihr doch so sprechen, konnte denn wohl ber Junker jemals mich armes Mägdlein lieben? Ihr allein wart seine Liebe, und weil ich nun eben auch Rosa heiße unb Euch, wie sie hier sagen, etwas ähnlich sehen soll, warb er um mich, doch nur Euch meinend." Zum zweitenmal wollte sich der Zug in Bewegung setzen, als «in Jüngling eintrat, auf italische Weise, ganz in schwarzem Samt gekleidet, mit zierlichem Spitzenkragen und reiche goldene Ehrenketten um den Hals gehängt. „O Reinhold, mein Reinhold", schrie Friedrich und stürzte bem Jüngling an bie Brust. Auch bie Braut und Meister Martin riefen unb jauchzten: „Reinhold, unser wackrer Reinhold ist gekommen." — „Hab' ich's dir nicht gesagt", sprach Reinhold, bie Umarmung feurig ermibernb, „hab' ich's dir nicht gesagt, mein herzlieber Freund, daß sich noch alles gar herrlich für dich fügen konnte? — Laß mich deinen Hochzeitstag mit dir feiern, weit komm' ich deshalb her, und zum ewigen Gedächtnis häng' das Gemälde in deinem Hause auf, das ich für dich gemalt unb bir mitgebracht." Damit rief er heraus, unb zwei Diener brachten ein großes Bild in einem prächtigen golbnen Rahmen hinein, bas ben Meister Martin in feiner Werkstatt mit feinen 'Gesellen Rein- holb, Friebrich und Konrad darstellte, wie sie an bem großen Faß arbeiten unb bie halbe Rosa eben hineinschreitet. Alles geriet in Erstaunen über die Wahrheit, über bie Farbenpracht bes Kunstwerks. „Ei", sprach Friedrich lächelnd, „das ist wohl dein Meisterstück als Küper? Das meinige liegt dort unten im Flur, aber bald schaff' ich ein anderes." Bei dem Hochzeitsmahl sah Friedrich zwischen den beiden Rosen, ihm gegenüber aber Meister Martin zwischen Konrad und Reinhold. Da fUlte Herr Paumgartner Friedrichs Pokal bis an den Rand mit edlem Wein und trank auf das Wohl Meister Martins und feiner wackern Gefell«». Dr. Hans Thyrivt. — Druck unb Derlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei. R. Lange, Giehen.