GiehenerLamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <931 Montag, den 23. November Nummer 92 Ferngespräch. Von Siegfried von Vegesack. Deine Stimme klang so nah, daß ich deinen Atem beinahe spürt«, deinen Mund, dein schmales Lächeln sah, deine Lippen fast berührte. Tausend Kilometer zwischen dir und mir, doch wir überspringen Länder, Städte. Ich bin dort, und du bist hier, und wir tanzen auf dem Seil der Drähte. Ach, es ist im Grunde ja egal, und wir wissen auch nicht, was wir sagen. Fühlen nur das Glück, — und tief die Qual: daß die Lippen nie das Wort erjagen! Und schon zittre ich davor: gleich wird uns das Fernamt trennen. Tausend Kilometer weit, von Mund zu Ohr, muh das letzte Wort noch schnell hinüberrennen. Dann zerreißt der Draht. Ich höre dich nicht mehr. Dein« Stimme und dein Lächeln ist durchschnitten. Plötzlich wird mein Zimmer tot und leer. Und du bist mir sternenweit entglitten ... Das Alibi. Ein nächtliches Abenteuer. Von Charlie Roellinghoff. „Halb zehn!" konstatierte Viktor nach einem Blick auf die Uhr. „Zweiundzwanzig Mark und fünfzig Pfennige, hierzu zwei Briefmarken ä acht Pfennige", fügte er nach einer Visitierung seiner Brieftasche hinzu. Dann öffnete er die Tür zum Korridor und rief: „Frau Mielemann!" Die Vermieterin tauchte am anderen Ende des Korridors auf. „Frau Mielemann!" sprach Viktor ernst. „Wenn irgendwer, wer immer es sei, nach mir fragt, schreibt oder telephoniert — Sie wissen von nichts, Sie kennen mich nicht, Sie haben mich nie gesehen, verstanden? „Das hab' ich schon verstanden, Herr Doktor. Aber ich kann nicht verstehen, warum Sie mir die Miete nicht bezahlen!" „Die Miete werde ich Ihnen morgen bezahlen! Ich hoffe, daß ich heute abend etwas verdienen werde; adjöh, Frau Mielemann!" „Adieu, Herr Doktor." Viktor war fest entschlossen, heute abend beim Bacspiel zu gewinnen. Zwanzig Mark — das waren immerhin vier Coups ä 5 Mark —, damit konnte man ein Vermögen gewinnen, wenn man nur ein wenig Glück hatte. Emmerich, der liebenswürdige Gastgeber, sollte sich heute wundern! ... Uebrigens, man müßte diesem Emmerich doch rasch mal einen kleinen Schreck einjagen! Und schon war Viktor am Telephon und verlangte Emmerichs Nummer. Emmerich meldete sich. Dazwischen ertönten Ausrufe wie „Die Bank hat neun!", „Das ist mein Ship!", „Wie können Sie auch auf fünf kaufen?!" usw. Viktor verstellte seine Stimme: „Hier Kriminalpolizei! Hören Sie mal, uns ist zu Ohren gekommen, daß bei Ihnen dem verbotenen Glücksspiel gefrönt wird! Wir warnen Sic! ..." Erregt kam es von der anderen Seite: .... m . „Aber ich bitte Sie, Herr Inspektor! Davon kann doch keine Rede sein... Wir spielen hier ganz harmlos sechsundsechzig! ... Wo denken Sie hin, Herr Inspektor! ..." Da fiel Viktor ein: , . ...... „Schön, Emmerich, mein guter Boy — in zehn Minuten bin ich bei dir — dann können wir ja wieder ein bißchen Bac spielen. Viktor hörte sich noch an, wie Emmerich Brehms Tierleben am anderen Strippenende herunterdonnerte, dann hängte er ab und machte sich auf den Weg. ..... r- • < s Er wurde mit großem Hallo empfangen machte sich ans Spiel und gewann in ganz kurzer Zeit vierhundert Mark. Emmench titulierte ihn nur noch per „Herr Inspektor!" — Gegen eins brach Bittor mit sechshundert Mark Gewinn überglücklich auf. . Zehn Schritt vor seinem Hause stellten sich ihm zwc, dunkle Gestalten in den Weg. Eine davon wies eine schunmernde Marke vor und sagte. „Kriminalpolizei! Folgen Sie uns!" „Quatsch!" lachte Viktor. „Ihr seid wohl von Emmerich Bilse bestellt . „Machen Sie kein Theater!" kam es drohend. „Folgen Sie uns. Wir haben einen Vorfuhrungsbefehl in Sachen Kortz. Sie sind als Zeug« genannt, sind zu zwei Terminen nicht erschienen und werden jetzt zwangsweise vorgcfuhrt. Los, Herr Bergstolz!" „Aber ich bin ja gar nicht Herr Bergstolz!" sagte Viktor. Die Beamten lächelten. 'ADa5JayJ^er! Wird sich alles Herausstellen! Los jetzt!" -Oer Wachthabende auf der Kriminalpolizei war nicht sonderlich guter Laune wahrend des Verhörs. „Also hören Sie schon auf mit der Komödie!" riet er Viktor. „Nennen Sie uns Ihre Personalien!" " ..Ich heiße Viktor Schubert!" beharrte Viktor. „So? Und wo geben Sie vor, zu wohnen?" „Pariser Straße 58b bei Frau Mielemann." - Nach fünf Minuten Pause trat ein Beamter mit süffisantem Lächeln in die Revierstube und verkündete: „Alles erfunden, Herr Inspektor! Wir haben die Frau Mielemann aus dem Schlaf telephoniert, toie weiß von keinem Herrn Viktor Schu- « ' f«,Aat n'V!nen ,^errn Viktor Schubert gesehen, sie kennt keinen Herrn Viktor Schubert! Tief seufzte Viktor auf. „Nun?" kam es drohend hinterm Schnurrbart des Inspektors hervor. „Wollen Sie weiter leugnen? Wollen Sie uns nicht vielleicht über die Herkunft dieser sechshundert Mark aufklären, die wir in Ihrer Brieftasche gefunden haben?" Was auch kommen würde — niemals durfte Viktor zugeben, daß er mit Glücksspiel beschäftigt gewesen war. Also sagte er: „Sechshundert Mark? Ach ja, richtig! Die habe ich ... die hat mir ... die sind mir heute am Brandenburger Tor von einem mittleren Herrn m die Hosentasche geschoben worden." Schallendes Gelächter. „Das muß einmal ein nobler Herr gewesen sein. Vielleicht war es hnrun al Raschid? Donnerwetter, ja! Sechshundert Mark in die Hosen- taschc! ' Der Ton wurde wieder ernster: „Wo haben Sie sich heute abend bis zum Moment Ihrer Verhaftung herumgetrieben, Herr Bergstolz?" Erstens heiße ich nicht Bergstolz! Und zweitens habe ich mich nicht herumgetrieben! Ich war zu einem gemütlichen Beisammensein bei meinem Freunde Emmerich Bilse!" „Bilse?" „Jawohl!" „Ist das nicht der bekanüie Komponist?" „Natürlich! Sehen Sie!" „Natürlich sehen wir! Da können wir doch mal antelephonieren, wie?" „Natürlich können wir da mal antelephonieren! Emmerich wird mein Alibi sofort beweisen und mich identifizieren! Und dann mache ich Ihnen einen Krach und einen Stunk, daß die ganze Bude hier auffliegt, das sage ich Ihnen nur!" „Keine Drohungen, mein Herr! Sonst geht es Ihnen ganz dreckig!!!" „Also bitte — telephonieren Sie!" Der Inspektor nahm den Hörer ab und verlangte Emmerich Bilses Nummer. Emmerich war gerade in den ersten süßen Schlummer gesunken als das Telephon im Korridor rasselte. Emmerich steckte beide Zeigefinger in die Ohren. Das Telephon gab keine Ruhe. Mit einem Fluch sprang Emmerich aus dem Bett, hastete im Nachtgewand mit bloßen, frierenden Füßen an den Apparat, nahm den Hörer ab und brüllte: „Welcher Idiot will was von mir?!" „Hier Kriminalpolizei! ... Hören Sie mal zu, Herr Bilse ..." Bilse schickte einige Verwünschungen in die Leitung, hängte ab und schlurfte wütend in sein Bett zurück, wobei er murmelte: „Schön — einmal hab' ich mir einen dummen Witz gefallen lassen! ... Aber immer wieder und dann mitten in der Nacht! Morgen werde ich diesem Schubert mal was erzählen!" „Versuchen Sie es noch einmal!" flehte Viktor den Inspektor an. „Ich bitte Sie, es ist ein Mißverständnis!^ „Ich lasse mich nicht beschimpfen!" wetterte der Inspektor. „Ich denke nicht daran! Das ist ja alles Schwindel von Ihnen!" „Vielleicht lassen Sie es m i ch versuchen!" bat Viktor, dem der Angst- schweiß auf die Stirne trat, denn die Situation wurde immer brenzliger. „Also bitte!" Viktor nahm den Hörer ab und verlangte Emmerichs Nummer. Der Inspektor lauschte an einem zweiten Hörer. Emmerich fuhr wütend in die Höhe, als er erneut die verhaßte Klingel hörte. Er raste zum Apparat und schrie hinein: „Ich verbitte mir das ernstlich!" Viktor legte allen verfügbaren Schmelz in feine Stimme: „Emmerich, ich flehe dich an! ... Ich bin hier bei der Kriminalpolizei! _ Lu mußt ... Sie halten mich für einen Bergstolz ..." „So? Ich verstehe immer Kriminalpolizei! ... Oh, wäre es doch wahr! ... Ich würde der Kriminalpolizei mit Freuden bestätigen, mein Herr, daß Sie der langgesuchte Hochstapler und Millionendefraudant Bergstolz sind, jawohl, das würde ich! ..." | Ein frohes Leuchten trat in die Züge des Inspektors. Er näherte sich dem Telephon und sprach: _ „Also hier ist wirklich die Kriminalpolizei, Herr Vilse ... Wir möchten..." „Ach, sucht Euch doch einen anderen Idioten, der an Euere dummen Flachsereien glaubt! Ich habe für heute die Nase voll — weiter« Anrufe zwecklos — mein Apparat ist abgestellt!" Gegen vier Uhr morgens war das Verhör bis zu einem Teilgeständ- nis gediehen. Tränenüberströmt versicherte Viktor immer wieder: „Bitte glauben Sie mir doch! Ich habe bei Bilse Baccarat gespielt und sechshundert Mark gewonnen... Ich wollte ihn nur nicht hineinlegen! ..." „Verbotenes Glücksspiel! Aha!" Der Inspektor überlegte einige Augenblicke und sagte dann: „Schön, wir gehen also jetzt zu Herrn Bilse. Sie bleiben vorläufig In Haft!" Viktor wurde in ein kleines vollständig dunkles Zimmer gestoßen. Indessen war es dem Inspektor und seinen Begleitern gelungen, Emmerich aus dem Schlaf zu klingeln. Der Inspektor legitimierte sich durch seine Marke. Nun merkte Bilse, daß es ernst wurde. Viktor schien tatsächlich aus der Schule geplaudert zu haben. „Der Vorgeführte behauptet, Viktor Schubert zu heißen und bei Ihnen sechshundert Mark im Glücksspiel gewonnen zu haben!" Emmerich erbebte innerlich. Dann schrie er: „Ich kenne keinen Viktor Schubert! Ich kenne kein Glücksspiel! Ich war heute abend mit meiner Frau in der Oper!" „So, so, in der Oper? Was haben Sie denn gehört?" „Was ich gehört habe? Na 'ne Oper natürlich! Was soll ich denn in der Oper gehört haben?" „Interessant. Die Opernhäuser sind nämlich zur Zeit geschlossen. Sehr interessant! Können wir mal Ihre Frau Gemahlin sprechen?" „Meine Frau ist gar nicht hier. Sie ist in Bad-Nauheim!" „... von wo sie wahrscheinlich auf dem neuen Räderzeppelin zum geschlossenen Opernhaus hersauste? Nicht wahr, Herr Bilse? Ach wollen Sie sich doch bitte ein bißchen anziehen und uns begleiten! ..." Eine Viertelstunde später wurde Bilse in die dunkle Kammer gestoßen. Es entspann sich ein ziemlich heftiger Wortwechsel zwischen ihm und Viktor... ♦ Vier Wochen später sprach der Vorsitzende des Gerichtes fein vernichtendes Urteil. Seither haben sich Viktor und Emmerich die telephonischen Scherze abgewöhnt... Waldläufer und Jesuiten erobern Nord-Amerika. Von Professor Hans P l i s ch k e, Göttingen. In Kürze erscheint ein neuer Band der von Prof. Walter Goetz, Leipzig, herausgegebenen Propyläen-Weltgeschichte. Er trägt den Titel „Das Zeitalter des Absolutismus". Mit Erlaubnis des Verlags veröffentlichen wir aus ihm schon heute dieses Kapitel: Von der Mündung des Lorenzstromgebiets drangen, ebenso wie in das Innere Neuenglands, zunächst Händler und Pelzjäger ins Land ein, zusammengefaßt unter dem Namen coureurs des bois oder Voyageurs. Diese „Waldläufer" waren Fallensteller, Jäger und Händler. Sie nahmen zumeist die Lebensweise der Indianer an und wurden sogar deren Bundesgenossen bei Jagd und Krieg. Sie bestanden bis zum 18., ja hinein bis zum 19. Jahrhundert, wo sie westwärts über das Felsengebirge zur Südsee und nordwärts zur arktischen Küste vorstießen. Ein Teil dieser französischen Waldläufer war bekannt unter dem Namen Acadier, so benannt nach einer Halbinsel im Süden des Lorenzbusens, der die Franzosen den Namen Neu-Acadia gegeben hatten. Als 1763 die Franzosen Kanada an England verloren, wanderten viele dieser französischen Waldläufer nach den um ihre Unabhängigkeit kämpfenden Vereinigten Staaten aus, wo sie als Kanadier und Acadier wegen ihrer Stärke und Tapferkeit, aber auch wegen ihrer Roheit berühmt, und gefürchtet waren. Bald gesellte sich zu diesen Vertretern der europäischen Kultur ein neues Element, das im Bereich der englischen Expansion fehlte, nämlich die Mission. 1625 rief Champlain Jesuiten aus Frankreich nach Kanada. Sie folgten den Waldläufern in das Innere zu Fuß oder im indianischen Rindenkanu. Weder in Neuengland, noch in Neufrankreich schrieben die Waldläufer Tagebücher und Briefe. Anders verhielten sich die Jesuiten, die über ihre Erlebnisse und Erfolge an ihre Vorgesetzten in Kanada berichteten, die ihrerseits wieder den übergeordneten Stellen des Jesuitenordens in Europa Rechenschaft ablegten. Von 1632 bis 1697 wurden alljährlich von dem Leiter der kanadischen Jesuitenmission die Berichte der Iesuitenmissionare zu einer „relation“ zusammengestellt, die in Frankreich überprüft und dann in Auswahl in den Druck gegeben wurde. Die Jesuiten zogen zu den Indianern mit dem christlichen Kreuz und dem Gebetbuch. Sie waren begeistert für ihre Bekehrungsausgabe und wollten dem Indianer Gutes tun und bringen. Sie waren auch bereit, die schwersten Opfer für ihre Ziel« auf sich zu nehmen. Zwanzig Jahre nach der Ankunft der ersten Jesuiten zählte der Ordenskalender bereits fünfzig Märtyrer, die für ihrs heilige Sache gefallen waren. Die Jesuiten waren zugleich Vorkämpfer für menschenwürdige Behandlung der Indianer. Sie traten damit in die Fußspuren des spanischen Dominikaners Las Casas, des großen Jndianersreundes aus dem Beginn des 17. Jahrhunderts, und j trugen wesentlich dazu bei, daß die Franzosen den Indianern eine bessere I Behandlung, als diese sie durch die Engländer erfuhren, zukommen ließen. Die Jesuiten waren daher bei französischen Waldläufern und Kolonisten zumeist ungern gefehen und hatten sogar unter deren Intrigen zu leiden. Die Waldläufer suchten dem Vordringen der Patres durch Verdächtigungen bei den Indianern hindernd in den Weg zu treten. Gelegentlich aber traten Waldläufer, um bei den Indianern leichter Eingang zu finden und um bessere Beziehungen zu ihnen zu erhalten, im Gewand eines Jesuiten auf, schlugen das Kreuz über Kranken, beteten, sprachen aljo — vom Standpunkt des Indianers — Zauberworte, kurz sie übernahmen das Auftreten der Jesuiten. Um die Indianer erfolgreich zum Christentum bekehren zu können, waren für die Jesuiten Kenntnisse über die Kultur, in erster Linie über die Sprachen der Indianer, notwendig. Die Jesuiten beschäftigten sich daher eingehend mit den indianischen Lebensverhältnissen. Ihre Beobachtungen und Erfahrungen legten sie in den Berichten über ihre Tätigkeit nieder, weshalb den Jesuitenmissionaren wertvolle Nachrichten über die kanadischen Jndianerstämme zu verdanken sind. So wirkte, um ein Beispiel zu geben, der Jesuitenpater Garnier über sechzig Jahre in Kanada; er kannte die Sprache der Huronen, beherrschte die Dialekte der Irokesen und vermochte sich auch in der Sprache der Algonkin ziemlich gut verständlich zu machen. Französische Jesuiten wurden häufig von den Irokesen, den Todfeinden der mit den Franzosen verbündeten Huronen, getötet. Man brannte die Waldkapellen ab, und Glaubensboten sanden den Märtyrertod. Bessere Aufnahme gaben ihnen die Huronen und Algonkin. Einzelne Stämme baten gradezu um den Besuch und den Aufenthalt eines Missionars, wohl weniger aus frommer Sehnsucht nach dem Christentum als aus indianischem Zauberglauben, weil sich gelegentlich das Gebet und die Handlungen des Jesuiten wirksamer als die des eingeborenen Medizinmannes erwiesen hatten. Die Jesuiten waren dabei in ständiger Lebensgefahr; hing doch.dann ihr Leben ab von ihrem Ruf als Zauberer. Obendrein mußten sie europäische Gewohnheiten hinter sich lassen und das Leben der Indianer leben. Neben ihnen bewegte sich, zum Teil ihnen feindlich oder ihr Auftreten nachahmend, die Schar der Waldläufer, als andere Vorposten Frankreichs unter den Indianern. Die Kühnheit der Jesuiten, die Gefahren, denen sie ausgesetzt waren, und die Weite ihrer Entdeckungen lassen sich am besten an Hand einiger Schicksale charakterisieren. 1660 zog auf Einladung eines indianischen Stammes der Jesuitenpater Menard in Begleitung von Indianern den Ottawa auswärts. Er lebte wie seine indianischen Begleiter, paddelte mit ihnen das Rindenboot, trug die Boote über Stromschnellen, schwamm, fischte und hungerte wie ein Indianer. Aus Mangel an Nahrung pulverisierte man die Knochen erjagter Tiere und kochte daraus einen Brei. Auf diese Weise kam Menard bis zum Huronensee. Dort entdeckte er die berühmten Stromschnellen, die noch in der Gegenwart den Namen tragen, den der Missionar ihnen gab, die St. Mariensälle. Von da aus stieß er bis zum Oberen See vor, an dessen Südufer er überwinterte. Aus zerstampfter Baumrinde und aus Moosen stellte er sich seine Nahrung her. 3m Frühjahr zog er zum Westufer des Oberen Sees, von wo er nicht zurückkehrte. Er verscholl im Wald«. Viele Jahre später fand man im Zelt eines Siouxindianers am oberen Mississippi sein Brevier, seinen Gürtel und einen Teil feiner Tagebücher, Dinge, die von den Siouxindianern als zauberkröstig oder göttlich verehrt wurden. Nach Menards Verschwinden baten die Jndianerstämme des Innern erneut um einen Pater, einen Zaubermann. Gegen die Meinung und den Rat der französischen Kolonialbehörde und der jesuitischen Vorgesetzten begab sich Pater Allouez mit indianischen Begleitern zum Oberen See und erbaute sich dort eine Holzkapell«. Sein Ruf ging weithin ins Jn- dianerland. Zu mehr als zwölf Stämmen bahnte er gute Beziehungen an. Er hörte dabei von schönen Weiden und Wiesen, den Prärien, von großen Herden von Kühen, den Büffeln, und von einem großen Fluß, namens messepi, wo viele Biber wohnen sollten. Infolge der guten Erfahrungen des Paters Allouez folgten seinen Spuren weitere Jesuiten, darunter der Entdecker des Mississippi, Pater Marquette. Dieser fuhr 1673 zusammen mit erprobten Pelzjägern und Waldläufern, vor allem mit L. Jolliet, auf Rindenkanus den Wisconsin- sluh abwärts, bis zum Vater der Ströme, dem Mississippi. Zu beiden Seiten des Flusses lagen blumige Wiesen, rebenbestandene Hügel, wuchsen Eichen und Nußbäume, weideten Herden von Büffeln und anderen Tieren. Tag und Nacht ging die Fahrt südwärts. Aus Angst vor Ueberfällen der Indianer gingen sie nur selten und kurz an Land. Schließlich gelangten sie zu einem Jndianerstamm, zu den Illinois, wo man die Friedenspfeise rauchte. Aber selbst bis zu diesen Indianern waren bereits französische Kleidungsstücke, eiserne Geräte, sogar Gewehre auf dem Wege des Tauschhandels vorgedrungen. Weiter südwärts ging die Fahrt, vorbei an der Mündung des Missouri, vorüber an zwei großen Bildern, die die Indianer in die Felswand geritzt hatten. Schließlich erreichten sie die Gegend der Ohio-Wadash und den Jndianerstamm der Tuscarora, die Flinten, Messer und Rosenkranzkugeln besaßen. Durch Tausch hatten sie diese Sachen erworben, die aus dem Süden von den Spaniern in Florida stammten. Marquette erfuhr, daß weiter südwärts der Mississippi zu einem großen und breiten Delta mündete, kehrte aber wegen der Spanier um, die aus Angst vor einem englischen oder französischen Vorstoß aus dem Norden die Südküste Nordamerikas nun unter schärferer Kontrolle hielten. Seit 1678 baute der französische Edelmann de la Salle die Stellung Frankreichs im Mississippigebiet weiter aus, befuhr 1682 den mächtigen Strom bis zur Mündung in den Golf von Mexiko und gab diesem großen Bereich im Innern des nordamerikanischen Kontinents, der nun französisch geworden war, zu Ehren seines Königs den Namen Louisiana. 1684 fuhr er von Frankreich aus, wo er bei der Krone Hilfe für fein Unternehmen erbeten und erwirkt hatte, mit vier Schiffen und über zweihundert französischen Kolonisten in den Golf von Mexiko, um die Mississippimündung in festen Besitz zu nehmen und um dort ein« Kolonie i zu gründen. Er verfehlte aber das große Delta, landete dagegen in der menJiefcn, und «olo. Wtje# 8« durch 5J{tl treten. @e. achter (Fitl, galten, im EN, beteten, w°üe, kurz iu können „Linie übet tftiflten sich re Beobnch re Tätigkeit m über die m ein Bej- ia Knnndn; >er Irokesen lch gut neu , den Tod- itötet. Man i Märtyrer^ in. Einzelne eines Ms Chrisienim bas Gebet ingeborenen in ständiger Is Zauberer. ' lassen und n Teil ihnen ldläuser, als esetzt waren, )anb einiger Jeiuitenpater ts. Er lebte lenboot, trug ;rte wie ein wehen erjag1 am Menard romschnelle«, fionar ihnen ■en See oar, imrinbe und zog er jum verscholl im nbianers am Teil sein» rträftig odet des Innen ung und de« BorgeW Oberen 6« thin ins * Bejie^nge Brärien,10t .rohen B -lgl-n ff ilPP'-JS SS* . ou berben e de? "n jer licsje ßege^ tte" W« d-l/ *9* rtft; g iib'L »t ■ik°, z Koloradomündung an der Küste von Texas, wo die französtschen Schiffe, die de la Salle und seine Begleiter dorthin gebracht hatten, kurzerhand absuhren und ihre Landsleute im Stich ließen. In Zügen, die an Abenteuern außerordentlich reich sind, suchte de la Salle zum Mississippi zu gelangen und durchzog dabei die Prärien von Texas, deren Indianer zum Teil schon das Pferd von den Spaniern in Mexiko angenommen hatten. Die Begleiter de la Salles machten diesen für all ihm Mißgeschick verantwortlich. So brach unter den Franzosen Streit aus. Auf einem der Versuche, zum Mississippi zu gelangen, wurde de la Salle 1687 von seinen Begleitern ermordet. Sein Werk blühte trotzdem auf. Um 1750 war Frankreich Herr eines Gebietes, das von Labrador im Norden bis zum Golf von Mexiko südwärts reichte und das durch eine Kette von Forts geschützt war. Alte Musikinstrumente. Von Dr. Margot Rieß. Haben Sie schon einmal jemanden ins Bockshorn gejagt? Seit ich ein solches etwas 40 Zentimeter langes schön gewunden in der Berliner Musikinstrumentensammlung in einem Glasschrank liegen sah, kann ich mir nicht mehr vorstellen, wie man das macht — es sei denn auf die Art, in der etwa Christian Morgen st ern aus dem „Zwischenraum" des Lattenzauns einen Architekten ein Haus bauen läßt. Wie dem aber auch [ei: lassen wir uns nicht von dem schweren Geschütz der Fachausdrücke, der Ädio-, Tylo-, Aero-, Membrano- und Chordophone ins Bockshorn jagen, sondern gehen wir dahin, wo man sich den Quellen musikalischen Geschehens nahe fühlt: in eine der bedeutenden Sammlungen alter Musikinstrumente, von denen die 3200 Stücke fassende Berliner Sammlung in der Hochschule für Musik an allererster Stelle steht. Von den primitiven, aus pflanzlichen oder tierischen Rohstoffen her- gestellten Klappern und Rasseln, die uns daran erinnern, daß Musik einmal nichts war als rhythmisches Geräusch, bis zu den mit raffiniertester technischer Vervollkommnung hergestellten modernen Klavierinstrumenten ist hier alles dem Typus nach vereinigt und nach Familien geordnet, was nur je dazu gedient hat, Musik, also tönend bewegte Luft, zu erzeugen: Hörner aller Art, aus Metall und auch Glas, dem Horn des Rindes oder dem riesigen Zahn des Walfisches nachgeahmt, Trompeten und Flöten, Glocken, Maultrommeln, Gongs, Zithern, Harfen, Leier, Lauten und ©eigen mit ihren fremdländischen Ahnen und Urahnen, Sackpfeifen, Posaunen, Trommeln, Klaviere und Hausorgeln. Merkwürdige Visionen tauchen auf: wir fetzen Kamerunneger, auf der Erde hockend, ein Instrument mit Hämmern schlagen, das uns an unsere auf Jahrmärkten erstandenen Kinderklaviere erinnert, die uns die erste Ahnung davon vermittelten, wie man vom Spielen m i t einem Ding zum Spielen a u f einem solchen vorschreitet. Eine Gruppe sübamerikani- scher Männer blasen die Bambusflöte, während ihre linke Hand auf der Schulter je eines neben ihnen stehenden Mädchens ruht, und stellen so einen Liebeszauber dar. Zur Geisterbeschwörung und Dämonenvertreibung dienten manche primitiven Schallinstrumente; aber noch ein Justinus Kerner hat mit dem harmonikaähnlichen Instrument der Maultrommel einen Irren geheilt, und daß das Erklingen der Aeolsharfe, jenes vom Wind zum Tönen gebrachten, passivsten aller Instrumente, die magnetische Heilwirkung verstärke, war noch die Ueberzeugung aller romantischen Aerzte. Die aus dem Gehäuse einer großen Schnecke hergestellte Meermuschel haben antike Schiffe als Signalgeber benutzt. Ms Ruf und Zeichen, oft wie bei den Flöten der Aschantineger zu einer förmlichen Sprach? ausdifferenziert, dienten andere Blasinstrumente. Manche der alten Instrumente kommen uns so merkwürdig unbekannt- bekannt vor: wir haben sie zwar weder erklingen gehört, noch in ihrer Wirklichkeit schon gesehen. Aber sie begegneten uns doch schon, auf ägyptischen Grabreliefs des zweiten vorchristlichen Jahrtausends, auf denen Harfner und Flötenbläser dargeftellt waren, oder alte ßauteninftrumente in den Händen von Engeln und Heiligen der altitalienischen Meister, ferner alle Arten der zur intimen Hausmusik gebrauchten Instrumente auf den niederländischen Konzertbildern. Man sollte diesen überreichen Besitz alter Musikdarstellungen doch noch viel systematischer für die Le- bendigmachung der Vorstellung alter Instrumente ausnützen. Der Durer- schen Darstellung des Dudelsackpfeifers, der vornehmen Spinettspielerin Jan Steens, dem Himmelfahrtsfresko des Philippo Lipp i m der römischen Kirche St. Maria sopra Minerva, das eine ganz wirkllchkeits- treue Wiedergabe der heute nicht mehr gebräuchlichen italiemichen Triangel gibt, dürfen wir jedenfalls ebenso dankbar sein, wie unsere nur noch mechanische Musik pflegenden Nachfahren „einmal aus Ferdinand Schmutzers Gemälde des Joachim-Quartetts die Art der Handhabung unserer Streichinstrumente ablesen werden. . Besondere Weihestimmung liegt über der Abteilung der Klaviere die hier reich an Reliquien besonderer Art ist: der schlichte Kielflugel Bachs, iiie Klaviere Mendelssohns, Webers, Klara Sch um a nn s und Meyerbeers stehn dort, der zusammengelegte Reiseflugel 9 r t e b - richs des Großen und ein reich bemalter Mahagoniflugel, besten Besitzerin die Königin Marie Antoinette von Frankreich gewesen fein soll. Daß jeder technische Forschritt im Künstlerischen auch einen ergeb- lidjen Verlust in sich birgt oder bergen kann, zeigt uns z. B. ein Ende des achtzehnten Jahrhunderts erbautes Tafelklavier. Hort ’Tlan, etroa eine Beethooenfonate, so vermißt man freilich letzte Reinheit und vor allem Präzision des Klanges, gewinnt dagegen von den tiefsten orchestralen Möglichkeiten dieser Musik einen auf Mutigen Klavieren kaum voch darstellbaren Eindruck. Wiederum wirkt Mozartsches Figurenwerk ouf dem Spinett viel adäquater als bei unfern für solchen Klangzierat °llzu volltönenden modernen Klavieren. Bedauern muß man es auch, daß heute nicht mehr jene kastenförmigen, auf den Tisch stellbaren Clavichorde, Spinette und Spinettini gebaut werden, die man unter den Arm nehmen und transportieren tonnte wie eine Geige ober sich wie jene leider kurz- -ebige, noch um 18M gebaute „Orphika" als Wandervogelnstrument mit einem Band um die Schulter schlagen konnte. Me sehr käme hier eine Rückkehr zu alten Gepflogenheiten unfern Ansprüchen auf Raumersparnis und leichteste Beweglichkeit aller Dinge entgegen. Ja, wer wieder die Sehnsucht erlernen will, der gehe in die Sammlung alter Musikinstrumente. Gab es das wirklich einmal als gelebtes Leben, diese beglückende Ausgeglichenheit von Gehalt und Form, diesen selbstverständlichen Anspruch darauf? Vielleicht gibt es da doch so etwas wie eine Wechselwirkung. Musik war eben einmal mehr als eine Angelegenheit einer durch Begabung oder Beruf ausgezeichneten Schicht von Menschen, war allumgebendes Element, Lust des Atmens, Speise des Alltags. Und das Gerät, das dieses Lebenselement erzeugte, mußte sich als kostbares aber doch dienendes Ding oder Möbelstück fein in die Umgebung einpassen. Eine ganze Stilkunde läßt sich tatsächlich von diesen Instrumenten ablesen, von der Bilderfülle und dem prächtig barocken Schwung italienischer Spinette des 17. Jahrhunderts, den feinlinigen Profilen der Bachzelt, den aus Raumnot aufgerichteten Pyramiden-, Lyra- und Giraffenflügeln, den kleinen Nähtifchklavierchen der Biedermeierzeit. Aber auch andere Jnftrumentengruppen feffelrt uns durch ihre teils kostbare, teils kuriose äußere Gestaltung, so ein elfenbeinernes Signalhorn mit reichem Linien- und Wappenschmuck aus dem Besitz Augusts des Starken, durch Schnitzwerk und Einlegearbeit reich gezierte Lauten, zum Teil mit zwerghaften Tastatürchen versehen, um die durch bas Zupfen ber Saiten angegriffenen Finger ber Spielerinnen zu schonen, damastene und samtene Sackpfeifen. Spazierstöcke, die eine Flöte oder Geige in sich bergen, bilden eine originelle Gruppe für sich, ferner die reizenden kleinen Tanzmeistergeigen, die heuschreckenartig auf dem Arm des Maitre de danse gesessen haben müssen und auch nicht mehr als einen leise zirpenden Tön hervorgebracht haben können. Im Extrem zu solcher Genügsamkeit hat das spätere 19. Jahrhundert, das Schallfülle in erster Linie und technische Erleichterung um jeden Preis anstrebte, in befremdlicher Weise beim Bau ber Geigen herumexperimentiert: aus rohem Eisenblech, aus Neusilber, aus glasiertem Steingut, ja aus zusammengesetzten Streichhölzern stellte man ben Korpus ber Violine her. Daß diese Verbesserungsversuche erfolglos blieben, bedauern wir weniger als das Verschwinden einiger älterer Instrumente, z. B. das der Glasharmonika, jenes verschwebend unwirklich klingenden, ganz aus dem Geiste der Romantik geborenen Instrumentes, dem das einfache Prinzip, angefeuchtete Gläser zum Tönen zu bringen, zugrunde liegt. Manche Instrumente, wie z. B. die Tiroler Riesenzither, wirken allein durch ihre Größe ober absurde Form fast vorsintflutlich auf uns. Aber solch eine Sammlung ist mehr als ein Raritätenkabinett. Der Dust alter Kulturen steigt vor uns auf, historische, vergleichend-ästhetische, völkerpsychologische Probleme drängen sich heran. Und mit einer gewissen beschämten Wehmut wird uns hier klar, daß es nicht einmal auf einem technischen Teilgebiet des Künstlerischen so etwas wie einen absoluten „Fortschritt" gibt. Daß ein solcher oft nur eine Anpassung an eine veränderte psychische oder soziologische Haltung des Menschen war, daß jede größere Verbreitungsmöglichkeit aber mit einer Minderung der aller- ursprünglichsten, magischen, von Mensch zu Mensch wirkenden Kraft der Musik. Vielleicht gehört eine Mahnung an Bedingtheiten solcher Art zu dem Besten, was wir von dem Besuch einer Sammlung alter Musikinstrumente mitnehmen können. Zwei wollen zum Theater. Roman von Hans-Caspar von Zobeltitz. Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Soweit man überhaupt glauben, wissen kann: Ja." „Wie heißt sie eigentlich?' „Rose." „Nicht schlecht. Rose. Ist schon in der Theatergeschichte vorhanden. Das schadet nie. Und ber Vorname?" „Keine Ahnung." „Aber von ber andern wissen Sie ihn?" „Wie meinten Sie?" „Ach so, verzeihen Sie, ich kann's nun mal nicht lassen." Wieder lächelte ber Dicke, biesmal saßen bie Falten um bie Augenwinkel. „Also sachlich: Fräulein Rose. Talent ist ba, gewiß. Sie sagen's und ich [pür’s, und wir finb beide keine Anfänger. Bleibt aber eine verflucht riskierte Sache. Soll ein ganzes Stück tragen und hat nicht für fünf Pfennig Bühnenroutine. Verdammt nochmal. Aber mir fehlt so was." Er schwieg, paffte, sah Büchner an. „Mensch, nun sagen Sie doch mal ein Wort. Raten Sie mir zu ober raten Sie mir ab?" Büchner stand auf und trat dicht an Fleischmann heran. „Weder bas eine, noch bas anbere, denn ich kenne die Welt: wird es ein Erfolg, ist es Ihre Entdeckung, dann sagen Sie: ,Jch habe sie zwei Berschen sprechen hören, da habe ich's sofort gewußt' — wird es ein Reinfall, dann bin ich an allem schuld. Nein, mein lieber Freund, bie Entscheibung liegt einzig unb allein bei Ihnen." „Wissen Sie, was Sie finb, Büchner: — Ein gräßlicher Kerl." —: „Danke! Aber ich rate Ihnen boch nicht." Fleischmann überlegte, sagte schließlich: „Na gut, ich will's versuchen. Ich will Kontrakt mit ihr machen, aber nur auf ein Vierteljahr unb hunbertfünfzig im Monat." - Er wollte aufstehen, Büchner jeboch legte ihm bie Hand schwer auf bie Schulter. „Nein, lieber Freund, ba ist nichts zu machen. So billig bekommen Sie eine Büchner-Schülerin nicht. Das könnte Ihnen so passen, aber hier habe ich noch ein Wort mitzureden. Ich habe nämlich etwas sehr Altmodisches, vielleicht auch sehr Unpraktisches: Verantwortungsgefühl." „Sie sind ein komischer Kerl. Aber gut: Ihnen zuliebe sagen wir zweihundert." — „Dreihundert, Fleischmann!" „Zweihunbertfünfzig." Büchner zögerte, sagte bann: „Ehrlich, Fleischmann: Kann sie damit leben in Weimar? Ich meine, leiblich anftänbig leben?" „Sie haben was von ’ner Amme, Kollege. Aber ich versichere Ihnen: sie kann/ „Gut bann. Ich werde die beiden holen. Es war dann alles sehr schnell gegangen, nachdem Büchner Gertie und Isa aus dem Eßzimmer gerufen hatte: „Kommen Sie, Fräulein Rose, Direktor Fleischmann will mit Ihnen abschließen." Gertie war alles Blut in den Kops geschossen. Sie war auch noch hochrot gewesen, als sie vor dem Dicken stand. Der hatte kurz gefragt, wann sie antreten könne? „Sofort", hatte Gertie geantwortet, „heute haben wir Mittwoch, ich bin Freitag dort. Sie können mir den Kontrakt ja dann geben." Fleischmann war einverstanden gewesen, hatte noch ganz beiläufig gefugt: „Ihre Eltern sind doch einverstanden?" Wie einen Schlag hatte Isa diese Frage getroffen, sie hatte erschrocken die Freundin angesehen, bemerkt, wie der eine neue Blutwelle ins Gesicht schoß, gehört, wie sie sagte: „Aber gewiß". Ein Schwanken war in der Stimme gewesen, die Herren hatten es nicht bemerkt, aber sie hatte es gefühlt, schmerzvoll gefühlt: Gertie log. Fleischmann hatte sich noch ein paar Notizen gemacht: Vornamen — Vatersnamen — Berliner Adresse — Alter, alles geschäftsmäßig kühl, als ob es kein Ereignis, keine Schicksalswende fei; hatte wieder seine fleischige Hand ausgestreckt. „Also gut, Fräulein Rose, Fräulein Gertie Rose, Samstag in Weimar, seien Sie um zwölf auf dem Büro des Goethe-Theaters." In Jfas kleinem Zimmer hinten bekam Gertie nun aber doch so etwas wie einen Nervenzusammenbruch: sie lachte und weinte in einem: „Isa, ich bin engagiert, ich bin Schauspielerin, eine Schauspielerin mit Kontrakt", und dann: „Isa, was soll werden? Wie komme ich hier fort?" „Du mußt jetzt mit deinen Eltern reden." Da waren Weinen und Lachen bei Gertie verschwunden. „Ich mit Mutter und Vater reden! Ich? Jetzt? Nein, Isa, da kennst du Gertie Rose schlecht. Wie ein Schulmädel haben sie mich behandelt, Mutter schließt mich ein, Vater sperrt mir mein Geld. Und da soll ich betteln gehen?" Sie schüttelte den Kopf. „Nein, meine Liebe, nein, das tue ich nicht — nie!" „Sei kein Dickkopf!" Gertie hörte nicht auf den Einwurf. „Ich will ihnen jetzt zeigen, was ich kann. Daß ich arbeiten kann. Mich allein durchbeißen. — Arbeit, Ifa, Arbeit: das ist ja so etwas Schönes, Herrliches. Frei, unabhängig. Und du mußt mir nun helfen. Ich komme zu dir, Ifa. Morgen nacht mit einem Koffer; viel brauche ich ja nicht. Und übermorgen fahre ich dann nach Weimar. Dort verkaufe ich meinen Wagen, damit ich ein bißchen Betriebskapital habe. Fast dreihundert Mark werde ich auch noch fo zufam- menkratzen können." Wie im Fluge verging die kurze Zeit. Fiebernd durchlebte sie Isa. bewunderten Gerties Tatkraft. Schon am Nachmittag erschien Gertie mit dem ersten kleinen Kosser in der Weiherschen Wohnung. „Ich habe ihn durchschmuggeln können. Mutter war nicht zu Hause, und das Mädchen habe ich sortgeschickt, während ich ihn zur Garage trug. Morgen bringe ich dir bei Tage den zweiten, das geht besser als in der Nacht." Dann mußte Isa mit in die Stadt fahren, von Geschäft zu Geschäft raste Gertie, überall hin, wo man sie kannte, wo sie Kredit hatte. Isa warnte: „Ist das nicht Betrug?" Aber Gertie widersprach selbstsicher: „Nein, Vater muh es bezahlen, wird es bezahlen, es übersteigt mein Bankkonto lange nicht. Und das bleibt mein Geld, mein erspartes Geld, auch wenn er es mir sperrte." Dann stand Isa, nachdem die Großmutter schlafen gegangen war, am Donnerstag tief in der Nacht unten im Hausflur und wartete, daß Gertie kam. Wartete eine Viertelstunde, eine halbe, fürchtete, daß die Freundin im letzten Augenblick an der Abfahrt verhindert worden fei, daß die Eltern sie abgefaht hätten, und ganz tief in ihrem Innern war ein Hoffen: daß es fo fei, damit die Heimlichkeit, der Betrug, ein Ende hätten. Aber der Wagen kam, und Gertie huschte ins Haus und die Treppen hinauf. Oben lief sie gleich in Isas Zimmer, warf die Kleider ab. „So du, jetzt will ich schlafen, fest schlafen, denn die Fahrt morgen wird anstrengend, über zweihundert Kilometer, das ist verdammt viel. Hier rühre mir die zwei Bromural an. Ohne die Dinger würde ich kein Auge zu- machen." Schon lag sie in Isas Bett, streckte sich, schwatzte weiter. „Alles ist geglückt. Und der Wagen ist voll Brennstoff bis zum Rand. Der Mann, von dem wir immer das Benzin nehmen, sah mich ganz komisch an, als ich ihn fo vollaufen ließ. Na, ich habe ihm erzählt, ich machte morgen eine große Tour. Stimmt ja auch." Dann wurden die Worte langsamer. „Also, du mußt mich zur Zeit wecken, Isa, um sieben dämmert es, bann will ich los." Eine kleine Pause kam. „Ach, Isa, ich weiß ja, es ist eigentlich nicht recht so, aber ich bin doch so froh: Engagement — Arbeit. Ich habe auch Peter geschrieben. Eine Karte. Nur: Ich habe auch Arbeit." Nun werden wir beide schusien." Und Isa stand am Waschtisch und rührte die beiden Bromuraltabletten an. Sie wollten nur langsam zerfallen. Als sie sich endlich gelöst hatten und Isa mit dem Glase zum Bett schritt, schlief Gertie tief und fest. Langsam stellte Ifa das Glas fort. Einen Stuhl zog sie sich heran, blendete die Lampe ab, nahm ein Buch zur Hand, das griffbereit dalag. Es war: Minna von Barnhelm. Sie sah zu Gertie hinüber. Wer würde nun mit ihr die Franziska spielen? Nein — davon hatte Gertie in den letzten vierundzwanzig Stunden nicht gesprochen, daran hatte sie nicht gedacht. Glückliche Gertie. Isa schreckte auf. Sie wußte zuerst nicht recht, wo sie war und was geschehen. Aber dann sah sie die schlafende Gertie, sah die immer noch brennende Lampe und das zum Boden geglittene Buch: da war ihr alles wieder gegenwärtig. Sie war in ihrem Stuhl eingefchlafen, und nun schmerzten ihr alle Glieder. Sie hob die linke Hand, sah auf die Armbanduhr: halb sieben. Es war also noch Zeit. Leise stand sie auf, dehnte sich, ging in die Küche. Auf Zehenspitzen, damit Großmutter und das Mädchen es nicht hörten. Sie zündete das Gas an und fetzte Waffer für den Kaffee auf. Während sie auf das Kochen wartete, fühlte sie ein Frösteln. Mat war sie, elend. „Ich bin unausgeschlafen", sagte sie sich, „alles kommt nur von dieser Sitzerei in dem unbequemen Stuhl; ich muß erst einmal richtig aufwachen." Zur Wafferleltung ging sie, ließ sich das kalte Naß über Hände und Puls laufen, wusch sich das Gesicht. Da wurde es befjer. Das Schnüren in der Kehle wich, sie konnte wieder frei atmen. Als sie in ihr Zimmer zurückkehrte, das Tablett mit der kleinen Kaffeekanne und mit dem Teller voll zurechtgemachter Brote auf bir Hand, schlief Gertie noch immer. Sie sah die Freundin an: Die schlaf, roten Backen, den dunklen, wirren Bubenkopf auf dem weißen Kissen. Sie lächelte: wie niedlich die Gertie im Bett aussah, eigentlich niedlicher als bei Tag, als im Leben. Und schlief, als ob nichts sich ereignet, nichts bevorstände. Träumte wahrscheinlich von etwas ganz Alltäglichem. Wem sie sie nun nicht weckte, wenn sie Gerties Vater anrief, alles wieder in Ordnung und Klarheit brachte, war es nicht richtiger? Dann kehris Gertie in ihr gewohntes Gleis zurück, würde schnell mit den Eltern versöhnt sein? Was wollte sie denn draußen? Hatte sie es nötig, sich mit Menschen wie diesem unangenehmen Fleischmann herumzufchlager, sich auf die Bühne zu stellen, sich Rollen einzupauken und sich vm Regisseuren herumschubsen zu lassen, um bann ihr niedliches Gesicht fremden Leuten zur Schau zu stellen? War es denn wirklich solch eine große Sache um das Theater? Und hatte Gertie wirklich die innere Berufung in sich, den unbedingten Trieb zur Bühne? War es bisher nicht mehr Freundschaft für sie gewesen, daß sie mit ihr die Stunden nahm, war es jetzt nicht in der Hauptsache Trotz gegen die Eltern? —' Und sie selbst, Isa, halte sie den Drang, das unbedingte Wollen? War es bei ihr nur eingeredete Hoffnung auf eine Zukunft, auf ein Heraus aus der Engnis hier? Ifa war voller Fragen, Fragen einer verkaterten Morgenstimmung, Fragen, auf die sie keine Antwort hatte. Da wachte Gertie auf und riß alles Fragengespinst mit einem Stint entzwei. Einen Augenblick saß sie aufrecht im Bett, rieb sich die Augen, blickte sich um. Dann warf sie die Bettdecke zurück, sprang auf. „Morgen, Isa, Kaffee hast du schon gekocht, fein! Donnerwetter, es ist ja schon fast hell. Nun aber fix." Sie lief zum Waschtisch. „Hoffentlich hat man mir meinen Wagen nicht geklaut. Du, geh doch mal nach vorn uni) sieh aus dem Fenster, ob er noch dasteht." Isa ging. Wieder auf Zehenspitzen. Vorn im Salon, der jetzt eigenb lich Büchner zur Verfügung stand, muhte sie das Fenster aufmachen. Die Scheiben klirrten. Sie erschrak. Hatte es auch niemand gehört? Nein, es war alles still, auch draußen auf der Straße. Nur von der Korne- liusbrücke her schrien ein paar Hupen: da stand ja der Verkehr die ganze Nacht nicht still, der ewige, der wachsende Verkehr von dn Innenstadt nach dem Westen, dessen Hauptader hier schlug, lieber dem Landwehrkanal stand der Morgendunst noch dichter als zwischen bem Häuserwänden der Keithstraße. Aber die feuchtkühle Luft tat gut. Isa atmete sie tief ein. Ja, der Wagen stand noch unten. Sie blieb eine Weile im Fensterrahmen gelehnt. Sie fürchtete sich etwas vor ihrem kleinen Zimmer — mit dem Schlafdunst — mit Gertie — mit der nicht ganz sauberen Atmosphäre dieses Aufbruchs, der Heimlichkeit dieser Fahrt. Sfe mußte sich einen Ruck geben, um zu all bem zurückzukehren. Gertie war fertig angezogen, hatte sogar schon die Autokappe über ihren Wuschelkopf gestülpt. Sie saß am Tisch, trank den heißen Kaffee, aß die Brote. „Er ist noch da, Golk fei Dank. Du, gegen Mittag bin ich in Weimar. Weimar, du! Und dann geljt’s los: die Proben. Und ich in einer ganz dicken Rolle. Und kein Büchner, der mitr raten kann. Ein bißchen Ängst hab' ich ja, aber nicht viel. Ich werde es schon schaffen. Slrbeit, verstehst du? Ach, ich freue mich. Und zur Premiere muß Peter von Jena 'rüberkommen. Ich lad' ihn mir ein. Soll ich ihn grüßen? Du, ich schreib' dir, ich berichte von allem. Sowie ich Zeit habe, schreib' ich. Du mußt mir auch schreiben ..." Pausenlos sprach Gertie, sprach, trank, aß. Und Ifa dachte: „Wie kann sie nur fo schwatzen, jetzt, wo sie von hier flieht?" „Was soll ich deinen Eltern sagen, Gertie? Sie werden doch zuerst! hier anrufen, wenn sie merken, daß du fort bist?" Gertie sah auf, sah Ifa an. Nun war doch Ernst in ihrem Gesicht. „Sag', du wüßtest von nichts." „Soll ich ihnen nicht wenigstens die Wahrheit sagen? Sie werden sich doch ängstigen." Nun sprach Gertie schnell. „Nein, nen. Nicht die Wahrheit. Sag': sie brauchten keine Furcht zu haben; sag': ich würde ihnen schreiben, bald- schreiben. Es ginge mir gut. Beruhige sie." Sie stand auf, hastig. „Ich muß ja fort. Los. Wo sind meine Handschuhe? Nimm du den Koffer, bitte. Ich nehme den anderen und den Hutkarton. Die Decke mußt bu. noch nehmen. So, haben wir alles? Ja." Sie drängte zur Tür. Ist mahnte: „Leise, Gertie, bitte, leise." Aber bann knarrte die Vordertür doch, und Gertie stieß in der Halle mit ihrem Koffer an eine Schrankkante. Unten verstauten sie alles im Wagen neben Gerties Sitz. Es war doch viel für den kleinen Roadster. Es dauerte eine Weile. Endlich waren sie fertig. Und da lag Gertie plötzlich an Isas Hals. Nun waren auch bei ihr die Tränen da. „Ach, Isa, ich habe ja doch Angst. So allein. Ob es richtig ist? Ob es gelingen wird?" Und Isa wurde ordentlich wohl bei diesen Fragen. Also so leicht nahm es Gertie doch nicht. Die Dunkle riß sich los, setzte sich ans Steuer und drückte auf den Anlasser. Der Motor begann zu arbeiten. Sie streckte noch einmal die Hand aus. „Leb' wohl, Isa, auf Wiedersehen." Sie löste die Bremse, der Wogen rollte an. Da kam noch ein letzter Ruf: „Grüß' die Eltern!" Isa sah dem Wagen nach. Er bog um die Ecke, fuhr das Lützowufer entlang. Richtig: Gertie wollte ja über Tempelhof, Richtung Leipzig- Das wäre die beste Straße. Richtig, das hatte sie gesagt. Vorhin. Oben. Langsam wandte sich Isa um, schloß die Haustür hinter sich 3U- ging die Treppen hinauf. Wie hoch doch Großmutter wohnte. JBier Treppen. Daß das so viel war. „Jetzt bin ich allein", dachte Isa. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: vr. Hans Thyrtot. Druck undDerlag:Brühl'fcheUniverfitäis-Duch- und Steindruckereh, R. Lange, Gießen.