tei" K„ij„ •Rer*e M 'V JriW ;.Gt *»t 9ar •tte ein, bi, ‘«wie ein, Ächzen uni )irl4neibm MM Kaum «c fltütjten, i: Gdjleifer, ganz in f, 'tte ihr, ui. ! Kopfe D i farefftertc? T Schwes!« I Srammid) ne Sarolim r Ärammirt Sollt man'i e sich ihre« Ohren, flo| >ier tufchkld ,u bewahren feine Fran ch, gab ihm den Sirmes' hotten, fing Nachmittaj verheiratei« - tiefste er dich foji' lleweii sch« n!" li< lii , yit*1 gib! er * geriorf umüfler/ an- . :nb sestie I" in l-b'° , IreftS« in mii anber" ” , «Mi “ pi-s Jiw* h er m 6,1 gen, b°5 J? Der N1, chten, Bersoh^ rps begtz tief ine ® GiehenerZMilienbMer ________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang I95( Freitag, den 23. Oktober Nummer 85 Herbst in der Verbannung. Nach dem Chinesischen de« Tu Fn. Von Hans B e t h g e. Der Reif des Herbstes, der wie Jade schimmert. Liegt aus den zarten Zweigen der Platanen, Die ragen bleich und welk in dünner Luft. Durch das Gebirge, durch die Felsenschluchten Jagt kalter Wind; er fängt sich in den Bäumen, Und feine Seufzer irren durch das Laub. Wild reißt er von den Gipfeln die Gebilde Der Wolken nieder, sein wie Wattetupfen, Und mischt sie mit dem grauen Dunst der Welt. Ich bin in der Verbannung. Zweimal schon Sah ich durch meine sehnsuchtsvollen Tränen die üppige Pracht der Chrysanthemen blühn. Ich bin wie eine Barke, die am Ufer Durch Eisenketten festgehalten wird, — Die holde Heimat liegt unendlich fern. Die Sonne geht. Ich höre von den Hügeln Den Schlag der Drescher auf die harten Tennen, — Ein Lied, das mir das Herz noch ganz zerreißt! Gratulanten. Erzählung von Kurt Martens. Wenn gereifte Männer in Amt und Würden, die vor Jahrzehnten die gleiche Schulbank drückten, ausnahmsweise einmal Erinnerungen tauschen, pflegen sie nachsichtig zu lächeln, nachsichtig gegen ihre damalige Jungenhaftigkeit wie gegen den Unterricht, dem sie sich widerwillig unterwarf. Nasse und Bredereck waren begabte aber nicht eben eifrige Schüler gewesen und hatten für „die Pauker" niemals viel übrig gehabt. Neuerdings durch berufliche Aufgaben wieder zusammengefllhrt, erneuerten fie die frühere Kameradschaft. Bredereck, der Rechtsanwalt, saß nach dem Abendbrot bei Nasse, dem Bankdirektor, und dessen Frau. Wein und gute Zigarren hatten ihre Stimmung mit Behagen und Menschenfreundlichkeit gesättigt; so erschien ihnen auch ihre Schulzeit, auf die das Geplauder geriet, in rosigem Lichte. „Viel hat der Kasten freilich nicht für uns getan", meinte Bredereck. „Alles, was wir dort büffeln mußten, haben wir doch gleich nach dem • Abitur wieder verschwitzt/' „Das meiste", gab Nasse ihn, zu. „Immerhin ... zu gewissen allgemeinen Interessen, die ich jetzt noch in meinen knappen Mußestunden pflege, wurde dort der Grund gelegt. Das Bedürfnis, klar zu denken, für jeden 1 Gedanken den knappsten, treffendsten Ausdruck zu finden — worin du mir ja noch Überlegen bist —, dann meine Freude an historischen Werken, an den deutschen Klassikern, die stammt aus unsrer Prima. Die hat der ... der alte, — na, wie hieß er doch gleich, — in mir geweckt." „Du meinst den alten Prosch?" l „Richtig, der alte Prosch! Du, das war eigentlich ein Prachtmensch. Auf einmal sehe ich ihn wieder vor mir, den quecksilbrigen, dürren Zwerg mit seiner grauen Löwenmähne und der Enthusiasten-Stirn. Kein Durch- fchnittspauker, sondern eine wirklich liebenswerte, packende Persönlichkeit!" — „Wenn er dich hören könnte! Das würde dem armen Kerl Trost und Labsal fein.“ „Wieso denn arm? Er lebt noch, unb du weißt von ihm?" „Ja, denke dir ... vor kurzem hat er die Pfade meiner Praxis gekreuzt. Für einen meiner treuesten Klienten habe ich ihn pfänden lassen müssen." „Den guten alten Prosch? Du bist ein Ungeheuer, Bredereck!" Der Bankdirektor blickte aufrichtig bekümmert drein, und seine junge Frau !chlug über das Mißgeschick des fremden alten Herrn erschrocken die Hände zusammen. „Was will man machen? Die harte Pflicht! Beim Zahlungs- t befehl wußte ich noch gar nicht, um wen es sich handelte. Der Name Brosch war meinem Gedächtnis völlig entschwunden. Wer kennt ihn denn, den längst in Ruhestand getretenen Gymnasial-Professor, den vereinsarn- . len Junggesellen in feinem Vorstadtstllbchenl Eine Auskunft liegt den klkten bei, daß er seine Ersparnisse in der Inflation verloren hat unb leinen kümmerlichen Ruhegehalt fast nur für Bücher verausgabt. Als I, Büchernarr, wie man wohl sagen muß, hat er über seine Verhältnisse gelebt unb sich bei meinem Klienten, dem Buchhänbler, tief in die Kreide gesetzt. Nun wird er nächstens achtzig Jahre alt und weiß nicht aus noch em vor Schulden, das große Kind." „Weiß nicht aus noch ein", wiederholte kopfschüttelnd der Bankblrettor, „wird achtzig Jahre alt, niemand kennt ihn. Zu Hunderten fitzen die Schuler des alten Prosch auf guten, einträglichen Pöstchen, haben seinen Namen vergessen, wie er die ihren, er aber darbt um seiner geliebten Bücher willen, verliert am Ende den Rest seiner Habe ... Hand aufs Herz, Bredereck, hat er das um uns verdient?" Der Anwalt schlug reuevoll an seine Brust, obgleich er sich wirklich nichts vorzuwerfen hatte, und lenkte das Gespräch etwas verlegen zurück auf die Kurse, Termine und Fusionen, die ihn mit seinem Geschäftsfreund enger verbanden als die Erinnerung an den alten Prosch. Der Morgen seines achtzigsten Geburtstages, dessen Datum der Pro- fessor schon längst keine Beachtung mehr schenkte, ließ sich trüb unb frostig an. Der Ofen blieb ungeheizt, da bie Wirtin, ärgerlich über die unbezahlte iiiete, keine Kohlen mehr lieferte. Staub unb Zigarrenasche wirbelte auf, als ber in einen abgeschabten Schlafrock gehüllte Greis unter seinen Büchern zu wühlen begann, beren kostbarste er vom Siegel des Gerichtsvollziehers geschänbet fanb. So oft ihm solch ein Pfand-Exemplar unter bie Hände geriet, schrak er zurück wie vor glühendem Eisen und ließ sich mutlos an seinem Schreibtisch nieder, wo sich als Ergebnis jahrelanger Studien Stöße von engbeschriedenen Bogen häuften, die keine Aussicht hatten, je gedruckt zu werden. Für einen Forscher von Bedeutung hatte sich der alte Prosch selbst nie gehalten, nur auf seine Lehrer-Eigenschaften war er stolz gewesen. Was er das niederschrieb, war nur ein kümmerlicher Ersatz lebendigen Vortrags, zu dem sich keinerlei Gelegenheit mehr bot. — Soeben hatte er noch nach seiner wunderlichen Gewohnheit die Stimme erhoben, um vorn Schreibtisch aus, als stände er auf dem Katheder vor versammelter Klasse, einen Abschnitt aus der vaterländischen Geschichte zu behandeln — da trat eine unerwartete, widersinnige Störung des Unterrichts ein: auf der Schwelle erschien die Wirtin mit einem Korb voll herrlicher Rosen, brummte: „das ist abgegeben worden", stellte ihm den Korb vor die Füße und trollte sich. Der Professor musterte die Blumen und wollte schon eine Verwechslung vermuten, als er eine angeheftete Karte bemerkte: „Ihrem allverehrien vormaligen Lehrer, Herrn Professor Dr. Prosch, mit ergebenstem Glückwunsch zum achtzigsten Geburtstag. Müller I unb II." Lächelnd schüttelte er bie weißen Locken, belustigt über bie Entbeckung jeines Jubiläums, erfreut über bie Aufmerksamkeit der beiden unbekannten Schüler. Mit lebhafterer Stimme und schwungvollerem Ausdruck setzte er seinen Vortrag fort, aber schon nach einer Viertelstunde traf ein weiteres Angebinde ein, die Sendung eines Delikatessengeschäfts im Auftrag eines gleichfalls unbekannten Herrn. Bald darauf klingelte der Postbote und brachte Telegramme aus der Stadt und von auswärts, bie alle in herzlichen unb respektvollen Worten seines Ehrentages gebuchten — nur schabe, daß der Jubilar sich keines der Absender mehr zu entsinnen vermochte. Nicht einmal ihre Adressen waren angegeben, so daß er sie zu seinem Leidwesen ohne Dank lassen mußte. Eine große Verwirrung bemächtigte sich seiner, ein Gefühl, wie wenn er aus kalter, dumpfer Kellerluft plötzlich hinaus in warmes, strahlendes Sonnenlicht träte, das bie Augen schmerzhaft blenbet, alle Glieder aber wohlig durchrieselt. Auch ein Brief war dabei vom Rechtsanwalt Bre- dercck, dessen Name sich dem Professor allerdings peinlich genug ein« geprägt hatte. Heute aber jagte er ihm keinen Schrecken ein, sondern teilte ihm in dürrem Kanzleistil mit, daß ber Buchhänbler, sich in seiner Forberung für befriebigt erkläre unb die Zwangsvollstreckung demgemäß eingestellt werde. Der erlöste Schuldner nahm wohl nicht mit Unrecht an, daß er auch hierin das Geburtstagsgeschenk eines früheren Schülers zu erblicken habe. Unfaßlich blieb ihm nur, wie all die Rangen, bie «in befonberes Interesse für ihn nie zu erkennen gegeben hatten, nach so langer Zeit auf einmal mit seinen Verhältnissen vertraut waren. Er hatte sich von seinem glückseligen Erstaunen noch nicht erholt, als vor bem Haustor ein nobler Wagen vorfuyr unb ihm ber Besuch eines Herrn gemelbet würbe, ber sich ihm als ber Staatsminister für Volksbildung zu erkennen gab. Der hohe Würbenträger stellte sich, ben Zyllnber in ber Hanb, feierlich vor ihm auf unb begrüßte ihn mit einer längeren Ansprache: „Mein hochverehrter, lieber Herr Professor Prosch! Gestatten Sie mir, Ihnen zu Ihrem achtzigsten Geburtstag im Namen Ihrer früheren Schüler unb Kollegen, zugleich auch im Namen bes gesamten Schulwesens unsres Landes, als besten befonbere Zierbe Sie uns stets in dankbarer, wenn auch nur stiller Erinnerung geblieben sind, bie aufrichtigsten Glückwünsche auszusprechen. Die Verdienste, die Sie sich als Lehrer und Erzieher erworben haben, sind zwar niemals nach Gebühr öffentlich gepriesen worden, um so getreuer aber haben alle diejenigen, denen Sie den Sinn für die Ereignisse unserer Geschichte geweckt, — die Sie mit so feinem Verständnis und aufrüttelnder Begeisterung in die Welt unsrer Klassiker eingeführt haben, — denen Sie Geist und Gewicht unsrer Mutter- spräche erschlossen, diese Verdienste in ihrem Herzen bewahrt. Mögen auch die Knaben und Jünglinge den Schatz Ihres Wissens, den Zauber Ihres Vortrags achtlos und unbewußt als keimkrästigen Samen in sich ausgenommen haben, als Männer ernteten sie die Früchte und erkennen deren Herkunst. Das Leben hat Ihre Schüler an die verschiedensten Stellen, zum Teil an verantwortungsvolle Posten berufen, keine Verbindung besteht mehr unter ihnen als das Andenken an den Mann, der ihnen auf wesentlichen geistigen Gebieten zum Führer wurde. Und freudig nehmen sie die Gelegenheit wahr, das in herzlicher Anerkennung zum Ausdruck zu bringen. Als äußeres Zeichen ihrer unwandelbaren Liebe und Verehrung überreichen sie Ihnen durch meine Hand eine Ehrengabe, die dazu dienen soll, Ihren Bedarf an Büchern, die Ihrem rüstigen, regsamen Geiste so nötig sind wie anderen das tägliche Brot, in reichlicherem Maße als bisher zu decken." Der alte Prosch, dem unter der Brille hervor dicke Tränen über die welken Backen rannen, nahm den gewichtigen Briefumschlag entgegen, ließ sich die Hand schütteln, stammelte ein paar wirre Sätze von überraschender Ehrung und unverdienter Güte, und schon hatte der hohe Besucher sich empfohlen. Dessen Wagen schlug aber nicht etwa die Richtung nach dem Ministerium ein, sondern nach der Wohnung des Bankdirektors Raffe und fand dort in der Garage seinen gewohnten Platz. „Nun, wie ist's abgelaufen?" empfing Frau Nasse ihren Gatten. „Hast du den frommen Betrug mit Würde durchgeführt?" „Zu einem Vergehen der Amtsanmaßung hast du mich angestiftetl" rief er vorwurfsvoll und küßte feine erfindungsreiche Frau auf die Stirn. „Hoffen wir, daß der echte Minister nichts von unsrem Streich erfährt oder ihn gnädigst auf sich beruhen läßt! Ich kann mein schlechtes Gewissen nur damit zu beruhigen suchen, daß der alte Prosch nun einen sorgen- jreien Lebensabend hat." Konzerte — einst und jetzt. Von Dr. Anton Mayer. Jetzt geht der Herbst in den Musikwinter über, die Konzerte beginnen, die berühmten Virtuosen und Dirigenten nehmen ihre Tätigkeit wieder auf; wenn auch die Menge der abendlichen Darbietungen der tönenden Muse bei uns in Deutschland infolge der allgemeinen wirtschaftlichen Lage nicht jene Zahl erreichen wird, welche die verflossenen Saisons aufzuweisen hatten, so bleibt die Masse der reproduzierten Musik doch immer noch erstaunlich. Es bedeutet übrigens, vom kritisch-ästhetischen Standpunkt aus gesehen, keinen Schaden, wenn das Angebot von Konzerten zurückgeht, da sich allzuviel gleichgültiges, unpersönliches — obgleich technisch solides — Können auf den Podien breit zu machen pflegte. Die starke Individualität ist auch für den reproduzierenden Künstler von größter Wichtigkeit, denn er muß die Schöpfungen der genialen Komponisten neu gestalten und mit dem eigenen Leben erfüllen; vermag er dies nicht, so bleibt bestenfalls eine technisch vollendete Wiedergabe der gespielten oder gesungenen Werke übrig, die aber bei dem heutigen Stande der Instrument-Beherrschung lediglich die Vorbedingung für die beseelte Neuschaffung bildet. Den Wert der Persönlichkeit auf dem Podium wußte das achtzehnte Jahrhundert wohl zu schätzen; die Konzerte — damals nannte man sie „Akademien" — wurden stets von Komponisten veranstaltet, welche ihre eigenen Werke vortrugen, und sich nur zur Wiedergabe von Arien und Liedern der Sänger und Sängerinnen bedienten. Mit dieser Tatsache ist bereits der völlig andere Charakter der Veranstaltungen jener Zeit bestimmt; die Abwechselung, welche in unseren Konzerten zumeist durch den Vortrag von Stücken verschiedener Meister gewährleistet ist, kam in Fortfall. Dafür allerdings hatte das Publikum die Genugtuung, die Tondichter selbst tätig zu sehen und jedenfalls die Kompositionen in der garantiert richtigen Auffassung zu hören — leider haben die Musikfreunde von damals diesen Vorzug nicht immer richtig zu schätzen verstanden, da gerade die größten Komponisten, wie Mozart, viel weniger als Erfinder denn als Instrumentalisten geschätzt wurden. Es ist schwer für uns, eine solche Tatsache im richtigen Licht zu sehen; Mozart, dessen Opern zwar heute noch manchmal mißverstanden werden, aber doch jedenfalls Allgemeingut des deutschen Volkes geworden sind, hatte in Wien mit feinen Bühnenwerken wenig oder — wie beim „Don Juan" — gar keine Erfolge; sogar die „Zauberflöte" wäre beinahe durchgefallen, und wurde nur durch die Zähigkeit des Theaterdirektors Schikaneder zum Zugstück gemacht. Als Pianist und Violinist aber wurde er hoch geschätzt. Seine Klavierkonzerte, deren einige, wie das in A=Dur, in Ü-Moll, in Es=Sur, zu den sonderbarsten Schöpfungen aller Zeiten gehören, wurden weit weniger nach ihrem musikalischen Gehalt als nach ihrer technischen Brillanz beurteilt. Allerdings sind diese Werke auch viel mehr „Konzerte" im eigentlichen Sinn als die späteren gleichnamigen Stücke Beethovens und seiner Nachfolger, die vielmehr als Symphonien mit obligatem Klavier anzusehen sind. Mozart bewahrt dem Klavier stets eine Weise oder mehrere Melodien aus, die im Orchester nicht vorkommen, also die Wichtigkeit des Solopartes ganz besonders hervorheben; es ergibt sich eigentlich ein merkwürdiger Widerspruch, da in den Zeiten der Komponistenkonzerte das Virtuose, in den Zeiten der Dir- tuosenkonzerte aber gerade das Kompositorische in den Vordergrund des Interesses gerückt erscheint. Eine andere Spezialität der alten Konzertsorm waren die Improvisationen, welche von allen Konzertgebern verlangt wurden, und vor allem das kontrapunktische sowie das harmonische Können des Auftreten- den beweisen sollten. Es wurden teils Ausgaben gestellt, teils solche bewältigt, die sich der Komponist selbst setzte — nicht etwa freie Phantasien über ein eigenes oder fremdes Thema, sondern gebundene, an feste Regeln gefesselte Stücke wurden verlangt, wie Fugen, Kanons oder Variationen: die Improvisationen stellten also sehr hohe Anforderungen an die Geistesgegenwart und die Beherrschung des musikalischen Rllst- Jenges; solche Stegreiskompositionen durften in keiner Akademie der rüheren Zeiten fehlen. Für unsere Begriffe ist die übliche Länge der Programme erstaunlich; drei bis vier Klavierkonzerte, Gesangsvorträge, Improvisationen und einzelne kleinere Stücke finden sich gewöhnlich auf den Ankündigungen der Akademien, so daß wir manchmal nicht wissen, ob wir die Leistungen der Konzertgeber oder die Ausdauer der Zuhörer mehr bewundern sollen. Sehr beliebt waren Wunderkinder, wie ja Mozart auch als Knabe von seinem Vater durch Frankreich, England. Holland und später durch Italien geschleift wurde; es ist nicht ausgeschlossen daß Mozarts zarte Gesundheit und sein früher Tod auf die furchtbaren Ueberanstrengungen im Kindesalter zurückzusühren sind. Auch alle möglichen Firlefanzereien finden sich, wie Schwestern, die mit verbundenen Augen auf verdeckten Tasten Klavier spielen, und andere Dinge, die wir heute bestenfalls noch auf der Varietebühne ertragen könnten. Es dauert indessen nicht lange, bis der Wandel des Konzertwesens beginnt und das Virtuosentum die Programme zu regieren ansängt. Paganini, der unheimliche, dämonische Geiger, über den eine Menge phantastischer Anekdoten kursieren, war wohl der erste der großen Weltberühmtheiten dieser Art, und stellte gleich den vollendeten Typus bar: ein ausfallendes Aeußeres, schwarzes Haar, bleiche Gesichtsfarbe, einte sich mit einer damals volUpmmen verblüffenden Technik, welche das Publikum, wahrscheinlich vor allen dessen weibliche Mitgliedschaft, an teuflische Einflüsse und aufregende Gespensterhaftigkeit denken ließ. Der Virtuose war nirgends zu Hause, fuhr unstet durch die Länder, tauchte in Wien auf, war kurz darauf in London oder Paris und setzte nicht viel später die Berliner literarisch-ästhetischen Teezirkel in Erstaunen: alles sprach von ihm und wie, aber nicht was er spielte. Kompositionen, deren einziger Zweck das Zurschaustellen der Technik war, während auf den musikalischen Gehalt kein Gewicht gelegt wurde, wurden beliebt, und behaupteten sich lange, bis in unsere Zeit hinein, auf den Programmen. Nachdem Franz L i s z t für das Klavier eine ähnliche Rolle gespielt hatte wie Paganini für die Geige — daß Liszt später auch als Komponist Geniales geleistet hat, ist eine andere Sache — siegte das Virtuosentum auf der ganzen Linie; alle möglichen Instrumente, die wir nur noch als orchesterverwendungsfähig betrachten, waren auch im Konzertsaal sehr beliebt, Oboe, Klarinette, Flöte und besonders die Harfe bestritten einen großen Teil der Konzertdarbietungen, und zwar zum großen Teil mit dieser Art von Unterhaltungsmusik, die wir heute als fürchterlichen Kitsch bezeichnen. Aber auch diese Hochflut des Virtuosentums flaute ab, als nun geniale reproduzierende Künstler Klavier und Geige zu den eigentlichen Konzertinstrumenten machten, und der musikalische Inhalt des Programms zum mindesten ebenso wichtig wurde wie der Virtuose. Kompositionen, wie Beethovens letzte Sonate, die früher nie gespielt worden waren, wurden nun fester Bestandteil jeder Vortragsfolge; Musiker wie Tausig, Rubin st ein, Bülow, Joachim, entwickelten zwar die Technik in ungeahnter Weise, hoben aber zugleich das musikalische Niveau der Konzerte um ein Bedeutendes. Diese Entwicklung hat sich fortgesetzt; die nächste Generation, d'Albert, Rosenthal, Sauer, Hubay und andere schritten auf dem eingeschlagenen Wege fort; große Neuerer, wie Ferruecio Busoni, vermochten es, nach Ueberroinbung ber reinen Virtuosität bem Fortschritt auch im Konzertsaal seinen Platz einzuräumen, so baß heute eine große Reihe sehr begabter und ungewöhnlich feffelnber Pianisten, unb Geiger wie Horowitz, Przihoba, ber Cellist (Calais und anbere, erstaunliche Technik mit starker musikalischer Gestaltungskraft vereinen. Auch bie Kammermusik, bie vom Joachimquartett (nach bem Vorgang von H e l l m e s b e r g e r in Wien) zum Gipfel geführt wurde, wird von verschiedenen Vereinigungen, wie Guarneri, I Busch, Klingler, auf einer Höhe gehalten, die ihre Darbietungen den Hörern zum reinen Genuß werden läßt. Seltene Oichterfreundschast. Von Dr. Fritz Adolf Hünich. Ein Freund, ein guter Freund: das ist für feine meist nicht mit Glücksgütern gesegneten Kollegen der Dichter Gleim gewesen, einst berühmt als Schöpfer zierlicher anakreontischer Verse unb der Friedrich den Großen feiernden „Preußischen Kriegslieder von einem Grenadier", Sekretär des Domkapitels zu Halberstadt und Kanonikus des Stiftes Walbeck. Es freute ihn nicht nur, junge Dichter zu entdecken, er half ihnen auch, wenn er merkte, daß sie eines Beistandes bedurften. Das füllte auch Jean Paul (Richter) erfahren, der mit feiner Mutter, einer mittellos zurückgelaffenen Rektorswitwe, in einem Häuschen auf ber Kloftergaffe in Hof wohnte und durch steigende Schriftstellereinnahmen sich und sie aus tiefster Armut und Not herausarbeitete. Seine Studierstube war zugleich ber Wohnraum, aber er ließ sich, während er an seinem Schreibtisch saß, weder durch die Hantierung ber Mutter noch burch bas Gurren ber Tauben stören, bie in bem Zimmer umherflatterten. Als er Anfang Juli 1796 von einem längeren Besuch in Weimar nach Hause zurückkehrte, wartete bort seiner eine Ueberraschung, wie sie zu allen Zeiten einem Dichter mit leeren Taschen nicht erwünschter sein konnte: ein Unbekannter hatte ihm eine Rolle Doppel-Louisbor im Werte von 60 Talern geschickt unb den folgenbert Brief, ber mit Anspielung auf ben vor kurzem erschienenen „Quintus Fixlein" Septim u s Fixlein unterzeichnet war, bazu geschrieben: „Sie sollen arm feyn, lieber Herr Richter! Sie? der Millionair an Berstande! Weil diese Millionairs gemeiniglich arm find, unb biefes auch recht gut ist, denn bie andern schreiben keine Bücher, so glaub’ ichs, unb weil Ihre Bücher mir Vergnügen machen, sehr viel Vergnügen, nichts als Vergnügen, fo halt ich für meine Schuldigkeit, Ihnen, lieber Herr Richter, auch ein kleines Vergnügen dadurch zu machen, daß Sie fehn, daß Ihre Leser dankbar sind, alle dankbar sind, die meisten aber könnens nicht beweisen. und das ist auch recht gut; Sie, lieber Herr Richter, würden sonst reich, unb schrieben keine Bücher mehr!" al nicht »er der iUch al5 *> später lts zarte 'Zungen "zereien ^deckten lls nach rtwesens ren an- im eine ■ grahen i Typus ztssarbe, !lche das hast, an iefj. Der , tauchte richt viel n: alles »sitionen, cend aus ebl, und rammen, ielt hatte omponist rosentum noch als aal sehr en einen Teil mit en Kitsch a geniale zentlichcn lea Pro- Kompo- worden ifiter wie zwar die e Niveau ortgesetzt! Hubay Neuerer, er reinen uräumen, fesselnder llist La- r Geflal- mguartett zjpfel ge- irneri, bietungen nicht rni* einst griedrE renadier, S 6t'!t-i « k ften. ! Mlter, mausd-l iE" , Audren nö er itfßt flattert^ ore „ lÄj Ein Zufall war es, der den geheimnisvollen Absender verriet. Bei einem Buchhändler in Bayreuth sah Jean Paul ein Jahr später einen Brief mit denselben zitterigen, krakeligen Schriftzügen: er war von der Hand Gleim s. Jener Brief des alten, 77jährigen Herrn Kanonikus an den 33jährigen Jean Paul leitete eine Folge von neuen Briesen ein, die in dem soeben erschienenen neunten Bande des „Jahrbuchs der Sammlung K i p p e n b e r g" von Eduard Verend, dem besten Kenner Jean Pauls, musterhaft herausgegeben und aus ihrem Lebenszusammenhang gedeutet werden. Das gütige Herz, dessen Segnungen schon so vielen zuteil geworden waren, hat bei der Niederschrift dieser Briefe dem Greise die Hand gelenkt, und ein Strom von Liebe und Wohlwollen ist ihr in den Kiel geflossen. Jean Paul hat unzählige begeisterte Leser gehabt, aber keinen so hingebungs- und opferfreudigen wie den alten Gleim. Diesem schien das Leben auf einmal wieder einen Sinn bekommen zu haben, er wünschte sich nur, noch so lange zu' leben, um Jean Pauls Schriften lesen zu können, er nannte ihn einen Hexenmeister, einen herrlichen Genius, der mehr wäre als Swift, als Sterne, ja als Shakespeare. Im Juli 1798 konnte sich Jean Paul persönlich bei feinem Gönner und Förderer bedanken. Als Jean Paul sich Ende 1799 mit dem ebenso unbemittelten Hoffräulein Karoline von Feuchters- leben in Hildburghausen verlobt hatte, sandte Gleim dem Bräutigam eine Verschreibung über 500 Gulden, bat ihn ober, er solle „dieses kleinen Beytrages mit keiner Silbe, weder itzt noch künftig, erwähnen", da er sich wegen Schwäche seiner Augen alles vorlesen lassen müsse. Als Gleim erfuhr, daß die Braut doch nicht recht zu Jean Paul passe, schrieb tr besorgt: „Sie wollen heyrathen, lieber Jean Paul? Um Gottes Willen heyrathen Sie nicht. Ihre, Sie liebende, sagt man, sey ein gnädiges Fräulein, und wäre sie eine gnaedige Prinzeßin: um Gottes willen heyrathen Sie nicht. Sie waere, sagt man, ein Mittelwesen zwischen Engel und Fräulein, und waere sie ganz ein Engel, ganz, was Ihre weiblichen Geistes-Geschöpfe theil- weise sind, heyrathen Sie nichtl Das Wort schon schrekkt ab, die Sache noch viel mehr. Der Weiber, wie Caroline Herder und Ernestine Voß, giebts noch dreye. Sie kennen die Sie Liebende! Von den Dreyen müßte sie die erste seyn! Wenn das ist so heyrathen Sie die Liebende. Wäre noch der kleinste Zweifel dann heyrathen Sie sie nicht! Vox amici vox Dei*!" Später bot er Jean Paul nochmals seine Hilfe an: „Fehlts Ihnen woran? lieber, mir theurer Diamant? An Gelds zum Exempel, so bestimmen Sie hierunter, das: Wie viel. Hab ichs, so wirds sogleich das Ihrige — nur, daß Sies vergessen, und kein Dritter es erfahre"; er schwärmte davon, ihn in Halberstadt anzusiedeln und ihn in seinem Hause wohnen zu lassen: „Gäbe der beste König Ihnen kein Gehalt so gab’ ich Ihnen eines, und beschämte den besten König". Es gelang nicht, Jean Paul, der im Herbst 1800 sich in Berlin ansässig gemacht und neuerdings verlobt hatte, eine feste Stellung zu verschossen. So verließ er denn nach seiner Verheiratung Berlin, um cs mit Meiningen zu vertauschen. Für Halberstadt, das er ernstlich erwogen hatte, konnte er sich i nicht entschließen, weil ihm dort das zum Schreiben so unentbehrliche bittere braune Bier gefehlt haben würde. Noch mehrere Male sandte ihm Gleim Zeichen seiner treuen Gesinnung, und als dieser, erblindet, am 18. Februar 1803 gestorben war, wußte Jean Paul, daß er einen feiner besten Freunde, gewiß den selbstlosesten von allen, verloren hatte. * Freundesstimme — Gottesstimme! Mittelalterliche Rechtskuriosa. Von Dr. Max Kemmerich. Während Verdammungen und Exkommunikationen* von Tieren schon ins frühe Mittelalter hinausreichen, sind Prozesse gegen Tiere erst seit dem 15. Jahrhundert deutlich nachweisbar. Dafür hielten sie sich aber nid, desto länger. Der letzte Tierprozeß in voller Form spielte sich vor dem weltlichen Gericht von Bouranton im Jahre 1733 ab. Aber noch uns Jahr 1805 fingen die Bauern von Lyö in der Herrschaft Holstenhus rinen solchen Prozeß wenigstens an. In Frankreich sind ähnliche Falle »>och aus dem Jahre 1793, ja von 1815 überliefert. Ums Jahr 1500 wurde in der Diözese Lausanne ein außerordentlicher kierprozeß in Gestalt eines bedingten Mondatprozesses emgesuhrt. Das »'[-höfliche Offizial erläßt auf die Eingabe der geschädigten Grundbesitzer Km Ausweisungsbefehl an die verklagten Tiere! Unter der Androhung »on Bannstrahl und Verdammung, sowie unter dem Angebot, dem Der- ' tagten einen Verteidiger stellen zu wollen, falls jemand den Befehl »nzufechten gedenke. Damit wird unter Androhung der Exkommunikation Kr Befehl verbunden, daß die Tiere während der pateren Verhand- lungen sich jeder weiteren Ausbreitung zu enthalten haben. Man hat al|o kanz regelrecht mit ihnen verhandelt! „ Das erste Verfahren schließt mit einem Urteil ab, das d,e verklagten Eiere ausweist. Es handelt sich hier ausschließlich um sogenanntes Unit,lief er: um Mäuse, Ratten, Maulwürfe, Raupen, Engerlinge, Schnecken, Blutegel, Schlangen und Kröten. Niemals um Haustiere oder bestimmte inzelne Tiere. Allerdings wurde es in Kanada auch gegen wilde Tauben, h Südfrankreich schon viel früher gegen wilde storche, m D euftchlanü «uch gegen Sperlinge, am Genfer See gegen Aale angewandt, wenn sie m ungeheueren Mengen auftraten und dadurch gemeinschadlich geworden öaren. Im Ausweisungsbefehl wurde in der Regel eine Frist bestimmt, mne^ falb derer die Tiere ihren Abzug bewerkstelligen mußten. Gelegen lich öurbe ihnen sogar bis zum Ablauf dieser Frist freies Geleite zugeb,lügt. 4'smlich weit verbreitet war der Brauch seit dem ausgehenden Mtttel- 'lter, zugleich mit der Ausweisung eine Verweisung zu verbinden. Ct * Kirchenbann. weder befahl man ihnen, sich an einem nicht näher bezeichneten Orte, wo sie keinen Schoden stiften konnten, zurückzuziehen, oder man benannte auch den Verbannungsort. Man wies sie „ins Meer" aus, oder auf eine entlegene Insel, doch kam es auch vor, daß man ihnen einen freien Bezirk innerhalb der Gemeinde zuwies, jedoch mit der Auflage, die außerhalb desselben gelegenen Grundstücke zu verschonen. So z.B. in einem Urteil noch im Jahre 1713. Dies führte bisweilen zu einem förmlichen Vergleichsangebot der Klagepartei an den Offizialvertreter der beklagten Tiere, wonach diesen vertraglich ein solches Grundstück überlassen werden sollte. Die mancherlei Vorbehalte und Klauseln beweisen, wie ernsthaft der Vertrag der Menschen mit den Tieren gemeint war. Daß das Mittelalter keineswegs immer so grausam war, wie man heute anzunehmen geneigt ist, sondern am rechten Ort auch Nachsicht und Milde walten lassen konnte, geht aus folgendem hervor: Der Priester verkündete unter dem Läuten der Glocken von der Kanzel herab den Klageakt, das Ungeziefer vor das geistliche Gericht ladend. Ein Advokatus wurde den sündigen Tieren billigerweise gestellt, sei es nun ein Maikäferanwalt oder ein Rattensürsprecher, dem es oblag, ihre Klienten nach besten Kräften zu verteidigen. Da ging nun die Diözese Chur in ihrer Herzensgüte nach dem Zeugnis des Züricher Chorherrn Felix Hämmer- l i n so weit, in einem „Maikäserprozeß" in Anbetracht ihres jugendlichen Alters und ihrer „Kleinheit" die Vorladung dreimal ergehen zu lassen. Dann erst erfolgte das Verfahren mit schwerem Bannfluch. Solche Prozeßakten mit genauster Protokollführung sind noch zahlreich erhalten. War der Prozeß nach kanonischem Recht durchgesührt, so verschrieben sich die Behörden den Bannfluch jeweils aus den bischöflichen Kanzleien. Weniger human als das obige Verfahren gegen Maikäfer war in der Regel das gegen Menschen. So kam es vor, daß man zum Verbrennen verurteilte Personen zum Sieden in einem Kessel, der in der Regel mit Del oder Wein, selten mit Wasser gefüllt war, begnadigte. Als zu Freiburg in der Schweiz zwei Brüder es wagten, ihren gehängten dritten Bruder nachts vom Galgen herunterzunehmen, wurden sie vom Richterkollegium mit Arrsstechen der Augen bestraft. Viele Strafen entziehen sich teils wegen ihrer Grausamkeit, teils aus sittlichen Erwägungen der Wiedergabe an dieser Stelle. Wie hell leuchtet auf solchem Hintergründe unsere Humanität! Wer das bezweifeln wollte, möge sich nur folgendes Vorkommnis vergegenwärtigen: In einem pommerschen Städtchen ist die Benützung von Leitern ohne Spitzen untersagt. Als nun eines Nachts im Jahre 1909 ein Dieb zum Einsteigen in ein Gehöft eine unvorfchriftsrnäßige Leiter, die er im Hofe gefunden hatte, benutzte und dabei gestört wurde, fiel diese um, und er brach sich den Oberschenkel. Nun haben wir aber die sogenannte Haftpflicht, und das war für den Herrn Einbrecher ein großes Glück. Denn der Besitzer des Gehöftes wurde vorn Gericht dazu verurteilt, dem Spitzbuben die durch den Schenkelbruch entstandenen Kurkosten und dazu eine Entschädigung zu bezahlen. Die Leiter war nämlich unvorschriftsmäßig gewesen! Hierzu gleich ein Gegenbeispiel: In einem Dorfe in Schleswig-Holstein bricht Feuer aus. Fünf Menschenleben sind in Gefahr. Ein Arbeiter wagt sein Leden und rettet alle. Aber er wird bei diesem Werke so schwer verletzt, daß er längere Zeit erwerbsunfähig ist. Sein Unterstützungsantrag bei der Gemeinde wird rundweg abgelehnt mit der Begründung, daß er die Rettung ohne Order vorgenommen habe! Doch wenden wir uns wieder früheren Jahrhunderten zu. Die Glocke von San Marco in Florenz, la Poagnola genannt, hatte am 8. April 1498 Sturm geläutet, als die Gegner S a vonarolas das Kloster in der Nacht belagerten und erstürmten und den Propheten ins Gefängnis führten. Dieses Rufen verzieh man der Glocke nicht. Am 29.Juni 1498 beschloß der große Rat von Florenz, daß die Glocke von San Marco zu bestrafen fei. So riß sie denn das Volk am folgenden Tag vorn Turm herunter, ließ sie von Eseln durch die Straßen der Stadt schleifen, wobei der Henker ihr nachfolgte und sie peitschte. Das muß recht energisch geschehen [ein, wie man noch heute an den Spuren sehen kann, die dieses Werk D o n a t e 11 o s und Michelozzis damals davontrug. Die Glocke wurde dann elf Jahre aus der Stadt verbannt und zwar auf den Glockenturm von San Salvatore al Monte. Erst am 9. Juni 1509 wurde sie wieder an ihre alte Stelle verbracht, heute befindet sie sich im Museum di San Marco. Gegenüber dieser Bestrafung lebloser Gegenstände kommt uns die von Tieren ganz plausibel vor. Denn wenn in einem Prozeß gegen Haustiere — wohl zu unterscheiden von den obengenannten — der Delinquent zum Tode verurteilt worden war, bann wurde auch die Todesart ganz genau bestimmt. „Wegen Grausamkeit und Wildheit" (1567) wurde das Tier in der Regel gehängt ober erbroffelt, zuweilen nachher noch geschleift. In gewissen Gegenben bevorzugte man bas Steinigen ober lebenbig Begraben. Ueberbies hatte man bei solchen Urteilen wohl barauf zu achten, baß nicht eine frembe Gerichtsbarkeit verletzt würbe. Die Richtstatt ist ber gesetzliche Hinrichtungsort. Aber es hatte schon wieberholt zu recht ärgerlichen Beschwerben und Streitigkeiten geführt, wenn durch den Vollzug des Urteils der Inhaber ber hohen Gerichtsbarkeit sich in feinen Rechten gekränkt fühlte. Da zieht es etwa bie ©emeinbe von Moyen-Moutier im Jahre 1572 boch vor, ein von ihr zum Strange verurteiltes Schwein an den Probst von Saint Dizenz auszuliefern. Denn ber war ber vollzugsberechtigte Gerichtsherr. So wirb denn unter Wahrung der altherkömmlichen Formen bas Tier bis zum Steinkreuz von Le Tombroix geführt, wo ber Probst, breimal angerufen, alle „Verbrecher" in Empfang zu nehmen hat. Wie noch im vorigen Jahrhunbert politische Verbrecher in Preußen bestraft würben, erhellt baraus, baß nicht nur das Vermögen des Missetäters eingezogen, sondern dessen Kinder „zur Abwendung künftiger Gefahren" in ständiger Gefangenschaft gehalten oder verbannt werben dursten. Selbst Eltern, Kinder und Ehegatten, waren bei zehnjähriger bis lebenslänglicher Festungshaft zur Denunziation und Verhütung künftiger politifcher Verbrechen gehalten. Zum Landesverrat, der mit Rädern „von unten herauf" und dem Flechten des Körpers auf das Rad bestraft wurde. zählte damals auch der Verrat von Fabrikations- und Handelsgeheimnissen. Bei Verleitung zur Auswanderung war die Strafe nur eine 4= bis 8jäh- rige Festungshaft oder Zuchthaus von gleicher Dauer. Zum Schluffe noch eine hochwichtige Materie! Die Gespenster michten sich früher in so mancherlei Angelegenheiten des Lebens, daß die Juristen nicht umhin konnten, deren Rechte genau zu bestimmen. Der berühmte Leipziger Rechtslehrer Johann Samuel Stryck verfaßte darüber eine umfangreiche Dissertation („cke jure spectorum“, Halle 1700). Darf man die Ehe scheiden, wenn der Gatte von Gespenstern verfolgt wird? Rein! Wohl aber aus diesem Grunde eine Verlobung aufheben. Bricht Spuk in einem Hause Miets- bzw. Kaufvertrag? Und so weiter. Das Gespensterrecht hätte sich so selbständig wie etwa das Wechselrecht entwickelt, wenn nicht die Aufklärung diesen schönen Trieb der Jurisprudenz mit grausamer Hand abgebrochen hätte. Alte Liebe. Novelle von Alfred Bock. (Fortsetzung statt Schluß.) Der Meister lag wach im Bett, die Karoline an seiner Seite tat, als ob sie schliefe. Sie hatte sogleich die Stimme ihres Verehrers erkannt und es schlitterte sie, daß sie s am Herzbändel spürte. Der Meister fuhr am andern Morgen mit dem Postwägelchen nach Ruppertenrod, wo er ein Geschäft zu erledigen hatte. Von dort beabsichtigte er, über Alsfeld nach Kassel weiter zu reisen. Der Postschmöckel, der das Rößlein lenkte, erzählte tausend Geschichten, der Meister hörte mit halbem Ohr zu. Er dachte an den Auftritt, der sich gestern in seinem Hause abgespielt hatte. Wenn seine Frau in Lauterbach eine Bekanntschaft gehabt hatte, war sie nicht verpflichtet, ihm das zu bekennen. Möglich, daß es ein ehrlicher Liebhaber gewesen war. Jetzt, wo sie in der Eheschaft lebte hatte das Schatzwert aufzuhören. Das verstand sich unter sittigen Menschen von selbst. Und wie unversonnen, wie schlecht hatte sie sich benommen! Vielleicht, daß sie mit dem Balbierer in heimlichem Einverständnis war. Wenn sie ihren Mann, der so viel herumkutschierte, hintergehen wolle, bot sich ihr reichlich Gelegenheit. Stät, stät! Man brauchte nicht gleich an das Schlimmste zu denken. Und nur keine Eifersucht. Cs war doch so, daß der Eifersüchtige sich selbst zum Hahnrei machte. Am Ende lief alles in dem einen Wort zusammen, das die Karoline ihm gestern ins Gesicht geschleudert hatte: „Ich bin noch jung!" Wohl hatte er bei der Freite dem Schwickertsadam seine Bedenken geäußert: „Jung und alt gibt kein gut Gespann!" „Red dir nix ein, du bist noch nicht alt", hatte der Vetter damals gesprochen, hatte ihn in die Heirat fjineingetrieben. Er, der Meister, tat sich auf seinen Verstand etwas zugute, jenesmal in Wallenrod hatte der ihn im Stich gelassen. Nun war er in die Bredullje gekommen, fraß den Aerger in sich hinein. Aerger, das wußte man, zehrte am Leben. Der Postschmöckel babbelte und babbelte. Da ihm der Meister keine Antwort gab, setzte er sein Horn an den Mund und begann eine lustige Weise zu blasen. Im Dorf wurde trotz des Kirmestrubels der Besuch des Leopold Krammich und fein Gefchmützel mit der Karoline lang und breit besprochen. Der Hackepitscher meinte — wobei er mit der geballten Faust einen Lusthieb vollführte — der Meister habe seiner Frau die Sputzen ein für allemal ausgetrieben. Der Aumüller erzählte, der Baiwutz aus Lauterbach fei noch am zweiten Kirrnestag in der Gemarkung gesehen worden, und habe sich bei büfternbem Abeirb in bas Haus bes Krämers geschlichen. „Das kannst bu einen weismachen, ber keine Knöpf' an ben Hosen hat", erhob ber Kobes am Wolfseck feine Stimme. Der Aumüller hatte bie Karoline auf bem Strich unb schwaberte: Man spricht von naut, es kommt von naut. Die Schlubern hat der Deubel am Seid" Das Gerücht lief um und wuchs wie der Schneeball im Rollen. — Der Meister kehrte gegen Mittag zu Ruppertenrod im „Löwen" ein. Dort traf er den Vertreter eines Frankfurter Kolonialwarenhauses, mit dem er feit langem in Verbindung stand. Der Reisende, ein Herr in mittleren Jahren, begrüßte ihn, zog ihn, da noch Gäste zugegen waren, beiseite und sagte: „Herr Schaeffler, ich hab in diesen Tagen viel an Sie gedacht. Ich war in Kirtorf. Da sieht man's wieder, was man auf die Doktoren geben kann!" Der Meister blickte feinen Geschäftsfreund verständnislos an. „Herr Kreuzberger, was meinen Sie dann?" In das Gesicht des Reifenden kam ein Ausdruck von Verlegenheit. „Nichts für ungut, Herr Schaeffler! Wenn unsereiner einen Kunden zehn Jahre besucht, rechnet er sich zur Familie und nimmt an allem teil." Der Meister runzelte die Stirn. „Was machen Sie dann da für Geschichten herunter?" Kreuzberger trat einen Schritt zurück. „’S scheint wahrhaftig. Sie wissen's noch nicht!" „Was soll ich dann wissen?" „Sie werden sich wundern! Ihre Marie ist seit Freitag wieder bei ihren Eltern und völlig gesund!" Der Meister, weiß wie die Wand, schlug die Hände wider die Schläfen und rief mit zitternder Stimme: „Allmächtiger Gott!" Die Gäste horchten auf und sahen herüber. Was hatten die beiden da zu verhandeln? Der Krämer machte ein Gesicht wie ein Nest voll Eulen. Sackerment, da ging etwas vor! „Ja, Herr Schaeffler", sagte der Reisende, von ber Erschütterung bes Meisters lebhaft berührt, „man wird gehörig burdjgeqerbt in ber verflixten Welt. Man mag sich wehren ober nicht: man muß es laufen lasten, wie's läuft." Der Meister bezahlte, was er schuldig war und verließ das Gastlokal. Die Reise nach Kassel gab er auf und erlangte vom Girlingshannes, an den er verwiesen wurde, ein Fuhrwerk. Das brachte ihn vor sinkendem Tag bis an die Irrenanstalt. An die Fahrt hat er später noch mit Schaudern gedacht. In seinem Kopf tobte ein bohrender Schmerz, sein Körper wurde von Frost geschüttelt. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Erst allmählich löste sich der Krampf. Der Oberarzt, dem bes Meisters Anwesenheit gemelbet wurde, ließ diesen sogleich vor und bestätigte, was ber Geschäftsfreund im „Löwen" zu Ruppertenrod bereits mitgeteilt hatte. Wider alles Erwarten habe sich im Befinden der jetzt geschiedenen Frau Schaeffler ein Umschwung bemerkbar gemacht, die Krankheitserscheinungen seien zurückgetreten, die seelische Störung sei in Genesung übergegangen. Er, der Oberarzt, habe das Zeugnis damals nach bestem Wissen und Gewissen ausgestellt. Die Wissenschaft in Ehren, doch fei sie nicht dagegen geschützt, daß die Natur ihr zuweilen ein Schnippchen schlage. Der Oberarzt hatte es sehr eilig, er war im Begriff zu verreisen. Bei ben Kollegen in der Anstalt, sagte er, könne Herr Schaeffler über den Krankheitsverlauf und die Heilung der Patientin ausführlichen Bericht erhalten. Der Meister suchte die Assistenzärzte auf. Die ergänzten die Erklärung des Chefs. Eines Sonntags hatte die Kranke den Wunsch ausgesprochen, dem Gottesdienst in der Anstalt beizuwohnen. Während die Orgel spielte und der Pfarrer predigte, hatte sie heftig gemeint. Bald danach drückte sie sich zum erstenmal wieder in zusammenhängenden, vernünftigen Worten aus und legte ein ruhiges, gleichmäßiges Benehmen an ben Tag. Der Appetit regte sich, unb ihr Körpergewicht nahm zu. Sie begann von ihrer Krankheit zu reben, die sie nun überstanden habe, unb sie begehrte ihren Mann zu sprechen. Die Aerzte, bie einen Rückfall befürchteten, wenn sie erfuhr, baß ihr Ehebunb aufgelöst war, zögerten, ihr bie Wahrheit zu sagen. Als sie aber immer wieder anfing, sie trage bas größte Verlangen nach ihrem Mann, mußte man sich wohl ober übel entschließen, ihr mit aller Vorsicht zu offenbaren, was ihr auf bie Dauer nicht verschwiegen Serben konnte. Sie nahm bie Nachricht mit ersichtlicher Bestürzung auf, ohne baß sich ihr Gemüt roieber verbüstert hätte. Das Gegenteil war ber Fall, bie Besserung schritt fort. Die Aerzte waren sich eines Tages bar- über klar, baß man bie Marie unbebentlid) entlassen könne. Das war am vergangenen Freitag geschehen. So erstatteten bie Assistenzärzte bem Meister Bericht. Dieser fuhr mit ber Hand über bie Brust und sprach: „Großen Dank! Nun weiß ich, was ich wissen mußt'." Die Pflegerin ber Marie gab ihm bis zum Portal bas Geleit. In ber Kreisstabt übernachtete ber Meister und suchte am andern Vormittag seinen Rechtsbeistand auf. Dem legte er bar, was sich seit seiner Scheidung unb Wieberverheiratung in seinem Haus unb in ber Anstalt begeben hatte unb schloß: „’S wirb feiner klug als mit feinem Schaben. Runbes bei Runbes, Spalten bei Spalten. Ich möcht aus meiner neuen Eheschaft heraus, möcht meine Marie mieber einfetzen, wo sie hingehört, feit bei mir." Die Augen bes Rechtsanwalts, eines behäbigen Vierzigers, leuchteten auf. „Ja, lieber Herr Schaeffler, es kommt barauf an, ob Ihre erste Frau — was ich freilich für bentbar halte — zu Ihnen zurückkehren will, unb ob Ihre zweite Frau sich bazu versteht, ihr warmes bequemes Nest zu verlassen. Daß sie bas mir nichts bir nichts tut, möcht ich benn doch bezweifeln. Immerhin, versuchen Sie’s, sich mit ihr auseinanber zu setzen. Das Gesetz gibt Ihnen brei Möglichkeiten an bie Hanb: entroeber Sie machen sich gegen Ihre Ehefrau einer groben Mißhanblung schulbig —* „Zu so was geb ich mich nicht her!" warf ber Meister bazwischen. „Ober", fuhr ber Rechtsanwalt fort, „Ihre Frau hält sich in böslicher Absicht ber häuslichen Gemeinschaft sern. Sie müssen in biesem Fall zum minbesten ein Jahr unb länger warten, bis Sie ein rechtskräftiges Urteil erlangen, baß bie Ehe geschieben ist." Der Meister machte eine Hanbbewegung. „Das bauert mir viel zu lang!" „Die brüte Möglichkeit", kam ber Anwalt zu Enbe, „ist bie: einer ber Gatten bricht bie Ehe. Wohlbemerkt: werben Sie als ber fchulbige Teil erklärt, braucht sich Ihre Frau nicht scheiben zu lassen!" Der Meister schaute eine Weile sinnend vor sich hin, bann rief er: „Alleweil ist mir ein Licht aufgegangen. Gerät's, ift’s gut. Gerät's nicht, gerät was anbres. Ich komm wieder her!" Er gab feinem Rechtsbeistand die Hand und ging. Die Karoline saß im Ladenstübchen am Schreibtisch, trug achtsam Posten für Posten in bas Hauptbuch ein. Da bürste auch fein Tüpfelchen fehlen. Sie mochte sich nicht nachsagen lassen, baß sie bie Bücher schlechter führte wie ihre Vorgängerin. Jetzt (egte sie bie Feber hin unb lehnte sich, tief Atem holenb, zurück. Es war wie ein verborgenes Feuer in ihr, sie tat kein Scheitchen, fein Spänchen bazu unb es brannte boch. Ihr Herz zerschmolz in Sehnsucht nach bem Leopolb Krammich. Wo einen bie Liebe hintrieb, war kein Weg zu weit. Das hatte ber Leopolb bewiesen. Der gute Mensch, ber Zuckerstengel! Da er bei nachtschlafenber Zeit von ihr gegangen war, hatte er gesprochen: „Du warst meine erste Siebe, sollst meine letzte fein!“ Das hatte geklungen wie Glockenton. Unb klang in ihr fort. Sie würde ihn nie und nimmer vergessen. Waren sie ein Paar geworden, sie wären wie im Himmel gewesen. Das war vorbei, für immer vorbei. Es war ihr im Kopf ganz zwirbelig. Der ewige Brand! Du lieber Gott, wie hielt sie bas aus! (Schluß folgt.) Verantwortlich: l)r. LanSThhriot. — Druck undDerlag:Drühl’fcheUniverfitätS^Duch-undSteindru cker ei. R. Lange, Gießen.