Eichener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (951 Montag, den 23. März Nummer 2< Oer Regenbogen. Bon Leo Sternberg. Wölbt sich ein Regenbogen, fernher aus deiner Hand in meine Hand gezogen vor dunkler Wolkenwand. In allen Finsternissen entzündet er sich schön; und die Getrennten wissen verdrückt sich in den Höhn. Sich fern sein — ist das Schwere, wenn man einander liebt... Ach, daß es über Meere ein Händereichen gibt. Oer Soldat John Davis kehrt heim. Bon Anton Schnack. Der Arbeiter John Davis hatte sich am erhöhten Ufer des Heiligen Karlsfluffes einige Quadratmeter Land gekauft, das er, da feine Heirat bevorstand, selbst umgrub und in wochenlanger Arbeit mit einem kleinen Hause überbaute. Er hatte eine prachtvolle Uebersicht, bis zu den weiten kanadischen Wäldern reichend, die sich an die Stadt Quebek von Norden her heranschwemmten. Jeden Morgen verließ er mit einer blauen Kanne und einem Päckchen Essen sein Haus, um in einer Ouebecker Holzsäge seine Arbeit zu tun. Er hatte, kurz vor Ausbruch des großen Krieges, Mary Lowell aus dem Orte Silery geheiratet. Mary war von mittelgroßer und etwas üppiger Figur, hatte blitzblanke, blaue Augen und war ein ganz hübsches Ding, nur nicht viel zum Reden aufgelegt und auch sonst etwas trocken rind leblos im Wesen. John Davis paßte das; denn er selbst war ein stiller und verschlossener Mensch, den die Arbeit in der Holzschneiderei halb taub gemacht hatte. Bon früh morgens bis abends rollte er schwere Fichtenstämme an die kreischenden Sägen heran. Im Lärm des Sägens hatte er sich das Reden abgewöhnt. Man verstand sich ja doch^ nicht, und cs war deshalb besser den Mund zu halten; denn von den Sägen flog der Holzstaub in feinen und beißenden Wolken. Mary, seine Frau, war eine Arbeiterstochter, die Davis im Sägewerk kennengelernt hatte. Das Mädchen brachte ihrem Vater tagtäglich das Essen zur Arbeitsstelle. Der alte Man» hatte ein Magenleide», das ihm nicht erlaubte, kalte oder abgekühlte Speisen zu essen. Davis sah das Mädchen wochenlang, bevor er ein Wort mit ihr sprach. Aber dann faßte er sich doch ein Herz und in kurzer Zeit waren sie miteinander versprochen. Die Heirat fand int Herbst des ersten Kriegsjahres statt. Ihr Haus hatte für sie beide genug Raum; Mary fing an, den kleinen Gemüsegarten zu betreuen, die Wäsche zu waschen und anstatt nun ihrem Vater allein das Essen zu bringen, brachte sie es auch ihrem Manne John Davis. Schließlich griff die Hand des Krieges auch nach Kanada und auch nach John Davis. Er wurde als Mafchinengewehrfchütze ausgebildet und in einem Soldatenlager untergebracht, wo es von Pelztierjägern, Waldarbeitern, Holzfällern, Arbeitern aus den Papier- und Möbelfabriken, Studenten aus der Quebeker La Vall-Univerfität wimmelte. Seine Ausbildung war noch nicht zu Ende, als das ganze Regiment für den Abtransport nach Frankreich bestimmt wurde. Der Abschied von seiner Frau vollzog sich ruhig unb ohne jegliche Erschütterung, da die Vorstellungskraft von Mann unb Weib nicht im geringsten bcn gewaltigen Raum unb ben großen Weg abzuschätzen vermochten, wohin Davis gehen mußte. Sie dachten sich, daß Davis in kurzer Zeit wieder zurück fein werde. „Ich werde es den Deutschen geben", sagte er gutgelaunt. Und Mary wiederholte das immer wieder: „Ja, ja, John, du wirst es den Deutschen geben, du haft es ja auch dem Schipper Mitfchel gegeben", unb sie erinnerte ihn dadurch an die Rauferei in der Kneipe zur „Grünen Allee". Es war ein lärmender Abschied, den die Quebeker ihren „Löwen bereiteten. Der Bahnhof barst heinahe von dem Lärm der vielen Musikkapellen. Die zufrieden lächelnden Soldaten wurden mit Blumen und Papierschnitzeln überschüttet. Begeisterte Frauen brachten Körbe voll Schokolade, Obst und Würste an Sie Zugfenster. Unter riesigem Lärm donnerte der Transport die Strecke nach Halifax hinaus. In Halifax wurden sie in Transportschiffe übergeleitet und, von Torpedobooten und leichten Kreuzern umkreist, begann die Meerfahrt nach Frankreich. Davis war zunächst erstaunt durch das Ausmaß und die Vielfältigkeit feiner Reife. Die Soldaten standen an Bord, rauchten ihre Pfeifen und spuckten in den Gischt der Wogen. Die Soldaten veranstalteten Wettspiele im Boxen und Ringen, ver» trieben sich mit Karten die Zeit, aber Davis beteiligte sich wenig daran, denn er hatte mit dem Durchstöbern des Schiffes, dem Betrachten des Meeres, der auftauchenden Fische, der verdämmernden Küsten und der Arbeit der Matrosen genug zu sehen und zu schauen. Es siel ihm gar nicht ein, Sehnsucht nach Mary zu haben. Das Reue, das Ungewohnte und das ganz Andere nahm von seinen schwerfälligen und langsam dahinkriechenden Gedanken Besitz. In Frankreich angekommen, wurde bas Regiment nach kurzer Ruhepause unb einigen Ausbilbungswochen in bie flanbrischen Schützengräben geworfen. Das Gesicht feiner Frau entfiel John langsam. Ihre Züge nahmen immer mehr bie Linien von Schatten an, die sich von Tag zu Tag verwischten. Manchmal buchte er daran, baß er bei Quebek ein Holzhaus habe mit ber Nummer 3 über der Türe und einem kleinen Garten darum. „Was wird Mary machen?", schoß ihm manchmal eine Frage durchs Gehirn. Mary machte als eine einfache, klare und kühle Natur nicht viel. Sie ging auf in ihrem häuslichen Tun und besuchte, da es ihr zu Hause zu einsam wurde, mehr denn je ihr Elternhaus. Schließlich sand sie, da auch in Kanada bie Männer seltener würben, in einer großen Druckerei Arbeit als Einlegerin. Davis grub Schützengräben, baute Verschanzungen, schoß an seinem Maschinengewehr, fluchte über bie Nässe, rauchte seinen Tabak, wusch sich, wenn er in Ruhestellung war, aber an seine Frau schrieb er nicht. Er konnte nicht schreiben. Seine ganze Schreibkunst beschränkte sich auf seinen Namen. Seine schwere Hand war für bas Hin- und Herrollen von dicken Holzstämmen, für Schanz- unb Grabarbeiten, aber nicht für bie mühevolle Abfertigung eines Briefes. Er hatte einmal versucht, einen Bleistift in bie Hanb zu nehmen, aber er brachte es nicht fertig, ihn in bie richtige Haltung zu zwingen, um damit zu schreiben. Aergerlich warf er ihn zur Seite. Und andere Soldaten, bie im Schreiben geübter waren, wollte er nicht bitten, es für ihn zu tun. Was hätte er auch schreiben sollen: er hatte wenig Fähigkeit, seine ®ebanfen in Worte zu fassen, auch war alles, was er bis jetzt gesehen unb erlebt hatte, wie ein großer Rausch unb Traum burch ihn hinburchgeweht. Er war Solbat geworben, um zu schießen unb zu marschieren, zu graben unb zu fluchen, aber nicht um Briefe nach Kanaba zu schreiben. Ein Tag reihte sich an ben anberen, Monat verstrich nach Monat; für John Davis würbe der Name Mary immer kleiner, dünner unb ferner. Jrn Frühjahr 1918, an einem kühlen unb von Regen überschütteten Tage, bekam Mary ein amtliches Schreiben, bas ihr Herzklopfen verursachte. Sie hatte eine unerklärliche Angst vor biesem gelben unb mit vielen Stempeln versehenen Briefe. Sie nahm ihr Tuch, schlug es um ben Kopf unb ging mit dem Briefe zu ihrem Vater. Ihr Vatter hatte keine Angst, er öffnete ben Bries bedächtig unb las ihn vor, wobei sich feine Stimme um nichts oeränberte: „Wir haben bie traurige Pflicht, Ihnen mitzuteilen, baß ber Maschinengewehrschütze John Davis bes 3. kanabischen Schützenregimentes auf dem Felde der Ehre gefallen ist. Er war ein tapferer Soldat, ben das Regiment nie vergessen wird. Seine Vorgesetzten und Kameraden schätzten und liebten ihn." gez.: Leutnant Grant. Mary hob die Schürze aus blauem Kattun unb meinte ein wenig. Ihr Vater sah zum Fenster hinaus unb betrachtete ben Rauch, ber, vom Winde getrieben, über ben Weg kroch. „Armer John, o Gott, o Gott, armer John", schluchzte Mary. Sie mußte sich mühsam erinnern, um sich John vorzustellen, ber sie vor vielen Monaten verlassen hatte, um in ben Krieg zu fahren. Sie dachte nach: Warzen hatte er am Handgelenk; ein paar Sommersprossen unter den Augen, sein Hals war etwas gerötet; sie hatte John das Essen gemacht, sie hatte John bie Knöpfe angenäht; an ber Stirne hatte er eine wulstige Narbe, bie von einem fpringenben Holzstück geschlagen werben war. Sie erinnerte sich auch, daß aus seinen Kleidern der Geruch von Bäumen, Wald und Erde brach, wenn er gegen Abend zur Türe hereintrat. Das war ihr Bär John Sohn eines Irländers aus Belfast, der in ben Sankt Lorenzstrom gefallen unb ertrunken war. Sie hatte es nie eingesehen, warum John ohne ersichtlichen Grunb, eines Krieges wegen, in einen unbekannten Erbteil zog, den sie sich am Ende ber Welt vorstellte, von Feuer durchsressen unb mit ewigem Donner erfüllt, wie sie erzählten. Sie hatte in ben Wochen nach bem Ab schieb immer reicher geglaubt: morgen wirb er kommen, übermorgen, aber ganz sicher nm Wochenende. Ihren Glauben zermürbte die Zeit. Und sie dachte immer weniger an John. Ein Tag nach dem anderen drängte ihn weiter Es war peinigend, in das Glück und in fein höllisches Vergessensein hineinzublicken. John tastete aus Verzweislung mit der Hand seine Brust an: er war es noch, er mar lebendig, er war da. Das war die Belohnung dafür, daß er Monate lang in den Sumpsgräben bei Paschendaele in d--n Kanonaden der Deutschen lag. Davon wollte er jetzt Mary erzählen. Aber Mary brauchte ihn, wie es schien, nicht mehr. Denn Mary war heiter, Mary lächelte, Mary war froh. Sein Kinn sank auf den kalten Fensterstein. Er schloß für einige Augenblicke die Augen, um nicht herauszuschreien vor Verlassenheit, Trauer und Sehnsucht. Es war ja wahr: er hatte nicht viel an Mary gedacht. Doch einmal, als er nach dem Waffenstillstand in Bethune war und in einem Laden Ketten aus farbigem Glas sah. Davon kaufte er eine, und trug sie in feiner Tasche neben allerlei Kriegserinnerungen und einer flachen Nickeluhr, die er einem Deutschen abgenommen hatte. Er hatte nicht den Mut in das Haus zu treten, die Türe aufzureißen und hineinzurufen: „John Davis ist da, Maschinengewehrschütze der Löwen von Ouebek, der die Deutschen besiegt hat". Das würde vielleicht dem aufgeschossenen Speckfresser im Zimmer Furcht in das Gerippe jagen. Aber was wird Mary tun? Mary schien, da sie lächelte, sich an Jahn nicht mehr zu erinnern. Marys Lippen glühten rot im Gesicht, ihre weihen Zähne blitzten. John war dem Weinen nahe. Mary und der Mann standen vom Tische auf. Sie ging mit den Tellern zur Tür hinaus, der Mann ober zog eine Pfeife und Tabak aus der Tasche und hantierte damit. John starrte in das fremde Räuber- gesicht. fast neidvoll, unsagbar erbittert und von Schmerz durchwühlt. Die Haare des Mannes hatten einen rötlichen Schimmer. Die Knochen unter den Augen traten stark heraus. Die Ohren waren lang und bewegten sich leicht beim Rauchziehen. Das war also der Sieger, der zu Haufe aebiieben war und bas Rennen gemacht hatte. Da stach es Jobn in der Lunge. Das war vom Gas. Er wußte, jetzt würde er husten. John svranq in die Dunkelheit, die nur auf der Erde, wo der S-bnee Ina. weiß schimmerte. Er hielt beide Hände vor seinen Mund und ging, wie von tausend Märschen ermüdet, den Weg zurück. „Liebe Mary, ich habe nach dem Kriege unter dem Namen John La Rouge in Texas gearbeitet. Bleibe glücklich und denke manchmal an Deinen ersten Mann John Davis, der in Texas begraben hegt. „Das schreibe ich nicht", sagte der Methodist. Doch er schrieb es zwei Stunden später, als der ehemalige Lowe von Ouebek gestorben war. Mary bekam die kleine Hinterlassenschaft: Achtzig ersparte Dollars, die flache Nickeluhr des Deutschen, gezeichnet Hans Lammers, ein Mester, einen Tabaksbeutel und die Kleider, die nicht mehr nach dem Holz der. kanadischen Wälder rochen, sondern nach dem faulen, bitteren Del von 'Mary meinte nicht, als ihr der Rothaarige den Brief vorlas. Denn für sie war John schon längst gestorben. .. Die Glaskette", schrie sie, „war von John! Da fielen beiden die Fußspuren von jenem Februar ein, die vor dem Fenster waren, und über die sie damals so lange gesprochen hatten. Sie schauten stch eigentümlich lang in die Augen, aber dann ging Mary in die Küche und klapperte mit einem Kochtopf. ri r . .. , Jack Bledes aber ging ans Fenster und preßte feine kleinen, schwachen Augen ganz nah an das Glas heran, als ob er sich spähend und suchend nach jemand umsähe. Die Holzlatten waren unverruckt In den Beerenbüschen hockte ein Vogel und hatte die Federn gesträubt. Die Gartenerde lag schwarz und feucht vor seinen Augen und zeigte keine Spur von einem Tritt ober Schritt. Es wurde ihm kalt im Rucken, als plötzlich das Fenster stoßweise klirrte und zitterte. Von unten her, aus dem trüben Nachmittag, hörte er eine Schiffssirene pfeifen. ,uä ihrem Bewußtsein, und jetzt bei der Nachricht feines Todes mußte «e erft mühsam ihre Erinnerung an John zusammensuchen, um stch überhaupt ein Bild von ihm machen zu können. Ja, ja, Mary", sagte ihr Vater, „jetzt mußt du dir einen anderen Mann suchen. Wie wäre es mit Jack Bledes? Das war alles, was der tin aber ^°ohnrbBatis roar" weder tot noch vermißt. Er war bei einem Vorstoß der Deutschen an der Flandernfront verschüttet worden in der Nacht konnte er sich wieder herauswuhlen und zuruckkriechen. Von den Quebeter Löwen" war nicht mehr viel vorhanden. John stieß zu einem englischen Regiment und wurde nach langem Hm und Her 'N ein Ersatzdepot verwiesen. Inzwischen war er auf die Aussage eines Kameraden hin vom Regiment als gefallen erklärt worden. Der Waffenstillstand tarn, und John gehörte zu den ersten Truppen, die zuruck- transportiert wurden. John Davis wurde nach langer Meersahrt in Halifax ausgeschifft und setzte mit der Eisenbahn über Albany und Montreal seine Heimkehr fort. Die Heimkehrer hatten es nicht eilig. Ueberall bekamen sie Zigaretten, Schokolade und Whisky Sie fossen zuerst in Halifax herum. Es waren hübsche Tage. Die Mädchen nannten ihn „Held des Krieges" und er fand bas sehr angenehm. In Ouebek hatten sie einen donnernden Einmarsch. Von Musik brach fast der Himmel zusammen. Da war es auch, wo ein dicker Herr zu ihm traf: „Nun, Held des Krieges, haben Sie es den Deutschen besorgt? John war zu ehrlich um sich als Quebeter Münchhausen aufzuspielen: „Das mar nicht so wie Sie glauben, Herr". Aber auf eine so müde Antwort war der Dicke nicht gefaßt. Er rückte vom Helden einem anderen auf die Schulter, der in Bethune in der Etappe war. Quebet lag im Schnee. Es war Februar. John kam gegen Abend den Weg entlang, der zu seinem Hause führte. Er sah es.in ber Dämmerung vor sich liegen. 0 wunderbar: im Haus war L- ‘ „Licht" vor sich hin. Licht: das mar seine verschüttete Seele, Licht: das war Wärme einer Zeit, die er in einem anderen Leben gehcwt zu ■ • - ... . schien, Licht: das war wiederkehrende Vergangenheit. Er blieb stehen Erde ft eg ein und unterdrückte aus Ergriffenheit sogar seinen Atem. Er überlegte sich, 3"' wie «r sich Mary nähern sollte. „Wie wird sie wohl aussehen, ach, ich er, habe sich schon lange nicht mehr im Arme gehabt. Dieser Gedanke ‘,rl brachte ihn zum Lächeln und machte ihn mutig, bis er drei Schritte von der Türe entferht mar. Er stutzte und hielt an, da er eine dunkle , „—-- - j _ ■ . . Stimme sich mit einer Hellen mischen hörte. Er ging auf den Fußspitzen mein^raul ©s ma' jW ™ • näher, obwohl man im Schnee seinen Tritt nicht hörte. Da kam aus • Marn. id> habe nacy dem Fenster vor ihm das klirrende Geräusch von Coffein und Tellern. Mit einem leichten Sprung setzte er über den Gartenzaun, schob sich am Fenster empor und sah durch die dünnen Vorhänge in das beleuchtete Zimmer hinein. , Vor Freude wollte er „Mary" rufen, als er sie am Tische sitzen sah. Aber wer war das? John Davis mußte sich mit zwei Händen am Fensterrahmen festhalten, so zitterte er. Neben Mary saß ein blonder und schon etwas älterer Mann, der sich anscheinend mit Mary neckte und sie auf die Schulter schlug. Was sagte Mary?: „Mann, hör aus Texa^. und iß!" — so saß er auch einmal in diesem Zimmer und Mary hatte "" ebenso zu ihm gesagt: „Mann, iß!" Mary schien fröhlich, zu sein; denn sie lächelte und war munter wie ein Mäuschen. Das mar einmal sein Haus, dafür hatte er die Steine geklopft und die Holzbalken herbeigetragen. Dafür hatte er den Mörtel gemacht, jeden Tag nach dem Abendessen und nach zehn Stunden mühsamer, harter Arbeit. Das Werden dieses kleinen Hauses aus Stein und Holz hatte ihn mit Glück erfüllt. Warum ging er auch fort? Ist Fortgehen nicht gleich Totfein? Er sah sich den Mann an, der am Speck herumschnitt und sich Scheiben aufs Brot legte. Cs war kein überwältigender Mann, aber er, John, mar auch nicht überwältigend. Er war ein heimgeschickter Soldat, mehr als zehnmal in Todesgefahr. Zehnmal in Todesgefahr fein, macht alt. Darüber half kein Schnaps hinweg. Aber da fiel ihm ein: „Die Kette für Mary!" Also ging -r. noch einmal zurück, und dieser Gang war ihm der schwerste Gang seines Lebens. Vor ihm erschien wieder das gelbe, aus den Fenstern quer über den Schnee fallende Licht, das ihm das Auge der Heimat hatte fein können. Diesmal getraute er sich nicht in das Zimmer zu freuen, um aus Schmerz und Wut nicht die Scheide mit der tfauft zu zerschlagen. Mit abgewnnbtem Gesicht legte er die billige Kette auf den Fensterstein. Möge sich Mary wundern, wenn sie das Fenster am nachsten Morgen öffnet. John dachte dabei: wie lange mochte der da dr'Niien schon hier siyen und den Herrn in seinem Hause fpielen. Geber Soldat mochte nach dem Kriege etwas Trübes hinunterschlucken Was waren die ®r(n™ien der Deutschen gegen die Liebkosungen, die er sich wie ein Dieb mitansehen muhte. Eine Stimme schrie in ihm: „Geh hinein unb kämpfe um Mary. Eine andere Stimme schrie in ihm: „Sie wird dich onslachen, John! Sie wird sich fürchten und dich für ein Gespenst halten. John . wird sie sagen, „ist weit überm Meer begraben. Niemand weiß wo, John ist tot. , i " Und es mürbe so, baß ein Mann, den der Krieg über alles Maß, i I über die Grenzen des Lebens hinausschob, ein Mann namens John Davis, durch den amerikanischen Kontinent kreuz und quer zog, nachdem er feinen Namen John Davis in den Dreck geworfen hatte und unter bem Namen John La Rouge Tellerwäscher in Bo ton würbe Ausläufer in Cincinnati unb zuletzt Arbeit an den Oclguellen von Texas fand. - - ■ - — . I aus jeber Verbmbung. - ■> I John arbeitete still unb verschlossen, doch eines Sages mußte er sich .. in her omrl' I legen. „Das Gas von Paschenbaele kommt roieber , sagte er sich. John • \obn laatc stand noch am Abend am Fenster. Einer der Bohrtürme hatte Feuer «^51 S SSiS? 3obn fühlte, die Erbe war von ben Menschen verwunbet worben wie er, aber sie konnte mit furchtbarem Gebrüll den ganzen ^^treis erschüttern. Ihm würbe die Stimme immer schwacher unb schwacher. Er konnte kaum bie Zunge noch heben. „Sterbe ich?" fragte «r den Methodisten. „Dann schreiben Cie bas Volksmusik in England. Von Dr. Anton Mayer. Ein in mancherlei Beziehungen wichtiges Theaterereignis hat vor kurzem in ber Universitätsstabt Camdribge ftattgefunben, deren alte Eollegegebäube, aus bem 14. bis 18. Jahrhunbert stammend, auf ein geschäftiges Treiben der vielen, auf Rädern von einer Vorlesung zur andern oder zur Ausübung irgendeines Sportes fahrenden Studenten herabblicken. Aber nicht nur Wissenschaft und Körperausbildung beschaf- tigen die Söhne ber altberühmten Alma mater: in ihnen mahnt, wie in so vielen Angehörigen ber angelsächsischen Rasse, eine starke Liebe zur Musik unb zum Theater — eine ganz befonbers starke, also zur Ver- binbung beiber Faktoren, zum Singspiel ober gar zur richtigen, ausgewachsenen Oper. Die historische Entwicklung hat es mit sich gebracht, baß nach einer glanzvollen Periobe der musikdramatischen „Masken", großer höpscher Prunkstücke, an deren Aufführung sich bie Mitglieber bes Königshauses beteiligten, zu bereu Ausstattung bie berühmtesten Baumeister, wie Jaiao Jones, Dekorationen entwarfen, unb einer verhältnismäßig kurzen Blüte der englifchen und italienifchen Oper das Musikdrama nur noch für die obersten Zehntausend für teures Geld gepflegt würbe. Die Aufführungen in Covent Garden, in benen feit langem deutsche und italienische Künstler und Werke überwiegen, sind ber großen Masse ber weniger Begüterten unzugänglich unb finden nur wahrend weniger Monate im Jahre statt; die Versuche von Privatgesellschaften, ein stehendes britisches Operntheater zu gründen, find bis jetzt stets an ben Kosten eines solchen Unternehmens gescheitert — wir wissen, baß alle Opern- theater Zuschüsse brauchen. Wenn auch, besonders in ben letzten Jahren, häufig in London und in der Provinz, z.B. in dem ganz aus kleinbürgerliches Publikum eingestellten „Old Vic" (Old Victoria Theatre) Vapa Hases Mussum. Von Heinrich Hauser. Eine echte Hamburger Kuriosität ist Papa Hases Museum. Auf der Geschöftskarte stand: „Museum für Kolonie und Heimat" Restaurant. Eigentümer A. E. Th. Hase, Prof, der unentdeckten Wissenschaften, Hamburg, St. Pauli. Erichstrahe. , Es war früh für die Reeperbahn und schon ziemlich spat sur den gesetzten Bürger; es war gegen halb 24 Uhr, als sich die Erichstrahe vor uns öffnete. „ . . . _ . , Der Eingang zum „Museum für Kolonie und Heimat war schwach beleuchtet. Das Licht reichte eben hin, daß man die gelblichen Gestalten der Spiritus-Embryonen im Schausenster sich krümmen sah und die dunklen Schatten der Goldfische, die in runden Gläsern schwammen. Wir traten ein. Die kleine Kneipe war vollkommen leer. Ueber der Theke am Eingang sang eine kleingeschraubte Gasflamme, irgendwo in dem dunklen Hintergrund tickte eine Uhr. Wir lauschten: da hinten schnarchte einer. Plötzlich raschelte es in einer Ecke. Ueber den Rand eines Tisches hob sich etwas Weißes und dann fiel die Zeitung, die den Kopf des Schläfers bedeckt hatte, zu Boden. Was übrig blieb, war harmlos, ein weißer Bart in dem braun-verwitterten Gesicht eines alten Mannes. „Guten Abend, Papa", sagte ich, denn ich kannte Herrn Hase schon seit zehn Jahren, kannte ihn seit der Zeit, wo wir Seeleute ihm Korallen und Schiffsmodelle in Glasflafchen für fein Museum brachten. Er zwinkerte mit den Augen und zog die Schnur der Gasflamme. Es wurde hell mit einem kleinen Knall. Plötzlich stand das Museum vor unsern Augen. Zum größten Teil hing es an der Decke, und zwar hing es so dicht, daß von der Decke selbst nichts mehr zu sehen war. Gerade über der Theke baumelten die afrikanischen Zauberfetische, exotische Musikinstrumente und die gegerbte Beinhaut eines Kannibalen, anzusehen wie ein plumper Stumpf. Aus den Brettern des Gläserschranks hinter der Theke reihten sich die Schiffsmodelle in Glasflaschen, deren Hintergrund unweigerlich eine Ansicht der Elbe bei Blankenese bildete, auch das klein« Schiff in der elektrischen Birne befand sich unter ihnen, bei dessen Ankauf ich beteiligt war. Links ging die Theke in eine aus Pappe hergsstellte Tropfsteinhöhle über, in der Zwerge mit roten Mützen in Bergmannsrüstung mit Hämmerchen auf gläserne Edelsteine klopften. Eine Bank stand in der Grotte, um die sich papierene Rosengirlanden bis zur Decke rankten. Von oben aber griff ein ausgestopfter Affe in das rosige Idyll, und damit war der Uebergang in den musealen Teil wiederhergestellt. Dicht wie ein Heringsschwarm hingen nebeneinander die ausgestopsten Fische. Zwischen den Heringszug der Fische gequetscht hingen ganze Schwärme von Vögeln, während durch das allgemeine Gewimmel der Leiber sich noch Schlangen ringelten, gebäumte Kobras mit gespreizten Hauben, boa constrictor und anderes Natterngezücht, bestaubt und eingeräuchert. Es waren auch Teile von Tieren da, Nester des Webervogels und ähnliche Dinge. Es gab auch eine Schlangenhaut, auf der geschrieben stand: „Diese Schlange fuhr aus der Haut, als sie hörte, daß Karl Hagen- beck Kommerzienrat wurde". Die Wände des kleinen Raums waren fast bedeckt mit Photographien von Negerinnen und allerlei Abnormitäten, dazwischen hingen Pistolen, gekreuzte Säbel, Bilder alter Schisse und überall, wo sich Bretter anbringen ließen, standen die Glaser mit den Spirituswesen menschlichen und tierischen Geschlechts. Nach dem ersten Rundblick tranken wir mit Vater Hase mehrere kleine Gläser wasserhellen, feinen Kümmels und ebensoviele kleine runde Gläser hellen Biers, Gläser, die man in Hamburg „Kugel" nennt Vierzig Jahre lang ist Papa Hase zur See gefahren. Wie es Seeleute gibt, die ihre Heuer vertrinken, so hatte Hase sein Geld „versammelt. Er dachte noch nicht an ein Museum, aber er hatte den Sammlertrieb, der sich ganz einfach auf alles erstreckte, was „Rarität und „Seltenheit war, und so war das Museum schließlich zusammengekommen ein Museum, über das die Gelehrten lächeln mögen, das aber doch dieselben Traditionen hat wie das Neuyorker „Metropolitan" oder das „British Museum . Entweder, weil ein Fremder zugegen war, oder aus Gewohnheit oder angeregt durch die vielen kleinen „Kugeln', fing Papa Hase mit der Erklärung seines Museums an. Feierlich rollten Worte aus seinem weihen Bart, denen er jenen hohlen Klang zu geben versuchte, wie ihn die Zauberkünstler auf Jahrmärkten haben und die Vater, die sich am Nikolaustag vor ihren Kindern als Knecht Rupprecht verkleiden. Ec führte uns in den Nebenraum, der teils Wohnzimmer, teils ebenfalls Museum war, ja er zündete unsretwegen eigens den Kandelaber an. Fast wären wir ein bißchen erschrocken, denn da stand dicht an Der Häkeldecke des Wohnzimmertischs ein ausgestopster Löwe und sah so komisch aus, wie ein ausgestopfter Löwe irgend sein kann, er war aber jung und sozusagen noch ein Löwi. Hinter dem Sofa reckte ein Straffen» baby feinen zarten Hals gegen die Decke. Es war so jung, daß sein Fell noch keine richtigen Flecken hatte, es war von einem wundervollen Gelb und aus dem Fell heraus schauten Die traurigsten Glasaugen, Die ich je gesehen habe. Vater Hase erklärte diese Tiere und sagte, daß die Giraffe es sei, Die Den Hamburgerinnen Die KinDer brächte, feit es keinen Storch mehr gäbe. Aus Der Lehne Des Sofas heraus wuchs Die Wachshand einer Prothese — Papa Hase hatte sie aus dem Grabe eines ungeratenen Sohnes abgeschnitten, Der die Hand gegen seine Eltern erhoben hatte. Rechts stand ein Glasschrank, durch dessen verstaubte Scheiben man Den wunderlichsten Inhalt sah. Da waren ägyptische Murn,en, echte Mumien und kleine Totengaben, Da waren ausgestopfte Frettchen und versteinerte Vorzeittiere, die ausfahen wie Jchtyosaurus-Babys, da waren Andenken an Harzburg und chinesische Drachen aus Holz geschnitzt, Korallen und ein Zigarrenabschneider mit Rettungsring. Götzenbilder ftanben neben den Türen und Möpse aus Porzellan. — Und Dann fragte Papa Hase, ob wir Die ganze Herrlichkeit nicht kaufen wollten — en bloc — Denn einzeln gäbe er nichts ab. Anzahlung bloß hunderttausenD Mark eine vorzügliche Kapitalsanlage für eine aufstrebende Stadt. Wir schüttelten traurig mit den Köpfen, wir hätten das Museum gern gehabt, denn es ist dos schönste, das ich je gesehen habe. Wir tranken noch eine kleine Kugel, drückten Papa Hase die Hand und verschwanden in der Dunkel- in London sowie in Bristol, Manchester, Birmingham und anderen Stödten Opernwochen abgehalten worden sind, bei denen hauptsächlich Mozart und moderne englische Werke, z. B. von Vaughan Williams, eines Der bedeutendsten zeitgenössischen Tonsetzers und des sehr kultivierten und begabten Napier Miles, von Berufssängern dargestellt worden sind, so konnten doch diese Veranstaltungen den Opernhunger der Engländer nicht stillen: was ist also natürlicher, als daß Dilettanten sich zusammentun, um selber Aufführungen auf die Beine zu stellen, da sie sonst das gelobte Land des Musikdrämas allzu selten zu betreten imstande sind? Zur Verwirklichung eines solchen, ganz gewiß nicht leicht zu Ende zu führenden Planes kommen den Engländern zwei wichtige Dinge zu Hilfe. Dem britischen Volke steckt Die alte TraDition des Madngalsmgens tief im Blute; Die Komponisten Der großen insularen Musikzeit Des spaten Mittelalters haben einen unerschöpflichen Schatz an mehrstimmigen Bokal- werken hinterlassen, die jahrhundertelang zum eisernen Bestände der englischen Musikalität und besonders der englischen Musiksreude gehörten. Wenn auch im 19. Jahrhundert die Hebung des Singens vernachlässigt worden ist, so ist sie doch seit einiger Zeit wieder stark un Wachsen begriffen, und wird außerdem auf das lebhafteste durch das Wesen Der Choroereinigungen unterstützt, Die seit Den letzten Jahrzehnten das ganze Land überziehen. Jedes Dorf, jeder Flecken hat seinen streng Demokratisch organisierten Chor, in dem der Gutsbesitzer mit Familie und seiner Dienerschaft, Der Bauer und der Gemüsehändler zusammen mit ihren Frauen und Kindern unter Leitung des Organisten oder des Zehrers fingen und für die Bewältigung schwerer Ausgaben ausgebildet werden. Denn alljährlich findet ein großes Wettfingenftatt, das die bedeuteiidsten Kapellmeister unentgeltlich leiten; es werden Werke wie die tt-Moll-Meffe Bachs oder die Misfa Beethovens aufgeführt, und die vereinigten Chore der Provinzen und Counties singen gegeneinander, bis em Distrikt den Preis errungen hat — Die „Competition“ (Wettbewerb) ist Dem alten englischen Sportgeist Die angenehmste Form. Eine Folge Dieser, allgemeinen Ausbildung im Gesang ist das sogenannte „Commumty-singing1; ist irgendwo, zu einem Fußballmatch oder einem politischen Meeting eine Menge versammelt, so tritt in den Pausen irgendein Beliebiger auf einen erhöhten Platz und intoniert ein Lied oder sonst irgendein Volksstuck, Das Die Menge unter seiner Leitung, meist mehrstimmig, durchstngt: Ernstes und Heiteres, Sentimentales und Derbkomisches, Altes und Neues wechselt ab. Für Den FremDcn sinD diese Art Des Singens und Die Chor-Eoinpetitions die beste Widerlegung des alten falschen Gemeinplatzes, daß England das Land ohne Musik sei. Das Gegenteil ist wahr. Es war notwendig, dem deutschen Leser dies zu erklären, damit er die Leistung der Cambridger Dilettanten besser verstehe. Studenten sowie junge Damen und Herren der Stadt führten im Stadttheater Henri Purcells „Fairy Queen“ auf. Henri Pureell ist so etwas wie der englische Mozart; er lebte genau hundert Jahre vor unserem Amadeus, und starb 1695, wie dieser sünfunddreißigjährig. Er hat eine ^zulle der herrlichsten Musik hinterlassen, — ich trage keinen Augenblick Bedenken, ihn den größten Genies der Musikgeschichte be,zuzahlen; alle deutschen Sanger Instrumentalisten, Dirigenten und Amateure seien immer wieder auf seine Werke, auf Die Lieder, Klavierstücke und Orchesterwerke hlngewiesen (seine Schauspielmusiken bergen eine Menge Der köstlichsten Konzert- nummern!) — vor allem aber sei allen Intendanten unb -t- Der Opernbühnen ans Herz gelegt, sich ferner musikdramat.schen Arbeiten anzunehmen. „Dido und Aeneas" wurde vor einigen Jahren in Munster mit großem Erfolge aufgeführt, und wohl einige Male an anderen S ellen wiederholt; „King Arthur" und „Fairy Queen sind dagegen in Deutjch- land völlig unbekannt. Der Tert Der „Feenkönigin" lehnt sich eng an Shakespeares „,,Som-, mernachstraum" an, er vergröbert ihn und putzt ihn mit allen möglichen Ballettszenen und Allegorien im Sinne Der Barockzeit auf, um Dem Komponisten möglichst viel Gelegenheit zum Komponieren äu gel en. Zum Schluß läßt Oberon, Der Elfenkönig, Die Menschen einen Blick in ein seltsames Märchenreich tun: in einem chinesischen Garten, in Dem Assen tanzen, Jünglinge und Jungfrauen von Liebe singen und den Reigen führen: — China und sein Porzellan war in Der jroeiten £)alfte des^17. Jahrhunderts die neueste Mode. Purcells Musik trifft iedesmal den richtigen Ausdriick, er hat die komtzche^Szene w'e d.e des b trunkenen Poeten ebenso charakterisiert, wie die a.anze m>k Grazie, die Liebes^ szenen mit wehmütiger Hingebung erfüllt; das Durd>gehcude Motiv eE Schlummerliedes läßt fast schon an etwas wie ein Leitmotiv denken. Immer ist die melodische Erfindung, Der eigenartige, manchmal an englische Volksmusik anknüpfende Rhythmus, Der lange Atem dieser Musik zu bewundern. Alle Mitwirkenden, auch Die Mitglieder des aus dem Streichkorper, Flöten, Oboen und Pauken bestehenden Orchesters, waren Dilettanten; nur die Trompeter und der Cembalist, dieser in der Person des hervorragenden Organisten von King’s College, gehörten dem Musikerberuf an. Die vollbrachte Leistung blieb erstaunlich; denn die Schwierigkeit der Aufführungen Purcellschcr Werke liegt im eigenartigen Stil Der alten Muiikdramen den wir so ohne weiteres nicht treffen. Erade dieser Stil aber wurde in Cambridge ganz ausgezeichnet beherrschst die Koloraturen auf der Bühne kamen ebenso klar heraus wie die Verschnorkelimgen und d.e Rhythmen Der Instrumente. Kostüm, Darstellungsart und Jnszeme- rung onn7en allen v rnünftigen Ansprüchen vollkommen genügen; ja es aab sogar eine ganz besonders schöne Erjcheinung, w.e etwa den Sänger Des ,Phölms" in der Jahreszeiten-Megorie, der, Cambridger Student und naher Verwandter eines früheren Ministers, seme ungewohn- Virh {fhnn» oefdrieft oefebminft unb nur mit einem ^)üftentu-l) KleiLt in Än Dieist? der Vi Sache Purcells zu stellen sich nicht scheute In dieser Vorstellung herrschte das richtige alle ^Heater- und Musikblut der Engländer: so war sie nickst nur em Genuß> im kunsst lerischen Sinne, sondern auch eine gute * ’ „ „ Volkes, mit dem vertraut zu werden unsere politische Pflicht zu fern scheint. _____ fielt der Gasse. Nom Hafen her tuteten die großen Dampfer, die Flut war hereingekommen. Papa Hase stand in der Kneipentur, er nickte hinter uns her: „Gute Nacht, gute Nacht, es war mir ein Festessen . Meister Martin der Küfner und seine Gesellen. Erzählung von E. T. A. Hoffmann. (Fortsetzung.) Ihr spracht von Baumeistern, lieber Herr! Ei nun, solch ein stattliches Haus ist wohl ein herrliches Werk, aber wär' ich ein Baumeister, ginge ich vor meinem Wert vorüber und oben vom Erker schaute irgendein unsauberer Geist, ein nichtsnutziger, schuftiger Geselle, der das Haus erworben, auf mich herab, ich würde mich schämen ins Innerste hinein, mir würde vor lauter Aerger und Verdruß die Lust ankommen, mein eigenes Werk zu zerstören. Doch so etwas kann mir nicht geschehen mit meinen Gebäuden. Da drinnen wohnt ein für allemal nur der sauberste Geist auf 'Erden, der edle Wein. — Gott lobe mir mein Handwerk!" — ..Eure Lobrede", sprach Spangenberg, „war recht tüchtig und wacker gemeint. Es macht Euch Ehre, wenn Ihr Euer Handwerk recht hoch haltet, aber werdet nur nicht ungeduldig, wenn ich Euch noch nicht loslassen kann. Wenn nun doch wirklich ein Patrizier käme und und um Eure Tochter anhielte? Wenn das Leben einem so recht auf den Hals tritt, da gestaltet sich denn wohl manches ganz anders, als wie man es glaubt." — „Ach", rief Meister Martin ziemlich heftig, „ach, wie könnt' ich denn anders tun, als mich höflich neigen und sprechen: ,Lieber Herr, wäret Ihr ein tüchtiger Küper, aber so —'" — „Hört weiter", fiel ihm Spangenberg in die Rede, „wenn aber nun gar an einem schönen Tage ein schmucker Junge auf stolzem Pferde, mit glänzendem Gefolge, in prächtigen Kleidern angetan, vor Euerm Hause hielte und begehrte Eure Rosa zur Hausfrau?" — „Hei, hei", rief Meister Martin noch heftiger als vorher, „hei, hei, wie würd' ich hastig, wie ich nur könnte, rennen und die Haustür versperren mit Schlössern und Riegeln — wie würd' ich rufen und schreien: -Reitet weiter! reitet weiter, gestrenger Herr Junker, solche Rosen wie die meinige blühen nicht für Euch, ei, mein Weinkeller, meine Goldbatzen mögen Euch anstehen, das Mägdlein nehmt Ihr in den Kauf — aber reitet weiter! reitet weiter!'" — Der alte Spangenberg erhob sich blutrot im ganzen Gesicht, er stemmte beide Hände auf den Tisch und schaute vor sich nieder. „Nun", fing er nach einer Weile an, „nun noch die letzte Frage, Meister Martin. Wenn der Junker vor Euerm Hause mein eigener Sohn wäre, wenn ich selbst mit ihm vor Euerm Hause hielte, würdet Ihr da auch die Tür verschließen, würdet Ihr da auch glauben, wir wären nur gekommen, Eures Weinkellers, Eurer Goldbatzen wegen?" — „Mit Nichten", erwiderte Meister Martin, „mit Nichten, mein lieber gnädiger Herr, ich würde Euch freundlich die Tür öffnen, alles in meinem Hause sollte zu Euerm und Euers Herrn Sohns Befehl sein, aber was meine Rosa betrifft, da würde ich sprechen: .Möchte es doch der Himmel gefügt haben, daß Eurer wackrer Herr Junker ein tüchtiger Küper hätte werden können, keiner auf Erden sollte mir dann ein solch willkommener Eidam sein als er — aber jetzt!' — Doch, lieber, würdiger Herr, warum neckt unb quält Ihr mich denn mit solchen wunderlichen Fragen? — Seht nur, wie unser lustiges Gespräch ganz und gar ein Ende genommen, wie die Gläser gefüllt stehen bleiben! Lassen wir doch den Eidam und Rosas Hochzeit ganz beiseite, ich bringe Euch die Gesundheit Cures Junkers zu, der, wie ich höre, ein schmucker Herr sein. soll." Meister Martin ergriff sein Trinkglas, Paumgartner folgte seinem Beispiel, indem er rief: „Alles verfängliche Gespräch soll ein Ende haben und Euer wackerer Junker hoch leben!" — Spangenberg stieß an und sprach dann mit erzwungenem Lächeln: „Ihr könnt denken, daß ich im Scherze zu Euch sprach: denn nur frecher Liebeswahnsinn könnte wohl meinen Sohn, der unter den edelsten Geschlechtern seine Hausfrau erkiesen darf, dazu treiben, Rang und Geburt nicht achtend, um Eure Tochter zu freien. Aber etwas freundlicher hättet Ihr mir doch antworten können." —- „Ach, lieber Herr", erwiderte Meister Martin, „auch im Scherz könnt' ich nicht anders reden, als wie ich es tun würde, wenn solch wunderliches Zeug, wie Ihr es fabeltet, wirklich geschähe. Laßt mir übrigens meinen Stolz, denn Ihr selbst müßt mir doch bezeugen, daß ich der tüchtigste Küper bin auf weit und breit, daß ich mich auf den Wein verstehe, daß ich an unseres in Gott ruhenden Kaisers Maximilian tüchtige Weinordnung (auf dem am 10. Februar 1597 geschlossenen Reichstag zu Lindau fanden vor Maximilian I. auch die Klagen über Schwefelung des Weins aufmerksames Gehör) fest und getreulich halte, daß ich alle Gottlosigkeit als ein frommer Mann verschmähe, daß ich in mein zweifudriges Faß niemals mehr verdampfe als ein Lötlein lautern Schwefels, welches not tut zu Erhaltung, das alles, ihr lieben, würdigen Herren, werdet ihr wohl genüglich kosten an meinem Wein." — Spangenberg versuchte, indem er wieder seinen Platz einnahm, ein heitres Gesicht anzunehmen, und Paumgartner brachte andere Dinge aufs Tapet. Aber wie es geschieht, daß die einmal verstimmten Saiten eines Instruments sich immer wieder verzieh» und der Meister sich vergebens müht, die wohliönenden Akkorde, wie sie erst erklangen, aufs neue hervorzurufen, so wollte auch unter den drei Alten nun keine Rede, kein Wort mehr zusammenpassen. Spangenberg rief nach seinen Knechten und verließ ganz mißmutig Meister Martins Haus, in das er fröhlich und guter Dinge getreten. Meister Marlin war über das unmutige Scheiden seines alten wackern Kundmanns ein wenig betreten und sprach zu Paumgartner, der eben das letzte Glas ausgetrunken hatte und nun auch scheiden wollte: „Ich weiß doch nun aber gar nicht, was der alte Herr wollte mit seinen Reden, und wie er darüber am Ende noch verdrießlich werden könnt'." — „Lieber Meister Martin", begann Paumgartner, „Ihr seid ein tüchtiger, frommer Mann, und wohl mag der was halten darauf, was er mit Gottes Hilfe wacker treibt und was ihm Reichtum und Ehre gebracht hat. Nur darf dies nicht ausarten in prahlerischen Stolz, das streitet gegen allen christlichen Sin». Schon in der Gewerksversammlung heute war es nicht recht von Euch, daß Ihr Euch selbst über alle übrigen Meister setztet: möget Ihr doch wirklich mehr verstehen von Eurer Kunst als die anderen, aber daß Ihr das geradezu ihnen an den Hals werfet, das kann ja nur Aerger und Mißmut erregen. Und nun vollends heute abend! — So verblendet konntet Ihr doch wohl nicht sein, in Spangenbergs Reden etwas anderes zu suchen als die scherzhafte Prüfung, wie weit Ihr es wohl treiben würdet mit Euerm starrsinnigen Stolz. Schwer mußte es ja den würdigen Herrn verletzen, als Ihr in der Bewerbung jedes Junkers um Eure Tochter nur niedrige Habsucht finden wolltet. Und noch wäre alles gut gegangen, wenn Ihr eingelenkt hättet, als Spangenberg von seinem Sohne zu reden begann. Wie, wenn Ihr spracht: ,Ja, mein lieber, würdiger Herr, wenn Ihr selbst kämt als Brautwerber mit Euerm Sohne, ja, auf solche hohe Ehre wär' ich nimmer gefaßt, da würd' ich wanken in meinen festesten Entschlüssen.' Ja! wenn Ihr so spracht, was wäre dann davon anders die Folge gewesen, als daß der alte Spangenberg, die vorige Unbill ganz vergessend, heiter gelächelt und guter Dinge geworden wie vorher." — „Scheltet mich nur", sprach Meister Martin, „scheltet mich nur wacker aus, ich hab' es wohl verdient, aber als der Alt« solch abgeschmacktes Zeug redete, es schnürte mir die Kehle zu, ich konnte nicht anders antworten." — „Und dann", fuhr Paumgartner fort, „und bann der tolle Vorsatz selbst. Eure Tochter durchaus nur einem Küper geben zu wollen. Dem Himmel, spracht Ihr, soll Eurer Tochter Schicksal anheimgestellt sein, und doch greift Ihr mit irdischer Blödsinnigkeit dem Ratschluß der ewigen Macht vor, indem Ihr eigensinnig vorher festsetzt, aus welchem Kreise Ihr den Eidam nehmen wollt. Das kann Euch und Eure Rosa ins Verderben stürzen. Laßt ab, Meister Martin, laßt ab von solcher unchristlicher, kindischer Torheit, laßt die ewige Macht gebieten, die in Eurer Tochter frommes Herz schon den richtigen Ausspruch legen wird!" — „Ach, mein würdiger Herr", sprach Meister Martin ganz kleinmütig, „nun erst sehe ich ein, wie übel ich daran tat, nicht gleich alles herauszusagen. Ihr meint, nur die Hochschätzung meines Handwerks habe mich zu dem unabänderlichen Entschluß gebracht, Rosa nur an einen Kllpermeister zu verheiraten: es ist dem ober nicht so: noch ein anderer, gar wunderbarer, geheimnisvoller Grund dazu ist vorhanden. — Ich kann Euch nicht fortlassen, ohne daß Ihr alles erfahren habt, Ihr sollt nicht über Nacht auf mich grollen. Setzt Euch, ich bitte gar herzlich darum, verweilt noch einige Augenblicke! Seht, hier steht noch eine Flasch« des ältesten Weins, den der mißmutige Junker verschmäht hat, laßt es Euch noch bei mir gefallen!" Paumgartner erstaunte über Meister Martins zutrauliches Eindringen, das sonst gar nicht in seiner Natur lag; es war, als laste dem Mann etwas gar schwer auf dem Herzen, das er los fein wollte. Als nun Paumgartner sich gesetzt und ein Glas Wein getrunken hatte, fing Meister Martin auf folgende Weise an: „Ihr wißt, mein lieber, würdiger Herr, daß meine brave Hausfrau, bald nachdem Rosa geboren, an den Folgen des schweren Kindbettes starb. Damals lebt« meine uralte Großmutter noch, wenn stocktaub und blind, kaum der Sprache fähig, gelähmt an allen Gliedern, im Bette liegen Tag und Nacht anders leben genannt zu werden verdient. Meine Rosa war getauft worden, und die Amme saß mit dem Kinde in der Stube, wo die Großmutter lag. Mir war es so traurig und, wenn ich das schöne Kind onbticfte, so wunderbar freudig und wehmütig zu Sinn, ich war so tief bewegt, daß ich zu jeder Arbeit untauglich mich fühlte und still, in mich gekehrt, neben dem Bette der alten Großmutter stand, die ich glücklich pries, da ihr schon jetzt aller irdische Schmerz entnommen. Und als ich ihr nun so ins bleiche 'Antlitz schaue, da fängt sie mit einem Male an seltsam zu lächeln, es ist, als glätteten sich die verschrumpften Züge aus, als färbten sich die blassen Wangen. — Sie richtet sich empor, sie streckt, wie plötzlich beseelt von wunderbarer Kraft, die gelähmten Arme aus, wie sie es sonst nicht vermochte, sie ruft vernehmlich mit leiser, lieblicher Stimme: -Rosa — meine liebe Rosa!' — Die Amme steht auf und bringt ihr das Kind, das sie in den Armen auf und nieder wiegt. Aber nun, mein würdiger Herr, nun denkt Euch mein Erstaunen, ja meinen Schreck, als die Alte mit heller, kräftiger Stimme ein Lied in der hohen, fröhlichen Lobeweif Herrn Hans Berchlers, Gastgebers zum Geist in Straßburg (es war bei den Meistersingern Sitte, Melodien nach ihren Erfindern zu nennen), zu fingen beginnt, das also lautet: -Mägdlein, zart mit roten Wangen, Rosa, hör' das Gebot, Magst dich wahren vor Not und Bangen! Halt' im Herzen nur Gott, Treib' keinen Spott, Heg' kein töricht Verlangen! Ein glänzend Häuslein wird er bringen, Würzige Fluten treiben brinn. Blanke Englein gar luftig fingen, Mit frommem Sinn Horch treuster Minn', Ha! lieblichem Liebesklingen. Das Häuslein mit güldnem Prangen, Der hak's ins Haus gekrag'n, Den wirst du süß umfangen. Darfst nicht den Vater frag’n. Ist dein Bräutigam minniglich. Ins Haus das Häuslein bringt allwegen Reichtum, Glück, Heil und Hort, Jungfräulein! — Augen klar! Deljrlein auf vor treuem Wort, Magst wohl hinfort Blühen in Gottes Segen!' (Fortsetzung folgt.) verantwortlich: vr. Hans Thhriot. — Druck und Derlag: Brühl'fchr Llniverf itäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.