Siehener ZamilienvMer Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang Ml Montag, den 23. Februar Nummerst Und so verblaßte ... Bon Christian Morgen st ern. Und so verblaßte goldner Tag nach wonnigem Verweilen; und über allem Leben lag ein Hauch von Abwärts-Eilen in Grab und Tod. Bis voll unendlich süßer Macht sich Stern auf Stern entzündete und am Gewölb der hohen Nacht den Zirkel weiter rundete zum Morgenrot. Klinger auf der Universität. Ium 100. Todestage des Dichters. Bon Alfred Bock. Friedrich Maximilian Klinger, geboren 1752 in Frankfurt, gestorben 1831 in Dorpat als russischer General, war ein Jugendfreund Goethes und einer der namhaftesten Dichter der Sturm- und Drangzeit. Im Frühling 1774 hielt Friedrich Maximilian Klinger, von Frankfurt kommend, seinen Einzug in die Universitätsstadt Gießen, um sich dem Studium der Jurisprudenz zu widmen. Sein Reisegepäck war federleicht, aber stolz erhobenen Hauptes brachte er eine Menge dramatischer Pläne mit, die sich bald zur ersten künstlerischen Tat klären sollten. Eine kleine Geldsumme, die die Mutter in Frankfurt mit ihrer Hände Arbeit in saurem Schweiß für den Sohn zusammengespart, war dazu bestimmt, die Kosten des ersten Universitätssemesters zu bestreiten. Goethe hatte dem Jugendgenossen in einer gutherzigen Wallung seine Fastnachtsspiele mit der Weisung überlassen, das Manuskript in der Stunde der Not an den ersten besten Verleger zu verkaufen und das Honorar dafür einzuheimsen. Ein Geleitbrief, den er Klinger an den Professor Hoepfncr mitgab, verschasste dem angehenden Studenten gleich bei seiner Ankunft in Gießen behagliche Unterkunft im Hoepsnerscheu Hause und Zutritt in einer der angesehensten und gebildetsten Gießener Familien. Obwohl di« Frequenzziffer der Universität in öffentlichen Blattern ' auf 500 berechnet war, so zählt Laukhard nur 250 Studenten, darunter eine Elite relegierter Jenenser, die in Gießen ihr Heil versuchen wollten. Die akademische Jugend gefiel sich nach Goethes klassischem Zeugnis in der tiefsten Roheit. Auf öffentlicher Straße wird „fommerfiert" kein Tag «ergebt ohne eine kapitale Schlägerei, sinnlos von Bier und Schnaps betrunken taumeln die Burschen durch die Stadt. Inmitten des wüsten Lärms, der die Gießener Luft erfüllte, bewahrte der junge Klinger seinen vollkommenen Gleichmut und mied sorgfältig jede Kollision mit der rüden Studentenhorde, vor deren Gewalttätigkeiten bei Tag und Nacht kein anständiger Mensch sicher war. Im Gefühl seiner Reinheit und inneren moralischen Kraft fühlte er sich, wie er einmal aussprach, mit kühnen und erhabenen Gesinnungen ausgestattet, auf denen er so sicher ruhen konnte, rnie die Geister au fihren Fittichen, wenn sie, im Aether schwebend, die Pracht und Herrlichkeit der Welten anstaunen. -Lern Schulkameraden Schumann schreibt er: „Wisse, das ist immer am wohlsten, wenn ich auf Wolken der Phantasie daher reite". In der Tat ist es eine ideale erträumte Welt, in der der junge Poet verklarten Blickes wandelt, die Gestalten seiner dichterischen Eingebung begleiten ihn auf seinen einsamen Wanderungen und unter Hoepfners Augen sehen wir ihn in krast- oenialischem Drange sein erstes Drama „Otto vollenden. „Die Poesie^, schreibt er an Kayser, seinen Freund, „ist wahrlicy eine Wohllat^sur miu) „nd große Entschädigung, daß ich all das hinschmelhen kann. „.Otto war" wie Rieger urteilt, „nach der schöpferisch dramatisierten Historie .Goetz' die erste Konzeption einer wirklichen Charaktertragodie im großen Stile Shakespeares und nach der talentvollen VerkehAheit Gerstenbergs im ,Ugolino‘ der erste Versuch, die ganze Gewalt nienschlicher Leiden,-hast vus herzerschütternden, großartigen Begebenheiten rückhaltlos ans Ohr Des Hörers bringen zu lassen. Das Stück war kein bloßer Nachhall eines Dag^wesenen, es war ein Schritt weiter, unvorsichtig und unsicher, aber kühn, neu und in großem Sinn getan. Es kündigte sich damit an, Daß der Dichter für das deutsche Theater Epoche machen wurde eine Epoche, die bald durch eine neue größere überwunden ward, aber die notwendig für die Fortentwicklung war. „ . In schaffensfreudiger Stimmung hatte Klmger schon gegen Ende seines ersten Semesters mit empfindlichem Geldmangel zu kämpfen. Di. Frankfurter Ersparnisse waren aufgezehrt, die Gießener.Hauswirte gaben nach Laukhards Bericht nichts auf Pump, und von Frankfurt hatte i er bei der Armut der Mutter keinen Zuschuß zu: erwarten. In dieser peinlichen Sage faßte Klinger den raschen Entschluß, das Manuskript dci Eoetheschen Fastnachtsspiele zu verkaufen. Hoepfner bot die hilfreiche Hand dazu. Er schrieb an Weygand in Leipzig, den Verleger des „Weither', dec sich bereit erklärte, die Fastnachtsspiele zu drucken und zu bezahlen. Das Honorar stoß in Klingers Tasche. , Klingers äußere Erscheinung war nach Goethes Erzählung in „Dichtung und Wahrheit" sehr vorteilhaft. Die Natur hatte ihm eine große, schlanke, wohlgebaute Gestalt gegeben, er hielt auf seine Person und trug sich nett. Seine körperlichen Vorzüge hob ein edles Selbstbewußtsein, er besaß ein icheres Auftreten und die Gabe gewandter Rede. Was Wunder, daß er chon in jungen Jahren den Frauen gefährlich ward. In Hoepfners Hause lernte er Albertine von Grün aus Hachenburg kennen. Die schöne Wester- wälderin, eine für die Genieperiode geradezu typische Frauengestalt, wird von leidenschaftlicher Wißbegierde und exaltierten Gefühlsschwärmerei verzehrt. Sie kennt sich in der englischen, französischen, italienischen und deutschen Literatur aus, sie huldigt der Malerei,, sie treibt Musik und interessiert sich für Mineralogie. Ihre Briefe an Hoepfners Gattin Marianne lesen sich wie die ekstatischen Ergüsse der Bettina und der Günde- rode. Merck ist ihr Mentor, Goethe ihr Abgott. Den Reizen der holden Schwärmerin gegenüber blieb Klinger nicht unempfindlich, ihn lockte das Spiel zarter Siebestänbelei und es währte nicht lange, so stand Albertinens Herz in vollen Flammen. Der vorsichtige Klinger hatte gar nicht die Absicht, einen ernsthaften Liebeshandel einzugehen, aber er konnte nicht verhindern, daß der Gießener Klatsch sich der harmlosen Sache bemächtigte. Hoepsner, der mit Recht für den guten Ruf seiner leidenschaftlichen Freundin besorgt war, übernahm die undankbare Mission, ihr klar zu machen, daß sie nichts von Klinger zu erwarten habe. Tief gekränkt, den Stachel im Herzen, zog sich Aldertme von Grün in das einsame Hachenburg zurück. Eine vorübergehende Anregung brachte Klinger ein Besuch Klopstocks, der Gießen auf der Rückreise von Karlsruhe passierte. Nachhaltiger war der Eindruck, den Klinger von Miller, dem Verfasser des „Siegmart' empfing. „Ich sage Dir", schreibt er an Kayser, „in Gießen habe ich so herrliche Tage noch nicht gelebt als mit dem lieben Miller. Wir sind schon länger als acht Tage zusammen, leben wie die Götter." Und Miller äußert üch über Klinger: „Er ist ein herrlicher Junge von 22 Jahren, groß und schön gebildet. Wir waren im Augenblick vertraut und nannten uns Du, ohne es erst auszumachen. Er ist voll Feuer und Leden wie sein Otto in der Jugend gewesen sein muß. Lenz und Goethe sind seine vertrauten Freunde. Geniemäßiges hat er freilich viel mit ihnen gemein, aber es läßt sich doch gut mit ihm auskommen und er läßt allen Gerechtigkeit widerfahren. Wir haben rechte Bruderherzen, selbst unsere Gesichter sollen sich sehr ähnlich sein und sein Bild, das Goethe gemacht hat, könnte man für meines halten. Klinger ist ein göttlicher Mensch, bas Herz und ben Verstand trifft man kaum in Jahrhunderten beisammen an. Goethe ist für Klinger der größte Mensch, der überhaupt existiert, seine Nähe träufelt Balsam auf alle Wunden, Siebe, Größe, Demut und Bescheidenheit sind in seinem erhabenen Charakter vereinigt. Wehe dem Unglücklichen, der nicht an seine Weltmission glaubt, wehe dem Arglistigen, der ihn verlästert. m s Als Brotstudent war Klinger nach Gießen gekommen. Pflicht und Gewissen mahnten den Sohn der armen Frankfurter Konstablerswitwo, feine Studien zu absolvieren und rasch Amt und Stellung zu gewinnen. Bote klagte er, das akademische Scben sei ihm verhaßt, und sehnsüchtig harre er'der Stunde der Erlösting. Allmählich vollzieht sich jedoch eine Wandlung in ihm. Zwar besucht er die Vorlesungen und arbeitet nut redlichem Fleiß in seinem Fach, aber nachgerade wächst der Dramatiker dem Juristen über ben Kopf und er ventiliert ben Gebauten, ob er die Juristerei an ben Nagel hängen unb Schriftsteller werben solle. Der Frankfurter Kreis, bem er sich aufs engste verbunden suhlt, interefstert sich nur für den Dramatiker Klinger, ja Goethes Mutter, der er eine unbegrenzte Verehrung entgegenbringt, ermuntert ihn zuiii dramatischen Schassen: „Beben Sie'wohl", schreibt sie ihm, „so wohl sich's in Gießen leben läßt. Ich meine immer, das wäre vor euch Dichter eine Kleinigkeit alle, auch die schlechtesten Orte zu idealisieren, könnt ihr aus nichts etwas machen, so müßt es doch mit dem Seibeiuns zugehen, wenn aus Gießen nicht eine Feenstadt zu machen märe." Inzwischen läßt Klmger seinem ersten Drama in unglaublich kurzer Zeit „Das leidende Weid , .„„Die Zwillinge", „Pyrrhus", „Die neue Arria" und „Sansone (Brijalbo folgen. Die „Zwillinge" werden von Schröder. in Hamburg mit bem ersten Preis gekrönt, erleben dort eine Reihe erfolgreicher Ausführungen unb gehen unter starkem Beifall über- alle großen beutschen Buhnen. Der arme Gießener Student wird über Nacht ein bekannter Mann. Der Boden brennt ihm unter ben Füßen; bie Stunde des Examens ruckt näher, und nun kommt der Haß gegen das Brotstubium bei „ihm zum elementaren Ausbruch. „Ich weiß nicht, wie das mit >mr steht , fajrcibt er an Kayser, „ich laß mein Gewissen schweigen. Ich schrieb das gestern an Goethe unb sagte ferner: Meine Absolution märe nun bald hier gu Enbe. In mas für' einem Menskriio ich nun ferner follte solvirt werd-v. wüste ich nicht. Ob die Ingredienzien bitter, sauer, herb, salzigt, suß oder angenehm wären, wollt' ich erwarten. Wenigstens sollten sie mich n Frankfurt nicht in Tiegel kriegen. Und das schwor ich Dir auch. Ich Hoss, es soll in Weimar geschehen, doch kann ich noch nichts zuverlässiges sagen Ich laß das all werden vom wilden Ungefähr und baue in mir fort und reiß' hinaus der Sone an, Sturz oder Gipfel. Sein Verhältnis zu Hoepf- ner hate sich sehr ungünstig gestaltet. Dieser war von den literarischen Erfolgen seines Zöglings keineswegs erbaut, er wandte vielmehr in gereizter Stimmung dem genialen Treiben der Stürmer und Dränger den Rücken und ging zu Nicolai in das feindliche Lager über. In letzter Stunde drängt den schwankenden Klinger ein Brief von Goethes Mutter zum raschen Entschluß: „Der Doctor ist vergnügt und wohl in einem Weimar", schrieb sie, „hat gleich vor der Stadt einen herrlichen Garten, welcher dem Herzog gehört, bezogen. Lenz hat denselbigen poetisch beschrieben und mir zum Durchlesen zugeschickt. Der Poet sitzt auch dort, als wenn er angenagelt wäre, Weimar muß vors Wiedergehen em gefährlicher Ort sein, Alles bleibt dort, nun wenns dem Völklein wohl ist, so geseq'nes ihnen Gott." Weimar ist das Dorado, das seine erregte Phantasie ihm in den glühendsten Farben malt, und Goethe ist der Lichtgott, den er auf seinem Sonnenslug begleiten will. So läßt er Universität und Studium im Stich und bricht in den ersten Junitagen 1776 nach Wei- mClfi!inqer gehörte nach Goethes Ausspruch zu den Jüngern des Rousseau- schen Natur-Evangeliums, die sich aus sich selbst, aus ihrem Gemute und Verstände heraus zur Welt gebildet hatten. Seit frühsten -lagen von den drückenden Fesseln der Armut und geringer Herkunft beengt tm beständigen Kampfe mit den widrigsten Verhältnissen konnte er erst durch Sturm und Drang hindurchgehen zu einer freien und freudigen Ausbildung seiner natürlichen Anlagen gelangen. Goethes Charakteristik deckt sich mit Klingers Selbstbekenntnis: „Ich habe, was und wie ich bin,. aus mir selbst gemacht, meinen Charakter und mein Inneres nach Kräften und Anlagen entwickelt, und da ich dieses so ernstlich als ehrlich that, so kam das, was man Glück und Aufkommen in der Welt nennt, von selbst " Auf der Höhe des Lebens und in bedeutender Stellung als rusfi- scher Militär sah Klinger mit der Ueberlegenheit des gereiften Mannes auf die Tage des Sturms und Drangs zurück. Die Welt, die der Dichter und Träumer sich geschaffen und in die Farben seiner Phantasie gekleidet batte war wie eine Fata Morgana vor der Wirklichkeit versunken und verblaßt. Aber der „Weltmann" fühlte, daß jene poetische Existenz der Lichtpunkt feines Daseins gewesen war. Und in diesem idealen Sinne schlossen die Gießener Universitätsjahre die glücklichste Epoche seines Lebens ein. B-zahtte Rechnung. Von Alice Poppe. Frau Hildegard Franken, die in Schweden mit einem Reichsdeutschen verheiratet gewesen war, kehrte in ihre Heimat zurück Nach dem Tode ihres Mannes hatte sie versucht, allein in der fremden Stadt weiter zu leben. Doch als die Trauer verebbte, bekam sie Sehnsucht nach der Heimat, nach dem Rhein, von dem sie vor acht Jahren Abschied genommen hatte. Nun sah sie im O-Zug Hamburg—Köln, und blickte mit Anteilnahme zum Fenster hinaus. Jahrelang hatte sie sich eingeredet, ihr Gesiihl für die Heimat und alles, was mit ihr Zusammenhängen und ihr so großes Herzeleid gebracht hatte, sei gänzlich tot. Als sie aber in den Bahnhof einsuhr und die Türme des Kölner Domes aufragen sah, schlug ihr das Herz vor Freude bis in den Hals hinauf. Da wußte sie, daß sie sich acht Jahre lang geirrt hatte: in ihrem Innern war alles noch so lebendig wie früher. Im Hotel hielt sie sich nur zehn Minuten auf, um sich umzukleiden, dann eilte sie in den Dom, in dem sie so oft mit Erich gewesen war und von dem sie jeden Pfeiler, jede Verzierung kannte. Danach nahm sie einen Wagen und fuhr durch die Altstadt, am Gürzenich vorbei, an den Zwölf Aposteln, an Maria im Kapitol. Je länger sie fuhr, desto weiter öffnete sich ihr Herz. Als sie aber in der Nähe des „Römerganges" unerwartet an jenem Hause vorbeikam, in dem sie als ganz junge Lehrerin vier Jahre lang gewohnt hatte, schossen ihr plötzlich die Tränen in die Augen. In diesem Hause hatte sie drei Jahre lang einen Glückstraum geträumt, in diesem Hause hatte sie ihn begraben. Ins Hotel zurückgekehrt, überlegte sie ganze Stunden lang, ob es nicht besser sei, wieder nach Schweden zurückzufahren oder doch mit dem Nachtschnellzug nach Berlin zu reisen? Sie war reich und unabhängig. Sie konnte leben, wo und wie sie wünschte. Sie war außerdem gesund, sehr hübsch und alles in allem nur 34 Jahre alt. Zu guter Letzt entschloß sie sich, weder nach Schweden noch nach Berlin, sondern nach München und dann nach Tirol zu fahren. Aber auch dies erst in zwei oder drei Tagen. Zuerst mußte sie noch etwas über Erich erfahren, über den Oberlehrer Dr. phil. Erich Brandt, ihren früheren Bräutigam, der ihr nach dreijähriger heimlicher Brautzeit zu verstehen gab, daß er ein armes Mädchen nicht heiraten könne, weil er sich der wissenschaftlichen Laufbahn widmen wollte. Stolzlächelnd hatte sie ihm den Ring zurückgegeben. Ihre Augen zeigten dabei nicht, daß sie ganze Nächte hindurch gemeint hatte. In dieser Zeit lernte sie den älteren Witwer Karl Franken kennen und sie heiratete ihn fast auf der Stelle, ob aus Zorn oder Rache, das wußte sie heute nicht mehr. Drei Tage vor ihrer Hochzeit hatte sie von Erich einen Brief erhalten, einen verzweifelten Brief. Er war inzwischen mit einem sehr reichen Mädchen verlobt. Aber er wolle die Verlobung lösen, schrieb er ihr, wenn er von ihr die Versicherung erhalte, daß sie ihm noch gut sei wie früher und daß sie noch einige Jahre auf ihn warten wolle. Daraufhin hatte sie seinen Brief zurückgesandt und mit Bleistift darunter geschrieben: Mein Herz ist tot. Darum wird es für alle Teile besser sein, du heiratest deine reiche Braut. Später hatte sie von ihrer Freundin gehört, er habe sich verheiratet und als Privatdozent in Bonn niedergelassen. Doch schon nach drei Jahren wurde seine Ehe wieder geschieden. Die Frau bekam die Schuld. Das Kind, ein Mädchen, wurde ihm zugefpl^chen. Er selbst sollte darauf, hin die wissenschaftliche Laufbahn ausgegeben und wieder nach Köln zurückgekehrt {ein. „ Hildegard ließ sich das Adreßbuch bringen. Sie hatte seine Adresse schnell gefunden. Er wohnte in einem der inzwischen eingemeinbeten Vororte, in einer neuen Siedlung. . r. ... . , Gegen Abend fuhr sie hinaus. Ans reiner Neugierde, wie sie sich sagte, Sie hatte sich mit Absicht ein sehr elegantes Auto gemietet. Aber m der tillen Gegend, wo in hübschen Gärten kleine, ansprechende Villen tanden, schämte sie sich ihres protzigen Autos, schickte es in die Stadt zurück und ging zu Fuß. Sie muhte nicht lange suchen, da fand sie den Friedensweg und einige Minuten später stand sie auch schon vor dem Hause Nummer 16. Sein Garten schien der schönste zu sein. Er bog sich fast unter der Last einer blühenden Blumen. Hildegard brachte ihr Gesicht suchend an das eiserne Gitter, oie glaubte sich unbemerkt. Aber da ertönte schon eine freundliche Frauen- timme: „Sie kommen wohl wegen des Gobelins? Jo? Dann bitte ich Sie um einen Augenblick Geduld. Ich werde Ihnen die Türe öffnen. Der Herr Doktor ist nicht zu Hause. Ich kann Ihnen aber die Sachen Cll2)ie9 Frau^öffnete die Gartenpforte und stellte sich vor: „Ich bin die Wirtschafterin. Bitte." ' f 211s sie das Haus betraten, erklärte sie: der Herr Doktor hangt sehr an diesen Gobelins. Lider die Zeiten sind so schlecht und .. Hildegard hörte nicht mehr auf bas, was bie Frau erzählte. Klopfen- ben Herzens ging sie weiter. Da hingen bie Gobelins, die wertvollen Erbstücke der Brandts. Von ihnen hatte Erich sich damals nicht trennen wollen. Liber ihr, seiner Hilde, hatte er leichten Herzens den Laufpaß gegeben. ,Jch nehme die Gobelins", sprach sie nun stolz und warf kaum einen Blick auf sie, lo sehr war sie von dem berauschenden Gefühl befriedigender Rache erfüllt. Viertausend Mark sind sogar- ein sehr bescheiden w Sie war sehr froh, daß sie ihr Scheckbuch bei sich hatte und holte es ziemlich auffallend aus ihrem Täschchen hervor. „Aber den Teppich?" fragte bie Wirtschafterin. „Welchen Teppich?" , ... „Den persischen. Er stand doch in demselben Inserat, wie die Gobelins und das Silber." . Hildegard versuchte zu lächeln. Natürlich habe sie tm Inserat davon gelefen, es nur in der Eile wieder vergessen. Nun wolle sie gleich den Teppich anschauen. , ... Der liegt int Arbeitszimmer des Herrn, dahin kommen wir spater. Jetzt möchte ich Ihnen die Teller und die Humpen zeigen." Hildegard erstand, ohne zu feilschen, die sechs silbernen Teller und die vier Humpen. Die Wirischasterin aber riß Augen und Ohren aus. So viele viele Leute waren heute schon hier gewesen. Aber keiner kaufte etwas. Sie hatten kein Geld. Die Händler jedoch hatten solche niedrige Preise geboten, daß der Herr Doktor sogar einen von ihnen hinaus- gejagt hatte. „ , . „Warum verkauft der Herr seine Sachen? fragte nun Hildegard. „Will er alles verkaufen?" „Ach nein, nur das Ueberflüssige. Unser Sosiechen hatte den Scharlach. Nun soll der Herr Doktor mit ihr in ein teures Bad. Sie ist ein so hübsches Kind, die Kleine. Ganz der Vater. Jetzt spielt sie draußen un Garten. Soll ich sie einmal hereinrufen?" Die Augen der Wirtschafterin strahlten. Man sah ihnen bie Liebe an, die sie zu dem Kinde hegte. Darum wurde sie sogar traurig, als die fremde Dame erkürte: „Nein, lassen Sie nur. Ich ... ich mache mir nichts aus Kindern." • „ „ . _ Das log sie natürlich. Sie liebte Kinder über alles. Und wenn sie sich weigerte, die kleine Sofie zu sehen, dann nur deshalb, weil sie sich fürchtete, in ihr den Vater wieder zu erkennen. Die Wirtschafterin öffnete nun breit die Türen zu ihres Herrn Arbeitszimmer, allein Hildegard trat nicht über bie Schwelle, sondern blieb mit einem lauten Ausruf wie festgenagelt im Türrahmen stehen. „Es war sehr heiß heute", meinte bie Wirtschafterin teilnahmsvoll, „ich bringe Ihnen gleich ein Glas frisches Wasser " Die Frau verließ bas Zimmer. Hilbegarb aber stürzte an ben Schreibtisch. Da ftanb in einem Doppelrahmen ihr Bild unb das Bild eines kleinen Mädchens. Auf dem Schreibtisch lag die Mappe, bie sie ihm einst gestickt. Auf bem Sessel lag, schon fadenscheinig, bas von ihr gearbeitete Kissen unb uonn Fenster hing, trotz ber Hitze, ber bunte Fenstermantel, eine mühselige Kreuzsticharbeit, an ber sie viele, viele Nächte gesessen hatte. Das Papiermesser war auch noch ba, auch bas Markenkästchen, ja sogar bie Zigarre, in ber ein Fächer verborgen war, war noch vorhanden. Diese Zigarre war ihr erstes Geschenk. Es hatte ganze 50 Ps- gekostet. Sie hatten damals schrecklich viel darüber gelacht und jeder an einer Ecke „geraucht". Bis sie dann die Zigarre fallen ließen, weil ihre Lippen sich zu dem ersten Kuß sanden. Die Frau kam mit dem Wasser. Hildegard trank bas Glas in einem Zuge leer. Dann lieh sie sich am Schreibtisch nieder und schrieb ben Scheck. „Den Teppich nehmen Sie boch auch, gnäbige Frau?" „Nein, ben Teppich nicht. Der paßt zu gut zu ben anderen Sachen hier. Es wäre schabe, bie Harmonie zu stören." Die Frau seufzte. Es wäre sehr angenehm, wenn bie Dame auch ben Teppich nähme, meinte sie. Da käme ber Herr gleich ein gut Stuck vorwärts. „Hat er benn keine Stellung?" , „Eine feste nicht. Er arbeitet nämlich für Zeitungen. Er verbient ober trotzdem sehr viel und wir hätten sogar noch sparen können, wenn die Frau nicht gewesen wäre. Ihr opferte er alles. Weil sie boch bie Mutter seines Kinbes fei, Dcrteibigte er sich mir gegenüber. In Frau Hilbegards Herzen schlugen, geweckt burch bie Eifersucht, die Flammen ber Liebe mächtig in die Höhe. „Da wird er bestimmt auch wieder mit ihr Zusammenkommen?" „Nein. Nie." „Sagen Sie das nicht. Litte Liebe ..." Die Wirtschafterin unterbrach sie. „Sie ist einmal spät abends angekommen, er aber hat sie nicht über die Schwelle gelassen und auch kein Wort mit ihr geredet. Das Geld, das sie verlangte, habe ich ihr auf die Straße hinausgebracht. Man soll keinem Menschen den Tod wünschen — hier aber sage ich: gottlob, daß sie jetzt tot ist. Mein Herr hat so viel durch sie leiden müssen. Der kann nun von Glück sagen, daß er von ihr erlöst ist. Er hat ..." Die Wirtschafterin unterbrach sich, denn im Garten hörte man eine jubelnde Kinderstimme „Papa" rufen. Hildegard erhob sich hastig, um noch unbemerkt das Zimmer verlassen zu können. Aber es war schon zu spät. Im Türrahmen stieß sie mit dem, den sie meiden wollte, zusammen. „Hilde", rief er außer sich vor Staunen und Freude, „Hilde, du? Gott sei es gedankt, daß du den Weg zu mir gefunden hast!" Hildegard versuchte umsonst ihrer großen Bewegung Herr zu werden. „Ich ... ich habe hier Sachen ... gekauft. Hier auf dem Schreibtische liegt der Scheck." Erich Brandt nahm den Scheck, betrachtete ihn und zerriß ihn in Stücke. Dann ergriff er Hildegards Hand und hielt sie fest. „Schreibe mir lieber eine Quittung darüber aus, daß alle alten Rechnungen zwischen uns beglichen sind. Ich habe weit über Gebühr bezahlen müssen. Hörst du, Hilde?" Die Frau gab sich alle Mühe, ihre Hand rius der seinen zu befreien. „Ich kann nicht", stöhnte sie und wandte sich ab, weil sie sich schämte, daß ihr Herz sich als so schwach erwiesen. „Ich kann wirklich nicht!" Aber da kam Klein-Sofiechen, die staunend dem Auftritte beigewohnt hatte und drückte ihr mit sanfter Gemalt einen Bleistift in die Hand. Hildegard ließ sich zwar nicht erweichen, die verlangte Quittung auszuschreiben, doch als sie einige Stunden später das Haus verließ, sah man es an ihren leuchtenden Augen, daß alle alte Forderungen beglichen waren und ein neues, geläutertes Glück seinen Einzug halten wollte.-- 3m Winter durch das Inka-Reich. Von Professor Alfons Goldschmidt*. Ich sollte mich nicht mehr lange nach der Herbst- und Winterkühle Deutschlands sehnen. Bald sollte ich die ganze Gewalt des Winters spüren, und zwar nicht weit vom Aeguator. Auf den Höhen Perus fegt im Monat Juli der Eiswind den Staub auf. Die Kordillerenkämme und -spitzen sind beschneit, und man ist froh, nach Sonnenuntergang ins warme Bett zu kommen. An der peruanischen Küste fließt der Hum- boldstrom, genannt nach dem großen deutschen Pioniergelehrteu, der ihn zum erstenmal wissenschaftlich untersucht hat. Die Küste ist kahl, sandig und bergig. Hier steigt die Vorkordillere an, die in Höhenwüsten endet, Pampas genannt, hinter denen sich das Hochgebirge erhebt. Die Küste ist, von säg. Oasen abgesehen, die an Flüssen liegen oder mit Hilfe von Jrrigatiouskanülen gebildet wurden, unfruchtbar, gelb oder grau im Winter. Zwischen ihr und den Inseln streichen endlose Vogelzüge. Es sind das die Guanos, die Viktor von Schefsel besungen hat, als er dem Philosophen Hegel eins auswischen wollte. (Nun, Hegel hat's nicht gespürt, nicht mal Kuno Fischer.) Ost ist der Himmel ganz, schwarz von diesen Tieren, die nach einer bestimmten Ordnung fliegen, sich auf die Jnselselsen setzen und dort ihren fruchtbaren Mist abladen. An den peruanischen Häfen sieht und riecht man diesen Mist aus vielen Tausenden von Säcken. Es ist noch immer ein gutes Geschäft, obwohl seit langem der künstliche Dünger fabriziert wird. Aber Peruaner und Chilenen, die vom Guano- und Salpetergeschäst abhängen, hoffen, daß eines Tages das Interesse für den künstlichen Dünger fallen wird, weil dieser Dünger nicht die Vitamine haben soll, die Guano und Salpeter kräftig machen. Von Mollendo, einem der Haupthäfen Perus, an der südlichen Küste des Landes, steigt eine englische Bahn über Arequipa nach Puno am Titieaeasee. Kurz vor Puno zweigt sie ab nach dem alten Inkazentrum Cuzco. Ich hatte in Lima, der Hauptstadt Perus, außerhalb des Museums, vergeblich Inkareste oder Reste präinkaischer Kultur gesucht. Lima ist eine reguläre Stadt mit spanisch-architektonischem Charakter, aber ohne Besonderheiten. Sie liegt nahe bei dem wichtigsten Hafen Perus, Callao. Ich sah in Lima sehr schöne spanische Bauten, von denen ich den Palast Torre Tagle erwähnen möchte mit seinen reichen Holzschnitzereien, kühlen Höfen und freundlichen Galerien. Heute ist der Palast Sitz des Auswärtigen Amtes der peruanischen Regierung. Aber mich drängte es nach der Höhe, nach den Indio-Plateaus und Indio-Bergen Perus. Deshalb verließ ich in Mollendo das Schiff. Die Landung geht dort nicht so glatt vor sich wie in anderen Häfen. Das Meer brandet heftig. Auf einem Zimmerstuhl, der von einem Kran gesenkt und gehoben wird, landest du. Manchmal hängen und sitzen an diesem Stuhl zehn ober zwölf Menschen mit ihren Handkoffern und mit einer komischen Angst. Aber man wird hochgezogen, abgesetzt und kann nun den Zug nach Arequipa nehmen. „.. t , Stundenlang bleibt das Meer sichtbar, die Kulte dehnt sich weiter und weiter bis alles im Nebel verschwindet. Es war die sonderbarste Auffahrt, die ich jemals gemacht habe. Schwemmland, Steinfelder, Sandschluchten, Lehmbarraneas, nur hier und da Kakteen ober Dürrgesträuch. Die Stationen kahl, von ärmlichem Grünzeug bestanden. Gewaltige Rücken ziehen sich nach oben, wie die Rücken von Riesenelefanten, die sich mit den Köpfen zusammendrängen, um bas Hochplateau zu stützen. Die Bahn toinbet sich mit außerordentlicher Kühnheit steil aufwärts, durch Engen, in denen nichts gedeiht. Das ist Siliziumsand, der beizend in den Waggon weht. Auf beiden Seiten der Bahn sieht man halbmondförmige Hügel * Aus: „Die dritte Eroberung Amerikas" (Verlag Erich Rowohlt, Berlin). und erfährt, daß es Wanderdünen find, die vom Wind wie ausgehende Monde geformt werden. Sie wandern eigentlich nicht, sondern rutschen weiter mit dein abfließendern Sand. Eigentümlich ist der Effekt, wenn die Abendsonne auf diesen Sicheln liegt und (iejdjeinbar bewegt. Der Sonnenuntergang hier ist eines der grandiosesten Schauspiele. Die weißen Kordillerengipfel und Kordillerengrats rot beglänzt, auf Pampa und Bergen gegenüber der rote Abglanz, immer satter und dunktzr, dazu das Gesicht und Gefühl der Weite, die uns noch nicht verlassen hat, seit die See verschwamm. Das alles ist in unendliche Einsamkeit getaucht. Dann wird es schwarz, bis wir die Lichter von Arequipa sehen. Als mir aus dem Zuge fliegen, schlägt uns die Höhenkälte Perus entgegen. Wir eilen ins Hotel und gehen zähneklappernd zu Bett. Nicht gern verließ ich diese freundliche Stadt, die voll von architektonischen und landschaftlichen Ueberraschungen ist und in der ich froh stundenlang gewandert bin. Von hier steigt die Bahn schnell auf außerordentliche' Höhen. Der Zug [piralt in einem nur kleinen Radius dis Berge hinan, bis auf eine Höhe von 4470 Meter. Wir frühstückten in einem Indiorestaurant an der Bergstation 2t r r i e r o s. Nach langer Zeit, nach sechs Jahren fast, essen wir wieder Puchero und alle die Kräutergerichte, seltsame Fische, Soßen und Empanadas, die lokalen Leckerbissen, mit viel mehr Liebe und Sorgsamkeit zubereitet als das Vulgäressen in den internationalsten Hotels oder den Speisewagen der großen Linien. Wundervoll sind die Niesenplateaus, auf denen Vieunas grafen, saubere, gemsenartige Tiere mit dem herrlichsten Wollpelz, die die Marktgier und Jagdlust fast ausgerottet hatten, bis die Regierung den Mord verbot. Je höher wir kommen, desto kräftiger wird das Bergvolk. In Cru- z e r o - A11 o, dem Gipfelpunkt der Bahn, sehen wir die hohen Aymaras, Indios, die viel behender und muskulöser, viel helläugiger sind als die Quochuas weiter unten. Es ist hier eine pressende und saugende Lust, das Blut stürzt mir aus der Nase und ich verliere bald die Besinnung. Dann richte ich mich schnell wieder auf an diesen prachtvollen Gestalten, die aus ihren Jndiowollmützen wie aus Helmen blicken... Wir hatten kurz vor Sonnenaufgang die gewaltigen Ruinen der sog. Inka-Festung Saesayhuaman erreicht. Dann warf sich die Bergsonne Perus auf die Gigantenblöcke, auf die große Tempelstadl mit ihrem Thron, ihren Gängen, ihren Brunnen, Nischen für die Götter, mit den polierten Felsen zum Spiel an Festtagen, abgemessen nach mathematischen Gesetzen, die genau geregelt trotz scheinbarer Wirrnis, dahinter die Bul- tanberge, aus denen die Rohblöcke für den Bau von Saesayhuaman mit Feuer und Wasser gebrochen wurden. Die Sonne warf ihren ersten Schein rostrot auf die seinbehauenen und fest ineinandergefügten Riesensteine, die dreifach, in gebogener Linie, übereinanbergeftelit find, mit dem Blick gegen einen furchtbaren Feind. Später erklärte uns Dr. Valearosel, der Leiter des archäologischen Museums in Cuzco, die Bedeutung Sacsayhuamans, die Sonne, das Wasser, die Erde, der Inka und der präinkaischen Völker, die kosmischen Verbundenheiten und die lebendige Rolle auch der kleinsten Steinstück- chen in dem Gesamtgefüge dieser Welt aus Himmel und Erde. Wir konnten die Bildung der Macht sehen, die konstruierende unb stoßende Kraft von oben, das pyramidale Wesen dieser Stadt, wir hörten das ächzende Produktive unten, sahen den kunstvoll berieselten Acker, dessen Wasser den Weg der Macht nahmen. Wir diskutierten die Intensitäts- Unterschiede von gestern und heute, und sprachen von der vergangenen Homogenität und der Sozialzerrissenheit, an der wir heute leiden. Wieder stehe ich staunend, kurz vor Sonnenaufgang, auf dem hohen Platz bei Cuzco, den die Festungsruinen von Saesayhuaman umgeben. Als die Sonne aufgeht und sich wie helles Kupfer auf den Bergen bettet, bann die geformten Steine übergießt unb herabfällt auf diese herrliche Stadt, eine der herrlichsten Städte der Erde, da wird die Einigkeit klar von Urkraft und Hirnkrast. Denn der Stein, der vor Tausenden von Jahren von präinkaischen Menschen gebrochen und beschlagen wurde, wirkt mit aller Feinheit seiner Form doch wie aus dem Boden gewachsen. Drei steigende Mauern, parallel, jeder Stein von besonderer Form, für einen besonderen Zweck geschnitten und geglättet, Kolosse darunter, die kein Zyklop schwingen könnte und doch von außerordentlicher Zierlichkeit. Tore und Angeln aus Steinen, alles so fest gegeneinander gefügt, daß auch nicht die Nadel einbringen konnte, mit ber ich bie Exaktheit ber Füllung nachprüfte. Ein Verteibigungssystem mit genauer Kalkulation der Lichtwirkungen, der Möglichkeiten des Eindringens, eine Festung, wie sie das europäische Mittelalter kaum kannte. Auf der anderen Seite steigt bas (Belänbe zum glattgeschnittenen Jnkathron empor, hinter bem die Ruinen der Gräberstadt stehen, mit den Duschröhren, Waschbecken, Nischen für bie ©ötterftatuetten, mit ben Bänken für die Trauernden. Eine große Stadt hier auf der Höhe vor Cuzco, eine Festungs- und Feierstadt. Wir sehen gewölbte Riesensteine, ausgeglitten von den Tausenden, die jauchzend hinuntersausten. Am andern Tage fuhr ich mit einem sogenannten Autoearrll auf dem regulären Bahnweg nach Dllantaitambo, der anderen sogenannten Jnkastadt bei Cuzco. Das ist fast eine Gralsburg, bie Felsen ummauert, Kasernen angeklebt und Häuser, Gärten für ben Inka und für die Fürstin. Man fährt durch eine lange Schlucht, einen Canon, bis sich ein Felstal öffnet, das beherrscht wird von diesem Festungsbau, ebenso genau unb kunstvoll gefügt wie ber Bau von Saesayhuaman. Unten sieht man die Irrigationsterrassen für die Landwirtschaft, denn bas Tal war fruchtbar gemacht, jeber Ouabratzoll war ausgenutzt, alles mit äußerster Zähigkeit und außerordentlichem Sinn für die Möglichkeiten beackert und bebaut. Ollantaitambo ist ein Stein- und Ackerwunder, ein großes Zei- rf)en höchster Kultur. Wir fahren gegen Abend zurück, in bie rote Sonne hinein, bis mir, ben Spiralweg hinunterfchießend, bie Lichter von Cuzco sehen. Am nächsten Morgen bem Titicacasee zu. Als wir bei fintenbem Tage an ber Sonneninsel vorbeisahren, auf ber, nach der Sage der Inka, der Sonnen gott geboren wurde, sehen wir, beglitzert und beschossen von den Abendstrahlen, die weißen Berge Boliviens. raten" M ^chtandm^g Kreuzer -d Peden Schnepper und Dies Les «ar in der lackierten Lade enthalten, wohl verschlossen und Oie drei gerechten Kammacher. Erzählung von Gottfried Keller. (Fortsetzung.) Reiz waren und zuweilen sanft und weise zu blicken wußten; sie besaß eine5 große Menge Kleider, von denen sie nur toemge und stets die ältesten trug, aber immer war sie sorgsam und reinlich ungezogen, und ebenso sauber und aufgeräumt sah es in der «tube aus. Sie war sehr sleik a und hals ihrer Mutter bei ihrer Wäscherei, indem sic die feineren Sachet Plättete und die Hauben und Manschetten der Seldwylermnen niuiM womit sie einen schönen Pfennig gewann; von dieser Tätigkeit mochte cs auch kominen, daß sie allwöchentlich die Tage hindurch, wo gewaschen würbe, jene strenge und gemessene Stimmung mnehielt, welche die Weiber immer während einer Wäsche befällt, und daß diese Stimmung sich in ihr festsetzte ein für allemal an diesen Tagen; erst wenn das Glätten anging, griff eine größere Heiterkeit Platz, welche bei Zus, aber jederzeit mit Weisheit gewürzt war. Den gemessenen Geist beurkundete auch die Hauptzierde der Wohnung, ein Kranz von viereckigen, genau abgezirkelten Seisenstücken, welche rings aus das Gesimse des Tannen- getafels gelegt waren zum Hartwerden, behuss besserer -Rutzmebung. Diese Stücke zirkelte ab und schnitt aus den srischen Tafeln mittelst eines Messingdrahtes jederzeit Züs selbst. Der Draht hatte zwei Oueryolzchen an den Enden zuin bequemen Anfassen und Durchschneiden der weichen Seife- einen schönen Zirkel aber zum Emteilen hatte ihr ein Zeug- A;miedgesell verfertigt und geschenkt, mit welchem si- -mst !° gut w.e versprochen war. ^orisegung joigij h,„n fcr ».ar noch zu wenig gereist. Dies wäre ein bedenklicher iSng^ ES: SS K teif wahrzunehmen so erfand er den Gedanken, sich zu verlieben un die Hand^einer Person zu werben, welch ungefähr so> viel besah, al- der . nns. sunnpr unter den ^liefen liegen hatten. Es gehörte zu Nbepmn Ei?eL»Kten dL Seldwyler daß sie um einiger Mittel willen keine häßlichen oder unliebenswurd.gen Frauen nahmen, in große Versuchung gerieten sie ohnehin nicht, da es in lyrer Stadt keine reichen Erbinnen gab, weder schöne noch unschöne, und s bcbauvteten sie wenigstens die Tapserkeit, auch die kleineren Brocken zu verschmähen und sich lieber mit lustigen und hübschen Wesen zu vor- binSn, mit welchen sie einige Jahre Staat machen konnten Daher wurde es dem ausspähenden Schwaben nicht schwer, sich den Weg zu ewer j tugendhasten'Jungfrau zu lmhnen welche m der stbei S ra^ woh^e im fsaaen Gespräche Mit alten Weibern, IN crrfugiunu aebrackt daß sie einen Gültbrief von siebenhundert Gulden ihr Eigen- ?Üm nenne Dies war Züs Bünzlin, eine Tochter von achtundzwanz.g Jabren welche mit ihrer Mutter, der Wäscherin, zu ammenlebte, aber übL je'nes väterüche Erbteil unbeschränkt herrschte L.e hat e den Brief I in einer kleinen lackierten Lade liegen, wo fie auch die Zinsen oavon, I ihren Taufzettel, ihren Konfirmationsfchein und em bemaltes und ver- aoldetes Osterei bewahrte; ferner ein halbes Dutzend silberne Teelöffel, I Vaterunser mit Gold auf einen roten durchsichtigen Glasstoss ge- I druckt den sie Menschenhaut nannte, einen Kirschkern, in welchen das I Leiden Christi geschnitten war, und eine Buchse aus durchbrochenem un I mit rotem Taffet unterlegtem Elfenbein, IN welcher ein Spregelchen war und eM Mbnner Fingerhut; ferner war darin ein anderer Kirschkern, ,n welchem ein winziges Kegelspiel klapperte, eine Nuß, worin eme kleine I Mntteraottes hinter Glas lag, wenn man he öffnete, ein silbernes a)erg, I worin 'ein Riechschwämmchen steckte, und eine Bonbonbuchse aus Z>- I tronenickale auf deren Deckel eine Erdbeere gemalt war, und in welcher I eine goldene Stecknadel auf Baumwolle lag, die em Vergißmeinnicht I nnrfteUte und ein Medaillon mit einem Monument von Haaren, ferner Ä&M Wm mit W« u-d Ä-ta I dreck i'ag imo .-m Körbchen aus wohlriechenden Keimen gettochien,ioww m-.xerle» und @emüranägehin lulammengitol; «W I ein kleines Buch, in himmelblaues geripptes Papier gebunden mit fil I bernem Schnitt, betitelt: Goldene Lebensregeln für die Jungfrau als I Braut Gattin und Mutter; und ein Traumbuchlein, ein Lrlessteller, fünf i oder sechs Liebesbriefe und ein Schnepper zum Aderläßen; denn ernst | hatte sie ein Verhältnis mit einem Barbiergesellen oder Chirurgiegech sen 1 gepflogen welchen sie zu ehelichen gedachte; und da fie "ne geschickte unö überaus verständige Person war, so hatte sie von ihrem Liebhaber gelernt die Ader zu schlagen, Blutegel und Schropfkopse anzusetzen und dergleichen mehr und konnte ihn selbst sogar schon rasieren. Allein hatte sich als ein unwürdiger Mensch gezeigt, bei welchem leichtlich ihr ganzes Lebensglück auss Spiel gesetzt war, und so hatte sie mit trauriger aber weiser Entschlossenheit das Verhältnis gelöst. Die Geschenke wurden von beiden Seiten zurückgegeben mit Ausnahme des Schneppers, diesen vorenthielt sie als ein Unterpfand für einen Gulden und achtund- vierziq Kreuzer welche sie ihm einst bar geliehen; der Unwürdige behauptete aber, solche nicht schuldig zu sein da sie das Geld ihm bei Ge- - • --,g Balles in die Hand gegeben, um die Auslagen zu be »nnHdd-lol. - «.uck und WM«. Unl.e-l.l«.----«- ------ ojber wie erstaunt war er, als der Neuling, obgleich es ein Bayer war, I f sich mU Mchem Gruße zui ihm in-B^ttlegte, ihn , rENLiMtzM-Z- »K’fÄÄ jK. »«w® I fcAJUwSw SS " nernünftiae klare Antwort, und doch wußte nach Verlauf einiger i Stunden jeder daß der andere nichts mehr oder minder als fein vo - I kommener Doppelgänger fei. Als im Lauf des Tages ikridolin, derBayer, | nwbrchals na» ber Kammer lief unb sich bort zu schaffen machte, nahm Jobst die Gelegenheit wahr, auch einmal hmzufchleichen, als jener• bei I ber Arbeit saß, unb durchmusterte im Fluge bte Habseligkeiten Sribotina, I er entböte aber nichts weiter, als fast bie gleichen Siebenfachelch n hie er selbst besaß, bis aus bie hölzerne Nabelbuchse, welche »ber hier 1 einen Fisch vorstellte, während, Jobst schexzhafterweise em kleines W,ckeJ I kindchen besaß, unb statt einer zerrißenen französischen Sprachlehre sur I bim Volk welche Jobst bisweilen durchblätterte, war bei dem Bayer em I aut gebundenes Büchlein zu finden, betitelt: Die kalte und warme Küpe, | ein unentbehrliches Handbuch für Blaufärber. Darin war aber mit -Llel- stift geschrieben: Unterfand für die 3 Kreizer, welche ich dem Nassauer a borah Hieraus schloß er, daß es ein Mann war, der das Se.nige zusammenhielt, und spähete unwillkürlich am Boden herum, und balb ertbeette er eine Fliese, bie ihm gerabe so vorkam, als ob sie kürzlich herausgenommen wäre, unb unter beleihen lag auch em Schatz in ein altes halbes Schnupftuch unb nut Zwirn umwickelt, fast ganz so schwer wie der (einige, welcher ziim Unterschied in einem zugebundene Socken steckte. Zitternd drückte er bie Bachsteinplatte wieder zurecht, 31t- hrnb aus Aufregung unb Bewunderung ber fremben Große unb aus tiefer Sorge um sein Geheimnis. Stracks lief er hinunter in bte Werkstatt unb arbeitete, als ob es gälte, bie Welt mit Kämmen zu versehen, unb Der Bauer arbeitete als ob ber Himmel noch bazu gekämmt werben müßte. Die nächsten acht Tage bestätigten durchaus d'-fe erste gegenseitige iAuifaßung' denn war Jobst fleißig und genugsam, so war Fridolin tätig imd enthaltsam mit ben gleichen bebenklichen Seufzern über das Schwierige solcher Tugend; war aber Jobst heiter unb weise so zeigte sich Fridolin spaßhaft unb klug; war jener bescheiben, so war dieser demütig, jener schlau und ironisch, dieser durchtrieben unb beinahe satynsch, unb „lachte Jobst ein friedlich einfältiges Gesicht zu einer isache, bte hn ängstigte, so sah Fridolin unübertrefflich wie em Esel aus. Es war nicht sowohl ein Wettkampf, als die Uebung wohlbewuhter Metsterscho> t, bte fie beseelte, wobei keiner verschmähte, sich den anbern zum Bordild zu nehmen und ihm die feinsten Züge eines vollkommenen Lebenswan e 0, incg sga((cs in bie Hanb gegeben, um ote ziusiugeu o« v.- die ihm etwa noch fehlten, nachzuahmen. Sie Men fogarJö ein ra»hg leg^nh^ t^n zweimal so viel verzehrt, nls er So beljiclt er und verständnisinnig aus, daß sie eme gemetnfa l m vertragen I ben Gulden unb bie achtunbvierzig Kreuzer und sie den Schnepper, schienen, und glichen so Zwei tuchstgen Helden, die sich litteilich g^ I d m m fje unter ber $anb allen Frauen ihrer Bekanntschaft Aber ' gegenseitig stahlen, ehe sie sich befehden. Aber: nach> kamt » 8 I , U1lb „mneben schönen Batzen verdiente. Aber lebesmal, wenn sie bas ba?arme°Schwäbchen/tvelches gewiß ein rechter Taugenichts war^ in I Gemahl geworden ware^ ^odc enthalten, wohl verschloßen unb die Mitte zwischen ihre Tugenben zu ttehmen, rote zwei ßoroen Test 1 ,^'^ar mieberum in einem alten Nußbaumschrank aufgehoben, deßen chcn, mit bem sie spielen. nprnbe t0 I Schlüssel die Züs Bünzlin allsort in der Tasche trug. Die Person selbst Aber wer beschreibt ihr Erstaunen, als der Schwabe sich gerabe so 1 ymflre unb wasserblaue Augen, welche nicht ohne benahm wie sie selbst unb sich bie Erkennung, bie zwischen ihnen vor- hatte bunne rötliche ^aare unv ^i^ ,^ muMen. [i(1 bejafi gegangen noch einmal wiederholt zu britt, wodurch sie nicht nur dem 2ritten gegenüber in eine unverhoffte Stellung gerieten, sondern sie selbst unter sich in eine ganz veränderte Sage tarnen. Schon als sie ihn im Bette zwischen sich nahmen, seigte sich der Schwabe als vollkomtnen ebenbürtig unb lag rote em Schwejelholz so | strack und ruhig, so daß immer noch ein bißchen Raum zwischen ledern der Gesellen blieb unb bas Deckbett auf ihnen lag, rote em W’« Heringen. Die Lage würbe nun ernster, unb mbem alle drei gleichmäßig sich gegenüberftanben, wie bie Winkel eines gleichseitigen Dreiecks, un kein vertrauliches Verhältnis mehr zwischen zweien möglich war kern Waffenstillstand oder anmutiger Wettstreit, waren sie allen Ernste-> beflißen einander aus dem Bett und bem Haus hinaus zu dulben. Als ber Meister sah, daß diese drei Käuze sich alles gefallen ließen, um nur da vi bleiben brach er ihnen am Lohn ab und gab ihnen geringere Kost, Uer desto fleißiger arbeiteten sie unb setzten ihn in den Staub, große Vorräte von billigen Waren in Umlauf zu bringen ""b vermehrten Bestellungen zu genügen, also baß er em Heibengelb burcf) bte ftil c Gesellen öerbiente unb eine wahre ©olbgrube an ihnen l>csaß. Er schnalltc üdt ben Gurt um einige Löcher weiter unb spielte eine Zrvße Rolle m ber Stabt währenb bie törichten Arbeiter in ber dunkeln Werkstatt Tag und Nackt' fick abmühten und sich gegenseitig hinausarbeiten wollten. Dietrich, der Schwade welcher der jüngste war, erwies sich als ganz vom gleichen Holze geschtii'iten,w^e die zwei andern, nur besah er noch ferne Erspar-