GiehenerKunilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Irhrgang <931 Freitag, den 23. Januar Nummer z Rastlose Liebe. Von 1.9B. von Goethe. Dem Schnee, dem Regen, Dem Winde entgegen, Im Dampf der Klüfte, Durch Nebeldüfte, Immer zu! Immer zu! Ohne Rast und Ruh! Lieber durch Leiden Möcht' ich mich schlagen, Als so viel Freuden Des Lebens ertragen. Alle das Neigen Von Herzen zu Herzen, Ach, wie so eigen Schasset das Schmerzen! Wie soll ich fliehen? Wälderwärts ziehen? Alles vergebens! Krone des Lebens, Glück ohne Ruh, Liebe, bist du! Anekdoten. Von Heinrich von Kleist. Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege. In einem bei Jena liegenden Dorf, erzählte mir, auf einer Reise nach Frankfurt, der Gastwirt, daß sich mehrere Stunden nach der Schlacht, um die Zeit, da das Dorf schon ganz von der Armee des Prinzen von Hohenlohe verlassen und von Franzosen, die es für besetzt gehalten, umringt gewesen wäre, ein einzelner preußischer Reiter darin gezeigt hätte; und versicherte mir, daß wenn alle Soldaten, die an diesem Tage mitgesochten, so tapfer gewesen wären, wie dieser, die Franzosen hätten geschlagen werden müssen, wären sie auch noch dreimal stärker gewesen, als sie in der Tat waren. Dieser Kerl, sprach der Wirt, sprengte, ganz von Staub bedeckt, vor meinen Gasthof, und rief: „Herr Wirt!" und da ich frage: was gibt's? „ein Glas Branntwein!" antwortet er, indem er sein Schwert in di« Scheide wirst: „mich dürstet." Gott im Himmel! sag' ich: will Er machen, Freund, daß Er wegkömmt? Die Franzosen sind ja dicht vor dem Dorf! „Ei, was!" spricht er, indem er dem Pferde den Zügel über den Hals legt. „Ich habe den ganzen Tag nichts genossen!" Nun Er ist, glaub' ich, vom Satan besessen —! He! Liese! rief ich, und schaff' ihm eine Flasche Danziger herbei, und sag«: da! und will ihm die ganze Flasche in die Hand drücken, damit er nur reite. „Ach, was!" spricht er, indem er die Flasche wegstößt, und sich den Hut abnimmt: „wo soll ich mit dem Quart hin?" Und: „schenk Er ein!" spricht er, indem er sich den Schweiß von der Stirn abtrocknet: „denn ich habe keine Zeit!" Nun Er ist ein Kind des Todes, sag' ich. Da! sag' ich, und schenk' ihm ein: da! trink' Er und reit' Er! Wohl mag’s Ihm bekommen! „Noch «ins!" spricht der Kerl; während die Schüsse schon von allen Seiten ins Dorf prasseln. Ich sage: noch eins? Plagt Ihn —! „Noch eins!" spricht er, und streckt mir das Glas hin — „Und gut gemessen", spricht er, indem er sich den Bart wischt, und sich vom Pferde herab schneuzt: „denn es wird bar bezahlt!" Ei, mein Seel, so wollt ich doch, daß Ihn —! Da! sag' ich, und schenk'" ihm noch, wie er verlangt, ein zweites, und schenk' ihm, da er getrunken, noch ein drittes ein, und frage: ist Er nun zufrieden? „Ach!" — schüttelt sich der Kerl. „Der Schnaps ist gut! — Na!" spricht er, und setzt sich den Hut auf: „was bin ich schuldig?" Nichts! nichts! versetz' ich. Pack' Er sich, ins Teuselsnamen; die Franzosen ziehen augenblicklich ins Dorf! „Na!" sagt er, indem «r in seinen Stiefel greift: „so soll'? Ihm Gott lohnen." Und holt, aus dem Stiefel, einen Pfeifenstummel hervor,, und spricht, nachdem er den Kopf ausgeblasen: „schaff' Er mir Feuer!" Feuer? sag' ich: plagt Ihn — ? „Feuer, ja! spricht er: „denn ich will mir eine Pfeife anmachen." Ei, den Kerl reiten Legionen —! He, Liese! ruf' ich das Mädchen, und während der Kerl sich die Pfeife stopft, schafft das Mensch ihm Feuer. „Na!" sagt der Kerl, die Pfeife, die er sich angeschmaucht, im Maul: „nun sollen doch die Franzosen die Schwerenot kriegen!" Und damit, indem er sich den Hut in die Augen drückt, und zum Zügel greift, wendet er das Pferd und zieht von Leder. Ein Mordkerll sag' ich; «in verfluchter, »erweiterter Galgenstrick! Will Er sich ins Henkers Namen scheren, wo Er hingehört? Drei Chasseurs — sieht Er nicht? halten ja schon vor dem Tor! „Ei was!" spricht er, indem er ausspuckt; und faßt die drei Kerls blitzend ins Auge. „Wenn ihrer zehen wären, ich fürcht' mich nicht." Und in dem Augenblick reiten auch die drei Franzosen schon ins Dorf. „Bassa Manelka!" ruft der Kerl, und gibt seinem Pferde die Sporen und sprengt aus sie ein; sprengt, so wahr Gott lebt, auf sie ein, und greift sie, als ob er dos ganze Hohenlohische Korps hinter sich hätte, an; dergestall, daß, da die Chasseurs, ungewiß, ob nicht noch mehr Deutsche im Dorf fein mögen, einen Augenblick, wider ihre Gewohnheit, stutzen, er, mein Seel', eh« man noch eine Hand umkehrt, alle drei vom Sattel haut, die Pferde, die auf dem Platz Herumlaufen, aufgreift, damit bei mir vorbeisprengt, und „Bassa Terem- tetem!" ruft, und: „Sieht Er wohl, Herr Wirt?" und „Adiesl" und „aus Wiedersehn!" und: „hoho! hoho! hoho!"--So einen Kerl, sprach der Wirt, hohe ich Zeit meines Lebens nicht gesehen. Der verlegene Magistrat. Ein Hamburger Stadtsoldat hatte vor nicht gar langer Zeit, ohne Erlaubnis seines Offiziers, die Stadtwach» verlassen. Nach einem uralten Gesetz steht auf ein Verbrechen dieser Art, das sonst, der Streifereien des Adels wegen, von großer Wichtigkeit war, eigentlich der Tod. Gleichwohl, ohne das Gesetz, mit bestimmten Worten, aufzuheben, ist davon feit vielen hundert Jahren kein Gebrauch mehr gemacht worden: dergestalt, daß statt auf die Todesstrafe zu erkennen, derjenige, der sich dessen schuldig macht, nach einem feststehenden Gebrauch, zu einer bloßen Geldstrafe, die er an die Stadtkasse zu erlegen hat, verurteilt wird. Der besagte Kerl aber, der keine Lust haben mochte, das Geld zu entrichten, erklärte, zur großen Bestürzung des Magistrats: daß er, weil es ihm einmal zukomme, dem Gesetz gemäß, sterben wolle. Der Magistrat, der ein Mißverständnis vermutete, schickte einen Deputierten an den Kerl ab, und ließ ihm bedeuten, um wieviel vorteilhafter es für ihn wäre, einige Gulden Geld zu erlegen, als artebufiert zu werden. Doch der Kerl blieb dabei, daß er feines Gebens müde fei, und daß er sterben wolle: dergestalt, daß dem Magistrat, der kein Blut vergießen wollte, nichts Übrig blieb, als dem Schelm die Geldstrafe zu erlassen, und noch froh war, als er erklärte, daß er, bei so bewandlen Umständen, am Leben bleiben wolle. Der Branntweinsäufer und die Berliner Glocken. Ein Soldat vom ehemaligen Regiment Lignowsky, ein heilloser und unverbesserlicher Säufer, versprach nach unendlichen Schlägen, die er deshalb bekam, daß er seine Aufführung bessern und sich des Brannte- weins enthalten wolle. Er hielt auch, in der Tat, Wort, während drei Tage: ward aber am vierten wieder besoffen in einem Rennstein gefunden, und, von einem Unteroffizier, in Arrest gebracht. Im Verhör befragte man ihn, warum er, seines Vorsatzes uneingedenk, sich von neuem dem Laster des Trunks ergeben habe? „Herr Hauptmann!" antwortete er; „es ist nicht meine Schuld. Ich ging in Geschäften eines Kaufmanns, mit einer Kiste Färb holz, über den Lustgarten; da läuteten vom Dom herab die Glocken; ,P o m meranzen! Pommeranzen! Pommeranzen!' Läut', Teufel, läut’, sprach ich, und gedachte meines Vorsatzes und trank nichts. In der Königstraße, wo ich die Kiste abgeben sollte, steh' ich einen Augenblick, um mich auszuruhen, vor dem Rathaus still: da bimmelt es vom Turm herab: .Kümmel! Kümmel! Kümmel — Kümmel, Kümmel! Kümmel!' Ich sage, zum Turm, bimmle du, daß die Wolken reißen — und gedenke, mein Seel, gedenke meines Vorsatzes, ob ich gleich durstig war, und trinke nichts. Drauf führt mich der Teufel, auf dem Rückweg, über den Spittelmarkt; und da ich eben vor einer Kneipe, wo mehr denn dreißig Gäste beisammen waren, stehe, geht es, vom Spittelmarkt herab: .Anisette! Anisette! Anisette!' Was kostet das Glas, frag’ ich? Der Wirt spricht »Sechs Pfennige.' Ged' Er her, sag' ich — und was weiter aus mir geworden ist, das weiß ich nicht." Der Zar und der Botschafter. Der Zar Iwan Basilowitz, mit dem Beinamen der Tyrann, ließ einem fremden Gesandten, der, nach der damaligen europäischen Etikette, mit bedecktem Haupte vor ihm erschien, den Hut auf den Kopf nageln. Dies« Grausamkeit vermochte nickst den Botschafter der Königin von England, Sir Jeremias Bowes, abzuschrecken. Er hatte di« Kühnheit, den Hut auf dem Kopse, vor dem Zar zu erscheinen. Dieser fragte ihn, ob er nicht von der Strafe gehört hätte, die einem andern Gesandten widerfahren wäre, welcher sich eine solche Freiheit herausgenommen? „Ja, Herr', erwiderte Bowes, „ober ich bin der Botschafter der Königin von England, die nie, vor irgendeinem Fürsten in der Well, anders, wie mit bedecktem Haupte erschienen ist. Ich bin ihr Repräsentant, und wenn nur die geringste Beleidigung widerfährt, so wird si« mich zu rächen wisien." — „Das ist ein braver Mann", sagte der Zar, indem er sich zu seinen Hofleuten wandte, „der für die Ehre seiner Monarchin zu ham dein und zu reden versteht: wer von euch hätte das nämliche für mich ÖCt füerauf wurde der Botschafter der Favorit des Zars. Diese Gunst zog ihm den Neid des Adels zu. Einer der Großen, der zuweilen den vertrauten Ton mit dem Monarchen annehmen durfte, beredete ihn, die Geichicklichkeit des Botschafters auf die Probe zu stellen. Man sagte nämlich, daß er ein sehr geschickter Reuter wäre. Nun wurde ihm, um den Beweis davon zu führen, ein ungebändigtes sehr wildes Pferd vor dem Zar zu reiten gegeben, und man hoffte, daß Bowes zum wenigsten mit einer derben Lähmung das Kunststück bezahlen würde. Ändesten wider- fuhr der neidischen Eifersucht der Verdruß, sich betrogen zu sehn. Der brave Engländer bändigte nicht nur das Pferd, sondern er jagte es der- niaßen zusammen, daß es kraftlos wieder heimgeführt wurde, und wenige Tage nachher krepierte. Dieses Abenteuer vermehrte den Kredit des Botschafters bei dem Zar, der ihm jederzeit nachher die ausgezeichnetsten Beweise seiner Huld widerfahren ließ. Rätsel. Ein junger Doktor der Rechte und eine Stiftsdame, von denen kein Mensch wußte, daß sie miteinander in Verhältnis standen, befanden sich einst, bei dem Kommendanten der Stadt, in einer zahlreichen und ansehnlichen Gesellschaft. Die Dame, jung und schön, trug, wie es zu derselben Zeit Mode war, ein kleines schwarzes Schönpflästerchen im Gesicht, und zwar dicht über der Lippe, auf der rechten Seite des Mundes. Irgendein Zufall veranlaßte, daß die Gesellschaft sich auf einen Augenblick aus dem Zimmer entfernte, dergestalt, daß nur der Doktor und die besagt« Dam« darin zurückblieben. Als die Gesellschast zurückkehrte, fand sich, zum allgemeinen Befremden derselben, daß der Doktor das Schönpfläster- chen im Gesichte trug; und zwar gleichfalls über der Lippe, aber auf der linken Seite des Mundes. Shakespeare. Als (William) Shakespeare einst der Vorstellung seines „Richard des III." beiwohnte, sah er einen Schauspieler sehr eifrig und zärtlich mlt einem jungen reizenden Frauenzimmer sprechen. Er näherte sich unvermerkt, und hörte das Mädchen sagen: „Um 10 Uhr poche dreimal an die Tür, ich werde fragen: ,wer ist da?' und du mußt antworten: .Richard der III.'" — Shakespeare, der die Weiber sehr liebte, stellte sich eine Viertelstunde früher ein, und gab beides, das verabredete Zeichen und die Antwort, ward eingelassen, und war, als er erkannt wurde, glücklich genug, den Zorn der Betrogenen zu besänftigen. Zur bestimmten Zeit fand sich der wahre Liebhaber ein. Shakespeare öffnete das Fenster und fragte leise: „Wer ist da?" =- „Richard der III.", war die Antwort. — „Richard", erwiderte Shakespeare, „kömmt zu spät; Wilhelm der Eroberer hat die Festung schon besetzt. — Korrespondenz-Nachricht. Herr Unzelmann", der, seit einiger Zeit, in Königsberg Gastrollen gibt, soll zwar, welches das Entscheidende ist, dem Publica daselbst sehr gefallen: mit den Kritikern aber (wie man auch aus der Königsberger Zeitung ersieht) und mit der Direktion viel zu schaffen haben. Man erzählt, daß ihm die Direktion verboten, zu improvisieren. Herr Unzel- mann, der jede Widerspenstigkeit haßt, fügte sich in diesen Befehl: als aber ein Pferd, das man, bei der Darstellung eines Stücks, auf die Bühne gebracht hatte, inmitten der Bretter, zur großen Bestürzung des Publikums, Mist fallen lieh: wandte er sich plötzlich, indem er die Rede unterbrach, zu dem Pferde und sprach: „Hat dir die Direktion nicht verboten, zu improvisieren?" — Worüber selbst die Direktion, wie man versichert, gelacht haben soll. Andrea del Sarto, der Maler reiner Schönheit. Zu seinem 400. Todeslage. Von Dr. Olga Bloch. „Arn farbigen Abglanz haben wir das Leben." Dieses Goethewort kommt einem in den Sinn, wenn man in diesen Tagen daran geht, unter den Werken des italienischen Malers Andrea del Sarto Umschau zu halten. Es wird klar und deutlich, daß-dieser Meister nicht nur italienisch matt, daß im Gegensatz zu manchem seiner Zeitgenossen ein Abglanz auch unserer deutschen Kunst auf dieses sein herrliches Werk flciaüen ist. Denn kein geringerer als der deutscheste unserer Künstler, Albrecht Dürer aus Nürnberg, ist es gewesen, der insbesondere in der Zeit des klassischen Sartostils jenem Florentiner Anregung und Richtung gegeben hat. So wird man in diesen Tagen mit besonderem Interesse von Andrea del Sarto sprechen, bei dem — bedenkt man, wie spärlich biographische Notizen sind, ähnlich wie bei Fra Angelico, dem Landsmann —, man sagen kann: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! Fra Angelicos fast kindlich-frommes Dahinträumen spiegelt sich im goldenen Himmelssrieden seiner Wandbilder zu San Marco,'bei Andrea del Sarto verbinden sich Kunst und Leben aufs engste, man muß sein Leben kennen, um seine Werke ganz zu verstehen. Florenz ist feine Heimat gewesen, dort war er als Sohn eines armen Schneiders geboren. Im Geiste der Renaissance-Epoche, die eine allgemeine, eine umfassende Bildung des Menschen auf ihr Panier schrieb, lag es, daß Andrea zunächst zu einem Goldschmied in die Lehre tarn. Doch sehr bald vertauschte er den Punzierstift mit dem Pinsel: ein unbedeutender Florentiner Maler, Jean Baril«, lehrte ihn die Anfangsgründe der Malerei — bis schließlich Piero di Cosimo den jungen Sarto in sein Atelier nahm. Man hat von Piero gesagt, daß er der flandrischste aller Florentiner gewesen sei, der die Leuchtkraft der Farben von Hugo van der Goes in nordischer * Karl Wilhelm Ferdinand Unzelmann (1753—1832), Schauspieler in Berlin. Form übernommen und italienisch akklimatisiert habe. Wenn Andrea bef Sarto späterhin die Dinge im Raum als farbige Flächen ansah, wenn er, wie einer seiner Biographen, Emil Schaeffer, es ausdrückt, in der Natur mehr erblickte als eine bloße Hintergrund-Staffage, so verdankt er diese Erkenntnisse dem Lehrer seiner Jugendzeit. Ein schwieriger Mensch muß Piero di Cosimo gewesen sein, denn selbst die spärlich auf uns gekommenen Notizen Vasaris, dem wir die meisten Nachrichten über italienische Künstler verdanken, erzählen, daß Pietro ein Hypochonder mar, der sich und seiner Umgebung das Leben schwer gemacht hat. Der Geist des Quattrocento ist es aber nicht allein gewesen, der dem Schassen Sartos ein eindrucksvolles Gepräge gegeben hat. Wir wissen, daß der Meister sich bald von seinem Lehrer trennte, daß er zusammen mit dem Freunde Francabigio ein Atelier nahm, wo er Wand an Wand mit dem Bildhauer Rustici hauste, und mit jenem Sansovino, der durch seine unvergänglichen Palastbauten dem Stadtbild Venedigs sein einzigartiges Gepräge geben sollte. Da waren ferner die Maler Roberto Lippi, der Sohn Filippinos, um sie ein ganzer Kreis von Gleichgesinnten, genannt „Accademia del Pajolo", deren Präsident der junge Rustici war. In dieser anregenden Gesellschaft dichtete Andrea del Sarto sein Epos „Froschmäusekrieg", im antikisierenden Stil, eine Verspottung der Lebensferne Vitruvs, in dem durch eine geistreiche Küchenarchitektur des römischen Theoretikers Methode versinnbildlicht und ironisiert wird: in die strengen, edlen Formen des hellenistischen Tempels werden Dinge wie Würste, Marzipan, Parmesankäse usw. hineingedrängt. Der Quinquecentogeift bringt ein in die zweite künstlerische Epoche des Sarto, da die Künstler Michelangelo, Lionardo, Fra Bartolommeo und nicht zuletzt Albrecht Dürer maßgebend und einflußreich das Schaffen befruchten. In den Jahren von 1513 bis 1518 entwickelt sich Sartos klassischer Stil. Es kommt fein Aufenthalt in Paris und feine, Bekanntschaft mit der nordischen Kunst, die die Höhepunkte im Kolorit bilden. Der reiche Zusammenklang melodischer Farbenharmonien und die Auflösung des Bildes in bunte 'Farbenspiele kennzeichnet die Jahre 1518 bis 1524. Erst der Stil des reifen Michelangelo bringt jenen Altersstil Andrea bei Sartos, ben wir nur ahnen können, ba ein früher Tob seinem Schassen ein Ziel setzte. Wir wissen nur, baß es eine Entwicklung ins Dekorative gegeben hätte — hoch über allem thronenb, was bisher in Florenz geschaffen worben war. Was brachte Sarto, beffen 400. Tobestag bie Kunstwelt jetzt begeht, rein generell, was hat bem Meister feine Zeit $u danken? Ghirlandajo, durch und durch Florentiner, war der letzte der großen Freskenmaler Italiens gewesen. Er bedeutete jenes Kompromiß, genannt Giotto- Duattrocento! Denn er gab die streifenmäßig angeordnete Erzählung voll srommen Inhalts, einen letzten Rest mittelalterlich kirchlicher Kunst. Anbea del Sarto dagegen bringt den Figuren seiner Bilder jene Freiheit, eine besondere Behandlung des Raumes, eine Weiträumigkeit, die sich nicht allein auf das „Figurcnrelief" konzentriert. Es gewinnt die Landschaft Bedeutung, das malerische Empfinden einer ganzen, einer neuen Generation. War in der frühen italienischen Malerei die Landschast gleichsam nur ein Anhängsel, nun wird es umgekehrt. Die Niederlande zeigen ben Reiz alles besten, was wir malerisch nennen, Piero bi Cosimos herrliche Prebellenstücke brachten bereits einen schwachen Abglanz tzcr norbischen Vorbilber, bie Andrea bei Sarto nun völlig umgestaltet. Sein erstes Fresko, unvergeßlicher Anziehungspunkt im Vorhof der Annunziata zu Florenz, bringt jene Lanbschaft, aus Felskulissen aufgebaut, mit bet natürlichen, guten Raumwirkung, bie bie „Bekleibung ber Aussätzigen" zum Dokument ber Sartokunst machen. Wenn man weiter Umschau hält, bann sieht man vor allen Dingen jene Köpfe bes Florentiner Meisters, bie in der Zeit feines klassischen Stils statt des weichen, sleischi- gen Rundköpfchens, wie es Lionardo nicht gegeben, jenes lionardeske längliche Oval bekommen mit der hohen Stirn, ben scharf geschnittenen Augenbogen, bem lächelnden Mund und dem spitzen Kinn. Wo sich eine Schärfe der Silhouette und eine Betonung der Gelenke, lebhafte Bewegung, schlanker statt untersetzter Körper deutlich fühlbar macht. Da entstehen dann auch die Tafelbilder, die „Verkündigung" im Pitti, angeregt durch Dürers schönen Kupferstich von 1504: „Ruhe auf der Flucht", zu denen man mit Recht ben Ausspruch getan hat, der romantische Durchblick auf Sartos Darstellung burch ben Runbbogen auf eine malerische Ruine fei etwas spezifisch Norbisches! Da ist fernerhin bie „Vermählung ber Heiligen Katherina" aus bem Jahre 1512, heute in ber Dresbner Galerie, in vielen Zügen ber Kunst Fra Bartolommeos abgelauscht. Bei ber aber anbererseits das etwas affektierte Lächeln ber Mabonna lionarbesk anmutet. Wir benfen babei an bie „Mabonna in ber Felsengrotte", alles in allem eines der schönsten Werke des reiferen Lionardo da Vinci. Und dann ber Chriftuskopf auf einem Altar in ber Annunziata, in ber ersten Kapelle links, besten übersinnliches Leuchten einen unvergeßlichen Einbruck für ben von Norben Kommenben bebeutet. 1503 entsteht Sartos Hauptwerk, bie berühmte „Wochenstube" in ber Annunziata, der Gipfelpunkt in ber Entwicklungsgeschichte ber florentini- schen Freskomalerei, ßionarbos unb Michelangelos Welt voll anatomi- fcher Studien brachte Klarheit in Sartos Formensprache, jenen Rhythmus der Bewegung, den mir . jo lieben. Seine Frauentypen bilden ein Neues in ber slorentinischen Kunst, bie bisher nur ben mageren, eckigen Duattro« centotyp brachte unb kannte. Nun bringt Andrea del Sarto den 2uin- guecentotyp, der die mädchenhafte Befangenheit zu frauenhafter Würde der Erscheinung steigert, die in der Art ihres Sichgebens die Hoheit vornehmer Aristokratie zu wahren weiß. Wieder hat Emil Schaeffer kluge Worte gefunden, wenn er von Andrea bei Sartos Mabonnen spricht: „Sie haben nichts mehr vom .umile* ber Primitiven, ihre Augen leuchten nicht im ahnungsschweren Glanz botticellesfer Blicke, kennen auch bie Mysterien lionarbesker Pupillen nicht; bie seltsam verschleierten Augen seiner Frauen bergen kein Weh, keine Sehnsucht, keine Rätsel; ihr Aus- brnck ist weder „tief" noch „erhaben", nur von bestrickender Liebenswürdigkeit und oft voll Freude an der schönen Wirklichkeit dieser Erde." Wolgadeutsche. Bon Boris P i l n j a k. Der bekannte russische Schriftsteller, der wegen seiner Gesinnung schon vielfach Versolgungcn durch die Sowjets ausgesetzt war, gibt hier ein Bild des Wohlstandes der deutschen Wolgakolonie, kurz bevor die Unterdrückung durch die Sowjetbehörden einsetzte. I. Ein Viertel vor sieben Uhr morgens läuten die Glocken auf allen Kirchen, und alle Deutschen in Marxstadt, wie in allen Kolonien und Kantonen, sitzen beim Kaffee. Schlag sieben sind alle Deutschen bei der airbeit. Hinter den Kolonien erstreckt sich eben oder hügelig die Steppe, riesige Flächen Weizen, Salzlachen, Pfriemengras, Luftspiegelungen im Sommer, Burans im Winter. Ein Viertel vor zwölf läuten die Glocken auf den Kirchen, und alle Deutschen sitzen beim Mittagessen, um nachher die Fensterläden zu schließen und, ausgezogen wie für die Nacht, bis 15 Uhr schlafen. Schlag 15 trinken sie Kaffee und arbeiten wieder. Um 21 Uhr läuten die Kirchenglocken zum letzten Male die Zeit ab und dann schlafen alle. Der Arbeitstag wird um 17 Uhr durch Glocken abgeläutet. Von fünf bis sieben geht man zu Gast, bewirtet einander mit Honigkuchen, der mit bitteren Mandeln gefüllt ist, und einem Glas Wein. Jeden Tag werden die Fußböden gescheuert, die Oefen nach jedem Heizen mit Kalk verschmiert. Samstags wird das Haus von außen und die Ställe gewaschen. Man weiß nicht, ob die Menschen für die Sauberkeit da sind, oder die Sauberkeit für die Menschen. Die Hausfrau hat für alles verschiedene Pantoffeln: sie stehen alle" an den Schwellen; mit den einen geht sie über den Hof, mit den andern in den Kuhstall, mit den dritten durch die Küche, mit den vierten durch die Wohnzimmer, an den Schwellen wechselt sie geschickt. Deutsche Frauen mit Hauben und weißen Schürzen. Im Jahre 1763 wurde in deutschen Städten das Manifest Katharinas der Zweiten, der russischen Kaiserin, ausgerufen, in dem es hieß, daß in Rußland, im Wolgagebiet, herrliche Orte find, wo Zitronen wachsen, Weintrauben und Myrten, und wo ein Schlaraffenleben herrscht. Und daß sie alle Deutschen einlädt, für ewige Zeiten hierherzukommen, zu arbeiten und zu gedeihen, auf 110 Jahre ohne Steuern, ohne Militärpflicht. Wo sich jeder soviel Acker nehmen kann, wie er will. Das Manifest versprach freie Reise zu diesen Wunderländern und Vorschüsse für Inventar und Vieh. Das Manifest wurde beim Klang von Pauken und Schellen auf den Plätzen der deutschen Städte ausgerufen, wie auch jetzt noch alle Befehle in den Wolgakolonien. Und in diesen Tagen der Not des Siebenjährigen Krieges kamen hierher 30 000 vom Krieg und Hunger geschädigte Deutsche. Vor allen Dingen Handwerker, die bis jetzt ihren'Beruf behalten haben, die bis jetzt das deutsche 18. Jahrhundert wahren. Weniger Bauern, die Gemüsegärten „Plantagen" nennen und noch weniger Studenten, Apotheker, Soldaten, Offiziere. Die Leute tarnen im Herbst und fanden keine Myrten, sondern nackte Steppe, Pfriemengras, Wüste und keine menschliche Siedlung. Sie fanden nur nomadisierende Kirgisen und Kalmücken Katharinenstadt, sieht man noch Ueberbleibsel von Gräben, Wällen, russische Zuchthäusler von Katharina angesiedelt. Die Deutschen befanden sich in einer noch schlimmeren Lage als während des Siebenjährigen Krieges, und nach den ersten zwei Jahren waren von den 30 000 nur noch 23 000 übriggeblieben. In der jetzigen Marxstadt, der früheren Katharinenstadt, sieht man noch Ueberbleibsel von Gräben, Wällen, Festungsanlagen, die die Kolonie vor Kirgisen- und Rufsenüberfällen schützten. Aber im Jahre 1924 waren nach der Personenstandsaufnahme nicht weniger als 600 000 Deutsche, die ihr 18. Jahrhundert bewahrt haben. Sie sind als blonde Nordländer gekommen. Der Typus des jetzigen Deutschen ist ungefähr folgender: über mittelgroß, dunkles Haar, manchmal rötlich, dunkelbraune Gesichtsfarbe, dunkle Augen, auf dem Kopf ein breitrandiger Strohhut — ebensolche Hüte auf den Köpfen der Pferde. Zwischen den Zähnen der aus Deutschland mitgebrachte Typus der Pfeife mit langem Mundstück aus geslochtenem Leder. In der Kolonie Dönhoff, zu Ehren eines damals mit ausgewanderten Barons so genannt, wurde im Jahre 1926 ein großes Gebäude, eine Fabrik, gebaut, und als man die Erde für das Fundament aushob, stieß man auf einen alten deutschen Friedhof. Der Archäologe Dr. Paul Rau und der Ethnograph Professor Dinges untersuchten den Friedhof. Die Leichen von deutschen Männern und Frauen waren in den Särgen verfault, aber die Knochen, die Haare und die Bekleidung hatten sich erhalten. Die Skelette der Männer lagen in seidenen Westen, Gehröcken und Krawatten, die noch aus Deutschland stammten, die Skelette der Frauen in seidenen Kleidern und Hauben. Die Haare der Verstorbenen waren hellblond. 160 Jahre Wolga- lebcn, Steppenfröste und Steppenhitze färbten die Deutschen, veränderten ihren anthropologischen Typus. Und Rau und Dinges schrieben ein Buch über die Wirkung des Klimas auf den Menschen und nahmen im geheimen aus den Gräbern Schlafröcke, Krawatten, Frauentücher und Röcke für das ethnographische Museum. Sonderbar ist das Schicksal dieser ans Deutschland gebrachten Kleidungsstücke, die, nachdem sie anderthalb Jahrhunderte in der Erde verbracht haben, jetzt hinter den Glasern des Museums in der staubigen Stadt Pokrowsk liegen. II. An den phonetischen Einzelheiten, an den Namen läßt sich noch feststellen, woher jede deutsche Familie flammt — aus Bayern, Sachsen oder Preußen. Das industrielle Zentrum ist der Kanton Balzer, wo in jedem Hause den ganzen Tag die Webstühle klappern, und Frauen, Kinder, Männer Kattun weben, wo es in jedem Hause nach frischem Kattun riecht. In der Lederfabrik kann man vor dem Gestank der Kadaver nicht atmen, von der Mühle steigen Wolken von Weizenstaub auf, Sonnenblumen-Schalen liegen zu Bergen vor der Margarinefabrik, in der Gießerei werden Teile von landwirtschaftlichen Maschinen gegossen — und trotz dem Staub und der Hitze der Straßen herrscht deutsche Ordnung und deutsche, fast unwahrscheinliehe Sauberkeit. Das Auto (die Wolgadeutschen haben in jedem Dors ein Gemeinde- auto) brachte die Gelehrten nach Dönhoff, dem Dorf der Manufaktur und der Ausgrabungen. Der Lehrer Kerner zeigt seine neuen Lehrbücher, spricht über das Dreifeldersystem und führt stolz durch seine Plantagen, aber in den Ställen hat er getrocknete Hechtköpfe angenagelt, zum Se^itz gegen den bösen Blick. Nach dem Abendkasfee geht die Frau des Schulmeisters mit den Gelehrten zur Großmutter, der „Zauberin". Sie empfängt die Gaste in einem neuen Kleid, führt sie in das Speisezimmer, bietet ihnen Honigkuchen und Portwein an. In den ersten Phrasen erklärt die Großmutter, daß sic feine Verbindung mit einem bösen Geist habe, sondern streng lutherisch fei, und daß alle ihre Weisheit von ihrer Großmutter stamme und ganz zuver- lässig fei, da ihr Urgroßvater Student und Medikus in Sachsen war. In ihrem Leben hat sie 16 000 Kindern geholfen, geboren zu werden, und beinahe ebenso viel Menschen vor dem Begräbnis gewaschen. Dann nahm sie die Frau des Schulmeisters in ein anderes Zimmer, um ihr einige Ratschläge zu geben und die Frau Kerner kam stolz und verwirrt zurück. Zu Hause aber übergab sie auf Verlangen ihres Mannes dem Professor Dinges für das Museum allerlei Zauberpulver, die sie von der „Zauberin" bekommen hatte. »21m Abend brachte das Auto die Gelehrten in ein anderes Dorf, aber auch die Nacht schuf keine Abkühlung. Im Zimmer der Gelehrten wurden nasse Handtücher auf den Boden gelegt, um den Durst des Bodens etwas zu befriedigen. Die Gastgeber fangen ein Lied, und Professor Dinges notierte bie Worte des Liedes, das aus Deutschland gekommen ist und in der Steppe ausgebleicht und durch Jahrhunderte verändert wurde. III. Steppe, Steppe .., Salzlachen, Weizenfelder, Pfriemengras, Wolga- fteppe, Hitze ... Mit Morgengrauen fuhr der Wagen in die Steppe hinaus, und plötzlich, zehn Kilometer vor der Wolga, erhebt sich in der Steppe ein Wunder: Palinen, Myrten, Trauben, Teiche, Wasser, sonderbar menschliche Bauten, Phantastik — alles, was das Manifest Katharinas versprochen hatte. Die österreichische Journalistin Lotte Schwarz fragt Dr. Rau: „Was ist das? Sind das die Meliorationsfelder?" „Nein", jagt Dr. Rau. „Das ist eine Fata Morgana." Nach einigen Minuten verblaßt die Luftspiegelung, löst sich auf, und an ihrer Stelle ist wieder Steppe, Hünengräber und blaue Luft. Den ganzen Tag fährt das Auto durch die Steppe In der Dämmerung entstehen neue Luftspiegelungen, ungewöhnliche Gewächse, ungewöhnliche Wälder und Städte. Und plötzlich wächst vor den Reisenden ein riesiger Damm auf, ein mächtiger See, um den Bäume gepflanzt sind, weite Flächen von Gärten und Plantagen. „Ist das auch eine Fata Morgana?" fragt Lotte Schwarz. „Nein, das find deutsche Bewässerungsanlagen. Die Häuschen, z« denen wir fahren, sind die wifjenschaftlichen Stationen, wo man bie Früchte, den Boden und das Getreide studiert." Und dem Wagen entgegen fliegen Trillionen tropischer Mücken. Dort hinter dieser Wehr erstrecken sich Tausende von Kilometer Steppe mit den Nomadenvölkern Asiens. (Uebertragen von M. Charol.) Pole Poppenspäler. Erzählung von Theodor Storm. (Fortsetzung.) An dem Drahtseil, an dem am Vormittag nur die beiden Puppen gehangen hatten, sah ich jetzt alle, die vorhin im Stücke aufgetreten waren. Da hing der Doktor Faust mit feinem scharfen, blaffen Gesicht, der gehörte Mephistopheles, die drei kleinen, schwarzhaarigen Teufelchen, und dort neben der geflügelten Kröte waren auch die beiden Kasperls. Ganz stille hingen sie da in der bleichen Mondscheinbeleuchtung; fast wie Verstorbene tarnen sie mir vor. Der Hauptkasperl hatte zum Glück wieder feinen breiten Nasenschnabel auf der Brust liegen, sonst hätte ich geglaubt, daß seine Blicke mich verfolgen müßten. Nachdem Lisei und ich' eine Weile, nicht wissend, was wir beginnen sollten, an dem Theatergerüste umhergestanden und geklettert waren, lehnten wir uns nebeneinander auf die Fensterbank. — Es war Unwetter geworden; am Himmel, gegen den Mond stieg eine Wolkenbank empor; drunten im Garten konnte man die Blätter zu Haufen von den Bäumen wehen sehen. .Guck', sagte Lisei nachdenklich, .wie's da aufi g'schwomma kimmkl Da kann mei alte gute Bas' nit mehr vom Himm'l abi schäum' .Was für eine alte Bas', Lisei?' fragte ich. ,Nu, wo i g’roeft bin, bis sie halt g’ftorb'n ist.' Dann blickten wir wieder in die Nacht hinaus. — Als der Wind gegen das Haus und auf die kleinen, undichten Fensterscheiben stieß, fing hinter mir an dem Drahtseil die stille Gesellschaft mit ihren hölzernen Gliedern an zu klappern. Ich drehte mich unwillkürlich um und sah nun, wie sie, vom Zugwind bewegt, mit den Köpfen wackelten und die steifen Arm' und Beine durcheinander regten. Als aber plötzlich der kranke Kasperl seinen Kopf zurückschlug und mich mit feinen weißen Augen anftierte, da dachte ich, es sei doch besser, ein wenig an bie Seite zu gehen. Unweit vom Fenster, aber so, daß die Kulissen dort vor dem Anblick dieser schwebenden Tänzer schützen mußten, stand die große Kiste; sie war offen; ein paar wollene Decken, vermutlich zum Verpacken der Puppen bestimmt, lagen nachlässig darüberhin geworfen. Als ich mich eben dorthin begeben hatte, hörte ich Lisei vom Fenster her so recht aus Herzensgründe gähnen. gekommen waren. verantwortlich Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Derlag: Drühl'fche UniverfitäiS "Luch. und Steindruckerei. X. Lange, Dieben. Augen- diesmal anderen großen Strohhute. ,Du magst selb schauen, wie du ohne den fertig wirst!" sagte sie mit einem strengen Blick auf ihren Mann. In dem Antlitz meines Vaters sah ich ein gewisses lustiges zwinkern, das mir Hoffnung machte, es werde das Unwetter so an mir vorüberziehen, und als er jetzt sogar versprach, am Tage seine Kunst zur Herstellung des Invaliden aufzubieten, und dabei Madame Tendlers italienischer Strohhut in die holdseligste Bewegung geriet, da war ich sicher, daß wir beiderseits im Trocknen waren. Bald marschierten wir unten durch die dunklen Gassen, Herr Tendier mit der Laterne voran, wir Kinder Hand in Hand den Alten nach. — Dann: ,®Ut* Nacht, Paul! Ach, will i schlaf'n!' Und weg war das Qi,ei; ich hatte gar nicht gemerkt, daß wir schon bei unseren Wohnungen an- Zeitvertreib verheißen wäre. Lisei war indessen auch erwacht und von ihrem Baler auf den Arm genommen worden. Ich sah, wie sie die Arme um seinen Hals schlang und ihm bald eifrig ins Ohr flüsterte, bald ihm zärtlich in die Augen sah oder wie beteuernd mit dem Köpfchen nickte. Gleich darauf ergriff auch der Puppenspieler die Hand meines Vaters. .Lieber Herr', sagte er, ,die Kinder bitten füreinander. Mutter, du bist ja auch nit gar so schlimm! Lassen wir es diesmal halt dabei!' Madame Tendier sah indes noch immer unbeweglich aus ihrem Kasperl .Bist du müde, Lisei?' fragte ich. ____ I ,0 nei', erwiderte sie, indem sie ihre Aermchen fest zusammen- I schränkte; .'aber i frier' halt!' ~ Und wirklich, es war kalt geworden in dem großen, leeren Raume, auch mich fror. .Komm hierher!' sagte ich, .wir wollen uns in die ^«Gleich' darauf stand Lisei bei mir und ließ sich geduldig von mir in die eine Decke wickeln; sie sah aus wie eine Schmetterllngspuppe nur daß oben noch das allerliebste Gesichtchen herausguckte .Weißt, sagte sie und sah mich mit zwei großen, müden Augen an, ,i steig ins Ktst t, da hält's warm!' . t ,, . ___ Das leuchtete auch mir ein; im Verhältnis zu der wüsten llmgebung wintte hier sogar ein traulicher Raum, fast wie ein dichtes Stübchen. Und bald saßen wir armen, törichten Kinder wohlverpackt und dicht aneinandergeschmiegt in der hohen Kiste. Mit Rücken und Fußen hatten wir uns gegen die Seitenwände gestemmt; in der Ferne horten wir die schwere Saaltür in den Falzen klappen; wir aber saßen ganz sicher und behaglich. .Friert dich noch, Lisei?' fragte ich. Sie hatte ihr Köpfchen auf meine Schulter sinken lassen; ihre Augen waren schon geschlossen. .Was wird mei gute Vaterl — lallte sie noch; dann hörte ich an ihren gleichmäßigen Atemzugen, daß sie ein- geschlafen war. , _ , . Ich konnte von meinem Platze aus durch die oberen Scheiben des einen Fensters sehen. Der Mond war aus seiner Wolkenhulle wieder hervorgeschwommen, in der er eine Zeitlang verborgen gewesen war; die alte Bas' konnte jetzt wieder vom Himmel herunterschauen und ich denke wohl, sie hatte recht gern getan. Ein Streisen Mondlicht fiel auf das Gesichtchen, das nahe an dem meinen ruhte; die schwarzen Augenwimpern lagen wie seidene Fransen aus den Wangen, der Keine, rote Mund atmete leise, nur mitunter zuckte noch ein kurzes Schluchzen aus der Brust herauf; aber auch das verschwand; die alte Bas schaute gar so mild vom Himmel. — Ich wagte mich nicht zu rühren. .Wie schon müßte es sein', dachte ich, .wenn das Lisei deine Schwester roare, wenn sie dann immer bei dir bleiben könnte!' Denn ich hatte kerne Geschwister, und wenn ich auch nach Brüdern kein Verlangen trug, so hatte ich mir doch oft das Leben mit einer Schwester in meinen Gedanken ausgemalt und konnte es nie begreifen, wenn meine Kameraden mit denen, die sie wirklich besaßen, in Zank und Schlägerei gerieten. Ich muß Über solchen Gedanken doch wohl eingeschlafen sein; denn ich weih noch, wie mir allerlei wildes Zeug geträumt hat. Mir war, als sähe ich mitten in dem Zuschauerraum; die Lichter an den Wanden brannten, aber niemand außer mir saß auf den leeren Banken, lieber meinem Kopse, unter der Balkendecke des Saales, ritt Kasperl auf dem höllischen Sperling in der Luft herum und rief einmal übers andere: .Schlimms Brüderl! Schümms Brüderl!' ober auch mit kläglicher Stimme: .Mein Arm! Mein Arm!' „ , Da wurde ich von einem Lachen aufgeweckt, das über meinem Kop e erschallte; vielleicht auch von dem Lichtschein, der mir plötzlich in die Augen fiel. .Nun seh' mir einer dieses Vogelnestl' hörte ich die Stimme meines Vaters sagen, und dann etwas barscher: .Steig heraus, Junge! Das war der Ton, der mich stets mechanisch in die Hohe trieb. Ich riß die Augen auf und sah meinen Vater und das Tendlersche Ehepaar an unserer Kiste stehen; Herr Tendier trug eine brennende Laterne in der Hand. Meine Anstrengung, mich zu erheben, wurde mdesien durch Lisei vereitelt, die, noch immer sortschlafend, mit ihrer ganzen kleinen Last mir auf die Brust gesunken war. Als sich aber jetzt zwei knochige Arme ausstreckten, um sie aus der Kiste herauszuheben und ich das Holzgesicht der Frau Tendier sich auf uns niederbeugen sah, da schlug ich die Arme so ungestüm um meine kleine Freundin, daß ich dabei der guten Frau fast ihxen alten, italienischen Strohhut vom Kopfe gerissen hätte. ,Nu nu, Bub!' rief sie und trat einen Schritt zuruck; ich aber, aus unserer Kiste heraus, erzählte mit geflügelten Worten und ohne mich dabei zu schonen, was am Vormittag geschehen war. .Also Madame Tendier', sagte mein Vater, als ich mit meinem Bericht zu Ende war, und machte zugleich eine sehr verständliche Handbewegung, ,da könnten Sie es mir ja wohl überlassen, dieses Geschäft allein mit meinem Jungen abzumachen.' ,Ach ja, ach ja!' rief ich eifrig, als wenn mir soeben der angenehmste Am anderen Vormittage, als ich aus der Schule gekommen war, traf ich Herrn Tendier mit feinem Töchterchen schon in unserer Werkstatt .Nun, Herr Kollege', sagte mein Vater, der eben das Innere der Puppe untersuchte, .das sollte denn doch schlimm zugehen, wenn wir zwei Mechanlci den Burschen hier nicht wieder auf die Seine brächten!' ,Gel, Vater', rief das Lisei, ,ba werd aa die Mutter nit mehr brummen.' Herr Tendier strich zärtlich über das schwarze Haar des Kindes; dann wendete er sich zu meinem Vater, der ihm die Art der beabsichtigten Reparatur auseinandersetzte. ,Ach, lieber Herr', sagte er, .ich bin kein Mechanikus, den Titel hab' ich nur so mit den Puppen überkommen; ich bin eigentlich meines Zeichens ein Holzschnitzer aus Berchtesgaden. Aber mein Schwiegervater selig — Sie haben gewiß von ihm gehört — das war halt einer, und mein Reserl hat noch allweg ihr Heins Gaudi, daß sie die Tochter vom berühmten Puppenspieler Geißelbrecht ist. Der hat auch die Mechanik in dem Kasperl da g'macht; ich hab' ihm derzeit nurs G'sichtl ausgeschnitten.' ,Ei nun, Herr Tendier', erwiderte mein Vater, .das ist auch schon eine Kunst. Und bann — sagt mir nur, wie warte benn möglich, baß Ihr Euch gleich zu helfen wußtet, als bie Schanbtat meines Jungen bn so mitten in bem Stück zum Vorschein kam?' Das Gespräch begann mir etwas unbehaglich zu werben; in Herrn Tenblers gutmütigem Angesichte aller leuchtete plötzlich bie ganze Schelmerei bes Puppenspielers, ,3a, lieber Herr, sagte er, ,ba hat man halt für solche Fäll' fein Gspaßerl in ber Taschen! Auch ist ba noch so ein Bruberssöhnerl, ein Wurstl Nummer zwei, ber grab’ ne solche Stimme hat wie bieser ba!' Ich hatte inbessen bie Lisei am Kleib gezupft unb war glücklich mit ihr nach unserem Garten entkommen. Hier unter ber ßinbe saßen wir, bie auch über uns beibe jetzt ihr grünes Dach ausbreitet; nur blühten ba- mals nicht mehr bie roten Nelken auf den Beeten dort; aber ich weiß noch wohl, es war ein sonniger Septembernachmittag. Meine Mutter kam aus ihrer Küche unb begann ein Gespräch mit bem Puppenspieler- tinbe; sie hatte benn boch auch so ihre kleine Neugierbe. Wie es benn heiße, fragte sie, unb ob es benn schon immer so von Stabt zu Stabt gefahren sei?--Ja, Lisei heiße es — ich hatte bas meiner Mutter auch schon oft genug gesagt — aber bies sei feine erste Reis'; brum könne es auch bas Hochdeutsch noch nit so völlig firti krieg n. --Ob es denn auch zur Schule gegangen sei? — — Freili; es sei scho zur Schul' gang’n; aber das Nähen und Stricken habe es von feiner alten Bas' gelernt; bie habe auch so a Gärtl g'habt, ba brin hätten sie zusammen auf bem Bänkeri gesessen; nun lerne es bei der Mutter, aber bie sei gar streng! Meine Mutter nickte beifällig. — Wie lange ihre Eltern benn wohl I hier verweilen würben? fragte sie bas Lisei roieber. ---Ja, bas wüßt' es nit, bas käme auf bie Mutter an; boch pflegten sie so ein vier Wochen am Ort zu bleiben.--Ja, ob’s benn auch ein warmes Mäntelchen für bie Weiterreise habe? benn so im Oktober würbe es schon kalt auf dem offenen Wägelchen.--Nun, meinte Lisei, ein Mäntelchen habe sie schon, aber ein dünnes sei es nur; es hab' sie auch schon darin ge- I froren auf ber Herreif’. Unb jetzt befanb sich meine gute Mutter auf bem Fleck, wonach ich sie schon lange hatte zusteuern sehen. .Hör', kleine Lisei', sagte sie, .ich habe einen braunen Mantel in meinem Schranke hängen, noch von den Zeiten her, da ich ein schlankes Mädchen war, ich bin aber jetzt herausgewachsen unb habe keine Tochter, für bie ich ihn noch zurechtschneibern könnte. Komm nur morgen roieber, Lisei, ba steckt ein marines Mäntelchen für dich darin.' Lisei wurde rot vor Freude unb hatte im Umsehen meiner Mutter bie Hanb geküßt, worüber biese ganz verlegen würbe; benn bu weißt, I hier zu Lande verstehen wir uns schlecht auf solche Narreteien! — Zum Glück tarnen jetzt bie beiben Männer aus ber Werkstatt. .Für biesmat gerettet', rief mein Vater; .aber--!' Der roarnenb gegen mich geschüttelte Finger war bas Ende meiner Buße. Fröhlich lief ich ins Haus unb holte auf Geheiß meiner Mutter beren großes Umschlagetuch; benn um den kaum Genesenen vor bem zwar wohlgemeinten, aber immerhin unbequemen Zujauchzen ber Gassenjugend zu bewahren, bas ihn auf seinem Herwege begleitet hatte,, wurde der Kasperl jetzt sorgsam eingehüllt; bann nahm Lisei ihn auf den Arm, Herr Tenbler bas Lisei an ber Hanb, unb so, unter Dankesversicherungen, zogen sie vergnügt bie Straße nach bem Schützenhof hinab. * IUnb nun begann eine Zeit bes schönsten Kinberglückes. — Nicht nur am anderen Vormittage, sondern auch an den solgenden Tagen tarn bas Lisei; denn sie hatte nicht abgelassen, bis ihr gestattet worben, auch selbst an ihrem neuen Mäntelchen zu nähen. Zwar warte wohl mehr nur eine Scheinarbeit, bie meine Mutter in ihre kleinen Hänbe legte; aber sie meinte boch, bas Kinb müßte recht orbentlich angehalten sein. Ein paarmal setzte ich mich baneben unb las aus einem Vande von Weißens Kinberfreunbe* vor, ben mein Vater einmal von einer Auktion für mich gekauft hatte, zum Entzücken Liseis, ber solche Unterhaltungsbücher noch unbekannt waren. .Das is g'schickt!' oder .Ei du, was geit's für Sachan auf der Welt!' Dergleichen Worte rief sie oft dazwischen und legte die Hände mit ihrer Näharbeit in ben Schoß. Mitunter sah sie mich auch von unten mit ganz klugen Augen an und sagte: .Ja, roennte Geschichtl nur nit berlog’n is!" — Mir ist's, als hörte ich es noch heute!" * Christian Felix Weiße, ber Dramatiker unb Jugenbfreund Lessings, gab 1776—82 in 24 Bänben bie unterhaltsame Kinberzeitschnft „Der Kinberfreunb" heraus. (Fortsetzung folgt.)