SiehenerZamMnbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang Ml Montag, den 22. Ium Nummer^ Verloren. Von Theodor Storm. Was Holdes liegt mir in dem Sinn, Das ich vor Zeit einmal besessen; Ich weiß nicht, wo es kommen hin, Auch, was es war, ist mir vergessen. Vielleicht — am fernen Waldesrand, Wo ich am lichten Junimorgen — Die Kinder klein und klein die Sorgen — Mit dir gesessen Hand in Hand, Indes vom Fels die Quelle tropfte, Die Amsel schallend schlug im Grund, Mein Herz in gleichen Schlägen klopfte, Und glücklich lächelnd schwieg dein Mund; In grünen Schatten lag der Ort — Wenn nur der weite Raum nicht trennte. Wenn ich nur dort hinüberkönnt«, Wer weih! — vielleicht noch fänd ich's dort. Komödie der Reise. Von Franz Karl Wagner. „Wer ist das?" , . „Eine Dame aus Turin", antwortete der Portier des Hotel de Paris, „aber ..." Und in diesem „Aber" lag jene ganze unfehlbare Menschenkenntnis, wie sie nur die Hotelportieres zwischen Nizza und Monte Carlo besitzen, eine Menschenkenntnis, die ebenso fabelhaft ist wie ihr Personengedächtnis und ebenso unübertroffen wie ihre Höflichkeit. Philipp steckte das Fünffrankstück in die Westentasche und lächelte disiret über die Ungeduld des Fragestellers. „Zu elegant, mein Herr, zu viel Brillanten und — zu reichliches Trinkgeld. Uebrigens, die Dame fährt in einer halben Stunde mit dem Expreß nach Paris. Ich bitte dies zu beachten, mein Herr, wer fährt im Sommer nach Paris?" Allan Bowden stürzte in fein Zimmer, stopfte wahllos seine Garderobe in die Soffer, zahlte und warf sich in ein Auto. Er kam einige Minuten vor Abgang des Zuges auf den Bahnhof und sah gerade noch, in welches Coupe die Träger das Gepäck der Comtessa verstauten. Sie stand dabei und betrachtete gleichgültig das nervöse Getriebe der Reifenden _ In Nizza sah er sie zum erstenmal. Uebersiedelte sofort in das Hotel wo sie wohnte. Das war morgens. Er wußte noch nicht einmal ihren Namen und faß doch schon beim Souper an ihrem nächsten Tisch und starrte sie ganz fassungslos an. Sie sah beharrlich über >hn hinweg. Nur einmal schien es ihm, als hätte sie leise gelächelt, und hinter diesem Lächeln einer schönen Frau jagte er nun her in seiner ganzen ver- ^^Nun^s'ab^er jener Dame allein im Abteil des Zuges gegenüber und bemühte sich, über den Rand einer großen Zeitung hinweg sie zu studieren. Ja diese Frau war schön, wunderbar ausgezeichnet von der Natur. Aber ’ Und er dachte an die Worte Philipps: „Zu elegant, 3U Diel Brillanten ..." Ja, ihre Toilette schien eines der letzten überschwenglichen Gedichte eines Pariser Schneiders zu sein. Zwischen den rotlichblonden Haaren aber, die sich in zwei Coden übet ..Dlirc,n4eflt^n;,tnkhT'^üre das Feuer zweier riesiger Solitäre. Und die Feinde. Nur russische d ftinnen tragen zuweilen eine so überreiche Last von Ringen. An d schlanken Händen blitzte und funkelte es, und schwere Armbänder fessel en ihre Gelenke. Um ihren Hals aber trug sie eine fabelhafte Perlenschnur Echt ...? Fast zweifelte er daran, wenn er dachte, wie unvorsichtig es für eine alleinreisende Dame sei, ein solches Vermögen Zur Schau zu tragen. MißKauen überkam ihn. War nicht die Riviera der Rendezvousort der großen Welt — zugleich auch der Sammelpunkt aller Abenteuerlichkeiten? Die "Räder bes Expreß fangen das eintönige Lied der Schnelligkeit. Sanft fchaukette der lange Wagen, wenn die Schienenstrange sich zu Auch^bie^Und" kannte hatte ihr Gegenüber heimlich betrachtet. Schloß die Auaen und stellte sich schlafend, wenn die Blicke Allan Bombens etwas z^dkskret wurden. Hat man nicht hunderte Male gelesen, daß Leute von einem sympathischen Coupegenossen, der einem plötzlich em ü)lwo- formierte7 Taschentuch unter die Nase hielt, ausgepIundert wurden? Wer kann heute das glatte Gesicht eines Genttemans von dem eines moderne Briganten unterscheiden? Was wollte bieder junge (n ’ abfrfiähenbe hartnäckig seit vierundzwanzig Stunben verfolgte unb so obschatzenbe Blicke auf ihren Schmuck warf? Warum wagte er äs nicht sie anzusprechen, wenn er sie aus anderen Gründen verfolgte? Allan sah plötzlich, daß sein Gegenüber müde zu sein schien. Sie neigte den Kops und lehnte sich ganz in die Ecke ihres Platzes. Vorher nahm sie ihre Perlen vom Hals unb gab sie in eine kleine Tasche von rotem Lockieber, bereu Griff sie fest umschloß. Warum nicht schlafen und bas Abenteuer ein wenig herausforbern ...? Allan starrte verzückt auf seine Reisegefährtin und kam sich lächerlich schüchtern vor, baß er es noch nicht gewagt hatte, sich ihr vorzustellen. Sie schlief. An ber Regelmäßigkeit ihrer Atemzüge erkannte er es. Ihre Wangen glühten, ihr Haar war in entzückenbe Unorbnung geraten. Raffinement ... Halbwelt ... Unüberlegtheit? Ein zarter Schal glitt von ihren Schultern unb fiel zu Boben. Allan hob ihn auf unb legte ihn leise neben bie Schläferin. Eine Weile verging. Der Zug hat merklich feine Geschwindigkeit erhöht unb raste bahin. Der Wagen schwang sich manchmal so stark in ben Febern, daß die Gegenstände im Gepäcknetz zu tanzen begonnen. Im Schlafe lockerten sich die Hände ber schönen Frau unb bie rote Lacklebertasche fiel zu Baben. Sie sprang burch ben Fall auf unb ihr kostbarer Inhalt lag auf bem staubigen, abgetretenen Teppich bes Coupes. Allan bachte: Wenn er ein Dieb wäre? Unb er bückte sich rasch, hob Perlen unb Etui auf, um alles neben bie Dame zu legen, wollte sie auch wecken, ihr sagen, wie leichtsinnig ... und starrte plötzlich in die Mündung eines zierlichen, vernickelten Damenrevolvers. „Mein Herr", sagte bie Dame furchtlos, „geben Sie mir mein Eigentum zurück und machen Sie sich so rasch als möglich davon!" Stumm vor Ueberraschung gehorchte Allan. „Ich habe nicht geschlafen, sondern habe Sie genau beobachtet. Was Sie da getan haben, haben Sie ziemlich ungeschickt angestellt. Sie scheinen einen Anfänger zu sein. Es hat zwar keinen Sinn, wenn ich Ihnen voraussage, daß Sie auf diesem Wege im Zuchthaus enden werden, unb Ihnen rate, lieber einen ehrlichen Beruf zu ergreifen, denn Leute Ihres Schlages sind unverbesserlich. Und nun verschwinden Sie." „Aber .... aber ..." stammelte Allan Bowden verwirrt. Noch immer hielt die Dame ihren Revolver in der Hand. Hatte er sich von feiner Ueberraschung erholt, wollte er sich aus andere Weise, vielleicht gewaltsam, ihres Schmuckes bemächtigen? Ein Gedanke schoß ihr plötzlich durch ben Sinn. Sie lächelte geringschätzig: „Geben Sie sich weiter keine Mühe, was Sie hier sehen, sinb nur ausgezeichnete Imitationen, es würde sich nicht ber Mühe lohnen!" Also boch! Philipp hatte recht gehabt: Zu elegant — zu viel Brillanten. Er hatte sich ein Abenteuer gewünscht, unb es war eingetroffen. Ueberraschend, fpannenb mit allen äußeren Effekten wie im Kino. Die Dame war keine Dame unb er war ein Narr. Allan Bowben zündete sich in aller Ruhe eine Zigarre an (ohne zu fragen, ob fein Gegenüber das Rauchen gestatten würde) unb mieberfjolte nochmals, biesmal laut: „Also boch!" „Wie bitte?" Sie würbe nun langsam nervös. Der Gentlemanverbrecher" schien boch kein Anfänger zu sein unb mehr Kaltblütigkeit zu besitzen, cis sie dachte. Auch ihr Revolver hatte auf ihn keinen Eindruck gemacht, unb sie kam sich plötzlich mit ber Waffe in der Hand diesem Herrn gegenüber furchtbar lächerlich vor. Indem sie den Revolver einsteckte, sagte sie: „Warum fliehen Sie nicht?" „Bor einer Abenteurerin ...? Wozu ber falsche Schmuck, ber Ueberfall mit bem Revolver. Sie bachten wohl, baß ich mich aus ber Situation eines solchen Mißverstänbnisses heraus mit einer größeren Summe Geldes retten werbe. Oh, Sie haben sich geirrt, meine Same!" „Sie Unverschämter, Sie glauben ... Sie meinen ..." „Ich weih es, ich bin Überzeugt ..." Cinen Augenblick herrschte Schweigen. Dann lachte bie Unbekannte Allan Bowben ins Gesicht: „Also der Eisenbahndieb hat mich als Abenteurerin erkannt?" „Dann, mein Herr, hat es keinen Zweck mehr, sich zu verstellen, beten- nen wir Farbe unb unterhalten wir uns. Sie werben nun meinen falschen Schmuck in Ruhe lassen unb ich bin Überzeugt, baß keiner meiner Tricks bei Ihnen Erfolg hat. Schließen wir Frieben, Mister ... Mister ... „Allan Bowben!" _ „Ah, Sie haben sich einen Namen beigelegt, ber überall Krebif hat in der Welt. Sie scheinen sich für ben Sohn des amerikanischen Konserven- fönigs auszugeben?" ... . „Gewiß. (Allan blieb wirklich nichts anberes übrig, als die Wahrheit zu sagen.) Und Sie?" „Ich habe viele Namen und viele Pässe. Nennen Sie mich Jolanthe, ganz einfach nur Jolanthe ..." Man sah auch im Speisewagen beisammen. Allan log das Blaue vom Himmel herunter und dichtete sich sämtliche Filmverbrechen an, die er jemals im Kino gesehen hatte. Auch Jolanthe erzählte, aber sie war vorsichtig unb zurückhclltenb. So gewann er bie feste Ueberzeugung, bah sie wirklich das war, wofür er sie hielt. Und das bedauerte Allan Bowden aufrichtig. Schade um diese Frau, die so schön war und so viel Geist besaß. Schade. Nachts kamen sie in Paris an. Die Gepäckträger stürzten sich in die Waggons und bemächtigten sich aller Kofser und Taschen. War sie auch eine Abenteurerin, warum sollte sich Allan nicht von ihr in gemessener Weise verabschieden. Aber sie hatte nicht auf diesen Abschied gewartet. Als Allan sie suchte, war sie längst verschwunden. * Drei Wochen später war Allan Bowden in Deauville bei einem Sommerfest des amerikanischen Botschafters geladen. Er schlenderte in dem Garten der entzückenden Villa umher, der im bunten Lichtmeer vielfarbiger Glühbirnen erstrahlte. Von der Terrasse klang die Jazzband herüber, Tanzschritte, Geplauder. Da sah er am Arme eines würdigen alten Herrn Jolanthe vorübergehen. Auch sie hatte ihn erkannt und wurde blaß bis zu den Lippen. Er stürzte hinter den beiden her und bemächtigte sich seines Bekannten, der unter den Anwesenden Bescheid wußte. „Ich bitte, sagen Sie mir rasch, wer war diese Dame?" „Das ...? Frau Jolanthe Cascalla, die Witwe des vor zwei Jahren mit seinem Auto tödlich verunglückten italienischen Bankiers. Kennen Sie sie?" Aber Allan Bowden hörte diese Frage nicht mehr, er war schon wieder weg. Im gleichen Augenblick fragte eine erregte schöne Frau ihren Gesell- schaster: „Dieser Herr, ich bitte, kennen Sie ihn, sagen Sie mir rasch, wer ist es?" „Allan Bowden, der Sohn des amerikanischen Konservenkönigs. Ist zu seinem Vergnügen in Europa. Kennen Sie ihn?" „Nein ... wir sahen uns einmal in der Eisenbahn." Zehn Minuten später tanzten Jolanthe Cascalla und Allan Bowden einen Boston... Deutsche Kultur im Güdosten. Von Else Frobenius. Wer den Südosten bereist — Ungarn, Rumänien, Slldslawien, Bulgarien — begegnet überall dem Wirken deutscher Kultureinflüsse. In Bulgarien, dessen nationale Kultur durch Türken und Russen geschichtlich beeinflußt wurde, sucht man moderne Anlagen nach deutschem Borbilde zu schaffen: Schulen, Industrien, soziale Einrichtungen. Im modernen Belgrad liegen in allen Kiosken deutsche Zeitungen und die Bildnisse deutscher Filmstars aus und tausende von Menschen sitzen nachmittags in den nach Wiener Vorbild eingerichteten Cafes. So gewinnt man selbst bei flüchtigem Besuch den Eindruck, daß deutsche Lebensformen ihren Anteil an der Gestaltung dieser mit amerikanischer Schnelligkeit emporwachsenden Stadt haben. Daß dem Deutschtum dort pietätvoll ein seiner geschichtlichen Stellung gebührender Platz eingeräumt wird, zeigt der Besuch der Heldenfriedhöfe. Die Reichsdeutschen ruhen aus einem Hügel, der einen herrlichen Weitblick über Donau und Save gewährt; die Oester- reicher auf dem großen allgemeinen Friedhof, in dem auch den Italienern und Franzosen besondere, nach ihrer Eigenart ausgestattete Plätze eingeräumt wurden. Ein weißes Marmordenkmal mit der Inschrift „Treue bis in den Tod" schmückt den Eingang. Dennoch stehen sowohl Sofia als auch Belgrad im Zeichen der byzan- tinischen kuppeln, die hoch und leuchtend über den Städten schweben und ihre Zugehörigkeit zum byzantinisch-rechtgläubigen Kulturkreise zum Ausdruck bringen. Ganz anders gestaltet sich das Bild, wenn man in die ehemals zu Oesterreich gehörigen katholischen Länder kommt Dort vermochte selbst die statliche Umbildung das äußere Bild alter deutscher Kultur nicht zu zerstören. Es ist merkwürdig, wie fest es geprägt ward. Graf Keyserling nennt in seinem „Spektrum Europas" die Kroaten „slavische Oesterreicher" und unterscheidet sie scharf von den Serben. Daran mußte ich denken, als ich in der Morgenfrühe in Agram ankam. Während man in Sofia und Belgrad doch stets das Gefühl hatte, von orientalisch bestimmten Lebensformen umgeben zu sein, fühlte man sich hier wieder in Westeuropa. Die Anlage des Theaters, der öffentlichen Gebäude, der geraden asphaltierten Straßen entspricht den baulich wirkungsvollen Stadtanlagen in Deutsch-Oesterreich. Betritt man die dämmernden gotischen Hallen des wundervollen Doms oder die Barockgewölbe der anderen Kirchen, so ist man von altösterreichischer Kultur umgeben. Auch in seinen bäuerlichen Lebensformen, die ja bei einem Agrargebiet wesentlich sind, wirkt Kroatien als Kulturland. Wie sauber' und sorgfältig sind seine Bauern angetan! Wenn man das Glück hat, am Morgen des Wochenmarkts in Agram einzutreffen, sieht man sie in ihren Trachten zur Stadt kommen: Frauen in weißen, rot gestickten Leinenkitteln, mit roten Schürzen und Kopftüchern, in gelben Lederschuhen unb weißen Strümpfen. Auf dem Kopf tragen sie runde gelbe, mit roten Tüchern verdeckte Körbe; unter dem Rock hüpfen bei jedem Schritt die roten Schleifen der Strumpfbänder hervor. Rudelweise schreiten die Mädchen die Straßen zum Hellacicplatz hinab, in stolzer Haltung, mit langen federnden Schritten. Wie eine weißrote Welle braust solch eine Schar licht und freudig heran. Auf dem Markt sieht man in unendlicher Mannigfaltigkeit die Trachten, vom Reifrock bis zur gestrickten Männerweste. Und wie geschmackvoll bauen sie ihre Waren auf: Berge von Weintrauben und Melonen, von Aepseln, Tomaten, Paprika, Käse auf weihroten Tüchern, weißrote Korb- und Holzwaren, die unendlich sauber und zierlich sind. Es ist eine rein nationale Bauernkunst. Aber sie konnte sich doch nur auf einem Boden entwickeln, auf dem ein Staat alter Kultur die Führung hatte und ihr eine sichere Grundlage schuf. Dem Katholizismus sind diese Bauern treu ergeben. Zu Hunderten knien sie in den Kirchen und murmeln mit Inbrunst ihre Gebete. * Von Agram fuhr ich weiter nach Laibach. Man spürte es sofort, als man die Grenze Krains überschritten hatte. Auf den Wiesen begannen die „Harpfen", jene Stangengestelle zum Heutrocknen, die man in ganz Kärnten hat. Aus den Bergen leuchten weiße Kirchen mit spitzen Türmen; alte Schlösser deutscher Herrengeschlechter schauen ins Tal: im Munde der slowenischen Bevölkerung leben die deutschen Namen doch fort. In Laibach ein Marktplatz mit österreichischer Barockkirche. Alte Häuser mit gerundeten Dachsätteln und reich ornamentierten Portalen — genau wie in südalpinen deutschen Städten. Wie ein großer Kasten steht die Burg über der Stadt, einst Eigentum der Herzöge von Kärnten, Krain und anderen österreichischen Ländern, die dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation angehörten. Ein steiler Pfad führt hinaus zum „Grajskij Drevorag" — so lautet die Uebersetzung von Schloßallee. Große kastanienbewachsene Plätze tun sich auf — einst der Schauplatz von Turnieren deutscher Ritter. Man sieht die Bögen einer romanischen Kapelle, sieht Türme und Pallas, mit vergitterten Fenstern. Heute werden sie von kleinen Leuten bewohnt. Kinder spielen im Hof. An der Schloßmauer trocknet das Weißzeug einer Wäscherin. Ein wunderschöner Ausblick hinab auf alte Giebel und Türme, auf Straßen mit slowenischen Aufschriften, in denen doch noch etwa 5000 deutsche Bürger hausen. Hinaus auf die Gipfel hoher Berge, hinter denen Veldes, das heutige Bled, liegt, die Sommerresidenz des südflawifchen Königs, heute ein Mittelpunkt der nationalen Kreise. Ueberall sehe ich geänderte Namen, ein zähes Besitzergreisen alter deutscher Kulturgüter durch einen jungen slawischen Staat. Selbstverständlich macht er sie sich zu eigen. Endlich komme ich nach Kärnten. Dort erzählt man nur, daß von Laibach aus unermüdlich gearbeitet wird, um die jugoslawisch gesinnten toloroenen Unterkärntens — jene, die bei der Abstimmung nicht für den Anschluß an Deutsch-Oesterreich votierten — unzufrieden zu machen, um sie durch Kredite und kulturelle Propaganda an Südslawien zu fesseln. Man gehe in einem bestimmten Gebiet ganz planmäßig vor. Die Slowenen seien außerordentlich zielbewußt und vollkommen einig, während die Deutschen sich in Parteien zersplitterten. Auch wären die Slowenen kapitalkräftiger als die Deutschen. Eine Wolke steigt vor mir auf. Ich denke an den Freiheitskampf und die Blutopfer, die er gekostet hat. Dann führt eine Wanderung mich hinaus zum Loiblpah in den Karawanken. Ich sehe zerschossene Häuser, die seit bald einem Jahrzehnt dem Verfall preisgegeben sind. Nahe dem Pah hört jede Siedlung aus. Zwei serbische Soldaten halten neben den Grenzobelisken Wacht. Kein Gasthof, keine Bank ist da, obgleich unablässig Fremde heraufkommen. Ungastlich und düster ist es. Man tritt durch das Felsentor des Passes. Eine ganz neue Welt tut sich auf. Feldgruppen, die man von jenseits der Karawanken Überhaupt nicht sieht; ein weiter Fernblick in ein Land, das zum Meer abfällt. Deutlicher denn je begreift man, daß die Karawanken wie eine Mauer sind, die Kärnten schützt, daß sie ihm erhalten bleiben müssen; aber auch, daß feindliche Gewalten von jenseits drohen. Und dann mache ich Kärntner Feste mit. Ich höre, mit welcher Wärme die Reichsdeutschen von den Kärtnern begrüßt werden, sehe, wie gastlich man für sie gerüstet hat und sühle den Unterton, der mitschwingt, wenn sie ergreifend ihren Freiheitskampf schildern und dem Wunsch Ausdruck geben, daß die Karawanken bald zur Grenze Großdeuschlands werden mögen. Nicht für Kärnten, fondern für das gesamte Deutschtum habe man um sie gekämpft. Deutschtum will sich behaupten, will erstarken im Anschluß an das Reich. Unermüdlich wird in Gruppen und Vereinen, wird durch persönliche Beziehungen daran gearbeitet. Man will nicht, daß die Namen der Kärntner Städte und Burgen einst umgewandelt werden, daß die weißen Kirchen auf den Bergen ins Fremdland schauen. Man will sich nicht zurückdrängen lassen auf einen historischen Kultureinfluß in dem Lande seiner Väter, sondern darin Herr bleiben. Die Kraft dazu soll aus Deutschland kommen. Deutschland ist das Land der Hoffnung für die Kärntner. Werkstattbesuch beim modernen Astronomen. Von Dr. Ph. Arthur Beer, Hamburg. Dor knapp 10 Minuten hat das Flugzeug der Hamburger Luftbild- Gesellschaft den Fuhlsblltteler Flughafen verlassen; in scharfem südöstlichen Fluge waren die Alsterbecken und das Weichbild der Stadt überquert worden, jetzt ging es über freies Gelände; dann zwei, drei, vier dichtere Siedlungsflecke und schon herunter bis auf 200, auf 100 Meter. Das schmucke Städtchen Bergedorf ist aufgetaucht. Leichtes Hügelgelände wächst heran, der Geestrücken hebt sich über dem südwärts vorgelagerten Marschengebiet der Vierlande herauf. Und schon ist die Luftbildkammer schußbereit, das Bildziel in weitem Bogen umkreist, — und Hamburgs Sternwarte in Bergedorf von jener Richtung her auf die Platte gebannt, die bei den merkwürdigen Menschen dieses Geländes die allein bevorzugte ist, „von oben her" ... Sternwartengelände: — eigenartige große Kuppeldome und Tonnengebilde, quaderartige kleine weiße Stein- und Holzbauwerke, größere Hausbauten. Ueberall dazwischen Wiesengelände, Baumwerk und schmale Kieswege. Und der Besucher lernt unterscheiden: neun Beobachtungs-, ein Hauptdienst-, drei Wohngebäude. Von Anfang an wurde hier grundsätzlich mit der srllher meist Üblichen Zusammenlegung verschiedener Beobachtungsinstrumente gebrochen, — alles hat hier sein eigenes selbständiges Gebäude erhalten, alle gegenseitigen Störungen, Gebäudeerschütterungen, Lusttrllbungen durch benachbarte Wohnungen usw. sollten vermieden werden. Hier wirkt Prosessor Dr. S ch o r r, der als Direktor dieses Institut mustergültig organisierte, mit wohl einem Dutzend wissenschaftlicher Mitarbeiter. — Uns wird jetzt ein Rundgang durch die einzelnen Baulichkeiten zu einem Streifzug werden durch die ganze vielfältige Welt des modernen Sternguckers. Vierzehn Meter hoch wölbt sich der größte Kuppeldom — er birgt das Hauptinstrument dieser Forschungsstätte, den „Großen Refraktor". Ein neun Meter langes Opernglas fozufagen, mit einer Vorderlinse von 60 Zentimeter Durchmesser. — Sofort fesselt uns die eigenartige und außerordentlich geistvolle technische Ausrüstung dieses Riesen. Die heutige Astro- Der Beobachter in Bergedorf hat es übrigens — im Gegensatz zu ■ älteren Sternwarten auch nicht mehr nötig, auf Leitern und Gerüst- üühlen dem Fernrohrokular mit seinem Sternbildchen nachzuklettern. Er Ilnnn geruhsam im bequemen Stuhl verweilen, und von seinem elektrischen Schalttisch aus mit dem ganzen Fußboden und allem Kuppelinventar wan- »ern wohin er will. An die 30 000 Kilogramm Nutzlast vermag diese -Hebebühne bei einer Hubhöhe von viereinhalb Meter zu bewältigen. Tnd das Kuppeldach rollt mit weitgeöffnetem Spalt nach jedem 'gewünschten Blickfeld hin. Oie Versuchung des Pescara. Novelle von Conrad Ferdinand Meyer. tFortsetzung.) Jetzt sprang der Herzog dazwischen, der mit Del Guasto hinter Pes- tra stehend den leidenschaftlichen Austritt genoß. „Ja, wenn wir nicht l« auscht hätten, wir zweie, hinter dem roten Vorhang und der goldenen aste dort! Ich muß dir das mal erzählen, Schatz, es ist zum Totlachen, h rtest du nicht, wie ich dich auspfiff?" Dann plötzlich ernst werdend, nhtete er den Blick fest auf Moncada, legte di« Hand auf die Brust utib beteuerte: „Bei meinem königlichen Blute, der Feldherr hat in jener Eigen Stunde nicht Haarbreit geschwankt in seiner Ehre und Treue!" Jforone war vernichtet. Del Guasto legte Hand an ihn und zog ihn mit ic fort. „Herr Kanzler", spottete er, „bedanket Euch, unser Lauschen -rxart Euch die Folter." Auch der Herzog ging, einer bittenden Gebärde Stearns gehorchend. „Erlaucht", begann Moncada, „hier bin ich überzeugt. Mit diesem k*ct Ihr nur Euer Spiel getrieben, vielleicht herablassender, als für M aischen Stolz sich geziemte. Mit einem solchen Menschen konspiriert Pescara. Aber, Erlaucht, in seiner ohnmächtigen Wut hat dieser Ver- «!sne Wahrheit gesprochen, wenn er Euch beschuldigte, der Urheber der Toinie fordert ja nicht nur optische, sondern auch mechanische Meisterleistungen von ihren Meßgeräten: Richten Sie ein Fernrohr auf irgend ; einen Stern, holen Sie einen Augenblick Atem, und schon ist der Stern davongelaufen, er ist nicht zu halten, — die Erde reißt das Fernrohr bei ihrem täglichen Achsenumschwung mit sich herum, und die holt.bekanntlich nicht Atem. Aber der technische Mensch hebt auch die Erddrehung auf, — wenigstens ihre Entwicklung auf das Sternegucken: Er fesselt eine Achse feines Fernrohres, die er der Erdachse parallel ausstellt, an ein präzises Uhrwerk, — er läßt sie durch dieses haargenau in der gleichen Zeit des Srdumschwunges, aber entgegengesetzt zu ihm, kreisen, — und die Sterne, sie stehen unverrückbar still. So exakt muh alles Mechanische arbeiten, daß man von irgend einem lmszusuchenden schwachen Sternchen, Kometen oder dergleichen, nur seinen | theoretischen Himmelsort wissen muß, um mit Hilfe von Schaltern und , Motoren das Gesuchte, ohne überhaupt durchs Rohr zu blicken, genau in Die Mitte des Bildfeldes einzuschließen. 'Tx n V" n rl fl 11 z4l f <1V in fllnrAnhnvf li /14- «- ;... /73 - C.k ... Doch eilen wir weiter — nach dem zweiten großen Kuppeldom: Er >ffnet sich uns weit unten im nördlichen Teil des Parkes; eintretend ! Sehen wir vor dem „Spiegelteleskop", einer Meisterleistung der Zeiß- tberke in Jena. — Wer noch die Vorstellung langgereckter Himmels- xmonen weiter mit sich herumtrug, der wird erstaunt sein über die eigen« : rtig gedrungene breite Form, die sich jetzt vor ihm auftut. Und dieser coßere Gegensatz ist auch der innere, ist der der grundverschiedenen Wir- !»ingsprinzipien. Hie Linsenfernrohr! Hie Spiegelteleskop! — ist ein alter Kampfruf gewesen in dem sonst so friedlichen Kriege gegen die Sterne, heute sagt man wohl: Beides! Und besonders in den letzten Jahren hat nan die großen Vorzüge der Spiegel schätzen gelernt. Einmal lassen sie sich technisch leichter und viel größer bauen als Linsen; auch sind die kosten der letzteren, die ja die Bearbeitung mehrerer Flächen erfordern, weitaus größer. Und dann: Refraktorbilder, die doch durch Lichtbrechung in den Linsen entstehen, sind immer nur mit großen Schwierigkeiten von ler so schädlichen „Farbenzerstreuung" zu bewahren, — Teleskopbilder (ter sind stets völlig farbenfrei. Und am „Okular", in der Befehlszentrale des Astronomen? Von ihren j kchaltknöpfen aus kommandiert er dem Rohr Neigung und Richtung, Ireht er die Kuppel, öffnet und schließt er ihren Spalt, betreibt er die itrschiedenen Rohrbeleuchtungen usw., hier schließlich setzt er seine genauen Nitrometer an, die ihm Größen und Lagen der Gestirne messend sest- 1 stillen. — Refraktor und Reflektor jagen auf der ganzen Welt hinter ien Rätseln der Planetenoberflächen her, der Kometen, der Doppelsterne, • ler Lichtveränderlichen, der fernen kosmischen Gasnebel und Sternhaufen, !»r Spiralnebelwelten, die aus Millionen von Sonnen ausgebaut sind, fe bringen in das Geheimnis der Milchstraße ein, und darüber hinaus loch... Einen Blick noch in die vielen bisher nicht besuchten kleinen und £ faßen Bauten. Heute eilt die Zeit. Nur in raschem Rundgange können vir noch staunend feststellen, welch vielfältig rege Arbeit in ihnen herrscht: || I— Jy ihnen werden Sternörter fixiert, wird die Zeit „gemacht", die in s weitverzweigtem, wohlorganisiertem „Zeitdienst" der Allgemeinheit dient. Imb hier wieder entschleiert das Glasprisma des Spektroskopes am photographischen Universalinstrument den chemischen und physikalischen Auf- biu der Gestirne, dort gibt es Meßräume und Apparaturen, in denen die zu Tausenden erhaltenen pbotographischen Himmelsdokumente durch- muftert werden, hier sind die Laboratorien und die literarischen Hilfs- gilllen untergebracht, welche berufen sind, den Strom der Arbeit planvoll $i regeln. Alle Räder greifen ineinander, schon in dieser einen Sternwarte. Und |t auch anderswo. Die Sternwarten Deutschlands vereinigten sich in gemeinsamen großen Aufgaben. Und darüber hinaus vereinigt sich jen- Ids aller Landesgrenzen die ganze Himmelssorschung zu einer einzigen großen schaffenden Einheit. Auf keinem anderen Gebiete ist in dieser $ clt bie Erfüllung jener (anberswo leider meist noch Schlagwort gedlie- hmen) kulturell wie wirtschaftlich entscheidenden Zielsetzung schon soweit W irklichkeit geworden wie hier, — die „Internationale Zusammenarbeit". italienischen Verschwörung zu sein. Nicht der Urheber, aber der Begünstiger. Sie nicht entmutigend, habet Ihr sie genährt und großgezogen. Es war leicht, ein entschiedenes Wort zu sprechen und ihr Halt zu gebieten mit einer entrüsteten und weithin sichtbaren Gebärde. Das habet Ihr nicht getan: Ihr stundet als eine dunkle und deutbare Gestalt." „Ritter", unterbrach ihn Pescara, „nicht Euch habe ich Rechenschaft zu geben von meinem Tun und Lassen, sondern allein meinem Kaiser." „Eurem Könige", versetzte Moncada. „Ihn so zu nennen, gebietet Euch die Ehrfurcht, denn ein König von Spanien ist mehr als^ter Kaiser. Und der Enkel Ferdinands wird ein König von Spanien werden. Karl entwickelt sich langsam, unter verschiedenen und streitenden Einflüssen, aber (ein spanisches Blut wird erstarken und sein deutsches aufsaugen bis auf den letzten Tropfen. Er verabscheut die Ketzerei, und seine Frömmigkeit wird ihn zum Spanier machen." Er sagte das mit einem stillen Lächeln und schwärmerisch erglänzenden Augen. „Avalos", fuhr er fort, „deine Väter haben für den Glauben gegen die maurischen Heiden gekämpft, dis dein Ahn mit jenem Alfons nach Neapel schiffte. Kehre zu deinem Ursprung zurück! Das edelste Blut stießt in deinen Adern. Wie kannst du, der das Große liebt, zaudern zwischen dem spanischen Wellgedanken und den erbärmlichen italienischen Machenschaften? Unser ist die Erde, wie sie einst den Römern gehorchte. Siehe die wunderbaren Wege Gottes: Kastilien und Aragon vermählt, Burgund und Flandern erworben, das gewonnene Kaisertum, eine entdeckte und eroberte neue Welt, und, das alles beherrschend, ein gestähltes Volk mit einem gesegneten, zwiefach in Heidenblut getauften Schwerte! Was dir jener Elende bot, Spanien gibt es dir tausendfältig: Schätze, Länder, Ruhm und — den Himmel! Denn für den Himmel kämpfen wir und für den katholischen Glauben, daß eine Kirche herrsche auf Erden. Sonst wäre Gott vergeblich Mensch geworden. Voraussehend, wie in diesen Tagen die Hölle den apostolischen Stuhl besudeln und ihre letzte Ketzerei, den germanischen Mönch, ausspeien werde, erschuf er den Spanier, jenen zu reinigen und diese zu zertreten. Darum gibt er uns die Welt zur Beute, denn alles Irdische hat himmlische Zwecke. Ich habe lange darüber gesonnen in meinem sizilischen Kloster, und wähnte wohl selbst der Auserwählte zu sein zu diesem geistlichen Kriegsdienste. Da wurde er mir in einem Gesichte gezeigt, btr andere, der Berufene. Ich war solcher Ehre unwürdig, meiner Sünde wegen, und trat in die Welt zurück." Pescara schwieg und betrachtete den Verzückten. „Aber ich wirke, solange es Tag ist. Kein Jahr ist um, ich stand hinter Ferdinand Cortez, bä ihm auf bem Berge ber Dämon die goldenen Zinnen Mexikos zeigte, wie er dir, Pescara, jetzt Italien zeigt. Diese Hand hielt den Strauchelnden zurück, und nun strecke ich sie gegen dich, Pescara, daß du ein Sohn Spaniens bleibest, welches die Well ist, und das der in der Glorie schwebende katholische Ferdinand beschützt." Jetzt brach der Feldherr fein Schweigen und zürnte: „Nenne mir jenen nicht, er hat mir den Vater getötet!" Moncada seuszte schwer. „Du bereust?" Der Ritter schlug sich zerknirscht bie Brust und murmelte, mit sich selbst sprechend: „Meine Sünde ... meine Sünde ... ungebeichtet und ungespeist!" Da erriet Pescara, daß dieser Fromme nicht seinen Mord bereue, sondern daß er ihn vollbracht an einem geistlich Unvorbereiteten. „Weiche von mir!" gebot er. Moncado trat zurück bis zur Schwelle, wie aus einem Traum erwachend. Dann sammelte er sich und sagte: „Verzeihung, Erlaucht! Ich war abwesend. Noch ein nüchternes Wort. Ich kenne Euer Ziel nicht. Noch bin ich nicht Euer Feind. So oder so werdet Ihr Mailand nehmen. Dieser erste Schritt enthält weder Treue noch Untreue. Ich erwarte Euern zweiten, ob Ihr den Herzog absetzet und die Empörung strafet. Tut Ihr es nicht, so verratet Ihr Spanien und Euern König!" Und er verschwand. Pescara zog sich zurück und genoß Speise. Dann empfing er vor feinem flackernden Kaminseuer, das an einem Herbstabende nicht fehlen durste, den Herzog mit Del Guasto und gab ihnen seine letzten Befehle. Den Rest der Zeit benützte er, um seine geheimen Papiere zu sichten: was sich um einen Mächtigen dreht, eine Welt von Schlechtigkeit. Er vernichtete das meiste, es in den Herd werfend: er wollte niemanden verderben. Auch bas Geheimschreiben bes Kaisers sollte verschwinben, boch seine Asche nicht mit ber übrigen sich vermengen. Er ließ ein glim= menbes Kohlenbecken bringen, in besten bläulichen Flämmchen er den Brief feines Kaisers verbrannte. Als er zu Ende war, hatten sich seine Kerzen schon zur Hälfte verzehrt: es ging auf Mitternacht. Pescara kreuzte die Arme über der Bust und verfiel in ein so tiefes Sinnen, baß er bie Schritte eines Eintretenben nicht vernahm. Da sprach es zu ihm: „Was ist bein Ziel, Avalos?" Er erblickte Moncada. Der Feldherr griff mit der Hand in das erloschene Kohlenbecken, schloß sie und streckte sie gegen Moncada. „Mein Ziel?" sagte er und öffnete die Hand: Staub und Asche. Jetzt gellten Drommetenrufe durch das Schloß. Trommelwirbel folgten. Alles geriet in Bewegung. Der Feldherr ließ sich von seiner Diener- schast roaffnen. Als er bei flackerndem Fackellicht, das sich auf Speeren und Rüstungen spiegelte, die gepflasterte Halle des Erdgeschosses betrat, erblickte er sein schwarzes Tier, welches, kostbar geschirrt, mit ungeduldigen Hufen Funken aus bem Boden schlug, daneben eine Sänfte mit zwei leichten Trabern. Beide hatte er befohlen, die Wahl dem Augenblicke vorbehaltend. Mit einem Seufzer bestieg er bie Sänfte, feine wieberbegin- nenben Schmerzen darin zu verbergen, und verschwand durch bas Tor, währenb sein verschmähtes Schlachtroß sich zornig gebärbete unb ben Reitknecht, welcher es besteigen wollte, abwarf. Es mußte seinem Herrn lebig nachgeführt werden. Nun wurde auch der gefangene Kanzler gebracht. Spanische Soldaten umringten ihn, beraubten ihn seiner Kette, seiner Ringe, seines Beutels und setzten ihn nicht auf sein edles Maultier aus dem mailändischen Marstalle, sondern rücklings auf einen armseligen Esel, dessen Schwanz werde in „Und wie Sforza gab die Hand, und der Feldherr fügte freundlich hinzu: „Jz, kenne die schwierig« Lage der Hoheit und — wenn ich es ausspreche« darf — Ihre durch eine unglückliche Jugend erkrankte und «ntkrasteie Seele Sie bedarf vor allem der Stetigkeit. In der Bahn des Kaiser, wandelnd und verharrend, wird Sie von keiner Zeitwelle verschleudert werden. Ich persönlich", schloß er, seine Lehrhaftigkeit mildernd, in einem fast herzlichen Tone, „war der Hoheit immer zugetan, aus Dank für meine Vorbilder, Ihre zwei herrlichen Ahnen, obwohl mir die beiden', scherzte er, „in meiner Jugend manchen Schlaf geraubt haben: ein solcher Reiz und Stachel liegt in Männlichkeit und Seelengröße." Franz Sforza getröstete sich dieser Freundschaft, fragte aber doch ängstlich: „Und ich bleibe Herzog? Euer Wort, Pescara?" „Unverbrüchlich. Wenn ich etwas über den Kaiser vermag, und weim Ihr es vermöget, Eure Seele zu befestigen." „Und meinem Kanzler geschieht nichts?" „Ich glaube, nein, Hoheit , versprach Pescara. „Und er bleibt mein Minister?" Der Feldherr konnte ein Lächeln nicht verwinden über die Unzerlremi- lichkeit dieses Paares. „Hoheit vergißt, daß Sie soeben Girolamo Moroni den verderblichsten aller Ratgeber genannt hat. Ich empfehle Hoheit, sch von der Kaiserlichen Majestät für dieses schwierige Amt einen anderem und weisern Kopf zu erbitten. Es gibt deren in Italien, es braucht kein Druck und Verlag: Vrühl'fche Univerfitäts^Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Sieb sich fort. Wie er in seinen Palast zurückgekehrt, den Thronsaal betrat, da stürzte vor seinen Augen die goldbrokatene, mit Löwen und Adlern durchwirkte Bekleidung des Thronhimmels zusammen. In der allgemeinen Verwirrung hatte sich der herzogliche Tapezierer in den Saal geschlichen und das Prachtstück gelockert, um es zu entwenden, war dann aber vor dem sich nahenden Getöse unverrichteter Dinge entwichen. Von den stimmen Omen erschreckt, warf sich der Herzog verzweifelnd in einen Lehnstuhl und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, sein Los und den Sieger 61 “sie[er ließ nicht lang« auf sich harren. Ein kurzer Lärm — die treue schweizerisch« Palastwache wurde niedergestreckt ober entwaffnet —, und Pescara betrat den Saal, barhaupt und ohne Schwert, hinter ihm Karl Bourbon, behelmt, in voller Rüstung, den Degen in blutender Faust. Gr war, der erst« auf der Sturmleiter, mit derselben in den Stadtgraben zurückqeworfen worden, ohne sich jedoch ernstlich zu verletzen. Der Marchese verneigte sich vor seinem Besiegten, der sich von [einem Sitze aufraffte. „Hoheit beruhige sich", sprach Pescara. „Ich komme nicht als Feind, sondern um Hoheit aufs neue in Pflicht zu nehmen für Ihren Lehensherrn den Kaiser." Sforza erhob die Augen, und da er in dem überlegenen Antlitz weder Hohn noch Strafe las, sondern eher teilnehmende Einsicht und Müde, brach der haltlose Knabe in Tränen aus und stammelte: „In meinem Herzen bin ich der Majestät immer treu gewesen, sie hat keinen ergebe- neren Diener und bessern Lehensmann, aber ich Unseliger mürbe mißleitet, wurde irregeführt ... mein höllischer Kanzler ... auch den bewaffneten Widerstand habe ich nicht befohlen ... ich wurde geschoben, gestoßen von dem Valabrega und ein paar andern Edelleuten ... bei allen Aposteln und Märtyrern, ich bin kein italienischer Patriot, sondern der bedrängteste Fürst in der unmöglichen Lage!" Diese völlige Zerknirschung des Enkels und Urenkels zweier Heroen schien den Feldherrn peinlich zu berühren. Doch ließ er der Buße freien Lauf weigerte aber, scheinbar aus Ehrerbietung, dem endlich Verstummenden seine Hand, welche dieser zu ergreifen suchte. Er befürchtete, der gänzlich Vernichtet« möchte sie küssen. . Während dieser Selbsterniedrigung, und ft« tm Grunde feines verbitterten Herzens kostend, schlürfte Karl Bourbon, welcher hanter Pescara stehengeblieben war, in langsamen Zügen einen vollen Becher, den er sich von einem herbeigewinkten Pagen hatte holen und reichen lassen. Hoheit", sagte der Feldherr, „ich habe Vollmacht. Wenn Sie davon bunfibrungen ist, daß Sie sich in ein falsches und gefährliches Spiel eingelassen hat, und wenn sich der feste Wille in Ihr gestalten kann, forthin Ihr Heil da zu suchen, wo es ist, bei dem Kaiser und von der Ma,estat nimmermehr zu weichen, wage ich es, auf meine Verantwortlichkeit, Ihr Verzeihung zu gewähren und Ihre Hand daraus anzunehmen. Hoheit darf es mir glauben, Sie fährt in jedem Falle besser mit dem Kaiser “lSÄS «r^mie die unverhoffte Milde den Sohn des Mohren plötzlich wieder mißtrauisch machte, wie der vom Schicksal zum Argwohn Erzogene eine List vermutete und wie seine Hand zögerte und zitterte. „Hoheit darf trauen", sprach er kraftvoll. „Der Kaiser und ich halten Spanier zu sein." Nichts da, Hoheit! Ihren Kanzler bekommt Sie nicht heraus! misch!« sich jetzt der Bourdon« ins Gespräch. „Diese Helena ist mein Beutestück. Franz Sforza starrte Bourdone mit angstvollen Augen an. „Sn hier?" stöhnte er. „Er will mein Mailand! Er träumt langeher davon HiU mir, mächtiger Pescara!" 'Da schmetterte Bourbon, als zerstöre er sich selbst, mit einem zornigen Wurf fein kristallenes Glas an den Marmorboden, daß es mit schrillem Mihton in di« Scherben zerfuhr. „Hoheit", rief er, „da liegt mein Fürstentum Mailand!" , Während die Scherben flogen, trat Moncada mit Leyva ein, diese. von oben bis unten mit Staub und Blut besudelt. „Erlaucht , begann btrt Ritter, „ich beglückwünsche Sie zu Ihrem heutigen schönen Siege, der, wieder in voller Kraft erfochten, sich an so viele ander« reiht. Ich Y>-u mich geziemend im Vorzimmer. Doch da ich bechern und lachen hone, und als auch Leyva anlangte, der das Nordtor genommen und ebenfalls; feinen Trunk verdient hat, wagte ich den Eintritt, und ich glaube jiri rechten Stunde. Denn ich meine: hier wird Gericht gehalten werden, nm Hoheit Bourbon hat diesem verräterischen Herzog in symbolischer Weist feinen verdienten Untergang verkündigt. Aber nicht so stürmisch, Hoyei, Ich denke, der Feldherr jetzt ein Kriegsgericht zusammen, bei dem id) cfci ein Angehöriger des königlichen Hauses Sitz und Stimme beanspruch-'« darf. Natürlich ein vorläufiges Gericht, in Erwartung des Entscheid«- ““^Besww'blieb kalt. „So tue ich", sagte er. „Ich ernenne zu Richt-m meine zwei Kollegen, die Hoheit Bourbon und Leyva. Ich' prasidiem Euch, Ritter, muß ich ausschließen, weil Ihr keinen Rang bekleidell Ha meine Beglaubigung." Er zog aus feinem Wams die österlich« Vollmacht Moncada ergriff das Schreiben und las: „Nach feinem Ermessen.... gemäß den Umständen ... hm ... Erlaucht e raube .. diese Weisung scheint zu sagen, daß Sie bevollmächtigt ist, alle militärisch und bürgerlichen Maßregeln in dem genommenen Mailand nach Believ . zu treffen, präjudiziert aber in keiner Weise die Rechte und Jnterejsi; der katholischen Majestät. Ich werde daher bleiben als em stummer, aoe. aufmerksamer Zuhörer." „Sei es", sagte Pescara geduldig. Jetzt regte sich auch Leyva und verlangte, daß Girolamo Morone vm- geführt werde. „Er ist im Palaste", sagte er. „Ich sah ihn gefesstl » bringen unter den Verwünschungen und Ko würfen des mailand chi Volkes, das ihm fein ganzes Elend zurechnet.' Pescara gab den BeM Eine peinliche Pause. Stühle wurden geruckt von der verlegene Dienerschaft, welche ihrem verklagten Herrn eherbietig den herzogü^ Sessel mit Krone und Wappen brachte, und als Morone erschien, nM ohne Spuren von Mißhandlung, sah er die drei Feldherren als W sitzen, Pescara in der Mitte, und vor ihnen feinen Herzog. „Mut Fachen", flüsterte er ihm zu, neben den er sich aus alter Gewohnheit geft« hatte, „wirf du nur alles auf mich!" Pescara nahm das Wort: „Die Hoheit von Mailand beteuert, an » Treue gegen ihren Lehensherrn festzuhalten und nur vorübergehend M getreten und in den Schein der Felonie gekommen zu fein unter & Einflüsterungen dieses Mannes da." Der Herzog mckte nut bem W „So ist es! Ich bekenne, daß ich der allein schuldige bin! sprach ° fie ihm nach ihrer grausamen Art durch die gefesselten Hande Zogen. Dann ging'es durch das Tor unter einem höllischen Gelachter, in welches der Kanzler aus Verzweiflung mit einftimmte. Letztes Kapitel. Inzwischen verlebte in dem aus einer Burg des Glückes zu einer Behausung der Angst gewordenen Kastelle von Mailand Franz Sforza jammervolle Tage und noch schlimmere Nächte, hilf- und ratlos nach seinem Kanzler rufend. Er hatte den Besuch Del Guastos erhalten, der ihm zu melden kam, sein Feldherr habe vor ablaufender Frist den • Kanzler von Mailand empfangen, dieser ihm aber, stak der erwarteten Zugeständnisse, im Namen der Hoheit ebenso törichte als verbrecherische Eröffnungen gemacht, die den Feldherrn bestimmen, ohne Verzug, übrigens ganz im Sinne seiner ersten Drohung, auf Mailand zu nmrschieren und gegen die Hoheit als einen Hochverräter zu verfahren. Del Guasto hatte sich an dem Zittern des Herzogs geweidet und war aus her. ©tobt verschwunden. Während sich die kaiserlichen Truppen 'N raschen Marschen näherten, und selbst da sie schon auf den Wällen von Mailand in Sicht waren, hatte der Kleinmütige zwischen Ueb ergäbe unb Sertetbigung geschwankt wurde bann aber von ein paar topsern lombardischen Edel- kuten auf den Weg der Ehre gerissen und endlich selbst von einer kriegerischen Stimmung angeroanbelt, deren er traft seines großväterlichen Blutes nicht völlig unfähig war. Er ließ sich mit einer kunstvoll geschmiedeten Rüstung betreiben und setzte sich einen Helm von herrlicher getriebener Arbeit auf bas schwache Haupt. Es ist Tatsache, daß er in der großen Schanze stand, in dem Augenblicke, da Pescara seine Truppen gegen dieselbe zum «türm führte. Mit bebender Stimme befahl der Herzog das Feuer seiner auserlesenen Geschütze. Wie sich der Rauch verzog, lag das Feld mit Spaniern bedeckt. Zwischen Toten und Verwundeten schritt Pescara, wenige mehr neben sich und noch unerreicht von den vielen unter der Führung Del Guastos ihm stürmisch Nacheilenden. Er war ohne Harnisch. Der Helm war ihm vom Kopfe gerissen, und sein dunkler Mantel flatterte zersetzt. In flammend rotem Kleide, mit gelassenen und gleichmäßigen Schritten ging er weit voran, einen blitzenden Zweihänder schwingend. Es war, als schritte der Würger Tod in Person gegen die Schanze, unb da sich dort m demselben Augenblicke die böse Kunde verbreitete, der Bourbon- habe das Südtor genommen unb Leyva stürme an ber nördlichen Pforte, packte der bleiche Schreck die Besatzung. Die wieder geladenen Stucke biteben ungelöst, die Hauptleute, die sich ben Furchtbetörten entgegenwarfen wurden niedergetreten, unb die panische Flucht riß ben Herzog mit Wort."_____________________________ Verantwortlich: Or. HanS Thhriot. Kanzler unerschrocken. m . .. ,Auch die Verteidigung von Mailand gegen bas kaiseniche ) . beteuert bie Hoheit nicht befohlen zu haben, fonbern sie versichert, es die eigenmächtige Tat einiger aufrührerischer Lombarden, und ich baue für glaublich. Wie urteilt Leyva?" stör« Leyva verzog das häßliche Gesicht und murrte: „Dieser Franz Sf°E ist der Felonie schuldig und durch bie nackte Tatsache überwiesen, werbe in schärfstem Gewahrsam gehalten. Der Kaiser, wie ich meine, ihn absetzen unb nach Spanien bringen las en." „„.«»nial. „Und wie urteilt Sie?" Pescara hatte sich yegen Bourbon gewen°^ Der Konnetabel spielte mit feinem zerris enen Handschuh unb bem mit melobischer Stimme: „Die Hoheit würbe betört von dem wum> , lichen Gaukler da, der auch mich und viele andere bezaubert hat, ° an unserem Feldherrn (einen Meister fand. Aber sie scheint mi zur Besinnung gekommen zu fein, und ich meine, daß ihr- die «ckm des Gefängnisses anzutun weder schicklich wäre noch auch notwendig da sich ja die Stadt in unfern Händen befindet. Die Hoheit von Ma bleibe frei.* , .. (Schluß folgt.) .