Eichener zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger Jahrgang 1951 Freitag, den 22. Mai Nummer 40 pfingstliches Lied. Von Hans G S f g e n. Beseligt ruht die Erde in dem-stlllen Glanze, Den frische Bäume, Blumen, Schmetterlinge Breiten mit gnadenreichen Händen lieber die grauen, toten Menschendinge. Die Freude fährt auf weißen Wolkenschiffen Aus Himmelsschweigen zu der lauten Erde, Daß alles Leid der harten Wintertage In helles Licht gewandelt werde. Aus dichten Hecken und aus blauen Lüsten Erschallt vieltausendfaches Singen ... Soll sich in solcher wundersamen Stunde Richt unser Herz zum ew'gen Himmel schwingen, Zu dem, der in dem Kreis der schon Verklärten Thront und den Heil'gen Geist uns sendet. Auf daß sich unser banger Kummer Zu demutvollem Danke wendet? Zum Danke und zum Wissen um die Gnade, Die reicher ist, als wir es je ermessen, Die über kleinen Tagessorgen Die ew'gen Dinge gar zu leicht vergessen. Schöpfertums nicht mehr als eine fremde, ferne Gabe fühlt, die einer geringen Zahl Auserwählter vorbehalten ist, sondern als eine wie jedem so auch ihm eigentümliche Kraft, so ist er alsbald nicht mehr ein vereinzeltes Erden-Jch, sondern er spürt sich in einem Einklang mit den anderen Menschen und mit der schaffenden Grundkraft des Weltalls. Schöpferisch fein: das heißt ja nichts anderes als das schöpferische Prinzip, das die Welt durchwaltet, und ohne das sie längst auseinandergefallen wäre, zu versichtbaren, zu verleiblichen, zu verwirklichen, und das Ziel einer pfingstlichen Gesinnung, einer pfingstlichen Religiosität ist nichts anderes als solches Schöpfertum zu verwirklichen in jedem einzelnen Menschen. In dem Werke eines hohen Meisters unserer Tage, Hans P f i tz n e r s, sprechen die alten Meister zu dem Meister Palestrina: „Wenn du dein ganzes Bild aufweist. Wenn dein' Gestalt vollkommen. So, wie sie war entglommen Von Anbeginn im Schöpfergeist: Dann strahlst du hell, dann klingst du rein... Dein Erdenpensum schaff'!" Und eben dies Wort ist nicht nur an jene Menschen gerichtet, die wir, mit einem höchsten Wort der Sprache, „Schöpfer" nennen, sondern an jeden einzelnen, er sei, wer er sei. Angelus Silesius hat das Wort in die Menschheit geworfen: „Mensch, werde wesentlich!" Es ist nichts anderes, wenn das Wort geworfen wird: „Mensch, werde schöpferisch!" Beides ist ein und dasselbe. Der Mensch, der wesentlich geworden ist, in feinen Grenzen und nach feinen Graden, ist bereits schöpferisch. Denn schöpferisch sein an sich selbst heißt: bildend in das eigene Wesen Vordringen, das Wesenhafte scheiden vom Unwesentlichen, wie es Art und Aufgabe jeglicher Gestaltung ist. Des möge jeder einzelne am pfingstlichen Festtag gedenken. Der Tag der Pfingsten soll uns wach und freudig finden Auf stillen, allem Tageslärm abholden Wegen, Dann wird sich tief in unsrer Seele künden Des hohen Festes ewig junger Segen. Ewige Pfingsten. Von Ernst L i s s a ue r. Pfingsten, das Fest von der Ausgießung des Geistes, ist ein Fest des Schaffens und der Liebe. Es gilt immer: wer wahrhaft schafft, liebt: wer wahrhaft liebt, schafft. Liebe ist Drang über sich selbst hinaus, ist Sehnsucht, sich mit-zu-teilen. Und also: ob einer es weiß oder nicht, er liebt, indem er schafft, denn — was begibt sich? Er kann sich nicht halten in sich selbst, er brandet gegen seine eigene Mauer, er wallt über von sich selbst, nun fließt er dahin, er strömt. Abzugeben ist sein Sinn, zu speisen sein Antrieb, zu trösten sein Wunsch, zu stärken seine Notwendigkeit — es ist fein Wille, Menschen zu erbauen. Weisheit der Sprache: im schaffenden Drange ist ein baumeisterlicher Wille, Baumeister an Seelen will ein Schöpfer fein — dies ist seine Liebe. In jedem Frühling kommt ein großes Lieben über die Natur. Die mächtigen Wipfel der Kastanien, um und um und über und über mit weißen Blüten besteckt, ragen in lichter Gewalt: die Kastanie liebt, in unaufhaltsamem Drange hat sie von innersten Säften mitgeteilt, sie hat das Mark des Wesens sichtbar gemacht und dargebildet, die Kastanie liebt, und ihre Krone leuchtet in weißer Offenbarung. Pfingsten ist das Fest der langen Tage: die Tage des schöpferischen Menschen, die keim- und krästereichen, in jeder Sekunde zeugenden, sind die langen Tage der menschlichen Geschichte. Pfingsten ist das Fest der Zeit, da die Sonne sommerlich wird und beginnt, sich dicht und gelb auszugießen, und Pfingsten ist das Fest der sommerlichen Gnade, die ausgegossen wird über manche Menschen, daß sie wiederum von ihnen ausgegossen werde. Immer wieder begibt sich Pfingsten aus der Erde empor, und immer wieder geschieht Pfingsten im Geiste. Der Boden, immer wieder, wird gesegnet mit Korn, der Baum mit Blüte, die Menschheit, immer wieder, mit Werk. Es sind ewige Pfingsten, und hier wie dort ist die pfingstliche Liebe ein und dieselbe. * Ostern ist das Fest der Auferstehung in jeglichem Sinne, auch die Natur lebt auf, und an den Menschen ergeht der Ruf, neu zu werden. Zu Pfingsten offenbart sich die schaffende Kraft des Weltalls in ihrer reichsten Fülle, und an den Menschen ergeht die Mahnung: daß er sich schöpferisch mache, zuhöchst schöpferisch nach seiner Kraft. Was aber heißt das? In jedem Menschen ist von Ursprung an ein Sinn feines Lebens gelegt: er soll die in ihn gelegten Kräfte entfalten. Solches Entfalten, solches Wachstum und bildendes Treiben ist, -bas Wort in einem weitesten Sinne genommen, schöpferisch. Und wenn der Mensch den Inbegriff des Oie Ausgießung des Heiligen Geistes. Von Erich Boyer. Ich entreiße dieses Erlebnis den Tiefen meines Erinnerungsvermögens nur mit jenem gelinden Schauer unmännlichen Schamgefühls, das uns befällt, wenn wir zu nicht ganz taktvollen und moralisch nicht ganz stubenreinen Jugendstreichen innerlich Stellung zu nehmen haben. Vor nicht sehr langen Jahren habe ich es noch gut und gern an feuchtfröhlichen Stammtischen dröhnendem Gelächter begeisterter Altersgenossen preisgegeben. Dann tarn eine Zeit, in der ich es ad acta legte als eine Sache, die mich nichts angeht, weil sie sich in der Periode jedem Menschen zugestandenen jugendlichen Uebermuts, sozusagen unter den Fittichen des wohlwollenden Paragraphen 51 begeben hat. Heute drängt es mich wiederum, sie so darzulegen, wie ich sie heute übersehe. Nicht, um mich zu rechtfertigen, sondern um an dem unfreiwilligen Träger der Hauptrolle, der heute noch lebt, die Schuld in Form einer öffentlichen Beichte abzutragen. Der Vorfall, von dem ich berichten will, hat sich zugetragen in einer Zeit, die auch für schwererwiegende Verfehlungen eine Entschuldigung ist, im Frühling des Jahres 1919. Was sich damals so auf den Bänken unserer Pennälerklasse herumdrückte, war eine etwas unterernährte Bande jugendlicher Tagediebe, denen nichts auf der Welt heilig war, es sei denn, der Glaube an die eigene Unfehlbarkeit. Wir hatten den Weltkrieg mit Halbwegs offenen Augen miterlebt, hatten mancherlei Ideale stürzen sehen, und was da nicht von der Zeiten Lauf gestürzt worden war, das stürzten wir eben selber, auf ein bißchen mehr oder weniger kam esmns gar nicht an. Unser Denken und Sinnen bezog sich in positiver Richtung auf die rotbemütjten Schülerinnen der nahen Handelsschule, in negativer Richtung hohnlächelnd auf die Ablehnung all dessen, was verzweifelte Pädagogen über das Chaos der Nachkriegszeit hinüberzuretten versuchten. Ich weiß nicht, ob es für die Jugend von damals andere Möglichkeiten überhaupt gegeben hat. Die jüngeren Lehrkräfte halte der Krieg gefressen. So ruhte das sittliche Wollen der Schule auf den Säulen, die nur noch standen, well ihr morsches Gefüge schon anno 1914 kriegsuntauglich gewesen war. Greisen, die von uns nun nicht nur durch Jahrzehnte, sondern durch die (Entfernung geistiger Welten getrennt waren. Ihr pflichtgemäßes Beginnen, uns in die Zucht und Ordnung ihrer sittlichen Welt zu zwängen, war längst nicht mehr Angriff, sondern Verteidigung. Verteidigung mit der falschen Taktik eines Generals, der da glaubt, daß er der Angreifende fei; der in offener Schlachtlinie kämpft, wo er gut daran täte, aus festen Positionen den angreifenden Gegner zu zermürben. Unsere Lehrer wußten nicht, daß sie Irrtümer zu beseitigen hatten. Sie sahen nur Verderbtheit und böswilligen Widerstand und wirkten also mit den aggressiven Mitteln des Tierbändigers. Es siegte nicht, wer den schärferen Verstand, sondern wer die besseren Nerven hatte. Und wir hatten zweifellos die besseren ... Professor Fink unterrichtete in Mathematik — und da Not am Mann war, auch in Geschichte und Religion. Er sah genau so aus, wie sich der erkannte. Ich weiß nur, daß dis vermeintliche Untat des Professors Fink während der Pfingstfeiertage der Gesprächsstoff im Städtchen war, daß es, da an diesen Tagen keine Zeitungen erschienen, keine Möglichkeit gab, ihn zu rehabilitieren. Wir haben ihn als Lehrer nicht mehr erlebt, er nahm einen langen Urlaub und ist dann nach einigen Jahren in den Ruhestand getreten. Die Untersuchung verlief im Sande, sie scheiterte an der Phalanx unserer „Kameradschaft", die der errungene „Sieg" gefestigt hatte. Ein anderer, jüngerer Lehrer würde sich über diesen Dummenjungenstreich und über das sinnlose Gestammel, das ihm als „Psingstrede" unterschoben worden war, hinweggesetzt haben. Für Fink aber war es der endgültige Zusammenbruch jener Welt, die er vertrat, die endgültige Gewißheit daß seine Schüler unwiderruflich der Verderbnis verfallen und nicht'mehr zu retten waren. Seine große Gute verlor das Ob,ekt, “ »°-d nimm,-u.d id> - W. (oraen daß das geschieht — dann mag er die Versicherung hinnehmen, dak wir allesamt doch noch recht brauchtbare Mitgliederder menschlichen Eesellschast geworden sind, moderne Menschen vielleicht, aber Menschen auf jeden Fall, die mit ihm eines Sinnes sind, wenn es gilt, ein Doll ,ur sittlichen und sozialen Gemeinschaft zu erziehen. Und ich erhoffe von ihm jenen gütigen Blick des Verzeihens und Verstehens, den nur an ihm in jenen vergangenen Tagen bemerkten, wenn wir ihm wieder einmal besonders heftig zugesetzt hatten. Das schöne Fräulein. (Eine Psingslerinnerung. berühmte kleine Moritz einen Prosessor vorstellt Er trug des Alltag- < _* hr.tv'n ^inlinhpr .'reiertaas aber einen grauen Filzyut, weli ver tzvintier^ br &t aber® neu war. Darunter sah man dann em l ioraenvolles ' altes Gesicht und einen schütteren, wehenden 3ie9en6art bet8 bestrebt schien, einen Kautschukkragen und eine "“ltenzersressene Dauerkrawatte zu verbergen. Im Grunde seines Herzens mochte er die Seele von einem Menschen sein. Seine wasserhellen Augen strah ten jedenfalls, wenn er sich unbeobachtet wähnte, m unendlicher GuteAber der Kampf mit der unbotmäßigen Generation der kleinen Stadt hatte lh eine rauhe Schale verliehen. Er war em grlesgramiger Polter'er. es gehörte gar nicht viel böser Wille dazu, ihn für einen arglistigen Teufel m balten dessen Streben danach ging, UNS alle aus den Gleisen zu werfen Wir bekämpften ihn in entsprechender Weise. Sie hatte m jedem anbcren Fall ihn ins Irrenhaus, uns zumindest aus der schule bringen müssen. Daß beides nicht eintrat, beweist nur, daß er über eine außergewöhnliche Willenskraft und insgeheim über em geradezu unangebrachtes Maß von menschlicher Güte verfügte. Es war nun in unferer Schule alter Brauch und eine große Pfingftfeier zu veranstalten, an der neben Schülern und Lehrkörper auch dis Honoratioren der Stadt und die Eltern der Schuler teilnahmen. Sie wurde verbrämt durch den Vortrag geistlicher Gesänge und brachte als Höhepunkt die Vorlesung einer Art Pfingstpredigt, deren Inhalt, vom Grundgedanken des hohen Festes ausgehend, für gewöhnlich jenen Geist betraf den in die Herzen und Seelen ihrer Zöglinge emzuimpfen Ziel "“ÄmfÄ d. Rede gewesen sein. Später ist man davon abgekommen, sei es weil man wähnte, ein Schüler würde dem Ernst der Zeiten nicht gerecht roerbcn können sei es, weil sich in unserer Generation niemals ber solchen Beginnens Würbiqe gefunden hat. Die Rebe wurde nunmehr von einem Prosessor versaht' und vorn Primus der Oberprima verlesen em Kompromiß, der allen Anforderungen am ehesten gerecht werden konnte. Im Jahre 1919 wurde Professor Fink beauftragt, die Rede zu verfassen, nicht Fink, der Mathematiker/ sondern Fink, der Lehrer für Geschichte und Religion. Er hat sich dieses Auftrages mit Wurde und Geschick entledigt, die Rede war, soweit ich das letzt noch beurteilen kann, vorzüglich gelungen. Das Manuskript wurde unserem Primus — er hieß Lehmann und nicht anders — feierlich überreicht und mit warmen Worten ans Herz gelegt. Und dann konnte das Schicksal seinen Lauf nehmen. Ich weiß nicht mehr, wer damals den höllischen Plan ausgeheckt hat, wahrscheinlich lag er „in der Luft". Jedenfalls wurde beschlossen: das Manuskript am Tage vor der Feier zu stehlen und durch em anderes 3U ersetzen das — ganz und gar in unserem Sinne gehalten war. Der ehrenvolle Auftrag, die Redaktion dieses Pamphlets zu übernehmen, wurde mir zuteil. Ich übernahm ihn mit vor Freude bebendem Herzen, wie ein junger Krieger, dem die Auszeichnung widerfährt, die Fahne feines Regiments tragen zu dürfen. ' Es hak alles „wie am Schnürchen geklappt. Die Aula der Schule war dicht gefüllt mit einer festlichen Menge. Die Vortrage geistlicher Gesänge hakten die richtige Stimmung für das Anhoren der großen Rede geschaffen. Lehmann, der Primus trat bleich, aber mit der Entschlossenheit des ehrgeizigen Strebers auf das Podium. Er verneigte sich und schmetterte unter atemloser Stille den Wortlaut des Textes in den Saal. Die Ausgießung des Heiligen Geistes. Die Ausgießung des Heiligen Geistes... Es folgten bann bie ^>atze, wie sie Professor Fink niebergeschrieben hatte, unueränbert über eine gute Seite lang, ich war klug genug, bem Lehmann einen guten Start zu gönnen, bie Wirkung mußte bann um so größer sein. Wir sahen es alle mit teuflischem Grinsen, als Lehmann das erstemal zusammenzuckte, unsicher weiter lesenb, wir hörten alle bas mißfällige Gemurmel um uns herum, bas Recken und Wenden der Kopse, das grenzenlose Staunen der Prosessoren bot sich unseren lüsternen Blicken, Professor Fink saß bleich und wie vom Schlag gerührt auf seinem Stuhl, er bewegte bie Lippen, aber es kam kein Lauk aus seinem Munde. Lehmann hätte aufhören müssen, er mußte wißen, bah das nicht mehr die Rede war, die er studiert hatte. Aber Lehmann war ein Streber. Es war seine Pflicht, zu lesen und so las er eben, las, las, las — „... die Ausschüttung des Heiligen Geistes ist uns in diesen Tagen ein neues, früher nie geahntes Symbol. Es bedeutet die Abkehr von allen Irrtümern des gestrigen Tages, den Anbruch einer neuen Morgenröte ber Freiheit bes Denkens und Fühlens, unseren Schulern den Beginn einer neuen Epoche, die all ihren Wünschen und Sortierungen gerecht wird, den Lehrern die Verkündung des Grundsatzes, daß es ihre Pflicht nur sein kann, die Schüler gewähren zu lassen, ihnen Freund und Bruder zu sein auf allen ihren Wegen —" Er kam nicht weiter. Dort, wo Professor Fink zusammengesunken auf seinem Stuhle saß, ertönte ein dumpfer, fast tierischer Schrei, und das war nur das Signal für den nun losbrechenden Sturm der Entrüstung, in dem unsere Jubelrufe „Weiterlesen! Weiterlesen!" untergingen. Der Direktor stürzte aufs Podium, riß dem verdutzten Lehmann das Manuskript aus der Hand, um den Prosessor Fink sammelte sich eine Gruppe rotköpfiger, wild gestikulierender Menschen, wie die Sache weiter verlief, weiß ich nicht, denn wir haben schleunigst das Weite gesucht. Von Frank L y s k i r ch e n. Wir feierten Pfingsten mit einem Gläschen Wein, in .hem bescheidenen gjtaüe wie man es jetzt gewohnt ist. Und das Gespräch kam auf die Sitten' und alten Gebräuche, die in einigen Gegenden sich noch erhalten haben um dieses schönste Fest, das eigentliche Fruhlingssest, zu begehen. Der "ergraute Landgerichtsrat strich sich in der Art die wir von ihm kannten wenn er ein Garn spinnen wollte, durch die Haare und erzählte. Ich' bin Rheinländer und habe meine Jugend m einem jener alten Rhe'inftätitchen verlebt, die noch mit Turm und Mauer umgeben sin , und mit ihren altertümlichen Giebeln, ihren Fachwerkbauten und Rebenstöcken noch heute einen solchen Eindruck auf mich machen, daß mir das Lrz übersieden möchte. Ich wohnte mit meiner Mutter zusammen die wegen eines nicht gefährlichen, aber störenden Herzleidens viel zu Bett liegen mußte und dadurch von allem Verkehr ziemlich abgeschlossen “em Ich zählte damals vierzehn Jahre, war ein lang aufgeschossener, kräftiger Junge und trug mit Stolz meine bunte Pennalermutze. Iw Städtchen war ein sehr schönes Mädchen, bas mit ihren alten Eltern vor einigen Jahren zugezogen war. Wegen 'hrer Zurückhaltung, bie ihr als Stolz ausgelegt würbe, hatte man ber jungen Dame den /Spitznamen „bas Fräulein" gegeben. Obwohl sehr w^lhabenb ja reich kümmerte sie sich um bie Vergnügungen und Balle des Städtchens gar nicht und fand ihre Freude darin, alleinstehende alte Frauen und Kranke zu besuchen und in einer stillen Wohltätigkeit und Barmherzigkeit M üben. So war sie auch wie eine fromme Schwester zu meiner Mutter gelommen, hatte ihr besonders des Morgens, wenn sie allem war in emer liebenswürdigen herzgewinnenden Weise wie eine jüngere Freundin die Zeit vertrieben; derart, daß meine gute Mutter sie täglich mehr heb gewann und unruhig wurde, wenn sie an den gewohnten Tagen einmal verhindert war und nicht erschien. War es ein Wunder, daß ich als junger Mensch sie heimlich anbetete und häufiger als sonst etwa in den Ferien zu Hause blieb und Arbeiten vorschützte, während ich früher in die Berge gestreift wäre — lediglich um diese reise Schönheit in ihrer sanften Art sprechen zu Horen, ihre großen blauen Augen zu sehen und ihr gütiges Wirken wie etwas Heiliges ^u emvfinden Lange Geschichten erzählte ich mir, wenn ich allein ging, in denen war das Fräulein die Heldin, und ich tat Wunder des Mutes oder der Aufopferung, nur um mit einem freundlichen Blick bes Fräuleins belohnt zu werden. So ist doch die Jugend. Jede ihrer holden Bewegungen, wenn sie bei meiner Mutter saß und sie pflegte, entzückte mich und wenn sie mich einmal harmlos anredete, wurde ich verlegen, stammelte fast.und flüchtete, sobald ich konnte. — Nun besteht ja bei uns amJKljem nod;l bie alte Sitte bes Psingstbaumstellens: jeder junge Mann stellt dem Mädchen, das er verehrt liebt ober schätzt, “der Pfingstnacht einen »'rkenbaum vor bie Tür. Beliebte Tänzerinnen der Kirmessen haben ost eine Anzahl solcher Stämmchen vor ihrem Hause, und es ist unter jungen Burschen allerhand Kamps um diese Ehrenzeichen. Run nahte sich Psingsten wieder, und ich glaubte, daß das Fräulein bei der großen Zurückhaltung, ja Abneigung gegen alle Art Bekanntschaft" wie wir am Rhein sagen, keinen einzigen Birkenstamm am Pftngst- morge'n vor ihrer Tür sehen würde. Und da ich sie für die Schönste im Städtchen hielt, kam mir das wie ein großes Unrecht vor, und ich beschloß, ihr wengstens einen von mir, der ja eigentlich bei solchen Sachen noch nicht mitreben bürste, hinzustellen. In ber Psingstnacht ging ich in den Walb, holte das Sjüne Siebes« Seidjen wartete ab bis es ganz dunkel geworden war, und schlich mich dann mit meiner Last nach ihrem Hause, das von einem großen, etwas verwilderten Garten umgeben, in den Rheinanlagen gelegen war. -Die Nacht war so finster, daß das weiße Landhaus kaum zu sehen war, der Garten aber in tiefstem Schatten verschwand. Kem Licht leuchtete aus einem Fenster des Hauses, die stille Frühlingsnacht trug bie Stimmen ber Glocken hinüber, bie in den umtiegenben Dörfern bie Mitternacht ver- künbeten Mein Herz war voll von einer bebenben, uneingeftanbenen Liebe ju dem Fräulein, einer Liebe, die ganz wunschlos und rein war. Vorsichtig tastete ich mich auf den verschlungenen Gartenwegen weiter, nun war ich in der Nähe des Haustores, nun richtete ich meinen Baum auf und stellte ihn links neben den Eingang. So schnell wie es bie Dunkelheit zuließ, zog ich mich zurück. Da faßten mich gerabe als ich wieder durchs Gartentürchen schlupfen wollte, zwei gewalttätige Hände, mit einem unterdrückten Fluch wurde ich von einer weit überlegenen Kraft angegriffen, im Augenblick, noch ehe ich versuchen konnte mich zu wehren, überwältigt, mit stummer Wut hochgerissen ein- oder zweihundert Schritt die Rheinanlagen auswärts gezerrt und durcy einen Hausflur in ein mit einer Lampe erhelltes Gemach geworfen, ich sah Bücher auf einem Bücherbrett, zwei gekreuzte Schlager mit einer Mütze an der Wand, lange Pfeifen, Verbindungsbilder, alles in einer Sekunde. — Ich war von dem unerwarteten Angriff, dem stummen Ringen gegen den bärenstarken Gegner und dem verzweifelten Widerstano so erschöpft, daß ich erst nach einer kleinen Weile meinen Ueberroaltiger schreiend, die Männer verweigerten rundweg jede Beihilfe, und im übrigen trieben sie Allotria mit der Angelegenheit, Alles ruhte allein auf meinen Schultern. Da fiel mir zum Glück ein Verwandter ein, ein erprobter Schlachtengeneral, schneidig wie ein Junger -der wohl kaum vor so ein paar Schwänzchen zurückschrecken würde. Und unter Verschweigung des wahren Grundes lud ich ihn andern Tags zum Essen ein. Er kam. Ich hatte mein Möglichstes getan, um ihn in gute Laune zu versetzen. Ich hatte die besten Weine aus dem Keller geholt, ich hatte — Blütezeit der Inflation! — einige Billionen für Austern ausgegeben, und ich hatte einen Kognak beiseitegestellt, dessen Anschaffungswert kosmische Zahlenbegriffe streifte. Das kleine Frühstück verlief denn auch sehr angeregt; der Schlachtengeneral blitzte vor Laune, er gab tollkühne Reiterstückchen aus seiner Jugend zum besten, er machte den Damen den Hof, alles ging gut. Und beim Mokka nebst kosmischem Kognak offenbarte ich, was mir die Seele abdrückte. „Was ist denn da dabei?" meinte er leichthin und setzte mit wahrhaft großartiger Nonchalance hinzu: „Das werden wir gleich haben!" Oh, erlösendes Wort, oh, dreimal gefgnetes Wort! Ja, da hatte ich den rechten Mann berufen! Er amüsierte sich herzlich über meine flehenden Bitten um zarteste Behandlung der Opfertiere, er lachte sich kaputt über die entsetzten Klagen der Damen, und indem er seinen kosmischen Kognak kippte, meinte er zärtlich: „Ein spaßiges Volk, die Frauen!" Er war ganz ausgezeichnet in Form. Ich ließ ihm nicht viel Zeit zur Siesta, diese Schwänzchen mußten sollen, eher kam ich zu keinem Wohlbefinden. Und kaum waren die Zigarren zu Ende, lockte ich ihn in den Garten wo auf verborgenem Tische schon das furchtbare Messer lag und einige trostreiche Zuckerstückchen. Ich hatte auch sonst gut vorgesorgt, hatte den Pudelchen Bindfaden an die Schwänzchen gebunden, da, wo sie fallen mußten, keinerlei Ueberlegung war mehr nötig, nur eine Tat! Die ganze Hundemeute folgte uns, voran die kleinen Delinquenten, die wie die Narren rannten. Ich traute mich ihnen gar nicht in die Augen zu sehen ihnen nicht und nicht ihren Eltern. Pan, der vornehme, würde allerdings diese Verwandlung seiner Abkömmlinge in Hunde von Distinktion durchaus billigen; aber was sollte Bolle von uns denken, wenn wir auf einmal ihren Kindern die Schwänze abschnitten? Und was die Kleinen? Nichts Liebliches, soviel stand fest. Oh Götter, roär’s nur schon vorbei! Und ich wünschte, wie schon so ost in diesen Tagen, die vermaledeiten Schwänzchen vierkant zum Deubel! Die Damen schrien auf, als wir an den furchtbaren Tisch kamen, die Herren machten unpassende Bemerkungen; aber der Schlachtengeneral wiederholte leichthin sein tröstliches Wort: „Das werden wir gleich haben!" _ und schwenkte ab! Er schwenkte nach links zu einem Blumenbeet, wo er sich ausführlich über Rosenzucht äußerte. Er sprach fünfzehn Minuten lang. Dann ging er zu einer Tannengruppe und sprach über den deutschen Wald 25 Minuten lang. Dann schritt er in der Allee aus und ab und erzählte von seinem alten Regiment. 40 Minuten lang. Ich starb tausend Tode vor Ungeduld, aber alle meine leisen Mahnungen tat er leichthin ab mit jenem: „Das werden wir gleich haben!", das mich zuerst so tief beseligt hatte. Ich verstand es mit verzweifeltem Raffinement, seine Schritte immer wieder zum bewußten Tisch zu lenken, aber er ging jedesmal elegant vorbei. Hilf, Himmel, es war kein Zweifel mehr: er versuchte sich zu drücken! Zwei und eine halbe Stunde ließ er mich so zwischen Himmel und Erde bangen, bedenken Sie, zwei und eine halbe Stunde, eine Zeit wie eine Ewigkeit! Und dann zog er seine Uhr und fand, daß es höchste Zeit sei, in die Stadt zurückzufahren. Aber nun hatte ich genug! Ich ließ alle Hochachtung dahinten, und der Betroffene sah sich zwangsweise dem entsetzlichen Tische gegenübergestellt. Er versuchte noch einige Ausflüchte, und er machte es gewandt, das muß man sagen, aber bald erkannte er das Haltlose seiner strategischen Lage, und da sagte er etwas sehr Merkwürdiges; er fugte: „Diese armen, kleinen Tiere! Wie brutal das heutige Frauengeschlecht ist!" Dieser Ausspruch, aus seinem Munde und auf mich angewandt, weckte große Heiterkeit; und das nahm er krumm. Gott fei Dank, er wurde wütend, ein guter, brauchbarer Männerzorn stieg in ihm auf und trieb zu Taten. Und ehe auch nur einer von uns sich dessen versah, vermutlich ehe er selbst es glaubte, hatte er die Kleinen ergriffen, die zwischen seinen Füßen mit aroßem Getöse Fangen spielten — das Messer zuckte — zwei recht schwache Klagelaute, der Dritte sand es überhaupt nicht der Mühe wert, sich zu äußern, und ehe das längst fäUige Wehgeschrei der Damen losbrach, saßen die Pudelchen wieder auf der (Erbe. Die Hundemutter stürzte herbei, um die nicht einmal blutenden Wunden zu lecken aber sie tarn nicht recht dazu; denn die Patienten nahmen augenblicklich das unterbrochene Spiel wieder auf, rasten zwischen den Beinen ihres Henkers hin und her, kollerten übereinander und bissen sich wie kleine Banditen. Und ihre verkürzten Schwänzchen wedelten, froh wie der junge Morgen! Ich stand recht verblüfft! War das nun alles? Darum all die schlaflosen Nächte, all die Unruhe, oll die Sorgen, darum all diese Tage voll heimlichem Leid? Ich kam mir außerordentlich lächerlich vor. Immerhin, es war vorbei! Ach, es war vorbei! Und eine Last fiel mir vorn Herzen. Hatte die Sonne heute vormittag auch schon so strahlend geleuchtet? Oh, und wie blau der Himmel war! Die Amseln fangen, die Birken wehten in der warmen Luft, und aus den Wäldern herüber kam der süße Dust des Seidelbast. Gab es etwas anderes als Fröhlichkeit auf der Well? ' Aber am Tische, sichtlich mitgenommen, lehnte der Schlachtengeneral. Er stimmte nicht mit uns ein, nicht in die Jubelruse der Damen, nicht in bas homerische Gelächter ber Männer, nicht in meine herzinnige Fröhlichkeit Das Messer noch immer in ber Hanb, starrte er geistesabwesenb auf feine Strecke, die in Gestalt dreier schwarzwollenen Schwanzftllckchen vor ihm tag; dann hob er einen blassen Blick zu mir auf und sagte mit einer Stimme, die jeder Festigkeit entbehrte: u ,,©ib mir mal einen Kognak, mein Kind, aber ein bißchen hurry!" Wir starrten uns sprachlos an, er zuerst in bissiger Wut, bann eher «legen Ich mindestens ebenso verblüfft. Das war ja der junge Heidelberger Medizinstudent, der sich hier am jAein einige Monate eingemietet hatte, um für das Staatsexamen zu «beiten ein honoriger Junge, von uns Gymnasiasten angeftaunt wegen | nes männlichen forschen Wesens. Ein Urbild von Kraft und ruhig über- l9et@'m Pennäler!" sagte er zuerst tonlos, „wahrhaftigen Gott ein Pendler! Weshalb in aller Well stellst du gerade dort einen Maibaum auf, Wnge, Säugling, weshalb?" , Ich berichtete wahrheitsgemäß, erzählte etwas emgeschuchtert zuerst, c er dann wieder mutig, denn der Teuselszorn schien aus den Zügen des fcubenten ganz verschwunden und die besten Geister rheinischer Lustigkeit Welten um seine kräftigen Lippen. Ich erzählte, wie das Fräulein die ü utter so rührend pflege und so schön sei, deswegen habe ich den Baum oi fgeftellt. Der Student nickke: „Nimm mir den Angriff nicht übel, mein ;inge es sollte dir ja nichts geschehen, es ist sozusagen eine Verwechslung, 6 er erzähl weiter, erzähl das nochmals von dem Fräulein!" Er lud mich zum Sitzen ein, und ich war sehr stolz, mit dem berühmten fcubenten wie mit einem Freunde zusammenzusitzen; wenn das die andern shen würden, dachte ich. Und so saß ich und erzählte von dem schönen ftäulein, und es mag von meiner Nachtigallensehiffucht auch wohl einiges i meine Rede geklungen waben. Der Student hörte zu, lächelte zu meinen uferlosen Geschichten und tnnbte sie immer roieber auf bas schöne Fräulein. Alles wollte er wissen, r e lange sie hier wohne, was sie tue und lasse, ob sie viel gefeiert werbe, nnn sie zu meiner Mutter komme, wie oft, zu welchen Stunben, wie tage sie bleibe. Dabei ging er in bem Zimmer auf unb ab, unb als ich si,wieg, strich er mir einmal leicht über bas Haar unb sagte leise, fast tmnte 'man sagen scheu: „Nämlich, an bie rechte Seite bes (Eingangs i ber weihen Villa drüben, hatte ich, ehe du kamst, meinen Pfingstbaum a sgepflanzt. Als ich gehen wollte, kamst du, ich konnte dich nicht erkennen mb geriet in Zorn, daher mein Ueberfall, den du mir verzeihen mußt!" Ich nickte nur, ganz verwirrt und schwieg. Da fuhr der Student fort: „Deine Frau Mutter ist herzleidend? Wer behandelt sie?" Ich antwortete, daß wir uns recht einschränken müßten und daher mit dir ärztlichen Behandlung noch gewartet hätten. Mein neuer Freund d: chte eine kleine Wette nach, dann sagte er verhalten: „Sag mal, mein Junge vielleicht erlaubt deine Frau Mutter, daß ich sie einmal besuche. 3t, habe schon oft als Arzt vertreten und kann ihr wohl helfen!" Mir kam diese Aussicht sehr herrlich vor, und ich bat ihn, zu kommen, itp wüßte daß die Mutter sehr einverstanden fein würde. Am Pfingsttag erschien er wirklich, bemühte sich sehr um meine I utter, und heute muß ich sagen, daß ihre Besserung und Heilung diesem Umgreifen zu neun Zehnteln zu verdanken war. Die ersten Male stellte er sich zu einer Stunde ein, an der das Fräu- lii:n nicht zu erwarten war; aber nachdem die ärztlichen Verordnungen clledigt waren legte er ihr, wie mir nach Jahren meine Mutter erzählte, cngehend seine Verhällnisie dar und bat sie, seine Fürsprecherin bei dem {-äutein zu sein, das er verehre. Meine Mutter erkundigte sich nach ihm, 11 tam bie besten Auskünfte, unb so fügte es sich, bah er feinen brüten fefud) so einrichtete, baß bas Fräulein eintrat, als er noch am Krankentitte weilte. So trafen sich bie jungen Leute noch mehrmals. Das mannhaft ritter- lche Wesen bes Stubenten machte sichtbaren Einbruck auf bas schöne ftiiulein, unb ehe er unsere kleine Stabt im Sommer verließ, waren bie buben fürs Leben einig geworben. Und ich mußte mir eine neue Helbin naeiner harmlosen Jünglingsträumereien suchen." Histone von den drei Schwänzchen. Von Sofie von U h b e. Pfingsten ftanb vor ber Tür, Pfingsten, wie es sein sollte: mit ver- ii-ehtem Vettchenbuft in ben Wiilbern unb mit süßem Amsellieb in ben bljonnten Gärten. Das gelbe Haus tag festlich unter bem ersten, grünen Schleier ber Birken und klang vor lauter Fröhlichkeit. Unb boch gab’s ba noch etwas, was mir ein wenig vor ber Sonne flnnb unb was vor ben Festtagen noch aus der Welt geschafft werden nmßte so oder so. Eine Kleinigkeit nur ober sagen wir besser brei Kleinig- fiiten,' aber sehr ftörenber Art, mit benen es mir ging, wie es einem mit di in Zahnarzt zu gehen pflegt: ist man einmal dort, ift’s rasch vorbei, a-'er man geht nicht hin! m v m Wirklich es war eine peinliche Sache: mein tüchtiger Pubel Pan unb |( ne kleine'Frau Bolle hatten mir brei Pubelkinber geschenkt, prachtvolle, jc«varze Teufelchen, bie sozusagen ben Championtitel schon in ber Tasche trugen wie sich bas von selbst verstaub bei solcher Abstammung. Aber sie Hullen' was kleine Pubel eben zu haben pflegen, ehe bie „verschönernde" fnnö des Menschen eingreift: sie hatten viel zu lange Schwänze, höchst ihgerlidje, seitlich nach oben gedrehte Ruten, die nach Kupierung schrien! tnb hieraus erwuchs mir ein peinliches Dilemma. Denn das konnte ich ihren unbescholtenen Ellern nicht antun, daß ich si>- so durchs Leben gehen ließ. Ich konnte es auch mir nicht antun, mein Sinn für Linie revoltierte, obgleich eine innere Stimme fragte, warum dir Hund nicht so am besten sei, wie die Natur ihn schuf? Aber Pudel gl hören nun einmal kupiert, vor allem solche Anwärter auf Ausstellungs- r hm, und höchste Zeit war's auch, sollte die kleine Operation möglichst Iqimerjlos abgehen. Aber mich beseelte ein tiefes Grauen vor dieser Sache, das Mitleid niit den kleinen Burschen fraß mich auf, und die lächerliche Angelegenheit oirfolgte mich bis in meine Träume. Zehnmal am Tage nahm ich einen Anlauf und zog das Rasiermesser ab, und zehnmal warf ich's beiseite und jc?wor, daß diese drei Schwänzchen unverkürzt blühen und gedeihen sollten b* an aller Tage Abend. . Eine höchst fatale Sache, unb niemand kam mir zu Hilfe nicht einer Din bem bereits rechi zahlreich erschienenen Hausbesuch. Die Damen diückten unter lautem Klagen bie kleinen Opfer an sich und entwichen mit großen der Bruder Apothekers Oie Versuchung des Pescara. Novelle von Conrad Ferdinand Meyer. (Fortsetzung.) Jetzt meldete der diensttuende Page, ein zarter Knabe unschuldigen Augen, ein Enkel des Arztes Numa Dati und der von Del Guasto zerstörten Julia, den Besuch eines namens Baldassare Bosi aus Orvieto, welcher mit einem Paket im Borzimmer stehe und sich durchaus nicht abweisen lasse. Er sei bei dem Großvater abgestiegen, der dem Gaste diesen Zettel für die Erlaucht gegeben habe. Der Knabe überreichte das Papier, auf welchem mit verbitterten Zügen „Morone" geschrieben stand. Pescara besann sich einen Augenblick. „Weiß der Fremde die Gegenwart der Herrschaften?" fragte er den Pagen. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch, und Steindruckerei, Lange, Gießen. Menschlichkeit über dem Dunkel ihres verdienten Sturzes. Wenn ich Größte wage und von dir das Größte fordere, werde ich in diesem heiligen Augenblicke so lächerlich (ein, einen Vorhang zu heben, wie ein betrogener Ehemann, der den versteckten Buhlen seines Weibes sucht? Nein, ich gebe mich preis! Höre mich an, und dann überliefere mich dem Blocke, wenn du darfst!" „Das ist nicht klein", sagte Pescara ohne Spott und fügte dann zweifelnd hinzu: „Ob ich dich höre? Meine Neugierde ist rege, das be- kenne ich, und einem so heroischen Menschen darf ich doch nicht einfach die Türe weifen. Zuerst aber saget mir, Kanzler: habe ich Euch oder Eurem Fürsten Grund oder auch nur den geringsten Anlaß gegeben, meine Feldherrntreue. zu beargwöhnen!" Der Kanzler verneinte. „Viel Unwahres wird geredet: die Majestät habe mich schlecht belohnt, und ich soll dieses schwer empfunden haben. Fußet Ihr auf diesem Undanke des Kaisers und auf diesem Grolle Pescaras, so tut, keinen Schritt weiter: Ihr würdet in den trügerischen Boden versinken." „Da fuße ich nicht." „Oder ermutigt Euch jene öffentliche Rede Italiens, die mir schmeichelt und mir droht, mich verherrlicht und verdächtigt? Diese italienische Meinung ist eine heimtückische Mache. Sie soll mich in Madrid entwurzeln und in Italien vergewaltigen. Ich habe vorgebeugt und die arglistigen Schriften wie in einen Käsig eingesperrte Schlangen dem Kaiser überliefert. Habet Ihr Eure Finger auch in dieses Gift getaucht, Marone? Der Kanzler erbleichte. „Bei den Göttern der Unterwelt, daran trage ich keine Schuld!" rief er aus. „Du willst mich nicht überlisten, Kanzler, so willst du mich überreden?" „Nein." „Was denn?" „Ueberzeugen." , ~ _ „Das Beste. Aber es wird Zeit kosten. Setzet Euch, Kanzler! Er rückte mit rascher Bewegung zwei Stühle, und jetzt saßen sie sich gegenüber, Morone mit vorgebogenem Leib und Knie, während der Feldherr nachlässig zurücklehnte. m . „Pascara, welches ist die schönste deiner Schlachten, das Wunder der Kriegskunst?" Der Feldherr gab keine Antwort, da sich diese von selbst verstand, aber er tat einen leichten Seufzer. „Und was hat der Kaiser aus deinem Siege von Pavia gemachte Ein Blitz fuhr aus dem grauen Auge Pescaras. „Er hat ihn ver- stümpert", murmelte er. . „Du gabst ihm einen erbeuteten König und Karl weiß nichts mit ihm anzufangen! Er preßt ihn wie ein Wucherer. Er verlangt Vielfältiges und Unmögliches statt des Möglichen und Einfachen. Verzichte auf Italien, Bruder, fo hätte ein großer Sieger zu König Franz geredet, das ist dein natürliches Löfegeld, und das kannst du, ohne deinem Frankreich wehe zu tun. Verzichte und ziehe!" Pescara lächelte. Du bist ein gefährlicher Mensch, Morone, wenn du Gedanken errätst. Aber nicht ich, du hast ihnen Worte gegeben. Ich habe nichts gesprochen." „Ich danke dem Kaiser!" fuhr der Kanzler begeisternd fort. „Er hat die Siegesgöttin von Pavia beleidigt, und sie kehrt zu dir, mein Pescara, zurück! Nicht nur für, auch gegen die Fremdherrschaft vereinigt. Sie hat ihm feinen Feldherrn gezeigt. Mein Pescara, welche Stemstellung über dir und für dich! Die Sache reif und reif du selbst! Eine entscheidende Zeit, ein verzweifeltes Ringen, Götter und Titanen, Freiheit sich ausbäumend gegen Zwingherrschaft, die Welt heute noch Bewegung und Fluh, morgen vielleicht zur Lava erstarrend! Und eine Tat, die für dich bereit liegt und zu welcher du geboren wurdest! Zuckt dir die formende Hand nicht, danach? Ein vernünftiges Werk, eine ewige Gründung! Blick' auf die Karte und überschaue die Halbinsel zwischen zwei Meerfarben und dem Schnee der Gebirge! Befrage die Geschichte: ein lebendiges Geflecht, oft gewaltsam zerrissen und immer wieder zusammenwachfend, von Republiken und Fürsten, mit zwei alten Feinden, zwei falschen Ideen, zwei grausamen Chimären, Papst und Kaiser! Siehe den ausgestreckten Finger Gottes, daran sich eine neue Menschheit emporrichtet: eine sich selbst regierende und veredelnde Menschheit ohne höchstes Amt, weder weltliches noch geistliches, ein Reigen frei entwickelter Genien, ein Konzert gleich- beredjtiger Staaten —" Pescara ergriff den beschwingten Redner am Arm, als wollte er ihn festhalten. „Fliege mir nicht davon, Girolamo!" scherzte er. Dieser riß sich los und: „Laß dich nicht hindern an diesem göttlichen Werke", rief er, „durch abergläubische Vorurteile und veraltete Begriffe, die weder in deinem Kopfe, noch in deinem Herzen, noch in der Natur der Dinge sind. Ich kenne dich, Pescara: du bist ein Sohn Italiens und wie dieses erhaben über Treue und Gewissen!" „Ihr seid doch ein lasterhaftes Geschlecht, ihr Italiener, lächelte Pescara. „Aber du machst dich größer im Bösen, als du bist: denn diese Weisheit kommt nicht von dir, sondern euer Dämon, der Florentiner, hat sie dir eingeblasen. Lebt er noch?" Der Kanzler wußte, wen Pescara meinte. „Er darbt, vergessen und verachtet", erwiderte er mit Beschämung, „unser größter Geist." „Verdientermaßen. Es gibt politische Sätze, die ihre Bedeutung haben für kühle Köpfe und besonnene Hände, die aber verderblich und verwerflich werden, sobald sie ein frecher Mund ausspricht ober eine strafbare Feder niederschreibt. Doch das sind Allgemeinheiten, und alles käme auf die Anwendung an. Wie denkst du dir zum Beispiel, Kanzler,, das Tatsächliche meines Verrates?" (Fortsetzung folgt.) „Ich denke nicht, Erlaucht", antwortete dieser. „So führe ihn ein, aber erst, wann ich rufen werde." Jetzt wendete er sich rasch gegen den Herzog. „Hoheit muß mir einen Gefallen tun. Da Sie für möglich hält, daß der Kanzler von Mailand mit konspirieren will, würde ich gegen die gewöhnlichste Vorsicht fehlen, wenn ich den Menschen, der draußen steht, ohne Zeugen mit mir reden ließe. Ich muß solche haben, zwei höchst glaubwürdige Zeugen, wo nicht unserer Gesichter, doch eines jeden unserer Worte, damit nicht der Argwohn von Madrid, noch die Eifersucht unfers Leyva, noch" — er dämpfte die Stimme — „jener Verderbliche, mit welchem Ihr geritten seid, Don Juan, und der unter dem Vorwand einer Botschaft des Vizekönigs mich hier umlauern soll, Grund finde, mich, ich jage nicht des Verrates, sondern nur eines falschen Schrittes zu bezichtigen. Hören aber will ich den Kanzler, der mir in feiner Torheit und Leidenschaft die Pläne und Mittel des Feindes enthüllen wird. Er kann es wie kein anderer. Unter dem Zwang dieser Umstände laffe sich Hoheit herab, den Lauscher zu machen. Und Ihr, Del Guasto, leistet der Hoheit Gesellschaft. Er schritt auf einen schweren roten Vor- Ämit goldenen Quasten zu, dessen breite Falten den Eingang in ebenzirnmer bis auf die Schwelle nieder verbargen und den er jetzt auseinanderschlug. „Hier ist Hoheit aufgehoben", sagte er. So sehr den Herzog das würzige Abenteuer lockte, stand er doch einen Augenblick unschlüssig. „Aber wenn Morone die Decke hebt?" fragte er, und der Marchese erwiderte: „Das wird er nicht. Keine Besorgnis. Ich stehe dasür." Del Guasto blähte die Nüstern vor Wollust. Er rückte einen Schemel für den Herzog, hinter dessen Schultern er Stellung nahm als der zweite Lauscher. Der rote Vorhang zog sich zusammen. Pescara aber fühlte sich von dem Pagen Ippolito umschlungen, der an ihm emporflüsterte, mit Tränen in den Augen: „Es ist kein Apotheker mehr, sondern ein Zauberer in langen schwarzen Gewändern mit einem Talisman auf der Brust und einem schrecklichen Gesichte!" „Furchtsamer Junge! Bring' ihn!" „Da ist er schon!" schrie Ippolito und flüchtete sich. „Ihr, Morone? Und im Staatsgewand? Doch von der Reise erhitzt, wie ich sehe. Eure drei Masken haben Euch wohl den Atem benommen?" Morone atmete schwer und hörbar. Schweißtropfen quollen ihm auf der Stirn. Er stand wortlos. „Was bringt Eure Weisheit?" fragte der Feldherr mit ernsthaften Augen und empfing von dem Stammelnden keine deutliche Antwort. Nach einer Pause ergriff Pescara mit spielender Hand die Münze, welche der Kanzler an einer schweren goldenen Kette auf der Brust trug. „Ein Lionardo, Kanzler? Und wen stellt er dar? Den Mohren? Ein geistvoller Kopfl" Aber selbst an seinen geliebten Herrn vermochte der Kanzler nicht anzuknüpsen, so völlig war er außer Fassung. Da begann der Feldherr ohne weitere Einleitung: „Euer Herzog, Morone, wünscht günstigere Bedingungen? Es könnte Rat werden, sobald mich die Hoheit von ihren guten Absichten überzeugt haben wird. Nehmen wir einmal mein Ultimatum Punkt um Punkt miteinander durch." Er trat an den Tisch und suchte ein Papier. Nun empfand er einen heißen Atem an der Wange, und ein Geflüster füllte sein Ohr. „Pescara", keuchte es, „nicht darum handelt es sich, sondern Italien gibt dir sein Heer!" „So ist es gut", erwiderte der Feldherr, ohne den Kopf zu drehen. „Es unterwirft sich dem Kaiser?" Da schrie es hinter ihm: „Nicht dem Kaiser, sondern dir, wenn du von ihm abfällst!" „ ... Jetzt wendete sich Pescara gegen den Tollkühnen und. drohte mit feindseliger Gebärde: „Du rasest! Ich weiß nicht, was mich adhält, dich zu ergreifen und aus dem Fenster zu werfen!" Der Kanzler blieb furchtlos und schrie zum andern Male mit flammenden Augen: „Diese Stunde bietet dir deine Größe, Pescara! Laß sie nicht vorüber! Du würdest es bereuen! Du würdest daran sterben!" „SU Wie du schreist! Wenn man lauschte! hinter diesem Vorhang ... wenn ich selbst ... hälft du mich dessen für unfähig? Ueberzeuge dich doch und hebe die Decke!" Morone war wieder völlig im Besitze seiner selbst, nachdem er die Scham und den Schreck der ersten Worte überwunden hakte. „Pescara", sagte er, „ich habe stets gesunden, daß der Schlaueste und am meisten Argwöhnifche endlich doch an eine Stelle tritt und an einem Abgrunde steht wo er trauen und glauben muß. So der Valentina mit dem Rovere, so mein geliebiester Herzog der Mohr mit feinen Hauptleuten und Schweizern." „Beide wurden verraten, Morone!" „Ja, Pescara, aber der feine Mohr und der ruchlose Borgia, beide gingen sie vertrauend unter, und das war ein heller Schimmer von N 9 il <1 i i gebi nod ich bas als ha: bin wij tra 3h bal lin öei in toi da 9t' Ich an 'bi Si an Ul ar 6l all Ji hi Sl h Ur et tö fir tri 5 bi dl Ä to