GietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <951 Montag, den 2|.Dezember Nummer |00 Weihnacht. Von Elisabeth Dauthendey. Ein Augenblick im Meer der Zeiten, In dem die stillen Stimmen tönen. Die sonst der Tag verdeckt mit seinem lauten Schrei. Der Augenblick, in dem die Kerzen brennen. Die heil'gen Kerzen, die der Liebe leuchten. Da sedes Herz es ahnt, was Friede sei — In dieser Stille zwischen heut und morgen. In dieser Handvoll weniger Minuten Besinnt der Mensch sich aus sein tiefstes Glück: Lauscht auf die leise Melodie der Liebe — Und geht dann neu zu seinem Tag zurück. Oie Krippe. Eine Weihnachteerinnerung. Von Herbert von Hoerner. Was ich hier erzähle, ist keine Kriegsgeschichte. Es geht um etwas anderes: um die Kunst, ihr Wesen, ihr Schicksal. Man muß zuweilen große Worte gebrauchen für eine kleine Sache. Und man muß auch manchmal von sich selber reden. Aber nun möchte ich mit der Erzählung anfangen. Das Jahr 1919. Der Krieg war für Deutschland zu Ende, wenigstens in seiner gröbsten Form. Bei uns im Baltenlande ging's da erst" recht los. Es ist hier nicht nötig, die recht verwickelten politischen und militärischen Verhältnisse jener Zeit und jenes Stückchens von Europa klarzulegen. Kurzum, ich war Soldat. Baltische Landeswehr. Wir hatten vor uns die Bolschewiken. Ich führte als Fähnrich einen Zug und betreute mit ihm eine kleine Feldwache, irgendwo da oben in Lettgallen, nicht weit von der Düna. Wir lagen in den Häusern kleinrussischer Bauern. Die paar Gehöfte waren kaum ein Dorf zu nennen. Außer unbedenklichen Patröuillen-Plänkeleien gab’s längere Zeit keine Gefechte. Der Abstand zwifll-en den Fronten, unserer und der des Gegners, betrug an dieser Stelle mehrere Kilometer. Wir ließen uns mal gegenseitig eine Weile in Ruhe. Und so kam Weihnachten, in Schnee und Stille. Weihnachten als Soldat im Felde. Aber ich will nicht von dem Abend erzählen, sondern von der Wacht. Ich wohnte mit einem Kameraden zusammen, der Unteroffizier war. Uns beiden gehörte die Hälfte einer Bauernstube und wir hatten sogar etwas ähnliches wie Betten. Durch einen Vorhang von uns getrennt, lebte die ganze Bauernfamilie, ein Elternpaar, eine alte Großmutter und viele kleine Kinder. Sie schliefen teils neben, teils auf dem Ofen. Und alle aßen viel schweres, schwarzes Brot. Ich hatte beschlossen, nicht zu schlafen, weil ich vorhatte, für die Kinder eine kleine Weihnachtskrippe zu bauen. Das Material dazu hatte ich mir besorgt. Es bestand aus einer Zigarrenkiste, dünner, weißer Pappe, Draht und Faden, Silberpapier (von Zigaretten), Messer, Schere und einem kleinen Malkasten. Ich glaube, für eine gewisse Art von schöpferischem Willen (man verzeihe mir das große Wort) ist das Material immer da. Es findet sich. Wie ich überhaupt glaube, daß unsere innere Einstellung es ist, die die Dinge der Außenwelt an uns heranzieht. Also i chhatte alles Nötige, um mit meinem Werk zu beginnen. Dem Kameraden, der in dieser Nacht der Wachhabende hätte sein müssen, sagte ich, er könne sich ruhig schlafen legen. Ich würde wachen und die Posten revidieren. So konnte ich ohne Eile beginnen. Denn die Nacht vor mir war ja noch lang. Ich baute also aus der Zigarrenkiste den heiUgen Stall. Dann zeichnete und malte ich auf die dünne weiße Pappe jene Figuren, Mensch und Tier, die zu einer Krippe gehören. Auch Stern und Engel fehlten nicht. Das schnitt ich dann mit der Schere aus und brachte jedes an feinem Plaß an, wo es grab hingehörte, in den Stall oder davor. Stern und Engel schwebten am Draht darüber. Wohl viele Stunden habe ich daran gearbeitet. Und währenddessen schliefen in demselben Raum die vielen Menschen: der Kamerad und die ganze Bauernfamilie. Ein Petroleumlämpchen gab Licht genug. Die Luft war dick vom Dunst der Schläfer. Es ist etwas sehr Seltsames, der einzige Wache unter vielen Schlafenden zu fein. Man wird sich selbst dabei ganz feierlich. Einmal ging ich hinaus und sprach mit dem Posten. Da war nichts zu sehen als Schnee und Sterne. Ich hätte gern einen Wolf heulen gehört, aber es tat mir keiner den Gefallen. Gegen Morgen war ich mit meiner Krippe fertig. Ich wußte nicht, ob die Kinder für meine Gabe Verständnis haben würden. Vielleicht würden sie gar nicht einmal erkennen, was es fein sollte. Und ich wollte mich nicht mit jenem Satz trösten, dessen Wahrheit ich stets anqezweiselt habe: daß der Künstler ja für sich selber schaffe. Da ich nun doch recht müde war, weckte ich den Kameraden und schlief noch ein paar Stunden. Zum Frühstück gab es ein Geschenk der Bauern: weißes Brot. Etwas zaghaft kam ich mit meiner Krippe an und stellte sie vor den Kindern auf. Was ich aber nicht erwartet hatte: nicht die Kinder bemächtigten sich des Spielzeugs, sondern die Erwachsenen. „Ganz wie in unserer Kirche", sagten sie. „Unsere Kirche ist ja zerschossen. Da stand zu Weihnachten sonst immer solch eine Krippe. Und nun haben wir die Krippe im Hause." Das war für sie kein Spielzeug, das war ein heiliger Gegenstand. „Annuschka! (so hieß die Achtjährige) Annuschka, lauf zum Onkel, lauf zur Tante! Sag ihnen, sie sollen kommen, sich etwas Wunderbares ansehen!" Und Onkel und Tante tarnen, und es tarnen noch mehr, aus den benachbarten Häusern, Männer und Frauen, alte und junge. Mein Kripplein tarn zu Ehren, die mich sehr demütig machten. Das, was ich da zufammengebastelt hatte, war fein Gegenstand für Ausstellung, Kritik und Kunstbetrachtung. Nichts für's Museum. Nichts für Kenner. Aber für die Bauern in ihrer Stube war es was. Es nahm an ihrem Leben teil, es bekam Leben durch sie. Denn die Gabe lebt vom Empfänger. Und mir ist, als wäre ich dem großen mütterlichen Herzen der Frau 'Kunst nie so nah gewesen wie damals mit meinem Kripplein. Oie schönsten drei Christbäume. Erzählung von Rudolf von Delius. „Und nun sagen Sie uns, verehrtestes achtzigstes Geburtstagskind, welches war Ihr schönster Chrlftbauin in Ihrem reichen, so gesegneten Leben?" Diese Frage tat am Pereinsstammtisch der Schriftführer, zu dem greifen Vorsitzenden gewandt. Der Achtzigjährige lächelte, überlegte sich einige Minuten und begann: „Aus dieser ungeheuren Fülle von Christbäumen, die ich erlebte, und die meinen Lebensweg bunt und heiter umflimmerten, möchte ich doch drei herausheben. Aber gerade diese drei waren keine richtigen Christbäume: das Geträumte, Unerwartete, Seltsame gibt eben doch bas stärkste Erlebnis." „Ach bitte, erzählen Sie!" riefen alle, und der Greis fuhr fort: „Ich halte das Glück, in einer kleinen Stadt aufzuwachsen, wir Kinder wurden nicht überreizt durch zu viele Eindrücke, wir konnten uns noch leiben* ghaftlich freuen auf etwas ganz Schlichtes. So hieß es einmal in ber bventzeit, es solle im Rathaussaal eine große Armenbescherung flott« finben mit einem riesigen Christbaum. Ich kannte den alten gotischen Saal und stellte mir nun in feuriger Phantasie vor, wie eine ganz hohe Tanne im Lichterglanz dort wirken müsse. Aber wehe, dicht vor dem bestimmten Tage werde ich krank, fledernd mußte ich zu Bett liegen, alle gingen ins Rathaus, nur das alte Kindermädchen war in der Küche. Meine Augen glühten, alle meine Sinne dachten an den Riesenchristbaum. Da plötzlich läuteten die Glocken, Tränen traten mir in die Augen, ich war im Geiste bei den Meinen und betrat mit ihnen den Saal. Und da sah ich nun bei geschlossenen Augen in der Fleberphantasie einen so Überirdisch blendenden Weihnachtsbaum, wie sonst nie wieder im Leben. Die Lichter lebten und bewegten sich wie strahlende Engel, alle Süße ber Märchenwelt war hier vereinigt unb zugleich bie stille Hoheit bes Heiligsten. So schuf sich bie frische, starke Kinderseele selber ihr Ideal, ihre Wunscherfüllung. — Zur Erholung durste ich eine Tante im nahen Gebirge besuchen. Ich kam abends an, doch es war mir unmöglich einzuschlafen, da hörte ich ein leises Wehen und bann ein zartes Rieseln, es schneite wohl, bas beruhigte mich so wonnig, ich entschlummerte, boch um Mitternacht erwachte ich wieber, es war totenstill, ba schlüpfte ich aus dem Bett unb öffnete bas kleine Fenster, bie Sterne funkelten unb gerabe vor mir stand eine Tanne, einsam unb majestätisch, auf den schwarzen Zweigen schimmerte der Schnee; bie Sterne sah man überall, es war, als huschten manche zwischen den Aeften, die Nachtbläue wölbte sich so endlos selig, ich mußte meinen vor unklarer, drängender Wonne, mir war als feiere die Natur und Gott selber jetzt Weihnachten. — Unb ber britte schönste Christbaum? Ja, der wurde mir am letzten heiligen Abend von einem lieblichen, kleinen, blonden Fräulein gebracht, von meiner Urenkelin, sie halte den Schmuck ganz alleine verfertigt, die Fünfjährige, doch alles war finnig unb zart gebacht unb so fein aufmerksam. Die Freude an einer heranblühenden Mädchenseele machte mir dies winzige Bäumchen zu einem der beglückendsten meines Lebens." chtunaen, wo er, wie im „Quintus des Festes gedenkt. Ein besonderes Stille Nacht. Don Ludwig Bäte. Kling' wieder aus, du heiligstes der Feste, dreist weit die Sternenschwingen, stelle Nacht! Verlösche du des schalen Alltags Reste, halt' wieder über deinem Volke Wachti Wir brauchen dich, du Licht der Höhe, da unser Herz mit tausend Schmerzen geht, wir brauchen dich für feiges Ach und Wehe, für unsre Welt, in der nichts fest mehr steht. Bau wieder deine goldnen Himmelsstraßen tief in den Lärm der wirren Menschengassen, du Licht, um das der Atem Gottes wehtl Deutsche Dichter der Weihnacht. Von Dr. Friedrich Spreen. Weihnachten im Zirkus. Von Paul E i p p e r. * Der Artist hat zwei Tage im Jahr bestimmt spielfrei, wenigstens solange er in Deutschland arbeitet. Einmal den Karsreitag und dann den Heiligen Abend. Aber wer nun glaubt, an diesen beiden Tagen herrsche im Zirkus ein „süßes, verträumtes Nichtstun", der irrt stch in gleichern Maße, wie sich eben fast alle bürgerlichen Menschen über die „Welt der Fahren- den" tauschen. Das haben die romantisch unwahren Zirkusromane und die irreführenden Zirkusfilme auf dem Gewissen, und mir entsteht die nicht sehr dankbare Ausgabe, festzustellen, daß der Zirkus etwas ganz anderes etwas viel Gestufteres und gar nicht so sehr zigeunerhaft Abenteuerliches ist Wie könnte sich auch sonst ein Unternehmen in der heutigen Zeit lebenssähig halten, das für so viele Existenzen, weiße und farbige Menschen, immer hungrige und wertvolle Tiere, kostbare Apparate, Zelte und Wagen zu sorgen hatl _ „ Der Heilige Abend gehört den Vorbereitungen für die beiden Weih- nachtstaqe, an denen zusammen viermal gespielt wird und die jedem Zirkus volle Häuser fast garantieren. Denn immer noch wünschen sich aber tausend Kinder zum Christtag einen Zirkusbesuch. Die Direktion verlangt daß am Heiligen Abend jede Ecke in Stall und Zelt blitzblank und sauber sei, daß Tier und Mensch in Gala funkeln. Ich saß an einem Sommerabend oben in Norwegen unter Zirkusleuten in der Kantine. Seit Stunden drohte ein Gewitter am Himmel, wir hatten bei der Schwüle alle entbehrlichen Kleidungsstücke ausgezogen und tranken eisgekühlte Zitronenlimonade. „Arme Jungens . sagte ich xu den Clowns und fächelte mir mit einem Programmheft Kühlung zu, jetzt müßt ihr euch schminken und die dicken Kostüme anziehen, springen, Akrobatik treiben. Wo doch schon das ruhige Sitzen eine Anstrengung ift" Da schmunzelte der Tigerdompteur, der — ein baumlanger Hamburger — niemals viel sprach, und sagte: „Wir waren doch in Südamerika vergangenen Winter." Eine Weile stockte die Unterhaltung, und ich hatte den leisen Verdacht, als sei es den Männern zum Reden doch zu heiß. Aber es hatte einen anderen Grund, sie waren allesamt mit ihren Gedanken beim letzten Gastspiel, in den Tropen. Und auf einmal begann der Direktionsstellvertreter zu erzählen. „Wahrhaftig, diese mmpigen 34 Grad im Schatten sind gar nichts. Wir waren wahrend des Dezember in Brasilien, mitten im Land, und hatten langsam sogar die Lust vers loren, am Thermometer die immer weiter steigende Hitze abzulesen. Dabei glänzender Besuch, zweimal ausverkauft, jeden Tag. Die Farmer -amen meilenweit von ihren Ranchos zu uns geritten, ganze Kawalkaden brausten wickeln. Auch für die gespenstische Stimmung des „Meister Floh ist die Weihnachtsbescherung des kleinen Peregrinus Tyß, der geniale Auftakt, der aus der Wirklichkeit ins Reich der Träume hebt. Viele haben danach diesen „realen Märchenton" angeschlagen, keiner mit der gleichen Kraft wie der dämonische Kammergerichtsrat, und bald trat die harmlose Weihnachtsgeschichte für die Jugend in der Art von Christoph von Schmids klassischem „Weihnachtsabend" daneben. Romantische Novellenkunst bemächtigt sich des Motivs in dem „Weih-nachts-Abend" von Ludwig T i e ck mit seiner vorzüglichen, auch kulturgeschichtlich wertvollen Schilderung des Berliner Weihnachtsmarktes. Das hier behandelte Dhema, wie der verlorene Sohn in Reichtum und Glück am Heiligen Abend zu der armen Mutter heimkehrt, wird dann eine ständige Situation rührseliger Romane. Karl von Holtet z.B. kann sich gar nicht genug dann tun, immer wieder beim Weihnachtsfeste die Gegenstände von Elend und unverhofftem Glück, von unschuldigem Frohsinn und der sehnsüchtigen Reue verdorbener Menschen auseinanderstoßen zu lassen. So war das Weihnachtsfest in der Erzahlungsl.teratur um 1850 allmählich zu einem abgenützten Requisit geworden. Es bedurfte wieder einer Vertiefung und inneren Beseelung. Für H e b b c 1 ift das Christfest der hellste Schein in dunklen Jugendtagen; der beste Trost in den Qualen seiner Kampfzeit, die reinste Freude seiner Reifeepoche gewesen. Mit höchster Feinheit hat er es in sein Epos „Mutter und Kind verwoben, wo es wie eine lichte Spur die ersten Gesänge durchzieht. Adalbert Stifter in seiner feinen Novelle „Der Weihnachtsabend und Hermann Kurz in seinem originellen „Weihnachtsfund" boten klassische Wcch- nachtserzählungen. Als die prächtige Dreiheit unserer eigentlichen Wery- nachtsdichter aber möchten wir Raabe, Reuter und Storm bezeichnen. Bedeutungsvoll und tiefsinnig läßt Raabe schon in einem Erstling, der „Chronik der Sperlingsgasse", diesem „Programm seines ganzen Schassens, die Weihnachtstöne anklingen, die in seinem wundervollen Lebenswerk zu einer mächtigen Sinfonie anschwellen. Es, sei hier nur an feine nachdenkliche Traumgeschichte „Weihnachtsgeister ermnert, in der sich der Honigkuchenkerl, der Apfel und die Tänzerin am Weihnachts- baum allerlei erzählen. Reuter führt uns in der „Stromtib ins „Pasterhus" (Pfarrhaus), wo fo komische Geschenke im lustigen „Jul- klapp" hereinfliegen, und erzählt in der Geschichte vom „Kutschbuck , was bei einer Ueberraschung rauskommen kann. Ernster getragener, eierlicher ist Storm, dieser Meister im Feiern der Weihnacht, der in seinen Briesen so unnachahmlich schön von der Herrlichkeit des Festes gesprochen hat Die aussührlichste dichterische Darstellung gab er in l-iner Novelle „Unterm Tannenbaum", in der die Wehmut des aus der Henna Verbannten ergreifend mitschwingt. Der anschaulichen Lebendigkeit und überwältigenden Empfindung gegenüber, mit der er das Gluck des Heiligen Abends gemalt, verblaßt alles, was spatere Dichter an weihnachtlicher Poesie geschaffen haben. Und doch möchten wir Roseggers anmutig schlichte Christusgeschichten, ßilien crons großzügige Weihnachtsphantasie im „Poggfred" nicht misten wollen, gedenken auch. gern des Lichterbaumes, den selbst in den trübsten Zeiten des Naturalismus Gerhart Hauptmann im „Friedenssest als Sinnbtlb einer besseren Welt ausgerichtet. Unzählig ist dann die Schar der neuesten Linker und Erzähler, die das Christfest besungen haben. Kann sich auch die deutsche Poesie keines eigentlichen „Weihnachtsdichters" rühmen, so ist sie doch reich an prächtigen Dichtern der Weihnacht. Wer ist für uns Deutsche der „Dichter der Weihnacht"? Ein Engländer wird auf die gleiche Frage ohne Zögern mit dem Namen Dickens antworten, und der Däne denkt wohl sogleich an seinen Marchenfreund Andersen, der nicht nur in seiner schönen Geschichte vom Tannenbaum, sondern auch sonst allenthalben das Fest in [einen Werken verherrlicht und im „Märchen meines Lebens" mit frohem Kinderherzen gefeiert hat. Wir Deutschen wissen auf die Frage nach unserm „Weih- nachtsdichter" keine bündige Antwort zu geben. Wohl haben Unzählige das Fest der Feste besungen; in unserer Lyrik blüht em immergrüner Kranz schöner Weihnachtsgedichte, der Christerzählungen mit der Verlobung unter dem Lichterbaum ist Legion. Aber wir haben keinen Poeten, in dessen Schassen die Schilderung der Weihnacht so mächtig und strahlend sich hervordrängte, wie bet dem englischen Schöpfer der „Weihnachtserzählungen". Erst wenn wir uns naher in unserer Literatur umsehen, finden wir hie und da verstreut kostbare, z.T. wenig gekannte Weihnachtsgeschichten, erkennen, daß auch so manche unserer Poeten den Ehrennamen eines „Dichters der Weihnacht" verdienen. Aehnliche Stimmungen wie bei Dickens sind bei uns zu gleicher Zeit, wenn auch nicht so einheitlich, in den Werken von Raabe, Storm, Reuter festgehalten. Aber bereits lange vorher blühte die Weihnachtspoesie in den chönen Mysterien und Volksspielen, den vielen herrlichen Weihnachtsliedern, die allerdings mehr das Fest der Kirche als das der deutschen Familie feiern. Die gemütvolle trauliche Sphäre des deutschen Hauses ist erst später geschaffen. In dem Roman des Jorg Wickram, dem frühsten unserer Literatur, in dem „Knabenspiegel", den „Guten und bösen Nachbarn", im Gedicht vom „irr reitenden Pilger" sitzen Eltern und Kinder bei der Bibel zusammen und singen traute Lieder zu Weihnacht; auch Hans Sachs findet in seinen Weihnachtsspielen warme Töne einer innigen Beschaulichkeit und Herzensheiterkeit. Doch das sind nur alles verflogene Klänge, zerstreute Spuren; nirgends in der Dichtung steht das Weihnachtsfest in unjerm Sinne im Mittelpunkt. Goethe und Schiller haben Weihnachten gefeiert, auch Musäus, Matthias Claudius und Joh. H. Voß. Aber wie dürftig ift der Schein, der davon in ihre Dichtung fällt! Was bedeutet es, daß der Weihnachtsbaum im „Werther" erwähnt, in einem Altersgedicht Goethes spielerisch-mystisch besungen wird, daß das Fest schattenhaft durch die „Volksmärchen" des Mufäus und die Betrachtungen des Wandsbecker Boten huscht! Ganz anders ist die Stellung der Weihnacht im Leben und Dichten des „siebenten Klassikers": Jean Paul dürfte man mit Fug und Recht den ersten deutschen „Dichter der Weihnacht" nennen. Es war fein Hauptfest, in das er stets „den Heiligenschein des bescherenden Christkindchens warf", wie seine Tochter erzählt. Schon Tage vorher brachte er wohl Stücke Marzipan mit nach Hause und sagte: „Heut, ihr Kinder, ging ich in den Garten hinaus, und wie ich den Himmel ansehe, kommt eine rosenrote Wolke gezogen, und da sitzt das Christkindchen darauf und sagt mir, weil ihr heut so gut gewesen seid, so wolle es auch euch etwas schicken." Oder wenn die Kleinen in der finstern Stube auf seinem Kanapee hockten, rief er plötzlich. Habt ihr nichts gehört? Das Christkindchen war's!" und langte aus dem Fenster Süßigkeiten herein. Am Heiligen Abend freute er sich auf die Bescherung wie ein Kind und konnte sie gar nicht erwarten. Dieser echte Herzenston lebt auch in seinen Dichtungen, wo er, wie im „Quintus Fixlein" und den „Flegeljahren", des Festes gedenkt. Ein besonderes Denkmal hat er ihm zum Schluß der reizenden Idylle vom „Jubelsenior in dem Appendix „Meine Christnacht" errichtet, Aus dem.Licht des brennenden Baumes und den Feierklängen der Christnachtsmusik schwingt sich sein Geist zu grandiosen Visionen von Gott und Ewigkeit auf. Zu gleicher Zeit legte ein anderer Kindersreund, Johann Peter Hebel, echte Christsreude in seine Dichtung; auch er ist durch die vielen seiner „alemannischen Gedichte", die vom Weihnachtsfest erzählen, zu einem unserer frühesten Weihnachtsdichter geworden. Im Jahre 1803 erschien ein kleines aber inhaltsschweres Büchlein „Die Weihnachtsfeier. Ein Gespräch" von Friedrich Schleiermacher. Der große Theologe hat in diesem viel zu wenig gekannten Jugendwerk, das zu dem Tiefsten gehört, was je über das Fest gesagt worden, die Ehrfurcht und Weihe dargestellt, mit der die Romantik Weihnachten umgab. 3m Goethischen Prosastil, aber mit einer eigenen Wärme entfaltet sich । Feier und Bescherung, wie sie zu Ansang des 19. Jahrhunderts in einem j guten Bürgerhause üblich waren, in der schönen Dichtung; geistreiche Erzählungen und sinnvolle Betrachtungen schließen sich an, und das Fest wird als „die herrlichste Anerkennung der unmittelbaren Vereinigung des Göttlichen mit dem Kindlichen" ausgedeutet. Romantische Marchem kunst knüpft nun an Weihnachten an. Im „Nußknacker und Mausekönig gibt E. T. A. Hoffmann bas unerreichte Muster, malt zuerst die fieberhafte Spannung der Kinder im Dunkeln, ihre Verzückung bei der lichter- hellen Bescherung und läßt sich dann aus den erregten kleinen Gehirnen einen phantastischen Spielzeug-Spuk mit unheimlicher Lebendigkeit ent- staubwirbelnd über die Sandwüste, manche fuhren abenteuerlich zerbeulte Ford-Automobile, und ein seltsames Heerlager umsäumte die Zir.usstadt. Ich saß im Kastenwagen und verlauste Billetts, oft glaubte ich, ich würde ohnmächtig vor Durst und Hitze, jedes Geräusch verursachte gräßliche Kopfschmerzen. Selbst den Elefanten wurde die Arbeit sauer, trotz ihrer Gutmütigkeit verweigerten sie einfach, Trab zu lausen in der Manege. Ein Glück, daß wir unsere Eisbären an der Küste zurückgelassen hatten. Eines Abends hängte ich nach 8 Uhr meine Tafel „Ausverkauft" oors kleine Fenster, griff nach dem breitrandigen Strohhut und wollte nachsehen, ob der Seelöwendompteur genügend Wasservorrat zu einer Dusche habe. Auf dem Weg zum Stall aber fiel mir ein unerledigter Bries ein, den der Poftreiter noch in der Nacht zur Station mitnehmen sollte. Was war da zu machen. Fahr wohl, Wasser — Türe ausgeschlossen zum Bürowagen, der vor Glut dampfte, Schreibmaschine frei gemacht und an die Tasten. Welches Datum? Blick auf den Kalender — 24. Dezember! Lieber Herr, es ist das einzigmal, solang ich beim Zirkus bin, daß ich schlapp gemacht habe; ich sah meine Eltern, drüben in Hamburg, eine braune Gans auf dem Tisch, dampfender Grog, Schnee aus der Straße — und wie sie nun alle an mich denken. Da habe ich wahrhaftig eine Viertelstunde geheult, wie ein Schuljunge. Ist auch ein häßlicher Brauch, daß sie drüben den Heiligen Abend nicht feiern!" * Diese Zeilen schrieb ich im kO-Zug von Berlin nach Hamburg. Und als ich am Hauptbahnhof ausstieg, erwarteten mich zwei Zirkusartisten, gute Freunde, die morgen nach London fahren mußten, weil sie zur Christmas-Season im Olympia engagiert waren. Ich saß nach der Vot- ftellung mit der ganzen Familie zusammen (auch die Großmama war dabei); wir fachsimpelten, und zuweilen wurde auch geschimpft. Alle hatten sie ein wenig Angst vor der Seesahrt über den Kanal, die Frauen klagten wegen der schlechten Wohnungsverhältnisse in London, „am schönsten sei es eben doch in Deutschland. Da müsse man nun auch in diesem Jahr während der Heiligen Abends nach dem Gepäck herumlausen, säße abends in einem möblierten Zimmer, röste entweder am Gaskamin oder friere am Tisch, den Plumpudding vertrage keiner, und es müsse schon gut gehen, wenn sie noch rechtzeitig ein Tannenbäumchen auftreiben könnten'. „Schade", sagte ich, „ich dachte, ihr könntet mir etwas von Artisten- Heiligabend erzählen, von stimmungsvoller Einkehr." „Lieber Freund", antwortete der Truppenchef Hermann, „das war einmal..." „Ja", mischte sich plötzlich die Großmutter ein, „das war einmal. Weißt du noch, Hermann?" Und fo kam ich doch noch zu zwei Weih- nachtsgefchichten vom Zirkus. Und die alte Dame erzählte, wie fie als junge Reckturnerin, schon verheiratet, mit einem kleinen Wanderzirkus durch Russisch-Polen gereift war. „Wir waren vielleicht fünfundzwanzig Menschen, einen Direktor hatten wir nicht, seine Witwe leitete den Betrieb, und sie war eigentlich eine alte Hexe, die mir Furcht einjagte, wenn sie abends ihre rote Perücke aufsetzte und in glänzenden Kanonenstiefeln (vom Gatten vererbt) durch den Stall stapfte, mit der Reitpeitsche fuchtelte und durch ihre Zahnlücken keifte. Ader weil die Geschäfte gut gingen und wir pünktlich unsere Gage erhielten, bin ich mit meinem Mann und dem kleinen Hermann drei Jahre dortgeblieben. Und jedesmal am Heiligen Abend kommandierte die Chefin beim Jnspektionsgang: .Alle Mann nach Schluß in meinen Salonwagen!' Der.Salonwagen' war vier Meter lang, würde heutzutage auch als Packwagen zu fchabig fein, aber wenn wir durchfroren und verschneit ankamen, dampfte auf dem kQsch ein blanker Futtereimer und war bis oben an gefüllt mit einem herrlichen Punsch lieber die Eisentruhe mit der Tageseinnahme war ein wetzzes Tuch gebreitet, darauf stand ein kleiner Weihnachtsbaum mit Lichtern und bunten Kugeln. Zuerst schimpfte die Chefin, teils aus Gewohnheit, teils weil es wirklich lange dauerte, bis sich alle in den Wagen zwängten. Aber dann wurde es sehr schnell heiß in der kleinen Stube. Jeder bekam ein Glas Punsch und einen Taler, die Günstlinge auch einen Lebkuchen. Und dann mußten wir fingen, die Russisch- und die Römisch Katholischen, die Protestanten, die Juden und die Heiden; und den Baß der Direktorin überschrie allemal das schrille Kreischen von zwei Negern die mit großen meinen Augen und roten Mündern andächtig .Stille Nacht, heilige Nächt' fangen." Hernach erzählte der Truppenchef Hermann eine andre Weihnachts- gefchichte. „Vierzig Jahre mag es her sein, ich hatte mein erstes Engagement, als dreizehnjähriger Junge, bei meinem Onkel, "^r.Pausenaugust, Obermann bei den .arabischen' Pyramidenturnern, Stallbursche und manchmal auch Jockey. Wir reisten durch Ungarn unb fpielkn, als es kalt wurde in kleinen Städten, weil der Wind zu toll durch unser dünnes Zelt pfiff. Im Dezember hatte mein Onkel eine Idee: >W>r machen eine Weihnachtsfenfation!' sagte er, .ich ziehe mich als Knecht Ruprecht an, du svielst den unartigen Jungen und wirst in einen großen isack gesteckt. Dann knalle ich mit der Peitsche, das Roß kommt herein (mir hatten nämlich nur ein dressiertes Reitpferd) und meine Achter immt das Christkind. Sie macht ihren alten Serpentintanz M Pferd,, bekommt lauter glitzernde Sterne in die Schleier genäht. Zum Schluß bringen die Araber, die wir schwarz anmalen, als Könige aus dem Morgenlande einen brennenden Christbaurn in die Manege und meine Tochter balanciert ihn mein^Dntel der Direktor war, geschah alles nach seinem Wunsch. Und am 23 Dezember nach der Vorstellung fand die Generalprobe statt. Als mein Onkel das brennende Weihnachtsbäumchen feiner Tochter reichte, [freute das Pferd, der Christbaurn fiel dem Onkel ms Gesicht und ver- lenate feinen Bart, meine Cousine balancierte noch em paar Sekunden und stürzt« bann über ben Hals bes Gauls in die Manege Alles wäre gut abgelaufen, wenn das Pferd nicht mit dem Unken Vorderbem m die Piste eingebrochen wäre. Nervös geworben, bockte es, versuchte sich loszureißen und trat mit dem Huf des anderen Bernes meiner Cousine auf die Brust. Als ich mich schließlich aus dem großen Sack des Wech- nachLmannes befreit hatte, trugen fie gerade die blutspuckende Reit-nn aus der Manege Die gante Nackt über bemühten nur uns, das Roh wieder arbeitsfähig zu machen. Auch wahrend des Heiligen Abends hatten wir alle Hände voll zu tun: das angefchwollene Bein des Schimmels za kühlen uno zu massieren, die Piste zu sl.cken, Kostüme in Ordnung zu bringen, Reklamezettel zu verteilen und schließlich den ängstlich gewordenen Gaul wieder zu bewegen. Daß meine Cousine Fieber hatte, phantasierte und immer wieder Blut erbrach, war zwar schlimm, aber eine Privatangelegenheit, die sich innerhalb von Onkels Wohnwagen vollzog. Hier zu helfen, war das Amt meiner Tante. Wir andern mußten bie Weihnachtsvorstellungen retten — und sie find gerettet worben. Die neue Pantomime brachte Erfolg und volle Häuser bis über Neujahr, bas Christkind wurde von meiner Tante dargestellt, die — ohne zu proben — vom Krankenbett ihrer Tochter in bie Manege ging, tabellos ritt, obwohl sie feit Jahren heraus aus ber Hebung war unb den immer noch lahmenben Gaul nach Möglichkeit schonte. Glauben Sie nicht, daß einer von uns mit bekümmertem Gesicht heiumgelausen sei, daß etwas von Rührseligkeit zu merken war. Dazu hat der Zirkusmensch zu viele Pflichten, unb wenn meine Cousine und ber Gaul wieder gesund geworden sind, so einfach deswegen, weil jeder seine Pflicht ernst genommen hat..." Zwei wollen zum Theater. Roman von Hans-Caspar von Zobeltitz. Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin. (Nachdruck verboten.) (Fortießung., „Das häUen Sie unten sagen sollen, Peter. Hier werden wir wohl nur Kaffee bekommen." „Genügt mir vollkommen. Kaffee unb ein festes Stück Kuchen." — So faßen fie bann in der kleinen Schenke neben dem Kavalierhaus von Schloß Belvedere, Gertie forgte für Peter, fraulich, schwesterlich. Ihr genügte der Kaffee nicht, sie sprach mit ber Wirtin, unb Peter bekam ein gut belegtes Butterbrot unb zwei Spiegeleier. Er wehrte sich zwar etwas, aber sie sagte: „Unsinn, Sie müssen was Ordentliches essen; wer körperlich arbeitet, muß sich gut nähren." Damit waren sie auch gleich beim rechten Thema, bei ihrer Arbeit. Sie hatten ja beide genug zu berichten, und jeder wollte zuerst vom anderen wissen, was er erlebt hätte. „Hat mein Brief geholfen?" fragte Peter. Gertie nickte lebhaft. Gewiß, er hätte geholfen, sie hätte Krach geschlagen, mitten in einer Szene, unb er hätte auch barin recht behalten: Der Direktor wäre ihr beigesprungen, unb ba sei plötzlich alles gegangen. „Aber unsicher bin ich noch immer, Peter. Wissen Sie, nicht baß ich mich fürchte; aber ich muß nun einmal meinen eigenen Stichel ’runterfpielen, unb ich fühle: bas ist gar nicht bas, was die anderen Theater nennen. Man'mal denke ich überhaupt, es ist gar kein Theater^ was ich da voll- führe. Dann zweifle ich, ob ich überhaupt Talent habe.' „Wann ist denn bie Premiere?" „Bald, Peter. Am nächsten Samstag schon." Sie zuckte ordentlich zusammen. „Das ist ja heute in einer Woche. Daran fjab’ ich noch gar nicht gedacht. Wie wirb es nur alles werden? Peter, Peter! Sie müssen kommen. Ich muß wissen, baß Sie unten im Parkett sitzen. Ich schicke Ihnen eine Karte. Einen Menschen muß ich haben, der mir wohlwill. — Sie merkten gar nicht, daß draußen die Dämmerung heraufkam, daß im Gastzimmer Licht gemacht wurde, daß sie die einzigen, die letzten waren. Erst als die. Wirtin immer enger um ihren Tisch herümstrich und schließlich versuchte, ein Gespräch mit ihnen zu beginnen, schreckten sie auf. Peter zahlte. „Dann bin ich aber heute abend an ber Reihe", sagte Gertie. Es war ihnen ja selbstverständlich, baß sie ben Abenb gemeinsam oer- bringen würben. Als sie ins Freie traten, war es fast finster. Solange ihnen noch bie Lampe, bie vor ber Schloßschenke brannte, Licht gab, gingen fie nebeneinander her. In ber buntlen Allee aber nahm Peter roieber Gerties Arm, als ob er sie stützen wolle. Unb biefe Verbundenheit ließ sie wieder schwelgen Es war kühl geworden, unb sie spürten bie gegenseitige Wärme. Wieber schritten sie schnell aus unb fühlten, daß ihre Herzen klopften. Ein wunschloser, wortloser Marsch wurde es, bis vor Gerties Tür. „Wann soll ich Sie abholen, Gertie?" fragte Peter. „Um acht." „Erst um acht?" _ . „Ja, Peter, erst um acht. Aus Wiedersehen." Schnell trat sie ms Hous. Er drehte sich langsam um, ging langsam zur Bahn, holte seine Handtasche, suchte sich Quartier. Nicht in einem Hotel, bas war ihm zu teuer, er vergaß nicht, baß er rechnen mußte. Nicht In ber Nähe bes Bahnhofs, bas schien ihm zu weit fort von Gertie; in einer Gasse am Markt nahm er sich ein Zimmerchen in einem Gasthof. Er packte feine paar Sachen aus; ließ sich bie Stiefel säubern, schrubbte sich noch einmal die Hande, bann sah er nach ber Uhr: fast acht. Nun stürmte er davon, unb richtig: Gertie stank» schon vorm Haus unb wartete. Er war ein wenig schuld- beroußt aber sie lachte ihm entgegen. „Nun, Jjaben Sie ein gutes Zimmer gefunben? Kommen Sie, jetzt führe ich Sie." Sie wußte eine kleine Weinstube, wo bie Kollegen nicht verkehrten, war selbst noch nicht bagewesen, hatte aber den Namen gehört. Es gab erst eine große Beratung vor ber Speise- unb Weinkarte. Gertie merkte, baß Peter sparen wollte. Das freute sie, aber sie ließ es nicht W, sie übernahm bie Bestellung. „Unb nachher trinken wir eine Flasch« Sekt, Peter. Wie lange habe ich keinen Sekt getrunken." Das Essen kam. Sie hatten beibe Hunger. Von Isa sprachen sie unb von Leo Queis. ,Lu dumm, die Isa", sagte Gertie. „Würden Sie denn Leo heiraten?" — „Aber Beter — ich? „Warum nicht? Er gefällt Ihnen doch. Und Sie sind doch begeistert von Scherkalben." „Ich liebe ihn boch nicht." — „Wen lieben Sie benn? Auf ihre Stirn trat eine Falte. „Reden Sie, bitte, keinen Unsinn, Peter " Er sah die Falte unb schwieg eine Weil«. Dann sagte er: „Isa liebt ihn boch auch nicht." „Das ist etwas anderes. Isa paßt nach Scherkalden. Es ist wie gemacht für sie. Da muß so eine blonde, schöne Frau hin. Eine Herrin, eine Gräfin. Richt so ein Gamin wie ich/' Sie hob ihr Glas, trank, dachte nach. „Wissen Sie, Peter, daß ich mir manchmal Vorwürfe machte, daß ich Sie an die Maschinen geschubst hatte? Als Sie mir schrieben: zweihundert Schrauben in der Stunde. Ich dachte: Do gehört er ja nicht hin, das kann er ja nicht durchhalten." • „Ich hätte auch länger durchgehalten. Weil ich an Sie dachte." „Ich bin froh, daß es nun vorbei ist." Sie griff über den Tisch nach seiner Rechten und streichelte sie: „Die armen Hände." „Ach, sehen Sie bloß meine Hände nicht an." „Unsinn, Peter. Die können Sie ruhig sehen lassen. Arbeitsnarben schänden nicht." Die Flasche Moselwein war leer. Sie ließen Sekt kommen. Und als er im Glase schäumte, stieß sie mit ihm an. „Aus gute Freundschaft, Peter! Wir wollen Arbcitskameraden bleiben, uns weiter helfen!" Sle tranken sich zu, sahen sich an. Und tranken das nächste Glas und merkten nicht, daß ihre Stimmung wärmer und weicher wurde. Sie begannen zu schwärmen: sie vom Theater: „Ich will weiter, Peter, wenn ich erst in Berlin bin"; er von Jena: „Ich werde denen schon zeigen, daß ich was kann; umorganisieren müssen sie." Sie sahen, der Wein ging zur Neige. Da hielt Gertie die Hand über das Glas: „Nur noch einen Schluck." Und Peter schenkte sich auch ganz wenig ein. Sie fürchteten, daß diese schöne Stunde schnell enden könnte. Dann war Gertie die Vernünftige. „Wir müssen aufbrechen, Peter, es ist spät." Sie schob ihm ihre Geldtasche zu. „Zahlen Sie. — Nein, keine Widerrede. Es war so ausgemacht, bitte! Wir sind gute Kameraden. Wenn Sie erst mal Generaldirektor sind, kommen Sie an die Reihe. Kameraden sind wir." — Sie fühlte, daß sie es betonen mußte. Aber eine halbe Stunde später auf der Jlmbrücke ließ sie sich doch in seine Arme ziehen, ließ sich von ihm küssen, küßte ihn, riß sich dann los, lief den Berg hinan ihrer Wohnung zu, ließ sich fangen, wieder umarmen, wieder küssen, entrang sich wieder. Es war ein tolles, frohes Hetz- jpiel; ihre Herzen klopften. Vom Laufen, vom Wein, von der Erregung. So kamen sie bis vor ihr Haus. Er hielt sie ganz fest umschlossen. „Ich habe dich lieb, Gertie." Seinen Kopf nahm sie in beide Hände, sah ihn fest an. „Peter, lieber Peter." Und dann: „Geh, gehe!" Er bettelte: „Noch einen Kuß." — „Nein." „Und morgen?" Sie schüttelte den Kopf. „Nicht morgen, Peter, fahr' ab. Es war so schön heute, Peter, so schön. Morgen — das würde nur abschwächen. Es würde schal sein. Samstag, Peter, Samstag, wenn ich spiele." Aus ihrem Täschchen hatte sie den Schlüssel gezogen, schnell schloß sie auf. „Samstag, Peter", sagte sie noch einmal. Dann war sie fort. Und Peter stand allein auf der Straße. * Mit der Morgenpost bekam Büchner einen Brief aus Weimar. Vom dicken Fleischmann. Ob er am Samstag zur Premiere käme? Er müßte kommen, denn er hätte ihm ja schließlich die ganze Geschichte eingebrockt mit dieser Gertie Rose. Es sei zum Verzweifeln. Dies blutjunge Ding spiele sich ein Zeug zurecht, aus dem er selbst nicht klug w"rde. Dabei mache sie auch noch die anderen Pferde scheu, schimpfe, fordere, daß sich selbst so alte Routiniers wie Konradius, — den Büchner ja aus Meiningen kenne — ihrer.Art anpassen solle. Je weiter die Proben gingen, desto unbändiger würde sie. Seit Sonntag sei es nicht mehr anzusehen. Am liebsten würde er die ganze Sache abblasen, aber das ginge leider nicht mehr. „Also kommen Sie und sehen Sie sich das Debakle an. So was mache ich nicht wieder, verrückt kann man dabei werden. Wenn alle Büchner-Schülerinnen so sind, dann behalten Sie sie lieber, bester Freund". „Sieh mal einer die kleine Rose an", dachte Büchner, „also zum mindesten Temperament. Beneiden kann ich Fleischmann nicht. Aber Isa Weiher will ich es doch erzählen." Isa Weiher. Der Name fiel ihm aufs Gewissen. Er hatte in den letzten Tagen gar nicht mehr an sie gedacht. Seit er ihr das Stück geschickt hatte: „Frauenopfer". Er hatte den Kopf so voll gehabt. In Wien sollte er „Quartiere" einstudieren, mit anderen Kräften, ohne Drehbühne. Den ganzen Szenenapparat mußte er umwersen. Dazu war die Einstellung der Wiener zu solch einem gewagten Stück eine völlig andere wie die der Berliner. Da mußte er die Stärken abschwächen und dafür die leichten Stellen in den Vordergrund spielen lassen. Stundenlang hatte er am Schreibtisch gesessen und das Regiebuch zurechtgcstutzt. Jetzt stand seine Abreise bevor; wenn Fleischmann seine Uraufführung hatte, war er schon an der Donau. Aber vorher wollte er sich Isa noch anhören, unbedingt. Wie sie ihre Sache wohl machen würde? Es war eine schwere Ausgabe, die er ihr gestellt. Das wußte er. Ob sie sie löste? Oder ob er sich getäuscht hatte in der Beurteilung ihres Talentes? Das wäre schade. Sie brauchten ja junge Kräfte an allen Bühnen. Auch das Hebbel-Theater. Und gerade solch einen Menschen wie diese Isa. Schön. Mit weichem, modulations- sähigem Organ. Mit Kultur von Hause aus, was sehr wichtig war. Eine gute jugendliche Sentimentale. Er würde sie schon anbringen; man hörte ja auf ihn. Vielleicht ginge es schon, wenn er von Wien zurückkam. Er würde ihr dann helfen, weiter helfen können. Ja, er würde gern mit ihr arbeiten. Er schellte. Das Mädchen kam. „Sagen Sie doch dem gnädigen Fräulein, sie möchte heute nachmittag um fünf zu mir kommen. Zur Probe. Ja — bitte." Seinen Mantel streifte er über. Das Mädchen sprang zu, half ihm. „Also vergessen Sie nicht: um fünf!" Er nahm seinen Hut und stlirmte davon. Ins Hebbel-Theater. Besprechung mit Rechberg wegen Wien. Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl Isa hatte tmmer auf diesen Ruf gewartet Nun kam er ihr doch überraschend. Sie war in den letzten Tagen so sicher gewesen: jedes Wort saß, jede Geste. Sie hatte das Gefühl gehabt, die Rolle ganz erfaßt zu haben. Nun lief sie in ihrem kleinen Zimmer auf und ab. und alles und jedes schien ihr verkehrt. Sie hielt es in der Engnis nicht aus, lief ins Freie, in den herbstlichen Tiergarten. Bis jenseits der Charlottenburger Chaussee, wo sie eine einsame Wegstrecke wußte. An ihre Rolle wollte sie denken, aber ihre Gedanken liefen zu Büchner. Er würde die Gegenrolle sprechen. Es war da eine Stelle, wo er sagen mußte: „Wie schön du bist!" Fast den gleichen Satz, den er schon einmal zu ihr gesagt hatte. Wie würde er ihn sprechen? Wirklich zu ihr? Dann mußte sie ja spüren, ob er sie liebte. Auch er. Wie sie ihn. Sie mußte es ihm heute ja sagen. Nicht direkt. Durch ihre Rolle. ,Zch tat es, weil ich dich liebte, nur für dich." Das war der Inhalt. Ihr Inhalt. Bilder malte sie sich aus. Hoffnungen ließ sie wach werden und wagte doch nicht, sie bis zum letzten Ende auszudenken Sie wurde schwach, sie zitterte, konnte kaum noch gehen. So schleppte sie sich nach Hause. Dann saß sie wieder über dem Buch, las noch einmal alles, las aber nur Worte, tote Worte, keinen Inhalt mehr. Großmutter rief sie zu Tisch. Sie konnte nicht essen, keinen Bissen. Die alte Dame sah sie an. „Was hast du, Kind?" „Laß mich, Großi, zwing' mich nicht. Nerven, nichts wie Nerven. Doktor Büchner hat mich bestellt. Nachher. Zur Probe. Zum Vorsprechen. Die Rolle, die er mir neulich gab. Da bin ich natürlich erregt." Ruhig aß Großmutter weiter. „Ja, ja, Nerven", sagte sie. „Nerven. Das ist auch solche Erfindung eurer Zeit. Die kannten wir noch nicht. Du solltest versuchen, ruhig zu sein, Isa. Wann sollst du denn zu Büchner kommen?" „Um fünf." „Dann hast du ja noch Zeit. Hör' mal auf mich: iß jetzt. Mit leerem Magen wird das nichts. Mit leerem Magen sieht man die Welt grau in grau. Wenn du satt bist, wirft du auch ruhiger werden. Zwing' dich, Kind. Du wirft dich im Leben noch oft zu etwas zwingen müssen und hinterher einsehen, daß es gut so war. Man muß sich beherrschen lernen: Das ist Lebenskunst. Und ich denk« mir, das wird auch ein Teil aller Bühnenkunst sein." Und als es nicht gleich zum Essen gehen wollte, nahm sie Isas Teller. „Warte, Isa, ich schneide dir erst einmal das Fleisch und mache dir ein Pämschen." „Aber, Großi, wie einem kleinen Kind." „Siehst du, jetzt kannst du schon lächeln. Jawohl, wie einem kleinen Kind. Das wirkt oft Wunder. Wie einem Kranken, Isa. Denn wenn die Nerven zappeln, ist das auch eine Art Krankheit." Wirklich, Isa aß ihren Teller leer. Sie fühlte, daß Großmutter einmal wieder recht hatte. Sie lieh sich dann auch von ihr ins Bett legen, schluckte sogar ein paar Tropfen Baldrian, die ihr Großmutter brachte. „Du mußt ruhen, Kind. Es ist nachher doch wichtig für dich, wenn ich auch nicht weiß, ob es das Richtige ist." Sie zog die Vorhänge zu. „Ich klopfe um vier, Isa. Dann bekommst du eine Tasse Kaffee." Aber schlafen konnte Isa nicht. Sie fühlte wohl: das Hausmittelchen wirkte, die Lider wurden schwer. Jedoch die Gedanken wurden nicht still, sie kreisten um Büchner. Isa sah ihn vor sich: groß, blond, die Hornbrille vor den blauer Augen, sie hörte ihn: kurz, energisch waren seine Worte; sie dachte an das, was sie immer wieder über ihn gelesen hatte: der große Regisseur, der Gestalter. Und ihr Wünschen schien ihr vermessen. Dies Wünschen, das stärker in ihr war als die Rolle, die sie heute vor ihm sprechen wollte. Sie lag wach, halbwach und wartete auf das Klopfen. Verging die Zeit denn gar nicht? Und als endlich Großmutter kam, mit dem Kaffee, den sie selbst gemacht hatte, war wieder alle Unruhe da und blieb, bis sie zu Büchner hinüberging. Büchner saß an seinem Schreibtisch, als sie eintrat. Er stand auf, kam ihr entgegen. „Wir haben uns lange nicht gesehen, gnädiges Fräulein. Kommen Sie, setzen Sie sich. Ich hatte in den letzten Tagen so viel zu tun. Diese Vorbereitungen für Wien fressen mehr Zeit, als ich dachte." Sie nahm seine Hand und ließ sie wieder los. Sie setzte sich auf den Stuhl, der am Rücken seines Schreibtisches stand, seinem Platz gegenüber. Sie hatte schon manchmal hier gesessen und war nun verwundert, daß es heute so sein sollte wie all die Tage. Auch er saß wieder am gewohnten Platz, kramte zwischen den Papieren, die auf der Schreibtischplatte lagen. „Zuerst muß ich Ihnen doch einmal einen Briet von Fleischmann vorlesen. Er schlägt sich mit Ihrer kleinen Freundin yerum, weiß nicht, was er aus ihr machen soll. Also hören Sie." Er las, und sie hörte, aber sie hörte an den Worten vorbei, hörte eigentlich nur seine Stimme. Und plötzlich kam ihr eine Frage: „Könntest du ihn eigentlich beim Vornamen nennen, könntest du Ulrich zu ihm sagen?" Unmöglich erschien ihr das. Da hatte er den Brief beendet. „Komisch, was? Bringt die Gertie Rose so einen alten Praktiker wie Fleischmann in Verwirrung. Wahrhaftig, ich würde nach Weimar fahren, wenn mir Wien nicht dazwischen käme. Wollen Sie nicht hinüber? Fahren die Eltern Rose nicht?" Nun mußte Isa etwas sagen, antworten. Sie mußte ihre Stimme erst finden. „Ich weiß nicht, ob Herr und Frau Rose überhaupt etwas von der Premiere gehört haben." „Aber da sollten Sie doch anrufen, gnädiges Fräulein. Das wird die Herrschaften interessieren. Sind sie denn immer noch döse mit der Tochter?" „Soweit ich weiß, haben sie ihr noch nicht geschrieben. Und Gertie auch ihnen nicht." (Fortsetzung folgt.) _______ 'fche Univerfitäts-Buch» und Steindruckerei, X. Lange, Gießen.