SietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1931 Montag, den 21. September Nummer Bayerisches Soldatenlied. Von Ludwig Thoma. Weißt du noch die schönen Maientage, Wo die Liebe uns beseligt hat? Du gestandest mir auf meine Frage» Ja, das Liebste ist dir ein Soldat, Die Soldaten liebest du so sehr. Und am meisten noch die Schwalanscher*. Wo du gingest, bin ich mitgegangen. Und am Himmel hat der Mond gescheint. Wenn wir leise Liebeslieder sangen. Und die Herzen innig sich vereint. Und beim Abschied sagtest du: o kehr Morgen wieder als mein Schwalanscher! Krawall. Von Ludwig Thoma. Jawohl, auch wir Dürnbucher haben unsere Revolution gehabt, oder einen Krawall, und es war damals, wo der Buchdrucker Schmitt, Gott hab ihn selig, als Major von der alten Landwehr vom Messerschmied Simon unter den Tisch geschlagen worden ist und so zu sagen betäubt war ... aber ich will die Geschichte der Reihe nach erzählen. Ihr könnt euch denken, daß wir Dürnbucher Anno 66 einen großen Haß auf diese Preußen gehabt haben, und wenn der Feind damals bis zu uns gedrungen wäre, dann hätte es geraucht. Ich weiß noch gut, wie die privilegierte Schützengesellschaft zum Ausrücken bereit war; und der alte Büchsenmacher Weinzierl ist jeden Tag aus den Kapellenberg gegangen, wo er das Terrain studiert hat. Die Bürgergarde oder Landwehr älterer Ordnung, wie man auch sagt, ist zweimal in der Woche ausgerückt und hat im Buchwald exerziert, und der Major, was der Buchdrucker Schmitt war, Gott hab ihn selig, ist zum Messerschmied Simon gegangen und hat sich öffentlich, daß es jeder gesehen hat, den Sabel schleifen lassen. _ „ m .. Ueberhaupt herrschte eine furchtbare Aufregung und der Provisor von der Marienapotheke hat für den Ernstfall ein Sanitatskorps gebildet, wo er der Vorstand war, und die Frau Landrichter Hesele hat sich auf der Stelle zur Krankenpflege gemeldet, und dann haben sich die meisten Frauen einschreiben lassen. , , ... __, - , Alles war bereit, und jeden Tag hätte es losgehen können. Einmal hat man geglaubt. es ist schon so weit. .... , , Mitten bei der Nacht hat es auf dem Marktplatz geschossen, zweimal Beim Spanninger sitzt alles käsweih in der Gaststube und still. eine Maus hätte man laufen hören und der Hausknecht hat d'e Geistesgegenwart und riegelte das Tor zu, und am Kirchturm schlagt die Glocke an weil der Meßner Benno die Schüsse auch vernommen hat, aber es war bloß der alte Büchsenmacher Weinzierl. Der ist immer mit dem Doppelläufer ins Wirtshaus llegangen damü er die Waste bei der Hand hatte, und auf dem Heimweg ^t er sich leb^ hast vorgestellt, wie es jetzt wäre, wenn beim Glaser Spannagl ums die Preußen kämen, und er ist aufgesahren und hat „ Zwei wären es gewesen, hat er oft gesagt und dann Ad eu We,b mnd Kind, denn zum Laden wäre er nicht mehr gekommen. Aber zwe "°°Das'war°'da7einzigem°l, wo auch bei uns so eme Art Kriegslärm nvar; später, hat man nichts mehr gehört, und die Preußen sind nicht ^uXigens, daß ich es recht sage, einer Warschau anwesend '"Durm buch. Ein windiger Buchbindergeselle, und der hat das Maul 0 preuh sth ffpitzen können, daß es einem siedig heiß geworden ist. lDie die ^achncht won der Schlacht bei Kissingen gekommen ist, da waren viele Burger im Kollergarten beim Bier und haben über das Unglück geredet Auf einmal steht der Schmied Kasenbacher auf und schaut über ein Maar Bänke hinüber, wo der preußische Buchbinder war. Man hat nicht gewußt, lacht er höhnisch oder lacht e . ch, lhat das Maul immer so hinaufgezogen. n menn ., „Himmelkreuzdonnerwetter!" hat der Kasenbacher g s> ch, „I 6 ach es aber wissen täte!" . _ , . . „ „mrinat Die Bürger sind aufgesprungen und haben den yreufeen umrmflt, "nd ein paar Bräuknechte haben schon die Hemdarmel aufgekremp . * Chevau-leger, leichter Reiter. Aber der Buchbinder ist gegangen, und das war sein Glück, denn wir Dürnbucher haben damals keinen Spaß verstanden. Also ich habe erzählen wollen von der Revolution, wie der Messerschmied Simon den Buchdrucker Schmitt, Gott hab ihn selig, unter den Tisch geschlagen hat. Das war ein Jahr später, aber es hängt mit diesem furchtbaren Haß gegen die Preußen zusammen. Nämlich Anno 1867 haben wir schon das neue Militärgesetz gehabt, und es war die erste Kontrollversammlung angesagt. Das hat besonders draußen auf dem Land böses Blut gemacht. In Dürnbuch waren die Leute ja vernünftiger, denn man hat doch eine andere Schulbildung, und man hat seine Zeitung, aber unter den Bauernburschen ist die Rede gegangen, daß jetzt alle preußischen Soldaten werden müssen. In Stockach hat es der Pfarrer auf der Kanzel gesagt. Er hat die Arme zum Himmel gehoben, und hat gerufen, daß es wenigstens von dort oben noch weih und blau herunterschaut, wenn es gleich auf der Welt nicht mehr altbayrisch sein soll. „Werdet nicht lutherisch!" hat der geistliche Rat in Sassau gepredigt. „Buben, werdet nur ja nicht lutherisch und behaltet euren heiligen Glauben!" Und das hat man überall gehört; in der ganzen Umgegend ist das gleiche gesagt worden, und die einen waren voll Angst und die andern waren voll Wut. Daß es unter den Bauern nicht mehr richtig war, hat man schon ein paar Wochen vor der Kontrollversammlung gemerkt. Wenn sie nach Dürnbuch auf die Schranne gekommen sind, haben sie in den Wirtshäusern Spektakel gemacht und drohende Reden geführt. Und der Respekt vor der Obrigkeit war überhaupt vollständig weg. In der Post ist ein Bauer zum Beamtentisch hingegangen, wo die Herren ihren Tarok gespielt haben, und er schaut dem Bezirksamtmann in die Karten und klopft ihm aus die Schulter. „Du glaubst schon, du hast alle Trümpfe in der Hand", sagt er, „aber paß auf, ob nicht am End wir das Spiel gewinnen." „Sie sind ein Flegel", sagt der Bezirksamtmann, „überhaupt, was wollen Sie?" „Manderl!" sagt der Bauer, „überleg dir die Sach noch, ob ich ein Flegel bin." „Ich lasse Ihnen arretieren", schreit der Herr Bezirksamtmann, „wo ist die Polizei?" „Heb dir deine Polizei aus", sagt der Bauer und lacht ganz merkwürdig, „vielleicht kannst sie noch gut brauchen", und dann ist er gegangen. Unter der Tür hat er sich nochmal umgedreht und sagt: „Wennst an den König von Preußen schreibst, kannst ihm einen schönen Gruß ausrichten von den Stockacher Bauern." Die Herren waren durchaus verblüfft und haben nicht mehr gewußt, was sie denken sollen. Der Bezirksamtmann — Alois Reich hat er geheißen, und er war aus der Rheinpfalz — hat die Karten hingelegt und ist wütend auf den Marktplatz hinaus. Aber von dem Bauern war nichts mehr zu sehen, und der Bürgermeister von Stockach, der gleich am andern Tag hereinzitiert worden ist, hat keine Auskunft geben können ober wollen. „Sie müssen es wissen, wer der Kerl ist", sagt der Bezirksamtmann. „Wenn Sie einen Kerl suchen", antwortet der Bürgermeister ganz kalt, „hernach müssen Sie schon bei einer andern Gemeinde ansragen. Wir Stockacher haben keinen Kerl unter uns." „Aha! Pfeift der Wind auf dem Loch? Ich will Ihnen was sagen. Innerhalb dreimal oierundzwanzig Stunden erfahre ich, wer mich gestern beleidigt hat. Der Mann ist leicht zu eruieren, schon an seinen Redensarten über Preußen und so weiter. Erhalte ich keinen Bescheid, dann sollen Sie mich kennenlernen." „Ist nicht notwendig", sagt der Bürgermeister, „ich hab ja schon länger die Ehr. Und wenn das ein Kennzeichen ist, daß einer nicht preußisch werden will, dann müssens wir Stockacher alle miteinander gewesen sein. Und ich kann gleich dableiben", jagt er, „denn ich bin der Allererste dagegen." , . , Eine solche Auflehnung hat man damals überall gemerkt, heimlich und offen, und eigentlich haben wir Dürnbucher uns darüber gefreut, wenn es nur keine Konsequenzen gehabt hätte. . , Unter gebildeten Leuten hat das keine Gefahr. Man sagt seine Meinung, oder man denkt sich seinen Teil, und vergißt aber nicht den Anstand. Aber bei den gewalttätigen Bauern sind natürlich die Konsequenzen eingetreten. Nun muß ich es der Reihe nach erzählen, obwohl es eigentlich schwer ist, weil man in dem Krawall den Kopf verloren hat, und keiner hat recht gewußt, wo der Anfang war. Am Tag der Kontrollversammlung sind aus allen vier Himmelsrichtungen die Bauernburschen in die Stadt gekommen. Nicht einzeln oder paarweis, sondern in Haufen, und alle haben schon in der Herrgottsfrühe Spektakel gemacht. Wo ein Haufe mit der Ziehharmonika angerückt ist, das hat man sich noch gefallen lassen. Aber die meisten haben geschnackelt, gepfiffen und gejohlt, und andere haben durch Kuhhörner geblasen, als wenn sie Feuerlärm geben müßten, und wieder andere haben bloß geschrien, daß die Fenster gezittert haben. Die Bürger sind erschrocken aus den Betten gestürzt und haben in die Gassen hinuntergeschaut, und den meisten hat schon nichts Gutes geahnt. E . Am Marktplatz sind alle Haufen zusammengekommen; so oft ein neuer aufmarschiert ist, haben die andern ihn mit furchtbarem Lärm begrüßt, sie haben gejuchzt und geblasen und Blechdeckel aufeinander geschlagen, und es war wie ein Haberseldtreiben. Aus dem Stern und dem goldenen Lamm und aus dem Rappen haben sich die Burschen Bierfässer geholt und auf den Platz gerollt, wo gleich angezapft worden ist. ™ Die Bräuknechte haben sie hergeben müssen und die Maßkruge dazu, denn an einen Widerstand war nicht zu denken. Der lange Marti vom Rappenbräu hat Bezahlung verlangt, aber da ist ein allgemeines Gelächter gewesen, und ein Bursche hat gerufen:,, „Heut sind wir zechfrei; heut zahlt alles der König von Preußen. Und sie sind her über das Bier, wie die Wilden; den Hahnen haben sie nicht mehr zugedreht, und was nicht in den Krügen Platz gehabt hat, ist auf den Boden gelaufen. Mit dem Trinken ist der Lärm ärger und arger geworden; einer hat den andern überschrien, und weil ihnen das noch nicht laut genug war, haben sie mit den Stecken auf die Fässer geschlagen. Der Bürgermeister Wieser schaut zum Fenster herunter und glaubt, der Jüngste Tag ist gekommen. (Schluß folgt.) Moskau. Die schön gewachsene Stabt Von Joses Ponten. Leningrad ist ziemlich still und auch leer, die öffentlichen Gebäude der Zarenzeit scheinen für die in Leningrad verbliebene Unter- und Teilregierung ein zu weites Gewand zu jein. Für die ganze, nach Moskau übersiedelte Hauptverwaltung des Riesenreiches und den Apparat des Zentralismus scheint Moskau im Gegenteil viel zu eng und drückend, in allen möglichen ungeeigneten unzuständigen und unpassenden Gebäuden sind die zahllosen Aemter untergebracht, und Moskau wird, wenn Sowiet einmal Geld hat und ans Bauen gehen kann, ein Tummelfeld für Architektur werden wie das Rom der Päpste es war. Unten an der Moskwa, in der Nähe der Krimmfchen Brücke, liegt unser Quartier, ein ehemaliges, ziemlich modernes Knabenerziehungsheim, jetzt als Unterkunftshaus für reifende Gelehrte eingerichtet. Klösterlich still (so weit es dort, wo Russen in Gesellschaft sind, still fein mag), und behelfsmäßig primitiv ist dieses Unterkunftshaus, aber es ist sauber und in bezug auf Rußland auch em wenig behaglich. Für Manner und Frauen find Schlafsale mit einfachen eisernen Bettstellen eingerichtet. Man erinnert sich an seine Militarzeit im Kriege, wenn man mit lieben Freunden zusammenschläft, die am Tage ausgezeichnete Männer find, die nur zur Nacht furchtbar und aufreizend schnarchen — denn sein eigenes Schnarchen hört man ja nicht. Russisch an diesem an sich schönen und gastlichen Quartier, in dem man nur einen Rubel täglich zu zahlen hat, sind die kümmerlich engen und unzureichenden Waschgelegenheiten und die anderen, Wünsche ossenlassenden Orte menschlicher Peinlichkeiten; aber auch daran gewöhnt man sich, nachdem man ein wenig, nach der Seite einer großen Russentugend, der Geduld hin, verrußt ist. In der Nähe, im Adelsquartier der Krapotkinstraße gibt es das Klubhaus des Komitees der „Gesellschaft zur Verbesserung der Lebensbedingung der Gelehrten", auf russisch wie alle Amtsbezeichnungen praktisch-amerikanisch abgekürzt in „Zekubu", an sich ein abscheulicher Kasten eines reich gewesenen Fabrikantenprotzen mit Spiegelscheiben und nackten kitschigen Marmorweibern, der aber geräumig ist und in dem die in Moskau weilenden, namentlich auch dort wohnenden Gelehrten ein Tagesheim und eine Stätte preiswerter Verköstigung haben. In einer Nachbarftraße gibt es ein „Haus der Geburt", glaube ich, heißt es, in dem die Säuglinge nach allen Regeln moderner Hygiene und Desinfektion unter viel Aufwand von reinen Bettbezügen und weißen Wärterschürzen gehegt werden. Aber das, mit so viel Stolz die Schwester es auch zeigt, ist mir natürlich nichts Neues. Man muß immer bedenken, daß durch die fowjekistische Revolution in Rußland viele Dinge errungen wurden, die in Europa, namentlich in Deutschland, auf dem stilleren Wege der Sozialgesetzgebung und Sozialsürsorge — so viele Wünsche auch bei uns noch offen bleiben — längst selbstverständlicher Besitz des Volkes geworden sind. Die Räte sind natürlich auf diese Dinge — und von Rußland aus mit Recht — sehr stolz, aber auf uns kann das nicht als Anreiz des Rätesyftems wirken. Ein Beispiel dafür, daß man nicht ohne weiteres Gleichungen über die russische Grenze hin auffteUen darf. Neu, für uns, neu und an sich ganz gewiß groß in diesem Hause ist aber, daß außer den Säuglingen auch der Mütter darin gewartet wird, ich glaube während dreier Monate vor und dreier nach der Geburt. Ich war in den Schlaf- und Frühstücksfälen der jungen Weiber (die Mütter sind f.ür den größten Teil des Tages von den Kindern getrennt), wo die Mütter, Schwangere und Entledigte, mit frauenhaftem Lärm und Lachen mein ein wenig verlegenes Eindringen erduldeten. In derselben Straße ist auch in einem schönen alten roten Gebäude die Arbeiteruniverfität. Sowjet ist begreiflicherweise, nachdem die bürgerliche Intelligenz zum guten Teile vernichtet oder geflohen ist, bestrebt, eine neue Intelligenzschicht aus den Kreisen der Arbeiter sich zu schassen. In einem dreijährigen Kurs werden begabte Arbeiter und Arbeiterinnen in diesem Hause für das Studium an der Universität vorbereitet. Ich weiß nicht, in Erinnerung an unsere eigenen langen Vorbereitungszeiten, ob das genügt, ob es nicht auch nur Halbbildung hervorbringt oder ob es nur eine zeitliche Berlegenheitsmaßnahme der Regierung ist, genug, ich war in diesem Gebäude, wo junge Männer und Mädchen Zigaretten- rauchend ustd studierend saßen, sehr ordentlich in schwarzen Hemden und Blusen. Viel zu sehen ist aber an einer solchen Anstalt nicht, wenn man nicht eine ziemliche Zeit auf Studium von Methode und Inhalt des wissenschaftlichen Unterrichts, der also dem der Oberklaffen unserer Gymnasien entsprechen müßte, verwendet. In der Pflege der Wissenschaft, wie namentlich in der allgemeinen Volksbildung, besteht der Bolschewismus auf der Forderung unreligiöser Voraussetzungen. Seine Feindschaft gegen alle Religion und geistige Tradition, z'B. auch gegen die Pflege antiker Sprachen und Bildung, ist unbedingt. Es ist für uns bemerkenswert, daß gerade die Regierung des zutiefst religiösen Volkes, des russischen, der Volksreligion den offenen Krieg erklärt hat. Aber vielleicht faßt der Bolschewismus sich selbst als eine neue Volksreligion, gar Völkerreligion aus. Sonst versteht man nicht recht, warum nicht gerade der Kommunismus auf das kommunistische Urchristentum zurückging, und versteht es anderseits doch, wenn man bcfrtt, daß er als eine geistige und menschliche Flucht aus gewissen Finsternissen des modernen Industrialismus entstand, und daß sein geistiges Rüstzeug nicht auf dem patriarchalischen Lande zubereitet wurde, sondern daß er den im 19. Jahrhundert übermächtig aussprießenden Städten entsprang und letztlich eine städtische Hoffnung und Heilslehre ist. Das Tolstoijsche, auf dem Lande und in der Welt der Bauern erdachte kommunistische Ideal hat andere Züge. Ich sah bann weiter von sozial-kommunistischen Einrichtungen da- „Haus des Bauern". Auch dieses eine Warnung, nicht unmittelbar Rußland mit Deutschland zu vergleichen. Gewiß bedeutet für Rußland dieses in einem einst durch Ueppigkeik und Schwelgereien der bevorzugten Klassen bekannten Klubhause untergebrachte Institut etwas. Dem Bauern wird darin durch Bildertafeln klar gemacht, welche Erfolge seine Feldarbeit haben kann, wenn er mit Kali düngt — der russische Bauer düngt nicht einmal mit dem Hofmist, in den russischen Steppen muß er aus Mangel an Holz und Kohle den Dung, zu Fladen getrocknet, verbrennen, ja, im nährstoffreichen Schwarzerdegebiet darf er nicht einmal düngen; er kann darin die Feinde seiner Frucht, die Wühlmäuse, die Insekten und die vielfachen Pflanzenkrankheiten und ihre rationelle Pekämpfung kennenlernen; im ehemaligen Gefellschaftsgarten find Musterzuchten der wichtigsten Feld- und Gartenfrüchte zu sehen; in den früheren Ställen und Garagen werden landwirtschaftliche Maschinen, Geräte und jedes Werkzeug bis hinab zur besten Sense und zum zweckmäßigsten Nagel in Natur gezeigt — aber das alles gibt es bei uns in jeder landwirtschaft- lichen Kreisausstellung. Wichtiger scheint mir, daß dieses Haus des Bauern in jedem Dorfe fein Tochterhäuschen haben soll, wo der Bauer sich in schwierigen Berufsfragen Rat holen könnte. Am allerwichtigsten aber — und da ist Rußland uns — in der Idee wenigstens — weit voraus: in dem Haufe ist auch eine Stelle für kostenlose Rechtsberatung. Wenn sie überall auf dem Dorfe von Rechtskundigen, wozu ein Teil des studierenden Proletariats erzogen werden mag, tätig sein wird, wird sie ihren Segen verbreiten. Würde man diese Neuerung bei uns nachahmen, fo würde bald eine Unglücksfigur aus dem Dorfe und eine wirksame Gestalt aus den BauernroManen, der Prozeßhansl, verschwinden. Im.-Straf* und Gefängniswesen hat der Sowjetismus großartige Ideale. Er hat mit der naheliegenden Idee von der Strafe, ja auch mit der imaginären von der Vergeltung und der billigen von der Stillung der gekränkten Volksseele aufgeräumt und sieht in der Zurückbehaltung sittlich Gefallener eine einfache gesellschaftliche Sicherheitsmaßnahme mit der Absicht und Hossnung, den vom Falle betroffenen „Unglücklichen" — das ist der schöne Name für Verbrecher in Rußland — durch Zureden und gute Behandlung wieder auf den Weg des Guten und Rechten zuriick- zuleiien, ohne ihn gesellschaftlich zu brandmarken, was ja die aller- schwerste, die Freiheitsstrafe übertreffende Strafe ist. So soll in den Ge- sängniffen durchaus kein Kommiß-, und Aufseherton, sondern mehr die Stimmung der Krankenstube herrschen. Leider konnte ich mich mit eigenen Augen und Qhren davon nicht überzeugen, denn Zufällig war der Gefängnisbesuch auf einen Tag angesetzt, den ich, plötzlich irgendwohin zu einer Vorlesung gerufen, dieser opfern mußte. Natürlich hört« ich vor meiner Reise von den Kennern des neuen Rußland (und habe es auch nach meiner Reise immer wieder gehört): „Nun, man wird Ihnen nur zeigen, was man Ihnen zeigen will." Das ist nicht wahr! Ebenso wie ich überallhin, wohin ich wollte, habe reisen können, so habe ich auch alles sehen können, was sehen zu wollen mir in den Sinn kam. Won den Zügen sogenannter Pioniere, das sind die Vereinigungen der Kinder unter dem Zeichen von Sichel und Hammer, deren ich viele, namentlich Sonntags, gesehen habe, kann ich insoweit sprechen, als c»e blaugekleideten Knaben mit dem roten Halskragen und die Mädchen in blauen Wämsern mit roten Kopftüchern in Museen, zu Ausflügen usw. ert wurden und eine gewisse stramme Gesamterziehung unter Berg von jugendlicher Ungebundenheit von [eiten ihrer Lehrer uns Führer genossen. Doch das mag bei uns bei den Ausflügen der modernen Schule, in Wandervogelzügen und den Streifen gewisser, männlich geführter Jugendgruppen nicht schlechter sein. Nur mit dem Unterschiede, da» diese bei uns (hoffentlich) unpolitischen Vereinigungen von Kindern m Rußland politischen Charakter haben, daß sie eine Vorschule sind M Gewinnung eines Stammes zuverlässiger Kommunisten. Ueberall in den öffentlichen Anstalten Sowjetrußlands sieht man die Leninecke, die, in einem Zimmer rot ausgeschlagen und mit AbbildungsU aus Lenins Leben gefüllt, sich in jeder größeren Arbeitsgenofsenschast, m jedem Klubhaus, auf den Schiffen oder wo immer findet, die einzige Stelle, wie mir scheint, wo der Sowjetismus sicherlich mir Erfolg öi religiös -historische Tradition der russischen Erde aufnimmt; per. die Leninecke ist nichts anderes als die alte Heiligenecke ins Sotpietipilp) übersetzt, und einem gläubigen Kommunisten ist Lenin gewiß längst ei Heiliger geworden, und ein tiefes Verehrungsbedürfnis im naiven Rüge ist befriedigt. röhliches Tun. Fühlt sich doch auch in unfern Tagen einer zunehmenden Naturentfremdung der Jäger noch eng zusammengehörig mit allem lebendigen, was da kreucht und fleucht, wächst und blüht in Wald und J(ur. Er horcht noch auf die Stimme in Baum und Strauch, hat Acht ms die Spuren der Tiere, und in seiner weltabgeschiedenen Einsamkeit er besonders empfänglich für die Sphären des Wunders, der Ahnung Md des Vertrauens auf übernatürliche Gewalten. Jäger find auch heute roch ein abergläubisches Volk, sie kehren wohl gar um, wenn ihnen auf !>cm Wege zum Wald ein altes Weib begegnet, oder halten die Flinte ür „verhext", wenn eine Frau darüber gestanden hat. Das find Nachlänge einer noch gar nicht so lange vergangenen Zeit, in der das Volk nn grünen Rock von den wunderlichsten Vorstellungen erfüllt war und He nächtlich fahle Blume der Magie und Hexenkunst nirgends so reich zediehen war, als unter Nimrods Söhnen. Vertiefen wir uns in diese phantastische, geheimnisvoll anziehende Stimmung des alten Jägerglau- »ens, so steigt St. Hubertus vor uns auf, der sanfte Heilige, den i>er Jäger noch heute als seinen Schutzpatron verehrt, und neben ihm das unheimlich teuflische" Gespensterwesen, das Brausen des wilden Heeres, ias Grausen der Wolfsschlucht, wilder Jäger und Freischütz-Hörnerklang, fiübengebell, Peitschenknall, Holla, Husfa und Horrido! rtungen te telbor U ßland dich bevotjiijiü )em Sie feine Bauer iit$ nutz er he nerbrene nal bünfit infetten 16 ung tenna n der O Ställen itl jedes Mit n Nagel ii ndmrW 5 Haas ie ) der erwichlißk ens - ® lhisberalH ein Mk irb, wirb 6 nachahjM- ne mirtj* den. i grofaÄ ja aach >■ der 51* •üdt** chnahm/' Zagdheilige und Iägergtauben. Von Dr. Friedrich S p r e e n. Nun, da im Jahreskreislauf die Herbsttage Einzug halten, ist die Zeit gekommen, da wieder die Jünger des edlen Weidwerks eifrig der Spur >es Wildes folgen. Ein Schimmer der Romantik umstrahlt feit alters ihr Proben wenn u- .Nall k l8n unfttt obgenie» unrelijüi, geifti» * 'Biftw: ■nigienie ben ofa 4) felbft i it man nit mmunisitz wenn as getnilii! 1 daß jw eilet twk ffpriefeenti: eilslchk t ern crdch -'H ä« 6«-i iß HUj v- >chten M a die * l in de» * rn m»1; imit< jjar enitMl1" •' r d-- Ä V? «'i inb*’ ms heiligen ffilirten n„« -L» - irischen Jagdgottheiten in den Vorstellungen der 3 fl JL g jjüfteu vrt.Sie schufen neben der lichten klaren Sphäre des Glaubens das dufter pukhafte Reich des Aberglaubens. Alle die Teuf , . & 2ßeien °lde, die den Weidmann verlocken, ver uhren und oe derben l>nt> -toe|en ler altdeutschen Mythologie, zu den l'nstern S^"en der H0lle ver ! lannt. Heber bie Herkunft des »w.lden Jagers .st v.el geftnllen Qorben, aber es ist immer noch das wahrfchem 6 rtc([t be/ an ! che Umformung des übermächtigeii Jagdherrn ^,„^:„strömt In dieser i er Spitze der „wilden Jagd" im Sturmesbrm ufategff.Sk gran- n och heute lebendigen Sage hat die deutschei B PY Das Hofes/ mystisch-phantastisches Bild der Iagdleidens^ft gesta^et^E ^ild des Nachtjägers sind die weißen Frauen o rojIi)e Untiere veiblein, fein befolge die armen Seelen, l-'N- Hunde wade^unnere, 1 ie sich manchmal in ein Gehöft verirren unb f erzählt en. Vielfach wird der wilde Jäger ganz. vermenschlicht iw Harz^ erzay i "an, er sehe aus wie ein Förster im grünen K°«^d m der ' et, kommt es vor, „als ob er flöge", aber es wird wohl "wtz '°m ° gewesen sein. Er erhält dann ganz bestimmte; n Nimrod =parr, Schlippenbach, die auf einen 8^!chiMi > schonungslose > inweisen. Solch gewaltige Jäger, deren Treffs ch, h natürlich dem Dewalttätigkeit ans Ungeheuerliche grenzten, mußten sich narurc, j Erst verhältnismäßig spät ist der Heilige Hubert zu der Ehre gekommen, von den Jägern in allen Nöten und Gefahren angerufen zu nerben. Bei Lebzeiten hat er jedenfalls nichts für diese posthume Würde jetan, sondern im Gegenteil die schöne Jägerei mit allen Mitteln beimpft. Dem frommen Bischof Huprecht von Lüttich, der im 7. Jahrhundert das Kloster Audagium im Ardennerwalde begründete, war die I Verehrung der altgermanischen Jagdgöttin, die Arrian Artemis und Sregor von Tours Diana nennt, ein Dorn im Auge, und um den Kultus dieser Diana Arduenna auszurotten, wütete er gegen die Jagd überhaupt. Ader die Pslege des Weidwerks bestand doch auch im christ- kicken Mittelalter weiter, und fromme Jäger sahen sich bald nach einem heiligen um, unter dessen Schutz sie sich und ihr Tun stellen könnten, linier den vielen Märtyrern, van denen die Legenda aurea des Jacobus le Voragine erzählte, schien dafür keiner besser zu passen als der Heilige Eustachius. Von Eustachius, der ursprünglich Placidus hieß itnb Hauptmann im Heere Trajans war, wird erzählt, er sei eines Tages auf der Jagd auf einen Trupp Hirsche gestoßen, unter benen einer schöner und größer als die andern, Placidus in ein dunkles Walddickicht kackte. Aus der Höhe eines Felsens blieb das Tier stehen und zeigte, sich nützlich umwendend, zwischen seinem Geweih das Kruzifix strahlender als He Sonne: darauf sprach es: Placidus, warum verfolgst du mich? Aus 9üte gegen dich erscheine ich dir auf diesem Tiere. Ich bin Christus, und nid) jagtest du, als du diesem Hirsche folgtest. Dieser Märtyrer, der auf ler Jagd das Heil der Seele gefunden, war der rechte Schutzpatron der Säger. Ueberall tritt er uns in dieser Wurde entgegen, so in der Kunst werft in dem herrlichen Bilde des P i f a ne ll o in ßo.nöoner - _ konal-Galerie, dieser ersten wirklich beseelten Landschaft der neueren kkunstgeschichte, und auf dem treuherzig nawen, lo ftm beobachtenden ktup erstich Dürers. Erst bei den Meistern aus der Umgebung von Rubens, bei Jan Brueghel und S n y d e r s, finden w.r d,e woh- t kannte Szene auf St. Hubertus Übertragen Man hatte damals langst t ergeben, was für ein grimmer Feind der Jagd der ^"uher Bischof kiewesen, aber man wußte noch, daß feine guten Wer g Mi der Jagd zufammenhingen; zudem wurde er andem eiben Tage Die Eustachius, am 3. November, verehrt. So ward denn Hubert zuerst in den Ardennen als Schutzpatron der Lager verehrt. Der bekannte Dagd- kchriftsteller Fouilloux, dessen Buch 1573 ersch'-n, berichtet bereits fjubertus sei ein gewaltiger Nimrod gewesen; zu Anbenken ft. in dem von ihm begründeten Kloster eine große Hundezuchtanstalt eingerichtet worden, der die berühmten Hubertushund I MesMchte 17. und 18. Jahrhundert begann Hubertus, auf de" nun die Gesch chte les Eustachius übertragen wurde, bereits den ^mgen 3