Sietzener Kmiilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Jahrgang Freitag, den 2t-August Nummer 65 Lied an die Dämmerung. . Von Christian Morgen st er n. Dämmrung, dich lieb ich — denn in dir bin ich bald hier, bald dort, tausch ich den Ort so viel, viele Mal ... Dämmrung, dich lieb ich. Dämmrung, dich lieb ich — deine Hand wandelt mir Land und Zeit, führt mich weit, weit über Berg und Tal ... Dämmrung, dich lieb ich. Dämmrung, dich lieb ich — Welt steigt auf, der mich mein Lauf entriß ... o Finsternis — du Bildersaal! ... Dämmrung, dich lieb ich. Gneisenau. Zu seinem 100. Todeslage. Von Dr. Gustav Roloff, o. ö. Professor der Geschichte an der Universität Gießen. Don den Heroen, denen wir die Befreiung unseres Vaterlandes vom französischen Joch verdanken, ist G n e i s e n a u derjenige, dessen Name am spätesten dem großen Publikum bekannt geworden ist. Seine großen Zeitgenossen waren schon den Mitlebenden vertraut: Blücher, der „Marschall Vorwärts", der seine stürmische Kampflust den Truppen mitzuteilen verstand, Porck, der Mann von Tauroggen, Scharnhorst, der Heeresbildner, Stein, der Bauernbefreier: von Gneisenau, dem strategischen Ueberwinder Napoleons, wußten wenige etwas zu sagen, selbst den meisten Soldaten war er kaum bekannt. Nur in einem kleinen Kreise von Eingeweihten, die man aber getrost als die Besten ihrer Zeit bezeichnen kann, kannte man seinen Wert; der breiteren Oeffentlichkeit ist er erst durch die gelehrte Forschung mehrere Jahrzehnte später nahergebracht worden. m , , Selten hat eine Persönlichkeit von welthistorischer Bedeutung so lange in der Verborgenheit gelebt und so wenig das Vorgefühl einer großen Bestimmung gehabt. Gneisenaus großer Gegner Napoleon trat mit 26 Jahren an die Spitze einer Armee und verzehrte sich schon seit Jahren im Streben nach einem Platz an entscheidender Stelle; Gneisenau wurde in untergeordneten Stellungen fast fünfzig Jahre alt und dachte so wenig an eine weltgeschichtliche Wirksamkeit, daß er wenige Jahre vor der großen Wendung seines Lebens nahe daran war, den Beruf des Krieger mit dem des Landmanns zu vertauschen. Der Krieg Zwischen Preußen und Fraiikreich (1806) riß ihn aus der Verborgenheit. Nach der unglücklichen Schlacht von Jena wurde ihm, der sich mit Auszeichnung ge>c)lage hatte, der Auftrag zuteil, die pommersche Festung Kolberg gegen eine große Uebermacht zu verteidigen. Er erfüllte ihn glanzend, hielt e, starke französiiche Truppe, die Napoleon in Ostpreußen, dem entscheidenden Kriegsschauplatz, schmerzlich entbehrte in Pommern fest.und^lieferte den Beweis, daß trotz der Niederlage in Arme« und Bevölkerung m li tärische und geistige Kräfte vorhanden waren, die den Wrederaufs g des preußischen Staates erhoffen ließen. Die Verteidigung Kvibergs, d e Gneisenau die höchste Achtung seiner französischen Segn«- emtrug, brachte ihn in Verbindung mit Stein, Scharnhorst und dem Könige selbst gemein s°m mit jenen hat er an der Umformung von Staat und Heer an hervor ragender Stelle mitgearbeitet, stets das höchste d^l die Befreiung de Vaterlandes, nicht nur Preußens, sondern ganz Deutschlands vor Auge". Nie bat er die Zuversicht aufgeqeben, daß der Lohn nicht ausbleiben werde. Als Napoleon auf der Höhe seiner Macht stand,„^"di-^eußischen enges Bündnis geschlossen, Preußen verkleinert hatte und die preußischen Provinzen un?er ungeheurem finanziellen Druck “ seiner Armee besetzt hielt, als die preußische Regierung von französischen 'Spionen umlauert, in ihrer politischen BeMgungsfrechett Z"fs höchste gehemmt war, hat er keinen Audenblick den Mut verw . „ g Vorgefühl, das mich niemals trugt , schrieb er dem Ke0•»< Argali das mich, stünden auch die Angelegenheiten noch schl ch Rache noch >st, dennoch sehr lebhaft erfüllt, sagt mir. daß der Tag der Rache noch kommen werde." Unermüdlich arbeitet er daran, diesen Tag vorzubereiten, nicht allein auf seinem militärischen Gebiete, sondern auch in diplomatischen Missionen in England und Rußland; als Dann im Jahre 1813 der Kampf gegen den Unterdrücker beginnt, stellt er sich mit Begeisterung unter Blüchers und Scharnhorsts Kommando, um nach Scharnhorsts Tode dauernd an die Seite Blüchers als Generalquartiermeister und eigentlicher Leiter des Schlesischen Heeres zu treten (Juli 1813). Von diesem Augenblick an ist jede entscheidende Tat auf Seiten der Verbündeten mit seinem Namen verknüpft. Der Sieg an der Katzbach (26. August 1813), der erste große Erfolg, fügte den Franzosen gewaltige Verluste zu, befreite die verbündete Hauptarmee in Böhmen nach ihrem Mißerfolg vor Dresden aus einer Übeln Lage und öffnete ihr den Weg zu einem neuen Vorstotze; ja sie zwang Napoleon einen gegen die verbündete Nordarmee und Berlin mit großer Macht geplanten 'Gewaltstoß aufzugeben, wodurch der Nordarmee die Möglichkeit zu^einem großen Siege über eine französische Nebenarme« gegeben wurde. Gneisenaus strategischer Idee war die Schlacht an der Katzbach, die Grundlage aller dieser Teilerfolge, die die materiellen und geistigen Kräfte des französischen Heeres ebenso schwächten wie sie die Siegeszuversicht der Verbündeten steigerten,» entsprungen, aber es gelang ihm noch mehr: er vermochte die Entscheidung des Feldzuges herbeizuführen. Gegen den ausgesprochenen Willen des Oberfeldherrn, des Fürsten Schwarzenberg, der die Schlesische Armee nach Böhmen ziehen wollte, rückte diese nach Norden, vereinigte sich mit der Nordarmee des Kronprinzen von Schweden und ermöglichte damit einen allgemeinen konzentrischen Angriff auf Napoleon, der durch die Schlacht bei Leipzig gekrönt wurde. Ohne diese auf Gneisenau zurückgehende Eigenmächtigkeit hätte sich der ängstliche Bernadotte in seiner Isolierung gewiß nicht zum Angriff entschlossen; der Feldzug hätte sich noch lange hinziehen, Napoleon vielleicht gar ohne entscheidende Niederlage unter geringeren Verlusten Deutschland räumen oder gar einen Teil behaupten können. Nicht minder trägt der Feldzug in Frankreich im Jahre 1814 die Spuren des Gneisenauschen Geistes. Im Anschluß an den Sieg bei Leipzig forderte Gneisenau schleunigen Marsch auf Paris, weil der Fall der feindlichen Hauptstadt dem Kriege sogleich ein Ende machen werde, während Schwarzenberg mit weitaus den meisten Staatsmännern und Generalen ein solches Ziel nur ganz entfernt ins Auge zu fassen wagte. Aber das unermüdliche Vorwärtsdrängen der Schlesischen Armee wirkte ähnlich wie der große Rechtsabmarsch aus Schlesien: der hierdurch geschaffenen Lage konnten sich die Gegner des Marsches auf Paris nicht entziehen und mußten schließlich die Gedanken Gneisenaus ausführen. Der Schluß feines Feldherrentums bildet zugleich den Höhepunkt. Im Feldzuge gegen den aus Elba zurückgekehrten Napoleon ist der entscheidende Entschluß, der die Vereinigung Blüchers und Wellingtons und die völlige Vernichtung des französischen Heeres herbeiführte (18. Juni 1815), sein ausschließliches Eigentum. Und nicht nur seine strategische Umsicht und Kühnheit, sondern auch seine Tatkraft feierte den höchsten Triumph: er konnte das, was er in den Jahren 1813 und 1814 vom Oberkommando immer vergeblich gefordert hatte, persönlich ausführen: er konnte durch rücksichtslose Verfolgung den Sieg so vollenden, daß das französische Heer binnen wenigen Tagen aus dem Felde verschwand und Paris den Siegern wie eine reife Frucht in die Hände fiel. Im Offizierkorps stand Gneisenaus Ruhm jetzt unerschütterlich fest, darüber hinaus war er, da er im Schatten Blüchers stand, noch immer unbekannt. In der gleichzeitigen Schilderung der Entscheidungsschlacht von Friedrich von G e n tz, dem ersten deutschen Publizisten, sucht man seinen Namen vergeblich; Wellington, der in den Tagen vorher einen unheilvollen Einfluß quf die militärische Lage ausgeübt hatte und durch Gneisenaus Entschluß sowie die Hingabe der preußischen Armee aus schwerer Gefahr gerettet worden war, erscheint dagegen als der wahre strategische Leiter und Sieger über Napoleon. So sehr sich Gneisenau als Soldat fühlte, so füllten die militärischen Dinge allein seinen Geist nicht aus. Sein feuriger Patriotismus wies ihn von selbst auf die Frage, die die edelsten deutschen Geister damals beschäftigte, auf die Zukunft Deutschlands hin, und da gab es für ihn nie einen Zweifel, daß die Erhebung Preußens mit der Führung Deutschlands enden müsse. Ja, er scheute die äußerste Konsequenz nicht und war bereit, das Werk, das erst ein halbes Jahrhundert später ausgeführt werden konnte, damals schon zu wagen und Oesterreich mit Gewalt aus Deutschland hinauszuschlagen. Schwerlich war der Gedanke damals ausführbar, und kein verantwortlicher Staatsmann hat ihn ergriffen, aber es hat Bismarcks Werk gewiß erleichtert, datz diese Idee grabe in den obersten Spitzen der Armee zuerst vertreten worden ist. Auch als der Wiener Kongreh alle kühnen Zukunftshosfnungen zunichte machte gab Gneisenau seine Zuversicht auf die preußische Führung in Deutschland nicht auf. Preußen, sagt« er, müsse sich jetzt moralisch auf seinen Beruf durch einen dreifachen Primat vorbereiten: durch die beste Armee eine gesunde Konstitution und durch-die Pflege von Kunst und Wissenschaft. Denn dem feurigen Idealisten war es selbstverständlich, daß ein Staat ohne Erfassung der geistigen Größen seinerzeit nicht bestehen könne; er selbst hat, wie wir aus direkten Zeugnissen wissen, ein inneres Verhältnis zu Lessing, Schiller und Fichte gehabt, und die klassische Schönheit seiner Sprache in Briesen und Denkschriften zeigt, daß er auch von Goethe nicht unberührt geblieben sein kann. Es war in den allgemeinen Verhältnissen begründet, daß der preußische Staat in der engen Zeit nach 1815 diesen Mann nicht mehr beschäftigen konnte, aber Gneisenau hat das Fernsein von öffentlichen Geschäften in seinen letzten 15 Jahren nicht etwa drückend empfunden. Persönlicher Ehrgeiz um des Ruhmes willen lag ihm fern; die Leistung war ihm alles, die äußere Geltung nichts. Wer ihn wie Wolfgang Götz als von Unzufriedenheit verzehrt, nicht am ersten Platze stehen zu können, ja als von stiller Eifersucht gegen Blücher und Scharnhorst erfüllt wähnt, verkennt ihn von Grund aus und wird einem Kernzug seines Wesens, der vornehmen Bescheidenheit und der Fähigkeit, die Berdienste anderer freudig anzuerkennen, nicht gerecht. Keiner hat ein besseres Verständnis für die Ursprünglichkeit und Macht der Persönlichkeit Blüchers trotz aller Mängel gehabt als er — „meinen Fürsten" nannte er ihn später gern und hielt die persönlichen Andenken an ihn in besonderen Ehren — und Scharnhorst hat er stets die reinste Verehrung dargebracht. Als seinen Meister hat er ihn bei der Enthüllung eines Denkmals bezeichnet: „Sie waren sein Johannes", sagte er Clausewitz, dem Lieblingsschüler Scharnhorsts, „ich nur sein Petrus." Nur acht Jahre, von 1807 bis 1815, hat Gneisenau in der großen Oeffentlichkeit gewirkt, aber seinen Namen in die preußische und deutsche Geschichte mit unauslöschlichen Lettern eingegraben. Wie ein Siegfried taucht er plötzlich aus dem Dunkel auf, überall siegend, wo er zum Streiten gegen die Feinde seines Vaterlandes und seines Strebens berufen ist, und wie Siegfried verschwindet er nach kurzer glänzender Laufbahn; sorglos, wie der deutsche Nationalheld um seinen Ruhm, geht er dahin, seinen Taten die Verkündung seines Namens überlassend. Nationale und internationale Musik. Von Dr. Anton Mayer. Dor kurzem hat ein Gelehrtenstreit Aufsehen erregt, der sich zwischen deutschen und englischen Mssikforschern erhob; es handelte sich um die Person Friedrich Händels, der von deutscher Seite mit Leidenschaft für unser Land in Anspruch genommen wurde, während die Engländer ihn zum großen Teil trotz seiner unbezweifelbar deutschen Abstammung als einen der ihrigen gelten lassen wollen. Die Frage ist oft und heftig behandelt worden, ohne jemals in dem eigentlich allein richtigen Sinne beantwortet zu sein. Händel war in künstlerischer Hinsicht, auf die es hier ankommt, weder Deutscher noch Engländer, sondern Italiener; er gehört der Kunst des Landes an, welches ihm in seiner Jugend soviel zu geben gewußt, daß er sein ganzes langes Leben hindurch an diesem Gut zu zehren hatte. Das Beispiel zeigt, wie vorsichtig Begriffe wie „national" und „international" in der Musik anzuwenden sind; vielleicht bedarf ihr Gebrauch noch mehr Uebertegung als auf anderen Gebieten der Kunst, obgleich auch hier die Grenzen oft nicht fest gezogen sind und Einflüsse, die von einem Land zum andern gehen, die Trennungslinien verwischen. In der Musik liegt die Schwierigkeit darin, daß vom Ausgang des Mittelalters ab, also etwa von der italienischen Renaissance ausgehend, ursprünglich nur eine, nämlich die italienische Musik dominiert hat, der sich erst nach einiger Zeit, im 17. Jahrhundert, von Schütz und B a ch an, die deutsche gleichwertig oder nun sogar überragend an die Seite stellen konnte. Vorerst indessen war sie so stark, daß allerdings in Italien von „nationaler" Musik gesprochen werden konnte. Die Ausbildung der „Monodie", das heißt das „Dominieren der Gesangsmelodie", eben des Elementes, das die Musik uns seit Jahrhunderten teuer gemacht hat, jetzt war von den Anhängern des linearen Kontrapunktes verleugnet, in nicht allzu langer Zeit aber wieder mit heißem Bemühen aufgesucht werden wird: kurz die ewige Quelle musikalischen Ausdrucks stammt, es ist nicht zu leugnen, aus Italien, und hat von den Landen südlich der Alpen aus allmählich auch die anderen Musikländer, vor allem also Deutschland, das räumlich nächste, befruchtet. Wie in Italien selbst die Melodie der großartigen Polyphonie, dem mit kunststückartiger Kunst, genauester Berechnung und außerordentlicher Gelehrsamkeit gesetzten vielstimmigen Satz der älteren Meister — ihre größten Beherrscher waren eine Zeitlang die Niederländer — an Ausdehnung gewann, von der Singstimme auf die Instrumente Übergriff und sich alles untertan machte, ist ein komplizierter Vorgang, der natürlich nicht ohne Rückschläge, Umwege, Ausweichungen und Schwierigkeiten vor sich ging. Nur dieser Vorherrschaft der Monodie verdanken wir die verschiedenen Formen, in denen heute noch unsere Musik ihre Gestaltung findet: sie ermöglichte das Musikdrama, die Oper, welche am Ende des 16. Jahrhunderts in Florenz ihre Geburtsstunde erlebte, und in der kurzen Zeit eines Jahrhunderts zu ungeahnter Beliebtheit emporwuchs, ja, die Menschen wohl mehr als jede andere Kunstart zu begeistern vermochte, nicht nur in Italien, sondern Überall, wo sie hinkam, auch in Deutschland, und zwar als italienische Oper, die von Italienern in italienischer Sprache aufgeführt wurde und bis ins 19. Jahrhundert hinein bei uns, in Frankreich und England ihre allgemein beliebte Stätte hatte. Wieviel Anregungen, wieviel Stoff musikalischer und dramatischer Art, wieviel Technik ist mit diesem Strom dex italienischen Oper in die nicht-italienischen Länder geflossen — z. B. durch Händel nach England — wie sehr ist alles deutsche Opernmusikwesen, mit Ausnahme der „Zauberflöte", bis auf Wagner und Weber mit ihren Tendenzen, ihrem Melodienreichtum, ihren Finali, ihren Figuren durchsetzt gewesen! Auch beim frühen Wagner, im „Holländer", finden sich Melodien, die sehr gut von Bellini fein könnten, nachdem die „Rienzi" mehr in französischer Manier geschwelgt hatte, die ja aber auch letzten Endes wieder an italienischen Zügen reich ist; dem sentimentalen, typisch italienischen Mordent*, der sich auch häufig * Musikalische Verzierung; Triller. bei Weber findet, bleibt Wagner noch lange treu, und sogar noch im Ring finden sich Stellen, wie z. B. die Todesverkündigung im zweiten Akt der „Walküre", deren Thema — bestimmt unbewußt — auf eine Melodie aus Marschners „Hans Helling" zurückgehend, wieder auf die Romantik und die Nähe der italienischen Oper hinweist. Ganz gewiß ist Wagner deutsch, und die „Meistersinger" sind eines der ganz wenigen wirklich „nationalen" Werke, die wir haben — die „Zauberflöte" gehört auch zu ihnen — es wird auch keineswegs schlechter dadurch, daß sich auch in ihm Züge zeigen, die auf die Jnternationalität der Musik Hinweisen. Am stärksten findet sich der Internationalismus bei Mozart. Die meisten Menschen, die glauben, Mozart zu hören, wenn sie feinen Sinfonien oder den Opern mit italienischem Text lauschen, dürften sich irren: bas, was sie an Mozart lieben und für charakteristisch halten, ist meist gerade das Unmozartische, in der Zeit Liegende, Italienische, das sich auch bei Sarti, bei Salieri und Dittersdorf findet. Mozarts unermeßliches Genie lag allerdings auch in einer Synthese italienischen und deutschen Geistes — er ist der einzige gewesen, dem sie geglückt ist, ebenso wie Goethe der einzige war, dem die Synthese griechischen und deutschen Wesens gelang — seine ureigene, eben im letzten Mozartische Art aber ist nicht so leicht zu erkennen und erfordert ein sehr genaues Studium seiner Werke. Sie liegt in der vollkommen dämonischen, melancholischen, ironischen, tragisch-dramatischen Seite seines Genies, und ist am besten etwa aus den Comturszenen und der Figur der Elvira im „Don Giovanni", aus der hinterhältigen und hintergründigen Weltverachtung in „Cosi fan tutti“, aus dem revolutionären Geiste des „Figaro", aus einigen Mittelsätzen seiner Klavierkonzerte, der O-Moll- Fuge für zwei Klaviere, manchen Sinfoniesätzen und anderen zu erkennen. Hier steht ein einsamer Gigant vor uns, der über alle Umwelt, mag sie deutsch oder italienisch, national oder international sein, hinausragt. Aber er hat auch ein Werk geschaffen, das nun wieder über alle Synthese mit Italien hinweggeht, mit neuer Kraft alles Deutsche zusammenfaßt, und so wirklich mit der ersten deutschen Oper, die geschrieben wurde, der „Zaüberflöte", — von einigen unzulänglichen Versuchen der Mannheimer Schule, wie Holzbauers „Günther von Schwarzburg" können wir hier füglich absehen — ein nationales Meisterwerk geschaffen, das, wenn wir nicht die „Meistersinger" anführen wollen, nicht wieder erreicht worden ist und auch nicht wieder erreicht werden wird. Aber wir sehen wiederum, wie vorsichtig wir sogar bei einem der größten deutschen Komponisten fein müssen: Mozart war von Familie Bayer, von Geburt Salzburger, — und wieviel ist von seinen Werken „nationale“ Musik, wieviel aber vielmehr „internationale"? Deutschland und Italien sind diejenigen Länder, welche die übrige Welt mit Musik versorgt haben; im 19. Jahrhundert überwiegt sogar der Einfluß der deutschen Musik in manchen Ländern, wie in England, ganz erheblich. Vielleicht ist dies der Grund, der manche Deutsche dazu verführt, die deutsche Musik als die einzige zu bezeichnen, die von Wichtigkeit ist; sie vergessen dabei, daß auch die Deutschen auf der Leiter der italienischen Musik in die Höhe gestiegen sind. Wenn, sie nun, nachdem sie oben sind, dieser Leiter einen Tritt versetzen, daß sie umfällt, so mag fie zwar für manche Leute unsichtbar werden; aber das ändert an der Tatsache nichts, daß sie einmal als Mittel zum Ausstieg benutzt worden ist. Infolgedessen sind Streitigteiten um die „Zugehörigkeit" eines Komponisten zu einem Lande, ganz gleich ob es fein Geburtsland ist oder nicht, gewöhnlich unfruchtbar — der Hamburger Brahms, der in Wien lebte, hat mehr ungarische Motive in seiner Musik, als mancher Zigeuner, der Wiener K o r n g o 1 d macht oft genug Ausflüge in das Land Pucci- n i s , und fo fort. Es gibt einige Komponisten, die man als Pertreter einer „nationalen" Musik ansprechen kann, weil sie aus der eigentlichen und echten Volkstonkunst ihres Landes hervorgegangen sind: vielleicht könnte das in Deutschland Pfitzner, in England Paughan Williams, in Italien Pizzetti sein — für unsere Tage. Im großen ganzen aber ist es besser, sich an den Werken eines Künstler^ zu freuen, als ihre nationale Zugehörigkeit zu erwägen; denn Genie und Kunst kennen keine Grenzen. Oer königliche Strom. Ueberschwemmnng am Jangtsekiang. Von Dr. Georg Häfner. Genau zwanzig Jahre sind vergangen, seit die Mandschudynastie gestürzt, seit China Republik wurde. Der erste Schuß in der chinesischen Revolution fiel in Hankau, der Millionenstadt am Jangtsekiang. Das war kein Zufall. Der König der Ströme, oft auch nur „Großer Fluß" genannt, entspringt tief in Tibet und entwässert einen gewaltigen Teil Chinas. Wenn im Frühjahr im Hochgebirge der Schnee schmilzt, fo steigen feine Fluten, und im Juli und August kann er mitunter Hochwasser von 20 Meter Höhe führen. Dann wird das Jangtsetal überschwemmt, Millionen Menschen werden obdachlos, geraten in Bewegung, es entsteht, wie man heute in westlichen Ländern sagt, eine revolutionäre Situation. Im Jahre 1911 zeigte sich der Jangtsekiang von seiner schlimmsten Seite. Er verheerte fruchtbare Reisfelder, er verwüstete die Baumwollpflanzun- gen, er zerstörte die Teeplantagen, er entwurzelte die Bäume, riß die kleinen Häuser fort, warf die Dschunken um, er überflutete Dörfer und Städte und vernichtete zahlreiche Menschenleben. Das war eine der Ursachen für den Ausbruch der Revolution. Der Jangtsekiang ist wieder einmal über die Ufer 'getreten. Zahlen, die aus China gemeldet werden, muß man mit Vorsicht behandeln. Bei einem Volk, das aus mindestens 400, wahrscheinlich 450, vielleicht aber auch über 500 Millionen Menschen besteht, bei dem es also keine Volkszählung gibt, sondern nur ungeheure Menschenmassen, die geschätzt den, darf man die Millionen, die das Kabel meldet, nicht so nehmen. Immerhin ist es nicht ausgeschlossen, daß tatsächlich 23 MiN Nonen Menschen obdachlos geworden sind. Das wäre ein reid£ liches Drittel der Bevölkerung Deutschlands. Halb China wohnt m> Jangtfetal. Der mächtige Strom fließt durch die bevölkertsten Provinzen. Vier Millionen Häuser sollen vernichtet worden sein — keine europäische» Käufer aus Stein, mit Kellern und sicheren Fundamenten, mit drei oder vier Stockwerken, sondern leichte Bauten, Nein und unansehnlich, von höchstens anderthalb Stockwerken, in einfachster Weise aus Holz und Ziegeln errichtet. Aber wertvoll oder nicht: es sind die Behausungen einer Millionenbevölkerung, die nun kein Dach über dem Kopf hat. Der wütende Strom reißt alles mit sich fort, und auf feiner Oberfläche treiben ertrunkene Menschen. Auch Hankau hat gelitten, auch dort sind nicht nur Sachwerte, sondern Menschenleben der Ueberschwemmung zum Opfer gefallen. Es herrscht eine grenzenlose Not in einem Land, dessen Bevölkerung schon vorher an der Grenze des Existenzminimums vegetierte. Wenn man an 1911 denkt — die Folgen dieser Ueberschwemmung sind unabsehbar. Im Jahre 1905 sollen bei einer Ueberschwemmung des Jangtsekiang 80 000 Menschen den Tod gefunden haben. Allein in der Provinz Setschuan lallen damals 80 000 Häuser zerstört worden sein. Wenn man annimmt, daß in allen übrigen von den Fluten verheerten Provinzen die fünsfache Menschenzahl umgekommen ist, die fünffache Zahl von Häusern zerstört wurde, so kommt man immer noch nicht zu den Ziffern, die jetzt gemeldet wurden. 400 000 oder 500 000 Häuser im Jahre 1905, aber vier Millionen jetzt — das ist ein großer Unterschied, der einerseits auf Uebertreibung, anderseits auf einer weit größeren Ueberschwemmungskatastrophc beruhen kann. Wie ist es möglich, daß ein Fluß (o furchtbaren Schaden anrichtet? Nun, der Jangtsekiang ist kein Fluß in unserem Sinne, er ist ein Strom von ungeheuren Ausmaßen. Mit seinen riesigen Nebenflüssen, die größer als die großen deutschen Ströme und, was in einem Land mit wenigen Eisenbahnen und schlechten, holperigen Wegen noch mehr bedeutet, auf längere Strecken hinaus schiffbar sind, bildet der Jangtsekiang ein Stromnetz von unvorstellbarer Gröhe. Etwa 5000 Kilometer ist der Hauptstrom lang. Oberhalb des Deltas an seiner Mündung werden durchschnittlich in jeder Sekunde 22 000 Kubikmeter Wasser vorbeiführt. Wenn im Gebirge der Schnee schmilzt, ist die Wassermenge natürlich viel größer. Gelb und trübe sehen die Fluten aus, denn der Strom führt Lößboden, Schlamm aus den Gebirgen in großen Mengen mit sich. Das Flußbett verändert sich unaufhörlich. Wo eben noch die Fahrstraße war, ist nun eine Sandbank entstanden, und wenn ein Schiff dort hinauffährt, aber nicht unmittelbar darauf wieder flott gemacht wird, so kann es in kurzer Zeit auf dem Festland stehen; denn der Jangtsekiang spült ununterbrochen neuen Schlamm heran, die Sandbank wächst, verbindet sich mit dem User, und nun fließt der Strom seitlich davon seinen Weg. Die Lotsen, die die Schiffe über die Gefahren dieses Stromes hinwegfteuern, find geschulte Männer; sie find mit dem Leben dieses Flusses verwachsen, sie kennen feine Launen, feinen wandernden Untergrund. Dennoch kommt es ost genug vor, daß auch sie ein Schiff auf eine Sandbank fahren und ins Verderben bringen. Der Schiffsverkehr auf dem Jangtsekiang ist ungeheuer. In der Nähe seiner Mündung liegt Schanghai, längst die wichtigste Stadt Chinas, die den Handelsverkehr des Jangtsekiang ausnutzt. Fährt man flußauf wärts, so kommt man an vielen Städten vorbei nach Nanking, der Hauptstadt, noch Wuhu, nach Huku und schließlich nach dem mächtigen Hankau. 800 Kilometer trennen Hankau vom Ostchinesischen Meer. Dennoch sieht man auf der Reede von Hankau die Ozeandampfer und die Panzerschiffe der Europäer. Sie können hinaussahren, denn Hankau ift ein Meereshafen tief im Binnenland. Größere Schisse gelangen noch viel weiter, bis nach Jtschang, kleinere überwinden sogar die Strom- schnellen, die dann beginnen, und gelangen bis Suifu. 1500 Kilometer sahren die Schiffe den Jangtsekiang hinauf, viele Hundert Kilometer darüber hinaus können sie die Nebenflüsse hinauf in das Innere des Landes hineinfahren. 1500 Kilometer von Schanghai bis Jtschang, und dann beginnt der Kleinverkehr. Große Dampfer können also auf dem Jangtsekiang Strecken zurücklegen, die die Entfernung von Berlin nach Nom übertreffen, die mit der Strecke Brüssel—Barcelona verglichen werden können. . . „ Von den großen Strömen, die es gibt, haben nur zwei in der Geschichte der Menschheit eine mehrtausendjährige Rolle gespielt. Der Amazonas, der Mississippi, der Kongo, sie alle sind bedeutende Strome; doch nur der Nil und der Jangtsekiang fließen durch altes Kulturgebiet und sind umkämpst worden zu einer Zeit, in der Europa noch eine Wildnis gewesen ist. Wie die ägyptische Kultur am Ufer des Nil entstanden ist, so ist der Jangtsekiang schon vor Jahrtausenden die Schlagader Chinas gewesen. Im chinesischen Mythos wird er oft der „Blaue Strom genannt, obwohl seine Fluten gelb find, und obwohl man von ihm in übertragener Bedeutung eher von einem Noten Strom sprechen könnte, denn an Den Ufern des Jangtsekiang ist viel Blut geflossen sind furchtbare Schlachten geschlagen worden, in den Kriegen der chinesischen Kaiser, in den Revolutionen, auch in der letzten Revolution und schließlich im chinestsci;en Bürgerkrieg 1926 und 1927, aber auch in späteren Jahren. Piraten haben auf diesem Strom feit Jahrtausenden ihr Unwesen getrieben und räubern noch heute die Schiffe aus, auf mächtigen Flößen treiben ganze Dörfer stromabwärts, auf der Wanderung in andere Gebiete mit Zetten auf den Baumftämmen. Da segeln Hausboote mit ihrer sellfam gcnpp en Leinwand, da versucht ein Floß, auf dem eine Baracke steht und mit dem em Dutzend Chinesen den Fluß hinabzieht, schnell an einem Samp er Doruber- Zufahren, ihm den Weg abzuschneiden, denn das bringt Mi ck und der Chinese ift mehr abergläubisch als furchtsam. Mancher Zusammenstoß 'st auf diese Weise schon herbeigeführt worden. W^n Todesopfer zu beklagen sind, fo muß der Kapitan der Faimlie des Toten eine Cnt- schädigung bezahlen. Doch sind die Menschenleben in China nicht teuer, und jeder Kapitän kennt den Tarif. u. ... Ueberschwemmungen haben China heungesucht so lange man sich uber den Leidensweg des chinesischen Volkes in den Gosch.chisbii^rn unter richten kann. Der Jangtsekiang, der alte königliche Strom, der inber chinesischen Geschichte eine so bedeutsame Rol e ^spielt Hatz und Zerstörer des Lebens, und das Volk hat sich früher dam' °b9-fund-n, daß die Naturgewatten vernichtend auftreten. 2(ber f Die chinesische Bevölkerung ich im Tiefsten -wfgewuhtt; sie lllaubt^mcht mehr daran, daß ein Landarbeiter mit vier Mark im muß, sie verlangt eine Neuregelung ihres Lebens. Der anspruchslos« Chinese, halb verhungert und ganz zerlumpt, hat den Luxus des Westens gesehen und ift nicht in der Lage, an den Genüssen des Lebens auch nur in bescheidenster Form teilzunehmen. Wenn die Millionen längs des Jangtsekiang in Bewegung geraten, wenn sie in einem revolutionär unterhöhlten Gebiet Brot und Obdach verlangen, ohne daß man ihnen etwas bieten kann, so ift das Ende dieser Entwicklung nicht abzusehen. ©er Kampf der Tertia. Erzählung von Wilhelm Speyer. Alle Rechte beim Rowohlt Verlag, Berlin W 35. (Fortsetzung.) Nach einer Pause fügte er erklärend hinzu: „Da oben brauchst du dich über nichts zu ärgern, Mensch, wenn dein Motor funktioniert und du sonst richtig bist. Da gibt es keine Bürger, die aus Weinflaschen saufen und Gulasch dazu fressen und dann .Mahlzcitt agen und Maßregeln gegen die immer weiter um sich greifende Tollwut )er Haustier« ergreifen. Mein Bruder ist noch vor Mittelholzer ein Stück über Afrika geflogen. Da hat er Löwenrudel gesehen, die waren Ho winzig, daß man an di« zwanzig Stück von ihnen gern auf den Schoß nehmen möchte. Weißt du, was mein Bruder immer sagt? Von da oben ift die Erde spaßig und niedlich. Aber die Luftströmungen und die Gewitter und der Regen, wenn es schüttet, — die sind spaßig und niedlich, sage ich dir." Er fügte hinzu: „Mittelholzer ist ein großartiger Kerl." Borst fragte bescheiden, wie jemand, der den Zeitungen nicht so recht traut und das Urteil eines Fachmanns kennenlernen möchte: „Und Lindbergh?" „Lindbergh ift auch ein großartiger Kerl." Borst schluckte beruhigt. Er wagt« jetzt etwas von sich aus zu behaupten: „Nungesser und Coll waren auch großartige Kerle? Hornbostel hatte nichts dagegen einzuwenden. Borst war sehr froh darüber, daß sein Urteil angenommen war. „Chambertin und Levine sind ebenfalls großartige Kerle", sagte Hornbostel jetzt. „Und Übet?" fragte Borst ängstlich. „Übet ist ein as", erklärte Hornbostel. „Wieso ein Aas?" fragte Borst, unb er rollte entsetzt bie Augen. „Kein Aas." Hornbostel spuckte gütig. „Ein as. Weiht du nicht, was ein as ist? Das ift der französische Sportausdruck für einen großen Flieger." Er fügte hinzu: „Mein Bruder hat in Le Bourget — weißt du vielleicht auch nichtz was Le Bourget ist?" „Nein." „Das ist der große Flughafen von Paris, — in Le Bourget hat mein Bruder den ,Spirit of St. Louis' gesehen. Da war ein ganz, ganz schmales und leichtes Stühlchen aus Rohrgeflecht darinnen, wie ein unbequemes Gartenstühlchen. Auf dem hat Lindbergh seine dreiunddreißig Stunden gesessen — ganz allein, über dem Atlantischen Ozean... Ich muß oft an dasRohrgeslecht denken... Ob ich auch einmal auf solch einem Stühlchen sitzen werde, das doch eigentlich mehr für einen Garten in Kalifornien ober in Italien bestimmt ift, — und bann unter mir bas Eislanb des Sübpols sehe?" Hornbostel seufzte bedenklich. Für einen deutschen Jungen gab es fo allerhand zu seufzen, wenn man an dergleichen Dinge dachte. Sie schwiegen beide. Borst war so glücklich, daß Hornbostel das alles mit ihm besprach. Er träumte von einer warmen innigen Freundschaft mit Hornbostel, obwohl Hornbostel eigentlich noch ein bißchen klein war und Borst die großen Jungens, wie Lüders und Reppert, mehr liebte. Er hatte wieder einmal ganz vergessen, weshalb er hier im Straßengraben lag, so tief träumte er. Aber Hornbostel hatte bie Straße keine Sekunbe aus bem Gesicht gelassen. Unb ba er einen Fliegerblick hatte, so konnte er jetzt auch noch Borst beobachten, was er öfters mit Interesse zu tun pflegte. „Warum bift’n bu manchmal fo ibiotisch?" fragte er freunblich. Borst erschrak. „Ich weiß nicht..." Er stammelte. „Ibiotisch? Ja? „Ja!" bestätigte Hornbostel in ber bestimmtesten Weise. Plötzlich sprang er auf. „Los!" schrie er wie besessen. „Er winkt!" Borst war im ersten Augenblick ganz verbüßt. Wer winkt? Dann aber ging es gleich los! In zehn Sekunben hatten sie eine Barrikabe, wie man sie zur Straßen- abfperrung benötigt, aus ihrem Birkenwälbchen heraus quer über bie Lanbstraße gezogen. .. Die Straße war in ber Gegenrichtung des Einspänners abgesperrt! Ein Schild, mit großen lateinischen Settern in roter Farbe gemalt, hing daran. ... _ , „ , „Halt! Straße nach Lindenau—Maineweh für Fahrzeuge aller Art wegen Strahenausbesferung gesperrt!" Sie krochen in ihr Versteck zurück. Zuerst klopfte ihnen beiden doch etwas das Herz, sogar dem zukünftigen Flieger über der Arktis und Antarktis, ber später einmal ganze Rudel von Eisbären in (einen Schoß nehmen würde. Dann aber bekamen sie beide fchiefe Augen, so grinsten und kicher- ten fie. Es kam nämlich wie auf Kommando sogleich ein Kleinauto angefauft. »er Mann darin, ein Elektromonteur aus Maineweh, den bie Jungens gut kannten, denn sie kauften ihre Rabiowerkzeuge unb ihre Taschen- lampen bei ihm, stoppte bicht vor ber Barriere. Sein roter Vollbart ftanb kerzengerade vor Verwunderung. Straßenausbesserung? Davon wußte er ja gar nichts! Er war ja erst vor einer halben Stunde hier vorbeigekommen, da hatte es noch keine Straßenausbesserung gegeben. Er schimpfte. Das war eine grobe Ungehörigkeit des Straßenbauamtes, einem so ohne weiter« Ankündigung von einer Stunde zur andern die Straße vor der Nase wegzusperren! Er stieß seinen Wag schräg zurück. Aber die Herren machen ja mit einem, was sie wollen! Der Rotbart gedachte, das heute abend im Wirtshaus, wo er mit einem Chauffeur der Holzfirma Gottloeber & Söhne Schach zu spielen pflegte, einmal gehörig zur Sprache zu bringen. Hornbostel und Borst drückten die Schläfen eng aneinander, so mußten sie unter ihren Birken lachen! Man sah es dem Hanomag ordentlich von hinten an, wie er da grollte, während er staubend davonfuhr. Gleich danach kam ein Motorradfahrer. Das war kein schwerfällig grübelnder Schachspieler und bastelnder Elektromonteur. Das war ein Berliner Radrennfahrer, der an den Sonntagen im Tourenrennen feine hübsche Portion Kilometer hinter sich brachte und bei dem Steher-Rennen in Berlin Schrittmacher für seine Sportsfreunde war. Der schnurrte, ohne sich einen Augenblick zu besinnen, von ferne so heftig mit dem Fuß, daß die kleinen Steine splitterten, riß sein Rad mit einer eleganten Wendung herum, wie ein Parsorcereiter fein Pferd, und in ein paar Sekunden war er verschwunden. Wird ein heller Berliner Junge sich vielleicht darüber Gedanken machen, weshalb hier, ausgerechnet zwischen Schwanderloch und Lindenau, die Straße abgesperrt ist? Immerzu! Sperrt ihr nur eure Straßen ab! Ihr habt das Ausbessern nötig! Ein Berliner Junge läßt sich nichts vormachen... Hornbostel und Borst lagen auf den Bäuchen und strampelten. Sie hatten sich die Arme um die Hälfe geschlungen, als ob es nicht den ungeheueren Rangunterschied zwischen ihnen gäbe. Schließlich kam noch ein Radfahrer, der sich nicht beruhigen mochte. Immer wieder ging er an die Barriere hin, betastete das Holz, befühlte die blutrote Schrift, roch bann an seiner Fingerspitze, schielte nach der Richtung des Schulgutes, denn er schien die rote Farbe irgendwie mit dem Schulgut in Verbindung zu bringen, zog auch schließlich eine Karte hervor, die er eifrig studierte, worauf er sich aufs neue die Tafel betrachtete und zögernd, maulend und mißtrauisch bis dort hinaus entschwand. Wären Hornbostel und Borst zwei Jahre jünger gewesen, so hätten sie sich jetzt bestimmt in die Hosen gemacht. In diesem Augenblick aber kam etwas sehr Schlimmes, etwas ganz Unerwartetes: Ein Reichswehrsoldat zu Pferde. Ein Reichswehrsoldat auf einem schönen Fuchs mit einem kurzen Rücken. Dieser Angehörige der Wehrmacht wiederum beachtete die Barriere überhaupt nicht. Er gab ihr keinen einzigen Blick. Er ritt Schritt in den Wald hinein. Die Hufe seines Pferdes zertraten ihnen fast die Schädel. Hornbostel war ganz blaß geworden. Er sprang auf. „Hören Sie! Herr Soldat! Die Straße ist gesperrt!" „Mahlzeit!" sagte der Soldat freundlich, und er setzte sich in Trab, und er ritt auf der andern Seite der Schranke weiter. Das war Gefahr! Das war entsetzlich! Menschlichem Ermessen nach mußte der Soldat genau zu jener Minute bei der Horde eintreffen, zu der dort der Ueberfall stattfinden sollte. Hornbostel zog seine Pfeife. Das war das verabredete Signal: ,Bei uns ist die Sache schief gegangen! Jemand kommt!' Aber das Signal kam zu spät. Der Ueberfall war bereits im (Sang. Für Jungens, die darin Uebung hatten, wie die Bande, war das eine leichte Angelegenheit. Ein Einspänner geht bergauf die Straße entlang. Der Besitzer ist natürlich nicht abgestiegen, der Gaul soll nur getrost die wertvollen menschlichen Knochen ziehen, das wäre ja noch schöner. So ertönt plötzlich im Walde ein Pfiff, und zwanzig Räuber springen mit „Hurra!" und „Es lebe der Hund! Es lebe die Katze!" aus dem Gebüsch. Sogleich sind mindestens fünf davon um das arme Pferdchen versammelt, das sich durchaus nicht etwa schäumend vor Grauen mit weißen, schiefen Augen emporbäumt, sondern, freundlich dankbar für die Rast, den Räubern in das Gesicht pustet, und die fünf Räuber haben nichts anderes zu tun, als das gute Pferdchen zu streicheln und es mit drohenden Blicken auf den Besitzer zu trösten: „Dir geschieht ja nichts, Alter!" oder sachverständige Bemerkungen über eine längst vernarbte Wunde an der Vorderhand auszutauschen und dergleichen Dinge mehr. Aber der Besitzer? Ein Mann mit einem graublauen Schnurrbart und graublauen Bartschein auf den Wangen, mit einem violetten Gesicht und einer Narbe über der Stirn, die von irgendeiner Schlägerei oder vielleicht von der Kralle irgendeines wütenden Tieres herrührt, — und dazu noch eine lange Narbe am Hals von irgendeiner bösartigen Halsentzündung ... „Sie sind Gefangener der Tertia", erklärt ihm der Häuptling kalt, ohne mit der Wimper zu zucken, als sei es für einen Mann, der am Donnerstagnachmittag von Maineweh nach Schwanderloch fahren will, die natürlichste Sache der Welt, daß er der Gefangene der Tertia ist. Und fünfzehn feste Jungenfäuste legen Hand an ihn an. Dabei hätten die Fäuste von Lüders allein wohl genügt, einen erwachsenen Mann zu bändigen. Der Mann aber schüttelt die Fäuste unwillig von seinem Leibe, und es gelingt ihm auch, eine Sekunde lang' sich zu befreien. Hier ist wohl Fastnacht im Juni?" fragt der Mann. „Was ist hier?" fragt Lüders höflich, und nun hat er feine Faust wieder am Arm des Mannes. Und zehn andere Fäuste helfen ihm, zehn Fäuste von entschlossenen Jungens, die sich bestimmt nicht mehr abschütteln lassen werden. Der Mann hat noch die Peitsche in der Faust. Aber diese Faust wird von vier Räuberfäusten festgehalten. Der Mann überlegt. Er macht keinen dummen Eindruck. Das ist kein Bauer, — der Häuptling, der ihn scharf beobachtet, sieht es, wie er sich bei der ganzen Aktion benimmt. ,Das ist ein teufelsschlaues Vieh', so entscheidet der Kurfürst bei sich. „Sehen Sie da oben hin!" sagte der Große Kurfürst streng zu dem Fuhrwerksbesitzer. „Da oben?" fragt der Mann mit einem feigen Witz. „Ich soll wohl aufgehängt werden?" „Sie verdienten das", entgegnete der Häuptling trocken. „Aber jetzt meinte ich etwas anderes. Sehen Sie da auf dem Abhang die Hexenkuppe? Dort auf halber Höhe ist unser Feldlager. Wir bitten Sie, uns dort hinauf zu folgen, ohne zu mucksen." „Was soll ich denn da oben mucksen?" fragt der Mann dummschlau. „Ich muß ein Geschäft in Schwanderloch um drei abschließend „Ihre Geschäfte werden wir Ihnen versalzen, guter Sir", sagt der Häuptling kalt, und alle Tertianer lachen fröhlich, zärtlich und dankbar über das ,guter Sir'. Millen in ihr Gelächter herein aber ertönt die Pfeife von Hornbostel. ,Die Sache geht schief bei uns! Jemand kommt!' „Verflucht!" schreit der dumme, wenn auch sehr tapfere Lüders. „Jemand kommt!" „Natürlich!" ruft ein jüngerer aus der Bande empört. „Wo Borst dabei ist, muß es ja schief gehen!" Der Gefangene macht ein höhnisch frommes Gesicht. „Das gibt’s auf einer Landstraße, da kommt mal der, mal jener!" „Also tos! Herrgott nochmal! Vorwärts!" schreit der Kurfürst. Er verliert zum ersten Male in seinem Leben jede Beherrschung und Ruhe. Aber wenn der Mann sich weigert? Schließlich kann man ihn den Berg nicht hinauf tragen. Und der Mann weigert sich. Er stemmt sich fest in die Erde. Zehn Tertianer zerren an ihm herum. Es hilft nicht viel, man bringt ihn keine zehn Schritt weiter. Und da erklingt auch schon Pferdegetrampel! „Wenn Sie jetzt nicht mitgehen, werden Sie erschossen!" erklärt der engelsschöne Otto Kirchholtes mit glockenreiner Stimme. In diesem Augenblick biegt der Reichswehrsoldat um die Waldesecke. Der Ueberfallene schreit ihm etwas zu. Der Reichswehrsoldat nickt. „Mahlzeit", sagt er, und er nickt allen freundlich zu, den Räubern sowohl wie ihrem Opfer. Noch einmal schreit der Mann dem Soldaten verzweifelt etwas nach. Aber der Reichswehrsoldat auf dem schönen Fuchs mit dem kurzen Rücken ist schon wieder um die nächste Ecke herum. Zwanzig rote lachende Knabengesichter! Sie wiehern vor Freude. Sie müssen so rasend lachen, daß sie fast eine Zuneigung zu ihrem Opfer fassen. „Also schön", sagt jetzt der Mann mit einem kläglichen Versuch, gut gelaunt zu erscheinen. „Ich ergebe mich. Das hat mir meine Mutter auch nicht in der Wiege gesungen! Zwei Jungens bleiben bei dem Pferd und Wagen. Königsmarck faust auf dem Motorrad zu Hornbostel und Borst, um die Straßenabsperrung aufheben zu lassen und das gute Gelingen des lieber« falls mitzuteilen. Die andern bringen ihre Beute ins Feldlager/ wie man einen Zwan- zigender, den man erlegt hat, ins Quartier schleppt. „Nun gut", sagte der Häuptling oben im Feldlager nach heftiger Rede und Gegenrede. „Wir haben Ihnen Krieg oder Frieden angeboten, Herr Biersack! Wir haben unser Taschengeld von ein paar Monaten für Sie gesammelt und eine Anleihe auf das künftige gemacht. Wir bieten Ihnen für den entgangenen Schaden fünfundneunzig Mark, wir können es auch noch zur Not auf hundert Mark bringen. Ader Sie wollen Krieg, wie es scheint, ja?" „Bieten Sie doch dem Oberamtmann fünfundneunzig Mark", entgegnete der Mann verbissen, mit fliegenden Augen. „Der Oberamtmann, das sind Sie in diesem Fall! Der Oberamtmann ist Ihr Freund. Erklären Sie ihm, daß es genügt, die Katzen im Haus zu halten, und daß es überflüssig ist, frei umherlaufende Hunde gleich zu erschießen. Man kann sie einfangen." „Ich bin ein einfacher Geschäftsmann." „So einfach ist Jbr Geschäft gar nicht, guter Sir! Sie leihen Geld aus. Sie kaufen Fahrräder und Kleinautos als altes Eisen den Bedrängten unter dem Leibe weg. Sie treiben den Bauern das Vieh aus dem Stall. Sie kaufen den Katzen bei lebendigem Leibe das Fell für zwei Pfennige ab, und Sie verkaufen es für fünfzig Pfennige ober schöne Angorapelze sogar für eine Mark und mehr! Und der Herr Oberamtmann schwort auf Sie, weil Sie zu feiner Partei gehören. Also los! Zeigen Sie, was Sie können!" Der Mann stampfte voll Wut mit dem Fuß auf. „Ich kann gar nichts! Ich habe keine Zeit mehr! .Ich gehe jetzt!" „Sie können ruhig gehen, Herr Biersack! Wir haben auch keine Zeit mehr! Wir haben Sie nur gefangen genommen, damit Sie unser Angebot in Ruhe anhören." „Wir sprechen uns noch! Das nennt man Freiheitsberaubung! Der Hardecker Verthold hat dafür neulich zwei Jahre bekommen!" Die Tertianer lachten wild. „Sie machen sich ja in der ganzen Landschaft lächerlich, wenn Sie erzählen, daß wir Sie gefangengenommen haben!" Der Mann schwieg verdutzt. Dann sagte er nach einigem Besinnen schlau: „So — aber es gibt ja wohl noch einen gewissen Jemand, der über Ihnen steht! Vor dem werden Sie ja wohl mehr Respekt haben als vor den Gerichten im Lande!" (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: vr. HanS Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche UniversitätS-Vuch. und Steindruckerei. R. Lange, Dieben.