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Einförmig wechseln Tag und Nacht: Daß, wenn des Tages Lichter schwanden, Wie sonst der Abend uns vereint; Und daß, wo sonst dein Stuhl gestanden, Schon andre ihre Plätze fanden, Und nichts dich zu vermissen scheint; Indessen von den Gitterstäben Die Mondesstreisen schmal und karg In deine Gruft hinunterweben Und mit gespenstig trübem Leben Hinwandeln über deinen Sarg. Oie Unbekannte aus der Seine. Legende von Tod und Leben. Von Hertha Pauli. Kennen Sie die Plastik „L’inconnue de la Seine"? Keines Menschen Hand hat sie geformt. Es ist die Totenmaske eines unbekannten jungen Mädchens, das man ertrunken aus der Seine gezogen hat. Das Original, das vor vielen Jahren in der Morgue (Leichenhaus) hergestellt wurde, ist nicht mehr zu finden. Aber die Abdrücke — in Wachs, Terrakotta oder Gips — find allerorts zu haben und werden immer wieder gekauft. Neben den starren Totenmasken berühmter Männer finden wir dieses eine Mädchenbild: weich, wie mit einem Hauch von Leben. Die Masken Der anderen wurden um der Werke ihres Lebens willen für uns abgenommen, nach ihrem Tode; dieses Mädchen wollte durch einen Sprung in die *. seine ihr unbekanntes Leben früh beenden — und ist erst durch ihren Tod lebendig geworden für uns: sie mag sich ein anderes ewiges Leben erhofft haben — der Ausdruck dieser "Hoffnung aus ihren erstarrten Zügen wird leben, solange Menschenkunst besteht. Mit einem letzten Lächeln hat sie den Schauer des Todes überwunden für sich selbst, und für alle, die das Bild dieses Todes anzusehen verstehen. In Paris ist dieses Mädchen gestorben, dort hat sich dieser schöne Mund zu seinem letzten Lächeln geschlossen, die Augen — wir ahnen irüheres Licht hinter den geschlossenen Lidern — haben vielleicht nichts anderes von der Welt gesehen, als diese eine Stadt Paris an den Ufern der «Seine. Man möchte das Rätsel dieses Lebens ergründen; möchte wissen, E warum dieses Mädchen den Tod gesucht hat in den Wellen der Seine; Dsivas für Gedanken gewohnt haben mögen hinter dieser hohen reinen otirne, die umrahmt ist vom schlichten glattgescheitellen Haar — und Innn den Blick nicht losreißen von diesem ewig lächelnden Munde. Ein merkwürdig sehnsüchtiger Ausdruck von höchster Empfindung und Reinbeil zugleich leuchtet aus diesen Zügen, darüber ein Schimmer wie von letzter Erfüllung. Von ewigem Frieden. Von Liebe? -.. und die Phantasie baut Brücken zwischen Tod und Leben ... Ein junges Mädchen steht an einem der vielen Fenster des Klosters ;ion Sacrc Coeur. Es schaut hinauf zu dem hellen Mond und den vielen Sternen, sehnt sich fort aus den engen Mauern des Klosters, möchte dlllgel haben und hinauffliegen in den Himmel. Oder blickt hinunter auf Baris, verwirrter von dem Lichlmeer da unten, als von den Dielen hellen Sternen droben am Himmel; und sehnt sich danach, herunterzuspringen in diese lockende Flut von Licht. Eines Tages kommt der Bildhauer ins IAoster, der den Kopf eines Engels bilden soll für den neuen elitär. Cr seht an einem der vielen Fenster das Mädchen stehen: es lächelt leise, «ls ihre Blicke einander treffen, mit einem merkwürdig sehnsüchtigen ilusdruck von höchster Empfindung und Reinheit zugleich. Und als der '-ngelskops vollendet war an dem neuen Altar, da trug er die Zuge des Nadchens hinter dem Fenster. Dieses aber war verschwunden aus der >ngen Zelle im Kloster, und alles Suchen blieb vergebens. * . Ein junges Mädchen lebt in dem kleinen Atelier eines Bildhauers Icheu, vor allen Menschen verborgen. Keiner weiß, woher sie gekommen i't, sie selbst weiß es kaum. Ohne zu ermüden sitzt sie Stunden und otum I len als Modell für sein neues Werk: mit ihrem Lächeln das er |o liebt, £nd mit ihrem Ausdruck von höchster Empfindung und Reinheit zugleich. den er festhasten will mit feiner formenden Hand, und den er nicht fassen noch wiedergeben kann, wie er ihn vor sich sieht. Er zerschlägt alles, was er macht, und versucht es von neuem mit jedem Tag. Di« Arbeit wird schließlich zur Qual. Er beginnt diese lächelnde Reinheit zu hassen, die er nicht bilden und nicht begreifen kann. Er beginnt ihre Hingabe zu hassen, ihr Jhm-untertan-sein in einer Liebe, wie sie im Kloster gelehrt werden und Gott zukommen mag, und wie sie kein Mann ertragen kann. Und er zerschlägt das letzte Bild, das er von ihr geformt hat, geht zu den Freunden und den fremden Frauen und kommt spät und betrunken zurück. Sie lächelt, als sie ihn sieht: sie weiß, es ist die Strafe für ihre Sünden, daß er so ist. Und er sieht das Lächeln auf ihrem Gesicht, dieses selbe Lächeln, das er nicht formen und nicht zerstören kann, und sinnlos vor trunkener Wut schlägt er ihr ins Gesicht. Das Lächeln erstarrt unter dem Schlag. * Ein junges Mädchen steht auf einer der dreizehn Brücken, die über die Seine führen. Sie schaut hinauf zu dem Hellen Mond und den vielen Sternen, und sie schaut hinunter in den Fluß, in dem sich die tausend Lichter spiegeln, die des Himmels und die der Stadt, Sterne, Mond und Laternen. Noch hält sie das Geländer fest. Aber schon verschwimmen vor ihren Augen die Sterne am Himmel, der Mond und die Lichter von Pans der Strom und ihr eigenes Bild zu einer Flut von Licht. Und sie sehnt sich danach, hinunterzuspringen, die brennende Sehnsucht zu kühlen und sich reinzuwaschen von ihren Todsünden in dem Lichtmeer ringsum. Und sie springt lächelnd von der Brücke hinunter in den Fluß, als flöge sie hinauf zu den Sternen droben am Himmel. Zu letzter Erfüllung und ewigem Frieden. Der Bildhauer sucht seine (Beliebte vergebens. Sie blieb verschwunden Viel spater erst entdeckte er in einem kleinen Laden auf dem Montmartre nächst dem Kloster Sacre Coeur einen Kopf aus Wachs, der ihre Züge trug. Kein Zweifel, es war ihre Stirn, hoch und rein, umrahmt vom schlichten, glattgescheitellen Haar, es war ihr Lächeln, dasselbe wie früher und doch sonderbar anders. Und es war dieser merkwürdig fehnsüchtige Ausdruck von höchster Empfindung und Reinheit zugleich, den er vergebens versucht hatte, darzustellen, der Ausdruck, den er geliebt und gehaßt hatte zugleich, — dieser selbe Ausdruck und doch ein sonderbar anderer. „Wer hat diesen Kopf modelliert?" „Keines Menschen Hand, monsieur, es ist eine Totenmaske. Man hat das Mädchen ertrunken aus der Seine gezogen. Niemand weiß, wer sie ist, so nennt man sie ,L’inconnue de la Seine“. Sie können sie billig haben. Es ist ein Wachsabdruck nach dem Original in der Morgue." „In der Morgue?" „Ja, monsieur. Wollen Sie den Abdruck kaufen?" Der Bildhauer schüttelte den Kopf und ging. In diesen Tagen verschwand, ohne daß man viel Aufhebens davon gemacht hätte, das Original der Maske „L’inconnue de la Seine“ aus der Morgue Aber sie selbst wird leben, mit dem schlichten, glattgescheitellen Haar über der hohen Stirne und dem Lächeln voll höchster Empfindung und Reinheit zugleich, solange Menschenkunst besteht. L’inconnue de la Seine ... kennen wir sie —? Oer Tod in der Oper. Rach einer wahren Begebenheit. Von Friedrich Schnack. Der Tenor Enrico Maselli stammte aus Palermo, wo sein Vater das Gewerbe eines Töpfers ausübte. Enrico war der älteste von fünf Geschwistern; die Not und Plage, unter der seine Eltern und Brüder litten, zwang ihn, sich frühzeitig auf eigene Faust durchzuschlagen. Er fuhr mit den Fischern aus und half ihnen beim Fang, abends fang er ihnen in den Kneipen sizilianische Gassenhauer vor, denn er hatte eine schöne Stimme. Da er aber seiner körperlichen Schwäche wegen durch die Roheit der Matrosen und der Trinker arg zu leiden hatte," verdüsterte sich sein ohnedies schwermütiges Wesen. Eines Abends, nach einer Tracht Prügel, die ihm ein betrunkener Fischer verabfolgt hatte, floh er aus der Kneipe und setzte sich weinend atu Itfer auf einen Pfosten, an dem die Seeleute ihre Taue zu befestigen pflegten. Da trat ein hagerer, schwarzgekleideter Mann aus dem flackernden Schein einer Laterne auf ihn zu, und fragte ihn, weshalb er hier hocke und heule, obwohl er doch eine so schöne Stimme habe. Er hätte ihn schon mehrere Abende beobachtet. Verdutzt blickte Enrico in das ablerbafte Gesicht des Fremdlings, den er für einen Beamten der Hafenpolizei hielt. „Ick) meine zu meinem Vergnügen!" antwortete er unwirsch. Der ander« lachte: „Du solltest lieber zu deinem Vergnügen singen, und zum Vergnügen der Zuhörer. Hier hast du eine Lire! Stich auf und komm mit mir: ich will dich einem Maestro der Gesangskunst uorftellen, IN den wie wie Sturz- sie ihn immer, Ü ' spuren nicht immer ansehen muh. Tnn Leise, unhörbar fast geht immer ein sein ziehender, rieselnder durch die Kammer. Harte graue Augen starren aus den Kissen M o Glut Nie hatte er so hinreißend gesungen, die Augen bei seiner Ane der Verfluchung auf die einzig leere Loge des Zuschauerraums gerichtet. Da im Augenblick der höchsten Anspannung, betrat Florence die freie Loge, die von ihren Eltern für die Dauer der Spielzeit gemietet war, und die heute nicht erschienen waren, weil sie sich morgen aus ihren Landsitz in der Campagna begeben wollten. Aber Florence wollte den Geliebten noch einmal hören, ehe sie für mehrere Wochen von Rom abwesend sein würde. Nichts geschah, die Leute waren um eine Sensation gekommen. Florence erwartet ihren Geliebten am Bühnenausgang: „Heut ging es aber gut!" sagte sie; „ich bin glücklich. Nun kann ich beruhigt reisen. Maselli begleitete sie bis zum elterlichen Haus und sie verabschiedeten sich zärtlich voneinander. „ v r v _ Nach wenigen Tagen erfuhr der Sanger, daß Florence in der Campagna, nach einem Ritt, auf dem sie sich eine Erkältung zugezogen hatte, an einer Lungenentzündung rasch gestorben war. Der Tod der Geliebten trieb Maselli saft zur Verzweislung. Des Bühnenlebens überdrüssig, wollte er für immer dem Theater entsagen. Aber Signore Gabriele, sein Freund und Mäzen, brachte ihn von diesen trüben Gedanken ab, riet ihm vielmehr, einen längeren Urlaub zu nehmen, damit er über Trauer und Schmerz leichter hinwegkomme. Er lud ihn zu einer Seereise nach Indien ein, wohin ihn soeben Geschäfte riesen. Die Direktion bewilligte den Urlaub, und Sänger und Mäzen begaben sich an Bord. Nie mehr 'hörte man von ihnen. Es hieß, das Schisf sei :“ einem der gefährlichen Wirbelstürme der Südsee untergegangen ... Am frühen Nachmittag ist Klaus Braachmann noch auf acker gegangen mit den Knechten. Franziska denkt daran, gehen sah: er trug die Schultern so ganz leicht nach vorn jein Kopf auf einem mageren Hals sackte bei jedem Schritt ein wenig nach, während die Hände lässig am Pflugsterz lagen. Der lange Rest des Leitseiles hing darum; dann sah es aus, als seien die Hände an das schmale Grissholz gebunden. So zog er am frühen Nachmittag Und die Laufräder der Pflüge knarrten aus der Ferne des Ackers durch lange Stunden in den Hof, wo Franziska arbeitete. Einmal wurde das Knarren der schlecht geschmierten Räder unheimlich still, es wurde dann wieder lauter, erschreckend laut. Und auf den Hof zu kam das lärmende Schreien der Räder, lieber zwei Pflüge hatten sie eine breite Egge gelegt, dort lag der Bauer Klaus Braachmann, und er war sehr krank. Franziska sah den hageren Körper an, eii^Schrei des Schreckens btiev halb in ihrer Kehle stecken. „Greift doch zu!" wetterte sie auf die Kne-M los, alle halfen sie zusammen, den sterbenden Bauern in sein« eheliche Kammer zu tragen. „Schaut heute i h r nach dem Hof!" sagte die »kau, da war sie schon wieder ganz still und gleichmütig. „Schaut heute iyr nach dem Hos!" . Jetzt sitzt die Frau auf einem Küchenhocker knapp vor hem Bett uno sieht zu, wie der Tod langsam über alles zu wischen beginnt, was vor wenigen Stunden noch war. „Das h«t weh getan", stöhnt der Bauer. L ist rücklings gegen das Vorfchneidmeffer eines aufgekippten Pfluges gefallen, als der Schlag ihn rührte. Daher kommt das Blut, bas ein paar unbestimmte Spuren zeichnet auf dem Leinen des Ehebettes. Mit de Wort hat er auch den Schmerz abgetan. Er zeigt, daß er nicht mey sprechen will darüber, wenn auch das Gesicht in der Wiederholung o bohrenden Schmerzes manchmal sich krampfhaft verzieht. Der schlimmer Schmerz liegt im Kopf. Dort kreiselt es unruhig hin und zurück bie Zeit, seitdem Klaus die Sinne schwinden sühlte und auf das Aorschn«>°' Messer stürzte. Franziska zieht die Decke weiter hoch, damit sie die Diu - Schnitter Tod. A l t« Bolksweise. Es ist ein Schnitter, heißt der Tod, Hat Gewalt vom großen Gott; Heut wetzt er das Messer, Es schneidt schon viel besser, Bald wird er dreinschneiden, Wir müssen's nur leiden. Hüte dich, schöns Blümelein! Was heut noch grün und frisch dasteht, Wird morgen schon hinweggemäht: Die edel Narzisse!, Die englische Schlüssel, Die schön Hyazinthen, Die türkischen Binden Hüte dich, schöns Blümelein! Er macht so gar kein Unterschied, Geht alles in einem Schnitt, Der stolze Rittersporn Und Blumen im Korn, Da liegen's beisammen, Man weiß kaum die Namen: Hüte dich, schöns Blümelein! Trutz! Tod, komm her, ich fürcht dich nit. Trutz! Komm her und tu ein Schnitt. Wenn er mich verletzet, So werd ich versetzet. Ich will es erwarten, In den himmlischen Garten, Freu dich, du schöns Blümelein! Keiner roter Sand. Eine Geschichte von Josef Martin Dauer. starb er. Das Gerücht von dem bösen Blick des Sängers war aus Palermo noch Rom gedrungen, und angesichts dieser Begebenheiten fand «s auch in der Hauptstadt Anklang. Die Gesellschaft mied den Künstler, auch die überlegteren Verehrer kamen nicht gern mit ihm zusammen. In seiner Verbitterung stand ihm nur sein Förderer, Signore Gabriele, freundschaftlich nahe und ein junges, schönes Mädchen aus reichem Haus, Florence, die den Sänger liebte. Sie galt als feine Braut. Ihre Eltern wirkten zwar auf sie ein, sich von dem unheilvollen Künstler zurückzuziehen, doch blieb sie den Vorstellungen gegenüber taub und hielt ihrem Geliebten die Treue. Einige Zeit verging, nach Monaten nahm die Direltion des Opernhauses Halevys Werk zum drittenmal in den Spiel- plan auf und ließ Maselli, der auf seinem Vertrag bestand, auftreten. Ganz Rom war begierig auf die Vorstellung. Ob die Arie auch heute ein Opfer forderte? Das Haus war ausverkauft, vor den Türen drängte sich eine dichte Menge, die zur Ausführung keine Plätze mehr hatte erobern können. Die Vorstellung begann. Die Musik rauschte und glühte, fieberisch rollten die Tonwogen über das erwartungsvoll lauschende Publikum. Maselli hatte einen ganz großen Abend, er sang leidenschaftlich schön; seiner Düsterkeit und seinem sinsteren Element konnte sich keiner entziehen. Er war wohl selber aufgeregt und durch und durch Klang und und sollte er von deiner Kehl« etwas Gescheites halten, will ich Geld an dich hängen, um dich ausbilden zu lassen." Enrico wußte nicht, was er sagen sollte, doch stand er auf und folgte dem Mann. Sie gingen miteinander in eine dunkle Gasse, wo in einem alten Haus der Maestro wohnte, der die späten Besucher mit dem Ruf empfing: „So spät noch, Signor« Gabriele?" . ; „Verzeiht, Maestro, mir scheint aber, ich hatte am Hasen einen Goldfisch gefangen. Der Bursche hat Metall in der Kehle. Laßt ihn nur einmal den Mund austun." . Der Gesangsmeister hieß den Jungen ein Volkslied singen und als er das Lied bei wachsendem Erstaunen über di« Kraft und Tragfähigkeit des Organs' zu Ende gehört hatte, trat er mit dem Gönner auf die Seite und meinte zu ihm: „Sie haben nicht zu viel gejagt. Ich bewundere ihren Griff. Meinen Glückwunsch! Lassen Sie den Burschen ausbilden, eines Tages wird er die Opernhäuser rasen machen „Ihr wollt die Ausbildung übernehmen, Maestro? Der Künstler nickte und nannte eine Summe. Sie wurden einig und Signore Gabriele wandte sich an den Jungen: „Maestro Castelli hält Gutes von deiner Stimme, er will dir Gesangsstunden geben, wenn du einwilligst. Für die Kosten komme ich aus. Du kannst hier wohnen und sollst es gut haben. Sei klug, eine glänzende Zukunft winkt dir. Entscheide dich aber sofort, ich muß morgen verreisen." Gut" antwortete der Junge und in seinen düsteren Augen leuchtete es auf. „Wenn ich zu essen habe und Kleidung erhalte, bin ich bereit, wiewohl ich nicht verstehe, was ihr mit mir vorhabt." Die beiden lachten: er solle das nur ihre Sorge fein lassen, am besten bleibe er gleich hier bei Maestro Castelli. So begann die Ausbildung Mafellis. Er weilte mehrere Jahre in dem Haus seines Meisters, lernte angestrengt und entzündete feinen Fleiß an den Erfolgen der Sanger im Tl^ater zu Palermo. Sein Mäzen, der oft in fremden Ländern reiste, brachte ihm von dort häufig schöne Geschenke mit, um feinen Eifer zu schüren. Enrico war mit feinem Los zufrieden, ja sogar glücklich, änderte aber fein düsteres Wesen nicht. Er blieb nach wie vor finster und in sich verichlossen, die Schatten seiner Jugend wichen nicht aus feinem Geist. Man sand sich jedoch mit seiner Eigenart ab und wartete nur voll Spannung auf fein erstes ösfentliches Auftreten. Es geschah im Theater zu Palermo. Ein einheimischer Komponist hatte für Maselli eine Oper geschrieben, „Der Seehabicht", und Maselli erschien in der Rolle eines Korsaren. Es war ein wunderbares theatralisches Stuck voll Freibeuterei auf dem Meere, Kämpfen und brennenden Schiffen, in deren Flammen der Korsar wie ein Sagenheld aller Schiffer und Seeleute focht und feine Arien über krachende Beile und Schwerter, über wütende Streiter und blutende Leichen glorreich hinschwang. Das Publikum darunter (eine früheren Herren und Plagegeister, die von feinem Auftreten gehört hatten, kannte sich nicht aus vor Entzücken, der Beifall wollte kein Ende nehmen, man trug Maselli auf den Schultern aus dem Theater, und Signore Gabriele gab an diesem Abend in einem der vornehmsten Gasthäuser der Stadt ein großes Fest mit Musik. Doch endete di« Feier nicht so fröhlich wie sie begonnen hatte. Gedrängt von den Gästen, muhten Maselli, der Korsar, und fein Gegenspieler, der Kapitän des geenterten Schiffes, ihre Arien an der Tafel wiederholen; der Eindruck entfeffelte neuerdings einen Ungeheuern Beifall. Aber im gleichen Augenblick fank der andere Sänger zu Boden, ein Herzschlag hatte feinem Leben em jähes Ende gemacht. , , Unter dem abergläubischen Volk verbreitete sich alsbald das Gerücht, Maselli habe den bösen Blick. Seine Rivalen und Neider, deren es genug gab, bemühten sich eifrig, für das Gerücht glaubhafte Ohren zu finden. Maselli wollte deshalb nicht länger in Palermo auftreten, fein Lehrer und Mäzen brachten ihn daher nach Rom an die Oper. Dort wuchs fein Ruhm. Aber eines Abends wurde Halevys Oper „König Karl VI.J‘ aufgeführt, deren Glanzftück die sogenannte „Arie der Verfluchung" war. Mafelli richtete feine Augen, gemäß der Negie- aiiweifung, gen Himmel, die ewigen Mächte anrufend. Gebannt lauschte das Haus auf die berühmte Arie ... da stürzte plötzlich, mitten in die Begeisterungsrufe der Zuhörer, ein Arbeiter aus dem Schnürboden, wohin der Sänger geblickt hatte, auf die Bühne, und wurde tot hinausgetragen. Der schreckliche Vorfall bewirkte, daß das Werk für längere Zeit vom Spielplan verschwand. Endlich nahm man es wieder vor: Maselli, dem die raurige Begebenheit noch nachhing, überging diesmal ängstlich die Regieanweisung, blickte nicht nach oben, sondern verwandte bei der Flucharie kein Auge vom Dirigenten. Es ging alles gut — aber kaum hatte der Dirigent nach Schluß der Vorstellung feinen Taktstock auf fein Pult gelegt, als er auch schon ein heftiges Schwindelgefuhl verspürte und schleunigst seine Wohnung aufsuchen muhte. Nach zwei Tagen Inner Ach !s freie mietet tnM Quf ihren wollte beit °°n Kom men. .»Heut ging Wt reifen." mbflhiedeten n der ®am> S°Sen hatte, iflung. Jes er entfagen. t non tiefen Zu nehmen, t lud ihn zn cfen. Zen begaben Schiff fei in |en... i nit. ew ,nel if den wie n mi? i her ■tte5’ 'ti H'r 'K tränt- t|i# Rauchsang ein Blech laut und hörbar an, als wäre eine Fledermaus daran gestreift. „Alfa muß [eine Seele doch nicht hier bleiben in der Kammer zur Strafe!" Das sagt sie halblaut vor sich hin, während sie die Lider niederdrückt. Der also war es doch, der den Balthasar erstochen hat. Es wird schon recht gewesen [ein so. Erzählt hat er es ihr nicht, aber sie weiß es, seit Klaus ihre Hand so furchtbar sestgehalten hat. iaum, suchen nach dem Ungewissen, Ruhelosen, das durch die Stille iejelt. „Stell die Sanduhr da her ans Bett!" winkte er seiner Bäuerin. Er hat gefühlt, gesehen, wo das Rieseln anklingt, das so eigen durch den öterberaum wispert. Auf dem großen bunten Kasten ist die Sanduhr jeftanöen. Behutsam hebt Franziska sie vom Aufsatz und setzt sie verehrt auf den Nachttisch. In dem großen Achterglas beginnt der seine 1 rote Sand zurückzurinnen von dem oberen Halbglas in das untere. Klaus Zraachmann weiß genau, wie lange der Laus des roten Sandes durch bie feine Oeffnung des Ächterglases dauern wird. Es kann eine ewige Seile sein. Für ihn ist es die letzte Frist. Er denkt darüber schon wieder lieg, weil er weih, daß er tot (ein wird, sobald der rote Sand abgeron- ien ist vom oberen Glas ins untere. Es wird eine knappe Weile (ein. Franziska sieht auch dem Sand zu und denkt an das Ende. „Wasser sollst du mir bringen!" Der Sterbende wirft sich mit einem schmerzhaften Ruck ein wenig nach der Seite. Franziska soll doch nicht die zanze Zeit hier fitzen und zusehen, wie er Schluß macht! Oder soll sie bod) sitzen bleiben? Soll er ihr in den knappen Stunden alles noch erzählen, was sein Leben bestimmt hat seit — feit ... „Sollst kein Wasser bringen!" sagt er. Nun, Franziska bleibt sitzen ruf dem Hocker und sieht ihm beim Sterben zu. Sie hat gemeint und uirb wieder meinen. Klaus mar hart und gut gleichermeise. Sie roirb es iie verwinden. Klaus denkt an andere Dinge. Die Sanduhr läßt spielend kn Sand niederrieseln in das leere untere Glas, und jetzt meint Klaus, tr höre den feinen roten Strahl da plätschern, als wäre es Wasser ... »her — Vor dreißig Jahren ist die Grenze des Besitzes noch nicht dort durch i)ie Wiesen gegangen, wo sie heute geht. Balthasar, der Nachbar, hat vielleicht die Steine versetzt, vielleicht war es schon fein Vater. Klaus »iitte die Folgen eines alten Streites tragen müssen, drum strengte er, tute schon sein Vater einmal, einen Prozeß an gegen den Nachbarn. Als »ach Jahren der Streit in die letzte Entscheidung ging, schien es ganz so, ils würde eine meineidige Schwurhand die Entrechtung Klaus Braach- manns zuwege bringen. Dann konnte der Prozeß nicht mehr aufgerollt Derben auf lange Zeit. Das überlegte Klaus eine Weile in jener letzten Nacht vor der Entscheidung, urib weil er nicht Schlaf finden konnte in t»er Erregung, verließ er mitten in der Nacht den Hof und schritt im lau der Nacht durch die Grenzwiefen. Das Objekt des Streites mußte iinb wollte er sehen, aber er mürbe nicht klüger, menn er im matten Licht ber Nacht das Gras silbrig glänzen [ah, menn (eine Tritte schleifend i»urch die Gräser tappten in einer kleinen Furcht vor dem kommenden Eag. Ein Schatten kam auf einmal aus der matten Helle ... * Zwei wollen zum Theater. Roman von Hans-Caspar von Zobeltitz. Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin. (Nachdruck verboten.) (Fortlegung.) Man kannte ihn in der Kasse. „Das Konto des Fräulein Tochter? Gewiß, sofort." Der Beamte verschwand in den Hintergrund, sah irgendwo einen dickleibigen, zahlenerfüllten Folianten ein, kam zurück und reichte Herrn Rose diskret einen Zettel. Auf dem stand: „Saldo Fräulein Grete Rose — Kredit: RM. 12 587" und gedruckt darunter: „Auskunst ohne Gewähr." Vater Rose wußte, daß der letzte Satz eine Förmlichkeit war und daß die Zahlen richtig waren. Etwas wie Freude wollte in ihm aufkommen, etwa so: „Donnerwetter, die Kleine ist ja sparsam gewesen; 12500 das hätte ich nicht vermutet ...", aber er unterdrückte das Gefühl und sagte statt dessen: „Ich möchte das Konto meiner Tochter sperren; Sie wissen, sie ist minderjährig." Er hatte erwartet, daß der Beamte stutzte; der tat es aber nicht, sondern zog nur ein Formular aus einem Ständer mit Vordrucken, füllte einige Zeilen mit Geläufigkeit aus und legte das Ausgefertigte Herrn Rose vor. „Wenn Sie gütigst hier unterschreiben wollen." Solche Sperrungen schienen also nichts Äußergewöhn- liches zu Jein. Das gab Fritz Rose einige Kraft. Die Unterschrift mit dem gejchäftsgewohnten Schnörkel gelang ihm tadellos. Aber er verließ dann den Schalterraum schnell und sagte draußen dem Chauffeur: „Ich gehe zum Bureau." Er hatte das Gefühl, daß ihm Laufen gut tun würde. * Um diese Zeit war auch Mutter Rose unruhig. Es bedurfte zweier Tassen Kaffee, ehe sie zu dem Entschluß kam, milde mit der Tochter zu reden und (ich mehr aufs Bitten als aufs Befehlen zu legen. Ja, sie war in bester Kompromißstimmung, als sie dem Mädchen klingelte und es bat, das gnädige Fräulein zu ihr zu rufen. Sie erfuhr aber nur, daß (Bertie ihren grünen Roadster aus der Garage geholt hätte und fortgefahren sei. Das war sicher nichts Ungewöhnliches. Aber es beunruhigte sie. Und mit Recht: denn in gleicher Minute läutete Gerste an der Weiher- schen Wohnungstür Sturm und fiel der öffnenden Isa um den Hals. „Denke dir, Vater hat mein Bankkonto gesperrt!" Sie heulte. Aber es waren keine Tränen des Schmerzes; es war ein Weinen des Zornes. Noch einer hatte das ungestüme Läuten gehört: Doktor Büchner. Er horchte etwas empört auf, denn er empfand das laute Läuten als unziemliche Störung; er wußte, daß man im Haufe Weiher auf ihn alle erdenkliche Rücksicht nahm und hatte, junggesellenhaft verwöhnt, diese Rücksichtnahme schon längst als ein ihm zustehendes Recht verbucht. So hob er den Kops und lauschte. Was ging da im Flur eigentlich vor? Er unterschied mit seinem für Tonstufung disziplinierten Ohr zwei Stimmen, zwei erregte Stimmen und wußte sie sofort einzuordnen: die Isas und die ihrer Freundin, jenes Fräulein Rose, der kleinen, so überaus begabten dunklen Pistoriusschülerin. Richtig: Minna und Franziska. Sein Hirn schaltete sich für Augenblicke um; er sah die beiden in der Pause der letzten Premiere bei sich, sah die Kleine, wie sie die Rolle der Fösten herunterrasselte. Wirklich, da steckte Talent, Blut, Theaterblut. Seine Gedanken waren abgelenkt; die Worte seines Gegenübers fielen ins Leere. Ihm gegenüber faß der rundliche, bewegliche Direktor Fleischmann. Der hatte einen sehr rotbraunen, saloppweiten Sakko an und rauchte eine zu dicke Zigarre. Er war zur Premiere der „Quartiere" nach Berlin gekommen und war nun ziemlich verzweifelt: nein, das Stück ging für fein Theater nicht; wie sollte er den Szenenwirbel auf feiner Bühne und mit seinem Personal machen? Und er brauchte etwas Neues, einen Schlager. „Wir haben's nicht so leicht in der Provinz wie Ihr hier, lieber Freund, glauben Sie’s mir. Ihr hier: ein Erfolg und den bann hundert- mal und mehr durchgepeitscht; die Leute kommen euch von allein gelaufen. Aber wir: ein Stück achtmal, höchstens zehnmal. Und bann müssen wir uns bie Leute noch vom Lanb und aus ben Nachbarstäbten heran- holen. Es ist schon eine Hunbearbeit." Fleischmann war ein ganzer Kerl; Büchner wußte es. In Weimar hatte er sich einen Kinosaal zu einer Kammerbühne ausgebaut, trotzdem er wußte, daß alle die alten Thüringer Staatstheater schwer um ihr Leben kämpften. Mitten in bie heißeste Konkurrenz hatte er sich mit sxinem Goethe-Theater gesetzt und hatte Erfolge erzielt. Fünshunbert Plätze mußte er füllen. Er hatte spekuliert: an ber Ilm ist immer noch geistiges Leben unb Theaterinteresse. Das Aushängeschild Goethe zieht alle Fremden an, besonders wenn es in Weimar über einer Bühne hängt. Er hatte organisiert: Große Personenkrastwagen führten ihm die Zuschauer aus ber Umgebung heran; ber Fahrpreis war im Billett einbegriffen. Er machte ein Programm, auf dem das stand, was die staatlichen Bühnen nicht zu bringen wagten, und hielt trotzdem ein literarisches Niveau. Er war modern im besten Sinne, war ein gewiegter Regisseur unb ein gerissener Geschäftsmann. Er wagte sich auch an neue Autoren. Man sprach im Theaterleben von ihm, reifte selbst als Berliner Fachmann zu seinen Uraufführungen. Er hatte sich seinen Beben erobert, aber seine Stellung verlangte ausopfernden Kampf. Jetzt wollte er Rat von Büchner. „Also ,Quartiere' ist nichts für mich. Was nun?" Büchner hatte bie letzten Sätze überhört. „Wie meinten Sie? fragte er. Klaus muß hüsteln, er ringt jetzt schwer nach Atem. Die Erinnerung rei^t noch sein ganzes Denken burdjeinanber, wenn sie nicht irgendwo tinen Ausweg finden kann. Er schickt feine Bäuerin weg und ruft sie Dieber her; ohne Murren tut die alles, was ihr Eheherr will und verlangt. — Damals hat er den Bärenkerl von Nachbar doch niedergeftochen »hne Streit und ohne Aufregung, hat ihm das Messer in den Leib jerannt, daß er langsam wegfackte. Aus dem zertrampelten Gras lag das üieffer und aus einem schmalen Schnitt im Hemd sprudelte Blut. Die Sanduhr steht drüben. Das Glas wird einmal leer werden. Rot ft der feine Strahl Sand, der niedersticht auf den leeren Raum darunter. Ein schmaler roter Strahl Blut ist aus dem Hemd gesprungen. Damals. Staus Braachmann wird am Ende sein, wenn der feine rote Sand am j । Ende ist. Dann wird auf der ganzen Welt niemand wissen, wer den großen । Balthasar damals erstochen Hot in der Nacht vor der Verhandlung. Er lann bas Geheimnis mit ins Grab nehmen unb niemanb wird ihm einen dein nachwerfen auf den Sarg, weil damals ein eigenartiger Zufall den verdacht von ihm so gründlich abgelenkt hat, daß selbst die hartglaubigen Bauern es als wahrscheinlich hinn.ahmen, so wie der Zufall es bargeitellt hatte. Wenn er nun schweigt, geht alles mit ihm ins Grab, diese E>e- lchichte einer blutigen Sommernacht. „Franziska, du'mußt dich näher zu mir setzen. Damit du leichter verstehst, was ich dir noch zu sagen habe." Jetzt hat er es ernst im Sinn, tiefes Geheimnis dem Grab zu stehlen, es feiner Bäuerin mitzugeben ins '«siliche Leben. Dann weiß es wenigstens einer, unb ber Druck bes alleini- cen Tragens ist von ihm genommen. Er spürt, wie bas elnftichr auf ihn, uenn ber seine rote Strahl immer weitersickert in bem Achterglas. Das ist sein Blut, bas in einem bünnen Strahl nun abgezogen wird, so wie in ber Nacht bas Blut bes Nachbarn aus bem durchschnittenen Hemd prang, ins Gras und auf die Erde des strittigen Bodens. Er wird es nicht erzählen. Seine Kraft wird schon lockerer, er ^ermag iie Faust nicht mehr so heftig zu schließen. In dem funkefinden Glas laust iie Sache ab. Der Pfarrer ist dagewesen, mit dem hat Klaus seine v.ache . ibgefchlossen. Mik der Bäuerin hätte er noch etwas abzuschließen wenn . >«s Absickern bes roten Sandes ihm bie Zeit ließe. „Die ftanb kannst bu nir geben, Franziska!" meint er. Sie weiß recht gut, daß er etwas z I hgen hat, daß ihm nur die knappe Seit rio$ gelaßen tft bis J^m doU- I-findigen Ablaufen des Sandes in der Uhr. Sein Stöhnen wird lauter irgendwo im Hirn sticht etwas auf ihn ein. Es wird schon ber rote Stachel [ein, ber da niedersticht vor feinen Augen. Der macht auch dort Klaus schläft eine Weile, er träumt, daß Franziska die Geschichte j ieser häßlichen Nacht erzählt. Seine Hand hat dabei bie fchmalere Hand ler Bäuerin umfaßt Die spürt den harten Druck der letzten Kraft. Lis fr wieder auswacht aus dem kurzen Schlaf steht er wie eben in ^em Trichter ber lebte Rest vom roten Sanb abrinnen will. Hernach wiro 's auch bei ihm zu Enbe fein. Balthasar, ber Nachbar (st auch anjo 'inein roten Strahl Blut gestorben, weil er Streit h°ben unb bie Hanb ium Meineid erheben wollte. Franziska mmnck einen: Fetzen Flanell unb --sicht bem Sterbenben über die Stirn. D.e Hand fchm^-rzt sie ^0^°°" lern heftigen Druck. Klaus Braachmann beißt bie Zahne 3 I Zähne mahlen noch gegeneinanber. . . „ach || Wie der Körper ganz ruhig wirb, ruckt Franziska . ö(?m fer Seite weg. Sie horcht auf, weil sie etwas zu fühlen glaubt dem Menfjaften fahlen Raum. Etwas wispert. Unb auf emm I , 9 Fleischmann wurde ungeduldig. „Wo haben Sie denn Ihre Ohren, Kollege? Was ich jetzt für ein Stuck geben soll, frage ich Sie. Ihnen geht doch alles durch die Finger. Haben Sie nichts Paffendes gelesen? So: drei Akte — eine Dekoration — nicht mehr als zehn Personen und davon mindestens noch fünf reine Chargen. — Mensch, ich hätte ja was, ich hätte ja was ..." Er stand auf und begann hin und her zu gehen, wobei , sein dicker Bauch leicht schwankte. Noch einmal sagte er: „... ich hätte ja was!" und setzte dann wie einen Keulenschlag dahinter: „Aber ..." „Für Sie gibt es doch im allgemeinen kein ,Aber'I" Nun ließ sich Fleischmann wieder in seinen Sessel fallen. „Kollege — Büchner — Doktor! Können Sie ein Stück spielen, wenn Sie die richtige Besetzung nicht haben? Wie? — Also da hat mir einer eine Komödie ins Haus geschickt. In Schreibmaschine. Der Mann hat noch nicht mal einen Verleger. Aber er ist schlau. Schickt sie zum Bußtag, wo wir nicht spielen. Schickt sie mir in die Wohnung, eingeschrieben, daß ich so 'nen Zettel unterhauen muß. Und einen Brief dazu: er wüßte, ich wagte was und so. Immer mit der Wurst nach der Speckseite. Und wirklich: er^hatte Glück, ich blättere drin rum. Und stutze: Jugend — Zeitkomödie — Sport. Alles ein bißchen veräppelt, aber doch Ernst dahinter. Siebe, ist auch drin. Sie wissen, ich irre mich selten: ein garantierter Schlager." Schnell hatte er gesprochen: warm hatte er sich gesprochen. Er zog aus der Tasche seines zu rotbraunen Jacketts ein zu großes seidenes Taschentuch, ließ es einmal wie eine Fahne flattern und wischte sich dann den Schweiß von der Stirn. „Und?" fragte Büchner. „Und", wiederholte der Dicke. „Und — und — und! Ich hab's Ihnen ja gesagt: ich habe die Besetzung nicht. In der Mitte steht eine Bombenrolle. Ein Mädel. Kommt nicht von der Szene runter, alle drei Akte durch. Jung muß sie fein. Achtzehn. Aber wirklich. Nicht dreißig und meinen, sie sähe oben aus wie achtzehn. Humor muß sie haben. Trainiert muß sie sein. Turnen können. Das ginge alles noch, wäre zu finden. Aber eins darf nicht fehlen: das Herz. Es sind ein paar Szenen da, wo die Menschen im Parkett heulen müssen, nachdem sie fünf Minuten vorher gelacht haben. Ich brauch' ein junges Ding, das wirklich leiden kann. Wissen Sie jemand, Büchner? Berlin ist groß. Hier blühen doch die Weilchen im Verborgenen." Er atmete tief aus und ein. Dann sagte er wieder: „Aber ..." „Was denn nun noch für ein ,2lber‘?" Da schmetterte Fleischmann heraus: „Aber kosten darf sie nicht viel." Büchner lächelte. „Der letzte Satz war echt Fleischmann." „Allerhand, was Sie sich da erträumen." " Er überlegte. Ueberlegte eine ganze Weil«. Wer zu Fleischmann kam, konnte gemacht fein, lernte auf jeden Fall ungeheuer viel. Er ließ Revue paffieren, was an jungen Kräften in letzter Zeit auf den Rechderg-Bühnen durch feine Hände gegangen war. Er erwog, verwarf. Und Fleischmann schwieg jetzt. Er kannte den nachdenkenden Gesichtsausdruck des Kollegen, wußte, daß man da nicht stören durste. Da schlug draußen wieder die Glocke an, und im gleichen Augenblick hellte sich Büchners Gesicht erinnernd auf. Er rückte in feinem Stuhl etwas gegen Fleischmann vor, saß vorn auf der äußersten Kante. „Hören Sie, Kollege, Sie haben doch Mut, nicht wahr? Sie riskieren doch was? Wollen Sie einen Versuch machen? Ich garantiere Ihnen zu neunzig Prozent den .Erfolg. Ich hab' da ein Mädel bei Pistorius in der Mache gehabt ..." Er stand auf. „Zufall, Kollege, sie ist greifbar, ist hier, hier im Haus. Man soll etwas auf Zufälle geben im Leden." Er ging zur Tür. „Warten Sie, ich hole sie Ihnen." Büchner schritt über die Diele, schritt durch das Eßzimmer, trat auf den Hinterstur. Da stutzte er: ja welche von den mancherlei Türen führte nun zu Isa? Er kannte sich hier im hinteren Weiherschen Reich nicht aus, kannte nur die Badezimmertür. Sollte er das Dienstmädchen rufen? Das hielt nur auf. So rief er leise: „Gnädiges Fräulein" und dann „Fräulein Isa!" Isa öffnete ihre Tür. In die Dunkelheit des langen Korridors fiel ein Lichtbündel. „Herr Doktor Büchner?" fragte sie erstaunt. „Ja, ich. Ist Fräulein Rose noch bei Ihnen? Eine Angelegenheit von Wichtigkeit. Können Sie beide einen Moment mit zu mir kommen?" Er war näher zu Isa getreten. Die stellte sich ihm instinktiv in den Weg und zog die Tür halb zu. Nein, in ihr Zimmer durste Büchner nicht: die Aermlichkeit, der Verfall; sie scheute sich. „Was gibt's denn?" fragte sie. „Ich fag's Ihnen gleich. Holen Sie erst Fräulein Rose. Sonst muß ich's zweimal erzählen." „Gut, wir kommen." Sie verschwand, und er stand wieder im Dunkeln, hörte Getuschel hinter der Tür, hastige Worte. Da ging er zum Eßzimmer zurück und wartete. Die beiden tarnen. Er nahm (Bertie beim Arm. „Also Fräulein Rose, es bietet sich Ihnen eine Chance, eine unerhörte Chance. Fleischmann ist bei mir ..." „Der aus Weimar? Vom neuen Goethe-Theater?" (Bertie wußte Bescheid. Das freute ihn. „Theaterblut, Theaterinteresse, Theaterinstinkt", dachte er, „ich habe schon recht." „Ja, der", fuhr er fort. „Sie wissen, was er bedeutet." (Bertie nickte. „Er sucht eine junge, ganz junge Kraft für eine bestimmte Rolle. Humor, Lebendigkeit und Herz. Weiblichkeit — verstehen Sie. Ich habe Sie vor- gefchlagen. Oder besser: will Sie Vorschlägen. Sie müssen gleich vor ihm sprechen." „Aber, um Gottes willen, Doktor, gleich, sosort? Ich bin ja nicht vorbereitet. Was denn? Die Franziska?" „Unsinn. Was Modernes, Kind. Temperament! Keinen angelernten Quatsch!" — „Ja, was denn?" „Was Lustiges; aber keinen Unsinn, bitte! Jetzt muß Ihnen was einfallen, verstehen Sie. Auch das gehört zur Talentprobe." „Was Lustiges! Und ich hab' eben noch geheult." „Vielleicht ist's gerade gut so. Nun los, kommen Sie." Er schritt voran, und (Bertie folgte. In ihrem Kops wirbelte es. Fleischmann aus Weimar. — Versprechen — Engagement; und jetzt, ausgerechnet heut, wo zu Haus alles verjähren war. Ja, was sollte sie denn sprechen? Was nur? Und der Büchner lief wie toll durch das Zimmer, durch die Diele. Es blieb ihr ja gar keine Zeit zum Ueberlegen. Luftig sollte es fein. Da hatte sie neulich die Hesterberg gehört im Kabarett der Komiker mit einem fabelhaften Sprechchanfon. Die Leute hatten sich gewälzt vor Lachen. Und sie hatte sich den Text gekauft; ganz neu war er; sicher noch nicht bis Weimar gedrungen. Blitzartig ging das durch ihr Hirn. Jfa stand noch immer am Eßtisch, angelehnt, Halt suchend. (Bertie lief die paar Schritte zurück, zog die Freundin mit sich. „Komm, Jfa, komm!" Und Isa kam mit. Dann waren beide erschrocken über Fleischmann, über diese Ausmaße in Rotbraun, über diese mächtige Hand, die er ihnen entgegenstreckte. Er hatte inzwischen wohl einige Worte mit Büchner gewechselt, denn er sagte zu (Bertie: „Also Sie wollen eventuell zu mir kommen? Schießen Sie los!" Und sank wieder in seinen Klubsessel, griff erneut nach feiner zu dicken Zigarre. Da stand (Bertie, sie kniff sich in den Arm, um zu fühlen, daß sie wirklich da war, kniff fest zu und dachte: „Das gibt einen blauen Fleck". Und dann: „Die Hesterberg, die beherrscht ihre Register, die würde er sicher engagieren; also mach's wie sie. Mehr als schief gehen, kann es ja nicht. Mut — los!" Da waren auch schon die Worte und die Bewegungen, ganz von allein kam das Mienenspiel. Sie sah den Dicken gar nicht mehr, wollte ihn nicht mehr sehen. Aber einmal hörte sie ihn auflachen, kurz bevor sie mit dem Refrain loslegte: „Eine Winzigkeit ist's, eine Kleinigkeit ..." Büchner war an das Fenster getreten; Isa lehnte an der Tür. Eine Enttäuschung war in ihr: (Bertie gab er eine Chance, ihr nicht. Das war bitter. Aber dann schämte sie sich: „Ich habe ihm unrecht getan; was der Mann aus Weimar will, das kann ich ja nicht, ich bin ja Minna. Ich bin ja die 'Sentimentale. Auch im Leben." Sie öffnete die Augen wieder, und als sie die Lider hob, sah Büchner sie voll an. Da brach Fleischmann mit lautem Lachen los. „Also famos. Die Hesterberg. Ich sehe sie ordentlich. Kopieren können Sie, Fräulein, das muß Ihnen der Neid lassen. Kopieren, das ist auch schon «in Stück Kunst. Und Humor haben Sie auch. Gut, gut. Aber jetzt eine andere Walze, bitte. Ernster, meinetwegen ein bißchen trivial. Was fürs Herz vom Herzen." Nun war Gertie gut im Zuge. Einmal sah sie nach Isa um. Die nickte ihr nur zu. Da wußte (Bertie, was sie sprechen sollte: das, was sie beide so liebten, was sie sich oft vorgesprochen hatten, jede auf ihre Art, Isa langsam, getragen — Gertie verängstigt, gehetzt. Und waren sich nie einig gewesen, was richtiger, was bester sei. „Draußen auf den Straßen gehen wir des Nachts. Draußen auf den Straßen frieren wir — was macht's?" Jedes Wort sprach Isa mit, lautlos vor sich hin, jedes Wort der Gequälten, Ziellosen, die nur ein Hoffen hatten: Liebe. Bis zu den letzten Zeilen: „Irgend eine Tür läßt uns schließlich ein, Jrgenwo wird Liebe und ein Lichtlein sein." Selbst der Dicke hatte aufgehört zu rauchen. Und wahrhaftig, die Gertie hatte wieder Tränen in den Augen. Isa war es, als hätte die Freundin nie so gut, so ausdrucksvoll gesprochen. Sie wußte, da hatte in Gertie die letzte Stunde hinten in ihrem kleinen Zimmer nachgeklungen, all die Enttäuschung über Vater und Mutter, über Lieblosigkeit und Mangel an Verstehen unbJBertrauen. Langsam wuchtete sich der Dicke aus seinem Sessel. Als er endlich stand, meinte er zu (Bertie: „Nett, Fräuleinchen, sehr nett. Haben Sie noch eine Viertelstunde Zeit? Ich möchte erst noch mit dem Kollegen Büchner sprechen. Warten Sie, bitte, draußen." Isa öffnete die Tür, und (Bertie huschte an ihr vorbei, lief ins Eßzimmer, zog sich einen Stuhl heran; die Knie zitterten ihr nun doch. „Wenn er mich nun haben will, Isa, was soll werden? Was soll werden?" Und Isa wußte auch keinen Rat. So schwiegen sie, lauschten nach der Tür, die sich öffnen mußte, wenn sie gerufen wurden. Da drüben entschied sich nun (Berties Schicksal. Entschied sich irgendwie. Vielleicht begann jetzt ein ganz neues, anderes Leben für sie; ein Leben, das sie sich beide hundertmal ausgemalt hatten, das sie sich herbeigesehnt hatten. Und nun war doch die Angst vor diesem neuen Leben in ihnen und machte sie stumm. Einmal dachte Isa: „Ich werde dann sehr allein sein." Den beiden in Büchners Zimmer klopften die Herzen nicht. Ein Engagement — ihnen war es etwas Gewohntes. Sie wußten zwar, daß sie Hoffnungen zertrümmerten, wie sie Hoffnungen erweckten. Aber sie hatten schon soviel derartige Kämpfe mit anfehen müssen, daß sie hart geworden waren. Fleischmann sagte, als Isa und Gertie gegangen waren: „Tja, lieber Büchner, da steckt was, zweifellos. Und fpringjiing und niedlich. Wird hübsch aussehen. Das ist schon der halbe Erfolg. Die andere überdies auch. Will die auch zum Bau?" Büchner nickte. „Dachte es mir. Sentimental, was? So etwa die hysterische Tochter in Kaisers „Oktobertag" — wie? Hat die auch Talent?" Wieder nickte Büchner. „Wollen Sie die auch unterbringen?" Jetzt schüttelte Büchner den Kopf. „Nein — noch nicht. Sie ist noch nicht so weit." Der Dicke zündete sich eine neue Zigarre an. Um seine Mundwinkel legten sich ein paar Falten, halb ein Lächeln, halb Ironie. „Die wollen Sie also hier behalten, die blonde Mehlsuppe. Für die Bühne oder fürs Herz?" „Reden Sie, bitte, keinen solchen Unsinn." Abweisend hart klangen ote Worte. Der andere lenkte sofort ein. Nur die Falten verstärkten sich etroas. „Also fürs Herz", dachte er, sagte aber: „Gut, bleiben wir sachlich, Kollege, Sie glauben also an das Talent der Dunklen?" (Fvrts. fo(flM_ Verantwortlich: Dr. Hans Thyriok. — Druck und Verlag: Brühl sche Universität s-Duch- und Qteindruckecei, R. Lange, Dieben.