GietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1931 Montag, -en 20. Juli Nummer 56 Wandrers Nachtlied. Von J.W. von Goethe. Der du von dem Himmel bist. Alles Leid und Schmerzen stillest, Den, der doppelt elend ist, Doppelt mit Erquickung füllest, Ach, ich bin des Treibens müde! Was soll all der Schmerz und Lust? Süßer Friede, Komm, ach komm in meine Brust! St. Johannis im Sommer. Von Dorothea Hofer-Dernburg. Ich wandere durch die Marsch, die sehr schön ist, besonders gegen Abend, mit weißen und bunten Pferden und Kühen, und Blumen in allen Farben, Dahinter liegen die Deiche, und dahinter liegt das Meer. Ich sehe mir die Dörfer an, die so warme Strohdächer haben, denen die Sonne schön steht, und windverwehte, ganz und gar gottergebene und verschrobene Bäume und ein bißchen Rosa centifolia. — Alles duftet so gut jeht im Sommer —, die bräunlichen Wege, die bräunlichen Kinder und die bräunlichen Dächer —. bann die Getreidehocken auf allen Feldern; manchmal schon ganz leise am Rand der Straße ein wenig Herbst. Gestern war ich in Nieblum. Es ist ein hübsches Dorf. Ein kleiner drolliger Bogel saß auf einer Bank vor einem Haus und war gezähmt und sehr jung und hatte so ein wundernettes, beleidigtes Krächzen, wenn man ihn mit einem Strohhalm am Schinabel kitzelte. Aber er war sparsam damit, wie mit allem. Er saß nur da und war seltsam und hübsch. In Nieblum ist auch eine dicke alte Kirche; so ein mächtiger Dau —, ganz plump, gut und einfach. Alle Kirchen sehen hier ganz gleich aus. Die von Doldixurn, von Nieblum oder Süderende; eine etwas kleiner, eine etwas g.röher. — Ich ging auf den Friedhof und fand ihn so sommerlich warm und grün, gesänftigt von Blumen, von fetten rosa Geranien und von der satten Erde über den alten Särgen. — Ein guter, brauner Tod mittleren Alters ging zwischen den Gräbern umher und mähte sie ab. Er tat es Wohl aus Gewohnheit, um nicht aus der Hebung zu kommen, obgleich es hier gar nichts Rechtes mehr für ihn zu mähen gab. -ihn ihn herum trugen Dauernputten von Thor- Waldsenfriesen die gemähten Schwaden von grünem Gras umher, wendeten sie, harkten sie, hatten lange, karierte Hosen an und alte Strohhüte auf dem Kopf; kleine sanfte Fackel- und Harken=Träger. Ich kam mit dem mittelalterlichen Tod ins Gespräch-. Er hatte kein Tischentuch nicht einmal ein rotes, blumenbuntes, aber er machte mich 'aufmerksam auf die Grabsteine. Es sind sehr alte, mit sonderbaren Inschriften. Die ganze Geschichte der Familie ist darauf vermerkt, ihre Krankheiten, ihre Todesursache, ihre allgemeine und besondere Gemütsverfassung, und wenn es nach ihnen gut, so lebten 5er eine oder der andere ihrer Inhaber heute noch, — wenigstens von Ehlen Olufs sollte man das annehmen, während Tücke Olufs, ihr Ehegatte, schon um das Jahr 1723 das Zeitliche segnete, und das Plätzchen an seiner Seite für sie warm gehalten hat. — Ob sie kernen Gebrauch davon machte? — Ehlen? — Ob sie sich mit einem andern Kapitän zur See tröstete und nun bei ihm ausruht? Jedenfalls blieb das rhr vorbestimmte Fleckchen mit der Jahreszahl ihres Todes frei, »un*-’ wenn sie nicht gestorben ist — so lebet sie noch heute... Die Steine sind groß und schön geschweift, schön geschocktem von einem Steinmetzen in Grönland. Sie sind in Amsterdmn gekauft und zu Schiff mitgeschleppt worden auf einer Walfischfahrt, dort nach oben, weit hin, denn für die alten Führer war Grönland eisiges Meer, war Sparüen Peru. Indien wurde gesucht, und alle Meere der Salzflut wurden von ihnen durchsegelt, so sagt die Chronik. „Ich schiffte auf dem Meer nach Grönland hin und her. Die Fahrt ist abgetan, nun bin ich in Canaan, wo Wellen, Eis und Wind # nicht mehr zu fürchten sind... steht auf der marmornen Jurgens aus Doldixurn und Kerrin Hayen, mit der « in den heiligen Ehestand getreten"; und oben tn _^.er, 9 " großen, geraden Steines, der blank in dte blaue Kirchlwfstaft hmein ragt, ist ein abgetakeltes Schiff zu sehen, wahrend Dirk Cramers mit vollen Segeln in den Himmel fährt. . „Der Seemann waget viel das liebe teure Leben dem ungestümen Meer auf Brettern hinzugeben." Das ist auch noch seine nachträgliche Meinung; und das ist vermutlich auch der Grund, weshalb er seine Dollmeistorbrigg nicht abtakelt; er, Dirk Cramers, „der wehland wohlachtbaro westindische Kapitain aus Nieblum, geboren den 26. August 1725 in Doldixurn, der in seinem Leben mit Gott viel gewagt, aber auch unter seiner! Leitung viel Glück gehabt; er wägete es vom 17tert Jahve an, sein Leben der wilden See anzuvertrauen unter vielen Proben der göttlichen Hilfe von 1755 bis 1762 ein Schiff nach drei Theilen dec Erde zu führen, und es ward eine jede Fahrt in VI Jahren mit Segen gekrönet. Er wägete es auf göttlichen Wink, sich abwesend zu verbinden, mit der tugendsamen Eyke Jensen aus Nieblum, obgleich er sie nie gesehen. Tlnd siehe, es gelang ihm, deNn er führte vom 1. November 1762, fast sieben Jahr die zärtlichste Ehe, er wägete es endlich hoffnungvoll, 6. August 1769 über das schwarze Meer des Todes zu schiffen. Nnd siehe, er kam glücklich hinüber und ankerte nach einer 44jährigen Lebensfahrt im sichern Hafen der seeligen Ewigkeit." Welch ein Draufgänger, alles in allem, dieser wehland hochachtbare Seebär! Er hat viel gewagt und oft gewagt — „und siehe, es gelang ihm", denn er war so wunderbar bescheiden und so wunderbar anmaßend. — ülnd immer hatte er es ein wenig eilig dabei — selbst über das schwarze Meer des Todes schiffte er ein wenig frühzeitig. — Welcher Poet hat ihm seinen Grabspruch gedich-tet, welche Hand ihn so meisterlich über ihm geformt? — Wir wissen es nicht. — Westlich von St. Johannis liegt er. — Aber nördlich von der Kirche schläft Sissel Siemens unter einem fröhlichen Grabstein, sie, die mit dem Kommandeur Siemen Tücke aus Wrixum in einer vergnügten und zärtlichen Ehe gelebt, und während der Zeit mit selbigem 5 totgeborne Kinder und einen lebenden Sohn erzeuget, was sie eben an ihrer Fröhlichteit nicht gehindert haben! mag — und das war notwendig, denn sie brachte ihre Pilgerfahrt! nur auf 38 Jahre — -anders, als Orte Arfstein, der bedauert „... nach kaum 50jähriger, glücklicher Ehe", 94 Jahre alt, bereits das Zeitliche segnen zu müssen. — Llnd sie, Ane Marie Arfstein —? Auch sie ist alt geworden, biblisch alt — 81 Jahre...“ abgelebt und lebenssatt sank sie ruhig und sanft in die Arme des Todes." — Glückliche alte Ane Marie, welch' schön Inschrift lebt über dir. Ich gehe umher und finde viele Inschriften. Alle von der feinen, vornehmen und wunderlich unbekümmerten Art dieser Leute, die so klar ist wie die frisch gewaschenen, großen und durchsichtigen Stickereischürzen der Frauen, die sie an Festtagen tragen — vornehm, wie der ererbte Silberschmuck und auch ein wenig von seiner pompösen Zierlichkeit, seiner Filigran-Durchsichtigkeit. — ülnbeschreiblich nobel ist das alles — unbeschreiblich aristokratisch; voll Lebens- und Sterbenshaltung. Da sind Derse, die nicht überholbar sind und nicht zu übertreffen. „Dein Kranz wird nicht verwesen Du bleibst —■ ob hinter Dir Dein Schatten auch verschwand." St. Nicolai 1825. Wo ist ihr Hölderlin? — Dies ist ein Dorf-Friedhof, Schiffer, Kommandeure, olle, ehrliche Seemänner ruhen darauf, Frauen — diese Frauen mit ihren toll schönen, aufregend schönen, geschlissenen Gesichtern, die überall vor den kleinen Häusern stehen, herumgehen und werken — heute wie gestern, wie morgen. — Frauen wie Mantje Paul-, geb. Eschels, der ihr Mann nachrief: „Sanft und gut war ihr Herz, still und fromm ihr Leben, schnell und leicht ihr Tod. Ach, zu früh für mich, in dem friedlichen Hafen der neuen Welt landete ihr Schiff, den 6ten März 1806. Das meinige treibt noch herum, auf den unruhigen Wogen des Meeres, aber es folgt doch nach und landet auch glücklich einst, denn der Ewige ist mein Schutz." Immer haben sie es mit den Schiffen, immer mit dem seligen Hafen — für sich, für ihre Frauen und ihre Kinder. „O, Schiffer, auf des Erdenlebens Wellen ermiß der Pflichten Höh mit der Christenlieb Octant und schau, wie hoch auch Leidensfluten schwellen stets mit des Glaubens Fernrohr nach der Christen Hoffnungsland so wirst du sicher nach dem rechten Hafen steuern und sammeln wird Dich Gott als Garb in seinen Scheuern." dichtet einer kühn. Mit poetischer Lizenz umreißt er Meer und Land — Schiffahrt und den wenigen Ackerbau der Insel. Die Hauptsache bleibt, daß mnn mit der Christenlieb' Octant und des Glaubens Fernrohr in der Hand so gut auf den Walfischfang wie in öcn Himmel reift. So kann man es gar noch zu einer lateinischen Anschrift bringen, wie Matthias Petersen aus Oltsum, dieser Glückspilz, der es ... „incredibile Successu* ..auf 373 Walfische brachte, weshalb er auch von allen den Namen „der Glückliche" erlangte, und der liebe Gott ihn zur Belohnung zum Stammvater mehrerer Landvögte tröhrs sowie zahlreicher Beamten- und Pastorensamilien in Schleswig-Holstein machte. — Ihn und Inge Matthiesen, seine Ehefrau, Gott hab' sie selig. — Es gibt noch viele Gräber, es gibt noch sehr viele Inschriften, die nicht leicht zu entziffern sind, so schön und so schön schnörkelhaft sind sie eingegraben, so sorgfältig hat die Zeit und der salzige Seewind sie verwittert. — Ich gehen lange herum und versuche es geduldig. Die Thorwoldsenkinder fangen Heuschrecken zwischen den Grabern ... Wagenrollen, Wind und Sonne, blaue Lobelien und rosa Geranien ... dann kommt der Tod, legt die Harke weg, akzeptiert ein Trinkgeld und zeigt mir die Kirche. — Taifun in der Südsee. Von Prosessor Dr. Walter Behrmann, Franksurt a. M. Die nachstehende lebendige Schilderung von tropischen Regensällen und Wirbelstürmen entnehmen wir dem soeben fertig gestellten ersten Bande des „Handbuchs der geographischen Wissenschaft" (Athenaion-Verlag, Potsdam W 5). Wenn gleichmäßig wehender Wind in diesen warmen Zonen über die weiten Flächen des Ozeans streicht, so reichert sich die Luft mit Feuchtigkeit an. Trifst der Wind gegen eine hohe Insel und wird zum Aufsteigen gezwungen, so läßt er den Regen in verschwenderischer Fülle sollen. UeberaU haben wir in dem Seeklima der Inseln große Regenmengen; sie können sich zu gewaltigen Größen steigern, wenn wir höher emporsteigen und in die Zone kommen, wo der Wasserdampf kondensiert. Auf Tahiti, Samoa und ebenso auf Reu-Guinea und allen hohen Inseln schwillt die Regennfenge an mit dem Emporsteigen auf bas Gebirge. 3000 bis 4000 mm Regen im Jahre sind keine Seltenheiten; auf Hawaii hat man auf der Gipfelstation Waialeale die größte Menge Regen auf der Erde überhaupt gemeffen, 12 600 mm Regen! Nur die höchsten Gebirge Neuguineas und Hawaiis ragen in trockenere Regionen hinein. Die Form, in der der Regen fällt, ist in dem ganzen Tropengebiete nicht mit der Art und Weise zu vergleichen, wie wir ihn von der Heimat gewohnt sind. Niemals nieselt es, tagelang milde Dauerregen kommen nicht vor, vielmehr ist der Platzregen die Form, unter der die Niederschläge die Erde treffen. Bor allem die täglichen Regen, die unter den heftigsten Gewittererscheinungen in den Nachmittag- und Abendstunden zur Erde trommeln, sind so heftig, daß selbst die stärksten europäischen Regen dagegen verblassen. Wie ein Schleier verhüllen sie durch ihre niederrauschenden Fluten die nächsten Berge und Inseln, bald aber lacht die Sonne wieder oder leuchtet der Sternenhimmel. Nebel auf dem Meere sind selten; nur auf größeren Inseln breiten sich in den Morgenstunden in Talungen Bodennebel aus, auf den Bergeshöhen über 900 Meier dagegen gehören tagelange Nebel zu den regelmäßigen Erscheinungen. Sie prägen sich deutlich in der Vegetation mit ihrem Moosbehang aus, der Mensch meidet diese Zone. Die Platzregen kühlen urplötzlich die schwüle Atmosphäre ab, kn die seitliche, aufgelockerte Lust stürzen vom Regengebiet mit Gewalt die Lust- maffen. Ein heftiger Sturm von kurzer Dauer bildet sich aus, der dem Gewitterregen vorangeht; rauscht erst die Regenslut, so ist schon wieder Windstille. Und doch sind diese lokalen Stürme so heftig, daß sie die ftärlften Bäume entwurzeln, Windbrüche durchsetzen den tropischen Urwald trotz seiner Lianenverschnürung. In den meteorologischen Auszeichnungen finden wir diese Stürme nicht angegeben, weil sie so kurz dauernd und zur Zeit der Terminbeobachtung schon abgeflant sind. Sie sind aber für Melanesien typisch. Aber auch die Geißel der Drehstürme ist den Bewohnern der Südsee nicht erspart; sie bilden sich besonder aus beim Wechsel von Monsun und Passat. Sie sind unter dem Namen Taisune bekannt, sie folgen einzelnen Bahnen, entstehen meistens in der Nähe der Palau-Inseln und ziehen über die Philippinen zur asiatischen Küste. Hier kommen sie vor allem im Herbst regelmäßig tior. Durch besondere Umstände gebildet, können sie auch die ganze übrige Südsee heimsuchen. Je weiter nach Osten, desto seltener werden sie. Auch sind sie südlich des Gleichers meist nicht fö verheerend, Tahiti und Tonga haben die Orkane mehr zu fürchten als Samoa; der Herbst des Süden, der Monat März vor allem ist der Sturmmonat. Für die westliche Südsee meint Augustin Krämer, daß mindestens einmal im Jahrhundert ein Drehsturm die Inseln verwüste. Mit unwiderstehlicher Gewalt brausen, sie über die niedrigen Inseln, alles vernichtend, die Kokospalmen entblätternd und die Hütten der Eingeborenen zerstörend. Der Sturm ist verbunden mit einer hohen Wasserflut, die die Atolle überspült. Die Eingeborenen suchen auf den niedrigen Inseln mit Kindern und Schweinen Schutz in den Bäumen, retten aber nur selten ihr Leben. Zieht der Kern eines Taifuns über eine Insel hinweg, so bläst der Orkan sich stets steigernd mit drohenden jagenden Wolken und hestigen Regengüssen zuerst aus einer Seite der Windrose, plötzlich klärt sich der Himmel auf, Windstille tritt ein, aber sie ist trügerisch, denn nach wenigen Stunden faucht der Wind in gleicher Stärke aus der entgegengesetzten Richtung. Nach 48 Stunden ist die Katastrophe vorüber, die vernichteten Kulturen, gescheiterte Schiffe und Boote, abgedeckte Häuser und Hütten sind an die Stell des lieblichen Südseeparadieses getreten. Diese Katastrophen bringen eine große wirtschaftliche Unsicherheit in alle niedrigen Inseln der Südsee, sowohl für den Eingeborenen als auch für den Europäer. Sie fehlen nicht den höheren Inseln, sind hier aber in ihren Wirkungen nicht so zu besürchten. Es sind aber nur selten wiederkehrende Einzelerscheinungen, die das sonst so regelmäßige, Wehen der Winde ablösen. * mit unglaublichem Erfolg. Wettrennen mit dem Tod. Von Norbert Jacques. «n der Kontrollstelle auf der Straße von Lindau nach Wangen bekam ich einen Nagel ins rechte Hinterrad. Zum Teufel! Ich lag der erste beim Rennen um die süddeutsche „Fünfhundert Kilometer". So rasch wir auch ba^ Rad auswechseln konnten, es mußten gegen vier Minuten verloren gehen. Ein Bursche, der als Neugieriger bei den Kontrollherrn stand, hals mit geschickten Händen mit. Mein Mechaniker drehte auf dem Voll den Wagen hoch, während der Bursche und ich schon das defekte Rad entschraubten. Der Bursche begann ein kleines rasches Gespräch. Er lachte dabei, was mir widersinnig vorkam. Er sagte: „Tressen Sie nur nicht auf den Ambs Xaver mit seinem neuen Motorrad!" „Weshalb nicht?" fragte ich aus den Schraubenhebel gestemmt. „He..." lachte der Bursche, „der ist ketzverrückt. Sein Mädel ist ihm ausgesprungen. Da hat er sich ein neues Motorrad gekauft und jagt Ihnen nun Tag und Nacht die Straße lang um die Wette mit ihrem Schatten, scheint es!" Ich antwortete nicht mehr und arbeitete. In drei Minuten war das Rad ausgewechselt. Das durchlochte schmiß ich hinten in den Wagen. Den zweiten Gang ein, die Kupplung los, und der Wagen sauste weiter. Er prallte über Löcher, die zahlreich die Straße durchsetzten, bis ich heraus- fond, daß der äußerste linke Rand und di« Mitte gut waren und ich eng mit dem linken Rad am Wiesenrand hinfuhr, der wie ein Trottoir längs der Straße lief. Ich konnte so alles Gas geben, und der Wagen kam bald seiner höchsten Schnelligkeit nahe. Die Bäume am Rand schienen rückwärts zu fallen. Der Motor fang in einer geraden starken Kadenz. Da war mir, er finge: Um die Wette mit... Hier kam etwas wie eine Cäsur. Gleich weiter: ..... ihrem Schatten, ihrem Schatten... Stark langhin, sortreißend fang er so. Ich in meinem Innern von der Lust an der harten, losschießenden Fahrt gepackt, warj diese Worte in seinen hinsliegenden, kreisenden Gesang, unzählige Male, ununterbrochen ... wenn es bergan ging, allmählich verlangsamend, bergab, rasch wieder ihr Tempo dem schwingenden Kreisen der jähzornig wachsenden Tourenzahl anpassend. Ein Dors fing plötzlich mit engen Biegungen die sausende Schnelligkeit auf, und der Rhythmus paßte nicht mehr. Ich fand mich gestört Oben links erhob sich ein Ruinenturm wie der hohle Zahn eines Zyklopen. Das Dorf ist lang. Wo Nebenstraßen einmünden, ist überall der blaue Doppelpfeil mit der Anschrift „Wettrennen des Adae" angebracht und zeigt auf den ersten Blick, daß man geradeaus weiterfahren muß. Mühsam muß die Fahrt auf fünfzig Kilometer abgedämpft werden. Der Motor, ungeduldig, entlockt aber verholen der Fußsohle auf dem Akzelerator mehr Gas, verläßt das ganze Dorf mit sechzig in eine gerade Straße hinein. Beiderseits ist sie von Bäumen eingefaßt. Vielleicht zwei, drei Kilometer weit übersichtlich, herrlich in Stand, neu glatt... Um die Wette mit... Ganz weit vor mir, von wo das begeisternde Straßcn- stück herkornrnt, sieht es aus wie ein Torloch aus Bäumen gebildet, und darin erscheint plötzlich etwas, eine Bewegung. Das Auge ist geübt und scharf und erkennt sofort einen Motoradsahrer. Wie rasch er sahren muß. Ein Wölkchen Staub fliegt um ihn. Um die Wette mit... Seinem Schatten, seinem Schatten! singt mein« Maschine. Ein leises Donnern tönte hinter uns auf. Mein Begleiter wendet sich hastig rückwärts. „Er überholt uns! Wer ist es?" rufe ich. „Der Maybach! Dr.Larß!" „Teufel!" stieß ich aus. Ich wußte, daß ich mein Glück der kurvenreichen, auf und abfinkenden Straße zu verdanken hatte, auf der dieser gefürchtete Gegner sehr unter feinen Schwächen litt. Aber auf dieser glatten Bahn war mir der andere mit der Riesenkraft seines Motors überlegen. Trotzdem versuchte ich aus meinen Zylindern das Letzte herauszubekommen, wenn ich auch gewiß war, daß der mächtige Wagen wich allmählich überholen mußte. Ich kam bei günstiger Laune des Motors nicht viel über 110, der Konkurrent erreichte hier im Spiel 120. Das Motorrad war uns auf einige hundert Meter nahegekommen. Deutlich erkannte ich, daß es mit einer Schnelligkeit von 90, wenn nicht 100 Kilometer fuhr. Mich durchzuckte die Borstellung, daß es meinen Wagen in demselben Augenblick von vorne erreichen könne, wo der hinter mir heranrasende Maybach uns vom Rücken her überholen wollte. Es gab solche Zufälle. Und für drei war die Straße nicht breit genug. Aber ein vom Rausch der Schnelligkeit und des Wetteifers erfaßter Fahrer achtet dann keiner Gefahr. Ich für meinen Teil hatte ja die meiste Aussicht, von diesem Zufall in meiner Fahrt nicht betroffen zu werden, da ich, bis das Motorrad mich erreichte, wohl noch vorfuhr und auf der rechten Seite bleiben konnte, auf die hin ich auch allmählich, um nicht eine Spanne Raum überflüssig abzugeben, meinen Wagen steuerte. „Wie weit liegt der Maybach hinter uns?" rief ich meinem Mechaniker zu. „200!" schrie er zurück. . Mir war es nun gewiß, daß sich das Motorrad und der Maybach, wenn nicht einer nachgab, genau an der Seite meines Wagens treffen mußten; denn der Motorradfahrer lag noch etwa hundertfünfzig Meter vor mir und raste mit ungebrochener Schnelligkeit heran. Ich duckte mich über das Steuer, verzehrte die Straße mit den Augen. Alles in mir war in Spannung auf den Augenblick, wo das Unvermeidliche üeschsb.^ mußte, alles in einer furchtbar zugespitzten Wehr, dünn und zerbrechlich wie Glas, nicht selber mit in die Katastrophe hineingerissen zu werden Mein Motor lief auf dem Höhepunkt, den er nach meinen Erfahrungen erreichen konnte. Der Tachometer ließ die Nadel steif auf 111 “lll) meter liegen. Wie in einem wirbelnden Traum grub sich in meine Borftellung oa gelbe Band eines Seitenweges, der links zwischen zwei Bäumen in tu Straße mündete, zwischen mir und dem Motorrad. , Da geschah etwas ganz Unglaubhaftes, etwas, das am heUich" - sonnenerfüllten Tag wie ein Entsetzen bringendes Gespenst sich mitten aus der (strafte vollzog: Der Motorradfahrer lenkte in der Entfernung, in der man sonst sich auszuweichen beginnt, sein Rad, ohne seine Schnelligkeit zu dämpfen, auf die falsche Seite. Tobende Visionen schnellten in mir auf; sanken hilflos zusammen. Ich sah den Mann eine kurze Spanne Raum vor mir auf mich zutoben. Konnte ihn gut wahrnehmen. Wie versteint hastete er auf dem schweren Rad. Er hatte eine grofte Brille über den Augen und deren gelbe blinde Scheiben leuchteten mir glasend entgegen, wie die Fenster eines im Innern brennenden Schlosses des Teufels, das im nächsten Augenblick mich in fein Geheimnis von Leben und Tod reiften sollte. Dem Motorradfahrer flatterte ein langes weiftes Band an der Mütze. Steif und mit harten Schlägen preftte es sich in den Luftzug der Fahrt, wagrecht. Trotz der Schärfe der Gefahr und der Fatalität konnte ich die Vorstellung von etwas Närrischem, lachhaft Entgleistem nicht von mir abwehren. Das Überhitzte Tempo mit dem er fein und unser Leben aufs Spiel setzte, näher raste ... und dies lange, flatternde Band! Es war unbegreiflich dumm und ohne Zusammenhang mit der Wirklichkeit. Wie ein flacher Schlag durchzuckte mich der Einfall, mit dem Fuft vom Gas zu geben und die Bremsen zu ziehen. Aber im selben Blutschlag Überstürzte mich schon die Erkenntnis, daft ich den Wagen nicht aus seiner Schnelligkeit heraus so rasch bremsen konnte, und, ich will offen sein, es hinderte mich daran auch das Feuer, das in mir brannte, das Rennen zu gewinnen. Denn durch ein Nachgeben von Schnelligkeit in diesem Augenblick machte ich die Aussichten des Konkurrenten fast sicher. Was fiel überhaupt diesem Motorradfahrer ein! Mein Mechaniker drückte auf die Hupe. In elftem ununterbrochenen Schrei heulte sie. Kurz hinter uns heulte der Maybach. Aber mit einer irrsinnigen, todbringenden Beharrlichkeit hielt sich das'Motorrad auf der falschen Seite, nur mehr einen Steinwurf weit vor mir. Da konnte ich nicht anders. Ich werfe den linken Arm roarnenb_auf, um dem Maybach ein Zeichen zu geben und steuere auf die falsche Seite, um links an dem verteufelten Rad vorbeizukommen. Der Maybach, der im Begriff war, dicht anzurücken und mich zu Überholen, ftöftt kurze jähzornige Signale aus. Ja, ich höre den Fahrer empört hinter mir mitten aus dem Lärm brüllen. Nun, es war doch das einzige, was mir zu tun übrig blieb. Die Strecke vor uns war lang genug, daft er noch Gelegenheit hatte, die kleine Gunst, die er durch mein Manöver verlor, wieder einzuholen. Aber ... mir wurde, als ob ein Regen feuriger Nadeln mich durchstieft. ... Meine Bahn schien an die des höllischen Motorrades angewachsen zu sein. Kaum war ich links, verläßt auch der Fahrer mit den großen gelben Glasscheiben seine Bahn und jagte auf mich zu schräg von der Seite. Die Brille erfunfette schwefelfarben und schwarz gegen mich wie ein Schuft. Ein dunkles Chaos sank in mich hinein. Unter dem Getose der Motoren und Hupen, die ohne abzusetzen schrien und tobten, war mir, als stürzte die Landschaft des freundlichen grünen Tales rasch verfinstert zusammen. Leben und Tod lagen eng vermischt unter meinen flimmern« den AugenTMit einer verzweifelt scheinenden Raserei fiel das Motorrad mir entgegen. Schon hatte ich das Bewufttfein, der Zusammenftoft sei erfolgt... . Ich war gezwungen, mich dem ungewissen, sturmhaft Vergehenden zu überlassen, das einen befällt, wenn eine Gefahr des Körpers in greifbare Nähe geraten, davorstehe, einen hinzumähen. Aber auf einmal erstand in mir wieder die kurze traumhafte Erscheinung des gelben Nebenweges zwischen den zwei Bäumen. Ich weift nicht genau zu sagen, wie es zuging. Ich erinnere mich nur daran, daft in dem kreisenden Dunst, der meine Sinne von der Erde wegzog, der schmale Helle Streifen aufleuchtete, wie ein Versprechen eines gut gesinnten Geschicks, und ohne mir bewuftt geworden zu sein, wie oder überhaupt, daft ich das Steuerrad gehandhabt, flog mein Wagen plötzlich in den Weg hinein. Sofort waren meine Sinne wieder klar. Ich ging vom Gas, löste die Kupplung, zog die Bremfen. Der Wagen fchänzelte wild auf. Meine Muskeln aber waren in das Steuerrad verkrampft. Ich vermochte ihn zu halten. Mitten in diesen letzten, saft versagenden und dann aber wie eine unausfoftbare Glückseligkeit mich überftieftenben Augenblicken war ein prallender Donner losgegangen. Irgend etwas Furchtbares a^ar geschehen ... Der Maybach? ... durchzuckte es meine Nerven. Nein. Ich sah ihn die wunderhafte Bahn der neuen glatten Strafte hemmungslos weitertoben, dem Sieg entgegen. Er rift eine beneidenswert üppige Schleife von Staub aus der Erde hinter sich auf, in die er sich einhullte, als wollte er meinen Augen zartfühlend seinen Triumph entziehen. Wir stiegen aus dem Wagen und schauten rundum. Wir [aften die Strafte, stürzten hin. Das Motorrad lag an einen der Baume geschoßen, die den Eingang zum Weg einfaftten. Es war wild zusammengedruck., Hinterrad und Vorderrad nurmehr ein auseinander gequetschtes Gemengsel. Was dazwischen lag, hochgefetzt zersprengt, in eine Kamine gehüllt .. An der Spur des Rades im Staub war zu erkennen, daft der Motorradfahrer kurz hinter meinem Wagen ebenfalls den Weg erreicht hatte. Er hatte aber, was wohl geheimnisvoll war, aber nicht atibcrs ertlailia), direkt auf mich zielen wollen, mich aber nicht mehr erreicht. Da mar er führungslos unmittelbar an den zweiten Baum geflogen. Wir fanden ihn dann abgeschleudert im Graben hinter dem Baum liegen W.e m einem Bett aus grünen Polstern lag er dort ausgestreckt, das Ge äst nach oben, die Arme auseinandergedehnt, die Finger gespreizt, den Mund geöffnet. Blut floft in gurgelnden, kleinen Strömen aus ihm. Wir richteten den Verunglückten hoch. Da hörte das Blut auf zu fließen. Der .wrper gab wehrlos nach, der Kopf fiel seitwärts ohne Spannung. Ich reiße ihm die Jacke und das Hemd auf, presse ihm das Ohr auf feine Brust, nach Leben suchend. Aber nichts gab wehr Antwort. „Er ist tot" sagte mein Mechaniker. Wir schwiegen. Ich suhlte, daß ich bleich war und "sah das Gesicht meines Begleiters l^cherng«oorden. „Was war das?" fragte ich. Der andere zuckte hilflos mit bft ^ulter. Als ich den Toten wieder zur Erde bettete und mich auf richt en wollte rift ich an einem Band, das an meinem Arm sich?^/'^, >hw die Matze vom Kopf. Es war das weifte Band, das vorhin mir so zusammenhanglos närrisch erschienen war. Ich wickelte es los vom Arm und wollte eß hinlegen. Da sah ich, daft etwas darauf stand. Es war mit groften unbeholfenen Buchstaben schwarz hingemalt, und ich las: „Wettrennen des Taoer mit dem Tode". Sein Rennen hatte der Verrückte gewonnen, Er hatte den Schatten eines Mädchens eingeholt und ihn mit in die Ewigkeit hinübergenommen. Oer Kampf der Tertia. Erzählung von Wilhelm Speyer. Alle Rechte beim Rowohlt Verlag, Berlin W 35. (Fortsetzung.) Der Polizist stand mit gesenktem Haupte da, wie ein trauriger Klepper im Regen. „Meine Herren", erklärte er mit einer Gebärde, als gäbe Wallenstein den Pappenheimer Reitern Max Piccolomini frei. „Ich habe zwar einen Wink von oben bekommen, auf die Herren Schüler in der nächsten Zeit achtzugeben. Dennoch, meine Herren: ich liefere ihnen den Gefangenen aus!" Und er öffnete ein Schubfach und holte Bindfaden. Der Grofte Kurfürst und Reppert bedankten sich mit der zierlichsten Höflichkeit. Sie erklärten, daft auch die Schulleitung dem Herrn Wachtmeister für seine hochherzige Tat sehr erkenntlich sein werde. Man werde der Leitung das grofte Entgegenkommen des Herrn Wachtmeisters berichten. Borst wurde aufs neue gefesselt. Der Häuptling und sein Adjutant nahmen ihn in die Mitte. Sie hielten ihn sest am Bindfaden wie einen ungebärdigen Hund. Dann muftte Borst seinen Canossagang antreten. Es wurde ihm besohlen, den Herrn Wachtmeister wegen seiner Albernheiten um Verzeihung zu bitten. „Ich bitte vielmals um Verzeihung", quäkte er schluckend und schluchzend, mit Liliput- und Rabentönen. „Der spinnt wohl etwas?" fragte Holzapfel, wischte sich seinen Rübezahlschnurrbart aus und sprach zum Groften Kurfürsten wie zu seinesgleichen. - .. „Der hat absolut keinen Funken von Vernunft in feinem Schädel , sagte Reppert, und er warf Borst einen furchtbaren Blick zu. „Morgen kommt er vor das Schülergericht." Bei dem Wort ,Schülergerichsi machte Holzapfel ein achtungsvolles Gesicht. Die Schülergerichte genossen groften Respekt in der ganzen Gegend. Borst aber schwanden die Sinne. Bisher hatte er immer noch geglaubt, daft es sogleich draußen vor der Tür des Polizeiamtes feurig dankbare Umarmungen und Bruderküffe geben und daft man ihn auf den Schultern davontragen werde. Nun aber dämmerte es ihm, daft die Sache mit dem Schülergericht keine Komödie [ein werde. Ihm war, als habe er nur noch Luft in den müden Kniegelenken. Holzapfel aber lachte jetzt befreit. „Na, dann bin ich auch ganz froh! Was soll man hier mit so einem? — Gute Nacht, junge Herren! Mit Ihnen kann man doch reden! Da haut man sich wohl am besten jetzt hin, was?" „Das glaube ich auch", erwiderte der Grofte Kurfürst mit einem förmlich zarten Lächeln. „Es ist doch bald Morgen, und jetzt geschieht ja nichts mehr in der Stadt. Gute Nacht, Herr Wachtmeister!" '„Sie sind auch an die Farbe geraten, junger Herr", sagte der Polizist. Er war wohlgelaunt, daft er nun schlafen durste, und er kratzte dem Häuptling mit dem Fingernagel am Aermel herum. „Oh, vielen Dank!" entgegnete der Grofte Kurfürst verblüfft. „Ohne Terpentin geht das nicht ab!" bemerkte der Polizist nach einer Weile. ,Nein! Das wird wohl noch viel Terpentin kosten, bevor das alles abg'eht?" Sie entschwanden mit Lachen. Holzapfel sah zum Fenster hinaus. Im Westen, über dem Turm des Bezirksamtes, zuckte der erste Strahl. Er gähnte wie ein Tiger. Er zerrift das Protokoll. V. Am Sonntagmorgen um neun Uhr wurde, wie gewöhnlich, unten auf dem Gutshof Parade abgehalten. Die Knaben mußten in ihren marineblauen Anzügen erscheinen und mit Schnürstiefeln an den Stiften. In den Händen hielten sie ihre Sandalen, ihre Fuftballschuhe mit den genagelten Klötzchen auf den Sohlen, ober, diejenigen Jungen, die auf der Aschenbahn liefen, auch ihre Spikes. Die Sonntagsanzüge unterschieden sich im Schnitt nicht im geringsten von den Wochenanzügen. Diejenigen, die einmal früher für die Einführung langer Hosen und eines Eton-Jacketts gekämpft hatten, waren unterlegen; es war ein Kampf von grundsätzlicher Bedeutung gewesen. Man wellte keinen angelsächsischen Sonntag, keine Langeweile, kein Maft in den Bewegungen und feine Bedachtsamkeit auf die Kleidung. Sämtliche Klassen standen in Paradestellung auf dem Gutshof. Doch wurde jeder Anschein eines militärischen Drills vermieden. Diese Gruppe hier sah eher wie eine Ansammlung von Cowboys aus, mit sauber gebürsteten Kleidern und blankgewichsten Stiefeln. Trotzdem gab es eine Art von „Stillgestanden", als die diensthabenden Lehrer erschienen. Zur Verwunderung aller zeigte es sich, daft die höchste Persönlichkeit des Schulstaates fehlte. Mr. Graig befehligte die Parade. Er stellte sich mit den andern Lehrern an den rechten Flügel der Obersekunda und rief, nachdem eine erwartungsvolle Stille eingetreten roar, — (es war jedermann auf dem Gutshof klar, daft diese Parade unmöglich friedlich verlaufen konnte, da der nächtliche Ausbruch einer ganzen Klasse allenthalben bekannt geworden war): „Herr Doktor ist krank. Er läftt alle, mit Ausnahme einer gewissen Klasse, grüßen." Herr Doktor war noch nie in seinem Leben krank gewesen. Jetzt aber erhoben die Obertertianer begeistert ihre Arme. Sie schwenkten die Hande über den Köpfen. Sie schrien wie ein ganzer Stamm von Indianern auf dem Kriegspfad: „Wir wünschen Herrn Doktor schnelle Genesung! — Herr Doktor soll bald wieder gesund werden! —Sagen Sie bitte Herrn Doktor, Mr. Graig, datz wir ihn tausendmal grüßen lassen!" Einen Augenblick herrschte sowohl bei den Lehrern wie bei den Schülern die größte Verblüffung über diese Kundgebung. Dann aber erhoben auch die andern Jungens alle ihre Arme über die Köpfe, und die Bürger des ganzen Schulstaates brüllten in Begeisterung auf, während sie ihre Hände wie Fahnen schwenkten: „Wir wünschen Herrn Doktor schnelle Genesung! — Herr Doktor soll bald wieder gesund werden! — Sagen Sie Herrn Doktor, daß wir ihn tausendmal grüßen lassen!" Mr. Graig ließ seine wasserblauen Augen unruhig zu den Seiten schweifen, dorthin, wo die Hunde der Tertia aufmerksam auf ihren Bäuchen liegend lauerten, ob ein Befehl ihrer Herren ergehen werde, eine Stellung zu stürmen. Der Anblick dieser Tiere schien Mr. Graig nicht genehm zu sein, und so richtete er den Blick nach oben auf den Urft der großen Getreidescheune. Doch da gewahrte er Karlemann, der mit der Urweisheit einer ägyptischen Katze herunterschaute, was sich unten bei den Menschen begab. Auch die Anwesenheit dieses weisen Haustieres schien Mr. Graig unwillkommen zu sein. Der große Grammatiker, der die «ätze der deutschen Sprache wie ein Geschenk des Himmels genoß, begann jetzt seine Rede: „Eine gewisse Klasse dieses stolzen Schulstaates, die ihre eigene geistige Begabung stets sehr hoch einschätzt, während sie die geistige Begabung der andern, Lehrer sowohl wie Schüler, mit Vorliebe zu mißachten pflegt, gibt sich an diesem Sonntag den Anschein, als habe sie es wegen ihres Uebermaßes an Intelligenz nicht nötig, zu begreifen, welche von allen Klaffen dieses stolzen Schulstaates die Leitung im Walde von ihrem allgemeinen Gruß an die Bürger dieses Schulstaates auszunehmen wünschte, weswegen uns diese mit einem jesuitischen Gebrüll entgegentrat, welches jedoch niemanden darüber hinwegtäuschen wird, daß hier der zu bestrafende Missetäter es ist, der seinen Richter hochleben läßt, um eben diesen Richter und seine Kollegen durch ihre Begeisterung für das Strafrecht dumm zu machen. Es steht zu wünschen, daß jene Uebeltäter auch dann noch Hurra schreien werden, wenn sie am Spieße stecken und die Nägel der Eisernen Jungfrau und anderer Folterwerkzeuge, die wir auf unserer Serienreife zu Ostern in Nürnberg als Zeugnis teutonischer Gerechtigkeitspflege bewundern konnten, ihnen in die jugendsrischen Leiber dringen werden!" „Hurra!" brüllte die Tertia. Cs war eigentlich ein Hurra für di« glückliche Beendigung zweier grammatikalisch bewunderungswürdiger Sätze, ein Begrüßungsglückwunsch im Hafen für die geschickt gelotste Heimkehr aus den Sturmen der Syntax. „Gut, hurra", sagte Mr. Graig, während die jungen Lehrer hinter ihm, zumal Dr. Frey, der Freund der Tertia, einen grauenhaften Kampf, mit Gebeten untermischt, um Niederzwingung ihres Lachens kämpften. „Ich danke vielmals für das Hurra einer gewissen Klasse dieses würdigen Schulstaates! Doch gebe ich mich nun bei der außergewöhnlich geistigen Begabung dieser Klasse der Erwartung hin, daß sie für meine besonders feinorganisierte Empfindungsfähigkeit hinsichtlich der hygienischen Beschaffenheit eben dieser Klasse Verständnis aufbringen wird! Ich bin nämlich der Ansicht, — und ich glaube, daß mir hierin unser hochverehrter Anstaltsarzt Dr. Heßler beistimmen wird, — daß das Hurra einer gewissen Klasse, das wir soeben zu hören bekamen, nicht so frisch und verwegen, wie wir es an ihr gewöhnt sind, sondern eher etwas heiser, dumpf, ja geradezu übernächtigt klung. Ich möchte unfern hochverehrten Herrn Arzt hier vor dem gesamten Gremium dieses würdigen Schulstaates fragen, ob er nicht eine gleiche Beobachtung an der Beschaffenheit der Stimmbänder einer gewissen Klasse machte, wie ich sie tat?" Herr Dr. Heßler nickte Mr. Graig lächelnd zu. Aber dann setzte er sein Lächeln gleichsam fort und bis zur Obertertia hin. Mr. Graig, der nicht groß war, richtete sich energisch auf. „Da der ärztliche Befund mit meinen eigenen laienhaften Eindrücken übereinstimmt, so verordne ich hiermit: In Anbetracht dessen, daß der Gesundheitszustand der Obertertia zu wünschen übrig läßt, meldet diese Klasse sich krank. Sie tritt, mit Ausnahme von Daniela, sofort von der Parade ab und bezieht für den Rest dieses Sonntags ihre Schlafräume als Quartier. Der würdige Präfekt dieser Klasse bürgt der Leitung des Schulstaates dafür, daß jedes Mitglied feiner Klasse sich in fünfundzwanzig Minuten ausgezogen und in seinem Bett befindet." Ohne sich auch nur eine Sekunde zu besinnen, als habe er das alles längst kommen sehen, trat der Große Kurfürst vor die Front seiner Abteilung, und er kommandierte: „Alles ausziehen bis auf die Hosen! Sandalen oder Spikes an di« Füße! In zwanzig Minuten Lauf der schwererkrankten Tertia bis zur Rotbuche und wieder zurück! Fünf Minuten später ist jeder im Bett!" Tief« Stille herrschte auf dem Gutshof. Niemand von den Lehrern und Schülern sah die Tertia noch an. Jeder wandte den Blick von jener Richtung fort, wo die Tertianer mit den rasenden Bewegungen des Lao- koon sich die Kleider von den Leibern rissen. Und in vierzig Sekunden waren sie angetreten. Mit funkelnden Leibern standen sie zum Lauf durch die Wälder bereit! Der Große Kurfürst hob den Arm. Fünfundzwanzig Tertianer brausten über den Gutshof dahin, als gelte es, den Janikulus zu erstürmen. VI. Einige von den Tertianern schliefen, andere lasen Bücher oder spielten mit ihren Hunden und mit Karlemann. Obwohl es verboten war, so lagen die Hunde auf ihren Betten. Die schwarze Dogge zum Beispiel und ihr Freund, der Miniaturfoxterrier, lagen auf Lüders Bett, und dort machten sie es sich mit planmäßiger Beharrlichkeit bequem, so daß Lüders feinen Karl May nur noch halbwegs auf der Kante lesen konnte. Josua lag geborgen in jener Bucht, die Borsts Knie, Leib und Brust bildeten. Sein Herr schlief, ■— nicht mit dem Gewissen des Guten, denn das Schülergericht erwartete ihn. Er war ja in Verruf! Seit jenem Augenblick, indem ihn der Große Kurfürst und Reppert gefesselt aus dem Wacht- lokal gezogen hatten, mochte niemand von den Tertianern das Wort an ihn richten oder ihm auch nur einen Blick schenken. Er mußte zuweilen seine Hände gegen den Bauch drücken, um festzustellen, ob er denn über- Haupt noch leibhaftig auf dieser Erde einherwandele. Man sah nichi einmal durch ihn hindurch, man sah überhaupt gar nicht erst in die Gegend hin, in der sein armseliges leibliches Dasein sich befand. Das Schülergericht sollte heute nachmittag tagen, falls die Tertia die Erlaubnis erhielt, vor dem Abendessen aufzustehen. Borst sehnte das Gericht über seine Untat herbei! Wenn nur dieser furchtbare Zustand früher oder später einmal ein Ende hätte! Die meisten von den Tertianern, zumal die Gescheiten unter ihnen, waren traurig, schlecht gelaunt oder geradezu mutlos. Dies« sahen aufrecht in ihren Betten, sie preßten die Fäuste an ihre Schläfen. Für sie war es eine ausgemachte Sache, daß der Feldzug mißlungen und beendigt sei. Sie saßen am Sonntag in ihren Betten wie in einem Banjo. Sie hatten einen Fingerzeig von oben erhalten, daß ihr großer Plan erkannt und mißbilligt sei. Sie hatten keinesfalls damit gerechnet, daß ihr nächtlicher Ausbruch straflos bleiben werde. Sie waren ja auch klug genug, um zu wissen, daß die Bemalung der Stadthäuser manche Ungelegenheiten für die Leitung im Walde zur Folge haben werde. Trotzdem hatten sie mit einem geheimen Einverständnis gerechnet. Jetzt aber war die Strafe ihrer Natur nach so ausgefallen, daß sie einer Verdammnis gleichkam. Die Abwesenheit des Herren aus dem Eichwalde während der Parade und die schmachvolle, lächerliche Art der Strafe zeugten dafür. So wurden sie zum Beispiel auch beim Sonntagsessen wie Kranke behandelt, es wurde ihnen Suppe und Gemüse in den Schlafsaal geschickt, weiter nichts. Kein Sonntagsgeflügel mit süßem Apfelmus und vor allen Dingen keine Nachspeise. Die schwächeren Charaktere trauerten diesen herben Verlusten nach, zumal da sich nun die Aussicht bot, daß es auch zum Tee keine dieser Pflaumenkuchen geben werde, die Fräulein Sachse so trefflich zu bereiten verstand. Es waren Pflaumenkuchen, die ganz warm noch auf den Blech- platten serviert wurden, mit einer dünnen Schicht von Mürbeteig, — ach, der Zucker zerschmolz auf der Platte! Der Große Kurfürst gehört« freilich nicht zu den mutlos Wachen. Er lag mit dem Gesicht der Wand zugekehrt und er schnarchte. Es war nun einmal der Hauptbestandteil seiner stoischen Lebensweisheit, daß alle Dinge sich durch den Schlaf verbessern. Er pflegte die Heldengeschichte der Welt, di« Plutarchfchen Helden bis zu Napoleon und Bismarck, auf diese Art zu erläutern, daß jedes tragische Heroen-Ende durch Ueberreizung der Nerven wegen fortgesetzter Schlaflosigkeit entstanden sei. Napoleon habe im Jahr« 1812 und in den kommenden Zeiten seines Niederganges Fehler auf Fehler gehäuft, weil er sich der unheilvollen Idee hingegeben habe, ohne seine Wachsamkeit werde das Empire versinken, während es doch nur deshalb untergegangen fei, weil das Veronal damals noch nicht erfunden war. Und Bismarcks tragische Altmänner-Schlaslosigkeit beraubt« ihn der Nervenkraft, die Kriegsfahne auf dem Dach des Reichskanzlerpalais zu entfalten und dem Herren im Schloß die Fehde anzu- fagen, wodurch das Reich gerettet worden wäre. Was Reppert anbetraf, so war er zwar verzagt und sorgenvoll, aber er stellte sich schlafend, um den Kameraden ein Vorbild des Gleichmutes und der Zuversicht zu geben. Und wieder wandten sich die Gedanken sehnsüchtig zu jenem vereinzelten Rauch im Walde hin, der sich gewiß jetzt am Sonntagnachmittaq in völliger Freiheit über den Wipfeln der Hexenkuppe erhob. Wenn es gelänge, Daniela zu versöhnen und für das große Ziel zu begeistern, so würde die gottgleiche Leitung im Eichenwalde gewonnen werden. Denn das wußten sie allzu gut: nichts hatte ihnen im Eichenwalde so geschadet wie Danielas Zorn und Danielas Abwesenheit gestern nacht. Da, gegen drei Uhr, eine Stunde vor dem Tee, traten, nachdem sie zuvor höflich angeklopft hatten, die Präfekten der Sekunda in den Schlas- raum, Alexander Kirchholtes, der Präfekt der Obersekunda, und Knötztn- ger, der Präfekt der Untersekunda. Der letztere aber war der Sohn des Oberamtmannes in Maineweh, von dem einige sagten, er sei weniger aus Siebe zum Schulstaate hier in diese Anstalt geschickt worden, als vielmehr aus dem Bedürfnis des Amtsmannes nach Spionage. Und als die Knaben den Untersekundaner in ihrem Schlafraum sahen, verdunkelten sich ihre Augen in Haß. Die Wachen weckten die Schlafenden. Kirchholtes setzte sich auf das Bett feines Bruders, dessen Haar er streichelte. Knötzinger aber lehnte sich streng gegen das Fenfterkreuz. Mittlerweile waren die Entfernteren aus ihren Betten aufgestanden. In langen Nachthemden oder in Pyjamas gekleidet, einige von ihnen aber nackt, so ließen sie sich zu britt ober zu viert auf den Betträndern derjenigen Kameraden nieder, die in der Gegend des Kirchholtesschen Bettes hausten. Sa saßen vier Jungens, mit untergeschlagenen Beinen in Pyjamas auf Bambergers Bette. Vier nackte auf dem des Großen Kurfürsten, den sie wie krieg-erwartenbe Erzengel beschützten. Vier aus Hornbostels Bette, beren einer sich quer über Hornbostels Bauch (egte unb in biefer Stellung zur Decke bes Zimmers starrte. Zwei bildeten nut Reppert eine Gruppe, indem sie alle drei die Knie finster bis zu den Kinnen hochzogen unb aufmerksam, mit zurückgehaltener Streitsucht lauschten. Silbers roieberum halte unmutvoll jeben fortgejagt, der sich bei ihm zu Gaste anfagte, denn er wollte wie stets auf einsamem Streuwagen den Kampf des Diomedes ausfechten. Borsts Bett aber, das sich ebenfalls in dieser Gegend befand, wurde gemieden, als sei es das Lager eines Sepratranten. (Fortsetzung folgt.) Schriftleitung: i. V. Dr. Fr. W. Lange, Gießen. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange in Gießen