Eichener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang Montag, -en 20. April Nummer 34 Oie Badewanne. Von Joachim R i n g e l n a tz. Die Badewanne prahlte sehr. Sie hielt sich für das Mittelmeer und ihre eine Seitenwand für Helgoländer Küstenland. Die andre Seite — gab sie an — fei das Gebirge Hindustan und ihre große Rundung sei bestimmt die Delagoabai. Von ihrem spitzen Ende vorn, erklärte sie, es sei Kap Horn. Den Kettenzug am Regulator, hielt sie sogar für den Aequator. Sie war — nicht wahr, das merken Sie? — sehr schwach in der Geographie. Dies eingebildete Bassin, es wohnte im Quartier latin. Oie Krau im Auto. Von A. P. G a r l a n d. Marmaduke Bertram Delisle Hollingbourne — er haßte übrigens diesen seinen Namen von Jugend aus — trat aus einem der großen Kontorhäuser an der Knightsbridge, dem Chandos Manfion, und ging nachdenklich auf feinen Wagen zu, den er unweit davon geparkt hatte. Es war schon gegen Abend und ziemlich dunkel. „Da ist er ja!", sagte Duke zu sich selbst, „aber ich hätte wetten mögen, ich hatte ihn weiter oben hingestellt. Na, um so besser." Er stieg ein in den großen geschlossenen Kuklos und fuhr los. Er legte ein gutes Tempo vor, als er Edgware Road entlangbrauste, denn er wollte heute noch nach Barnet, eine hübsche, kleine Landpartie. „Schweinerei", schimpfte er vor sich hin. „Freddie Dyer hätte mir doch verdammt aus der Patsche helfen können. Jetzt kann ich zu Silber fahren und ihm beibringen, daß ich ihn nicht bezahlen kann" Schon hatte er Barnet erreicht. Er mußte nach dem Weg fragen und erfuhr, daß Silber eine gute Meile außerhalb des Ortes seine Besitzung hatte, und unterwegs gab's eine Panne. Der Wagen stand und war nicht zu bewegen, wenigstens bis zum Haus weiterzufahren. Duke machte sich also daran, zu untersuchen, was los war. Im selben Augenblick öffnet sich die Tür des Wagens und eine Stimme ruft heraus „Was ist denn los, Onkel? Wo find wir denn eigentlich?" Duke war perplex — wo kam denn das Mädchen auf einmal her? „Wer sind Sie denn? Wo ist denn mein Onkel?" fragte sie und kam heraus. „Tut mir leid", erwiderte Duke, „ich habe keine Ahnung, wo der alte Herr hin ist. Aber ich, ich bin der Besitzer des Wagens." „Sie?" „Ja, ich." „Eines viersitzigen, geschlossenen Kuklos?" „Aber gewiß doch." „Dann erklären Sie mir doch bitte, wie ich in Ihren Wagen komme." „Es ist nichts unmöglich. Ich weiß es jedenfalls nicht." „Nun, wenn das Ihr Wagen ist, wissen Sie doch sicher seine Nummer?" „Natürlich! A 47815." Er ging mit dem Mädchen hinter den Wagen, um ihr das Nummernschild zu zeigen. Die Nummer war C.D. 78654. Er erschrak. „Gott im Himmel — das ist ja nicht meine Nummer." „Natürlich nicht!" entgegnete sie ausgebracht. „Und jetzt erzählen Sie mir gefälligst, was Sie mit meinem Onkel gemacht haben!" „Mit Ihrem Onkel? Wer ist denn das überhaupt?" „Mein Onkel ist Sir John Fosbury. Und jetzt will ich wissen, was Sie mit ihm gemacht haben!" „Ich schwöre Ihnen, ich habe gar nichts mit ihm gemacht. Ich kenne ihn gar nicht. Ich bin ganz friedlich aus Chandos Manfions herausgekommen und..." „Aus Chandos Manfions? Da war doch auch mein Onkel! Ich wartete auf ihn im Wagen und muß wohl eben eingeschlafen sein." „So, so, eingeschlafen mitten im Dienst." „Herr, ich kann schlafen, wann es mir paßt." „Entschuldigung, es war ja nur Scherz." Sie mußte lachen, sie kamen ins Gespräch und fanden, daß sie eine Menge gemeinsame Bekannte hätten, daß sie beide im Mayflower Club verkehrten und Duke stellte sich offiziell cor. „Ist doch allerhand", sagte er, „erkenne meinen eigenen Wagen nicht." „Wo sind wir denn eigentlich." „Barnet. Aber sobald ich hier loskomme, fahre ich Sie natürlich heim. Es ist mir unendlich peinlich." „Ach wo, es fängt sogar an, mir Spaß zu machen. Aber ich will lieber wieder einsteigen, es regnet." Duke schaltete die Lampen ein und entdeckte, daß kein Benzin mehr im Tank war. Er erklärte, man müsse wohl oder übel warten, bis jemand vorbeikäme. Er hatte nun Zeit genug, seine unfreiwillige Begleiterin zu betrachten und mußte feststellen, daß er in der Tat selten eine so hübsche Begleiterin im Wagen gehabt hat. Lachend malten sie sich die Bestürzung des alten Herrn aus und scherzten, er werde wohl schon Scotland Hard auf ihre Fährte gehetzt haben. Der erste Wagen, der vorbeikam, war ein Mißerfolg. Inzwischen erzählte Duke seiner Begleiterin, von der sich herausstellte, daß sie Miß Enid Varley hieß, was er eigentlich in Barnet zu tun habe und Miß Varley beschloß, er solle erst seine Angelegenheiten erledigen und sie danach heimfahren, „Ich werde von dort aus meinen Onkel anrufen. Im übrigen bin ich gern bereit, Ihnen zu helfen. Ich verstehe etwas von Geldangelegenheiten. Ich hatte mit meinem Onkel gerade heute furchtbaren Krach deswegen." „Sehr liebenswürdig. Also kurz, die Sache ist die. Ein Freund von mir brauchte 2000 Pfund. Nun habe ich alles was mir gehört in Berkshire in Grundstücken angelegt und in Oel-Claims in Alberta, und ich konnte ihm nicht selbst helfen. Aber Silber aus dem Golfklub konnte es ihm geben und ich verpfändete ihm dafür meine Claims in Alberta. Heute nun sollte ich für Silber die 2000 Pfund zurückerhalten, aber inzwischen hat der Junge alles beim Rennen in Hurst Park verloren und ich bin geplatzt." In diesem Augenblick tauchte ein anderer Wagen auf. Duke stoppte ihn und erhielt Benzin. Bald hielten sie vor Silbers Besitzung. Silber öffnete selbst. „Ich bin ganz allein, meine Frau ist mit den Kindern unten in Cornwall und die Mädchen haben Urlaub." Miß Varley bat, telefonieren zu dürfen und meldete ein Gespräch nach London an. Neben dem Apparat stand geschrieben: „Jedes Gespräch 3 Pence. Einwerfen in die Sparbüchse. Wechselgeld überall Im Hause/ Inzwischen führte Silber seinen Gast herein. „Etwas zu trinken?" Und er fuhr fort: „Ihre neue Errungenschaft draußen?" Duke erwiderte leise: „Um Gottes willen! Lassen Sie das Miß Varley nicht hören. Aber gießen Sie mir ruhig einen Sherry ein." Miß Varley kam herein. ,^Oh, mein Onkel läßt vielmals um Entschuldigung bitten. Er ist nämlich mit Ihrem Wagen abgebraust. Er ist schon auf der Polizei gewesen. Jetzt ist er wenigstens beruhigt." „Und ich habe nicht die Ehre gehabt. Sie zu entführen." Silber kam mit dem Wein. Duke wollte von dem Geschäftlichen anfangen. „Nicht jetzt, erst sind Sie mein Gast. Nachher." Sie stießen zu dritt an. „Ich erwarte nämlich noch Klotz, meinen Partner. Er wollte ..." Er unterbrach sich und lauschte. „Nebenan ist jemand. Ein Einbrecher ..." Alle drei lauschten gespannt. Man hörte nebenan etwas sich bewegen. „Ich will mal nachsehen", sagte Duke ohne Zögern und ging hinaus. Man hörte Geräusch und kurz darauf brachte Duke einen Mann hereingeschleppt, den er mit einem geschickten Jiu-Jitsu-Griff wehrlos gemacht hatte. „Da habe ich den Kerl." „Himmel, das ist ja Klotz! Den können Sie ruhig wieder sreilassen. Klotz, was wollten Sie da? Sie wollten den kleinen Bronze-Buddha stehlen!" „Das ist meiner. Sie haben ihn bei mir gestohlen." „Gewiß, aber ich werde ihn behalten und Sie von der Polizei einsperren lassen!" „Und ich Sie!" Dann wandte sich Silber wieder an seine Gäste: „Die Sache ist nämlich die: fein Hausschlüssel paßt bei meiner Tür. Und da hat er Einbrecher gespielt." Ue6er einem Glas Wein vertrug man sich wieder. „Aber jetzt wollen wir vom Geschäft sprechen!" sagte Duke und beichtete die Sache mit den 2000 Pfund. „Das ist ja schlimm", sagte Silber verlegen und sah auf seinen Partner. „Mensch, Klotz, stellen Sie sich mal vor — 2000 Pfund dafür, ob ein Pferd zuerst ankommt ober nicht." „Ein schöner Irrsinn. Müßte verboten werden." „Ich hoffe", fuhr Duke fort, „Sie können noch 8 bis 14 Tage warten." Die Partner sahen sich an und tuschelten miteinander. „Klotz, Sie bestimmen, was werden soll." „Ja, und ich möchte sagen, daß wir nicht warten können. Und bann wird eben die Verpfändung der Oel-Claims akut." „Sie hören ja, was er sagt", sagte Silber, „es tut mir leid, aber was sein muß, muß sein." 'Ain folgenden Tage erhielt Goethe, als Oberdirektor der .^osthcater, die Weisung, den Herrn Doktor Schütz in Jena durch den dortigen Polizei- rnt Major von 5) endlich, vernehmen zu lassen, um zu ersahren , wodurch er sich veranlasset gefunden, die Unschicklichkeit zu begehen, am Schlutz des Schauspiels dem Herrn Hosrath von Schiller ein Bivat Zi> rufen und dadiirch zu veranlassen, datz das ganze Haus ein gleiches gcthan habe, welches, wie er selbst finden müsse, gegen die 'Achtung laufe, die das" Publicum den Durchlauchtigsten Herrschasten allerdings stets schuldig s-y." _ . . o . In seinem Herzen hatte der junge Doktor keinen geringen ocrn ob der Tyrannei seines Landesherrn und auf den nach feiner Meinung bösen Neid des Herrn Geheimen Rats. Aber was half hier alles innerliche Ausbäumen! Wenn er seinen Lehrstuhl an der Universität Jena behalten und sich das Wohlwollen seines Landesherrn nicht gänzlich verscherzen wollte, mutzte er in geziemenden Worten zu Kreuze kriechen. So bekannte er, gefehlt zu haben und bat um Entschuldigung. „Di- Schönheit des Stückes habe ihn hingerissen, und die Achtung gegen den Verfasser scy in ihm so hoch gestiegen, datz ihm dieser Ausruf gleichsam unwillkürlich entschlüpft sey. Er hoffe Vergebung zu erhalten wenn er hierunter gesehlt habe, da es aus keiner anderen Absicht geschehen sei, als bloß um dem Dichter zu huldigen." . Daraus wurde ihm von dem Herrn Major eröffnet, „daß er es wirklich blotz der Achtung zu danken habe, die Seine Durchlaucht für den Herrn Hosrath von Schiller hege, indem sonst wohl ein mehreres erfolgt seyn würde." .... Der Herr Doktor Schütz wurde ganz kleinlaut, als er die gewichtigen Worte des Herrn Kommandanten vernahm, und um nun auch ganz gewitzlich seine alleruntertänigste Gesinnung zu beweisen, „danke' er für geschehene Eröffnung in schicklichen Ausdrücken und bat um die Erlaubnis, noch eine schriftliche Verantwortung ad Acta geben zu dürfen, was ihm auch zugcstanden wurde." Der verehrte Leser irrt, wenn er nnnimmt, datz sich der Fürst und Herrscher, Carl A u g u st, Herzog zu Sachsen, Jülich, Cleve und Berg, auch Enger» und Westfalen usw. mit dieser landesväterlichen Ermahnung allein schon begnügt hätte. Besagte junger Doktor Schütz hatte ja noch einen Herrn Vater, und dieser war ja in Jena als ordentlicher Universitätsprosessor und Herzoglich Wcimarischcr Hosrat ein Untertan Seiner Durchlaucht. Und dieser Herr Vater hatte doch auch Vaterpslichten — oder wenigstens mal solche gegenüber dem Herrn Filius gehabt. In Anbetracht dieser Umstünde hatte der Herzog denn auch den Herrn Geheimen Rat von Goethe bcaustrngt, zugleich noch den Major von Hendrich zu veranlassen, dem Herrn Papa „im Namen Serenissimi zu erkennen zu geben: Höchstdieselben hätten sich von ihm versprochen, datz sein Sohn besser gezogen seyn würde." Ei, mag sich da der Herr Hofrat und Unioersitätsprofessor Christian Gottfried Schütz enragiert haben, al« ihm solche ungnädige Botschaft von seinem Herzog wurde. Das war doch eine rechte Blamage, ein höchst beschämendes Admonitum. Was sollte nun werden? Mit der Karriere, die so sckstin, so zukunftsverheitzend mit der Habilitation in Jena begonnen hatte, war es doch nun aus — endgültig aus! Aber es war doch nun einmal der Sohn, der einzige vielgeliebte Sohn! Und eigentlich war man doch wieder recht stolz auf ihn und sein- junge wissenschaftliche Tüchtigkeit. Und ganz insgeheim konnte man auch so viel warme Begeisterung wohl verstehen! Man war ja selbst einmal jung gewesen und hatte in jungen Jahren auch für feine Lieblingsdichter Gellert und den inzwischen recht alt gewordenen Herrn Hosrat Wieland geschwärmt! , Und so entschloß sich der Herr Professor und Hosrat Christian Gottsried S d) ü tz zu der Erklärung, „datz die Explosion seines Sohnes, als eines ganz gesitteten Menschen, ihm selbst sehr befremdend gewesen sei. Sein Sohn habe ihm aber heilig versichert, datz es bloß unwillkürlich und aus zu grotzem Anteil an dem Dichter und dessen vortrefflichem Werke geschehen sei, daß er dieses Divat ausgebracht habe." Mit dieser Erklärung erklärte sich denn auch die hohe Obrigkeit zufrieden, und die Akten über den „Fall Schütz" wurden geschlossen. Aber nid)t nur der Herr Professor und Hofrat Christian Gottfried Schütz und sein Sohn, der Privatdozent Dr. Friedrich Schütz in J-na hatten ihren Aergcr durch das unbebadjte Vivatgeschrei des Letzteren gehabt — nein auch dem Herrn Geheimen Rat von Goethe war nicht ganz wohl zu Mute. Drei Tage nach der Aussührung schrieb er an (einen Freund, den Herrn Hofrat von Schiller: „Mich verlangt sehr Sie zu sehen. Die verwünschte Acclamation neulich hat mir ein paar böse Tag- gemacht ..." jeder willkürliche Beisall streng verboten war. Auch durste kein Zeichen der Ungeduld gegeben werden, das Mißsallen durste sich nur durch Schweigen, — der Beysall nur durch Applaudieren bemerkbar machen, — kein Schauspieler konnte herausgerusen, keine Arie zum zweytcnmal gefordert werden." „ ... . So hietz es in der „Verordnung", die die Direktion zur Forderung eines gesitteten Betragens im Hoftheater erlassen hatte — eine Verordnung, die sich vornehmlich an die Jencüschen Musensohne richtete. An jenem denkwürdigen Tage aber geschah nun folgendes: -beim Fallen des Vorhanges nach dem letzten Akt brachte der ,unge Jenenser Privatdozent, Dr. Friedrich Carl Schütz, von Begeisterung hingerissen, dem Dichter der Tragödie ein dreimaliges „Vivat" dar, in das die entzückte» Musenföhne int Parterre aus vollem Herzen und nut vollem Organ einstimmten, indem sie sich von ihren Sitzen erhoben und nach der Loge blickten, in der Schiller sich verborgen hatte. Vergebens suchte dieser, den entfesselten Sturm der Begeisterung durch Zischen zu dampse». Die Durchlauchtigste Herrschaft nahm diese Beifallsbezeugung s-hr ungnädig auf. Der Herzog erhob sich brüsk, bot feiner Mutter und seiner Gattin den Arm und geleitete sie mit eisigem Schweigen aus den> Schau- Oer verhängnisvolle Beifall. Alkweimarischer Theater-Skandal. Den Akten nacherzählt von Dr. Bruno Satori-Neumann. Es war Mitte März 1803. Am schwarzen Brett der Universität Jena prangte — in seierlichstem Latein versaht und in ellenlange Schachtelsätze gekleidet — ein „Aufruf" an die akademische Jugend, in dem diese ausgefordert wurde, sid) nad) dem benachbarten Weimar zu begeben, allwo am 19. besagten Monats auf bafigem unter der Oberdirektio» Seiner Exzellenz des Herrn Geheimen Rath von Goethe stehenden Hoch- fürstlichen" Hoftheater die Uraufführung der von Herr» Hosrath Friedrid) von Schiller soeben vollendeten griechisch römischen Tragödie mit Chören „Die Braut von Messina" stattsinden sollte. Als die Mittagsstunde des 19. anbrach, machten sich Professoren und Studenten nad) Weimar auf. Aus klapprigen, halb verhungerten Rost- nanten, die sie bei dem Kneipenwirt „Im halben Mond" requiriert hatten, ( kamen die Studenten burd) das berüchtigte, noch stark vereiste Mühltal h-rübergeritte». Dahinter folgten noch 32 Wagen mit den Professoren, deren Frauen und Töchtern. Mit Lärmen und Toben zogen die Studenten durch das Kegeltor in die hochfürstliche Residenz ein und kündigten den Philistern ihre Gegenwart burd) ein Gebrüll an, bas sie mit dem Namen Gesang belegten. Kleidung und Haartracht der jungen Leute stachen seltsam genug gegen den dezenten Anzug und die wohlgekränselte Frisur der weimarischen Herren ab. Um 5 Uhr sollte die Vorstellung beginnen, aber schon lange vorher war das Schauspielhaus bis auf den letzten Platz gefüllt. Eine Viertelstunde vor 5 erschienen die Musiker an ihren Pulten im Orchesterraum und begannen mit dem Stimmen der Instrumente. Im Orchersterraum taud>te der Orchesterdiener auf, um die Lichter an den Pulten der Musiker anzustecken. Plötzlich durd)schnitt ein dreimaliges starkes Pochen das leise Geplauder der Zuschauer. Die Musiker unterbrachen jäh das Stimmen ihrer Instrumente. Sic „Durchlauchtigste Herrschaft" erschien in der Mitte des ersten Ranges in der Herzoglichen Hosloge, vom Publikum durch Erheben von den Plätzen und durch tiefes Verneigen ehrfurchtsvoll begrüßt. In dem Augenblicke, in dem der Hof Platz genommen hatte, trat volle Ruhe im ganzen Haufe ein. Der Dirigent gab das Zeichen zum Anfang. Die Musiker ergriffen ihre Instrumente. Eine ernste „Symphonie" begann. Tiefe Andacht begleitete das Geschehen auf der Bühne. Besonders löste der Chor, eine bis dato dem deutschen Th-aterpublikum in dieser Form ganz unbekannte Erscheinung, eine tiefe Wirkung aus. Dieser außerordentliche Eindruck aber war vor allem den Bemühungen des Herrn Geheimen Rats von Goethe zu danke», der es sich nicht hatte nehmen lassen, alle Proben persönlick) zu leiten und gleich einem Kapellmeister Tempo und Rhythmus mit eigener Hand anzugeben. So konnte denn aud) Herr Genast, der dem Herrn Geheime» Rat als Regisseur zur Seite gestanden hatte, von der Ausführung befriedigt an feine Freunde berichten: „Die ganze Vorstellung ging trefflich und wurde von dem überfüllten Haus mit Beifall überschüttet." Ja, der Beifall — um den handelt es sich eben bei dieser Geschichte. Denn der Beifall war in der guten alten Zeit in Weimar einem wohlüberlegten festen und strengen Reglement unterworsen. Von feiten der Direktion war eine detaillierte Verordnung herausgekommen, derzusolge Augenblick", erwiderte Duke, „Sie wissen ja selbst, wie die Claims Im Wert gestiegen sind in der Zwischenzeit. Ich könnte sie heute sur weit mehr als 2000 Pfund loswerden." m ... ,,Wciß ich", sagte Klotz, „und das ist der Grund, weswegen wir nicht warten können. ®efd)äft ist Geschäft. . Sie kleine Varley halte bisher still zugehort. Jetzt fiel sie ein. „Ich hoffe nickst, daß Sie die Notlage eines Freundes so ausnutzen werden, totl%(n mir liegt es ja auch nicht. Aber Klotz ist mein Partner und er besteht darauf, Gnädigste." . „ . „Ach lassen Sie, Miß Varley", sagte Sute, „es ist mein Fehler, und ick, habe die Sache auszubaden." , o. , . „Augenblick, meine Herren. Ser Betrag war 2000 Psund, ohne Zinsen — nicht?" fragte Enid Varley. ,AAA„ , . Na ja, das heißt, bekommen habe ich 1» so nur 1600 , warf Sute ein. "Unsere Üblichen Bedingungen", erklärte Klotz. „Gut, ich bezahle die 2000 Pfund bar auf den Tisch , sagte Enid und begann in ihrer Handtasche zu krame». Sie händigte Duke vier 500- Pfund-Noten aus. Mechanisch griff er zu und sagte habet: „Ader das kann ich ja nicht annehmen!" „Ist das nicht ein Sarlehen genau wie von Mr. Silber? Nehmen Sie, Has' Nähere besprechen wir im Wagen unterwegs " Suke wandte sich zu den beiden Partnern. „Hier ist das Geld. Bitte die Papiere." „ ,, Sie Partner waren platt und weinten im Geist schon um den entgangenen Gewinn. Aber es blieb ihnen ja keine Wahl, und während sie nach dem Nebenzimmer gingen, erklärte Enid Sute, wieso sie eine so oroße Summe bei sich hatte. Sic hatte gerade heute ein kleines Grundstück in der Nähe von Paris vertäust, und der Käufer hatte bar bezahlt. Ich hotte 4000 Psund in der Tasche. Ser Notar hatte sie mir gerade ausgehändigt. Und deswegen hatte ich auch den Krach mit meinem Ontel. Sic Partner tarnen zurück. Ser Rest ist schnell erledigt. Man tränt »och ein Glas Wei», man stieß an, und Klotz flüsterte Sute zu: „Ihre Verlobte?" „Noch nicht. Aber vielleicht eines Tages. Klotz nickte. „Wäre ich doch nochmal jung! Was für eine Frau für einen Geschäftsmann." . (Autorisierte Ueberfetzung aus dem Englischen.) Deutschland 1:100000. Wie eine Landkarte entsteht. , Von Manfred F i ch t e n m ü l l e r. Für den Wanderer, der nun wieder durch Wald und Flur streift, ist die Landkarte ein noi'roenbiger Begleiter, ein treuer Weggefährte. Wer das Kartenlesen gelernt hat, wird die Karte während des Marsches selbst altcrdings nur in den seltensten Fällen befragen; er kennt die Gegend bereits durch das der Wanderung vorangegangene Studium der Wege. Die „Generalstabskarte" mit dem Maßstab 1:100 000 gibt in Ergänzung mit dem Meßtischblatt (1:25 000), das infolge seines größeren Maßstabes auch die Höhenlagen heroortreten läßt, ein klares Bild der Landschaft. Bei Wanderungen durch unbekanntes Gelände empfiehlt es sich, an Hand des Meßtischblattes, die Marschroute in der Karte 1:100 000 einzutragen, die mit ihrem kleineren Maßstabe für den Wanderzweck vollauf genügt. Das Reichsamt für Landesaufnahme, das mit seinen umfangreichen, äußerst komplizierten Apparat die Herstellung der Landkarte von der Messung im freien Gelände bis zum Bielfarbendruck der Karte besorgt, gliedert sich in vier Hauptgruppen: Die Trigonometrische Abteilung, die zum Teil mit Hilfe der Photogrammetrie (Lichtbildmeßkunst) die Grundlagen für das gesamte Kartenblatt schafst; die Topographische Abteilung, die der genauen Ortskunde dient; die Kartographische Abteilung, die die Kartenzeichnung erledigt und die Reichskartenstelle, die den Druck besorgt und die Karten vertreibt. Wie die ganze Erdkugel in Meridiane eingeteilt ist, als deren Null- meribian der Meridian von Greenwich gilt, so ist auch Deutschland von einem angenommenen Gradnetz überzogen und besitzt als trigonometrischen Anschluß an das Gradnetz der Erde einen sorgfältig errechneten Nullpunkt, der im Helmert-Turm des Geodätischen Instituts auf dem Telegraphen-Berge bei Potsdam liegt. Bon diesem Nullpunkt aus wird das Land in ein Netz von gleichseitigen Dreiecken eingeteilt, deren Seitenlängen 30 bis 40 km betragen. 4 bis 8 km lange Strecken, die die Basis für diese Messung bilden, dienen als Kontrollstrecken. Die Dreieckspunkte für das Gradnetz werden durch Kirchtürme, Waffertürme und ähnliche weithin sichtbare'Objekte als trigonometrische Punkte f estgelegt. Wo diese gegebenen Zeichen fehlen, müssen Holztürme, im Hochwalde oder im Flachland« oft 30 bis 40 m hoch, errichtet werden. Neben diesen trigonometrischen Punkten erster Ordnung gibt es noch in die Erde eingelassene Steine, die die „Festpunkte" des Bodens darstellen. Auf einen Raum von 100 qkm entfallen ungefähr 22 trigonometrische Punkte. Bis zu Beginn des Krieges waren von der Preußischen Landesausnahme etwa 63 000 Marksteine und Türme festgelegt worden. Die trigonometrischen Steine sind durch ein Kreuz und die Buchstaben TP kenntlich gemacht. Da die Erhaltung dieser Marksteine von größter Wichtigkeit ist, hat der Staat das Beschädigen oder Versetzen dieser Steine unter Strafe gestellt. Wie schwierig und zeitraubend die sorgsamen Messungen der Landesaufnahme sind, beweist die Tatsache, daß zu der gesamten einmaligen trigonometrischen Aufnahme eines Staatsgebietes von der Größe Preußens ein Zeitraum von 70 bis 80 Jahren erforderlich ist. Die Arbeit des Trigono- meters ist äußerst beschwerlich. Oft muß er nicht nur Stunden und Tage, sondern ganze Wochen hindurch auf einem den, Wind und Wetter ausgesetzten trigonometrischen Punkt in schwindelnder Höhe ausharren und einen zur Beobachtung der einzumessenden Zielpunkte günstigen Augenblick abpassen. Dann gilt es rasch zu handeln, denn jeder Winkel muh bei der Hauptdreiecksmessung 24mal gemessen werden. Außer der Bestimmung der Festpunkte der Waagerechten besteht für den Trigonameter eine weitere Aufgabe darin, die trigonometrischen Punkte auch nach ihrer Höhe über dem Meeresspiegel zu messen. Der Ausgangspunkt für diese Messungen ist Normal-Null, das ist ein ideeller Punkt, der zirka 39 km vom Mittelpunkt Berlins entfernt, in einer Gruppe von fünf in verschiedener Höhenlage verteilten Festlegungen besteht. Von hier aus werden die Nivellementszüge in Schleifen von mehreren hundert Kilometer meist auf den Hauptchausseen durch das ganze zu bearbeitende Gebiet gelegt. Senkungen und Veränderungen der Erdoberfläche, wie sie vor allem in den Bergwerksgebieten durch allmähliches Nachsinken der unterhöhlten Erdkruste eintreten — so ist zum Beispiel die Stadt Hamborn im Laufe weniger Jahrzehnte mit ihrer ganzen Umgebung um einige Meter gesunken — machen stets neue Nachmessungen des Nivellements nötig. ... _ , ,. „ Hat der Trigonameter das eigentliche Gerippe für die Karte geschasten so ist es Sache des Topographen aus diesem Gerippe das lebendige Bild der Landschaft ergänzend darzustellen. Die Karten, die die -.opographische Abteilung herstellt, sind die eigentlichen Grundkarten, bte bekannten Meßtischblätter im Mahstabe 1:25 000. Im Frühjahr zieht der Topograph mit der mit Zeichenpapier bespannten Mehtischplatte hinaus, aus der nur die Gradeinteilung und die feftgelegten trigonometrischen Punkte verzeichnet sind. Mit Hilfe eines besonders zum Entfernungsmessen eingerichteten Fernrohres, der sogenannten Kippregel, mißt er von vermiedenen genau festgelegten Standpunkten alle für die Karte wichtigen Punkte em. auf Verkehrswegen, an Wasserläufen, Wald- und toiefenranbern unb fo weiter Diese Punkte werben auf bem Meßtischblatt eingestochen unb ihre Höhe berechnet. Darauf begibt sich ber Topograph von einem ber gemessenen Punkte zum anbern unb zeichnet — von ben e'vzelnen Punkten aus - ben Grunbrih ein: von Eisenbahnlinien, Wegen, Gewässern Boben- bewachsung, Gedäuben unb so weiter; 1 cm auf ber Karte bebeutet 25 000 cm, bas 250 m in ber Natur. Demnach sind ©egenftanbe mit 5 m Durchmesser auf bem Meßtischblatt noch darstellbar Die Erhebungen ober Senkungen bes Gelänbes werben burch H°henlin>en festgelegt Eine besonbere Einfühlungsgabe gehört dazu, um bte Plastik bes Gelänbes zu erkennen unb in ber Zeichnung richtig wiederzugeben. Für den Fachmann wird in ber Gelänbezeichnung bie Art bes Bobens sichtbar. Der fruchtbare Lehmboben ergibt weiche, runbe Formen, bas sanbige Dunenlanb zeigt kleine, äußerst verworrene Linien, bie vom Topographen besonbere gefürchtet sind; ihre Festlegung erforbert tatkräftige, hingebungsvolle Arbeit von Monaten. Im Herbst kehrt ber Topograph mit seinem Material heim und arbeitet ben Winter über an den Abschlüssen ber Reinzeichnung, bte nach ihrer Vollenbung in die Hänbe bes Kartographen gelangt. Beendet der Topograph im Herbst sein Meßtischblatt, so kann er wohl feststellen, daß an den am Anfang seiner Arbeit ausgenommenen Stellen schon wieder Veränderungen eingetreten sind. Die Landesaufnahme trägt Sorge, wichtige Veränderungen des Landschaftsbildes noch vor dem Erscheinen nachzutragen, es ist jedoch nicht möglich, allen Veränderungen sofort nachzugehen, aus dem einfachen Grunde, weil sonst eine Karte niemals fertig würde. Die Landesaufnahme erhält jährlich von den verschiedensten zuständigen Behörden Mitteilungen über eingetretene Veränderungen und sendet nach einem gewissen Zeitraum einen Topographen ins Gelände, ber bie Veränberungen nachprüft unb neu in die Karte einzeichnet. Alle wichtigen Veränderungen werden bereits in 3 bis 5 Jahren nachgetragen, im Laufe von je 10 bis 15 Jahren werden bie Meßtischblätter eingehend berichtigt. Ein Hilfszweig ber Trigonometrie ist bie Photogrammetrie, bie teils von ber Erde aus, teils aus der Luft ihre Anwendung findet. Nach bestimmten Richtlinien dieser Methode wird das Gelände von der Erde und aus der Luft durch Lichtbilder aufgenommen. Die Photogrammetrie von der Erde aus erfordert vor allem freie Sicht. Die Aufnahmen, die wenig Zeit in Anspruch nehmen unb bie Arbeit baburch verbilligen, entsprechen in ihrer Genauigkeit allen Anforderungen. Das Material der Erd- unb Luftlichtbilber muß jeboch im Gelände burch Erkunbung und Messung ergänzt werden. Die gewöhnliche Kamera für Luftbildaufnahmen ist in einer Aufhängevorrichtung über eine Deffnung im Flugzeugboden eingebaut. Die Kassette enthält ein Filmband von 55 m Läng« für 285 Ausnahmen. Bei einem Flug kann bei einem Aufnahmestab von 1:5000 etwa ein Gelände von 100 qkm erfaßt werden. Durch das Sucherfernrohr überwacht der Beobachter bie Aufnahmen. Je nach Einstellung ber Kamera kann bas überflogene Gelände schräg oder senkrecht aufgenommen werden. Jedoch ist die senkrechte Aufnahme auch nicht abfolut senkrecht, da die Erschütterungen des Flugzeuges und unmerkliche Veränderungen in ber Flughöhe zu Veränberungen der Plattenlage führen. Die Luftaufnahmen, bie gegenüber dem Gelände Verzerrungen und untereinander verschiedene Maßstäbe aufweisen, müssen deshalb entzerrt, d. h. umphotographiert werden, damit sie in allen Teilen den Maßstab wie die gewünschte Karte ausweisen. Andere Mängel ergeben sich beim Lustbild z. B. durch Schattenwirkungen, die die Begrenzungen des Grundrisses oft sehr unklar erscheinen lassen. Die fortschreitende Technik wird aber auch diese Mängel allmählich überwinden. An der Hand der vom Trigonometer und Topographen erarbeiteten Grundkarten stellt der Kartograph die Karten kleinerer Maßstäbe bar: bie Reichskarte 1:100 000, bte topographische Uebersichtskarte von Deutschland 1:200 000, bie Uebersichtskarte von Mitteleuropa 1:300 000 usw. Nicht alles, was bie Karten größerer Maßstäbe enthalten, finbet bei ben kleineren Maßstäben Raum. Durdjgreifenbe, fachwissenschaftliche Aus- bilbung künstlerischer Blick unb langjährige Erfahrungen befähigen ben Kartographen auch bas Kartenbilb bes kleineren Maßstabes leserlich, klar unb übersichtlich zu gestalten. Das richtige Fortlassen alles Nebensächlichen, bas Hervorheben bes Wesentlichen unb bas Verschmelzen einzelner Formen zu Gesamtheiten sind Schwierigkeiten, bie das Gelingen dieser Feinarbeit oft in Frage stellen. Das Einzeichnen der Höhenlinien, die Angabe des Gefälles bei Nivellierungen des Geländes stellen an die Fähigkeiten des Kartographen besondere Anforderungen. Im Betriebe der Reichskartenftelle werden die Landkarten auf Stein graviert, in Kupfer gestochen oder mittels Photogalvanographie auf Kupferplatten übertragen. Der Kartolithograph und Kartenkupferstecher, die fast andauernd mit der Lupe arbeiten und jeden Strich haargenau auf die Platte hinsetzen müssen, sind gleichermaßen geistig und körperlich angestrengt. Der Stich eines einzigen schweren Kartenblattes nimmt oft mehrere Jahre in Anspruch. Durch Federzeichnung auf den Stein bearbeitet ber Lithograph auch bie Druckplatten für ben Mehrfarbendruck. Mit Hilfe ber Photographie unb Galvanoplastik werben von Zeichnungen ober Drucken maßhaltige Vergrößerungen ober Verkleinerungen zu ben verschiedensten Zwecken hergestellt. Die hierbei verwandten photographischen Apparate sind außerordentlich groß (Größe der Platte 1 qm, Gewicht 5 kg) und vorzüglich ausgestattet. Die Galvanoplastik dient u. a. auch der Berichtigung von kartographischen Kupserplatten. In ber Kartenbruckerei finden sich Handpressen, Kupferdruckpressen, Flachdruckschnellprefsen und Offsetpressen. Das Kartenlager der Reichskartenstelle umfaßt etwa 2,5 Millionen Karten. Das Stein- unb Plattenlager enthält zirka 12 000 Lithographiesteine, 5000 Kupserplatten und 16 000 Aluminiumplatten. Der unschätzbare Wert dieses Lagers besteht vor allem in ber Festlegung ber Aufnahmeergebnisse unb ber mühsamen unb teuren Arbeit ber Kupferstecher unb Lithographen. Jahrzehntelanger Fleiß vieler Tausenber macht ben Inhalt des unersetzlichen Lagers zu einem Kuliurwerk ersten Ranges. Meister Martin der Küfner und seine Gesellen. Erzählung von E. T. A. Hoffmann. (Fortsetzung.) Rosa in vollem Glanz aller Anmut, alles Liebreizes, ein herrliches lebensgroßes Bild, stand vor ihm ausgerichtet auf der Staffelei, wunderbar beleuchtet von den Strahlen ber Morgensonne. Der auf ben Tisch geworfene Malerstock, bie nassen Farben auf ber Palette zeigten, baß eben an bem Silbe gemalt worben. — „O Rosa — Rosa — o bu Herr des Himmels", seufzte Friedrich, da klopfte ihm Reinhold, der hinter ihm hineingetreten, auf die Schulter und fragte lächelnd: „Nun, Friedrich, was sagst du zu meinem Bilde?" Da drückte ihn Friedrich an feine Brust unb rief: „O du h«rrlicher Mensch — du hoher Künstler! ja, nun ist mir alles klar! du, du hast den Preis gewonnen, um den zu ringen ich Aermster keck genug war, — was bin ich denn gegen dich, was ist meine Kunst gegen die deinige? — Ach, ich trug auch wohl manches im Sinn! — lache mich nur nicht aus, lieber Reinhold! — sieh, ich dachte, wie herrlich müßt' es fein, Rosas liebliche Gestalt zu formen unb zu gießen im feinsten Silber, aber bas ist sa ein kinbisches Beginnen, boch bu! — bu! wie sie so halb, so in süßem Prangen aller Schönheit bich anlüchelt! — ach Reinholb — Reinholb, bu überglücklicher Mensch! ja! wie bu bamals es aussprachst, so begibt es sich nun wirklich! wir hab ,i beibe gerungen, bu hast gesiegt, bu mußtest siegen, aber ich bleibe bein mit ganzer Seele. Doch verlassen muß ich bas Haus, bie Heimat, ich kann es ja nicht ertragen, ich müßte ja vergehen, wenn ich nun Rosa wiebersehen sollte. Verzeih' bas mir, mein lieber, lieber, hochherrlicher Freunb. Noch heute — in diesem Augenblick fliehe ich fort — fort in die weite Welt, wohin mein Liebesgram, mein trostloses Elend mich treibt! — Damit wollte Friebrich zur Stube hinaus, aber Reinholb hielt ihn fest, inbem er sanft sprach: „Du sollst nicht von hinnen, denn ganz anbers wie bu meinst, kann sich alles noch fügen. Es ist nun an ber Zeit, bah ich dir alles sage, was ich bis jetzt verschwieg. Daß ich kein Küper, sondern ein Maler bin, wirst bu nun wohl wissen, unb, wie ich hoffe, an bem Bilbe gewahren, daß ich mich nicht zu den geringen Künstlern rechnen darf. In früher Jugend bin ich nach Italien gezogen, dem Lande der ■ Kunst; dort gelang es mir, baß hohe Meister sich meiner annahmen unb j den Funken, ber in mir glühte, nährten mit ledenbigem Feuer. So kam es, daß Ich mich bald aufschwang, daß meine Bilder berühmt wurden in ganz Italien, unb der mächtige Herzog von Florenz mich an seinen Hof zog. Damals wollte ich nichts wissen von deutscher Kunst, und schwatzte, ohne eure Bilder gesehen zu haben, viel von der Trockenheit, von der schlechten Zeichnung, von der Härte eurer Dürer, eurer Cranache. Da brachte aber einst ein Bilderhändler ein Madonnenbildchen von dem Albrecht (Albrecht Dürer hat mehrere Madonnenbilder geschaffen; es ist unsicher, an welches Hoffmann gedacht haben könnte) in die Galerie des Herzogs, welches auf wunderbare Weife mein Innerstes durchdrang, so daß ich meinen Sinn ganz abwandte von der Ueppigkeit ber italischen Bilder unb zur Stunde beschloß, in dem heimatlichen Deutschland selbst die Meisterwerke zu schauen, auf die nun mein ganzes Trachten ging. Ich kam hierher nach Nürnberg, und als ich Rosa erblickte, war es mir, als wandle jene Maria, die so wunderbar in mein Inneres geleuchtet, leibhaftig auf Erden. Mir ging es so wie dir, lieber Friedrich, mein ganzes Wesen loderte auf in hellen Liebesflammen. Nur Rosa schaute, dachte ich, alles übrige war aus meinem Sinn verschwunden und selbst die Kunst mir nur deshalb was wert, weil ich hundertmal immer wieder unb wieder Rosa zeichnen, malen konnte. Ich gedachte mich der Jungfrau zu nahen nach kecker italischer Weise; all mein Mühen deshalb blieb aber vergebens. Es gab kein Mittel, sich in Meister Martins Hause bekannt zu machen auf unverfängliche Weise. Ich gedachte endlich geradezu mich irm Rosa als Freier zu bewerben, da vernahm ich, baß Meister Martin beschlossen, seine Tochter nur einem tüchtigen Küpermeister zu geben. Da faßte Ich ben abenteuerlichen Entschluß, in Straßburg das Kllperhand- werk zu erlernen und mich dann in Meister Martins Werkstatt zu begeben. Das übrige überließ ich der Fügung des Himmels. Wie ich meinen Entschluß ausgeführt, weißt du, aber erfahren mußt du noch, daß Meister Martin mir vor einigen Tagen gesagt hat, ich würd' ein tüchtiger Kuper werden unb solle ihm als Eidam recht lieb und wert sein, denn er merke wohl, daß ich mich um Rosas Gunst bemühe und sie mich gern habe." — „Kann es denn wohl anders fein?" rief Friedrich in heftigem Schmerz, „ja, ja, dein wird Rosa werden, wie konnte auch ich Aermster auf solch ein Glück nur hoffen?" — „Du vergißt", sprach Reinhold weiter, „du vergißt, mein Bruder, daß Rosa selbst noch gar nicht das bestätigt hat, was der schlaue Meister Martin bemerkt haben will. Es ist wahr, daß ■ Rosa sich bis jetzt gar anmutig unb freundlich betrug, aber anders verrät sich ein liebendes Herz! — Versprich mir, mein Bruder, dich noch drei ■ Tage ruhig zu verhalten und in der Wertstatt zu arbeiten wie sonst. Ich < könnte nun schon auch wieder arbeiten, aber seit ich emsiger an diesem t Bilde gemalt, ekelt mich das schnöbe Hanbwerk da draußen unbeschreiblich ! an. Ich kann fürder keinen Schlägel mehr in die Hand nehmen, mag es auch nun kommen, wie es will. Am dritten Tage will ich dir offen sagen, wie es mit mir und Rosa steht, toottte ich wirklich der Glücklichere sein, dem Rosa in Liebe sich zugewandk, so magst du fortziehen und erfahren, daß bie Zeit auch die tiefsten Wunden heilt!" — Friedrich versprach, sein Schicksal abzuwarten. Am dritten Tage (sorglich hatte Friedrich Rosas Anblick vermieden) bebte ihm das Herz vor Furcht unb banger Erwartung. Er schlich wie träumenb in der Werkstatt umher, und wohl mochte sein Ungeschick bem Meister Martin gerechten Anlaß geben, mürrisch zu schelten, wie es sonst gar nicht seine Art war. Ueberhaupt schien bem Meister etwas begegnet zu sein, bas ihm alle Lust benommen. Er sprach viel von schnöber List unb Unbantbarfeit, ohne sich beutlicher zu erklären, was er bamit meine. Als es endlich Abenb geworben unb Friebrich zurückging nach der Stadt, kam ihm unfern des Tors ein Reiter entgegen, den er für Reinholb erkannte. Sowie Reinholb Friebrich ansichtig würbe, rief er: „Ha, ba treffe ich bich ja, wie ich wollte." Darauf sprang er vom Pferbe herab, schlang die Zügel um ben Arm unb faßte ben Freund bei der Hand. „Laß uns", sprach er, „laß uns eine Strecke miteinander fortwandeln! Nun kann ich dir sagen, wie es mit meiner Liebe sich gewandt hak." Friedrich bemerkte, daß Reinholb bieselben Kleider, die er beim ersten Zusammentreffen trug, angelegt unb mit einem Mantelsack bepackt hatte. Er sah blaß unb verstört aus. „Glück auf", rief Reinholb, „Glück auf, Bruderherz, du kannst nun tüchtig loshämmern auf deine Fässer, ich räume dir ben Platz, eben habe ich Abschied genommen von ber schönen Rosa unb dem würdigen Meister Martin." — „Wie", sprach Friedrich, dem es durch alle Glieder fuhr wie ein elektrischer Strahl, „wie, du willst fort, da Meister Martin bich zum Eidam haben will unb Rosa dich liebt?" — „Das, lieber Bruder", erwiderte Reinhold, „hat dir deine Eifersucht nur vorgeblenbet. Es liegt nun am Tage, baß Rosa mich genommen hätte zum Mann aus lauter Frömmigkeit unb Gehorsam, aber kein Funke von Liebe glüht in ihrem eiskalten Herzen. Ha, ha! — ich hätte ein tüchtiger Küper werben können. Wochentags mit den Jungen Bände geschabt und Dauben behobelt, Sonntags mit der ehrbaren Hausfrau nach St. Katharina ober St. Sebald unb abends auf die Allerwiese gewandelt, lahraus, jahrein." — „Spotte nicht", unterbrach Friedrich den laut auflachenden Reinhold, „spotte nicht über das einfache, harmlose Leben des tüchtigen Bürgers. Liebt dich Rosa wirklich nicht, so ist es ja nicht ihre Schuld." — „Du hast recht", sprach Reinhold, „es ist auch nur meine dumme Art, daß ich, fühle ich mich verletzt, lärme wie ein verzogenes Kind. Du kannst denken, daß ich mit Rosa von meiner Liebe unb von bem guten Willen des Vaters sprach. Da stürzten ihr die Tranen aus den Augen, ihre Hand zitterte in der meinigen. Mit abgewandtem Gesicht lispelte sie: ,Jch muh mich ja in des Vaters Willen fügen!' Ich hatte genug. — Mein seltsamer Aerger muß dich, lieber Friedrich, recht in mein Inneres blicken lassen, du mußt gewahren, daß das Ringen nach Rosas Besitz eine Täuschung war, die mein irrer Sinn sich bereitet. Als ich Rosas Bild vollendet, ward es in meinem Innern ruhig, und oft war freilich auf ganz verwunderliche Art mir so zu Mute, als fei Rosa nun das Bild, das Bild aber die wirkliche Rosa geworden. Das schnöde Handwerk wurde mir abscheulich, unb wie mir bas gemeine Leben so recht auf ben Hals trat, mit Meisterwerben unb Heirat, ba tarn es mir vor, als solle ich ins Gefängnis gesperrt unb an den Block festgekettet werden. Wie kann auch nur das Himmelskind, wie ich es im Herzen trage, mein Weib werden? Nein! in ewiger Jugend, Anmut unb Schönheit soll sie in Meisterwerken prangen, die mein reger Geist schaffen wird. Ha, wie sehne ich mich darnach! Wie könnt' ich auch nur der göttlichen Kunst abtrünnig werden? Bald werd' ich mich wieder baden in deinen glühenden Düsten, herrliches Land, du Heimat aller Kunst!" — Die Freunde waren an den Ort gekommen, wo der Weg, den Reinhold zu nehmen gedachte, links sich abschieb. „Hier wollen wir uns trennen", rief Reinhold, drückte Friedrich heftig unb lange an seine Brust, schwang sich aufs Pferd und jagte davon. Sprachlos starrte ihm Friedrich nach unb schlich bann, von ben seltsamsten Gefühlen bestürmt, nach Hause. * Anbern Tages arbeitete Meister Martin in mürrischem Stillschweigen an bem großen Fasse für ben Bischof von Bamberg, unb auch Friedrich, der nun erst Reinholds Scheiden recht bitter fühlte, vermochte kein Wort, viel weniger ein Lied herauszubringen. Endlich warf Martin den Schlägel beiseite, schlug die Arme übereinander unb sprach mit gesenkter Stimme: „Der Reinhold ist nun auch fort — es war ein vornehmer Maler und hat mich zum Narren gehalten mit seiner Küperei. — Hält' ich das nur ahnen können, als er mit dir in mein Haus kam und so anstellig tat, wie hätte ich ihm die Tür weisen wollen! Solch ein offenes, ehrliches Gesicht, und voll Lug und Trug im Innern! — Nun, er ist fort, unb nun wirst bu mit Treue unb Redlichkeit an mir unb am Hanbwerk halten. Wer weiß, auf welche Weise du mir noch näher trittst. Wenn du ein tüchtiger Meister geworden unb Rosa bich mag — nun, du verstehst mich und darfst dich mühen um Rosas Gunst." — Damit nahm er den Schlägel wieder zur Hand unb arbeitete emsig weiter. Selbst wußte Friedrich nicht, wie es kam, baß Martins Worte seine Brust zerschnitten, daß eine seltsame Angst in ihm aufstieg unb jeben Hoffnungsschimmer uerbüfterte. Rosa erschien nach langer Zeit zum erstenmal wieder in der Werkstatt, aber tief in sich gekehrt und, wie Friedrich zu seinem Gram bemerkte, mit rotverweinten Augen. „Sie hat um ihn gemeint, sie liebt ihn doch wohl", so sprach es in feinem Innern, und er vermochte nicht den Blick aufzuheben zu der, die er fo unaussprechlich liebte. Das große Faß war fertig geworden, und nun erst wurde Meister Martin, als er das wohlgelungene Stück Arbeit betrachtete, wieder lustig und guter Dinge. „Ja, mein Sohn", sprach er, indem er Friedrich auf die Schuster klopfte, „ja, mein Sohn, es bleibt dabei, gelingt es dir, Rosas Gunst zu erwerben, und fertigst du ein tüchtiges Meisterstück, fo wirst du mein Eidam. Und zur edlen Zunft der Meistersinger kannst du dann auch treten und dir große Ehre gewinnen." Meister Martins Arbeit häufte sich nun über alle Maßen, so daß er zwei Gesellen annehmen mußte, tüchtige Arbeiter, aber rohe Bursche, ganz entartet auf langer Wanderschaft. Statt manches anmutig luftigen Gesprächs hörte man jetzt in Meister Martins Werkstatt gemeine Späße, statt ber lieblichen Gesänge Reinholbs und Friedrichs häßliche Zotenlieder. Rosa vermied die Werkstatt, so daß Friedrich sie nur selten und flüchtig sah. Wenn er dann in trüber Sehnsucht sie anschaute, wenn er seufzte: „Ach, liebe Rosa, wenn ich doch nur wieder mit Euch reden könnte, wenn Ihr wieder so freundlich wäret als zu ber Zeit, ba Reinholb noch bei uns war!" da schlug sie verschämt die Augen nieder und lispelte: „Habt Ihr mir denn was zu sagen, lieber Friedrich?" — Starr, keines Wortes mächtig, stand Friedrich dann ba, unb der schöne Augenblick war schnell entflohen, wie ein Blitz, der aufleuchtet im Abendrot und verschwindet, als man ihn kaum gewahrt. Meister Martin bestand nun darauf, daß Friedrich sein Meisterstück beginnen sollte. Er hatte selbst das schönste, reinste Eichenholz, ohne die mindesten Adern und Streifen, das schon über fünf Jahre im Holzvorrat gelegen, ausgesucht, unb niemand sollte Friedrichen zur Hand gehen als ber alte Valentin. War indessen bem armen Friebrich durch die Schuld der rohen Gesellen das Handwerk immer mehr und mehr verleidet worden, so schnürte es ihm jetzt die Kehle zu, wenn er daran dachte, daß nun das Meisterstück auf immer über fein Leben entscheiden solle. Jene seltsame Angst, die in ihm ausstieg, als Meister Martin seine treue Anhänglichkeit an das Handwerk rühmte, gestattete sich nun auf furchtbare Weife immer deutlicher und deutlicher. Er wußte es nun, daß er untergehen werde in Schmach bei einem Handwerk, das seinem von der Kunst ganz erfüllten Gemüt von Grund aus widerstrebte. Reinhold, Rosas Gemälde kam ihm nicht aus bem Sinn. Aber seine Kunst erschien ihm auch wieber in voller Glorie. Oft, wenn bas zerreißende Gefühl feines erbärmlichen Treibens ihn während der Arbeit übermannen wollte, rannte er, Krankheit vor- schützend, fort unb hin nach St. Sebatb. Da betrachtete er ftunbenlang Peter Vischers wunbervolles Monument und rief bann wie verzückt: „0 Gott im Himmel, solch ein Werk zu denken — auszuführen, gibt es denn auf Erden Herrlicheres noch?" (Schluß folgt.) Verantwortlich: vr. LansThhriot. — Druck und DerlagBrühl'fche Univerfitäts^Vuch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.