GiehenerZaimlieiibMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 25 Freitag, den 20. Marz J ihrgang <931 Der Tag war heiß, die Luft in den Stuben jetzt, da die Abend- däinmerung einbrach, schwül und dunstig, deshalb führte Meister Martin seinen edlen Gast in die geräumige, kühle Prangkuchen, So hieß zu jener Zeit der Platz in den Häusern der reichen Burger, der zwar wie eine Küche eingerichtet, aber nicht zum Gebrauch, sondern nur zur Schau mit allerlei köstlichen Gerätschaften des Hausbedarfs ausgeschmuckt war. Kaum eingetreten, rief Meister Martin mit lauter Stimme: „atosa — Rosa!" Alsbald öffnete sich denn auch die Tür, und Rosa, Meister Martins einzige Tochter, kam hineingegangen. Mochtest du, vielgeliebter Leser, in diesem Augenblick doch recht lebhaft dich der Meisterwerke unseres großen Albrecht Dürers erinnern. Möchten dir doch die herrlichen Jungfrauengestalten voll hoher Anmut, voll süßer Milde und Frömmigkeit, wie sie dort zu finden, recht lebendig nur unsere ehrsamen Herren des Rats, fragt Fürsten und Herren rings um unsere gute Stadt Nürnberg her, fragt den hochwürdigen Bischof von Bamberg, fragt, was die alle von dem Meister Martin halten. Nun' — ich denke, ihr sollt nichts Arges vernehmen!" — Dabei klopfte sich H-rr Martin recht behaglich auf den dicken Bauch, schmunzelte mit halbgeschlossenen Augen und fuhr dann, da alles schwieg und nur hin und wieder ein bedenkliches Räuspern laut wurde, also fort: „Aber ich merk' es ich weih es wohl, daß ich mich nun noch schönstens bedanken oll dafür, daß der Herr endlich bei der Wahl eure Köpfe erleuchtet hat. — Nun! — wenn ich den Lohn empfange für die Arbeit, wenn der Schuldner mir das geborgte Geld bezahlt, da schreib' ich wohl unter die Rechnung, unter den Schein: zu Dank bezahlt, Thomas Martin, ■ Küpermeister allhier! — So seid denn alle von Herzen bedankt dafür, daß ihr mir, indem ihr mich zu euerm Vorsteher und Kerzenherrn wählet, eine alte Schuld obtruget. Uebrigens verspreche ich euch, daß ich mein Amt mit aller Treue und Frömmigkeit verwalten werde. Der Zunft, jedem van euch, stehe ich, wenn es not tut, bei, mit Rat und Tat wie ich cs nur vermag mit allen meinen Kräften. Mir soll es recht anliegen, unser berühmtes Gewerk in vollen Ehren und Würden, wie cs jetzt besteht, zu erhalten. Ich lade euch, mein würdiger Handwerksherr, euch alle, ihr lieben Freunde und Meister, zu einem frohen Mahle auf künftigen Sonntag ein. Da laßt uns frohen Muts bei einem tüchtigen Glase Hochheimer, Johannisberger oder was ihr sonst an edlen Weinen aus meinem reichen Keller trinken möget, überlegen, was jetzt förderfamst zu tun ist für unser aller Bestes! — Seid nachmals alle herzlichst eingeladen!" 1 Die Gesichter der ehrsamen Meister, die sich bei Martins stolzer Rede merklich verfinstert hatten, heiterten sich nun auf, und dem dumpfen Schweigen folgte ein fröhliches Geplapper, worin vieles von Herrn Martins hohen Verdiensten und feinem auserlesenen Keller vorkam. Alle versprachen, am Sonntag zu erscheinen, und reichten dem neu- erwählten Kerzenmeister die Hände, der sie treuherzig schüttelte und auch wohl diesen, jenen Meister ein klein wenig an seinen Bauch druckte, als walt' er ihn umarmen. Man schied fröhlich und guter Dinge. — * Es traf sich, daß der Ratsherr Jacobus Paumgartner, um zu seiner Behausung zu gelangen, bei Meister Martins Hause vorübergehen mußte. Als beide, Paumgartner und Martin, nun vor der Türe dieses Hauses standen und Paumgartner weiter fortschreiten wollte, zog Meister Martin sein Mützlein vom Kopf, und sich ehrfurchtsvoll so tief neigend, als er es nur vermochte, sprach er zu dem Ratsherrn: „Oh, wenn Ihr es doch nicht verschmähen wolltet, in mein schlechtes Haus auf ein Stündchen einzutreten, mein lieber, würdiger Herr! — Laßt es Euch gefallen daß ich mich an Euern weisen Reden ergötze und erbaue. — „Ei, lieber Meister Martin", erwiderte Paumgartner lächelnd, „gern mag ich bei Euch verweilen, aber warum nennt Ihr Euer Haus ein chlechies? Ich weih es ja, daß an Schmuck und köstlicher Gerätschaft es keiner der reichsten Bürger Euch zuvortut! Habt Ihr nicht erst vor kurzer Zeit den schönen Bau vollendet, der Euer Haus zur Zierde unserer berühmten Reichsstadt macht, und von der innern Einrichtung mag ich gar nicht reden, denn deren dürst' sich ja kein Patrizier schämen. Der alte Paumgartner hatte recht, denn sowie man die hell gebahnte, mit reichem Messingwerk verzierte Tür geöffnet hatte, war der geräumige 1 Flur mit sauber ausgelegtem Fußboden, mit schönen Bildern an den i Wänden, mit kunstvoll gearbeiteten Schränken und Stühlen beinahe anzusehen wie ein Prunksaal. Da folgte denn auch jeder gern der Weisung, die alter Sitte gemäß ein Täfelchen, das 'gleich neben der Türe hing, in den Versen gab: „Wer tretten wil die Stiegen hinein. Dem sollen die Schue fein sauber seyn, Oder vorhero streiften ab. Daß man nit drüber zu klagen hab'. Ein Verständiger weiß das vorhin. Wie er sich halten soll darinn." Meister Martin der Küfner und seine Gesellen. Erzählung van E. T. A. H o f f m a n n. Vorfrühling. Von Hugo von Hofmannsthal. Es läuft der Frühlingswind durch kahle Alleen, seltsame Dinge sind in seinem Wehn. Er hat sich gewiegt, wo Weinen war, und hat sich geschmiegt in zerrüttetes Haar. Er schüttelte nieder Akazienblüten und kühlte die Glieder, die atmend glühten. Lippen im Lachen hat er berührt, die weichen und wachen Fluren durchspürt. Er glitt durch die Flöte als schluchzender Schrei, an dämmernder Röte flog er vorbei. Er flog mit Schweigen durch flüsternde Zimmer und löschte im Neigen der Ampel Schimmer. Es läuft der Frühlingswind durch die Alleen, seltsame Dinge sind in seinem Wehn. Durch die glatten, kahlen Alleen treibt sein Wehn blasse Schatten. Und den Duft, den er gebracht, von wo er gekommen seit gestern nacht. Am ersten Mai des Jahres Eintausendfünshundertundachtzig hielt die ehrsame'Zunft der Böttcher, Küper oder Küfner in der freien Reichsstadt Nürnberg, alter Sitte und Gewohnheit gemäß, ihre feierliche Gewerks- versammlung. Kurze Zeit vorher war einer der Vorsteher oder sogenannten Kerzenmeister zu Grabe getragen worden, deshalb mußte ein neuer gewählt werden. Die Wahl siel ouf den Meister Martin. Än der -Leit mochte es beinahe keiner ihm gleich tun an festem und zierlichem Ban der Fässer, keiner verstand sich so wie er auf die Weinwirtschast im Keller weshalb er denn die vornehmsten Herren unter seinen Kunden hatte und in dem blühendsten Wohlstände, ja wohl in vollem Reichtum lebte. Deshalb sprach, als Meister Martin gewählt worden, der würdige Ratsherr Jacobus Paumgartner, der der Zunft als Handwerksherr Vorstand: „Ihr habt sehr wohl getan, meine Freunde, den Meister Martin zu euerm Vorsteher zu erkiesen, denn in bessern Händen kann sich gar nicht das Amt befinden. Meister Martin ist hochgeachtet von allen die ihn kennen, ob seiner großen Geschicklichkeit und feiner tiefen Erfahrnis in der Kunst, den edlen Wein zu hegen und zu pflegen. Sein wackrer Fleiß, sein frommes Leben, trotz alles Reichtums, den er erworben, mag euch allen zum Vorbilde dienen. So seid denn, mein lieber Meister Martin, viel tausendmal begrüßt als unser würdiger Vorsteher!" Mit diesen Worten stand Paumgartner von feinem Sitze aus und trat einige Schritte vor mit offenen Armen, erwartend, daß Meister Martin ihm entgegenkommen werde. Dieser stemmte denn auch alsbald beide Arme auf die Stuhllehne und erhob sich langsam und schwerfällig, ! wie es sein wohlgenährter Körper nur zulasten wollte. Dann schritt er ebenso langsam hinein in Paumgartners herzliche Umarmung,_ die er kaum erwiderte. „Nun", sprach Paiimgartner, darob etwas, befremdet, „nun, Meister Martin, ist's Euch etwa nicht recht, daß wir Euch zu unferni Kerzenmeister erwählet?" — Meister Martin warf, wie es seine Gewohnheit war, den Kops in den Nacken, fingerte mit beiden Händen auf dem dicken Bauche und schaute mit weit aufgeriffenen Augen, die Unterlippe vorgekniffen, in der Versammlung umher. Dann fing er, zu Paumgartner gewendet, also an: „Ei, mein lieber, würdiger Herr, wie sollt' es mir denn nicht recht fein, daß ich empfange, was mir gebührt? Wer verschmäht es, den Lohn zu nehmen für wackere Arbeit, wer weiset den bösen Schuldner von der Schwelle, der endlich kömmt, das Geld zu zahlen, das er seit langer Zeit geborgt? Ei, ihr lieben Manner (so wandte sich Martin zu den Meistern, die ringsumher saßen), ei, ihr i lieben Männer, ist's euch denn nun endlich eingefallen, daß ich — ich , der Vorsteher unserer ehrbaren Zunft sein nrnh? — Was verlangt ihr vom Vorsteher? — Soll er der gefchickteste sein im Handwerk? Geht hin und schaut mein zweisudriges Faß, ohne Feuer getrieben, mein wackre? Meisterstück an, und dann sagt, ob sich einer von euch rühmen darf, was Stärke und Zierlichkeit der Arbeit betrifft, ähnliches geliefert zu ( haben. Wollt ihr, daß der Vorsteher Geld und Gut besitze? Kommt m 1 mein Haus, da will ich meine Kisten und Kasten aufschließen, und ihr sollt euch erfreuen an dem Glanz des funkelnden Goldes und «ilbers. Soll der Vorsteher geehrt sein von Großen und Niedern? yragt doch • aufgehen. Denk' an den edlen, zarten Wuchs, an dis schön gewölbte, lilienweiße Stirn, an das Inkarnat, das wie Rosenhauch die Wangen überfliegt, an die seinen, kirschrot brennenden Lippen, an das in frommer Sehnsucht hinschauende Auge, von dunkler Wimper halb verhängt wie Mondesstrahl von düsterm Laube — denk' an das seidne Haar, in zierlichen Flechten kunstreich aufgenestelt — denk' an alle Hirnmels- schönheiten jener Jungfrauen, und du schauest die holde Rosa. Wie vermöchte auch sonst der Erzähler dir das liebe Himmelskind zu schildern? — Doch sei es erlaubt, hier noch eines macfern jungen Künstlers zu gedenken, in dessen Brust ein leuchtender Strahl aus jener schönen alten Zeit gedrungen. Es ist der deutsche Maler Cornelius in Rom gemeint. — „Bin weder Fräulein noch schön!" — So wie in Cornelius' Zeichnungen zu Goethes gewaltigem „Faust" Margareta anzuschauen ist, als sie diese Worte spricht, so mochte auch wohl Rosa anzusehen sein, wenn sie in frommer, züchtiger Scheu übermütigen Bewerbungen auszuweichen sich gedrungen fühlte. Rosa verneigte sich in kindlicher Demut vor Paumgartner, ergriff seine Hand und drückte sie an ihre Lippen. Die blassen Wangen des alten Herrn färbten sich hochrot, und wie der Abendschein im Versinken noch einmal auflackernd das schwarze Laub plötzlich vergoldet, so blitzte das Feuer längst vergangener Jugend auf in seinen Augen. „Ei", rief er mit Heller Stimme, „ei, mein lieber Meister Martin, Ihr seid ein wohlhabender, ein reicher Mann, aber die schönste Himmelsgabe, die Euch der Herr beschert hat, ist doch Cure holde Tochter Rosa. Geht uns alten Herren, wie wir alle im Rate sitzen, das Herz auf und können wir nicht die blöden Augen wegwenden, wenn wir das liebe Kind schauen, wer mag's denn den jungen Leuten verargen, daß sie versteinert und erstarrt stehen bleiben, wenn sie auf der Straße Eurer Tochter begegnen, daß sie in der Kirche Eure Tochter sehen, aber nicht den geistlichen Herrn, daß sie auf der Allerwiese, oder wo es sonst ein Fest gibt, zum Verdruß aller Mägdlein, nur hinter Eurer Tochter her sind mit Seufzern, - Liebesblicken und honigsüßen Reden. — Run, Meister Martin! Ihr möget Euch Euern Eidam wählen unter unfern jungen Patriziern, oder wo Ihr sonst wollet." Meister Martins Gesicht verzog sich in finstere Falten, er gebot der Tochter, edlen alten Wein herzubringen, und sprach, als sie, über und über glühend im Gesicht, den Blick zu Boden gesenkt, fortgegangen, zu dem alten Paumgartner: „Ei, mein lieber Herr, es ist zwar in der Wahrheit, daß mein Kind geschmückt ist mit ausnehmender Schönheit, und daß auch hierin mich der Himmel reich gemacht hat, aber wie mögt Ihr denn davon sprechen in des Mägdleins Gegenwart, und mit dem Eidam Patrizier ist es nun ganz und gar nichts." — „Schweigt", erwiderte Paumgartner lachend, „schweigt, Meister Martin, wovon das Herz voll ist, davon geht der Mund über! — Glaubt Ihr denn nicht, daß mir auch das tröge Blut im alten Herzen zu hüpfen beginnt, wenn ich Rosa sehe, und wenn ich dann treuherzig heraussage, was sie ja selbst recht gut wissen muß, daraus wird kein Arges entstehen." Rosa brachte den Wein und zwei stattliche Trinkgläser herbei. Martin rückte dagegen den schweren, mit wunderlichem Schnitzwerk verzierten Tisch in die Mitte. Kaum hatten die alten Herren indessen Platz genommen, kaum hatte Meister Martin die Gläser vollgeschenkt, als sich ein Pferdegetrappel vor dem Hause vernehmen ließ. Es war, als hielte ein Reiter an, dessen Stimme im Flur laut wurde. Rosa eilte hinab und kam bald mit der Nachricht zurück, der alte Junker Heinrich von Spangenberg sei da und wünsche bei dem Meister Martin einzusprechen.'„Nun", rief Martin, „so ist das heute ein schöner, glücklicher Abend, da mein wackerer, ältester Kundmann bei mir einkehrt. Gewiß neue Bestellungen, gewiß soll ich neu auslagern." — Und damit eilte er, so schnell als es gehen wollte, dem willommenen Gast entgegen. * Der Hochheimer perlte in den schmucken geschlissenen Trinkgläsern und erschloß den drei Alten Zunge und Herz. Zumal wußte der alte Spangenberg, bei hohen Jahren noch von frischem Lebensmut durchdrungen, manchen lustigen Schwank aus froher Jugendzeit aufzutischen, so daß Meister Martins Bauch weidlich wackelte und er vor ausgelassenem Lachen sich einmal über das andere die Tränen aus den Augen wischen mußte. Auch Herr Paumgartner vergaß mehr als sonst den ratsherrlichen Ernst und tat sich gütlich mit edlem Getränk und dem lustigen Gespräch, als nun aber Rosa wieder eintrat, den säubern Handkorb unter dem Arm, aus dem sie Tischzeug langte, blendend weiß wie srischgesallener Schnee, als sie, mit häuslicher Geschäftigkeit hin und her trippelnd, den Tisch deckte und ihn mit allerlei würzreichen Speisen besetzte, als sie mit holdem Lächeln die Herren einlud, nun auch nicht zu verschmähen, was in der Eil' bereitet worden, da schwieg Gespräch und Gelächter. Beide, Paumgartner und Spangenberg, wandten die leuchtenden Blicke nicht ab von der lieblichen Jungsrau, und selbst Meister Martin schaute, zurückgelehnt in den Sessel, die Hände zusammengesaltet, ihrem wirtlichen Treiben zu mit behaglichem Lächeln. Rosa wollte sich entfernen, da sprang aber der alte Spangenberg rasch auf wie ein Jüngling, faßte das Mädchen bei beiden Schultern und rief, indem die hellen Tränen ihm aus den Augen rannen, einmal über das andere: „O du frommes, holdes Cngelskind — du herziges, liebes Mägdlein", — dann küßte er sie zwei-, dreimal auf die Stirne und kehrte wie in tiefem Sinnen auf seinen Platz zurück. Paumgartner brachte Rosas Gesundheit aus. — „Ja", fing Spangenberg an, als Rosa hinausgegangen, „ja, Meister Martin, der Himmel hat Euch in Eurer Tochter ein Kleinod beschert, das Ihr gar nicht hoch genug schätzen könnet. Sie bringt Euch noch zu hohen Ehren: wer, sei es, aus welchem Stande es wolle, möchte nicht Euer Eidam werden?" — „Seht Ihr wohl", fiel Paumgartner ein, „sehr Ihr wohl, Meister Martin, daß der edle Herr von Spangenberg ganz so denkt wie ich? Ich sehe schon meine liebe Rosa als Patrizierbraut mit dem reichen Perlenschmuck in den schönen blonden Haaren." — .Liebe Herren", fing Meister Martin ganz verdrießlich an, „liebe Herren, wie möget ihr denn nur immer von einer Sache reden, an die ich zur Zeit noch gar nicht denke? Meine Rosa hat nun das achtzehnte Jahr erreicht, und solch ein blutjunges Ding darf noch nicht ausschauen nach dem Bräutigam. Wie es sich künftig fügen mag, überlasse ich ganz dem Willen des Herrn, aber so viel ist gewiß, daß weder ein Patrizier noch ein anderer meiner Tochter Hand berühren wird als der Küper, der sich mir als den tüchtigsten, geschicktesten Meister bewährt hat. Vorausgesetzt, daß ihn meine Tochter mag, denn zwingen werde ich mein liebes Kind zu nichts in der Welt, am wenigsten zu einer Heirat, die ihr nicht ansteht." Spangenberg und Paumgartner schauten sich an, voll Erstaunen über diesen seltsamen Ausspruch des Meisters. Endlich nach einigem Räuspern fing Spangenberg an: „Also aus Euerm Stande heraus soll Eure Tochter nicht freien?" — „Gott soll sie dafür bewahren!" erwiderte Martin. „Aber", fuhr Spangenberg fort, „wenn nun ein tüchtiger Meister aus einem edlen Handwerk, vielleicht ein Goldschmied oder gar ein junger wackerer Künstler, um Eure Rosa freite und ihr ganz ausnehmend gefiele vor allen andern jungen Gesellen, wie bann?" — „.Zeigt mir“', erwiderte Martin, indem er den Kopf in den Racken wars, „.zeigt mir, lieber, junger Gesell', würde ich sprechen, .das schöne zweisudrige Faß, welches Ihr als Meisterstück gebaut habt', und wenn er das nicht könnte, würd' ich freundlich die Tür öffnen und ihn höflichst bitten, doch sich anderswo zu versuchen." — „Wenn aber", sprach Spangenberg weiter, „wenn aber der junge Gesell spräche: .Solch einen kleinen Bau kann ich Euch nicht zeigen, aber kommt mit mir auf den Markt, schaut jenes stattliche Haus, das die schlanken Gipfel kühn emporstreckt in die hohen Lüfte — das ist mein Meisterbau!'" — „Ach, lieber Herr", unterbrach Meister Martin ungeduldig Spangenbergs Rede, „ach, lieber Herr, was gebt Ihr Euch denn für Mühe, mich eines andern zu überzeugen? Aus meinem Handwerk soll nun einmal mein Eidam fein, denn mein Handwerk halt' ich für das Herrlichste, was es auf der Welt geben kann. Glaubt Ihr denn, daß es genug ist, die Bände aufzutreiben auf die Dauben, damit das Faß zusammenhalte? Ei, ist es nicht schon herrlich und schön, daß unser Handwerk den Verstand voraussetzt, wie man die schöne Himmelsgabe, den edlen Wein, hegen und pflegen muß, damit er gedeihe und mit aller Kraft und Süßigkeit wie ein wahrer, glühender ßebensgeift uns durchdringe? Aber bann der Bau ber Fässer selbst! Müssen wir, soll der Bau gelingen, nicht erst alles sein abzirkeln und abmessen? Wir müssen Rechenmeister und Meh- künstler sein, denn wie möchten wir sonst Proportion und Gehalt der Gesäße einsehen? Ei, Herr, mir lacht das Herz im Leibe, wenn ich solch ein tüchtig Faß auf den Endstuhl bringe, nachdem die Stäbe mit dem Klöbeisen und dem Lenkbeil tüchtig bereitet, wenn dann die Gesellen die Schlägel schwingen und klipp, klapp — klipp, klapp es niederfällt auf die Treiber, hei! das ist lustige Musik. Da steht nun das wohlgeratene Gebäude, und wohl mag ich ein wenig stolz Ümschauen, wenn ich den Reißer zur Hand nehme und mein Handwerkszeichen, gekannt und geehrt von allen wackern Weinmeistern, in des Fasses Boden ein- reiße. (Fortsetzung folgt.) Goethe als Sammler. Zum Todeslage: 22. März. Von Dr. Paul Landau. „So ward zum Pantheon dies enge Haus Und schmückte sich mit Götterbildern aus. Gemächer, Säle, Winkelchen und Gänge — Sie faßten kaum der Kostbarkeiten Menge." Mit solchen Versen hat Paul Heyse das Weimarer Goethe-Haus gefeiert als das stolzeste Zeugnis von dem Kunstsinn und der reichen Sammeltätigkeit unseres größten Dichters. Dieser ehrwürdige Bau, der heute als Goethe-Nationalmuseum zu einer dem deutschen Volke besonders heiligen Kulturstätte geworden ist, ward durch diesen dem Genius ureignen, ordnenden, schmückenden und sammelnden Trieb zur würdigen Behausung seines Geistes, so rein aus seiner Wesenheit erwachsenen, so völlig bestimmt durch seine Bedürfnisse, gleichsam wie das Gehäuse der Schnecke notwendige Wohnung ist. Seitdem 1794 durch die Gnade seines Herzogs das sogenannte „Helmershausische Haus" am Frauenplan sein Eigentum geworden mar, trachtete er danach, in seinen Mauern jenen unsichtbaren zauberhaften Kreis um sich zu ziehen, „in welchem außer Lieb' und Freundsck^ist, Kunst und Wissenschaft nichts herein kann". Sein Verlangen nach Schönheit, das in ber „nordischen Nacht- und Nebelwelt" aus Kunstgebilben aller Art Nahrung saugen mußte, seine unermübliche Wißbegier, die am besten in ber Anschauung irgenbeines Gegenstanbes lernte, ließen ihn all jene Schätze zusammenbringen, aufstellen und systematisch eingliedern in die Totalität seiner Existenz, so daß uns die unvergleichliche Allseitigkeit dieser begnadeten Natur nirgends sinnlich- lebendiger entgegentritt als in seinen Sammlungen. Die Sammelleidenschaft des 18. Jahrhunderts, soweit sie nicht von einigen Souveränen, wie August dem Starken und Friedrich dem Großen, in einem grandiosen, der Zeit vorauseilenden Stil betrieben wurde, war in Deutschland noch allgemein aufs Kuriose, Seltsame und wunderliche gerichtet. Das typische Beispiel dasür ist etwa der von Goethe in den „Tag- und Jahresheften" mit so entzückendem Humor geschilderte Hosrat B e i r e i s, der wie in einer alten „Kunst- und Wunderkammer" unter Staub, Gerümpel und Mottenfraß Automaten und merkwürdige Maschinen, Naturalien aller Art, Magnetsteine und mehr oder weniger echte Diamanten bewahrte, in seinem Schlafzimmer Bilderhaufen auffchichtete, neben einem echten Dürer eine wertlose Kopie, und alles mit dem Behagen eines Schaububenbesitzers vorwies. Strebten solche geschmacklos- charlatanische Sammler aus ber Zeit bes Barocks nach bem Phantastisch- Ungeheuerlichen, dem Einzigartig-Fabelhaften, so bewegten sich andere, mehr rationalistisch gesinnte Kunstfreunde in einer praktisch-engen Tätigkeit. Auch solche Typen hat Goethe in seiner graziösen Kunstnovelle „Der Sammler und die Seinigen" bargestellt. Sein Vater war selbst solch ein Sammler in der naiv tätigen Manier seiner Epoche, ber mit der Beschäftigung heimischer Künstler und der Anlegung einer Gemäldegalerie nicht ästhetische Tendenzen verfolgte, sondern auf seine Art nationalökonomisch wirken und zugleich allerlei Andenken besitzen wollte. Goethes eingehende. feine Weltanschaung aufs tiefste bestimmende Beschäftigung mit der bildenden Kunst schärfte seinen Blick und reifte seinen Geschmack in einer ganz andern Weise, als es dem Vater oder einem andern Sammler seiner Umgebung möglich war. Von Kindheit an lernte er zeichnen; die ersten großen Kunsteindrücke, der Besuch der Dresdener Galerie von Leipzig aus, das Studium des Mannheimer Antikenkabinetts auf der Rückreise von Straßburg, die Begeisterung für die Niederländer der Düsseldorfer Gemäldesammlung — all das bewahrte ihn vor einer Einseitigkeit, der er auch nach seiner italienischen Reise nie verfallen ist. Wen man von Goethes Umgang gesagt hat, daß er mit Leidenschaft alles an sich zog, was irgend ihm verwandt war, so kann dies auch von den leblosen Dingen der Wissenschaft und Kunst gelten, mit denen er sich zu innigen persönlichem Verkehr umgab. Er will „mit Verstand wählen und sich mit wenigem Guten begnügen", aber „das Eigene hat eine bestimmte Sammlung, daß sie das Zerstreute an sich zieht", und so hat er denn im Laufe seines langen Lebens gar Vieles und Vielartiges zusammengebracht, das er mit der vom Vater ererbten Gewissenhaftigkeit, ja Pedanterie katalogisierte und ordnete. Zunächst mag ihn wohl die Mode aufs Sammeln gelenkt haben, so bei seiner reichen Silhouetten sammlung und den Gemmen. Der Enthusiasmus des Rokoko für die geschnittenen Steine und die Abgüsse dieser edlen Kleinkunst in Wachs und Gips, in dem sich eine erste kokett-zierliche Liebe zur Antike regte, wurde dem jungen Studenten durch Oeser nahe gebracht und ist ihm bis ins hohe Alter geblieben. Außer einigen als Ringe gefaßten Originalsteinen befaß er die umfangreichen Daktyliotheken, die einige findige Kunstfreunde und Geschäftsleute anfertigten und verkauften, und außerdem noch 16 000 Schwefel- und Gipsabgüsse von antiken Gemmen und Münzen. „Ich habe sie so lange angesehen', schrieb er einmal an Wilhelm von Humboldt, „und von allen Seiten betrachtet, bis ich fremder Hilfe bedurfte: dann nahm ich Eckhels fürtreffliches Werk vor." So von der Anschauung aus, wie sie ihm seine Sammlungen vermittelten, trat er an ein Kunstgebiet heran. Auch die Leidenschaft für Kupfer- stiche und Handzeichnungen erwuchs in ihm schon aus der Zeitstimmung heraus — ruinierten sich doch damals Sammler, um ein komplettes Werk des Radierers Rembrandt zu haben! — und die Pira- nesischen Küpser des Vaters waren „werte Erinnerungszeichen", die später sein Gartenhaus schmücken sollten. In der ersten Weimarer Zeit sammelte er dann eifrig Radierungen, sogar für andere, für Carl August Rembrandt, für Lavater Dürer, und besonders Handzeichnungen. Seine Sammlung bewahrt denn auch einige wundervolle Werke altdeutscher Meister, eine sehr wertvolle Federzeichnung Peter Vischers, herrliche Gouachen Daniel Hopsers, einen schönen Druck des Marien- todes von Schongauer, den er schon auf der ersten Schweizer Reise bewunderte und 1819 in Erfüllung eines „uralten Wunsches" kaufte. Werke von Niederländern und Rokokomeistern sind ebenfalls reich vertreten — fo Rubens mit einer großartigen Rötelzeichnung — am stärksten berücksichtigt find aber die Italiener der Hoch- und Spät- renaiffance, für die Goethe aus Italien eine hohe Verehrung mitbrachte. Diese Liebe zur reifen Kunst Italiens äußert sich vornehmlich in feiner Begeisterung für Raffael, dessen Werke er in den verschiedensten Nachbildungen in seiner Wohnung aufhing. Auch von Tizian besaß er eine Kopie der nackten Gestalt aus dem Bilde der „Himmlischen und irdischen Liebe". Ein Originalwerk ist das dem B a r o c c i o zugeschriebene Porträt der Herzogin von Urbino, nach dem Goethe stolz eines seiner Zimmer nannte. Doch selbst in seinem Geschmack an Gemälden war er nicht einseitig, sondern freute sich mit den Brüdern Boisseree an altdeutscher Kunst. Zahlreich waren die gemalten Andenken, die er aus Italien mitbrachte; von dieser seligsten Zeit seines Lebens erzählen die Zeichnungen von Kniep und Bury, die Arbeiten von H ackert, Angelika Kauffmann, Wilhelm Tischbein, die Malereien seines Freundes Meyer. Der Ruhm führte bann später dem gefeierten Olympier eine große Anzahl von Werken zeitgenössischer Künstler zu, die ihn verehrten; er nahm sie dankbar auf und suchte manches zu vervollständigen. So legte er eine Galerie von Porträts an, für die ihm fein „Hauszeichner" Schmeller berühmte Besucher recht und schlecht ausnehmen mutzte. Diese umfangreiche Sammlung von Bildnissen und Zeichnungen hat heute einen eminenten kulturgeschichtlichen Wert. Ueber- haupt sammelte der alte Goethe alles und jedes; Fremde wußten, daß ein Geschenk der sicherste Weg zu seinem Herzen war; Freunde sandten ihm denkwürdige Sachen zu; er selbst brachte von seinen Reisen mit, was ihm gefiel. Selbst ein einfacher Landmann, der beim Pflügen etwas Seltenes fand, wandte sich an ihn mit feiner Gabe. Es kam schließlich eine bunte, wunderliche Fülle eigenartiger Kostbarkeiten zusammen, die doch auch wieder, wie die Napoleon-Religuien, Goethes persönlichste Anteilnahme widerspiegeln. Ließ er so sich durch den Zufall allerhand Gutes zutragen, so war er dafür aufs eifrigste tätig, wenn es galt, etwas Antikes sich zu verschaffen. Abgüsse wichtiger Werke der antiken Plastik grüßten — und prüften noch heute — aus der Treppe. Andere Werke, die Büste der Klytia die „unvergleichliche" Medusa Rondanini, eine Bacchus-Herme, dieser köstliche alte Göße" seine „erste Liebschaft in Rom", die Juno Ludovisi, die „lieben Frauen" von Milo und Arles, der liebliche Eros von Centocelle, alles Dokumente einer glühenden Liebe zum „schönen Heidentum", boten Goethe eine unerschöpfliche Fülle des Genußes. Außerdem nannte er anfckpuliche Zeichnungen der Parthenon-Skulpturen und Kopien pompejanifcher Wandmalereien fein eigen, dazu eine Heine Sammlung antiker Tonvasen- und Krüge. Die reine Sinnen Schönheit dieser alten Stücke sand er wieder in den italienischen B r o n z e n und Medaillen der Renaissance, die er besaß. Solche zierlichen Werke der Kleinplastik leiten über zu den zahlreichen modernen plastischen Werken aus Goethes Besitz, Arbeiten von S cha do w, Rauch, Friedrich -tret?, und den vielen Porträtbüsten, unter denen natürlich die Goethe-Achten die erste Stelle einnehmen. Besonders stolz war Goethe auf feine Majolika- Sammlung, die er feit 1816 mit nicht unbedeutenden Kosten planvoll zusammenbrachte. „Die Gegenwart dieser Schußcln, -icLer und Gefäße, deren freudige Buntheit ihre italienische Heimat widerspiegelte, gab ihm einen Ansporn zu feiner Darstellung der italienischen Reise und seinen Eindruck von tüchtig frohem Leben." Ein Zeugnis unermüdlichen Schaffens und Lernens sind dann Goethes umfangreiche naturraiffenfd)aftli_d)en Sammlungen. Seine Mineralienschränke umfassen 18 000 Steine; wissenschaftlich wertvoll sind besonders seine Sammlungen menschlicher und tierischer Schädel,' die von feinen Arbeiten über den Zwischenkiefer und der Beschäftigung mit der Gallschen Schädellehre herrühren. 60Zshre Deutscher Reichstag. Von Felix Baumann. Am 17. März 1871 war Wilhelm I. aus dem Felde in die Residenz zurückgekehrt, in der dem nunmehrigen Kaiser ein begeisterter Empfang zuteil wurde. Am 20. März empfing der Monarch im Weißen Saale des Königlichen Schlosses die Mitglieder des Berliner Magistrats und der Stadtverordneten sowie eine Deputation aus Charlottenbura unter Bürgermeister Bullrich und aus Breslau unter Bürgermeister Hobrecht. Im Namen aller überreichte der Berliner Oberbürgermeister Seydel eine Willkommen- und Ergebenheitsadresse. Später empfing der alte Kaiser noch den Vorstand des ältesten Kollegiums der Berliner Kaufmannschaft, der einen massiv goldenen Lorbeerkranz überbrachte, auf dessen Blättern die Worte „Rückkehr nach Berlin — den 17. März 1871" und die Namen der siegreichen Schlachten und eroberten Festungen eingraviert standen. Am Tage vor dem 74. Geburtstage des Heldenkaisers fand die feierliche Eröffnung des ersten Reichstages des geeinten Deutschland statt. Aus allen Gauen des Deutschen Reiches hatte die Nation ihre Boten zur Gesetzgebung für das Reich entsandt — von der Königsau bis zum Bodensee, von den Sudeten bis zum Wasgau. Von Weizacker, aus Westfalen und vom Rhein, aus Oberbayern und Franken tarnen die Volksvertreter zusammen. Der große Festakt sollte um 1 Uhr mittags im Weißen Saale des Königlichen Schlosses vor sich gehen. Aber der voraufgehepde Gottesdienst in der Schloßkapelle, dem der gesamte Hof beiwohnte — nach der vom Hof- und Domprediger Kögel abgehaltenen Liturgie predigte der General-Superintendent Dr. Hoffmann mit dem 45. Vers des 21. Kapitels aus dem Buche Josua als Grundtext — zog sich so in dis Länge, daß die Eröffnungsfeier erst um 2 Uhr beginnen konnte. Nach dem Gottesdienst zog sich der Hof, der sämtliche deutsche Fürstlichkeiten umfaßte, in die Rote Samtkammer zurück, während sich das Gefolge in der benadjbarten Alten Kapelle versammelte. Die Obersten Hof-, die Oberhof- und die Hofchargen sowie die zum Tragen der Reichsinsignien bekannten Persönlichkeiten, warteten in der Bildergalerie, wohin vorher zwei Offiziere und vier Mann des Gardedukorps die Kleinodien gebracht hatten. Die Mitglieder des Bundesrates hielten sich im Grünen Saale auf. Unterdessen hatten im Weißen Saale die Generalität, die Johanniterritter, die Wirklichen Geheimen Wie, die Vortragenden Räte in den Ministerien und die Reichstagsabgeordneten sowie das Diplomatische Korps Aufftellung genommen, denen sich der Bundesrat unter Bismarcks Führung zugesellte. Um 2 Uhr erfolgte der Einzug des Hofes. Vor dem Kaiser seine alten Paladine: M o l t k e mit dem blanken Reichsschwert, General v. Peuker mit dem Reichsapfel auf silbernem Kissen, der Kriegsminister Gras Roon mit dem Szepter auf goldenem Kissen, Oberstkämmerer Graf v. Siebern mit der Krone auf goldenem Kissen und, unmittelbar vor dem Kaiser, der greife Feldmarschall Graf v. Wränge! mit dem Reichspanier, begleitet von den Generalleutnants v. K a m e k e und v. Podbielfki. Nachdem der Kaiser auf dem Thronsessel Platz genommen hatte, stellten Moltke und Wraugel sich dahinter auf, während Reichsapfel, Szepter und Krone auf Taburette niedergelegt wurden. Der Thron, ein schwerer Steinsessel in Würfelform auf vier plumpen Bronzeknausen ruhend, dessen Rücken- und Seitenlehnen mit mittelalterlichen Bronzen verziert waren, erregte allgemeine Aufmerksamkeit. Es war der sogenannte „Kaiserstuhl von Goslar", den Prinz Carl von Preußen aus seiner Sammlung zur Verfügung gestellt hatte. Der Kunstgeschichte und lokalen Domsage zufolge, sollen die alten deutschen Kaiser des sächsischen Hauses auf dem Sessel gesessen haben. . Nach einem vom Wirklichen Geheimen Rat v. Frankenberg-Ludwigs- darf ausgebrachten dreifachen Hoch auf den Kaiser überreichte Bismarck (in preußischer Generalleutnants-Uniform mit langen Hofen und Degen) dem Herrscher die in einer roten Mappe mit goldenem Adler liegende Thronrede, die Wilhelm I. mit fester, lauter Stimme verlas. Sie begann mit den Worten: Wenn Ich nach dem glorreichen, aber schweren Kampfe, den Deutschland für seine Unabhängigkeit siegreich geführt hat, zum ersten Male den deutschen Reichstag um Mich versammelt sehe, so drängt es Mich vor allem. Meinen demütigen Dank gegen Gott zum Ausdruck zu geben für die weltgeschichtlichen Erfolge, mit denen seine Gnade die treue Eintracht der deutschen Bundesgenossen, den Heldenmut und die Manneszucht unserer Heere und die opferfreudige Hingebung des deutschen Volkes gesegnet hat. Wir haben erreicht, was feit der Zeit unserer Väter für Deutschland erstrebt wurde: die Einheit und deren organische Gestaltung, die Sicherung unserer Grenzen und die Unabhängigkeit unserer nationalen Rechtsentwicklung. Das Bewußtsein seiner Einheit war in dem deutschen Volke, wenn auch verhüllt, doch stets lebendig. Es hat seine Hülle gesprengt in der Begeisterung, mit welcher sich die gesamte Nation zur Verteidigung des deutschen Vaterlandes erhob und in unvertilgbarer Schrift auf den Schlachtfeldern Frankreichs, die ihren Willen verzeichnet, ein einiges Volk zu fein und zu bleiben. Die Achtung, welche Deutschland für seine eigene Selbständigkeit in Anspruch nimmt, zollt es bereitwilligst der Unabhängigkeit anderer Staaten und Völker, der schwachen wie der starken. Das neue Deutschland, wie es aus der Feuerprobe des gegenwärtigen Krieges hervor- gegangen ist, wird ein zuverlässiger Bürge des europäischen Friedens fein, weil es stark und selbstbewußt genug ist, um sich die O-dnung seiner eigenen Angelegenheiten als fein ausschließliches, „aber auch ausreichendes und zufriedenstellendes Erbteil zu bewahren." Nachdem kn der Rede auf die Pflichten und Aufgaben des ersten Deutschen Reichstages hingewiesen worden war, schloß sie: „Möge die Wiederherstellung des Deutschen Reiches für die Nation auch nach Innen das Wahrzeichen neuer Größe sein; möge dem deutschen Reichskrieg, den wir jo ruhmreich geführt haben, ein nicht minder glorreicher Reichsfriede folgen und möge die Aufgabe des deutschen Volkes fortan darin beschlossen sein, sich in dem Weltkampfe um den Hüter des Friedens als Sieger zu erweisen. Das walte Gott!" Darauf trat Bismarck vor und sagte: „Aus Befehl Sr. M. des Kaisers erkläre ich im Namen der verbündeten Regierungen den Reichstag für eröffnet", worauf die Feier mit einem vom bayerischen Staatsminister v. Pfretzschner ausgebrachten dreifachen Hoch auf den Kaiser schloß. Die erste Sitzung des Deutschen Reichstages begann nach 3 Uhr im Saale des Preußischen Abgeordnetenhauses in der Leipziger Straße Nr. 75. Ueber dem Präsidentenstuhl, den der Alterspräsident v. Franken- berg-Ludwigsdorf innehatte, wehte aufgerollt, die Fahne des Bundes, das Geschenk der Deutschen in New Orleans im nordamerikanischen Staate Louisiana. Ihre Inschrift „Dem deutschen Parlamente" war zur Wahrheit geworden. Die Tribünen' waren überfüllt. Moltke war in Uniform anwesend. Der Alterspräsident eröffnete die Sitzung mit den Worten: „Als mir der Vorzug zuteil wurde, die erste Sitzung des Reichstages des Norddeutschen Bundes zu eröffnen, da nahm ich das einige Deutschland in meine Bitte auf. Diese Aeußerung hat bekanntlich in den öffentlichen Blättern Frankreichs eine verhöhnende Kritik gefunden. Denn jenem Lande ist es von jeher unerträglich gewesen, Deutschland einig und es damit groß, stark und mächtig zu sehen. Dennoch hat sich diese Einigung vollzogen. An uns aber ist es jetzt, diese Einigung zu befestigen und sie fruchttragend zu machen." Der nächste Tag war des Kaisers uierundsiebzigster Geburtstag; der Alterspräsident schlug vor, der gesamte Reichstag solle dem Kaiser gratulieren, aber dieser erste Reichstagsbeschluß konnte nicht ausgeführt werden: man hätte mit einem solchen Massenempfang die Anordnungen des Tages umgestoßen. So wurden denn die sämtlichen Abgeordneten am nächsten Tage zu einem Diner ins Schloß geladen und dem Kaiser, der für jeden ein freundliches Wort hatte, persönlich vorgestellt. Am andern Tage trat das Haus zur Präsidentenwahl zusammen. Um den Präsidentenposten gab es keine Uneinigkeit, er gebührte Dr. von S i m s o n, der einst die deutsche Nationalversammlung in Frankfurt a. M. geleitet hatte; er wurde widerspruchslos gewählt. Dann aber traten gleich scharfe politische Gegensätze hervor. Gegen die Wahl des Fürsten zu Hohenlohe-Schillingsfürst als ersten Vizepräsidenten siegte der Nationalliberale von Weber-Stuttgart, aber nur mit zwei Stimmen Mehrheit Ueber zwanzig Jahre hat der Reichstag in dem alten Parlamentsgebäude in der Leipziger Straße getagt, denn nur sehr langsam entwickelte sich der Gedanke eines neuen Reichstagshauses. Er wurde zwar im Mai 1871 beschlossen, auch wurde sogleich ein Wettbewerb ausgeschrieben, hatte aber keinen Erfolg, und man ließ die Angelegenheit zehn Jahre bis zu einem neuen Ausschreiben ruhen. Unter den nahezu zweihundert Entwürfen gewann der des Frankfurter Architekten Paul W a l l o t unter dem Kennwort „Für Staat und Stadt" den ersten Preis. Am 9 Juni 1884 wurde durch Wilhelm I. der Grundstein gelegt, am 5. Dezember 1894 legte Wilhelm II. den Schlußstein, der Bau hat also etwa ein Jahrzehnt gedauert. Zwei Jahre beanspruchten die Fundamentierungen, am 2. September 1891 (dem Tage von Sedan) wurde die Krone auf der Kuppel enthüllt, in den nächsten drei Jahren der innere Ausbau vollendet; die gesamten Baukosten betrugen etwa 26>2 Millionen. Im Jahre 1894 wurde der neugewählte Reichstag durch einen festlichen Akt im Rittersaal des Schlosses eröffnet und dann das neue Haus bezogen. Oer schwarze Diamant in Asien. Von Anton L ü b k e. Nicht überall in der Welt hat der schwarze Diamant, die Steinkohle, eine so große Bedeutung wie in Deutschland, England oder Amerika, wo ohne die Kohle nicht die hochentwickelten Industrien, Verkehr, Licht und Behaglichkeit in den Wohnungen zu finken wären. Man denke sich einmal den Zustand, wenn wir heute nur auf Holz angewiesen wären wie vor kaum 150 Jahren. Sicher hätten wir heute wohl weniger Komfort, weniger Licht, vielleicht keine Eisenbahn, .aber desto mehr Ruhe und Sicherheit, keine Verkehrsunfälle und keine Arbeitslosigkeit. Wo heute die Riesenwerke der Industrie stehen, weideten vielleicht Kühe und Pferde, wo das Auto rast, bewegte sich der schwerfällige Pflug des Landmannes. Daß es auf unserem Erdball Völker gibt, die um ein Vielfaches größer find, als die Deutschlands oder Englands, welche nur wenig Kohle verbrauchen oder sie vielleicht noch nicht einmal kennen, dürfte dem kohlengewöhnten Mitteleuropäer etwas merkwürdig vorkommen. Die Tropen beispielsweise gebrauchen keine Kohlen zum Heizen, denn die heiße Sonne tut dort dieselben Dienste, wie bei uns der Ofen. Kohlen gebraucht man dort nur in Lokomotiven, Elektrizitätswerken und Gasöfen^ Ja, so wird der eine ober der andere fragen, was beginnt denn die Hausfrau in den Tropen, wenn sie die Speisen zubereiten will, nimmt sie dazu auch die Sonne? Die Antwort ist sehr schnell gegeben. Die Menschen im Orient, wo die Natur viel freigebiger ist als bei uns, sind auch viel genügsamer als bei uns. Sie können es auch sein, weil sie nicht so sehr dem Witterungswechsel ausgesetzt sind wie wir Menschen der nördlichen Zonen. Sie kennen keinen Winter, wo sie sich schützen müssen in warmen Wohnungen oder durch warme Kleider, die Natur bietet ihnen gewissermaßen alles, was sie zum Leben notwendig haben, mit einem Wort, sie sind noch viel mehr mit der Natur verwachsen als wir Menschen der modernen Industriestaaten. verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brüh Infolge dieser Naturverwachsenheit kennen sie auch noch nicht Industrien in dem Umfange, wie wir sie haben. Dav Hanowerr Hal do.t noch einen goldenen Boden. Wie einst bei uns, wird dort noch das Holz als ^Brennmaterial verwendet, und wo keine Möglichkeü infolge Waldmangels dazu besteht, bedient man sich als Brennmaterial der verschiedensten Dinge. In Aegypten und Indien belspielsweije benutzt man die Abfälle der Kamele und Rinder zu Brennzwecken. Die Fellachen auf den Reis- und Baumwollfeldern Nordafrikas sammeln sorgfältig den Kamelmist, trocknen ihn aus dem Dache ihres Nilschlammhauses und Heizen damit ihre primitiven Kochherde. In Indien, wo es keine Kamele gibt, wird der Mist des höckrigen Zeburindes ober der heiligen Kuh des Hindus, die in allen Straßen umherläust, als eine kostbare Sache angesehen. Die zu der nichtigen Kaste des Volkes gehörenden Parias sammeln in allen Straßen diesen Mist in Bastkörben, formen ihn zu runden Kuchen und Heben diese, nachdem sie den Eindruck der gespreizten Hand bekommen haben, an irgendeine Mauer, wo sie hängenbleiben, bis sie trocken heruntersallen. Mit diesen getrockneten Kuhmistkuchen wird ein schwunghafter Handel getrieben, denn er gilt in den Städten und Dörfern Jnnerindiens als begehrtes Brennmaterial. Die Abfälle der Kuh haben auch einen desinfizierenden Zweck. Die Länder des östlichen Asiens, Japan und China, bedienen sich eines etwas kultivierteren Brennmaterials. Was bei uns die Stein- und Braunkohl« ist, ist dort bas Holz und die Holzkohle. Nicht nur, daß man dort in viel ausgiebigerem Maße das Holz zum Hausbau verwendet, wird dort auch die vom Holz stammende Holzkohle fast ausschließlich zur Wärmeerzeugung in den Privatwohnungen benützt. In dieser Hinsicht steckt ein großer Teil der Asiaten, obwohl bei ihnen die Steinkohle auch schon in beachtlichem Maße verwendet wird, noch im Mittelalter. Obwohl Japan in der gemäßigten Zone liegt und dort dieselben Bedingungen für den Schutz vor klimatischen Einflüssen bestehen wie in der amerikanischen ober europäischen zivilisierten Welt, hat es sich doch nicht bei weitem den Gebrauch der Kohle so zu eigen gemacht wie wir. Einmal deshalb nicht, weil die leichtgebauten Holzhäuser, die in den Großstädten wie auf dem Lande in unübersehbarer Zahl auf großem Komplex dicht gedrängt beieinandcrstehen, cs nicht gestatten, das bei uns übliche Heizsystem cinzuführen. Kohlenöfen und Zentralheizungen würden in den leicht gebauten Holzhäusern eine stete Gefahr für di« Bewohner bilden. Bei dem noch überall gebräuchlichen Heizsystem, einen mit Sand und glühenden Holzkohlen gefülltem Tonbecken, sind in Tokio und anderen japanischen Städten ausgedehnte Brände ohnedies an der Tagesordnung, was noch mehr der Fall märe, wenn die Steinkohlen- feuerung im Gebrauche märe. Auch ander« Lebcnsgemohnheiten der Japaner bedingen nicht die Feuerungsart wie bei uns. Der Japaner ist Dorroiegenb Rohköstler ober er genießt seine Speisen nur in halb- gekochtem ober angemärmtem Zustanbc. Roher Fisch, rohe ober halb- gekochte Pflgnzennahrung und halbgekochtcr Reis gehören zu seiner täglichen Speise, bie auf Holzkohlenfeucr zubereitet mirb. Kohlen- ober Gasherbe kennt man in Japan nur in ben Großstäbtcn unb hort auch nur in beschränktem Maße; es mirb bei der konservativen Einstellung der japanischen Frau noch lange dauern, bis diese Dinge in umfassendem Maße eingeführt merden. Der gegenmärtige durchschnittliche Kohlcn- verbrauch beträgt für Kopf unb Jahr kaum eine halbe Tonne, während in Deutschland 4) Tonnen verbraucht werden. Ebenso wie Japan bedient sich auch China in weitest gehendem Maße heute noch der Holzkohle, wenn auch Japan in viel größerem Maße die Steinkohle in Gebrauch genommen hat. China war, wie in allen Dingen, so auch beim Kohlcnvcrbrauch sehr konservativ. Von jeher standen die chinesischen Regierungen dem Bergbau feindlich gegenüber. Man betrackücte ihn, besonders den Gold- unbSilberbergbau, als bie Ursache von Unruhen, weil badurch bie Menschen unstet unb unzufrieden werden. Auch galt das Graben von Stollen zum Gewinnen von Mineralien als gegen bas religiöse Prinzip verstoßenb, weil bie Erbobersläche nicht durch Menschenhand verändert werden dürfe, um dadurch nicht den Zorn der Erdgeister zu erregen. Aber noch andere Umstände waren maßgebend, um dem Kohlcnvcrbrauch in China, das schlechthin als das kohlenreichste Land der Welt gilt, hemmend im Wege zu stehen. Die bergbautreibcvbe Bevölkerung war von jeher sehr argwöhnisch unb falsch, weshalb sich her Frembe nicht gern in ihre Nähe wagte unb es bcshalb unterließ, ihr bie moberne Technik her Mincralgewinnung zugänglich zu machen. Hinzu kam bann noch bas Fehlen moberner Defen. Wie in Japan würbe die Holzkohle in Tonbecken verbrannt ober ber Chinese zog sich zuin Schutze gegen die Kälte ein dickes Wams ober einen Wollpelz an. Einen nicht unerheblichen Teil trug auch der Aberglaube ber Chinesen bazu bei, bie Steinkohle nicht zu benutzen. Daburch, baß man bis in bie jüngste Zeit bie Natur ber Kohlengase in China nicht kannte, war man ber Meinung, baß bei ber Verbrennung der Kohle böse Geister frei mürben unb ben Menschen über Nacht bas Leben nehmen. In Wirklichkeit roaren cs bie gefährlichen Oxybgasc, welche ben offenen Kohlenbecken entströmten unb ben Schlafcnbcn erstickten. Es beburfte langer Zeit, um bie Bevölkerung vor Oxybgasvcrgiftungcn durch öffentliche Anschläge zu roarnen und sie zum Verbrauch ber Steinkohle zu erziehen. Heute, mo bie zivilisierten Methobcn im Orient unb im fernen Osten Asiens immer mehr Eingang sinben, schminbet nicht nur bas Vorurteil gegen bie Kohlenverbrennung, sonbern bie Kohle gewinnt auch immer mehr an inbuftrieUer Bedeutung. Indien hat in den letzten Jahren in Bengalen eine sehr beachtliche Kohlenindustric mit moderner Gewinnung entfaltet, die jährlich etwa 20 Millionen Tonnen erzeugt. China, bas viele Milliarben Tonnen Kohlen in feiner Erbe birgt, hat eine ebensolche Höhe erreicht und zeigt ein machsendes Augenmerk auf seine bedeutenden Erdschätzc. Japan konnte seine Produktion auf jährlich 30 Millionen Tonnen steigern. Die bebeutenben Kohlenlager in Fushun, welche eines ber mächtigsten zu Tage liegenben Flöze, besitzen, gingen im letzten Jahre i bazu über, bie Kohle nach dem bcutschen Berginverfahrcn zu verölen. 'sche Univ ersitä ls-Duch» und Steindruck er es, N. Lange, Gießen.