GiehenerAmilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger 3 rhrgang (951 Freitag, den 20. Februar Nummer 15 Winter. Von Leo Sternberg. Ein blauer Wintertag. Von feinem Schnee bestäubt die rote Blätterstreu der kahlen Wälder, die Ackerfurchen und die Saatenfelder... Kropsweiden glühn, den goldnen Schopf gesträubt, am spiegelnden Bach... Luftschiffe, ziehn die violetten Wolken fern am Rande. Wie klar die Gipfel!... Wie ich das Verwandte nun liebe, seit ich selber Winter bin. Die drei gerechten Kammacher. Erzählung von Gottfried Keller. Die Leute von Seldwyla haben bewiesen, daß eine ganze Stadt von Ungerechten oder Leichtsinnigen zur Not fortbestehen kann im Wechsel der Zeiten und des Verkehrs; die drei Kammacher aber, daß nicht drei Gerechte lang unter einem Dache leben können, ohne sich in die Haare zu geraten. Es ist hier aber nicht die himmlische Gerechtigkeit gemeint oder die natürliche Gerechtigkeit des menschlichen Gewissens, sondern jene blutlose Gerechtigkeit, welche aus dem Vaterunser die Bitte gestrichen hat: Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unfern Schuldnern! weil sie keine Schulden macht und auch keine ausstehen hat; welche niemandem zuleid lebt, aber auch niemandem zu Gefallen, wohl arbeiten und erwerben, aber nichts ausgeben will und an der Arbeitstreue nur einen Nutzen, aber keine Freude findet. Solche Gerechte werfen keine Laternen ein, aber sie zünden auch keine an, und kein Licht geht von ihnen aus; sie treiben allerlei Hantierung, und eine ist ihnen so gut wie die andere, wenn sie nur mit keiner Fährlichkeit verbunden ist; am liebsten siedeln sie sich dort an, wo viele Ungerechte in ihrem Sinne sind; denn sie untereinander, wenn keine solche zwischen ihnen wären, würden sich bald abreiben, wie Mühlsteine, zwischen denen kein Korn liegt. Wenn diese ein Unglück betrifft, so sind sie höchst verwundert und jammern, als ob sie am Spieße stäken, da sie doch niemandem was zuleid getan haben; denn sie betrachten die Welt als eine große wohlgesicherte Polizeianstalt, wo keiner eine Kontraventionsbuße zu fürchten braucht, wenn er vor seiner Tür fleißig kehrt, keine Blumentöpfe unvek- wahrt vor das Fenster stellt und kein Wasser aus demselben gießt. Zu Seldwyl bestand ein Kammachergeschäft, dessen Inhaber gewohnterweise alle fünf bis sechs Jahre wechselten, obgleich es ein gutes Geschäft war, wenn es fleißig betrieben wurde; denn die Krämer, welche die umliegenden Jahrmärkte besuchten, holten da ihre Kammwaren. Außer den notwendigen Hornstriegeln aller Art wurden auch die wunderbarsten Schmuckkämme für die Dorfschönen und Dienstmägde verfertigt aus schönem, durchsichtigen Ochsenhorn, in welches die Kunst der Gesellen (denn die Meister arbeiteten nie) ein tüchtiges braunrotes Schildpatt- gewölke beizte, je nach ihrer Phantasie, so daß, wenn man die Kämme gegen das Licht hielt, man die herrlichsten Sonnenanf- und Niedergänge zu sehen glaubte, rote Schäfchenhimmel, Gewitterstürme und andere gesprenkelte Naturerscheinungen. Im Sommer, wenn die Gesellen gern wanderten und rar waren, wurden sie mit Höflichkeit behandelt und bekamen guten Lohn und gutes Essen; im Winter aber, wenn sie ein Unterkommen suchten und häufig zu haben waren, mußten sie sich ducken, Kämme machen, was das Zeug halten wollte, für geringen Lohn; die Meisterin stellte einen Tag wie den andern eine Schüssel Sauerkraut auf den Tisch, und der Meister sagte: „Das sind Fische!" Wenn bann ein Geselle zu sagen wagte: „bitt’ um Verzeihung, es ist Sauerkraut!" sa bekam er auf der Stelle den Abschied und mußte wandern in den Winter hinaus. Sobald aber die Wiesen grün wurden und die Wege gangbar, sagten sie: „Es ist doch Sauerkraut!" und schnürten ihr Bündel. Denn wenn dann auch die Meisterin auf der Stelle einen Schinken auf das Kraut warf und der Meister sagte: „Meiner Seel'! ich glaubte, es wären Fische! Nun, dieses ist doch gewiß ein Schinken!" so sehnten sie sich doch hmaus, da alle drei Gesellen in einem zweispännigen Bett schlafen mußten und sich den Winter durch herzlich satt bekamen wegen der Rippenstöße und erfrorenen Seiten. Einstmals aber kam ein ordentlicher und fünfter Geselle angereift aus irgend einem der sächsischen Lande, der fügte sich in alles, arbeitete wie ein Tierlein und war nicht zu vertreiben, so daß er zuleßt ein bleibender Hausrat wurde in dem Geschäft und mehrmals den Meister wechseln sah, da es die Jahre her gerade etwas stürmischer herging als sonst. Jobst streckte sich in dem Bette so steif er konnte und behauptete seinen Platz zunächst der Wand Winter und Sommer; er nahm das Sauerkraut willig für Fische und im Frühjahr mit bescheidenem Dank ein Stückchen von dem Schinken. Den kleineren Lohn legte er so gut zur Seite tme den größeren; denn er gab nichts aus, sondern sparte sich alles auf. Er lebte nicht wie andere Handwerksgesellen, trank nie einen Schoppen, verkehrte mit keinem Landsmann noch mit anderen jungen Gesellen, sondern stellte sich des Abends unter die Haustüre und schäkerte mit den alten Weibern, hob ihnen die Wassereimer auf den Kopf, wenn er beson» ders freigebiger Laune war, und ging mit den Hühnern zu Bett, wenn nicht reichliche Arbeit da war, daß er für besondere Rechnung die Nacht durcharbeiten konnte. Am Sonntag arbeitete er ebenfalls bis in den Nachmittag hinein, und wenn es das herrlichste Wetter war; man denke aber nicht, daß er dies mit Frohsinn und Vergnügen tat, wie Johann der muntere Seifensieder; vielmehr war er bei dieser freiwilligen Mühe niedergeschlagen und beklagte sich fortwährend über die Mühseligkeit des Lebens. War dann der Sonntagnachmittag gekommen, so ging er in fernem Arbeitsschmutz und in den klappernden Pantoffeln über die Gaffe und holte sich bei der Wäscherin das frische Hemd und das geglättete Vorhemdchen, den Vatermörder ober das bessere Schnupftuch, und trug diese Herrlichkeiten auf der flachen Hand mit elegantem Gesellenschrckt vor sich her nach Hause. Denn im Arbeitsschurz und in den Schlappschuhen beobachten manche Gesellen immer einen eigentümlich gezierten Gang, als ob fie in höheren Sphären schwebten, besonders die gebildeten Buchbinder, die luftigen Schuhmacher und die seltenen sonderbaren Kammacher. In seiner Kammer bedachte sich Jobst aber noch wohl, ob er bas Hemd ober bas Vorhemdchen auch wirklich anziehen wolle, denn er war bei aller Sanftmut und Gerechtigkeit ein kleiner Schweinigel, ober ob es die alte Wäsche noch für eine Woche tun müsse und er bei Hause bleiben und noch ein bißchen arbeiten wolle. In diesem Falle setzte er sich mit einem Seufzer über die Schwierigkeit und Mühsal der Welt von neuem dahinter und schnitt verdrossen seine Zähne in die Kämme, ober er wandelte bas Horn in Schilbtrökschalen um, wobei er aber jo nüchtern und phantafielos verfuhr, ba0 er immer die gleichen drei trostlosen Kleckse daraus schmierte; denn wenn es nicht unzweifelhaft vorgeschrieben war, so wandte er nicht die kleinste Mühe an eine Sache. Entschloß er sich aber zu einem Spaziergang, so putzte er sich eine ober zwei Stunden lang peinlich heraus, nahm fein Spazierstückchen uni) wandelte steif ein wenig oors Tor, wo er demütig und langweilig herum- ftanb und langweilige Gespräche führte mit andern Herumständern, die auch nichts Begeres zu tun wußten, etwa alte arme Seldwyler, welche nicht mehr ins Wirtshaus gehen konnten. Mit solchen stellte er sich bann gern vor ein im Bau begriffenes Haus, vor ein Saatfelb, vor einen roelterbetoäbigten Apfelbaum ober vor eine neue Zwirnfabrik und tüftelte auf das angelegentlichste über diese Dinge, deren Zweckmäßigkeit und den Kostenpunkt, über die Jahreshoffnungen und den Stand der Feldfrüchte, von was allem er nicht den Teufel verstand. Es war ihm auch nicht darum zu tun; aber die Zeit verging ihm so auf die billigste und kurzweiligste Weise nach seiner Art, und die alten Leute nannten ihn nur den artigen und vernünftigen Sachsen, denn sie verstanden auch nichts. Als die Seldwyler eine große Aktienbrauerei anlegten, von der fie sich ein gewaltiges Leben versprachen, und die weitläufigen Fundamente aus dem Boden ragten, stöckerte er manchen Sonntagabend darin herum, mit Kennerblicken und mit dem scheinbar lebendigsten Interesse die Fortschritte des Baues. untersuchend, wie wenn er ein alter Bau- verständiger und der größte Biertrinker wäre. „Aber nein!" rief er einmal um das andere, „des is ein famefes Wergg! des gibt eine groß- artigte Anstalt! Aber Geld kosten duht's, na bas Geld! Aber schade, hier mißte mir des Gewehlde doch en bißgen dieser sein und die Mauer um eine Idee ftärgerl" Bei alledem dachte er sich gar nichts, als daß er noch rechtzeitig zum Abendessen wolle, eh' es dunkel werde; denn dieses war der einzige Tort, den er seiner Frau Meisterin antat, daß er nie das Abendbrot versäumte am Sonntag, wie etwa die anderen Gesellen, sondern daß sie seinetwegen allein zu Hause bleiben ober sonstwie Bedacht auf ihn nehmen mußte. Hatte er fein Stückchen Braten ober Wurst versorgt, so rourmifierte er noch ein Weilchen in der Kammer herum und ging bann zu Bett; dies war bann ein vergnügter Sonntag für ihn gewesen. Bei all btefem anspruchlosen, sanften unb ehrbaren Wesen ging ihm aber nicht ein (eifer Zug von innerlicher Ironie ab, wie wenn er sich heimlich über bie Leichtsinnigkeit und Eitelkeit der Welt luftig machte, unb er schien bie Größe unb Erheblichkeit ber Dinge nicht unbeutlich zu bezweifeln unb sich eines viel tieferen (Bebantenplanes bewußt zu fein. Ju. ber Tat machte er auch zuweilen ein so kluges Gesicht, befonbers wenn er bie sachverständigen sonntäglichen Reden führte, daß man ihm wohl ansah, wie er heimlich viel wichtigere Dinge im Sinne trage, wogegen alles, was andere unternahmen, bauten und aufrichteten, nur ein Kinderspiel wäre. Der große Plan, welchen er Tag unb Nacht mit sich herumtrug, unb welcher fein stiller Leitstern war bie ganzen Jahre lang, während er in Seldwyl Geselle war, bestand darin, sich so lange feinen Arbeitslohn aufzufparen, bis er hinreiche, eines schönen Morgens das Geschäft, wenn es gerade vakant würbe, anzukaufen unb ihn selbst zum Inhaber unb Meister zu machen. Dies lag all seinem Tun unb Trachten 1 zugrunde, da er wohl bemerkt hatte, wie ein fleißiger unb sparsamer vorbeireden." „Sprechen Sie also", sagte der Untersuchungsrichter, „und wenn es angehen sollte, erklären Sie mir dabei, weshalb in des Teufelsnamen Sie Ihren Schachtmeister Kongsberg in der Kajüte versteckt hatten. Sprechen Sie, Kapitän!" „Sie müssen sich einmal im Leben überlegen, Herr Untersuchungsrichter", fuhr Engebretsen ermutigt fort, „Sie müssen sich einmal vor« Der Untersuchungsrichter kniff das linke Auge zusammen und bemerkte ein wenig verdutzt: „Schach? Nun ja, hin und wieder spiele ich schon. „Das'ist gut", äußerte Kapitän Engebretsen bedächtig, dann sind Sie — -«hi-- WM *•*. »«-. * Ä I «»“ÄS? IMM»- B.Ä «u'luÄfi, Äw stillen Weg ginge und von der Sorglosigkeit der andern nur den h. 1 9 3 . harmloser Lust Purzelbäume darin. Eines aber nicht die Nachteile zu ziehen wußte. Wenn er aber erst Meister I "der ^as^ Let^oüe^ IHivg scheine schon im Bette lag, kam wäre, dann wollte er bald so viel erworben haben, um sich auch e z I 9 » fremder Geselle zugcsprochen und wurde von der bürgern und dann erst gedachte er so fing} unb f8ümm5' Meisterin in die Schlafkammer gewiesen. Jobst lag eben in wähligem Ä.'->« 5ÄÄUÄ »j«»g Si?r"Ävu?*'Ä\f0Ä M s^Ke^ünd srVig^ S.7eit7s Inn 31 Haupt gefaßt hatte; denn nichts in seinem Herzen zwang ihn, gerade in Fortsetzung imgi.) Seldwnla zu bleiben, weder eine Borliebe für die Gegend, noch für die I • , . Leute, weder für die politische Verfassung dieses Landes, noch für ferne ZUM Schachspielen gehöre« ZtvLi . . . Sitten. Dies alles war ihm so gleichgültig, rote feine eigene Heimat I Schreck festhalten wie hier; aber er hatte keine freie Wahl und ergriff in seinem I magere große Mann mit dem faltig ältlichen Gesicht 'sh Mernd durch öden Sinne die erste zufällige Hoffnungsfaser, die sich ihm bot, um sich I die Tür hereinschob. „Kapitan Engebretsen bin ich ... sowohl , sagte der daran m bänaen und sich daran groß zu saugen. Wo es mir wohl geht, I Angesprochene. . r < ba ist 'mein Vaterland! heißt "es sonst, unb dieses Sprichwort soll Der Untersuchungsrichter nickte unb Zerstieß seine Zigarette unwirsch unangetastet bleiben für biejenigen, welche auch wirklich eine bessere | in der Aschenschale, um damit anzudeuten, daß nunmehr das Amtliche und notwendige Ursache ihres Wohlergehens im neuen Vaterlande auf- I sein Recht erheische: die üblichen Fragen eines Berhors begannen zu -„weisen haben welche in freiem Entschlüsse in die Welt hinausgegangen, I rasseln. um sich rüstig einen Vorteil zu erringen unb als geborgene Leute zurück- I „Hören Sie, Kapitän Engebretsen ... , kaum daß d,e Einleitung voi- zukehren ober welche einem unwahnlichen Zustande in Scharen ent- I über war, stand der Untersuchungsrichter mit verdrießlich gerunzelten fliehen und dem Zuge der Zeit gehorchend, die neue Vöölkerwanderung I Brauen auf, „hören Sie, Kapitän, nun wollen wir doch einmal at- über die Meere mit wandern; oder welche irgendwo treuere Freunde I Männer miteinander reden. Anders kommen nur >a niemals weiter, nicht achinben haben als daheim, ober ihren eigensten Neigungen mehr ent« I wahr? Wäre es barum nicht am besten, wenn Sie einfach unb ohne jeben sprechende Verhältnisse oder durch irgendein schöneres menschliches I Umschweif alles der Reihe nach erzählen? Es ist wirklich das Vernunf- Band feftgebunden wurden. Aber auch das neue Land ihres Wohl- I tigfte, was Sie tun könnten. Denn, schauen Sie, Äapitan engebretfet, ergehens werden olle diese wenigstens lieben müssen, wo sie immerhin I ich kann Ihnen versichern, Sie selber fahren am günstigsten babei unö sind „Hb auch da zur Not einen Menschen vorstellen. Slber Jobst wußte I machen sich das Ganze leichter. Fangen Sie ruhig einmal an, Äapttan kaum wo er roar die Einrichtungen und Gebräuche der Schweizer! Kapitän Engebretsen wiegte den derben, knochigen Schadet und suchte waren ihm unverständlich, und er sagte bloß zuweilen: „Ja, ja, die I nach einem passenden Anfang. Endlich fand er die Frage, die ihm richtig Schweizer find politische Leute! Es ist gewißlich, wie ich glaube, eine schien unb das Wesentliche traf. „Spielen Sie Schoch, Herr Unterschöne Sache um die Politik, wenn man Liebhaber davon ist! Ich für I suchungsrichter?" . . .... meinen Teil bin kein Kenner davon, wo ich zu Haus bin, do ist es nicht 1 der Brauch gewesen." Die Sitten der Seldwvler waren ihm zuwider unb machten ihn'ängstlich, unb wenn sie einen Tumult ober Zug vorhatten, . hockte er zitternb zuhinterst in ber Werkstatt unb fürchtete Morb unb mein Mann!" „ . . . Totschlag. Unb bcnnoch war es fein einziges Denken unb fein großes I „Sie wollten mir doch den ganzen Hergang erzählen , erinnerte der Geheimnis, hier zu bleiben bis an das Ende feiner Tage. Auf alle Punkte I Untersuchungsrichter, ber in seinen Akten herumblatterte, „Sie sollten ber Erde sinb solche Gerechte hingestreut, bie aus keinem anderen Grunde I mir doch sagen, wie bas kam, daß Sie heute wegen Freiheitsberaubung sich dahin verkrümmelten, als weil sie zufällig an ein Saugeröhrchen des I vor mir stehen." guten Auskommens gerieten, unb fie fangen still baran ohne Heimweh I Der Kapitän schwieg unb drehte eifrig an feinem obersten Jackem und) dem alten, ohne Liebe zu dem neuen Lande, ohne einen Blick in I knöpf, um Zeit zu gewinnen. „Ich weiß gar nicht, ob man das wirklich bie Weite unb ohne einen für bie Nähe, unb gleichen daher weniger I Freiheitsberaubung nennen muß, was Sie mir ba verwerfen. Das war dem freien Menschen, als jenen niederen Organismen, wunberlichen Tier- I oben ganz etwas anderes..." dien und Pflanzensamen, die durch Lust und Wasser an die zufällige „Ader ich bitte Sie, Kapitän!" unterbrad) ihn der Untersuchungs- Stätte ihres Gedeihens getragen worden. I richter mit einiger Ungeduld. „Sie müssen nur doch zugeben, daß wie So lebte er ein Jährchen um das andere in Seldwyla unb häusneie ben Kaufmann Birger Kongsberg, der aus Ihrem FrochWampser von leinen heimlidien Schaß welchen er unter einer Fliese seines Kammer- I Danzig nach Kopenhagen mitfcihren wollte, im Hafen nicht von Bord badens vergraben hielß' Noch konnte sich kein Schneider rühmen, einen I liehen. Sie wollen doch hier nicht leugnen, daß Sie 'Ungezwungen haben, Batzen an ihm verdient zu haben, denn noch war ber Sonntagsrock, mit I Ihre gewohnte Reise von Kopenhagen nach Danzig unb gurunf ge| ) “9 > bem er angereift, im gleichen Zustande wie damals. Noch hatte kein zehnmal nutzumachen. Unb Sie wissen ebensogut wie ich baß nur ein Schuster einen Pfennig von ihm gelöst, benn noch waren nicht einmal I Zufall Sie verhindert Hot, Ihren Fahrgast zum elftenmal zu behalten, diö Stieselsohlen durchgelaufen, die bei seiner Ankunft das Aeußere seines Das war doch «in Wahnsinn! Nicht:wahr,> Kapitan F"? «den auch Sie Felleisens geziert; denn das Jahr hat nur zweiundfünfzig Sonntage, I Das magere, aUliche Gestcht lallte erstaunt. „Je^t reden auch unb von diesen wurde nur die Hälfte zu einem kleinen Spaziergange da immerzu von einem Kaufmann Birger Kongsberg Weitz der Himmel, verwandt. Niemand konnte fich rühmen, je ein kleines ober großes Stuck I vielleicht ist er nebenbei ein Kaufmann. Aber bas ist doch sicher kaum Gelb in seiner Hanb gesehen zu haben; benn wenn er seinen Lohn I bas Wichtigste. s.Ui her Unter« empfing, ver chwand dieser auf der Stelle auf die geheimnisvollste Weise, I „Ja, was wäre bann das Wichtigste. erkundigte stch bei Untc unb selbst trenn er vor das Tor ging, steckte er nicht einen Deut zu sich, suchungsrichter nicht -hne leichtes! Mitztrauen. so baß es ihm gar nicht möglich war, etwas auszugeben. Wenn Weiber I „Bei Gott, Sie wissen das nicht , sagte Engebretsen duster, „Birg mit Kirschen Pflaumen ober Birnen in bie Werkstatt kamen unb bie Kongsberg i|t Schachmeister von Norwegen! anbei n Arbeiter ihr Gelüste befriebigten, hatte er auch tausend unb | Es entstaub eine kleine Pause. Der Herr hinter dem Schrelbtlschspielte ein Gelüste uicldie er dadurch zu beruhigen wiißte, daß er mit der I achselzuckend mit einem Briefbeschwerer. Der Mann vor dem Schreid- gröhten Aufmerksamkeit die Verhandlung mitführte, die hübschen I tisch nickte ihm bekräftigend zu: „Er hat sogar einmal gegen Vogolsubow abziehen ließ sich seiner Enthaltsamkeit freuenb; und mit zufriedenem I Cs schien ihm, er müsse den Namen kennen. Gleichwohl er fanii es Vergnügen, mit tausend kleinen Ratschlägen, wie sie die gekauften Aepsel I übertrieben, daß Engebretsen erschüttert murmelte: „Sie wissen nichts braten ober schälen sollten, sah er seine 'Mitgesellen essen. Aber so wenig I von — Bogostubow? .... „ . . x n,>^rtuAnnnRrirtoor jemand eine Münze von ihm zu besehen kriegte, ebensowenig erhielt I „Passen Sie mal auf Kapitän , sprach de^r Unie^uHungsrichter jemand von ihm je ein barsches Wort, eine unbillige Zumutung oder ein I scharf, „es handelt sich letzt hier nicht um Schachspieler. Es ha dt sch schiefes Gesicht; er roid) vielmehr allen Händeln auf das sorgfältigste aus I hier ebensowenig um einen Herrn Bpgoliubom, bet oermutlid) mopl ein unb nahm keinen Scherz Übel, ben man sich mit ihm erlaubte; und so Schachspieler, möglicherweise gar ein Schachmeister ist. Sie haben mir neugierig er war, den Verlaus von allerlei Klatschereien unb Streitig- I vielmehr zu berichten, warum Sie Herrn ^'ger Kongsberg aus Ihrem teilen zu betrachten unb zu beurteilen, ba solche jederzeit einen kosten- I Dampfer eingesperrt halten, und nut welchen Kunden Sie bas ver- sreien Zeitvertreib gewährten, währenb andere Gesellen ihren rohen I teibigen. Mit Schach unb Schachmeistern hat Freiheitsberaubung doch Gelagen nachgingen,'so hütete er sich wohl, sich in etwas zu mischen unb I nichts zu tun. Nehmen Sie also bie Gedanken aufammen, Kapitan Enge- über einer Unvorsichtigkeit betreffen zu lassen. Kurz, er war die merk- breifen. Sonft bleiben wir ja immer auf dem gleichen Dleck! würdigste Alischung von wahrhaft heroisd-er Weisheit und Ausdauer und I „Id) spreche bie ganze Zeit von nichts anderem als von Bi g von fünfter fd)nöber Herz- unb Gefühllosigkeit. Kongsberg und mir , gab ber Getadelte mit gleicher Scharfe suruck, „ich Einst war er schon seit vielen Wochen ber einzige Geselle in dem | dachte, Sie spielen selber Schach. Aber ,etzt sehe ich, daß wir aneinander Geschäft, und es ging ihm so wohl in dieser Ungestörtheil wie einem Fisch im Wasser. Besonders des Nachts freute er sich des breiten Raumes im Belte unb benutzte sehr ökonomisch biefe schöne Zeil, sich für die kommenden Tage zu entschädigen unb seine Person gleichsam zu verdreifachen, indem er unaufhörlich die Lage wechselte unb sich vorstellte, als ob brei zumal im Bette lägen, von denen zwei den Dritten ersuchten, fid) doch nicht zu genieren unb es sich bequem zu machen. Dieser Dritte stellen, wie es einem Kapitän zumute ist, der von Kopenhagen nach Danzig und zurücksührt." . , , „Ein Seemann, sollte ich denken, hat Abwechslung genug, als daß er Unsinn anstellen müßte." „Sie sind kein Seemann", äußerte Engebretsen, „sonst waren Sie anderer Ansicht. Sie fahren eben nicht von Danzig nach Kopenhagen." Nach einem kurzen Nachdenken sprach der Kapitän weiter: „Sehen Sie, Herr Untersuchungsrichter, jeder von uns treibt so seinen Kram; und falls man nicht allzu dumm ist, kennt man sein tägliches Handwerk im Schlaf. Was zum Beispiel mich anbelangt — ich fahre jetzt siebzehn Jahre lang zwischen Kopenhagen und Danzig hin und her. Da läuft gewissermaheir das Schiff schon von selbst. Etwas muß man aber doch haben. Nun ... und ich habe das Schachspielen. Wenn ich mich recht besinne, spiele ich das jetzt auch schon fünfzehn Jahre. Jedermann hat seine Leidenschaft. Schade, daß Leidenschaften ein Unglück sind..." „Das verstehe ich nicht", bemerkte der Untersuchungsrichter. „Aber —! So begreifen Sie doch, zum Schachspielen gehören zwei Mann!" „Haben Sie denn nicht einen brauchbaren Steuermann? fragte der Untersuchungsrichter nachsichtig. „Mein Steuermann hat es nicht gelernt", erwiderte Engebretsen bekümmert", und er wird es nie lernen. Ich habe es fünf Jahre umsonst versucht, dann habe ich es aufgegeben. Bei mir an Bord spielt leider niemand Schach... Ja, und dann traf ich den Birger Kongsberg, den Schachmeister von Norwegen...! Verstehen Sie das jetzt endlich. Das war eine Gelegenheit! Eine Gelegenheit, sage ich!" Der Erzählende lächelte von der Erinnerung beglückt: „Am Abend nach der Abfahrt hatte ich ihn ans Schachbrett gelotst. Er gab mir einen Turm und einen Bauern vor. Aber was meinen Sie? Er gewann nach achtzehn Zügen doch!" Mit einer unvorhergesehenen Wendung hatte Kapitän Engebretsen ein kleines Steck-Schach aus der Jackentasche geholt: „Die Stellung war so, schauen Sie nur. So müßte man 'Schach spielen können. Aber was soll man tun? Wenn man wie unsereins auf dem öden Meer herumschaukelt und warten kann, bis der Zusall einen richtigen Gegner herbeischleift. Birger Kongsberg, das war wirklich ein Kerl; der konnte manchen in die Tasche stecken. So etwas von Spielen haben Sie noch nie gesehen: gibt einen Turm und noch einen Bauern dazu vor und — gewinnt spielend. Ein prachtvoller Bursche, dieser Kongsberg!" „Aber deshalb kann man doch nicht —!", bemerkte der Untersuchungsrichter kopsschüttelnd, „deshalb kann man doch nicht einen Menschen gegen seinen ausgesprochenen Willen wochenlang in eine Kajüte hineinsperrcn, Kapitän...!" „Er hat es nicht schlecht bei mir gehabt!" äußerte Engebretsen beiläufig. „Er hatte sein Essen und Trinken und seinen Schlaf. Und obendrein konnte er immer Schach spielen. Was braucht ein Schachmeister eigentlich mehr?" — „Der Kaufmann Birger Kongsberg klagt im übrigen auf Schadenersatz", sagte der Untersuchungsrichter, „denn er behauptet, daß er durch Ihre Schuld einige größere Geschäfte verabsäumt hat. Das wird ziemlich teuer werden." „Ein Schachmeister sollte sich schämen, so zu reden", sprach Engebretsen, „wenn ich, ein einfacher Seemann, schon weiß, daß es nichts Besseres gibt als Schachspielen ... dann sollte es so ein Mann doch erst recht wissen, nicht?" „Kapitän Engebretsen!" Der Untersuchungsrichter erhob verzweifelt die Stimme. „Birger Kongsberg hat doch gar nicht mit Ihnen spielen wollen. Begreifen Sie, Kapitän, man hat im Leben doch auch noch anderes zu erledigen —I" „Das verstehe ich nicht", erwiderte Kapitän Engebretsen böse. Er hielt es für gut, das nutzlose Gespräch abzubrechen. — Winter in einem Städtchen. Bon Norbert Jacques. Wir standen zum erstenmal auf, und die fremde-Stadt war lautlos in weißen Schnee gedeckt. Die Luft stand wie still über dem Städtchen und schloß seine hängenden Gassen, seine kahlen Mulden und Hügelkanten eng und dicht unter dem schweren, niederen Himmel ein. Die ersten Schlitten klingelten in den Gassen, als ob sie in einer großen Stube läuteten. Am ersten Abend rodelten wir schon zwischen den Mädchen und Burschen die lange Kirchgasse hinab. Bom Kapuzinerkloster aus kroch sie in vielen Windungen in die Stadt. Wo wir oben ansetzen, stand der heilige Bischof Gebhard und hatte einen üppigen Halspelz aus Schnee. Er deckte weich feine steinernen Schultern ein und reichte noch ein Stück über den Arm. Dort rodelten wir los und hoppl mitten ins Herz des Städtchens hinein. Alle diese Oertchen am Gebirge sind des Nachts mit Fluten von elektrischem Licht ausgestattet, das von fernen Gebirgsfällen hergetragen wird. Kommt man von draußen aus der Finsternis, so sieht man in die Stadt hinein, wie in einen festlich erstrahlenden Saal. Auch die Kirch- gasse schwamm voll Licht, in dem der Schnee in Pünktchen flimmerte. Flog vor dem bremsenden Schuh ein Springbrunnen von Schnee auf, sprang auf einmal ein Feuerbrunnen um einen... So waren wir vom ersten Abend an wie daheim in diesem fremden Winterstädtchen, und das ist doch das wonnesame Ziel des Wanderers, daß er von Fremde zu Fremde geht und überall ein wenig Heimatgefühl erobert und zurückläßt. Am Morgen durchzogen wir gleich Straße um Straße. Der Schnee überdeckt« die Stadt wie ein kühles weißes Zeltdach. Wir gingen durch die gleichgültigen neuen Straßen und durch die alten Straßen und durch die alten Gassen, kletterten die Hügelsteigen zum alten Schloß hinan und streiften zu den Klostergebäuden ins Tai hinaus. Sie lagen dort verborgen, wie tausend Meilen von Stadt und Mensch entfernt. Den Rodelschlitten zogen wir immer hinter uns her, und wo eine Gasse bergab ging, da sausten wir los. Am schönsten war es da oben im Schloßsteig. Das Schloß liegt um die Kante eines Kegels gebaut und drückt einen stillen kleinen Stadtkreis in die Arme seiner angenagten Festungsmauern. Das bescheidene dicke Kirchlein des Heiligen Martin und ein Torbogen, der ein Haus durchbricht, und einst das Burgtor in sich schloß. Durch ihn glitten wir hinaus und den Hohlweg hinab und die weit über die Mauer geneigten mächtigen Bäume warfen uns den Schnee wie Blumen ins Gesicht. Eine heimtückische Biegung an einer Laterne muhte mit Kunst eingeleitet und genommen werden. Das sah zunächst immer so aus, als wollte man den Laternenpfahl anrennen. Aber dann hui! die Schwenkung. Und gleich arauf der Graben, der die Gasse durch- schneidct, und der einen wie ein Sprungbrett davon wirst, bis wir ruhig und flach tief in die ebene Gasse hineinfliegen. Mitten in eine Bauernhochzeit hinein, die mit vielen Schlitten und Geklingel, mit gewaltigen, breiibesteißten Pferden vor einer Wirtschaft hält. Im ersten Schlitten sitzt die Braut, und alles ist schwarz gekleidet, nur sie hat einen kleinen weihen Schleier, und ihre Backen leuchten wie Aepfel. Die Rosse stampfen in den Schnee und ihre gewaltigen Köpfe werfen die schweren Klingelhalfter auf. Die kalte Luft wirbelt vom Getön. Wie ein Lied fliegt es durch die Gassen. Die Frauen haben die spitzen Chinesenhüte der Gegend auf und ihre Reifröcke bauschen sich in hundert Fältchen. Die Männer scherzen in ruppigen Zylinderhüten und die Frauen nehmen die Scherze mit breitlachenden Gesichtern an. Tagsüber stiegen wir bald immer zum Rodeln zur Fluh hinauf. Man ging anderthalb Stunden bergan zwischen Tannenwäldern. Dann und wann hörten sie vor einem freien Hang auf, der von Schiern kreuz und quer durchzeichnet war. Wir sahen unten das Winterstädtchen über seine Hügel und in seine Tälchen geschmiegt. Es lag da dunkel verworren und weiß eingedeckt wie ein geometrisches Exempel: wohlig verwirrt und zusammengehalten, wo es aus alter Zeit erholten geblieben und in freudlose Gradlinigkeit aufgelöst, wo die neuen Stadtteile ansetzten. Der See schnitt es auf einmal grab ab, wie eine graue Mauer. Man sah nichts von ihm. Man wußte nur: dort liegt er, dieses endlos Graue ist der See. Im weihen Plan vor der Stadt vereinsamten sich die Klöster. Selbst die Türmlein ihrer Kapellen lugten kaum über die Mauer hinaus. Wenn wir dann den Berg überquert und lange nichts mehr vom Städtchen gesehen hatten, und unter uns auf einem Felsen die kleine uralte Kapelle scharf wie eine Burg ins graue Tal vorsprang, ... setzten wir an. Die Tannenmassive, die im Berg hingen, die Schneehalden von Schiern durchzeichnet, die plötzlichen Biegungen flogen; die weiße Straße raste unter uns bergan ... zurück ... die Luft rauschte, der Schnee sprang und zirpte und umwirbelte uns ... der dunkle See ... das auf- gehäufte Winterstädtchen drunten... Es war, als wollten wir ihm in die Arme fliegen. Alles eine wunderbar aufgestaute Masse von Landschaft, die wie ein Strom sich uns ins Herz schlang... Drunten muhten wir den Schlitten ein Stück ziehen, wenn wir heim wollten. Wir kamen dann zum Friedhof hinauf. Er lag wie auf einem Altan über dem Städtchen ... ein weißer Schneegarten mit den traurigen Blumen der alten überdachten Holzkreuze. Dort sahen wir täglich eine alte, verhutzelte, und eingelullte Frau. Und eines Tages, als wir, von der Fluh heimkehrend, am Friedhof verweilten, kam sie den schmalen, ausgekehrten Weg zwischen den Grabern heran und sagte: Grüß Gott! Dabei lachte sie mit einem hohen Glucksern und klapperte lustig mit einem Augendeckel. Ihr Mund schloß sich nicht mehr und wenn einmal keine Worte kamen, so stieß sie ihre hohen Lachgluckser dazwischen, um von der kostbaren Zeit nur nichts lautlos verstreichen zu lassen. Sie ging mit uns bis zum Hl. Gebhard, wo di« Kirchgasse anfing zu fallen. Vom vielen Schlitteln war die Gasse ganz glatt geworden und die Leute strauchelten schimpfend an ihren Rändern hinab. Wir wollten uns aussetzen und sagten: Auf Wiedersehen! Aber die Alte krähte: So nehmt mich doch mit!- Wir lachten. Nun ja, meckerte sie, so «ine Gaffe ist nichts für eine Alte — ... gluckerte und klapperte mit dem linken Auge. Also los! Sie setzte sich hinten auf, wir glitten ab, die Leute lauchzten auf, die Akte gluckerte in hellsten Tönen... Aber wir waren bald unten. „Ich habe einen eignen Wein im Keller!" Wir mußten mit zu ihrem Häuschen. Küferswitwe Merkle stand auf einem Holzbrett. Die Muhme wackelte mit uns in ein holzvertäfeltes Stübchen. Das ist nun mein Kammer!, Jagte sie selig. Und sie drehte sich unter hundert Ausrufen und Aufglucksern mit ihrem verdorrten, verbogenen Leib und mit plätscherndem Geplauder um uns herum, schob uns Stühle unter, schob uns von ihnen aufs Sofa, es quietschte auf, wie ein Starenslug. Auf einmal stand Brot da und bald auch ein Steinkrug, aus dem der Wein duftete, wie eine Hecke im März. Wir aßen und tranken. Der Wein gärte noch ein wenig und war blaßrot. Die Alte plauderte dazu, und wenn wir etwas sagten über ihr Brot, oder ihren Wein, oder das Stübchen oder so, dann wackelte sie vor freundlicher Glückseligkeit wie ein angestoßenes Stehaufmännchen. Mit ihren krummen Fingern griff sie den Krug und goß ein in die dicken Gläser. Dabei schaute sie uns an und immer ging ihr Mund und man verstand auch noch, wenn selbst keine Worte aus den alten klapprigen Lippen fielen. Es war ein seliges, sinnloses Sich-Ausplaudern-können. So saßen wir da, tranken den erdigen Wein und sahen zu den Fenstern hinaus in das weißeingekleidete Gärtlein der Witwe Merkle und auf die mit Schnee behangenen Dächer der Häuser, die hinter dem Gewirr kahler Birnbäume behäbig niedergeduckt zu träumen schienen. Sie hatten alle Sonderlingsgestalten. Ueber ihnen schob sich der dicke Martinsturm am Schloß in die graue Luft. Wir sagten der Muhme, wie das Städtchen unterm Schnee für uns versunken sei und schlummere, wenn wir vom Bergwald heruntergerodelt {änren ... und sie lachte mit lauten Kehltönen, mit hellaussteigenden und plötzlich stehenbleibenden Juchzern: Ja ... ja! und klapperte mit dem linken Augendeckel dazu wie mit Kastagnetten. Sie wuchs, während wir ihren saueren Wein tranken, mit ihren 78 Jahren, ihrer glucksenden verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl',che Universitäts^Duch« und Steindruckerei. X Lange, Dieben. Köslin, Stokp und namentlich Danzig Bedeutung für die Bernsteinver. arbeitung, und besonders Danzig hat im 17. und 18.Jahrhundert, die man als die „klassische Periode" der künstlerischen Verarbeitung des Bernsteins bezeichnen kann, in dieser hochentwickelten Technik unbedingt die Führung gehabt. Es ist wohl anzunehmen, daß ein« beträchtliche Zahl der sehr kost- baren Kunstwerke, die zum Teil ganz aus Bernstein bestehen, zum Teil aber auch sehr bemerkenswerte Einlagen aus Elfenbein enthalten, von Danzig und später auch von Königsberg aus in die Kunstsammlungen verschiedener Höfe gelangt sind, welcl)e diese bedeutsamen Erzeugngse der deutschen Kunstfleihes mit Recht besonders sorgfältig gehütet haben. Ist doch der Bernstein wegen seiner verhältnismäßigen Weichheit sehr leicht zu bearbeiten, während er anderseits infolge seiner Sprödigkeit leicht zer- bricht Der große Reiz, der die Bernsteinarbeiten des 17. und 18. Jahrhunderts auszeichnet, besteht, abgesehen von der künstlerischen Form, in der Bielfarbigkeit dieses Stosses, der übrigens, wie ja allgemein bekannt sein dürfte, kein eigentlicher Stein, sondern das Harz einer vorweltlichen ikicfernart ist. Man kennt vom fast weißen, undurchsichtigen, knochen- ähnlichen Bernstein «ine ganze Farbenskala über gelb, rötlich, braun bi» zu tief dunkelbraunen, fast schwarzen Tönen, und hat als besondere Seltenheit auch grünlich und bläulich schimmernde Stucke gefunden. Einen besonderen Geschmack entwickelten die Künstler der klassischen Bernstein, kunst übrigens in der Zusammenstellung verschledensarblger und ver- schieden durchsichtiger Stücke, aus denen Kassetten, Gefäße, Schalen und Schüsseln, Dosen, Puderfiaschen, figürliche und Relief-Plastiken hergestellt wurden In vielen Museen befinden sich noch zahlreiä^ hervorragend« Stücke von Bernsteingegenständen aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, die auch beute nicht nur durch die Kunstfertigkeit der Schnitzerewn, sondern gerade durch das herrliche Farbenspiel das Auge des Beschauers ent- zücken. Als organische Verbindung unterliegen Gegenstände aus Bern- stein übrigens mit der Zeit auch gewissen Farbveränderungen im Lichte. Derartige Nachdunklungen vermag man jetzt auch künstlich aus physikalischem und chemischem Wege herbeizuführen, und gerade hierdurch hat in den letzten Jahren die Bernsteinschmuckindustrie, die wenigstens in Europa zeitweise etwas ins Hintertreffen geraten war, einen neuen Impuls erhalten. Nicht unerwähnt dürfen aber auch die Bestrebungen bleiben, den Bernstein der eigentlichen Technik zugänglich zu machen. In dieser Hinsicht haben besonders die Staatlichen JBernftemroerte tn Königsberg i. Pr., die heute den weitaus größten Teil des in der Welt gewonnenen Bernsteins verarbeiten, wertvolle Pionierarbeit geleistet. So hat man nicht nur in Ostpreußen die Gewinnung des Bernsteins in dem einzigart gen Tagcbaubetrieb in Palmniken an der samlandischen West- küste weitgehend modernisiert, sondern auch eine befiere Ausnutzung der gewonnenen Bernsteinmengen herbeigefnhrt, die sich nicht zur Herstel lung von irgendwelck>en Gegenständen eignen. D,e früher als Abfall bezeichneten Mengen werden jetzt fein gemahlen und bei höherer Tempe ratur unter Druck zu Stangen und Tafeln gepreßt, aus denen dann ebenfalls Gegenstände, wie Zigarettenspitzen, Perlen und andere Schmuckstücke hergestellt werden. Der weitaus größte Teil der weniger wertvollen Bernsteiilsorten wird ferner in der chemischen Fabrik Zu Palmni eni einer trockenen Destillation unterworsen. Es entweichen dann fluchtige Bel ang teile, wie B e r n ft e i n s ä u r e und Bernstein o ,. und es bleibt als Haupterzeugnis sogenannter geschmolzener Bernstein zurück. Dieser schwarze Bernstein unterscheidet sich nun von dem Rohmaterial wesenill-h dadurch, daß er in vielen organischen Lösungsmitteln löslich ist und daher zur Herstellung von Lacken, und zwar namentlich von Fußboden- und Schisftbodenlacken, dienen kann. Außerdem findet geschmolzener Bern stein noch in der Isolierstoff, und Wachstuchfabrikation Anwendung. Das Bernsteinöl dient zum Teil ebenfalls zur Herstellung von Lacken, ferner aber wird es auch als Holzkonservierungsmittel, als Pflanzen- schutzmittel zur Bekämpfung von Baumschädlingen, als Kernol für Eifen- qießereien verwendet, und endlich dient es auch bisweilen zur Erzeugung von Seifen und Badesalzen und zu einigen medizinischen Zwecken. Die Bernsteinsäure, «ine feste, weiße, kristallisierte Substanz wird gleichfalls zur Herstellung von verschiedenen Arzneimitteln und Deslnset- tionsmitteln benutzt. Ferner dient sie zur Herstellung der leuchtenden Rhodaminsarbstosfe, die in der Baumwoll- und Seidenfarberel ein größere Rolle spielen, und neuerdings verwendet man die Bernsteinsaure auch in größeren Mengen zur Herstellung der in der Elektrotechnik als Jsoliermittel viel benutzten Glyptalharze. Für die Elektrotechnik von Bedeutung ist ferner auch der aus hochwertigen Bernsteinsorten hergestellte Preßbernstein geworden. M eignet sich besonders als Isolationsmaterial und weist gegenüber andere» Stoffen wie Quarz, Paraffin und Schellack, erhebliche Vorzüge auf, die ihn zur Verwendung für elektrostatische Meßinstrumente besonders geeignet erscheinen lasten. . Endlich hat man auch aus Preßbernstein neuerdings Gefäße, wie Schalen, Gläser und Flaschen hergestellt, die zur Aufbewahrung stark ätzender Lösungen dienen können. Die Versuche über die Anwendung»- fäh'mkeit dieser chemischen Geräte sind allerdings noch nicht völlig abgr- schlossen. Endlich sei noch aus eine merkwürdige Eigenschaft von Bernstein- gefäßen bingewiesen, welche von medizinischem Interesse erscheint. Cs hak sich nämlich erwiesen, daß Blut in Bernsteingefäßen erheblich langsamer gerinnt als in anderen Bebältern, und diese Tatsache dürfte z. B. bei Transfusionsversuchen von Wichsigkeit werden. Es ist in weiteren Kreisen viel zu wenig bekannt, daß der Bernstein fast ausschließlich in Deutschland in größeren Mengen gefunden wird (c» werden jetzt jährlich etwa 500 000 kg hauptsächlich aus der sogenannte^, blauen Erde im Tagebau in Palmnicken gewonnen) und daß ungesaM 75 d. H der deutschen Gesamterzeugung an Bernsteinwaren ins Auslano geht. Amerika und die orientalischen Länder, aber auch Mittelafrika beziehen dauernd erhebliche Mengen, und zwar in Formen, die für jedes Land verschieden sind. Fröhlichkeit und ihrem Kappenden Augendeckel, mit ihren gebogenen s Fingern und ihrem wackelnden Leib, ins Stadicheu hinein, wie eines der Häuser, wie die Gassen unterm Schnee. Es war dieselbe schlafende Unbekümmertheit, die vor der Welt versunkene Sorglosigkeit, das unbe- wußte, absonderliche Lachen in der liefe des alten verschrumpelten Herzens unter dem deckenden Schnee der weißen Haare. Aber auf einmal bäumte sich das Leid aus aus dieser rumpelnden Fröhlichkeit. Sie hatte von ihrem Mann erzählt, einem alten Küfer, und einem „saumäßig" lustigen Kerl, der sich zu ihr ins Haus ein- geheiratet hatte. Er war vor zehn Jahren gestorben, das war eine natürliche Begebenheit gewesen. Aber dann fragte einer von uns, ob sie denn keine Kinder hätte... . nr ... Da fiel der linke Augendeckel reglos nieder. Das andere Auge vlin- zelte rasch, der Mund rieb die weichen ölten Lippen übereinander. Tranen sprangen in die Augen, und die krummen Finger druckten in der Erregung zitternd die Brotkrümchen auf, die verstreut auf dem Tisch lagen und pickten sie schnell mit ihren Spitzen an die Lippen, die hin und hergingen und die Krümchen vergeblich zu erhaschen suchten. Die Hande wischten vorbei. Die Krümchen fielen immer wieder aus den Tisch, dazroi- scheu Tränen ... und einige Male wischten die aufgeregten Finger ein Tränchen auf und drückten es an den Mund. Aber der alte Mund merkte nicht, was Brot und was Träne war. „Einen Sohn!" sagte er nach langer Zeit. Und die Lippen zermürbten die Worte, als sie hinzufugte: „Er war dreißig Jahre alt, als er starb." , ..... . Es war für uns ausgemacht, daß sie an besten Grab täglich ging und daß das unglückliche Ereignis sie erst vor kurzem getrosten haben mochte. Vielleicht war er im Krieg gefallen. Wir schauten zu den Fenstern hinaus und suchten nach Trostworten. , Sie sagte plötzlich nach einem langen Schweigen, in dem sie viele Krümchen und viele Tränen aufpickte: „Den hielt einmal im Winter, als der Schnee lag, wie heut, das Städtchen nimmer. Da ist er in die Fremde gezogen und ist gleich nach Afrika gekommen, wo immer Sommer ist. Und da haben die Sauhunde ihn in die Fremdenlegion genommen. Und er dachte immer an seine arme Mutter. Da kam er ins Bett und starb am heißen Fieber und liegt da unten im Wüstensand. , Grinsten nicht die alten hohen Dächer zu den Fenstern herein? Der Wächterturm über ihnen schloß die Augen, rote damals, als der Bursche zum verschneiten Städtchen hinaus in die selig ungewisse Fremd« zog. ... Sie sind verdorben, gestorben... Und noch einmal fällt es aus dem zahnlosen, unruhigen Mund: „Jetzt zu Mariä Lichtmeß werden es fünfundzwanzig Jahre!" Da standen mir die Haare zu Berg... Ein Vierteljahrhundert verwahrt sich das Leid so nah unterm Schnee. Kalt wie ein Klumpen Eis liegt es in dem verschneiten Städtchen, und wenn rundum die Sonne allen Frost aufleckt, der Klumpen Eis bleibt hart und kalt. Wir gingen. Sie krummen Finger der Alten umschlossen unsere wollenen, städtisch gesprengelten Handschuhe mit einem lebenslustigen Druck Der Augendeckel Napperte wie ein Star im Frühjahr. Am nächsten Tag fanden mir sie wieder droben am Grabe stehend, das fein Grab war, sondern nur ein Symbol von der Unerreichbarkeit der heißen Wüste 2l^yber eines Tages strich der Südwind vom Flutztal her über Stadt und Berghänge. Der Schnee schmolz. Am letzten Tag. an dem wir rodelten, trieb die Lust uns schon allenthalben aus den schwarzen Tannenwäldern in schweren warmen Stößen zu. Sie schien voll heimlichen Dranges furchtbar geworden zu fein. Die Sädjer wurden wieder rot. Der See deckte sich auf aus der grauen, wüstenhaften Dunkelheit. Die Luft fnannte sich hoch und dünn. Die Berge drängten tn brauner, glänzender Kraft auf und im Tal erschienen die Alpen In kahler Größe, weit und wild, mit zerhackten Rücken den Himmel erobernd. Drunten in der Stadt wurde eine neue Kugel und ein neues Kreuz auf die Kirche gesetzt. Die Kugel strotzte dickleibig von Gold, und die Turmarbeiter schwebten wie schwarze und große, an die Kugel gefesselte Vögel auf den Gerüsten umher. Zwischen Himmel und Erde... Oer Bernstein. Von Professor Dr. Hermann Großmann, Berlin. Der Bernstein, der bereits in vorgeschichtlicher Zeit zur Herstellung von einfachen Schmuckstücken Verwendung gefunden hat, weist sowohl in künstlerischer wie In technisch-wirtschaftlicher Hinsicht eine so eigenartige Geschichte auf, wie sie kaum bei einem anderen Material zu finden ist. Während in alten Zeiten der in den Ostseegebieten gewonnene Bernstein zu den kostbarsten Stoffen gehörte und auch in der römisck)en Kaiserzeit höher als Gold bewertet wurde, ist in den Zelten der Völkerwanderung und des frühen Mittelalters nur wenig über Bernstein bekannt geworden. Erft die Eroberung des Weichsellandes durch den deutschen Ritterorden führte im 13. Jahrhundert zu einem neuen Aufschwung der Bernsteingewinnung und -Verarbeitung, die allerdings merkwürdigerweise nicht an den eigentlichen Gewinnungsorten, den Stranden der späteren Provinzen West- und Ostpreußen erfolgte, sondern in Brügge und Lübeck, wo sich zuerst besondere Zünfte, die sogenannten Paternostermacher bildeten, welche aus Bernstein die Kugeln und Perlen für Rosenkränze her- stellten. Aber auch der Verkehr mit dem Orient hat trotz der Schwierig- feiten der Transportverhältnisse schon im 13. und 14. Jahrhundert wegen der Kostbarkeit des Materials eine nicht geringe wirtschaftliche Bedeutung gehabt, und lange Zeit hindurch bis in die Neuzeit hat auch Stonftantinopel eine gewisse Rolle in der Bernsteinverarbeitung zu Schmuckstücken aller Art gespielt. Mit dem Niedergang des Deutschen Ordens gewannen aber auch die den eigentlichen Gewinnungsorten näher gelegenen Städte, wie Solberg,