SiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang |95( Montag, -en |9. Oktober Nummer 82 Ernste Stunde. Von Rainer Maria Rilke*. Wer jetzt weint irgendwo in der Welt, ohne Grund weint in der Welt, weint über mich. Wer jetzt lacht irgendwo in der Nacht, ohne Grund lacht in der Nacht, lacht mich aus. Wer jetzt geht irgendwo in der Welt, ohne Grund geht in der Welt, geht zu mir. Wer jetzt stirbt irgendwo in der Welt, ohne Grund stirbt in der Welt, sieht mich an. Die Warnung. Erzählung von Wilhelm v. Scholz. Copyright 1931 by I. L. A. Wien. Ein kleiner Bruch an der Lokomotive, der ein längeres Halten des Zuges auf freier Strecke nötig machte, führte in einem Abteil zu Gesprächen über Fahrtstörung, Eisenbahnunfälle, deren Verhütung, über zufällige wunderbare Errettung Reisender, von denen der eine, plötzlich ertrankt, einen darauf verunglückenden Zug sehr wider seinen Willen habe verlassen müssen, jener kurz vor einer Entgleisung aus dem gefährdeten Wagen in einen andern gegangen war, wo niemand verletzt wurde. Es scheine doch für manche Menschen unbewußte Ahnungen und Warnungen zu geben. Da begann ein älterer Herr, der sich bis jetzt noch nicht am Gespräch beteiligt hatte: „Lassen Sie mich einen solchen Fall erzählen, den ich selber erlebt habe: Ich war auf einer längeren Reise in Kanada. Der Zug fuhr durch einsame Gegenden, in die ich selten hinaussah. Ich hatte mich in einen Roman vertieft, der mich spannte und mich für ein paar Stunden in fremden, erdichteten Schicksalen festhielt. Es waren nicht viel Mitreisende im Zuge. Mit mir war nur noch eine Dame im Abteil, die mich von meinem Roman nicht abzog. Sie saß ziemlich entfernt in einer Ecke und las wie ich. Da ich noch bis zum nächsten Morgen zu fahren hatte, achtete ich nicht auf die Stationen, an denen wir hielten. Die Dämmerung brach früh herein, es war ein grauer Herbsttag. Bis der Schaffner kam, die Lampen anzuzünden, mußte ich mein Lesen unterbrechen. Ich sah ins Graue hinaus; eine dunkle nasse Böschung glitt gerade am Fenster vorbei. Da sah ich zu der Dame hinüber und begegnete ihrem Blick, der sich gleich wieder wegwandte und auf das zugeklappte Buch hinabsank. Ich merkte jetzt, daß sie jung und hübsch war, und begann mich für sie zu interessieren. Ich empfand ein Bedauern darüber, daß sie irgendwo aussteigen und sie gewiß nicht wiedersehen würde. Ich will Ihnen aber keine Liebesgeschichte erzählen, und um Ihnen jede Spannung von vornherein zu nehmen, erwähne ich, daß die junge Dame später meine Frau geworden ist. Das Gefühl, mit dem ich sie damals ansah, scheint mir aber schon mit zu meiner Geschichte von solch einer merkwürdigen Warnung zu gehören, von solch einer Rettung, die außerdem zwei 'Menschen fürs Leben verband. Als ich so zu ihr hinübersah, um dann wieder in meine Gedanken zu versinken, stieg eine wehmütige Heimatlosigkeit in mir auf, der ich nicht wehren konnte und die bald die Bilder bestimmte, die vor meinem inneren Auge vorüberzogen. Ich mußte an das unstete, ruhelose Leben denken, das ich seit meiner Jugend drüben in Amerika geführt, an meine Erlebnisse im Kriege der Nord- und Südstaaten, an meine vielen einsamen Reisen. Unmerklich kam ich immer wieder in Zukunftsbilder hinein und walte mir immer wieder sehnsüchtig ein Heim mit einer lieben Frau und Kindern aus. Ich war schon ein nicht mehr junger Kerl und wollte den Rest meines Lebens nicht ganz verlassen zubringen. Und dabei hatte ich Plötzlich ein ängstliches Gefühl, als ob dieser Rest meines Lebens vielleicht nur noch sehr kurz fein könne. Das hätte ich im Sezessionskriege öfter in unruhigen Stunden vor Gefahren gehabt, während es in drangvollen, wirklich gefährlichen Augenblicken stets einem unerhörten zixv spannen und einem merkwürdigen Sicherheitsgefühl wich. Jetzt konnte ich es kaum abschütteln und griff deshalb, sobald die Lampen angezundet waren, wieder zu meinem Roman, zwang nach in die Lektüre hinein und schaute auch kaum auf, als auf der nächsten Station ein Herr etnftieg «nb sich nach flüchtiger Begrüßung mir gegenüber auf den Eaplatz setzte. "Beim Umblättern sah ich einmal zu ihm hinüber. Er rauchte und las m * Aus dem „Buch der Bilder"; Gesammelte Werke, Band II, Insel- I ^rlag, Leipzig. mit ftarrem »lief, der immer auf dieselbe Stelle gerichtet schien, in einer Zeitung. Mir kam vor, als fei ich ihm einmal irgendwo begegnet- ich tonnte mich aber nicht besinnen, wann und wo. Es mußte wohl vor langer Zeit gewesen fein. Vielleicht, dachte ich, ist es nur eine zufällige aet)nlid)teit und las weiter, als während der Fahrt noch zwei Herren ins Abteil tarnen, die sich neben mich und mein Gegenüber fetzten so daß ich den Buchumschlag, den ich auf das Polster gelegt hatte weg- nehmen und ms Gepäcknetz legen mußte. Dabei sah ich sie an und auch fte tarnen mir bekannt vor, während ich ihnen ganz fremd und gleichgültig zu sein schien. Mir ward unbehaglich, ohne daß ich mir einen Grund wußte Die Herren machten den Eindruck, etwa zehn Jahre jünger zu jein als ich und sich untereinander zu kennen; denn einer von ihnen gab bem Zuerftgekommenen ein Zeitungsblatt hinüber, ohne etwas dazu zu sagen Der nahm es und hielt es so, daß ich den Kopf des Blattes sehen konnte. Mechanisch las ich ihn, und las erst den Namen einer hier in Äanaba fast gar nicht verbreiteten Zeitung aus den westlichen Freistaaten las bann ein mehr als zehn Jahre zurückliegendes Datum und die Ueberschrlft eines Artikels „Sieg der Nordstaaten". Sie werden be- greiflid) finden, daß mir das merkwürdig vorkam. Da wandte einer der Wen, die noch immer kein Wort gesprochen hatten, seinen Kopf zum Gangfenster und wies mit der Hand auf den Artikel, dessen Ueberschrift ich eben gelesen hatte. Ich folgte seinem Blick und bemerkte einen Kopf ber zu Öen anderen Herren hereinsah und auf die Bewegung des Herrn mit der Zeitung flüchtig nickte. Ich war aus meinem unbehaglichen Gefühl jetzt ganz aufmerksam geworden und glaubte im nächsten Augenblick, ich sei heute in meiner fischen Verfassung etwas gestört, daß ich fortwährend Bekannte zu sehen mir einbildete; bei dem Herrn am Gangfenster wiederholte sich dies Gefühl Aber bei ihm wußte ich allerdings sofort, daß ich mich nicht tauschte, daß ich ihm vor zehn Jahren im Sezessionskrieg begegnet war. stand auf, um ihn zu begrüßen, von ihm zu erfahren, wer die anderen seien und dadurch aus der unbehaglichen Lag« erlöst zu werden. Wie ich auf die Ture zuging, verschwand er, und als ich auf den Gang hinaus- trat war die ganze Länge des Wagens vor- und rückwärts kein Mensch zu sehen, außer einem Schaffner, der in ber Nähe der Außentür verschlafen an ber Wanb lehnte. Ich fragte ihn, ob nicht eben ein Herr durch ben Gang gekommen sei; er verneinte. Während ich noch mit ihm sprach traten bie brei anderen Herren aus meinem Abteil heraus unb gingen in ben anschließenben Wogen. Jetzt hörte ich sie sprechen, verstand aber nur, ww der eine sagte: „Natürlich aussteigen!" Ich besann mich währenddessen auf den Namen des Herrn, ber am Gangfenster gestanden ßatte. Da fiel mir plötzlich ein, wie ich mit ihm zufammengekommen war. Er hatte eine Meldung an unser Bataillon zu bringen und Hieb eine Rocht bei uns. Wir tranken zusammen und waren guter Dinge bis er im Morgengrauen fortreiten mußte. Ja — hatte es denn nicht geheißen daß er gleich darauf gefallen fei? Während ich mich noch über das einstige Zusammentreffen mit dem vermeintlichen Toten besann kam ich darauf, daß bie anderen auch solch flüchtige Bekanntschaften aus bem Kriege sein mußten. Und wieder schreckte es in mir auf, unheimlicher und nachhaltiger: waren denn diese drei nicht auch gefallen? Ja ich wußte es bestimmt. Ich Sing unruhig und beklommen in mein Abteil zurück wo mir sogleich die junge Dame mit der Bitte entgegentrat, daß ich ihr beim Herabheben ihres Gepäcks behilflich fein möchte. Ich fragte, ob sie schon am Ziele ihrer Reise sei? Nein, aber sie wolle beim nächsten Halten, wo es auch sei, unbedingt ausfteigen und einen Gasthof aufsuchen. Seit einer halben Stunde fühle sie sich, offenbar von bem langen Fahren, elend. Sie müsse für die Nacht ihre Reise unterbrechen. Ihr Blick war, wie sie das sagte, unstet und suchend, so daß ich auf die Vermutung kam, sie möchte noch einen anderen, schwerer wiegenden Grund haben den sie nicht sagen wolle. Mir fiel jetzt auf, wie hübsch sie war. Ich sagte, mein eigenes Unbehagen bezwingend und eigentlich froh, vor mir selbst einen Grund zum Aussteigen zu habeni — ganz unbefangen zu ihr, ob ich ihr meinen Schutz anbieten dürfte; ich hätte auch etwas Unangenehmes erlebt und würde ebenfalls gern erst morgen Weiterreisen; sie möchte übrigens meinen Vorschlag, nicht mißdeuten. Sie sah mich einen Augenblick voll an, sand mich, wie auch späterhin bei anderen Gelegenheiten, vertrauenswürdig und nahm an. Wir traten mit unseren Handgepäckstücken auf den Gang, es dauerte etwa noch eine halbe Stunde, bann stiegen wir aus. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie wohl mir die kühle Herbstluft tat, wie ich aufatmete, mit welcher Befriedigung ich dem davonfahrenden un- heimlichen Zug nachfah. Er verschwand mit feinen Lichtern in einem Tunnel. Ich nahm mir vor, jetzt gar nicht mehr an die toten Bekannten zu denken und mich ganz meiner neuen Bekanntschaft zu widmen. Wir gingen in ein nahe am Bahnhof gelegenes Hotel, wo wir uns Zimmer anweifen ließen, und trafen uns dann gleich im Speisesaal zum Abendbrot. Natürlich tarnen wir bald wieder auf unsere Flucht aus dem Zuge zu sprechen, und da gestand sie mir, daß es ihr unheimlich geworden sei in dem Zuge, weil der Herr auf dem Gange einem verstorbenen Bruder ihrer Mutter — der übrigens, wie ich nachher feststellte, nie im Kriege gewesen war — so sprechend ähnlich gesehen habe. Worauf ich denn nun auch mit meiner Entdeckung, daß die vier Herren mir als gefallene Kameraden erschienen seien, nicht mehr zurückhielt. In diesem Augenblick kam ein Bahnbeamter eilig herein und trat ans Büfett, wo er hastig etwas erzählte. Leute aus der Küche, die Kellner und einige in der Nähe fitzende Gäste liefen zusammen, und ein erregtes Sprechen begann. Der Beamte ging gleich wieder hinaus. Ein Kellner trat an unseren Tisch heran: „Der Zug, mit dem Sie kamen, ist eben verunglückt." Noch in derselben Nacht langten die paar geretteten Reisenden an. Die vier Herren waren nicht darunter. Ebensowenig waren sie unter den Verwundeten und Toten, die wir beide am nächsten Morgen alle aus dem Tunnel heraustragen sahen. Ich forschte der Sache noch weiter nach, weil ich an etwas Uebersinnliches nicht glaube, es war aber nichts festzustellen: von den überlebenden Reisenden wollte niemand die Reisenden gesehen haben, und der Schaffner, mit dem ich gesprochen hatte, war tot. So blieb die Angelegenheit unaufgeklärt, doch die Tatsache bestehen, daß meine jetzige Frau und ich wie durch ein Wunder gerettet waren; denn der Wagen, in dem wir gesessen hatten, war völlig in Stücke gegangen. Erwähnen möchte ich noch, daß sich in dem Zuge ein junges Hochzeitspaar befand, dessen Leichen umschlungen aus den Trümmern gezogen wurden. Dasselbe Ereignis, das zufällig ihr Leben zerstörte, begründete ebenso zufällig das unsere. Denn ohne die Ahnungsgefühle vor dem Unglück, die wir uns beim Abendessen erzählten und die uns, als das Unglück gleich darauf bekannt wurde, plötzlich wie mit einer dunklen Schicksalskraft verbanden, wären wir gewiß nicht miteinander bekannt geworden und uns nähergekommen. Seitdem ist uns nie wieder etwas begegnet, worin man eine übernatürliche Fügung hätte sehen können. Geschichten vom Wiener Kongreß. Aus allen Wälzern. Von Heipros. Mehr als hundert Jahre ist es her, daß Wien der Schauplatz des denkwürdigsten und prunkhafieften Kongresses war, den die Geschichte Europas kennt. Der Wiener Kongreß von 1815, dieses glanzvolle und begebenheitsreiche Rendezvous der Kaiser und Könige, Minister und Generäle jener Zeit, lebt heute noch in der Erinnerung Wiens. Durchwandert man die alten Gassen der einstigen Kaiserstadt an der Donau, besucht man draußen vor den Toren des Wienerwalds die in Wein und Efeu versunkenen Mauern,, die traumverlorenen Häuschen in Grinzing oder Sievering, dann kann man über so mancher Haustür eine kleine Marmortafel bemerken, wo in goldenen Settern ein berühmter Name von 1815 eingemeißelt ist. Ja, hier haben sie gewohnt, die hohen und höchsten Herren, wenn sie sich ein paar Tage Ruhe gönnen wollten von den stürmischen Sitzungen oder den noch stürmischeren Ballfesten. Oder wenn sie in den Armen irgendeines goldigen Wiener Mädels die schönsten Stunden des Wiener Kongresses verbrachten. Schon damals sangen sie das Lied: „Es wird a Wein fein und wir wer'n nimmer sein. Und es wird Mäderln geb’n — und wir roer’n nimmer leb’n ..." Wien beim Wiener Kongreß, das war noch eine Zeit! Die Ufa hat einen Tonfilm hergestellt, in dem dieses herrliche Wien von 1815 geschildert wird; das Wien an den grünen Tischen der Potentaten und Minister und das Wien der Feste und Fröhlichkeiten — beim Wiener Kongreß. Die Liebesgeschichte des großen russischen Kaisers Alexander I. mit einem süßen Wiener Mädel, einer simplen Putzmacherin, spielt sich im goldenen Rahmen des Wiener Kongresses ab. Ist diese Begebenheit wahr oder ist sie ein Märchen? — Diese Frage bedarf keiner Antwort: damals war alles möglich. Und ein Blick in die alten, vergilbten dicken Wälzer, in die Literatur jener Zett bestätigt das. Im Jahre 1821 zum Beispiel erschien in Wien beim Hosbuchhändler Anton Lechner ein bescheidenes Büchelchen: „G'schichten vom Wiener Kongreß". Ein gewisser Ferdinand Pauspärtl hat sie geschrieben. Er ließ sich sechs Jahre Zeit — um alles das niederzuschreiben, was sich so — hinter den Kulissen des Kongresses gewissermaßen — abgespielt hat. Sechzehn kleine, amüsante Erzählungen, deren jede einen der bedeutendsten Männer des Kongresses zum Helden hat. Zum Helden eines galanten Abenteuers selbstverständlich. Aus diese Avantüren beziehen sich die heute noch „lebenden" Marmortaseln. Am ergötzlichsten die Geschichte eines preußischen Ministers, der jeden Tag nach der Wachau kutschierte, um ein Wäschermädel kennenzulernen. Er hatte das Mädel in den Straßen Wiens gesehen, seine Diener eruierten auch ihren Namen und wo sie wohnen sollte. Aber sieben Tage lang fuhr der Minister erfolglos in der Wachau herum. Viel später erst stellte es sich heraus, daß der Diener-Detektiv, ein braver Berliner, die Adresse falsch verstanden hatte. Das Mädel wohnte nämlich in der Praterau, wienerisch ausgesprochen „Pradrau", die nicht nur ganz entgegengesetzt von der Wachau liegt, sondern geradewegs hinter dem Quartier des Ministers sich befand. Der Wiener Berichterstatter enthält sich aber nicht der Bemerkung, daß der Herr Minister am achten Tage sich mit einem anderen Wäschermädel getröstet hat. Ein anderer, bestimmt völlig unparteiischer Beobachter, ein gewisser Olaf Langström, berichtete in einem schwedischen Heftchen über „Begegnungen auf dem Wiener Kongreß". Auch er reserviert einen Teil seiner Druckschrift den inoffiziellen „Begegnungen". Er meint, daß dieser Kongreß keinem Fest der alten Römer nachstünde. So opulente Festessen, so ausgelassene Tanz- und Maskenfeste, und solch eine begeisterte Anteilnahme der Bevölkerung wäre seit Neros Zeiten nicht mehr dagewesen. Er erzählte allerdings auch davon, daß sich damals mehrfach Selbstmordversuche ereignet hatten — von jungen Wienern. Weil die feschen, fremden Herren den Wiener Mädels die Köpfe verdrehten und die Herzen «rollerten, wie es in diesem Ausmaße bisher noch nie der Fall gewesen war. Und da sich die höchsten Herrschaften höchstpersönlich bis in die verstecktesten Winkel der Praterau bemühten, durfte es nachher nicht iibcl- genommen werden, wenn dero Dienstpersonal es genau so hielt. Wassili Strogabaschow, ein russischer Student, der damals in Wien studierte, hak später in seiner Schmähschrift gegen Alexander I. dessen Wiener Aufenthalt zur Zeit des Wiener Kongresses stark kritisiert. Er schreibt, daß Alexander I. einer jener Herren war, der meistens „fehlte", wenn es um wichtige Beschlüsse ging. Er wirft den russischen Anarchisten jener Zeit vor, daß sie nicht die Abwesenheit des Kaisers zu einer Revolution benutzt hatten. Damals, so schreibt er wörtlich, hätte der Kaiser wahrscheinlich erst etwas erfahren, wenn alles vorübergewesen wäre. Allerdings verhehlt er nicht, daß Fürst Metternich den größten Anteil an den vielen Absenzen des russischen Potentaten hatte. Strogabaschow will die Beweise dafür haben, daß Metternich das junge Mädchen, dem Alexander seine „Freizeit" so ausgiebig widmete, für diesen „Dienst am Vaterlande" sehr nobel honorierte. Eine Behauptung, die sich später als völlig erlogen herausstellte. In ähnlicher Weise spöttelte Hans Joachim von Gleichen, ein deutscher Adliger, dessen Rang und Heimat nicht mehr festzustellen ist, über den genialen österreichischen Minister. Seine Broschüre, „Metternichs Schatten über dem Wiener Kongreß", ist eine ironische Betrachtung über die Tätigkeit Metternichs als Minister. Wenn er auch zugeben muß, daß Metternich alle Fäden in der Hand hielt, daß ihm alles gelang, was er — wie sich später herausstellte — vorher genau zu erreichen beabsichtigte, so rügt er die unfaire Art, deren sich ein Diplomat von solchem Format nicht bedienen durfte. Bei Herrn von Gleichen kommen auch die Wiener Maderln sehr schlecht weg. Ihre Leichtlebigkeit und ihr allzu offenes Herz haben es dem gestrengen Herrn angetan. „Nicht einmal im Rheinland", so schreibt er, „würde man solche Frivolitäten dulden!" Es muß dazu gejagt sein, daß von Frivolität in keinem Fall die Rede sein konnte. Gerade von den Wiener Maderln behauptete man immer das Gegenteil. Wahrscheinlich hatte Herr von Gleichen persönlich unangenehme Erfahrungen gemacht ... Horrors de Balzac schrieb ebenfalls eine kleine Novelle über den Wiener Kongreß, die in dem Bändchen „Aventures amoureuses" erschienen ist. Es ist die Geschichte von dem französischen Ofizier, der seiner Wiener Braut ein Medaillon zur Erinnerung zurückließ. Viele Jahre später kommt er nach Wien zurück, um das Wiener Mädel zu heiraten. Er findet sie nicht mehr. Sucht tage- und wochenlang nach der Frau. Bis er einmal ins Theater geht. Eine Soubrette tritt auf. Sie trägt (ein Medaillon. Und nach der Vorstellung erfährt er, daß die Soubrette (eine Tochter ist. Balzac schildert diese Liebesgeschichte, die ihren Anfang beim Wiener Kongreß nimmt, in pariserisch-amüsanter Art, nimmt die Sache mit der verlorenen Frau weniger tragisch, als sie vielleicht ist und widmet dafür dem Zusammentreffen des Vaters mit der Tochter ein paar wunderbare Zeilen. Doch — das ist bei Balzac besser nachzulesen. Croyce Hughesnew war ebenfalls Augenzuge des Wiener Kongresses. Er nennt seine Schrift einfach „Stories of the Wiener Kongreß"; sie erschienen 1817 bei Lyonei Stuart in London. Um es vorweg zu nehmen: sein englisches Blut rebellierte. Wie können sich Hoheiten, Fürsten, ja Könige derart unadelig benehmen?! Wo soll da die Ehrfurcht vor der Jahrhunderte alten Tradition bleiben?! Solange die Feste in den Prunksälen der Schlösser abgehalten wurden, war er zufrieden. Als aber die Teilnehmer des Kongresses sich nicht scheuten, mitten im Volk zu erscheinen, um in Weingärten ober Parkanlagen mit Handwerkertöchtern anzubandeln, da versteht der Engländer die Welt nicht mehr. Er malt seinen Landsleuten diese herrlichen Wiener Tage in den grauesten Farben vor, beschwört sie, seinen Zeilen Glauben zu schenken und nicht etwa auf ähnliche Gedanken zu kommen. Daneben schildert er dann in höchst undezenter Weise die Abenteuer verschiedener hoher Herren allerdings nur solcher, mit denen das englische Imperium auf schlechtem Fuße stand. — Als Hughesnew Jahre danach einmal nach Wien tarn, wo man feine Schrift inzwischen kannte, wurde ihm ein übler Streich gespielt. Obwohl er selbst vor dem Besuch der „düsteren Weingärten" (gemeint sind die weltberühmten Wiener Heurigenschenken in den Vororten) gewarnt hatte, suchte er eine von ihnen auf. Der Gasthofbesitzer, bei dem Hughesnew wohnte, war ihm gefolgt und denunzierte ihn jetzt. Er wurde nicht etwa verprügelt oder begossen, nein, er muhte nur trinken; immer wieder wurde sein Glas gefüllt, bis er so voll war, daß er eine Fregatte vom Stephansdom nicht unterscheiden konnte. Dann packte man ihn in eine Droschke und setzte ihn — am frühen Morgen — vor den Toren der englischen Gesandtschaft auf die Erde. Von seinem zweiten Besuch in Wien hat er denn auch nichts mehr berichtet. Es war eine wunderbare Zeit — damals in Wien beim Kongreß. Es wurde politisiert, es wurde gekämpft, es wurde geliebt und es wurde getanzt. Es waren die herrlichsten Tage, die die Kaiserftadt an der Donau je gesehen hat. Und in dem Erich-Pommer-Film der Ufa: „Der Kongreß tanzt" wird es in Eric Charells Inszenierung noch einmal aus- erstehen, das singende, klingende Märchen von Wien. China musiziert. Von Anton L ü b k e. Zu den Dingen, die dem Reisenden im fernen Osten, besonders aber im Reiche der Mitte des ehemaligen Sohnes des Himmels, beim Besuche von Tempeln, Volksbelustigungen oder beim Begegnen singender Kulis als ihm unverständliche Erscheinungen auffallen, gehören sie Musik und der sie begleitende Gesang. Diese krächzenden Geigen, diese verstimmten Lauten, Zithern und Flöten, das Rasseln von Holzklappern, das Klimpern auf allen möglichen Saiteninstrumenten, das Dröhnen von Pauken, das Anschlägen von Bronzeglocken, — alles dieses ist ganz anders als das, was wir uns unter einer harmonischen, melodiösen und dynamischen Musik vorstellen. Man bekommt beim ersten Anhören dieser Musik und dieser Gesänge vielmehr den Eindruck, als ob es sich hier nur um die Freude der Beteiligten an möglichst großem Lärm handele und nicht um ein musikalisches System. Der Fremde, der in China weilt, wird die Musik mei|t als Begleitung von Gesängen oder als Begleitmusik der aus offenem K bringen, sondern nur im Verein mit dem eignen geformten Laut. 5>ot)( wissen wir nicht, wie die alte Musik der Acgypter, Babylonier, ~ wii iiiivic uic uuc vviia111 uci ajuvijiuihvi, Griechen und auch die der alten Chinesen geklungen hat. Die Noten der Markte aufgebauten Theater kennenlernen und betrachtet dann gewöhn- ich diese Geräusche als einen unerhörten Lärm, der ihm recht wenig behütet, such wenn er noch so modern eingestellt ist. Er wundert sich über olche Musik, die oft stundenlang andauern farm, ohne daß das sich auf len Bänken vor dem Theater schiebende Publikum auch nur im geringsten «on diesen Tönen beeinflußt wird, bis dann plötzlich irgend ein Musiken und die mit ihr verbundene Wendung und Stellung eines Schau- xielers wahre Beifallsstürme entfesselt, die ebenso unverständlich sind, wie >ie Teilnahmslosigkeit, mit der die anderen Szenen und musikalischen Liorträge an den Zuhörern vorüberzogen. Wenn dann tagelang durch die Straßen der Chinesenstädte gerade diese mit so großem Beifall aufge- tommenen Tonfolgen, wie bei uns ein Schlager, vom Straßenpublikum jungen werden, dann ahnt man, daß diese Musik für den Chinesen doch twas anderes bedeutet, als nut willkürliche Geräusche mit der Kehle oder Järminftrumenten. °'ch« übel, , Wien : dessen üifiett. 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Gerade die Bambusslöte ist im fernen Osten noch immer eilt beliebtes Sftrument, zu der die kleine, einer Sanduhr ähnliche Trommel kommt, die lr t den Händen und den Fingern geschlagen wird. Beide Instrumente Üben nicht nur in China ihre Bedeutung, sondern auch in Japan, wo die Eitler und Straßenmusikanten sie.gerne benützen. Aber das sind nicht dir einzigen Instrumente, welche China sich bis zum heutigen Tage durch 1,1 die Jahrtausende hindurch erhalten hat. Es dürfte vielmehr kein «rüderes Volk der Welt geben, daß soviele Musikinstrumente hervorge- «ducht hat wie gerade das chinesische Volk, und man kann wohl aus dem gülter dieser Instrumente schließen, daß die Chinesen auch als die Er- Ililder vieler Musikinstrumente anzusprechen sind. Rechnet man die Jn- |ihumente hinzu, die von auswärts nach China kamen oder dort andere ■iftrumente beeinflußten, dann erreicht ihre Zahl die Höhe von über MD. Unter den klassischen Instrumenten sind zwei zitherartige Jnstru- || >« nie von jeher von großer Bedeutung gewesen, und zwar K'in und Si. Botr Zeit des Kaisers Schun (2250 v. Chr.), als die berühmte Schoo - Dusik entstand, hatte das K'in-Jnstrument fünf Saiten, die aber später äf1,1 der Tschouzeit auf sieben vermehrt wurden. L Das Si-Inftrument ist ebenso alt wie das K'in, besaß-aber 50 Saiten, »Pier 25 Saiten. Diese beiden Instrumente, von denen das Si das K'in leitete, werden in dem schon erwähnten Volksliederschatz erwähnt und | inten als die Harmonie einer glücklichen Ehe. Von ihnen werden alle I glichen anderen Instrumente abgeleitet, wie die Pi-Pa-Lauke, die «°-ii-Sien-Zither, die Mondzither und die Erl Hu, eine Röhrengeige, ’ii natürlich allesamt nicht im entferntesten im Tonvolumen an unsere BWtönenben modernen Instrumente heranreichen. H Unter den alten Blasinstrumenten, die in der Volksliedersammlung k' Konfuzius ebenfalls schon erwähnt werden, nimmt das ?)ü oder Mb eng, das aus 12, 13, 19 ober 36 Bambusröhren bestand, die mit Mirierenden Zungen versehen waren und als die Vorläufer unserer Müigen Orgel anzusehen ist, eine hervorragende Rolle «>n und zwar «dchalb, weil die Erfindung dieses Instrumentes den Chinesen Seram | ’fung gab, eine Harmonielehre aufzubauen. . Gs verbindet sich mit der Erfindung der Bambusflöte auch eine sehr | reffante Sage, nach der der mythische Herrscher Huang T>, der Herr j [N gelben Erde, feinen Minister Sing Lun beauftragte ben (Srunbton II Rng Tschung, unserem C entsprechenb, zu erfinben. Ling Lun ging ""auffjin in bas Kun-Lun-Gebirge, wo er eine bestimmte Bambusart I fußte, bie sich für die Verfertigung der Flöten eignete und schnitt dann ■Rif Flöten von bestimmter Länge, aus denen ^r die zwols Tone «llüe. Neben den Saiten- und Blasinstrumenten hatten die Chinesen » eine Reihe anderer Instrumente. Die Schlagzeuge, die aus Stein, ff'lrn, Bronze und Holz bestanden, waren in China fo entwickelt, daß ' «Mein 40 Arten von Pauken und Trommeln gab, von denen viele lÜe noch auf Trommeltürmen oder in Tempeln benutzt werden. ft* • „ turf!' Wenn chinesische Musik und Gesang zuerst so wenig Eindruck auf den tremben machen, so hat bas seinen Grunb darin, daß diese Musik nicht Die die europäische sich auf Harmonie und Vielstimmigkeit aufbaut, son- !crn daß im Wesentlichen Rhythmus und Melodie vorherrschen, wie dies \i bei der Musik aller alten Völker der Fall war. Die Musik, soweit sie leute noch als ursprüngliche chinesische Schöpfung fortbesteht, ist eben ein Überbleibsel der antiken Musik, die als magisches Zaubermittel bei religiösen Festen, in Tempeln ober bei fürstlichen Feierlichkeiten im Gebrauch »ar. Denn bie Musik sollte nichts anberes bewirken, als eine Besriebigung ler Sinne unb der Sehnsucht des Menschen oder die Schaffung einer sormonischen, seelischen und staatlichen Ordnung. Sie galt gleichsam als liebet, wie ja auch die Theater als ein Opfer an die Götter angesehen »urben. Die Laute ber Natur, Donner, Winb, Sturm, Wasserrauschen md Gesang ber Vögel, würben dem alten Chinesen schon vor 5000 Jahren lie ersten Vorbilder für feine Tonkunst, die eine sehr interessante Seite Irr chinesischen Kulturgeschichte barfteüt. Das Buch ber Lieber, „S ch i s i n g", beispielsweise, bie schöne, unserem „Des Knaben Wunderhorn" ynelnde Volksliebersammlung, bie China Konfuzius (500 v. Chr.) oerbanten hat, ist ein Beispiel bafür, in wie hohem Maße Lieb unb ton in China schon vor unserer Zeitrechnung verknüpst waren. Ja, Kon- ßzius selbst, ber größte chinesische Philosoph, der ein leibenschaftlich aus« oenber Musiker war, baute fein ganzes System auf dem Geiste der kkllsik und den in ihr wohnenden Prinzipien der Formenschönheit und Anmut auf. Entsprechend der Auffassung der alten Chinesen unb ihrer Philosophie, baß der Mensch das Maß aller Dinge fei, wurde die Musik eich stets in Berbindung mit dem Gesänge gebracht, d. h. die Musik bereitete den Gesang, uni damit anzudeuten, daß das Instrument allein i'cht imstande fei, die jeweilige Stimmung des Menschen zum Ausdruck Manche von den genannten Instrumenten werden als Soloinstrumente ihren Dienst getan haben. Aber es wäre verkehrt, sie allesamt nur als sulche zu betrachten. Denn auch die alten Chinesen kannten schon die orchestrale Wiedergabe der Musik. Aus der alten Geschichte Chinas wirb berichtet, baß biefe Orchester oft 700 Mann umfaßten, von benen ein Teil >m Saale, ber anbere im Hose musizierte. Das Zusammenwirken einer fü großen Zahl zarter Instrumente dürste sehr gut geklungen haben. Zu allen Zeiten hatte die chinesische Musik im fernen Osten einen großen Rus. Die Japaner kamen schon im Mittelalter von ihrer Insel herüber, studierten Musik in China und nahmen das Gelernte nebst den Instrumenten mit in ihre Heimat, wo es bis zum heutigen Tage in hohen Ehren gehalten wird und im Grunde genommen dieselben Instrumente zu finden sind wie einst in China. Noch heute wird bei der japanischen Kaiserkrönung bie berühmte Friedenssymphonie des chinesischen Kaisers Tai Tsung (627—650 n. Chr.) gespielt. Alte Liebe. Novelle von Alsred Bock. (Fortfetzung.) Er legte des Vetters Verhältnisse dar, strich ihn barbarisch heraus unb meinte, jebes Mäbchen könne sich glücklich schätzen, in so ein gemachtes Bett zu kommen. Die Lehrmunden, insgeheim gleich Feuer unb Flamme, legte lief) bie größte Zurückhaltung auf. Sie gebe bei ihrer Kränklichkeit das Mäbchen nur ungern her. Die Karoline fei jung unb könne noch warten. Dem Abam ging ber Munb wie geschmiert. Er erzählte bie Vorteile ber Heirat an ben Fingern her. Die Gelegenheit sich entschlüpfen zu lassen, fei einfach unverantwortlich. Die Lehrmunben sagte, wenn geheiratet werbe, trügen alle Aecker Weizen, man könne nicht wissen, wie ber Hase laufe, sie werbe sich erst ertunbigen. Falle bie Auskunft gut aus, könne man weiter reben. Das letzte Wort habe die Karoline zu sprechen. Wolle ber Freiersmann mit feinem Vetter heut einmal vortreten, habe sie, die Mutter, nichts dagegen. Die fo vorbereitete Zusammenkunft fand am Nachmittag statt. Die Karoline, die städtische Kleidung trug, war von mittlerer Gröhe, hatte ein volles rundes Gesicht und dunkle Augen. Obschon sie ein wenig zur Fülle neigte, waren ihre Bewegungen rasch und geschmeidig. Sic erzählte, der Kaufmann Gernhardt in Lauterbach sei ihr ein strenger Lehrherr gewesen. Es sei ja bekannt, daß er viel von seinen Leuten verlange. Er habe ihr kürzlich geschrieben, habe ihr angeboten, wieder auf ihren Posten zurückzukehren, doch wolle sie weiter und gedenke eine Stelle in Frankfurt anzunehmen. Man merkte es gleich, sie hatte was los und war in allen Sätteln gerecht. Der Meister empfing den günstigsten Eindruck von ihr. Auf der Heimfahrt kleidete er fein Urteil über sie in die Worte: „Die ist nicht von gestern und kann die Welt schon bannen!" Der Schwickartsadam setzte darauf: „Möderchen gibt'? hier und da, aber sie sind nicht vom selben Zeug. Du müßt'st die Karoline einmal in der Arbeitsschürz sehen. Die hält mit vielem Haus und kommt mit wenig aus. Ehnder, daß sie dir weg- geschnappt wird, greif zu. Das heißt, wann sie dich nimmt!" Wie oft der Adam in der Folgezeit die Fahrt nach Wallenrod unternahm, blieb fein Geheimnis. Als ein vollendeter Freiersmann führte er bie Unterhandlungen bald soweit, daß -die Lehrmunden und ihre Tochter beim Meister Allerhand zur Beschauung erschienen. Vom Keller bis zum Boden hinaus ward des Krämers Haus aufs genauste besichtigt. Zwei Wochen später sprach die Karoline das entscheidende Ja. In aller Stille wurden die Brautleute zusammengegeben. Am Tag, da die junge Frau ihren Einzug hielt, entlud sich über dem Dorf ein schweres Gewitter. Der Blitz schlug, ohne zu zünden, in den Kirchturm ein. In der Nacht daraus wütete ein wahrer Orkan. Der Kobes am Wolfseck behauptete, er habe den wilden Fuhrmann gesehen und befürchtete Unheil für bie neue Eheschaft. Die Karoline begann ihr Regiment bamit, daß sie Dortel, die Magd, ihres Dienstes entließ. „Die Drucksern", sagte sie zu ihrem Mann, „läßt den Besen am Boden liegen unb ist so faul, baß ein anbrer für sie niesen muß!" Ohne baß sie Hllse in Anspruch nahm, ging bie Karoline ans Werk, im Haus, wo vieles vernachlässigt war, roieber gründlich Ordnung zu schaffen. Sie holte aus dem Schrein das Zinngeschirr, das der Meister von seinen Eltern geerbt hatte, und rieb es spiegelhell, sie machte ben Sparherb, bie Scheiben unb Schlösser blank, daß alles einen festlichen Anstrich gewann. Ordnung war ihr das halbe Leben. Das Kramlädchen mit feiner geringen Losung tarn ihr, die in einem größeren Geschäft gewesen war, äußerst unbedeutend vor. In der Kasse waren die Markstücke dünn gesät, beim Gernhardt in Lauterbach wurde ein bißchen mehr auf die Zündpfanne gelegt. Spielend tat sie, was zu leisten war. Bei Gelegenheit sagte sie ihrem Mann: „Du machst ein groß Gesprauz von dem Lädchen. 'S ist nicht soviel wert, als man vom Nagel schabt. Wer nicht vorwärts geht, kommt zurück. Bau erst einmal um. Du hast ja das Geld und tust dir nicht weh. Du kriegst's dreidoppelt wieder heraus. Auch deine Ware ist zu gering. Wie kann man so Zeug sich auf= brennen lassen! Was nix taugt, ist umsonst zu teuer. Bei dir wird viel zu viel verschmolzen. Was die Leut auf dem Krämermarkt kaufen, hältst du nicht feil. Du könnt'st einen ganz anderen Zulauf haben. Ich kenn mich in dem Handel aus. Laß mich nur machen, ich bring’s in Zug!" Der Meister zog bie Brauen zusammen. „Du haft große Rosinen im Kopf. Ich bin dafür nicht zu haben. Ich will mir das Feld nicht zwerch machen lassen. Ich hab draußen ben Butterhanbel, hier bleibt alles beim alten!" Im Dorf war bie Karoline wenig beliebt. Sie habe eine Elle verschluckt, wurde rafaunert, womit ihr Hochmut gekennzeichnet werden sollte und bas städtische Wesen, bas sie angenommen. Man gab jeboch zu, sie wisse, wo Barthel ben Most hole, lasse sich kein I für ein U vormachen. Wenn ber Meister auf feinen Geschäftsreisen war, hatte er viele Eisen im Feuer. Dessenungeachtet blieb ihm Zeit, über feine zweite Ehe nach- schlickern tonnt' frei an. Hauptes hinaus. Setj 2-rantwortlich: Dr. San» Thyrtot. - Druck und Derlag: Drühl'sche UniversitätS-Duch- und Steindruckerei. L. Lange, Sieben- die hii| W unti Er trat nahe an sie heran. „Du bleibst daheim!" Sm bin. die Übe M lii)! Plai Adi »en Ni ®et mit an bet Meister Allerhand mit. Sie gestand: des Meisters Geld Hochzeit war der Leopold es zerschnitt ihr die Brust, nur mit dem herumziehen ich dir einen Sie sprang in die Höhe. „Bliwwesi geblasen, ich tanz!" abwarten, muß das Beste hassen!" Der Herbst streute seine bunten Farben aus. Noch ein paar Tage, daß sich über Wiesen und Hängen die Falter im flutenden Sonnenschein wiegten, daß in hochstämmigen Wäldern ein einsamer Bogel sein Mar- genlied fang, bann stiegen die schwarzgrauen Nebel auf und hüllten alles in frostige Schatten. Die Feldfrüchte waren eingebracht, Scheunen und Böden waren gefüllt. „Eine Mittelernte!" sprachen die Bauern, die immer etwas zu quengeln hatten. Alle tonnten zufrieden sein. Freilich hatten sie sich tummeln müßen, daß ihnen der Buckel trachte. .Jetzt forderte die Freude ihr Recht. In acht Tagen sollte Kirmes sein. Das ganze Dorf stand auf dem Kopf. Gäste wurden von auswärts erwartet, jeder wollte großbratschig zeigen, was Küche und Keller baten. Die Mädchen vervollständigten ihren Staat. Die Burschen wanderten in die Stadt, ihren Schätzen allerlei Putz zu taufen. „Die Kälber spielen, 's gibt gut Wetter!" hatte der Trittchesmacher vertllndet, aber er war ein schlechter Prophet, denn es goß vom Himmel, wie mit Kübeln geschüttet. Für die junge Welt ein großer Verdruß. Vom Tanz im Freien war feine Rede. Zum Kirmeshaus wurde der „Stern" ersehen. Der Sonntag tarn mit Regen und Wind. Burschen und Mädchen traten mitsammen den Kirchgang an. Nach dem Gottesdienst zag die Mußt durchs Darf und spielte einen flotten Marsch. Am Nachmittag begann der Tanz. Wenige Tage zuvor hatte die Karoline einen Bries erhalten, den sie mit klopfendem Herzen las und verbarg. Dem Meister Allerhand war an der Kirmes nicht viel gelegen. Als Geschäftsmann aber, der auf feine Kundschaft Rücksicht zu nehmen hatte, fühlte er sich verpflichtet, mitzuhalten. Während seine Frau in den Tanzsaal ging, begab er sich in die unmittelbar daranstoßende Stube, wo die Männer beim Kartenspiel saßen. Er wurde mit einem lauten „Prost Kirmes!" begrüßt. Der Hackepitscher hatte andauernd Pech und schrie: „Krieg die Krammenot! Ich mach nicht mehr mit!" Für den Drückeberger sollte der Beigeordnete eintreten, ein farger Filz. Der lehnte mit den Worten ab: „Mein Kartenspiel heißt: „Guck zu!" tonnt’ft. Das Getäts ist Albernheit. 'S geht Gut geheiratet spürt man sein Leben lang!" mit Ich» ttiti i»d Die Mutter tnotterte: „Unverstand, wie du zudenten. Reichlich zwanzig Jahre war er älter rote seine Frau, doch galt er ihr nicht als Respektsperson, geschweige, daß sie sich zutultch zeigte Sie führte feine Galle im Mund, ^war nicht zimperlich, trotzdem guckte sie ihn an, als wollte sie sagen: „Schlimmer wie schlimm wird s wohl nicht werden!" Jüngst hatte er beim Dippelouis eine schone irdene Schüssel getauft. Darauf stand geschrieben: „Die Eheschaft ist gut und fein wenn zwei gern bei einander sein." Ein paar Tage danach war die Schüssel zerbrochen. Hatte es die Karoline mit Absicht getan oder war es Zufälligkeit? Wer kannte sich im Kalender der Weibsleute aus! In der Wohnstube stand der Großvaterstuhl. „Der ist wackelig", meinte die Karoline, „den kann man bei’s alte Gerümpel schmeißen. „Nix da'" sagte er voll Dampf. „Aus dem Stuhl hat mein Vater und mein Ellervater gesessen. Der hält mich und dich noch aus!" Ihr Sinn war immer auss Neue gerichtet, er spann seinen alten Faden weiter. Von der Marie her war er an das Stille, Friedsame um sich gewohnt, in der Karoline war eine Unruhe, zum Verzwatzeln! Sie zogen halt nicht an einem Strang. Nun hatte er daheim die Lücke gestopft, konnte auswärts seine Geschäfte machen, und es war ihm doch nicht wohl dabei. nichts über fatt und warm. Gut geheiratet spürt man sein Leben lang!" Sie hatte der Mutter den Willen getan. Nun saß sie im Hanf, hatte satt und warm und fam sich daneben und unselig vor. Sie fühlte die junge Kraft in sich und könnt sie nicht brauchen. Sie war hier nicht am rechten Platz. Sie mußt es unter die Schürze halten, heimlich sprach sie's bei Tag und Nacht: einmal verspielt und zehnmal bereut! Wenn sonst im Dorf eine Eheschaft ohne Einklang war, warfen sich Mann und Frau Gehässigkeiten an den Kopf, wohl auch Kartoffelstößer und Kroppen. Nicht so der Meister Allerhand und die Karoline. Beiden waren die Augen aufgeschnappt, aber sie hielten die Zunge im Zaum und hüteten sich, ins Gespreng zu kommen. Eins ging neben dem andern her, sie taten nichts, dem Uebel zu steuern. Der Schwickerisadam, der durch neun Türen sah. dachte: „Zwei harte Stein' und zwei Storrekopf' reiben sich aneinander ab. 'S ist alles schon dagewesen. Man muß es „Stern" zurück. In der Männerstube hatte sich unterdessen etwas zugetragen, das für die bäuerlichen Hartkopfe ungewöhnlich, ja ungeheuerlich war. Der Hacke- pitfcher und der Trittchesmacher, die in offener Feindschaft lebten, hatten sich unter dem Einfluß der Festtagstimmung die Hände zur Versöhnung gereicht. Das Ereignis wurde gehörig mit Bier und Schnaps begossen. Ein Mißton kam in die Lustigkeit, als der Aumüller, der zu tief ins Glas geguckt hatte, sich an den Meister Allerhand wandte und mit schwerer Zunge sprach: „Wann unser Herrgott einen alten Knorz strafen will, gibt er ihm eine junge Frau. Hast du ihr dann ordentlich Fäng gegeben?" Der Meister, der bei all dem Gelärm in Gedanken verloren da- gefessen hatte, verfärbte sich, stand auf und tappte den Aumüller ab: „Halt dein schlecht Maul ober ich schlag dir in bie Freß, daß bie rote Brüh' nachkommt!" Ein paar Augenblicke herrschte großes Schweigen, bann setzte bie Unterhaltung roieber ein. Niemanb wagte es mehr, Stichelreben gegen ben Meister Allerhand zu führen. Der trank sein Bier in kleinen Schlürfen, lugte zuweilen in den Saal und gewahrte, daß seine Frau jetzt nicht nur mit dem Schmachtlappen aus Lauterbach, sondern auch mit andern tanzte. Nach der zweiten Pause tarn sie zu ihrem Mann und begehrte heimzugehen. Augenblicks brach er auf. Um bie zweite Morgenstunde wurde der Karoline ein Ständchen gebracht. Die Musik spielte und ein wohlklingender Tenor siel ein: „Scheiden ist ein hartes Wort. Du bleibst hier und ich muß fort. Wenn wir uns nicht Wiedersehn, Unsre Liebe bleibt bestehn!" (Schluß folgt.) Derweil der Meister so simulierte, flogen der Karoline Gedanken nach Lauterbach. Dort war der Leopold Krammich aus dem Schaumburger Land, Gehilfe beim Rasierer Schmidt, ein lieber Kerl, voll Witz und Schalkheit und Lebenslust. Er hätte sich gern selbständig gemacht, doch es fehlte ihm am Besten, und es lieh ihm keiner ein Nickelstück. Seine Rede war: „Hoffnung hilft über manchen Graben. Ich mach dem Glück die Fenster aus. Auf einmal kckmmt's hereingesprungen!" Zwei Jahre war sie mit dem Krammich gegangen. Sie standen am Verlobungsrand. Es war eine wunderschöne Zeit. Sonntags wanderten sie nach Angersbach ober Landenhausen, bei gutem Wetter tief ins Gebirg. Der Leopold hatte hundert Augen. Du lieber Gott, was der all' sah: die Schmetterlinge, bie Blumen, bie Felsstücke, bas Geklüft, die Wolken am Himmel, zur Abendzeit das Sterngefunkel. Und fingen tonnt er wie der Sprosser im Gernhardt feinem Vogelkorb. Sie meinte, das bliebe so in alle Ewigkeit. Da wurde die Mutter bettlägerig, sie mußte heim, aus war die Freud' und Herrlichkeit. Jede Woche schrieb er einen Liebesbrief. Und die Mutter sprach: „Das Gejuck mit dem Schnuteputzer hort mir auf. Hier nichts, da nichts, das sollt was rechtes geben. Du brauchst einen ver- möglichen Mann. Wann du den nicht herbeitribulierst, bleibst du besser für dich!" Jeden Tag dasselbe Geschnepper, ihr taten schier die Ohren weh. Nun kam der Schwickerisadam hereingeschneit und brachte den " ließ sich beschwätzen. Daß sie sich's nur ein- stach ihr in die Augen. Acht Tage vor der Krammich noch einmal da und jammerte, „Ich tanz!" trotzte sie ihm. Er knirschte vor Wut und hob die Hand zum Schlag. Sie kreuzte die Arme über dem Leib und sah ihn c ' „Schlag zu! Dessentwegen tanz ich doch." Und tief hinzu: „Ich bin jung!" Da sank ihm jäh die Hand herab. Sie nahm ihr Umschlagtuch und schritt erhobenen . . Ein paar Minuten lieh er verstreichen, bann kehrte auch er in den b •!» ^6 Nun wurde der Meister Allerhand herangeholt. Der war fein Knicker und sagte ja. In dem Augenblick, da die Karoline den Saal betrat, näherte sich ihr ein junger ansehnlicher Mensch, dessen gelocktes Haar funstooll frisiert und dessen Schnurrbärtchen kühn in die Höhe gezwirbelt war. Er tat gar liebreich und forderte sie mit vielem Anstand zum Tanz auf. Die Geige kratzte, scharf und schneidend setzte die Klarinette ein, die Trompete ließ ihre Schmettertöne los, und der Baß brummte wie eine Hornisse im Stiefel. Paar um Paar drehte sich unter dem Jauchzen und Stampfen der Burschen. Die Luft war schwül, dick zum Zerschneiden. Es war für die Tanzenden nicht leicht, in verhältnismäßig engem Raum sich durch den Menfchenknäuel hindurchzuwinden. Die Gesichter glühten, die Ausgelassenheit kannte keine Grenzen. Der Fremde und die Karoline tanzten ohne Unterlaß: Schleifer, Schottisch und Galopp. Er hielt sie fest umschlungen, schien ganz in sie versunken zu sein. Ging sonst ein Tänzer auf sie zu und winkte ihr, wie es Brauch war, mit der Hand, wies sie ihn ab. Die Weiber, die rundum auf Bänken saßen, steckten die Köpfe zusammen. Wer mochte der Ausländige sein, der bie junge Frau fareffierte? Die Schneiber Selzern aus Lauterbach, bie zum Besuch ihrer Schwester erschienen war, gab Bescheib. Der Auslänbige schrieb sich Krammich unb schaffte beim Rasierer Schmibt in Lauterbach. Wie bie Karoline bort im Geschäft bes Kaufmanns Gernharbt war, hatte der Krammich seinen Gang zu ihr, galt als ihr Bestänbiger. Was die Kränk! Sollt man’s für möglich halten? Dem Allerhand seine zweite Frau hatte sich ihren alten Schatz wieder angeschafft! Die Neuigkeit kitzelte alle Ohren, flog durch den Saal, aus dem Saal in bie benachbarte Stube. Hier tuschelte sie einer bem Meister Allerhand zu. Der schien kaltes Blut zu bewahren unb spielte seinen Solo weiter. Um sieben Uhr war große Pause. Der Meister holte feine Frau zum Abenbbrot. Die Karoline ftanb beim Leopolb Krammich, gab ihm die Hand und folgte ihrem Mann. In ihrer Behausung angelangt verzehrten sie schweigend den Kirmes- braten unb den unerläßlichen Krautsalat. Als sie abgegessen hatten, fing der Meister an: „Mit was für einem Kerl bist du bann ben ganzen Nachmittag herumgeschwirbelt?" Sie warf den Kopf in ben Nacken. „Kerl! bas verbitt ich mir!" „Ja, was bann sonst?" „'S ist ein alter Bekannter von mir." „Ei was, ein alter Bekannter!" „Paßt sich bann bas Gehäng unb Gebiwwer für eine verheiratete Frau?" Sie verharrte in ihrer stolzen Haltung. „Ich hab mir nix vorzuwerfen!" „Die Leut haben sich brüber mokiert", sprach er aufs tiefste erbittert. Morgn lausen bie Depeschenträger burchs' Dorf." „Was liegt mir an bem Backhausgeleier!" Die Abern schwollen ihm an ber Stirn. „Aber mir liegt was bran. Schlimm genug, baß bu bich so helft. Schlimm für bich und schlimm für mich. Alleweil schieb Riegel vor. Wir bleiben diesen Abend daheim!" atmend setzte sie