Gießener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang Ml Zreitag, den l9.)uni Nummer^ Landschaft im Gewitter. Von Diemar SDloering. Die finstere Wolke erschien über goldenen Hügeln Mit drohendem Antlitz. Und wuchs, eine schweigsame Wand. Nimmer sangen die Grillen, die zärtlichen. Mit verhangenen Zügeln Wind aber sprengte, der eilende Reiter, durchs ängstliche Land. Unsagbar war dieses: die Stille, das Leuchten, das bleiern Fahl die Felder umspülte mit spukhafter, geisternder Nacht. Schwarz brüteten Schatten, unheimliche, über schmerzlichen Weihern, Und es seufzte die Erde schwer unter der lastenden Macht Gespenstigen Schweigens. Bis aus dem Gewölk, dem verbrannten, Schrecklich stürzte des Blitzes feuriger Vogel. Den Turm Schlagend mit flammendem Flügel. Und aufwiehernd rannten Des Donners gewaltige Rosse mit stampfenden Hufen im Sturm! Der griff in die Dächer, die furchtsamen Giebel. Mit Fäusten Rüttelnd an morschem Gebälk. Und ein Regen begann Brausend zu rauschen aus Himmeln, von Geistern entschleusten — Bläulich knisternd schoß Lohe empor aus zersplitterndem Tann. Lang dauerte dieses: dies Brausen. Dann tagte die Helle Langsam überm Feld. Und der Wolken gepanzertes Heer Wandernd wogte gen Abend. Hold über der irdischen Schwelle Aber stand leuchtend des mystischen Bogens geheiligte Mär. Oie Schlange Kordula. Von Sofie von Uhde. Gott weiß, warum sie Kordula hieß. Da sie eine Amerikanerin war, hätte sie ja wohl Daisy oder Ellinor oder wegen ihres feuergelben Längs- streifens von mir aus auch Fireskin heißen sollen — aber nun hieß sie Kordula und roch nach klösterlicher Tugend. Sie wurde mir aus den tiefsten Stillen des südamerikanischen Urwaldes mitgebracht, und das fand ich unrecht; denn man soll die Tiere lassen wo die Natur sie hingesetzt hat. Aber nun war sie eben da, ein kleines, schmales, dunkles, seltsam-schönes Geschöpf mit einer langen, leuchtend roten, gespaltenen Zunge im gelbgeflammten Köpfchen. Sie wurde sehr bald zutraulich, bewegte sich frei in dem Gartenzimmer, wo ihr Aquarium stand und auf der Wiese umher und kam eilends angeschlängelt, wenn ich ihr pfiff. Dann muhte sie zur Belohnung um den bloßen Arm gelegt werden, was sie über alles liebte. Sie drückte ihren kleinen Kopf flach gegen die Hand und entschlief. Musik aber machte sie seltsam lebendig. Sie hatte dieselbe primitive Musikalität wie der Wilde, es war der Klang an sich, der sie aufrührte, ich brauchte nur eine Saite anzuschlagen, und schon kam sie, richtete sich, auf dem Schwanzring stehend in ihrer ganzen Länge auf und sanft züngelnd, mit halbgeschlossenen Augen, wiegte sie ihren Leib wie von einem Lusthauch bewegt, ein Bild schweigenden Genusses. Man konnte sie mit so billigen Mitteln erfreuen, die kleine Kordula, sie war ein so braver, bescheidener Hausgenosse, ich hatte mich bald sehr an sie attachiert. Die Hunde waren ziemlich starr, als ich ihnen ihren neuen Kameraden präsentierte sie kamen mit ungeheurer Vorsicht von. hinten her und beschnupperten mit langen Hälsen das unerklärliche Geschöpf; aber das Ergebnis dieser Untersuchung muß im höchsten Grade negativ gewesen sein, sie ließen ziemlich ratlos von Kordula ab, und sie ihrerseits hatte kaum den Kopf nach ihnen gewandt. Man ging künftig aneinander vorbei. Nur mit Peter dem Kater, unterhielt Kordula eine kleine distanzierte Feindschaft: sah sie ihn, so stellte sie sich aut und zischte — sah er sie, so machte er einen Buckel und fauchte — und dann ging jeder seiner Wege: sie sagten sich ihre Sottisen in beherrschter Form. Meine Bekannten benahmen sich weit weniger beherrscht bei Kordulas Anblick: die Damen schrien und flohen, die Männerwelt äußerte ihre Abneigung in wenig charmanten Ausdrücken. Und dabei zeigte sich die kleine Exotin gegen alle so still und passiv — Furcht und Ekel waren gleich lächerlich ihr gegenüber. „ „ .. v . Nur gegen zwei meiner Freunde zeigte sie Empfinden. Wenn der Reitersmann Rolf in der Nähe war, wenn sie auch nur seine «tlinine hörte verwandelte die sanfte Kordula sich augenblicklich in eine vollendete Furie und war scheußlich anzusehen; sie schnellte sich zu ganzer Lange empor, riß ihren Rachen aus und fauchte und Zischte und spuckte wie rasend; und so lange stand sie so in irgendeiner Ecke, bis ihr Feind verschwunden war. Der liebte sie auch nicht: „Na, du miese Speikatze", sagte er und stellte sich aggressiv vor sie hin, „man sollte dich erschlagen!" Es waren zwei abscheuliche Gegner. Dagegen liebte Kordula Rolfs Regimentskameraden Hans Joachim und begehrte sogar, auf seinem Männerarm zu liegen. Aber ganz objektiv war diese Liebe nicht; denn Hans Joachim pflegte ihr alle paar Wochen, wenn Kordulas Hauptmahlzeit gekommen war, einen Frosch oder eine Maus mitzubringen! Dann wurde Kordula in ihren Glaskasten gesetzt, und nun war für mich der Moment gekommen, zu entfliehen. Kam ich nach einer Weile zurück, dann lag sie schon zusammengerollt, und nur noch eine dicke Geschwulst in der Mitte ihres Leibes zeigte, wo das arme Opfertier sich befand. Dann war meine Liebe zu Kordula für einige Zeit ein wenig distanzierter; aber schließlich wurde auch dieser Frosch verdaut und vergessen, die alte Vertraulichkeit wuchs wieder. Und was konnte denn auch Kordula dafür? Sie tat, was die Natur ihr vorgeschrieben hatte — und machten wir Menschen es vielleicht besser? Eines Tages ereignete sich eine furchtbare Katastrophe. Ich war auf ein paar Tage vom Land in die Stadt gezogen, in eine Pension, und Kordula war bei mir, Kordula und ein Behälter mit Mehlwürmern für ihre kleinen Zwischenmahlzeiten. Dieser Behälter nun war auf eine unerklärliche Weise vom Wandbord gefallen; als ich, eine sehr kleine, sehr alte Dame am Arm führend, das Zimmer betrat, fand ich es mit Mehl bis in die fernsten Ecken überstäubt und auf dem Bett und unterm Bett, auf dem Schreibtisch und im Teegeschirr, auf den Stühlen und in allen Winkeln des Bodens krochen die Mehlwürmer. Kordula lag appetitlos mitten in dem Segen. Die alte Dame benahm sich so bezaubernd töricht und rührend, wie nur eine bestimmte Sorte lieber, alter Damen dies fertigbringt. Sie fragte erblassend und mit immer größer werdenden Augen: „Was rührt sich denn da?" — „Ach, das sind Mehlwürmer, kleine madenartige Geschöpfe, welche —" Aber sie hatte schon genug gehört. Sie schrie durchdringend auf, sprang mit beiden Füßen zugleich auf die Chaiselongue und kauerte sich dort zusammen, in völliger Todesbereitschaft. Wären zwei Puma- löwen in meinem Zimmer herumspaziert, so hätte sie sich auch nicht anders benehmen können. Wahrscheinlich erwartete sie, daß jeden Augenblick ein Heer entfesselter Mehlwürmer sich auf sie stürzen werde. Meine Trostworte verfingen nicht. Ja, was machte man denn nun? In der Pension etwas von diesem Unfall verlauten zu lassen, hielt ich nicht für ratsam. Und allein aufklauben? Es waren einige hundert Mehlwürmer. Doch wozu hatte man Reiterfreunde? Ich hängte mich ans Telephon und rief Rolf und Hans Joachim an und den sanften Gaston von der französischen Botschaft. Händeringend, aber ohne nähere Erklärungen. Sie versprachen, augenblicklich zu kommen. Nach zehn Minuten hielten zwei Autos gleichzeitig vor dem Hause: aus dem einen sprangen säbelrasselnd die Reiter, dem anderen entstieg mit romanischer Lebhaftigkeit der Attache. Der Lift rauschte, Schritte auf dem Korridor — da waren sie. Die Schlange Kordula stellte sich in die Ecke und fauchte, Rolf zu Ehren. Die alte Dame aber, die noch immer ä la turc auf der Chaiselongue hockte, lebte auf. „Ah, meine Herren", rief sie inbrünstig, „meine liebenswerten Herren. Sie werden uns befreien!" Und sie streckte ihnen glücklich die zittrigen, alten Händchen entgegen. Die liebenswerten Herren sahen sich ohne jedes Verständnis in der Stube um. „Was hast denn wieder angestellt?" meinte geradeaus der Rolf. Ich gab die nötigen Erläuterungen, zusammen mit der heißen Bitte, mir das flüchtig gewordene Viehzeug wieder einzufangen. Der Attache verzog keine Miene. Er schlug seine dunklen Augen zu mir auf, sagte sanft: „ä votre Service, Madame“ — krempelte ganz unnötigerweise die Hosen hoch und verschwand unterm Bett. Rolf aber und Hans Joachim lachten, daß ihnen die Tränen aus den Augen schossen, bis sie — krasse Materialisten, die sie waren — sich plötzlich unterbrachen und meinten: „Wenn schon der Minnedienst bei dir zu so unappetitlichen Dingen verpflichtet, dann gib einem wenigstens vorher einen anständigen Kognak, daß man es erträgt!" Als der Attache dies hörte, kam er blitzschnell, in der einen Hand sechs Mehlwürmer, wieder unter dem Bett hervor, und nun tranken die Kerls meinen ganzen Kognak aus. Aber dann hatten sie Feuer unter, und nun suchten sie, als ob es gälte, das Derby zu gewinnen. Eine Weile sah man nichts von ihnen als ihre Hosenböden, die unter den Möbeln hervorragten, und auf diese eifrigen Hosenböden schaute die alte Dame mit so innigem Vertrauen, als hinge an ihnen allein Leben oder Tod: D, diese liebenswerten Herren, diese Retter!" Die suchten trotz allen Feuereifers, dennoch mit Auswahl; jeder wollte die dicksten Mehlwürmer und die schönsten, jedes etwas bessere Exemplar zeigten sie sich gegenseitig voll Triumph: „O, der is fett — so einen habt's Ihr nicht!" — „Ah, voila — un bon petit patapoufü“ — Es war ein »ter Wettstreit! Bald war der Behälter wieder voll, es waren dreihundertsiebenundsiebzig Mehlwürmer gewesen. Die kleine Frau erlöst vom Sofa herabkletternd, klopste mütterlich die verstaubten Helden aus und bewunderte sie mit vielen großen Worten, als seien es lauter Ritter George mit dem Lindwurm. Die Schlange Kordula hat diese dreihundertsiebenundsiebzig Mehlwürmer nicht mehr alle verspeist. Als es Herbst wurde und ich wieder mal mit ihr in der Stadt war, legte sie sich hin und starb. Ich hasste noch einige Tage, es sei nur Winterschlaf! aber bald war kein Zweifel mehr, daß sie sehr tot war. Der rohe Rolf, der sie besichtigen kam, rief entsetzt: „Aber die stinkt ja schon wie ein Manöverquartier, nun glaub's nur endlich! Trotzdem lieh ich mir noch von einer etwas erstaunten Kapazität der Tierärztlichen Hochschule den exitus meiner kleinen Freundin Kordula bestätigen. Ja, nun glaubte ich's auch. Wir setzten uns auf die Gäule, die drei Mehlwurmhelden und ich, die Schlange Kordula in der Satteltasche, und ritten zur Stadt hinaus, um die kleine Tote in meinem alten Garten, in dem schon mancher Tierkamerad lag, zu begraben. . . Die beiden Reitersleute benahmen sich völlig ungehörig, faßten diesen Begräbnisritt als göttlichen Witz auf, trieben nichts als Unfug und memorierten schallend die unpassendsten Totenklagen an die Schlange Kordula. Aber der Attache blieb im Rahmen der Situation; er ritt ernst an meiner Seite, jeden dritten Kilometer etwa sagte er leise: „pauvre animal“ — und wieder nach einem Kilometer: „helas“ — Und dann wurde die Schlange Kordula unter einer alten Linde dem ewigen Kreislauf allen Lebens wieder eingereiht. Hundertfünfzig Jahre „Räuber". Ein ehrwürdiges Theaker-Jubiläum. Von Hans Heßler. „Die Räuber" hat Schiller, wie man weiß, auf der Karlsschule geschrieben. Er kam auf den Stoff durch die Geschichte des Räubers Roque im Don Quixote und durch eine Bemerkung: Rousseau rühme es an Plutarch, daß dieser „erhabene Verbrecher" zum Gegenstände seiner Lebensbeschreibungen gemacht habe. Das ist, anderen Mitteilungen gegenüber, innerlich glaubhaft. Denn gleich die ersten Worte Karl Moors im Drama heißen: „Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säkulum, wenn ich in meinem Plutarch lese von großen Menschen". Da haben wir den Plutarch. Was das Erhabene, die Tugend, das Große betrifft, so war Schiller mit diesem Gegenstände stark angefüllt. Eine seiner Reden, die er auf der Karlsschule halten mußte, trägt die Ueberschrift „Die Tugend in ihren Folgen betrachtet", sie ist vom 10. Januar 1780 datiert, und es lohnt, einige Sätze zu zitieren, um die Diktion des jungen Schillers in ihrer ganzen rhetorischen Pracht zu erkennen: „So groß — so selig, so unaussprechlich selig, meine Freunde, sind die inneren Folgen der Tugend. Dieses Gefühl, eine Welt um sich beglückt — dieses Gefühl, einige Strahlenzüge der Gottheit getroffen zu haben — dieses Gefühl, über alle Lobsprüche erhaben zu sein — dieses Gefühl--' Man sieht, Schiller hat keine „Schreibe" sondern eine wirkliche und echte Rede geschrieben. Dieses Verfahren ist bezeichnend für die Art, wie die „Räuber" entstanden sind. Schiller arbeitete zunächst, bevor er die Anlage des Ganzen überdacht, Verwicklung und Lösung bestimmt hatte, einige verstreute Dialoge und Szenen aus, die er intuitiv sehen und hören mochte. Diese Stücke wurden von Bekannten vorgelesen, damit er Eindruck und Wirkung besser beurteilen könne. Er widmete dem Werk jeden Tag mindestens einige Stunden, aber erst nach zehnfacher Abänderung wurde es 1780 vollendet: dieses Werk, das wie ein einziger genialer Wurf erscheint, ist in Wahrheit das Ergebnis einer mühsamen und vielfach vergeblichen Stückarbeit. Petersen, einer seiner Freunde, gibt eine Aufzeichnung über den Zustand des Dichters, wenn seine Gesichte ihm erschienen. „In ihrer äußeren Wirkung betrachtet, war die Begeisterung bei Schiller korybantischer Art. Wenn erdichtete, brachte er seine Gedanken unter Stampfen, Schnauben und Brausen zu Papier eine Gefühlsaufwallung, die man oft bei Michelangelo während seiner Bildhauerarbeiten bemerkt hat. Mehr als hundertmal haben Schillers Bekannte diese Erscheinung an ihm beobachtet, und völlig wahr ist diese kleine Geschichte. Die ärztlichen Zöglinge der Akademie mußten am Ende ihrer Lehrjahre die Krankenzimmer besuchen und über die gehörige Pflege der Leidenden die Aufsicht führen. „Als Schiller einmal die Reihe traf, setzte er sich an das Bett eines Kranken. Statt diesen aber zu befragen und zu beobachten, geriet er dichtend in solche Bewegungen und brausende Zuckungen, daß dem Kranken angst und bange ward, sein Arzt möchte in Wahnwitz und Tobsucht verfallen fein." Eine Anekdote, die den Zustand des jungen Schiller sehr anschaulich macht; so etwa mögen auch die „Räuber" entstanden sein, aus einem gärend-dumpfen Gesühlsausbruch. Sie erschienen 1781, angeblich zu „Frankfurt und Leipzig" gedruckt, natürlich ohne den Namen des Starts« schülers in einer sehr schäbigen, schlechten Ausgabe auf Schillers Kosten, „säst auf Fließpapier". Der neue Autor rechnete auf keine Aufführung, er erklärt in einer unterdrückten Vorrede: „Es mag beim ersten Jn-die-Handnehmen auffallen, daß dieses Schauspiel niemals das Bürgerrecht auf dem Schauplatz bekommen wird. Wenn nun dieses ein unentbehrliches Requisitum zu einem Drama sein soll, so hat freilich das meinige einen großen Fehler mehr". Cs ist Überhaupt erstaunlich, wie Überraschend Schillers glühende Begeisterung gewichen ist, wie stark eine sehr nüchterne, bisweilen zynische Selbstkritik sich durchsetzt. Roch während des Drucks werden auf Rat der Freunde die Auswüchse der Diktion beseitigt, obwohl diese Aenderungen während der Drucklegung auf seine Kosten gingen. Die erste Ausgabe von 1781 verwarf er bald — sie war auch nur in achthundert Exemplaren erschienen — und ließ eine zweite „verbesserte Auflage" folgen, von der er bemerkt, daß sie sich „von der ersten durch Pünktlichkeit des Drucks und Vermeidung derjenigen Zweideutigkeiten unterfcheide, die dem feinem Theil des Publikums auffallend gewesen sein mögen". Dabei enthält auch diese Ausgabe noch Druckfehler genug und an Anstößigem übergenug, und schön war auch sie nicht, sie kam auf grauem Druckpapier heraus, was in der dritten (Mannheim bei Tobias Löffler 1799) mit Recht gerügt wird. Alle drei Auflagen zeigen auf dem Titelblatt einen sich grimmig aufrichtenden Löwen, der einen anderen gepackt hat und niederdrückt. Unter diesen Vignetten steht das berühmte Motto: „In Tirannos". Außerdem aber gibt es noch die vielgenannte „Mannheimer Theaterausgabe". Heribert von Dalberg, der Intendant der Mannheimer deutschen Nationalbühne, war vom Buchhändler Schwan auf Schiller aufmerksam gemacht worden und wollte die Aufführung wagen — ein Wagnis war es wirklich —, wenn Schiller sich zu gewissen Aenderungen entschlösse. Hiermit war Schiller noch in Stuttgart vom 17. August bis 5um 6. Oktober 1781 beschäftigt. Es ist billig, daß man von den bei der Uraufführung Beschäftigten wenigstens einen Darsteller nenne: Franz Moor — Herr Iffland. Ein zeitgenössischer Stich zeigt ihn in dieser Rolle: vor dem Hintergrund eines düstern Saales schreitet er, finster und schwarz gewandet, mit einer großen theatralischen Geste auf die Rampe zu. Die Dekoration dieses Schlosses ist erhalten; in ihrer ganzen Primitivität hing sie vor ein paar Jahren auf der Magdeburger Theater- Ausstellung. m Die Zensur liebte auch damals Eingriffe. Der Pastor Moser und der Pater fehlen; dieser wurde im katholischen Mannheim durch eine „Magistratsperson" ersetzt. „Zeittheater" war auch damals schon anstößig. In der ursprünglichen Anlage des Stückes sollte das Drama um die Mitte des 18. Jahrhunderts, in dem Jahr der Schlacht bei Prag spielen (1757); Dalberg forderte die Rückverlegung ins „Historische", weil sich in der Ordnung des achtzehnten Jahrhunderts eine solche Räuberrotte auch in den „böhmischen Wäldern" nicht bilden und halten könne und dürfe... Nach der Ausführung erschien eine Besprechung des Dramas im „Wirttem- bergischen Repertorium', deren Verfasser der Dichter selbst war. In Anschluß daran findet man einen Brief über die Uraufführung der „Räuber" am 13. Jenner 1782 zu Mannheim, dessen Schreiber wiederum Schiller selbst ist. Das Haus, berichtet er, war so voll, daß eine große Menge abgewiesen wurde; die Aufführung dauerte d i ej Stunden, und „mich deucht, die Schauspieler hatten sich noch beeilet . Der Erfolg? Schiller verzeichnet „die vortrefflichste Wirkung". Die Schauspieler werden durchgenommen, einer nach dem andern. Den größten Beifall findet Jfsland: „Ihnen gesteh ich es, diese Rolle, die gar nicht für die Bühne ist(I), hott' ich schon für verloren gehalten". Dann folgt em Loblied aus die darstellerische Leistung, die mit dem wahrhaft prophetischen Wort endet: „Teutschland wird in diesem jungen Mann noch einen Meister finden". Dann geht es gegen das eigne Werk unbarmherzig los: „Der alte Moor konnte unmöglich gelingen, da er schon von Haus aus durch den Dichter verdorben ist. Wenn ich Ihnen meine Meinung teuisch heraussagen soll — dieses Stück ist dem ohnerachtet kein Theaterstück. Nehme ich das Schießen, Brennen, Sengen heraus, so ist für die Bühne ermüdend und schwer... Mir kam es auch vor, es waren zu viele Realitäten hineingedrängt, die den Haupteindruck belasten. Man hätte drei Theaterstücke daraus machen können. Man spricht indes Langes und Breites davon. Uebermäßige Tadler und übermäßige Lober. Wenigstens ist dies die beste Gewähr für den Geist des Verfassers..." Indessen schwebte über dem Haupt des jungen Dichters das Damoklesschwert, die Verbannung auf den Hohenasperg, auf dem Schub art seit Jahren eingekerkert sah. In der Nacht zum 23. September 1782 floh Schiller aus Stuttgart; er gab, um seiner dichterischen Sendung willen, Eltern, Heimat und Beruf preis. Neue Alpenseen. Die Umgestaltung des Gebirges. Von Reg.-Rai Dr. Fricke. Von den Fels- und Schneehöhen der Alpen rinnen alljährlich gewaltige Niederschlagsmengen herab, denen die große Ströme Mitteleuropas — Rhein, Rhone, Po und Donau — ihren Wasserreichtum verdanken. Der Wunsch und die Notwendigkeit, diesen Schatz überall der Volkswirtschaft nutzbar zu machen, muß zunächst langsam, dann in immer schneller steigendem Maße zu einer Umgestaltung der uns lieb und vertraut gewordenen Alpenlandschaft führen. Diese Umgestaltung bedeutet eine Art Zähmung der ursprünglichen, wilden Natur; aber sie bedeutet doch keineswegs immer eine Vernichtung der Schönheit. Die moderne Wasserwirtschaft wirkt sich nach zwei Richtungen aus: einerseits in einer Verminderung aller stürzenden und schnell strömenden Wasser, die unsichtbar in Stollen oder eisernen Röhren in die Turbinen geleitet werden, anderseits in einer Vermehrung der stehenden und ruhig fließenden Gemässer, also der Teiche, Seen, Gräben und Kanäle. Die Gesälle der Flüsse sind in den Alpen nicht so ausgeglichen, wie im deutschen Mittelgebirgslande. Als in nicht allzuweit entfernter geologischer Vorzeit die Eismassen aus den meisten Alpentälern schwanden, hinterließen sie tiefe Mulden in den Tälern, zwischen denen harte Felsriegel aufragten, über die die Eismassen hinweggeglitten waren. Die Mulden füllten sich mit Wasser, das in schönen Fällen über die Felsriegel stürzte, so daß in den Tälern ein anmutiger Wechsel von Seen und Wasserfällen entstand, wie wir ihn noch jetzt in einigen Alpentälern, vor allem aber in Skandinavien, erblicken können. Meist jedoch füllten in den Alpen die gewaltigen Schutt- und Geröllmassen die Mulden aus, während die Felsschwellen vom fallenden Wasser durchsägt wurden, so daß wir jetzt vielfach nur noch den Wechsel zwischen weiten fruchtbaren Talböden und wilden. Klammen wahrnehmen. Diese Talböden sind „erloschene" Seen Der Wasserkrafttechnik behagt der ursprüngliche Zustand jedoch besser. Die Seen können dem Ausgleich im Wasserhaushalt dienen, die Zusammendrängung des Gefälles in den Wasierstürzen ergibt billige Kraftanlaaen. So sucht die Technik nun die alten Zustände wieder herzustellen. Die Klammen in den Felsriegeln werden durch Sperrmauern geschlossen, die Riegel selbst wohl noch erhöht und die Talböden so wieder in Alpenseen zurückverwandelt. Nach diesem einfachen Schema soll vor ilem durch das große Tauernprojekt das Kaprunertal umgestaltet i erden. Hier sollen die drei übereinanderliegenden Talböden, von denen t;r oberste, der gletscherumrahmte Moserboden, der bekannteste ist, wieder ii Seen zurückverwandelt werden. Am weitesten fortgeschritten ist diese Entwicklung in der Schweiz, in j-r bereits eine ganze Reihe neuer Alpenseen entstanden ist. ,u nennen ist hier der See von Barberine, am Fuße der Gletscher nahe ; r Grenze von Savoyen, der Aufbau der Aare unterhalb Bern, in dem sst zwanzig Kilometer langen See von Mühleberg, die Vergrößerung 1,5 Lungernsees, des Klöntaler Sees, der Seen an der Bernina, sowie le 5 Ritomsees am St. Gotthard. Eine hundert Meter hohe Mauer am ichräh hat im Wäggital unweit Zürich einen großen Stausee geschaffen, 1 [(en Inhalt dem der Edertalsperre bei Waldeck, zur Zeit der größten talsperre in Deutschland, nur wenig nachsteht. Ebenfalls im Züricher lieblet haben die Schweizer Bundesbahnen als „Etzelwerk" im Tale der (if)l einen an Oberfläche noch größeren See geplant. Die großartigste Mage der Schweiz stellt zur Zeit wohl das Hasliwerk dar, bei dem das cie Grimselhospitz überstaut und seine Umgebung durch eine hundert Zeter hohe Mauer in einen Hochgebirgssee verwandelt worden ist, dessen Sellen den Fuß des Unteraaregletschers bespülen und Eisberge von ihm »lösen werden. Einem der größten Wasserfälle der Schweiz, dem Hanbeck- M, wird durch das entstehende „Kraftwerk Handeck" allerdings wohl der Wasserreichtum stark beschnitten werden. Von besonderem Interesse ist nd) das Projekt, das im Tale, der Reuß bei Andermatt am Gotthard (inen gewaltigen Stausee schaffen will. Der Wechsel zwischen der engen folsenschlucht mit ihren Wasserfällen und dem barüberliegenben, in einen sichtbaren Talboben umgeroanbelten alten ©Geraum, ber eingangs als faratteriftifd) für bie Alpentäler hingestellt würbe, finbet sich hier besan- drs schön ausgebilbet. Es ist bie Lanbschaft, bie Schiller in seinem „Teil" tschreibt: „Unb feib Ihr glücklich burch bie Schreckensstraße, Senbet der Berg nicht seine Winbeswehen Auf Euch herab von bem beeisten Joch, So kommt Ihr auf bie Brücke, welche stäubet*. Dann reiht ein schwarzes Felsentor sich auf — Kein Tag haUs noch erhellt — ba geht Ihr burch. Es führt Euch in ein heitres Tal ber Freude." Das Felsentor an ber Schreckensstraße, bekannt auch unter bem tarnen bes „Urner Lochs", soll oberhalb bes gewaltigen Reuhfalles an im „ftäubenben Brücke" geschlossen werben unb bas barüber liegenbe „l eitere Tal ber Freude" mit den schönen Dörfern Andermatt und Hospen- ich einst Stationen der alten Gotthard- und Furkapost, soll von einem goßen See überstaut werden. Eine kleinere Anlage derselben Art ist in dr Pfaffensprungschlucht der Reuß bei Amsteg an der Gotthardbahn Kreits ausgeführt worden. Große Seen find auch in den bayrischen und österreichischen Alpen ffplant, doch hat man sich hier zumeist noch mit einer Umwandlung ber »rhandenen Seen in Wasserspeicher für Kraftzwecke begnügt, so am T -llchensee unb Achensee. In Bayern will man am Lech bei Roßhaupten riterljalb Füssen einen vorzeitlichen See wieberherzustellen. Seine Größe Hürde ber Ebertalsperre entsprechen. In Vorarlberg hat man am Der- nuntmert ber Rheinisch-westfälischen Elektrizitätswerke einen großen See g schaffen. Von bem Tauernprojekt im Kaprunertal war schon bie Rede, tach im Krimmlertale im Lande Salzburg ist oberhalb ber berühmten ! asserfälle, vielleicht ber größten innerhalb der eigentlichen Alpenberge, eh See geplant. Endlich sind noch große Pläne in Tirol, vor allem im Oktale zu nennen, durch die an dreitausend Menschen mit der Umsieb- limg bedroht werden. Allerdings dürfte eine so weitgehende Umgestaltung ll^hl kaum die allgemeine Zustimmung und bie Genehmigung ber Regierung finden. Die Schaffung neuer Seen, ober richtiger bie Wieberherstellung ber o (-zeitlichen, dürfte im allgemeinen als Bereicherung der Landschaft empfunden werden, wenn auch die Vernichtung von Siedlungen sehr zu dauern ist. Dagegen sind die großen Wasserfalle der Alpen burch bie duftige Wasserwirtschaft ernstlich bebroht. Der Vorschlag, einzelne ber- !->ben als „Naturbenkmäler" ober „Naturschutzgebiete" zu erhalten, kann m r schwachen Trost gewähren, namentlich, wenn man sieht, baß in den h-chen Tauern gerade im „Naturschutzpark" die Wasserkrastnutzung am fitesten fortgeschritten ist. Vielleicht verspricht hier ein etwas anderer 'M noch mehr Erfolg. Ich möchte diesen Vorschlag der Einfachheit wegen «k den des „T a u f e n b ft u n b e n f a 11 s" bezeichnen. Man kann nämlich, 'croeit es sich um Wasserläufe hanbelt, den Naturschutz nicht nur im Kimme ausgestatten, b. h. einzelne Schutzgebiete abgrenzen, sondern auch in ber Zeit. So kann man — im Schwarzwalbe ist biefer Gedanke schon •rroirtlidjt — einen Flußlauf beispielsweise an den Wochentagen ablei- lei, am Sonntage aber seinem natürlichen Bette überlassen, so daß ® nigftens an einem Tage ber Woche die Natur in ihrem ursprünglichen 3 stände zu sehen ist. In ber Nacht, in den langen Gebirgswmtern, im tuühjahr, wenn Lawinen in die Täler stürzen, kann bie Wasserkraft- ufeung ohne jebe Beeinträchtigung des Frembenverkehrs erfolgen; ver- frrbert man bie Wasserentnahme nur zu ben Zeiten, in denen die laler hrteren Besuch zeigen, so kommt man etwa auf die Zeit von tausend öunben im Jahre; neun Zehntel der Kraft könnte also ausgenutzt wer- itn, ohne daß bie Alpenbesucher bavon etwas merkten. Eine solche l_o|ung m:g nicht nach jedermanns Geschmack fein. Die Volkswirtschaft hat aber nd) ihre Berechtigung, und ein vernünftiger Vermittlungsvorschlag sollte ich er nicht grundsätzlich verworfen werden. . So mag zum Schluß ber Hoffnung Ausbruck gegeben werben, daß bte Upenlandschaft an Schönheit bereichert, wenn auch in ihrer ursprung- teien Wildheit gemildert, aus dem künftigen Ausbau der Wasserwirtschaft (evorgehen möge. ’ * Die sog. Teufelsbrücke, die vom Wassersturz der Reuß fortwährend litt Schaum bespritzt wird. Oie Versuchung des Pescara. Novelle von Conrad Ferdinand Meyer. (Fortsetzung.) Da Pescara die Zelle öffnete, fast er Viktoria auf den Knien liegen. Eine Weile schaute er schweigend, als wolle er nicht stören, durch ein Fenster des gekuppelten Rundbogens, in dessen Brüstung er sich gesetzt hatte, auf Rasenhügel und Grabtreuze, endlich fragte er; „Was tust du, Viktoria?" „Buße", sagte sie. „Für wen?" Sie erhob sich und antwortete mit noch gefalteten Händen: „Ich tue Buße für mich unb Euch unb Italien. Für biefes seiner stolzen Frevel unb ungewöhnlichen Sünben wegen, an benen es zugrunbe gehen wird, ba Ihr ber einzige wäret, ber es retten konnte. Für mich, weil ich gekommen bin, Euch in Versuchung zu führen. Für Euch, ba Ihr biete Erbe verlassen wollet. Ich habe gebetet für Euer unvergängliches Teil, aber ber Himmel" — sie schüttelte traurig bas Haupt — „hat mich noch nicht erhört." Er zog sie auf die Bank ber Fensterbrüstung unb nahm sie bei ber Hanb, wie ber Stuber bie Schwester. Eine Lust, sich hinzugeben, überkam ihn, sei es, weil bas Geheimnis zwischen ihm unb seinem Weibe weggenommen war, ober in bem unbewußten Wunsche, das letzte Beisammensein zu verlängern. „Kleingläubige", begann er heiter, „überlasse mich meinem bunteln Beschützer! Als ein Knabe glaubte ich mit ber Mutter, bie eine Heilige war, an bas, was bie Kirche verheißt; jetzt sehe ich rings bas Fluten ber Ewigkeit. Der Tvbesengel war mir nahe, schon in meiner ersten Schlacht, ba, von ihm bezeichnet, mein Zeitgenosse — bein Bruber, Viktoria — lautlos, eine Kugel im Herzen, zusammenbrach. Ich habe ihm manche Hekatombe geschlachtet, unb auch er hat mich oft, fast auf jeder Walstatt, grüßend berührt; denn es scheint, ich bin verwundbarer als andere. Aber Zeit hat es gebraucht, bis ich den Schnitter lieben lernte. Noch in ben Wochen nach Pavia, ba ich wußte, baß er mich erwählt hatte, habe ich mich gegen ihn gesträubt und aufgebäumt und empört wie ein trotziger Jüngling. Allmählich aber ahnte ich, unb jetzt bin ich gewiß, daß er bie rechte Stunde kennt. Der Knoten meines Daseins ist unlösbar, er zerschneidet ihn." Die bleiche Viktoria hing an seinen Lippen unb staunte mit starren Augen, als sehe sie ben herrlichsten Palast brennen unb von ber lobern- ben Flamme jeben Säulenknauf beleuchtet. „Ich sage bir, Weib", fuhr er fort, „mein Pfab versinkt vor mir! Ich gehe unter an meinen Siegen und an meinem Ruhme. Wäre ich ohne meine Wunde, dennoch könnte ich nicht leben. Drüben in Spanien Neid, schleichende Verleumdung, hinfällige unb enblich untergrabene Hofgunst, Ungnabe unb Sturz; hier in Italien Haß unb Gift für ben, ber es verschmäht hat. Wäre ich aber von meinem Kaiser abgefallen, so würbe ich an mir selbst zugrunde gehen unb sterben an meiner gebrochenen Treue, benn ich habe zwei Seelen in meiner Brust, eine italienische unb eine spanische, unb sie hätten sich getötet. Auch glaube ich nicht, baß ich ein lebendiges Italien hätte schaffen können. Zwar es trägt die strahlende Ampel des Geistes, doch es hat sich aufgelehnt in der unbändigen Lust eines strotzenden Daseins gegen ewige Gesetze. Es büße, du hast es gesagt, Viktoria; in Fesseln leidend, lerne es die Freiheit. Dieses spanische Weltreich aber, das in blutroten Wolken aufsteigt jenseits und diesseits des Meeres, erfüllt mich mit Grauen: Sklaven und Henker. Ich spüre bie grausame Ader in mir selbst. Unb bas Entsetzlichste: ich weiß nicht, welcher mönchische Wahnsinn! Dein verderbtes Italien aber ist wenigstens menschlich." Viktorias Augen verklärten sich, da sie sah, daß Pescara Italien liebte. „Du hättest ihm Freiheit unb Freiheit ihm Tugenb gegeben!" rief sie, boch Pescara fuhr fort, als hätte er nicht gehört: „Nun aber bin aus ber Mitte gehoben, ein Erlöster, unb glaube, baß mein Befreier es gut mit mir meint unb mich sanft von hinnen führen wirb. Wohin? In bie Ruhe. Unb jetzt laß uns scheiben, Viktoria." Er wollte ihr bie Tränen vom Auge küssen, sanb aber ben zärtlichsten Munb, ber ihm entgegenkam. „Noch eines", sagte er. „Laß bie Weit über mich urteilen, wie sie will. Ich bin jenseits ber Kluft. Lebe wohl! Begleite mich nicht! Besuche mich in Mailanb, aber nicht, bevor ich rufe!" Viktoria versprach, um nicht Wort zu hatten. Da Pescara sich bei ber Aebtissin verabschiedete, brauchte sie ihr Anliegen gar nicht auszusprechen. Der Feldherr gewährte den Nachlaß ber Kriegssteuer als ein selbstverstänbliches Gegengeschenk für bie seinem Weibe gegebene Herberge. Ueber biefes Ende einer ökonomischen Bedrängnis und eines schmalen Tisches ward eine solche Freude im Kloster, daß bie Schwestern zu Ehren ihres Gastes bie Tafel mit ben ausgesuchtesten Leckerbissen besetzten. Doch Viktorias Platz blieb leer. Sachte ritt Pescara, von ben Segnungen bes Klosters begleitet, gegen bie Türme* ber Stabt zurück. Sein feuriger Rappe schien sich über ben gemessenen Gang zu wundern. Die auf ber Ebene geUenbe Felbmusik unb bie überall marschierenben Truppen verrieten ihm ben Beginn eines Feldzuges. Er schnoberte, als wittere er schon den Pulverdampf, und schritt stolz, als trage er den Sieg. Abschied ist schwer, dachte ber Feldherr, ich mochte ihn nicht wiederholen. Noch einmal hatte sich das Leben an ihn gedrängt und er das Veste des Daseins, Schönheit und Herzenskraft, in den Armen gehalten. Der Jüngling war in ihm aufgelobert, und wenige Augenblicke, nachdem er Diktorien so erbaulich zugeredet, lehnte er sich auf gegen bie Vernichtung. Das eble Blut, das in ben sterblichen Adern rinnt, bie Tatkraft, empörte sich gegen ben ewigen Frieden. Ein Zorn blitzte auf in seinen hellen grauen Augen gegen feinen Mörder, den er im Bilde wiedererblickt, und er schlug mit ber gepanzerten Rechten gegen seine Brust, als zerdrücke er darauf die Wespe, bie ihn gestochen hatte. Jetzt wieherte auch der Rappe und setzte sich in kurzen G-ft-wp, von dem Feldherrn unwissentlich mit ber Ferse berührt ober so verwachsen mit ihm, baß er seinen Unmut mitfühlte. Verantwortlich: Dr. Sans Thyriot. - Druck und Verlag: Vrühl'fche Aniversitäts^Vuch. und Steindruckerei. X. Lange, In dieser Stimmung gewahrte Pescara auf einem nahen Reisfelde die wechselnden Stellungen eines tollen Kampfes, welcher dasselbe zerstampfte. Ein einzelner wehrte sich verzweifelt gegen eine Uebermacht. -Der zerlumpte kleine Kerl in gelben und schwarzen Fetzen focht wütend mit seiner Speerhälfte wider ein Dutzend Spanier. Zweie hatte er hingestreckt, wurde jetzt aber von den übrigen überwältigt, und schon saß ihm eine Schwertspitze an der Kehle, als der auf ihm kniende Spanier von einem andern zurückgerissen wurde, weicher auf den heransprengenden Feldherrn deutete. Pescara winkte, und der Trupp mit dem Gefangenen folgte ihm unter eine mächtige Eiche, die an der Landstraße stand, weitum der einzige Baum in der schwülen Ebene. Der Feldherr stieg ab und lehnte sich an den bemoosten Riesenstamm. Seine Brust keuchte von dem raschen Ritt, und es kam ihm gelegen, sie zu beruhigen, Rast haltend unter dem Vorwand eines Verhöres. Der spanische Wachtmeister berichtete: sie hätten einen Schweizer durch das Getreide laufen sehen, wohl einen Versprengten von Pavia, welcher bislang sich irgendwo untergeduckt, und ihn gehascht, da es möglicherweise ein mailändischer Spion sei. Seinen Vortrag beendigend, blickte der spanische Spitzbart zu einem starken Aste auf, welchen die Eiche wagerecht hervorstieß. . . Pescara deutete die Spanier weg, die sich in einiger Entfernung wachehaltend verteilten, und mutterte- dann den Schweizer vorn Wirbel zur Zehe. So verrostet der Harnisch und so zerlumpt das schwarzgelbe Unterkleid war, erkannte er doch gleich die Tracht des 'Klosterbildes und nicht minder die glitzernden Aeuglein, und jetzt, wahrhaftig, verzog der vor ihm Stehende sein Gesicht zu jenem lächelnden Grinsen, sei es aus Angst, sei es, weil auch er sich den Feldherrn ins Gedächtnis zurückrief. „Heb auf und gib", befahl dieser, und zeigte auf den Lanzenstumpf, welchen einer der Kriegsknechte zu den Füßen des Gefangenen geworfen hatte, als Beweisstück für die Verwundung seiner Kameraden. Es war eine vordere Spießhälfte, deren Spitze blutete. Der Schweizer gehorchte, und der Feldherr betastete prüfend die Spitze mit dckrn Finger; dann warf er den Stummel weg. „Wie heißest du?" fragte er. Bläsi Zgraggen versetzte trotzig: „Lasset Ihr mich henken, so ist es Der Feldherr verzichtete darauf, diesen unmundlichen Geschlechtsnamen zu wiederholen, der von dem zerrissenem Kamm eines Schweizergebirges zu stammen schien, und bediente sich des Vornamens, welchen er italiani- fierte, „Biagio", sagte er, „du hast mir zwei Leute verwundet; ich denke, ich lasse dich hier aufknüpfen." ... , Bläste Zgraggen versetzte trotzig: „Lasset Ihr mich henken, so ist es weniger wegen dieses letzten Handels, sondern eher, weil ich „Schweig!" gebot der Feldherr. Er konnte sich rächen, indem er dem Kriegsrechte freien Lauf lieh, aber eine solche Rache weder sich selbst noch seinem Opfer eingestehen. „Wie bist du hier zurückgeblieben?" fragte er. Zgraggen, der ein geläufiges Lombardisch sprach, begann herzhaft: „Auf dem Felde von Pavia wurde ich gewundet und niedergeritten und lag, den geknickten Spieß neben mir. Nächtlicherweile schleppte ich mich dann den Bergen zu, hungernd und bettelnd. Herr, sehet Ihr rechts von den zwei Pappeln das lange, rote Dach? Dort haust die Narracivallia mit ihrem Manne. Dieser dingte mich zur Feldarbeit — bis sich der Krieg verzogen hätte, jetzt käme ich doch nicht über die Grenze. Hernachmals machte mir die Narracivallia Augen. Da erschien mir im Schlaf der Vater und die beiden Großväter, die mir alle noch daheim leben, wenn auch die Ahnen in großer Schwachheit. Zuerst kam der Vater, hob den Finger und sagte: .Nimm dich in acht, Bläsi!' Dann kam der väterliche Ahn, faltete die Hände und sagte: .Denk' an deine Seele, Bläsi!' Zuletzt kam der mütterliche Ahn, zeigte die Tür und sagte: .Lauf, Bläsi!' Da schoß ich auf und suchte meine Kleider. Freilich meine seidenen Handschuhe und meinen gekettelten Kragen hatte mir die Narracivallia abgeschwatzt, um damit in der Kirche Staat zu machen. Ich war nur noch meines halben Verstandes mächtig und verlor auch diesen, da ich im Morgenlicht bei Heiligenwunden eintrete zum englischen Gruß und — denket Euch meinen Schrecken — mich selber erblicke, wie ich leibe und lebe und Gott ersteche!" „Ei", lächelte Pescara. „Ein Schelmstllck!" zürnte Zgraggen. „Wisset Herr, ein paar Pinsler hatten sich zeither mit ihrem Zeuge da herumgetrieben und ließen sich einmal in der Meierei ein Glas Milch geben. Der eine faßte mich ins Auge. ,Dc> haben wir, den wir brauchen', sagte er und beschaut mein Schwarzgelb. .Mann, holt Euern Spieß und Harnisch.' Ich tue ihm den Willen. Jetzt heißt mich der Pinsler die Beine spreiten, spreitet sie gleichfalls und reißt mich auf ein Stück Leinwand. Dann versprachen mir die Spitzbuben, mein Konterfei zu hohen Ehren gu, bringen, ich aber stehe in Heiligenwunden und steche in den Salvator!" Der Feldherr empfand ein gewisses Wohlwollen für den ehrlichen Gesellen. „Nimm", rief er in einer seltsamen Laune und streckte dem Urner seinen vollen Beutel entgegen. Dieser nahm ihn mit der Rechten und ließ die Goldstücke zählend in die Linke gleiten, ernsthaft und bedächtig. Dann schob er die Dukaten in die Tasche und wollte den Beutel dem Feld- Herrn zurückstellen. „Behalte! Er hat goldene Schleifen!" Der Urner schickte den Beutel den Dukaten nach. „Wo stellet Ihr mich ein, Herr?" fragte er. Er konnte sich nichts denken, als daß ihn Pescara geworben und ihm Handgeld gegeben habe. Pescara erwiderte: „Ich habe dich nicht gedingt, und ich meine, nachdem dich die dreie so ernst vermahnt haben, kehrst du am besten in deine Heimat zurück und nährst dich redlich, wie es im Sprichwort heißt." „Aber warum denn schenkt Ihr mir so viel Geld, wo ich Euch nichts zuliebe getan habe?" sagte Zgraggen. Diese Vergeltung Pescaras überstieg das Fassungsvermögen des Urners und beängstigte seine Rechtlichkeit. „Aus Großmut", scherzte der Feldherr. Bläsi kannte das Wort nicht. Da fiel ihm ein, es werde Größten bedeuten, und da er im Lager oft gesehen hatte, wie Prahlerei das Geld mit vollen Händen wegwirft, beruhigte er sich dabei. „Ja so", sagte er. Pescara aber winkte, sein Roß vorzuführen. „Und damit du durchkommest", sprach der Feldherr schon im Bügel, „nimm noch das." Er warf ihm eine Passiermarke zu, und wenig fehlte, Zgraggen hätte gedankt. Wenigstens wollte er noch langes Leben München; aber den Feldherrn zum Abschied anschauend, erkannte er das Siechtum in diesem Antlitze mit seinen Aelpleraugen, welche das alle Welt täuschende geistige Leben desselben nicht bestach. Unwillkürlich wünschte er; „Gott gebe Euch selige Urständ, Herr!" Dann über feine eigene Rede und ihre böse Bedeutung bestürzt, lief er querfeldein mit einem halben Spieße, den er sorglich aufgehoben und nun als Reisestab ührte. Die Spanier hatten verwundert zugesehen, der alte Wachtmeister aber schüttelte bedenklich und abergläubisch den Kopf über die seltsame Freigebigkeit feines sparsamen Feldherrn. s Der Trupp, welcher den Urner gefangen hatte, gehörte zu dem Heerhaufen, der jetzt in einer Staubwolke hinter schlagenden Trommeln heran- rückte. Der Feldherr ritt seinen Töpfern entgegen, von brausendem Jubel empfangen, und lenkte das Roh zwischen die Feldmusik und die erste Kompanie, deren Hauptmann ehrerbietig Raum gab. Eine Weile blieb er allein an der Spitze der Truppen. Da nahte von Novara ein Reitender in weißem Mantel und gesellte sich zu ihm. Zusammen ritten sie durch das Schloßtor. Schweigend folgte der Begleiter dem Gange Pescaras und überschritt hinter ihm die Schwelle des Gemaches. Pescara wendete sich. „Was wollt Ihr, Moncada?" fragte er, und dieser antwortete: „Eine Unterredung ohne Zeugen, die Ihr mir nicht zum zweiten Male verweigern werdet." „Ich stehe zu Diensten." „Erlaucht", begann der Ritter, „ich habe, wie Ihr erlaubtet, den Kanzler drüben gesprochen. Er war voller Angst und Blässe und beteuerte mit tausend Eiden, er sei gekommen, Aufschub und leichtere Bedingungen zu erlangen, nur dieses habe ihn nach Novara geführt. Dann schwatzte er wild durcheinander wie das böse Gewissen. Dieser Mensch ist ein Abgrund von Lüge, in welchem der Blick sich verliert. Ich bin sicher, daß er im Namen der Liga hier ist." „Nichts anders", sagte der Feldherr. „Und daß er Euch die Führung derselben angeboten hat?" „Nichts anders." Jetzt entstand Lärm im Vorzimmer. Ippolito beiseite werfend, verwildert, mit rasenden Mienen und verrückten Augen stürzte der Kanzler herein. Ihm folgten auf dem Fuße, beide schon gepanzert, Bourbon und Del Guasto, denen er auf dem Gange begegnet und die ihn zurückhalten wollten. In Verzweiflung warf er sich dem Feldherrn zu Füßen, während Moncada langsam in den Hintergrund zurückwich. „Mein Pescara", schrie der Geängstigte, „alle Geduld nimmt ein Ende! Ich kann die Marter nicht länger ertragen. Jede Minute dehnt sich mir zur qualvollen Ewigkeit. Ich vergehe. Sei barmherzig und gib mir deine Antwort!" , . I Pescara erwiderte mit Ruhe: „Vergebet, Kanzler, wenn ich Euch habe warten lassen. Meine Zeit war nicht frei, doch eben wollte ich nach Euch schicken. Eure gestrige Rede hat mich beschäftigt, denn das Los eines Volkes ist keine Kleinigkeit — aber bitte, setzet Euch, ich kann nicht sprechen, wenn Eure Gebärden so heftig dareinreden." Der Kanzler packte krampfhaft die Lehne eines Sessels. „Ich habe die Sache gewogen ... doch, Kanzler, lassen wir zuerst alles Persönliche, denket weg von Euch selbst und von mir, es bleibt die Frage: Verdient Italien zu dieser Stunde die Freiheit und taugt es, so wie es jetzt beschaffen ist, sie zu empfangen und zu bewahren? Ich meine nein. Der Feldherr sprach langsam, als prüfe er jedes feiner Worte auf der Waage der Gerechtigkeit. „Zweimal hat Freiheit in Italien gelebt, zu verschiedenen Zeiten. In der beginnenden römischen Republik, da das Staatswohl alles war. Dann in jenen herrlichen Gemeinwesen, Mailand, Pisa und den andern. Jetzt aber steht es an der Schwelle der Knechtschaft, denn es ist los und ledig aller Ehre und jeder Tugend. Da kann niemand helfen und retten, weder ein Mensch noch ein Gott. Wie wird verlorene Freiheit wiedergewonnen. Durch einen aus der Tiefe des Volkes kommenden Stoß und Sturm der sittlichen Kräfte. Ungefähr wie sie jetzt in Germanien den Glauben erobern mit den Flammen des Haffes und der Liebe. Aber hier! Wo in Italien ist, ich sage nicht Glaube und Gewissen, da das für euch veraltete Dinge sind, sondern nur Rechtssinn und Ueber- zeugung? Nicht einmal Ehre und Scham ist euch geblieben, nur die nackte Selbstsucht. Was vermöget ihr Italiener? Verführung, Verrat uns Meuchelmord. Worauf zählet ihr? Auf die Gunst der Umstände, auf die Würfel des Zufalls, auf das Spiel der Politik. So gründet, so erneuen sich keine Nation. Wahrlich, ich sage dir, Kanzler", — und Pescara erd"" die Stimme wie zu einem Urteilsfprud) — „dein Italien ist willkuriiw und phantastisch, wie du selbst es bist und deine Verschwörung!" „Wahrheit", ließ sich die Stimme Moncadas vernehmen. „Auch der Held, Marone, den Ihr Euch erwählt habet, entbehret Des Daseins." . Doch diese leisen letzten Worte Pescaras wurden überschrien. JKoron hatte schnell den Kops gewendet und den Ritter erblickt: wie er fein Anschlag dem Spanier preisgegeben sah, geriet er in Wut, seine Jug verzerrten sich, und er tobte wie ein Besessener. „Falsch und ÜrauL j Falsch und grausam! O ich mit Blindheit Geschlagener!" Dann von I loser Rachgier überwältigt, schrie er gegen Moncada: „Wisset es, Ni - dieser" — er wies auf den Feldherrn — „ist der Schuldige! Seinetw - die ganze Verschwörung! Ich bin seine Kreatur, und nun opfert der Unmensch!" ' (Fortsetzung solgbl.