GieheiierZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <951 Montag, -en 19. Januar Nummer 6 Ei« Lied, Hinterm Ofen zu fingen. Bon Matthias Claudius. Der Winter ist ein rechter Mann, Kernfest und auf die Dauer; Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an, Und scheut nicht Süß noch Sauer. War je ein Mann gesund, ist er's; Er krankt und kränkelt nimmer, Weiß nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs Und schläft im kalten Zimmer. Er zieht sein Hemd im Freien an. Und läßt's vorher nicht wärmen; Und spottet über Fluß im Zahn Und Kolik in Gedärmen. Aus Blumen und aus Vogelsang Weiß er sich nichts zu machen, Haßt warmen Drang und warmen Klang Und alle warme Sachen. Doch wenn die Füchse bellen sehr, Wenn's Holz im Ofen knittert, Und um den Ofen Knecht und Herr Die Hände reibt und zittert. Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht Und Teich und Seen krachen; Das klingt ihm gut, das haßt er nicht, Dann will er sich totlachen. — Sein Schloß aus Eis liegt ganz hinaus Beim Nordpol an dem Strande; Doch hat er auch ein Sommerhaus Im lieben Schweizerlande. Da ist er denn bald dort, bald hier, Gut Regiment zu führen. Und wenn er durchzieht, stehen wir Und sehn ihn an und frieren. Das drohende Haus. Von Isabella Sandy. (Nachdruck verboten.) Es war eines der alten Häuser, denen die Dichter eine Seele zuschreiben ... Nach ihrer Ansicht hat dort alles Leben.' die von hundertjährigem Rauch geschwärzten Herdstätten, die ehrwürdigen Balken, die müde sind, so viele Menschenschicksale zu tragen und an stürmischen Tagen wie traurige Menschen stöhnen, die abgenutzten Steinschryellen, die Mauern, auf deren weiße Flache die Lampen flüchtige Schatten zeichnen. Ein im Pariser Boden wohlverankertes Haus, im Zentrum, ukiweit der Seine, deren feuchten Atem es einsaugt. Es ist drei Stockwerke hoch; der Eigentümer und seine Kinder bewohnten zwei; ganz oben pflegte ein friedlicher Mieter auf einem etwas wackligen Balkon feine Geranienftöcke. Im Treppenhaus herrschte völlige Ruhe, niemals gab cs mehr ober weniger lebhafte Erörterungen, nur zuvorkommende und kurze Worte und einige höfliche' Redensarten zu Neujahr. Mit Kriegsschluß änderte sich alles. .Der kleine, verarmte Eigentümer verkaufte seine Stockwerke eines nach dem andern, und das alte, innerlich auscinandergerissene, zerteilte Haus wurde dem Beispiel der neuen Bauten angepaßt, die schon vor ihrer Ferkigstellung stückweise verhandelt werden. Wurde es dadurch schlechter Laune? Beschloß es, seinen drei Besitzern das Leben unerträglich zu machen, um die alte Ruhe wiederzugewinnen? Niemals hatten seine Kamine so ote! geraucht, niemals seine Röhren den Angriffen des Winters so wenig standgehalten. Unter, seinem Anstrich aus frischem Gips und neuer Malerei wurde es hiy^ fällig wie eine alte Kokette, und die drei verantwortlichen Eigentümers konnten dauernd die Zweckmäßigkeit der geforderten Reparaturen erörtern; die Erörterungen arteten in Wortwechsel aus, der Wortwechsel in hestigen Streit. Man murmelte auf den Treppenfluren Beinamen, die — wenn sie auch in keinem Wörterbuch zugelassen find — darum doch recht kräftig und bezeichnend sind. Das Leben wurde vom Erdgeschoß bis zum Boden unerträglich. Da griff bas alte Haus ein. An einem Wintermorgen tauschten zwei junge Hausmädchen fol genbe Worte aus, währenb sie die Treppe hinuntergingen: Schon acht Uhr! Was wird der Herr sagen, wenn er noch nicht die Zeitung und seine Brötchen hat? Aber ich kann nichts bafiir, daß ich eine Stunde zu spät bin: es ist so finster, daß ich nicht glaubte, es wäre schon so spät, und die Wanduhr im Vorzimmer ist heute morgen um fünf Uhr stehen geblieben! Das ist kornisch! Unsere auch! Um fünf Uhr stehen geblieben? Sie machen Spaß! Beweis, daß ich ebenso verspätet bin wie Sie! Die Hausbesorgerin, die das Gespräch mitanhörke, rief: Nicht möglich! Ihre Uhren sind um fünf stehen geblieben? Aber meine auch! Nur die Taschenuhr läuft! Na, wir haben keine! ... Das ist gleich! Das ist eine komische Geschichte! Und wer weiß, was im dritten ist? Da kommt gerade da» Mädchen herunter: hören Sie mal! Sind bei Ihnen Wanduhren — Na sicher: zwei, und sie taugen nichts! Schlaguhren, daß es eine Schande ist! Alle beide sind sie stehen geblieben ... Um fünf Uhr! riefen drei Stimmen. Wer hat Ihnen das gesagt? fragte das alte Mädchen mißtrauisch. Unsere! Auch stehen geblieben! Das ist schlimmer als Kegelschieben, wie der Herr sagt! Während die jungen Mädchen lachend wie Kinder davonstoben, blie- ben die beiden weißhaarigen Frauen stehen, um die eigentümliche Begebenheit zu besprechen; sie fürchteten sich und zitterten beim geringsten Geräusch. Soll ich Ihnen etwas sagen, Frau Trurois? All das geht nicht mit rechten Dingen zu. Diese Tollköpfe haben gut lachen, das ändert nichts. Das glaubt an nichts mehr, das ist Freigeist; aber wie ich sie kenne, haben sie heut nacht mehr Angst als Sie und ich! Es gibt nichts, als Gebete für die Verstorbenen zu sprechen, das beruhigt sie; man vergißt sie zu sehr; dann bringen sie sich den Lebenden in Erinnerung, weil sie nicht mehr reden können ... Wenige Augenblicke später erfuhren die drei Besitzer die Geschichte von den Uhren; sie wunderten sich darüber, aber ihre Zwistigkeiten waren so groß, daß sie kein Wort über die Sache verloren. Die von den Dienstboten kolportierte Erklärung beruhigte: Der Herr vom dritten hat gesagt, daß diesen Ntorgen um fünf Uhr ein Erdbeben war, von dem alle Uhren in Paris ftehengeblieben sind und daß man es in den Abendzeitungen lesen wird. Nun, die Abendzeitungen blieben stumm, und das Geheimnis dek Uhren war ungelöst ... Man wollte nicht mehr daran denken. Indessen wühlte eine dumpfe Unruhe in den Besitzern. Da sie, wie sich das Volk ausdrückt, auf Hauen und Stechen miteinander standen, wagte keiner von ihnen eine Versammlung einzuberufen, und jeder beobachtete verstohlen die geweißte Fassade, die unter dem dicken Gips in Ordnung zu sein schien; man hatte doch die Risse vermauert, ausgebessert, neu'hergerichtet. Was war weiter zu tun als abzuwarten, daß der Zufall ihnen die gewünschte Erklärung gab? Ein Kind sand sie: als der kleine Glaube, der Sohn des Besitzers im zweiten Stock, eine Woche nach dem geheimnisvollen Vorfall mit Murmeln spielte, kam er zu seinem Vater gelaufen und rief: Papa! ich kann nicht spielen! Die Murmeln wollen nicht auf dem Küchenboden stehenbleiben! Sie rollen immer herunter! Das ist ja langweilig! Sieh doch mal! Von einer noch unbegründeten Angst gewürgt, folgte der Vater dem Buben und mußte schaudernd erkennen, daß die Beobachtung des Kindes vollkommen richtig war: den Boden der Küche war nicht mehr waagerecht, und die sich in jedem Raume wiederholende Tatsache ein Beweis! Kein Zweifel: bas alte Haus hatte sich gerührt, es hatte sich leicht nach seiner linken Ecke gesenkt ... Es ist gut, murmelte der Besitzer, ich werde nach dem Essen die Herren aufsuchen, und wir wollen gemeinsam in den Keller hinuntersteigen ... Von Unruhe verzehrt, öffnete er fein Fenster und beobachtete aufmerksam die Nachbarhäuser. Die Pariser Nacht, eine bräunliche und rosafarbene Orchidee, entfaltete ihre Blütenblätter auf ben Kais, längs der von einem Schauer geschüttelten Straßen mit schmierigem Pflaster. Stärker als in der Helligkeit des Tages, so schien es ihm, spürte man die ungeheuere Erschütterung, die der moderne Verkehr der ermüdeten Stadt auferlegt: die neuen Häuser murmelten wie romantisch angehauchte Kinder der Zeit: wir sind müde, bevor wir gelebt haben! Und LVc- Alten klagten, seit einem halben Jahrhundert nicht mehr schlafen zu können. Gin Eindruck allgemeiner Müdigkeit ging von der schlummerlosen Stadt aus. Da verstand der Mann, der nachdenklich aus seinem Fenster sah, wahrhaft die Gefahr; er ließ sich, ohne länger zu warten, bei den Mitbesitzern melden, indessen das Haus mit all seinen verschminkten Rissen lachte ... Die drei Männer durchsuchten mit der Lampe ben Keller, einen geräumigen und tiefen Keller, der zur Zeit der Könige mit anständigem Material gebaut war, um Jahrhunderte zu überdauern, und sie entdeckten die neue Spalte, die die Ursache für die Bewegung des Hauses gewesen war. Durch die gemeinsame Gefahr einander genähert, verhandelten sie mit einer feit langem fehlenden Höflichkeit. Die I2an löiuDriqeö tuuiuweii tieven rurei yuiyy«ujuuj|viitii, uucicu u1 pinß>' " *. , \ < . 4 X ., . .. «, rr " ,z * Geprüft wird nicht die Jüngere, sondern ihre Begleiterin, die Mut^Ufmacht hinter diese scheinbare Selbstverständlichkeit em dickes Fragezeichen. X. r .' ----O ; , / , v r____ _____ .. ii ex;. A,IV nnnrnnnifmon ’lirntprii» nnn nor Vor 16 .Jahren war sie Sängerin, tanzte gut und sang ganz nett. Die Ehe, die Familie, die täglichen Sorgen entrissen sie der Bühne. Sie verlor die Verbindung mit der Union, zahlte den Beitrag nicht mehr und wurde gestrichen/ Nun starb der Mann, die Tochter war erwachsen und sie beschloß, zur Kunst zurückzukehren. Das Examen läßt sich leider nicht umgehen — eine bloße Formalität, wie sie glaubt, denn sie ist doch ein ehemaliges Mitglied der Union, ein alter Kamerad. Trotzdem ist sie ein wenig nervös, aber die Tochter beruhigt sie: „Eine Lappalie, Mutter, du wirst schon sehen !" Alles nimmt jetzt Platz. Der Sekretär verkündet, daß Herr E. als erster geprüft wird und verteilt an jeden zwei Zettel auf denen nur je Krankheiten befallen nach der herrschenden Ansicht nur Lebewesen. ’3as tot ist, kann nicht mehr sterben. Aber die moderne Wissenschaft Kurcht machte ihre Seele weich, die wütend selbstsüchtige Seele die unkte Seit den meisten Menschen gegeben hat. Sie waren rote Reisende “ueinemoom Sturme zerfetzten Schisse die sich°-rtragenumntch unterzugehen; instinktmäßig beauftragten sie den ältesten von ihnen, die Frage zu studieren, einen Architekten aufzusuchen und gaben ihm Voll- "'°Das alte Haus, über diese Gruppe gebeugt, lachte leise. Indem es seine Muskeln aus Stein und Holz strasste sich starker w't seinen granitenen Wurzeln in den uralten Boden verbiß, an das Leben klammerte I mit seinem lange geübten Willen, nahm es sich vor, die Prüfung zu I Überdauern, noch lange Zeit Wachen und Schlummer seiner Kinder zu I bCf)6cit' acht Jahren hat es sich nicht mehr gerührt; Friede herrscht in seinen Mauern, denn unter allen Uhren, die damals stehen blieben, er- I innert ein Holzpflöckchen die Vergeßlichen daran, daß sie im Zeichen I des Schicksals Brüder sind ... „ ™ y Ist das nicht übrigens die Geschichte aller Menschen? (Deutsch von Käthe Minz.) Schauspielerprüfung in USA. Von Ossip Dymow. Willst du dir ansehen, wie Schauspieler gemacht werden?" schlug mir cin "berühmter Schauspieler vor, als ich noch in Neuyork lebte. „Morgen f sprach von jenen Prüfungen, die jedes Jahr einmal für diejenigen stottsinden, die sich der Bühnenlaufbahn zu widmen beabsichtigen. Sie werden von der „Union" der Gewerkschaft der Schauspieler veranstalt^ und niemand, der nicht im Besitz der „Union Card ift, darf an einem Theater beschäftigt werden. Jeder Schauspieler mutz Mitglied der .Gewerk« schast sein, den Mitgliedsbeitrag — „dues" — zahlen und sich m allem chren Satzungen fügen. Dafür beschützt und beschirmt ihn tue Union und rettet ihn oft aus den allzu griffigen Krallen der Direktoren und Entre- ^^D^Schauspielkunst gilt in Amerika als Handwerk, ebenso wie alle anderen künstlerischen Berufe — die der Maler, der Schriftsteller, der Musiker ufro. — in gewissem Sinne als Handwerk betrachtet werden. Es gibt eine Gewerkschaft der Komponisten, eine Genossenschaft — im Grunde auch Gewerkschaft — der Dramatiker. „ Es ist nicht nur vorteilhaft, sondern auch unumgänglich notwendig, einer Union anzugehören. Für den Ansänger der Schauspielkunst ist es die erste Bedingung des Broterwerbs, der Karriere, Sinn und Grunv- 109 TOein ^reunb, der Schauspieler, ist kein Mitglied der Union. Er ist ein „Star". Er „darf" spielen in Anbetracht der Verdienste der Kunst und dem Theater gegenüber. Ein „Star" steht außerhalb der allgemeinen Regeln. Er braucht keine Prüfung zu bestehen, gleich all den andern, Ebenen, die aus Europa mit gutem Ruf und bereits gemachtem en herüberkommen. Ost geschieht dies nur pro forma. Meist aber ist es eine ernste Talentprobe. Die europäische Vergangenheit ist für Amerika nicht maßgebend. Nach der Durchquerung des Ozeans wird man gleichsam neu geboren. Wie und wer du jenseits des großen Wassers warst, interessiert niemanden. Wichtig ist, was du im Lande selbst bist, ob du „Geld machen" kannst — „make money" — bas gibt den Ausschlag. Nicht jeher wirb ohne weiteres zur Prüfung in der Union zugelasftn. Man muß gewisse Vorbebingungen erfüllen. Man muß schließlich, wie in allen irbischen Institutionen, Protektion — „pull" — oesitzen. Ader vor allem muß man eine gewisse, ziemlich hohe Summe einzahlen — wenn ich nicht irre, 150 Dollar. Diese Summe wirb im Falle eines Durchfalls zurückerstattet. Aber natürlich zieht es jeher vor, sie zu ver- fiercn, wenn er nur angenommen wirb. Wir betreten ben Saal her Union, er faßt 250 Personen unb ist in ter Art eines kleinen Theaterraums gebaut. Alle Plätze sinh von Schauspielern besetzt. Die Prüsung ist ossentlich. Jeher Anwesenbe hat bas Recht mit „Ja" ober „Nein" zu votieren. Die Stimmung ist gehoben, wie bei einer Premiere. Die Prüflinge halten sich hinter ben Kulissen «us, wo sie sich schminken, zurechtmachen unb maßlos aufregen. Einzelne jedoch befinden sich im Saal, lachen und scherzen mit ihren Freunden. Das gilt als schlechtes Omen für den Ausgang ihrer Prüfung. Da ist E. Er ist einer her Kandidaten und so blaß wie die Leinwand. Zweimal ist er bereits burchgefallen. Die Prüfungen finden nur einmal jährlich statt, und mehr als dreimal darf man nicht hintereinander kandidieren. Heute ist es also für ihn das letztemal. Seine Frau hat ihm erklärt, daß, wenn er auch diesmal durchfalle, er gar nicht erst nach Hause zu kommen brauche. Läßt er sich aber dennoch blicken, so verläßt sie selbst für immer das Haus. Der unglückliche E. brachte einen Revolver mit unb ist fest entschlossen sich zu erschießen. Die Münbung bes Revolvers sieht aus der Tasche heraus, jeder kann sie sehen. „Glauben Sie, daß er geloben ist?" fragte ich feinen Freunb. „Ohne Zweifel. Ich kenne ihn. Er ist vollkommen talentlos, und doch wird man ihm durchweg ein „Ja" geben. Werde ich wirklich einmal mit ihm spielen müssen?" seufzt er. Ein IMhriges Mädchen neben einer hochgeroachsenen, älteren Fr ein Wort steht: „Ja" ober „Nein". Einer von ihnen muß bei der Abstimmung abgegeben werden. Aber welcher? Das ist die große Frage. Jeder Prüfling braucht eine bestimmte Anzahl „Ja , bann ist er 9€62lufeI1ber kleinen Bühne erscheint E. Er soll irgenbeinen Monolog sprechen. Einen traurigeren Bortrag habe ich nicht vernommen. Der Mann zittert an allen Gliedern, seine Stimme versagt, die Beine knicken ein. Er ist tatsächlich dem Selbstmord nahe. Die Zuhörer befinden sich in einer eigenartigen Verfassung. Es ist ihnen zumute, als sei ein jeder von ihnen her Brudermörder Kain. Genug!" ruft einer. „Genug! Genug!" fallen die andern ein. Der unglückselige Monolog bricht ab. E. steht da unb sieht sich ratlos um. Was bedeutet das? Ist er so schlecht, baß man ihn nicht einmal zu Ende hören will? Man führt ihn ab, er selbst kann nicht gehen. Die Zettel fallen. Man zählt sie: „Ja, nein, ja, ja, ja ... grau unb Kmb paffen mit blaffen gespannten Gesichtern auf. Das „Ja roirb immer häufiger. Es ist jetzt schon klar, daß er burchkommt. Das Resultat: E. ist mit einer überroältigenben Mehrheit angenommen. Die gedruckte Stimmung des Saales verwandelt sich im Nu in eine heiter-gehobene. Man hört Witze unb Scherze. Alle fühlen sich erleichtert. Das Theater ist um einen talentlosen Schauspieler,, bie Welt um bret glückliche Menschen reicher geworben. Als nächster Prüfling erscheint F. auf her Buhne. Er hat einen großen Namen unb eine 20jährige Bühnenlaufbahn hinter sich. Freilich nicht in Amerika, sondern in Europa. F. ist zweifellos sehr talentvoll. Er tritt in seiner Rolle auf, bie er viele hundert Male gespielt hat unb ba er allein ist, gibt er sich bie Stichwörter selber. Das Ergebnis: em überwiegendes „Nein". Im Saal entsteht Bewegung. „Wie war das möglich?" fragte ich. meinen Nachbar. Er will zuerst nicht recht mit her Sprache heraus. Schließlich sagt er: .Sehen Sie mal, biefer F. ist sehr hochmütig unb eingebitbet. Außerbem ist er ein schlechter Kamerab. Als er in Europa Theaterleiter war unter« brückte er bie Schauspieler, zahlte ihnen keine Gagen, beutete sie aus. I .Union* ist eine große Familie. Er paßt nicht hinein." — Man hak noch lange über ben Fall F. in ben Theaterkreisen unb in her Presse bistuhert. Ein Jahr barauf würbe er übrigens angenommen. , Da kommt aber auch schon bie Operette an bie Reihe. Das ist jene Sängerin, bie nach 16jähriger Pause wieher zur Bühne will. Aber ach! Sie vergaß, baß hie Zeit nicht still steht, baß sie eine erwachsene Tochter I hat, unb bah bas Leben bereits hinter ihr liegt. Sie singt so, wie sie früher gesungen hat, sie tanzt, wie sie früher tanzte. Aber es ist nicht I mehr basfetbe. Die Stimme ist bahin, bie Grazie unb bie Jugenb entschwunden. Sie selbst merkt es nicht. Aber die anderen sehen es. Lächelnd I verläßt sie bie Bühne unb hört zu, wie man bie Zettel zählt. Die verhängnisvollen „Nein" werden immer häufiger, zwischendurch tritt ein vereinzeltes „Ja" hervor, bas sogleich wieher von den scharfen, unerbitt« I lichen „Nein" überflutet roirb. I „Nicht angenommen", verkünbet der Sekretär. Da geschieht etwas Unerwartetes, Unheimliches. Die Frau springt von ihrem'Sitz auf, reckt sich in voller Größe auf, sie ist jedem sichtbar... I Sie hebt bie Hanb unb ihrem Munb entströmt eine Flut von Schmahun- I gen unb Flüchen. Sie beschwört auf bas Haupt eines jeden, der mit I „Nein" gestimmt hat, Tod unb Verberben, Krankheit, Mißgestaltung, Unglück aller Art herab. Wäre bies Theaterspiel Wiebergade einer Rolle, I so hätte sie zweifellos ein einstimmiges „Ja" bekommen. Aber bas war | nur L-ben, nur nackte Wirklichkeit, gierig im Streben nach bem Stück I Brot, das ihr entrissen worben ist. I Es würbe ganz still im Saal. .Niemand antwortete, niemand ver- I suchte, sie zu beruhigen. Man verstand bie Tragik ihres Lebens — biefe I ewige Tragik her alternben Frau, bie mit kraftlosen Hänben sich an bas I rollenhe Rad her entschwinhenhen Jugenb klammert. Das Fazit der Prüfung war ziemlich unbedeutend Es fanden Auf- I nähme außer E„ noch ein Komiker, die Tochter irgendeiner Schau« I fpielerin, die feit 25 Jahren Mitglied der Union war und ihren Platz I sozusagen der Tochter vermachte, ferner drei unbedeutende junge An- I fängerinnen, die ein bißchen tanzen untj Couplets fingen konnten. Denn die Zeiten hatten sich gegen früher geändert, bie siegreiche, I gebieterische, seelenlose Operette überschwemmte bie Bühnen Neuyorks | unb forberte bas Ihre... ,,, I Der mächtige Gott des amerikanischen Lebens — die Wirtschaft — I herrschte auch in diesem kleinen Saal, auf dieser kleinen Bühne. Nach I seiner Melodie tanzte nun auch die „Kunst". Sterbende Metalle. Von Bernhard N e u k a m p. Eine junge Wissenschaft, bie Materialprüsungskunbe, hat uns in der letzten Zeit wichtige neue Erkenntnisse beschert. Wir müssen ben lehrreichen Forschungen um so mehr Beachtung schenken, als sie geeignet sinh, Leben unb Gesundheit der , I Menschen vor vielen bisher unvermeidlichen Gefahren zu I schützen. • Die Steine gehören doch sicherlich zur anorganischen Materie, von her wir glauben, daß sie weder den Krankheiten noch dem Tod unterworfen sei. Dennoch gibt es „Steinkrankheiten". Ebenso verändern sich Metalle unter Umständen so eigenartig, daß wir nicht umhin können, sie als krank zu bezeichnen. So merkwürdig es klingt: Infektionen, Vergiftungen, Siechtum unb vorzeitiger Verfall kommen auch im Reich bes Anorganischen vor. Unb wenn sie hort anbere Ursachen haben als in her belebten Natur, so ergeben sich bei näherer Betrachtung hoch eine ganze Reihe wichtiger unb aufschlußreicher Aehnlichkeiten. Den natürlichen Verfall, bem auch die anorganische Materie ausgesetzt ist — bie Verwitterung her Gesteine unb bie Zersetzung her Metalle — ficht man nicht etwa als Krankheit, sondern als normale „Alterserscheinung" an. Die „Lebensdauer" hangt in der anorganischen Natur wesentlich von der physikalischen und chemischen Konstitution der betresfenden Materie ab. So bedarf bekanntlich der Kölner Dom einer dauernden Restaurierung, weil der zum Bau benutzte Sandstein aus dem Siebengebirge in der an Jndustrieabgasen reichen Luft Kölns rasch zerfällt. Daß aber selbst Edelsteine, die doch als die beständigsten Materialien gelten einem vorzeitigen Verfall unterliegen können, hat man neuerdings sogar am Diamanten beobachtet. Durch optische Messungen wurde nämlich festgestellt, daß die Brillanz geschliffener Diamanten „reinsten Wassers" schon innerhalb weniger Jahre nach dem Schliss stark nachlassen kann. Die Steine zeigen dann eine schwärzliche Verfärbung, die ßch von innen her zur Oberfläche ausbreitet. Die Ursachen dieses eigentümlichen Verfalls sind bisher noch nicht einwandfrei erwiesen; aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich um eine sog. „Modifikationswandlung", die an sich für den Chemiker nichts neues ist. Sie beruht darauf, daß ein in mehreren chemischen Formen oder „Modifikationen" vorkommendes Element unter gewissen Einflüssen von der einen in die andere Modifikation übergeht. Nun besteht der Diamant bekanntlich aus reinem Kohlenstoff, dessen drei Modifikationen Kohle, Graphit und Diamant sind; und man nimmt an, daß der Diamant sich unter zur Zeit noch unbekannten Umständen in die Modifikation Kohle zurückverwandelt. Man könnte dann, vom Standpunkt der Pathologen aus betrachtet, von einer „anorganischen Degenerationserscheinung" sprechen: Der edle Diamant entartet zur gemeinen Kohle. Besser unterrichtet sind wir über eine andere Art der Modifikationswandlung, über die sog. „Zinnpest". Zinnerne Pfeifen von Kirchenorgeln und Kunstgegenstände in Museen zeigen ost graue, blasige Austreibungen, aus denen ein graues Pulver quillt. Diese eigenartigen, an Pestbeulen erinnernden Gebilde treten zuerst vereinzelt auf, breiten sich allmählich über den ganzen Gegenstand aus und zerstören das Metall schließlich vollständig. Die Zinnpest ist sogar ansteckend. Ueverträgt man etwas von dem grauen Pulver auf gesunde Metallteile, so zeigen diese nach einigen Wochen die gleichen Krankheitserscheinungen. In Museen sind mitunter ganze Säle von der Zinnpest befallen, und in einem Militärmagazin fand man vor einigen Jahren einen großen Haufen zinnerner Uniformknöpfe zu formloser Masse zerfallen. Diese gefährliche Metallseuche erklärt sich chemisch sehr einfach. Das Krankheitsprodukt der Zinnpest, das graue Pulver, ist nämlich nichts anderes als die „allotrope" Modifikation, in welche das metallische Zinn übergeht, wenn es längere Zeit Temperaturen von 15 und mehr Grad unter Null ausgesetzt wird. Da Kirchen und Museumssäle im Winter meist nicht geheizt werden, liegt die Entstehungsursache der Zinnpest nahe. Zinn- gegenstände in Privatbesitz bleiben fast immer von der Seuche verschont. Man könnte die Zinnpest also gewissermaßen als eine „Erkältungskrankheit" bezeichnen, die sogar ansteckend ist, obwohl sie nicht auf Bakterien zurückgeführt werden kann. Aber auch bakterielle Infektionen kommen bei Metallen vor. So wird z. B. das Eisen manchmal von gewissen, unter Sauerstoffabschluh lebenden Bakterien befallen, den „Anaerobien", die Schwefelwasserstoff abspalten. Dieser verbindet sich dann mit dem Eisen zu Eisensulfid, das die Oberfläche mit grünlich-gelben Flecken durchsetzt und sich immer tiefer einfrißt. Genau so wie bei der organischen Infektion rufen hier weniger die Bakterien als vielmehr ihre Stoffwechfelprodukte die Krank- heitserfcheinungen hervor, die den typischen Charakter einer „Substanzvergiftung" tragen. Allerdings befällt diese lediglich das Eisen, während andere Metalle sowie Mensch und Tier gegen Schwefel-Anaerobien immun find. Es gibt Vergiftungen, die sich im Anorganischen und im Organischen ganz ähnlich abspielen; man beobachtete sie bei den „katalytischen" Vorgängen. Unter Katalyse versteht man die seltsamen chemischen und physiologischen Reaktionen, die durch die Einwirkung gewisser Substanzen aufgelöst, beschleunigt oder verstärkt werden, ohne daß die für den Vorgang unentbehrlichen Substanzen selbst dabei irgendeine Veränderung ei leiden. In der modernen chemischen Industrie spielt die Katalyse eine große Rolle, so z. B. bei der Haberschen Ammoniak-Synthese, der Kohleverflüssigung und dem Schwefelsäure-Kontaktverfahren; die wichtigsten Katalysetoren unter den Metallen sind Platin, Osmium, Palladium und Nickel. Run hat man festgestellt, daß geringste Spuren Blausäure, Kohlenoxid oder Phosphorwasserstoff die katalytische Wirksamkeit dieser Metalle vollständig aufheben. Eigentümlicherweise wirken die gleichen Gase auch auf den menschlichen und tierischen Organismus äußerst giftig, und zwar in analoger Art, nämlich durch Lähmung lebenswich- tiger Funktionen wie Herztätigkeit und Atmung. Lange Zeit war man sich über das Wesen dieser Vergiftungen nicht im Klaren, bis die Entdeckung der katalytischen Vergiftung der Metalle der Forschung den Weg zur Erkenntnis wies. Auch in der organischen Natur spielt nämlich die Katalyse eine große Rolle; werden doch die wichtigsten Erscheinungen bei der Blutbildung, der Verdauung und dem Stoffwechsel im allgemeinen durch organische Katalysatoren vermittelt. Es zeigt sich nun, daß die katalytischen Wirkungen dieser Substanzen ebenfalls durch die genannten Gase aufgehoben werden, woraus die Lähmungen im tierischen und menschlichen Körper zu erklären sind. Die Analogiebeziehungen zwischen Krankheit im Anorganischen und Organischen gehen aber noch weiter. Wie Mensch und Tier, so „ermüden" auch die Metalle, wenn sie längere Zeit oder über Gebühr beansprucht werden. Untersuchungen haben gezeigt, daß die Ermüdungserscheinungen der Metalle auftreten, wenn sich einzelne Metallkristalle voneinander entfernen, was schließlich zu „Ermüdungszusammenbrüchen" führt. Aber auch den menschlichen Schlaganfällen vergleichbare, plötzliche Zusamtnen- brüche kommen bei Metallen vor, bezeichnenderweise sogar bei Unterbelastungen. Man erinnert sich wohl noch der furchtbaren Flugzeugkatastrophe, der 1927 Freiherr von Maltzahn zum Opfer fiel und der vorzeitigen Unterbrechungen der Amerikareife des Zeppelinluftschiffes im Frühjahr 1929, weil damals eine Propellerwelle brach. In beiden Fällen konnte von einer übermäßigen Beanspruchung des Materials keine Rede fein; die Untersuchungen ergaben eine bisher unbekannte Unfallursache: Die Tourenzahl der Molare halte die „kritische Drehzahl" erreicht, die das Material in feiner innersten Struktur angriff und zerstörte. Auf derartige Vorgänge sind eine Reihe der größten Eisenbahn- und Brückenkatastrophen zurückzusähren. Die Erkenntnis dieser Krankheitserscheinungen im Anorganischen Hal die Materialprüfungskunde als neue Wissenschaft ins Leben gerufen, die mit der Heilkunde Zweck und Ziel gemeinsam hat: Leben und Gesundheit der Menschen zu schützen. pole Poppenspäler. Erzählung von Theodor Storm. (Fortsetzung.) ,Wo sind die anderen, Lisei?' fragte ich; denn ich hätte gern die ganze Gesellschaft auf einmal mir besehen. .Hier im Kast'l', sagte Lisei und klopfte mit ihrer kleinen Faust auf eine im Winkel stehende Kiste; ,die zwei da sind scho zug'richt; aber geh nur her dazu und schau's dir a; er is fcho dabei, bet Freund, der Kasperl!' Und wirklich, er roar es selber. .Spielt denn der heute abend auch wieder mit?' fragte ich. .Freili, der is allimal dabeiI' Mit unlergefchlagenen Armen stand ich und betrachtete meinen lieben, luftigen Allerweltskerl. Da baumelte er, an sieden Schnüren aufgehenkt; fein Kopf war vornübergefunken, daß feine großen Augen auf den Fußboden stierten und ihm die rote Nafe wie ein breiter Schnabel auf der Brust lag. .Kasperle, Kasperle', sagte ich bei mir selber, .wie hängst du da elendiglich!' Da antwortete es ebenso: .Wart' nur, liebs Brüderl, wart' nur bis heut abend!' — War das auch nur so in meinen Gedanken, ober hatte Kasperl selbst zu mir gesprochen? — Ich sah mich um. Das Lisei war fort; sie war wohl vor die Haustür, um die Rückkehr ihres Vaters zu überwachen. Da hörte ich sie eben nvckstvon dem Ausgang des Saales rufen: .Daß d' mir nit an die Puppen rührst!' — Ja, — nun konnte ich es aber doch nicht lassen. Seife stieg ich auf eine neben mir stehende Bank unb begann erst an ber einen, bann an der anderen Schnur zu ziehen; die Kinnladen fingen an zu klappen, die Arme hoben sich, und jetzt fing auch ber wunderbare Daumen an ruckweise hin unb her zu schießen. Die Sache machte gar keine Schwierigkeit; ich halle mir die Puppenspielerei doch kaum so leicht gedacht. — Aber die Arme bewegten sich nur nach vorn unb hinten aus; unb es war doch gewiß, daß Kasperl sie in dem neulichen Stück auch seitwärts ausgestreckt, ja daß er sie sogar über dem Kopfe zusammengeschlagen hatte! Ich zog an allen Drähten, ich versuchte mit der Hand die Arme abzubiegen; aber es wollte nicht gelingen. Auf einmal tat es einen leisen Krach im Innern ber Figur. .Haiti' bachte ich, .Hand vorn Brett! Da hättest du können Unheil anrichlen!' Leise stieg ich wieder von meiner Bank herab, unb zugleich hörte ich auch Lisei von außen in ben Saal treten. .G'schwinb, g'schwind!' rief fie unb zog mich durch das Dunkel an die Wendeltreppe hinaus; ,'s is eigenlli nit recht', fuhr fie fort, .daß i die eilafj’n hab; aber, gel, du haft doch bei Gaudi cj'fjabt!' Ich dachte an den leisen Krach von vorhin. ,Ach, es wird ja nichts gewesen fein!' Mil dieser Selbfttröftung lief ich die Treppe hinab unb durch die Hintertür ins Freie. Soviel stand fest, der Kaspar war doch nur eine richtige Holzpuppe; aber bas Lisei — was bas für eine allerliebste Sprache führte! unb rote freunblid; sie mich gleich zu ben Puppen mit hinaufgenommen patte! — Freilich, und fie halte es ja auch selbst gesagt, baß sie es so heimlich vor ihrem Vater getan, das roar nicht völlig in ber Drbnung. Unlieb — zu meiner Schanbe muß ich's gestehen — roar biefe Heimlichkeit mir grabe nicht; im Gegenteil, die Sache bekam für mich dadurch noch einen würzigen Beigeschmack, unb es muß ein recht selbstgefälliges Lächeln auf meinem Gesicht gestanden haben, als ich durch die Linden- und Kastanienbäume des Gartens wieder nach dem Bürgersteig hinab- fchlenderte. . ... , .. n ., Allein zwischen solchen schmeichelnden Gedanken horte ich von Zett zu Zeit vor meinem inneren Ohre immer jenen leisen Krach im Slorper ber Puppe; was ich auch vernahm, den ganzen Tag über konnte ich kyesen, jetzt aus meiner eigenen Seele herauflönenden, unbequemen Laut nicht zum Schweigen bringen. * Es Halle sieben Uhr geschlagen; im Schützenhof roar heute, om Sonntagabend alles besetzt; ich stand diesmal hinten, fünf Schuh hoch über dem Fußboden, auf dem Doppellfchillingplatze. Die Talglichter brannten in ben Blechlampetten, der Sladimufikus und feine Gesellen fiedelten; der Vorhang rollte in die Höhe. . , Ein hochgeroölbtes, gotisches Zimmer zeigte sich. Vor einem attfgc= fdilaqenen Folianten säst im langen, schwarzen Talare der Doktor tfau)t und klagte bitter; daß ihm all seine Gelehrsamkeit so wenig etnbnnge; keinen heilen Rock habe er mehr am Leibe, unb vor Schulden wisse er । nicht zu lassen; so wolle er denn jetzt mit der Holle sich verbinden. | - ruft nach mir?' ertönte zu seiner Linken eine furchtbare Stimme von Der Wölbung des Gemaches herab. — .Faust, Faust, Mse nicht! kam eine andere feine Stimme von der Rechten. — Ader Faust verschwor sich den höllischen Gewalten. — .Weh, weh deiner armen Seele! Wie ein seufzender Windeshauch klang es von der Stimme des Engels, von ber Linken schallte eine gellende Lache durchs Gemach. ~ klopfte es an die Tür. .Verzeihung, Eure Magnifizenz! Qaufts i5anm= lus Wagner roar eingetreten. Er bat, ihm für die grobe Hausarbeit die Annahme eines Gehilfen zu gestatten, damit er sich besser aufs Stubieren legen könne. .Es hat sich', sagte' er, .ein junger Mann bei nur gemeldet, welcher Kasperl heißt und gar fürtrefsliche Qualitäten zu besitzen scheint.' — Faust nickte gnädig mit dem Kopfe und sagte: .Sehr wohl, lieber Wagner, diese Bitte sei Euch gewährt/ Dann gingen beide miteinander fort. --- .Pardauz!' rief es; und da war er. Mit einem Satz kam er auf die Bühne gesprungen, daß ihm das Felleisen auf dem Buckel hüpfte. ---.Gott sei gelobt!' dachte ich; ,er ist noch ganz gesund; er springt noch ebenso wie vorigen Sonntag in der Burg der schönen Genoveva!' Und seltsam: so sehr ich ihn am Vormittage in meinen Gedanken nur für eine schmähliche Holzpuppe erklärt hatte, mit seinem ersten Worte war der ganze Zauber wieder da. Emsig spazierte er im Zimmer auf und ab. .Wenn mich jetzt mein Vater-Papa sehen töt', rief er, Fer würd sich was Rechts freuen! Immer pflegt’ er zu sagen: Kasperl, mach, daß du dein Sach' in Schwung bringst! — O jetzund hab' ich's in Schwung; denn ich kann mein Sach' haushoch roerfen!' — Damit machte er Miene, sein Felleisen in die Höhe zu schleudern; und es flog auch wirklich, da es am Draht gezogen wurde, bis an die Deckenwölbung hinauf; aber — Kasperles Arme waren an seinem Leibe klebengeblieben; es ruckte und ruckte, aber sie kamen um keine Handbreit in die Höhe. Kasperl sprach und tat nichts weiter. — Hinter der Bühne entstand eine Unruhe, man hörte leise, aber heftig sprechen, der Fortgang des Stückes war augenscheinlich unterbrochen. Mir stand das Herz still; da hatten wir die Bescherung! Ich wäre gern fortgelaufen, aber ich schämte mich. Und wenn gar dem Lisei meinetwegen etwas geschähe! Da begann Kasperl auf der Bühne plötzlich ein klägliches Geheule, wobei ihm Kopf und Arme schlaff herunterhingen, und der Famulus Wagner erschien wieder und fragte ihn, warum er denn so lamentiere. ,Ach, mei Zahnerl, nun Zahnerl!' schrie Kasperl. .Guter Freund', sagte Wagner, ,so laß Er sich einmal in das Maul sehen!' — Als er ihn hieraus bei der großen Nase packte und ihm zwischen die Kinnladen hineinschaute, trat auch der Doktor Faust wieder in bas Zimmer. — .Verzeihen Eure Magnifizenz', sagte Wagner, .ich werde diesen jungen Mann in meinem Dienst nicht gebrauchen können; er muß sofort in das Lazarett geschafft werden!' ,3s das a Wirtshaus?' fragte Kasperle. .Nein, guter Freund', erwiderte Wagner, .das ist ein Schlachthaus. Man wird ihm dort einen Weisheitszahn aus der Haut schneiden, und bann wirb er seiner Schmerzen lebig sein.' ,Ach, du liebs Herrgott!', jammerte Kasperl, .muß mi arms Viecherl so ein Unglück treffen! Ein Weisheitszahnerl, sagt Ihr, Herr Famulus? Das hat noch keiner in der Famili gehabt! Da geht's wohl auch mit meiner Kasperlschaft zu End'?' .Allerdings, mein Freund', sagte Wagner; .eines Dieners mit Weisheitszähnen bin ich baß entraten; die Dinger sind nur für uns gelehrte Leute. Aber Er hat ja noch einen* Bruderssohn, der sich auch bei mir zum Dienst gemeldet hat. Vielleicht', und er wandte sich gegen den Doktor Faust, .erlauben Eure Magnifizenz!' .Der Doktor Faust machte eine würdige Drehung mit dem Kopfe. .Tut, was Euch beliebt, mein lieber Wagner' sagte er; .aber stört mich nicht weiter mit Euren Lappalien in meinem Studium der Magie!' --.Heere, mei Gutester', sagte ein Schneidergesell, der vor mir auf der Brüstung lehnte, zu seinem Nachbar, .das geheert ja nicht zum Stück; ich tenn's, ich hab' es. vor ä Weilchen erst in Seifersdorf gesehn.' — Der andere aber sagte nur: .Halt's Maul, Leipziger!' und gab ihm einen Rippenstoß. --Auf der Bühne war indessen Kasperle der Zweite aufgetreten. Er hatte eine unverkennbare Ähnlichkeit mit seinem kranken Onkel, auch sprach er ganz genau wie dieser; nur fehlte ihm der bewegliche Daumen, und in seiner großen Nase schien er kein Gelenk zu haben. „Mir war ein Stein vom Herzen gefallen, als das Stück nun ruhig weiterspielte, und bald hatte ich alles um mich her vergessen. Der teuflische Mephistopheles erschien in seinem feuerfarbenen Mantel, das Hörnchen vor der Stirn, und Faust unterzeichnete mit seinem Blute den höllischen Vertrag: .Vierundzwanzig Jahre sollst bu mir bienen; bann will ich dein sein mit Leib und Seele.' Hierauf fuhren beide in des Teufels Zaubermantel durch die Luft davon. Für Kasperle kam eine ungeheure Kröte mit Fledermausflügeln aus der Luft herab. .Auf dem höllischen Sperling soll ich nach Parma reiten9' rief er, und als das Ding wackelnd mit dem Kopse nickte, stieg er auf und flog den beiden nach. --Ich hatte mich ganz hinten an die Wand gestellt, wo ich besser über alle die Köpfe vor mir hinwegsehen konnte. Und jetzt rollte der Vorhang zum letzten Auszug in die Höhe. Endlich ist die Frist verstrichen. Faust und Kaspar sind beide wieder in ihrer Vaterstadt. Kaspar ist Nachtwächter geworden; er geht durch die dunklen Straßen und rüst die Stunden ab: Hört, ihr Herrn, und laßt euch sagen, Meine Frau hat mich geschlagen; Hüt'! euch vor dem Weiberrock! Zwölf ist der Klock! Zwölf ist der Klock! Von fern hört man eine Glocke Mitternacht schlagen. Da wankt Faust auf die Bühne; er versucht zu beten, aber nur Heulen und Zähneklappern tönt aus seinem Halse. Äon oben ruft eine Donnerstimme: Fauste, Fauste, in aeternum damnatus es1! (Eben fuhren in Feuerregen drei schwarzhaarige Teufel herab, um sich des Armen zu bemächtigen, da fühlte ich eins der Bretter zu meinen Füßen sich verschieben. Als ich mich bückte, um es zurecht zu bringen, glaubte ich aus dem dunklen Raume unter mir ein Gespräch zu hören; ich horchte näher hin; es klang wie bas Schluchzen einer Kinderstimme. — ,Lisei!' dachte ich; .wenn es Lisei wäre!' Wie ein Stein fiel meine * „Faust, Faust, du bist auf ewig verdammt!" ganze Untat mir wieder aufs Gewissen; was kümmerte mich setzt der Doktor Faust und seine Höllenfahrt! Unter heftigem Herzklopfen drängte ich mich durch die Zuschauer und ließ mich seitwärts an dem Brettergerüst herabgleiten. Rasch schlüpfte ich in den darunterbefindlichen Raum, in welchem ich an der Wand entlang ganz aufrecht gehen konnte; aber es war fast dunkel, so daß ich mich an den überall untergestellten Latten und Balken stieß. .Lisei!' rief ich. Da» Schluchzen, bas ich eben noch gehört hatte, wurde plötzlich still; aber dort in dem tiefsten Winkel sah ich etwas sich bewegen. Ich tastete mich weiter bis an das Ende des Raumes, und — da saß sie, zusammengekauert, das Köpfchen in den Schoß gedrückt. Ich zupfte sie am Kleide. .Lisei!' sagte ich leise, .bist bu es? Wa» machst du hier?' Sie antwortete nicht, sondern begann wieder vor sich hin zu schluchzen. .Lisei!' fragte ich wieder; .was fehlt dir? So sprich doch nur ein einziges Wort!' Sie hob den Kopf ein wenig. .Was soll i da reb’n!* sagte sie; ch« weißt's ja von selber, daß bu ben Wurstl hast verbreht.' ,3a, Lisei!' antwortete ich kleinlaut, .ich glaub’ es selber, daß ich bas getan habe.' ,3a, bu! — Und i hab' dir's doch g'sagtl' .Lisei, was soll ich tun?' ,Nu, halt nix!' .Aber was soll denn daraus werden?' ,Nu, halt aa nix!' Sie begann wieder laut zu meinen. .Aber i, — wenn i z' Haus komm — da krieg' i die Peitsch'n!' .Du die Peitsche, Lisei!' — Ich fühlte mich ganz vernichtet. .Aber ist dein Vater denn so strenge?' ,Ach, mei guts Vaterll' schluchzte Lisei. Also die Mutter! O, wie ich, außer mir selber, diese Frau haßte, die immer mit ihrem Holzgesichte an der Kasse saß! Von der Bühn? hörte ich Kasperl den Zweiten rufen: .Das Stück ist aus! Komm, Gret'l, laß uns Kehraus tanzen!' Und in demselben Augenblick begann auch über unseren Köpfen bas Scharren und Trappeln mit den Füßen, und bald polterte alles von ben Bänken herunter unb drängte sich dem Ausgange zu; zuletzt kam der Stadtmusikus mit feinen Gesellen, wie ich aus den Tönen des Brummbasses hörte, mit dem sie beim Fortgehen an den Wänden anstießen. Dann allmählich wurde es still, nur hinten auf der Bühne hörte man noch die Tendler- schen Eheleute miteinander reden und wirtschaften. Nach einer Weile kamen auch sie in ben Zuschauerraum.; sie schienen erst an ben Musikantenpulten, bann an ben Wänden die Lichter auszuputzen; denn es wurde allmählich immer finsterer. .Wenn i nur müßt', wo die Lisei abblieben ist!' hörte ich Herrn Tendier zu seiner an der gegenüberliegenden Wand beschäftigten Frau hinüberrufen. .Wo sollt sie fein!' rief diese wieder; ,'s ist ’n ftörrig Ding; ins Quartier wird sie gelaufen fein!' .Qrau', antwortete der Mann, ,bu bist auch zu wüst mit dem Kind gewesen; sie hat doch halt so a weichs Gemüt!' .Ei was', rief die Frau; .ihr' Straf' muß sie hab'n; sie weiß recht gut, daß die schöne Marionett noch von mei’m Vater selig ist! Du wirst sie nit wieder tarieren, und der zweit' Kasper ist doch halt nur ein Notbehelf!' Die lauten Wechselreden hallten in dem leeren Saale wider. 3ch hatte mich neben Lisei hingekauert; wir hatten uns bei den Händen gefaßt und saßen mäuschenstille. .G'schieht mir aber schon recht', begann wieder die Frau, die eben grabe über unseren Köpfen stand, .warum hab' ich's gelitten, daß du das gotteslästerlich Stück heute wieder ausgeführt hast! Mein Vater selig hat's ngymer wollen in seinen letzten Jahren!' ,Nu, nu, Resel!' rief Herr Tendier von der anderen Wand; .dein Vater war ein b’fonbrer Mann. Das Stück gibt doch allfort eine gute Kassa; und ich mein’, es ist doch auch a Lehr und Beispiel für die vielen Gottlosen in der Welt!' .Ist aber bei uns zum letztenmal heut geb’n. Und nu red' mir nit mehr davon!" erwiderte die Frau Herr Tendier schwieg. — Es schien jetzt nur noch ein Licht zu brennen, unb die beiden Eheleute näherten sich dem Ausgange. .Lisei!" flüsterte ich, .wir werden eingeschlossen.' .Laß!' sagte sie, ,i kann nit; i geh' nit fort!' .Dann bleib’ ich auch!' .Aber bei Vater und Mutter!’ .Ich bleib’ doch bei dir!' Jetzt wurde die Tür des Saales zugeschlagen; — dann ging’s die Treppe hinab, und dann hörten mir, wie draußen auf der Strciße die große Haustür abgeschlossen wurde. Da saßen wir denn. Wohl eine Viertelstunde sahen wir so, ohne auch nur ein Wort miteinander zu reden. Zum Glück fiel mir ein, daß sich noch zwei Heihewecken in meiner Tasche befanden, die ich für einen Hierher Mutter abgebettelten Schilling auf dem Herwege gekauft und über all dem Schauen ganz vergessen hatte. Ich steckte Lisei ben einen in ihre kleinen Hände; sie nahm ihn schweigend, als verstehe es sich von selbst, daß ich das Abendbrot besorge, und wir schmausten eine Weile. Dann war auch das zu Ende. — Ich stand auf unb sagte: .Laß uns hinter die Bühne gehen; roirb’s heller {ein; ich glaub’, der Mond scheint draußen!’ Und Lisei ließ sich geduldig durch die kreuz und quer stehenden Satten von mir in ben Saal hinausleiten. Als wir hinter der Verkleidung in den Bühnenraum geschlüpft waren, schien dort vom Garten her das Helle Mondlicht in die Fenster. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. San« Thhriot. - Druck und Verlag: Drühl’fche Universitöts-Buch. unb Steindruckerei. K Lange. Gießen.