Sietzener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger I rhrgang |95I Freitag, den l8. Dezember Nummer 99 Aites Weihnachtsbikd. Von Rudolf Paulsen. Die Nacht ist kalt, am Purpurhimmel strahlen Die goldnen Sterne, zierlich ausgebaut. Wie es die großen Meister einst beim Malen Mit innrem Auge fröhlich angeschaut. Gottvater blickt vom Himmel aus die Erde, Beglänzt mit seines Geistes Hellem Licht Die ird'sche Nacht, auf der ein neues Werde Aus eines Kindleins holden Singen bricht. Das Knäblein liegt auf kahlem, kühlem Bausche Des dünnen Strohs, in einer Krippe Bucht; Maria aber, daß sie selig lausche. Beugt betend sich vor ihrer reinen Frucht. Da hält sie Zwiesprach wortlos in der Weihe Der heil'gen Stunde, die den Christ gebar. Und hüllt, daß es nicht aus das Kindlein schneie, Ihn ein mit ihrem sonnengoldnen Haar. Ein wenig ab sind Hirten auf dem Felde, Erschreckend vor dem überstarken Licht; Doch steigt ein Engel nieder, daß er melde Die frohe Heilandsbotschaft: Fürchtet nicht! Oechslein und Eselein im kargen Stalle Ersehn das Wunder und erbeben auch, Wie rings die Bäume und die Gräser alle Erzittern unterm warnien Gotteshauch. Doch Freude-Zittern ist es allerorten: Hcrz-Wiederleuchten aus der Ewigkeit; Maria aber weiß aus Engelsworten Ms Muttergottes sich gebenedeit! Weihnachtsbesuch. Von Selma L a g e r l ö f. Wenn die Kinder von Marbacka auch aus sonst nichts Hütten schließen können, daß Weihnachten in der Nähe sei, so hätten sie es doch gemerkt, wenn Fahnenjunker von Wachenfeldt angefahren kam. Daher waren sie auch so überaus vergnügt, wenn sein Wurstschlitten oben in der Allee auftauchte. Sie sprachen durchs ganze Haus und verkündeten die Neuigkeit, sie standen auf der Treppe, um den Ankömmling in Empfang zu nehmen und zu begrüßen, sie holten Brot für das Pferdchen, und sie trugen die dünne Reisetasche, die mit Blättern und Blumen in Kreuzstich verziert war, in das Zimmer, in der der Fahnenjunker wohnen sollte. Es war eigentlich sonderbar, daß die Kinder den Fahnenjunker von Wachenfeldt immer so fröhlich begrüßten. Er brachte ihnen keine Zuckcrsachcn und keine Geschenke mit; aber sie müssen wohl gedacht haben, er gehöre eben mit zu Weihnachten, und das war schon Grund genug zur Freude. Jedenfalls war es gut, daß sie ihn freundlich begrüßten, denn die Erwachsenen machten nicht viel Aufhebens von ihm. Frau Lagerlöf und Mamsell Lovisa kamen zu seinem Empfang nicht einmal auf die Veranda heraus, und Leutnant Lagerlöf legte nur mit einem tiefen Seufzer die Vürmlandszeitung weg und erhob sich aus dem Schaukelftuhl, um den Angekommenen zu begrüßen. „So so, bist du wieder da, Wachenfeldt", sagte er, wenn er an der Treppe auftauchte. Dann stellte er einige Fragen über die Reise und den Zustand der Wege und führte hierauf den Schwager in das Kontor. Er machte eine Schublade in der Kommode leer und sah nach, ob Im Kleiderschrank noch Platz sei. Dann zog er mit den Kindern ab und überließ seinen Gast sich selbst. So oft der Fahnenjunker von Wachenfeldt nach Marbacka kam, wurde in Leutnant Lagerlöfs Herz die Erinnerung an seine verstorbene Schwester wieder lebendig. Sie war die älteste gewesen, hatte ihn großziehen helfen und sich in jeder Weise seiner angenommen. Keine feiner Schwestern hatte er so lieb gehabt, auf keine war er so stolz gewesen. Und da mußte sie sich In diesen Nichtsnutz von Wachenfeldt verliebenl Sie war schön und stattlich gewesen und ebenso gut und vortrefflich, wie sie schön war. Selbst immer fröhlichen Herzens, suchte sie auch allen, die um sie waren, das Leben leicht zu machen. Sie hatte bis zum äußersten gekämpft, ihr Heimwefen zufammen- zuhalken. Ihr Mann hatte nur veriubelt und verschwendet. Sie hatte auch ihre Lieben daheim in Marbacka nie wissen lassen wollen, wie schlecht es ihr ging, damit man ihr zu Hilfe gekommen wäre. Deshalb ging es auch so plötzlich zu Ende mit ihr, als sie kaum In den Vierzigern war. Das war eine traurige, aufregende Geschichte, und der Leutnant konnte nicht gleich freundlich gegen Wachenfeldt [ein, solange das alles noch in ihm gärte. Er mußte stets einen längeren Spaziergang machen, bis er die Bitterkeit etwas überwunden hatte. Dasselbe empfanden auch Frau Lagerlöf und Mamsell Lovisa. Anna von Wachenfeldt war Frau Lagerlöf die liebste von allen ihren Schwägerinnen gewesen und sie hatte mit wirklicher Verehrung zu ihr ausgesehen. Keine von all den Verwandten hatte sie aber auch so freundlich in der Familie willkommen geheißen wie die verstorbene Schwägerin. Frau Lagerlöf konnte es dem Fahnenjunker von Wachenfeldt nie verzeihen, daß er dies geliebte Menschenkind so unglücklich gemacht hatte. Mamsell Lovisa war als Kind oftmals in Välfäter zu Besuch gewesen, auf dem Hofe, wo ihre Schwester und ihr Schwager gewohnt hatten, und sie wußte besser als alle andern, welch schweres Leben ihre Schwester gehabt hatte. Sie konnte Wachen- seldts Namen nie nennen hören, ohne an einen Morgen denken zu müssen, an dem zwei Knechte nach Välsäter kamen und die beiden besten Kühe aus dem Stall holten. Die Schwester war hinausgestürzt und hatte gefragt, was das heißen solle; aber die Knechte hatten ihr ganz ruhig geantwortet, der Fahnenjunker habe die beiden Kühe in der letzten Nacht an ihren Herrn verspielt. Mamsell Lovisa sah noch heute, wie oer- zweifelt ihre Schwester da gewesen war. „Er kommt nicht zur Vernunft, bis er mich unter den Boden gebracht hat", hatte sie gesagt. Immerhin aber war Mamsell Lovisa die erste, die sich an ihre Pflichten als Gastgeberin erinnerte. Sie stand von ihrem Nähtisch auf, an dem sie mit einer Stickerei gesessen hatte, was sie aber nicht hinderte, neben- her noch einen Blick in einen Roman zu werfen, der aufgeschlagen im Nähkorb lag, und öffnete die Küchentür ein wenig. „Liebe Maja", sagte sie halb entschuldigend, „nun ist Wachenfeldt wieder gekommen." „Ich begreife wirklich nicht, daß der Mensch, der seine Frau so schändlich behandelt hat, zu jedem Fest hierherkommen darf", sagte die Haushälterin sehr ärgerlich. „Aber man kann ihn doch nicht hinauswerfen", entgegnete Mamsell Lovisa. „Und nun sei so gut, liebe Maja, und sorge für Kaffee; er muß doch nach der Reise etwas Warmes haben." „Natürlich muß er auch gerade immer kommen, wenn die Herrschaften schon Kassee getrunken haben und der Herd kalt ist!" brummte die Haushälterin und sah aus, als ob sie nicht gedächte, sich vorn Fleck zu rühren. Der Kaffee mußte aber doch zustande gekommen fein, denn nach einem Weilchen wurde das Zimmermädchen zu Fahnenjunker von Wachenfeldt geschickt, um ihn zum Kaffee zu bitten. Als der Fahnenjunker über den Hof ging, stützte er sich auf einen Stock, den er aber im Vorzimmer ablegte, und dann trat er mit ziemlich guter Haltung in den Salon. Mamsell Lovisa, die im Zimmer stand, um ihn zu begrüßen, sah jedenfalls, wie sauer ihm das Gehen wurde, sie fühlte, wie gchlgsschwollen seine Hände waren, als sie ihm die ihrige gab, und als sie zu ihm aussah, starrte das operierte Auge sie unheimlich vergrößert an. Da verflog ein gut Teil ihres Grolls. Sie dachte, die Strafe habe ihn schon ereilt, und so wollte sie nicht noch weitere Steine auf seine Bürde legen. „Das ist ja schön, Wachenfeldt, daß du auch in diese, WeiMachts» zeit zu uns kommen konntest", zwang sie sich zik sagen te sie ihm Kaffee ein, und er setzte sich an seinen gewöhn/---, ,P .-ö"- Ecke zwischen dem Ofen und dem zufammengekiappte u war ein bescheidenes Plätzchen, aber es war das *c" ■ Zimmer. Fahnenjunker von Wachenfeldt wußte, tt <• „1 -v dahin fetzte. Er fing auch sofort mit Mamsell Lovisa o~ ä!>er ' t zu sprechen und von ihrem em:gen Schimpfen und 'Streiten » Bauersleuten, bei denen er sich eingemietet hatte. Er wußte, feiner Schwägerin behagte eine solche Unterhaltung über 'klägliche Dinge, und cs entging ihm auch keineswegs, daß sie sich r y einer Weile selber ein Täßchen Kaffee einschenkte und ihm beim Trin t. Gesellschaft leistete. Während sie noch zusammen beim Kaffee saßen, dä -werte es bereits, die Lampe wurde hereingebracht und auf den runden- Tisch vor dem Sofa gestellt. Gleich darauf kam auch Frau Lagerlöf h rein. Sie hatte das erste Gefühl von Widerwillen noch nicht ganz überwunden, und ihre Begrüßung war auch danach: sie gab dem Fahnenjunker nur eben die Hand, ohne ein Wort zu sagen. Dann setzte sie sich mit ihrer Arbeit nieder. Der Fahnenjunker fuhr ganz ruhig im Gespräch mit Mamsell Lovisa fort, aber gleichzeitig änderte er den Gegenstand. Er berichtete von einigen sonderbaren Krankheitsfällen bei Menschen und Tieren auf dem Hofe, wo er wohnte, und deren Heilung ihm merkwürdigerweise geglückt sei. Dem konnte Frau Lagerlöf nicht widerstehen, das war ihr Fall, und ehe sie es selber wußte, war auch sie in die Unterhaltung mit hineingezogen. Zuletzt kam auch noch Leutnant Lagerlöf und setzte sich in seinen Schaukelftuhl. Er war auch verstimmt und wortkarg, als er; eintrat. Aber nun glitt die Unterhaltung ganz unmerklich wieder in eine andre Bahn hinein. Man sprach von Karlstadt, wo der Fahnenjunker geboren und der Leutnant zur Schule gegangen war, und darüber unterhielt sich Leutnant Lagerlöf jederzeit gerne. Das Gespräch verflieg sich sogar bis Stockholm; man sprach über Emilie Högqvist und über Jenny Lind und alles mögliche andre Schöne und Erinnerungswerte aus alten Zeiten. Schließlich kam man noch auf allerlei Geschichten Bus Mrmkand, und der Abend verging so schnell, daß alle ganz er- ätaunt waren, al» das Mädchen kam, um den Tisch zu decken. Aber ins Merkwürdigste war doch noch etwas anderes: wenn der Fahnenjunker von Wachenfeldt dieses oder jenes von seinen eigenen Erlebnissen erzählte, dann stand er selber immer als der klügste und vorsichtigste Mensch da, den man sich nur denken konnte. Allerdings hatte er einige abenteuerliche Erlebnisse gehabt, das war nicht zu leugnen; aber er hatte immer die Rolle des ratgebenden Freundes dabei gespielt und törichten Menschen aus der Patsche geholfen. Wenn man zum Beispiel nur an Wästfelts auf Angersbn dachte! Welche Stütze war er doch diesen liebenswürdigen, kindlichen Menschen gewesen, besonders damals, als die Braut des Sohnes diesen aufgab und einen anderen heiratete! Man konnte niemand mit größerer Verehrung von seiner Mutter und von seiner Frau reden hören. Einen solch edlen Sohn, einen so liebevollen Gatten hätte sich jedermann nur wünschen mögen! Er war es auch gewesen, der den jungen Damen stets gar so vernünftig zugeredet, Braut und Bräutigam versöhnt und Ehen wieder befestigt hatte, die im Begriff gewesen waren, auseinanderzugehen. Alle Unglücklichen hatten ihn zum Vertrauensmann erwählt, und er hatte sie nicht im Stich gelassen. Ja, er hatte sogar Menschen gerettet, die der Spielwut verfallen waren, hatte ihnen die Meinung gesagt und sie an ihre Pflichten erinnert. Nach dem Abendessen, als Fahnenjunker von Wachenfeldt in seine Kammer hinuntergehinkt war, saßen Leutnant Lagerlöf, seine Frau und seine Schwester stumm beieinander und guckten sich an. „Ja, der Wachenfeldt", sagte der Leutnant, „das ist ein sonderbarer Kauz. Er ist klüger, als wir alle zusammen." „Es war immer nett, sich mit Wachenfeldt zu unterhalten", sagte Mamsell Lovisa. „Wenn es wahr wäre, daß er allen andern solch eine Stütze gewesen ist, wie wäre es dann möglich, daß er für sich selber so schlecht gewirtschaftet hat?" warf Frau Lagerläf trocken ein. „Na ja, solche Leute gibt es nun mal!" sagte der Leutnant. Das Christkind der Pfalzgräfin Liselotte. Bon Franziska Otto. Auf den breiten Stufen der Terrasse draußen lag der Schnee; über den Kugeln des Immergrüns, den Pyramiben des Taxus hing er wie eine dicke weihe Pelzmütze oder glitt schräg daran herunter. Die Wasserbecken waren leer, der Strahl des Springbrunnens plauderte nicht mehr und die bunte Farbenpracht blühender Teppiche war erloschen, verhaucht, verweht! Leis und Weiß war die Welt. Durch das schmale, lange Zimmer des Schlosses schreitet langsam die Fürstin; ein wenig Licht, Farbe und Wärme wirft das Feuer des Kamins in den hohen Raum, macht das knisternde Gewand spiegeln und die Schatten der Dinge sich bewegen, noch als die Frau am Tisch sitzt und ihre Hände liebevoll über einen Gegenstand streicheln, der da liegt, ein Nichts ist es, oder ein Wenig, aber doch ein Keim, aus dem ein Viel blühen kann. Vor wenigen Stunden war er noch eingeschlossen in ein Päcklein, das weiten Weg hergekommen, jetzt lag er hier auf dem kostbaren Schreibtisch der Herzogin von Orleans, schüchtern, als schäme er sich seines Eindringens in dies Fürstengemach, aber die Augen der Herzogin ruhten auf ihm, bis ihr Blick müde wurde, nach innen sah und den Keim zur Entfaltung brachte: nun blühte der Traum. Unhörbar ging sie den Weg nach, den das Päckchen gewandert war aus der deutschen Heimat zu ihr, der liebenssehnenden, alternden Frau. Sie sah den Postwagen über unebene Wege, durch unheimliche Wälder schwanken, sah den breiten Strom der Heimat, auf den die Fenster des väterlichen Schlosses schauten — schreckend fiel ein Mißton in ihre heimliche Sehnsucht: Stand nicht das Schloß zerstört dort oben? Lagen nicht Städte der Heimat verwüstet. Doch leise löschte ihre Hand die grellen Lichter; nicht das Jetzt suchte ihre Sehnsucht, sondern das Einst. Und noch ein anderes, das sie gern gerufen, kam heimlich, auf leisen Sohlen. Das deutsche Christkindel! Fremd war es denen um sie, die in kostbaren Gewändern harte, höhnische Herzen trugen, die der fremden Fürstin noch heute nicht verziehen, daß sie treu war, treu den Wurzeln in der Heimat. Die ihr den Nährboden in der Fremde vergifteten, daß sie ihn nicht in Heimat umzuwandeln vermochte, daß sie in einsamen Stunden, da die Blicke der anderen sie nicht treffen konnten, mit frierender Seele stand. Das Christkindel! Hier lag es vor ihr auf dem Tisch. Ein Winziges, ein Nichts, den Augen der anderen. Eine Karte der Heimat. Durch den Traum der Herzogin schritten liebe Gestalten leiblich so Ferner und seelisch so Naher; sie. hörte in der Lautlosigkeit des sinkenden Wintertages vertraute Stimmen und fast war ihr, als streife sie ein Hauch aus liebem Munde. Ein Stündlein vor dem Abend, das sie für sich allein hat, und in dem sie in der Heimat weilen darf, die ihr Fuß nicht mehr erreichen kann. Da ist sie wieder das luftige kleine Mädel, das feine heiteren kleinen Schelmenftücke humorvoll mit der Rute büßt, und ist auch das junge Weib, das sich schwer von der Heimat losringt, und wissend den Weg in ihr Schicksal geht. Ein Körnchen Glück und ein Berg voll Leid Aber immer doch, wenn die Kaskaden draußen erstarren, steigt das Gedenken stärker in ihr hoch, sieht sie deutlicher das wellige Land der Heimat, die vertrauten Gemächer. Und wenn auch mit den Jahren einer nach dem andern all derer, die ihrem Herzen nahegestanden, dahin ging — ihr lebten sie, ihr tönten ihre Stimmen noch — und ihre Hand streicht zitternd über die kleine Gabe. — Da leuchtet noch einmal das Fünkchen Glück im Leid, leuchtet, wächst und überstrahlt es, bis draußen die Dämmerung tiefer finkt. Einen leisen Schritt hört sie, da hüllt sie ihr Christkindel ein und birgt es den Augen, die da nicht mit Liebe sehen können. Als am Abend die hohen Fenster mit den kleinen Scheiben helles Kerzenlicht in die weiße Nacht senden, da schreitet inmitten bunter, plaudernder, lachender Menschen mühseligen doch stolzen Schrittes die einstige Psalzgräsin Lieselotte, und ihre Augen sehen still in Las farbige Gewühl. Ihr Ohr sängt kaum die schmeichelnden oder spitzen Reden. Ganz abgelöst schreitet sie durch die prunkvollen Säle, während ihr Herz drüben ist bei ihrem deutschen Christkinde!. Oer Weihnachtsmann. Erzählung von Marie Hensel. (Schluß.) Es war immer noch ganz still, und auch auf seine Frage, ob hier artige Kinder wohnten, antwortete niemand, so daß es anfing, ein wenig peinlich zu werden. „Ich muß freundlich zu ihnen fein, sonst meinen sie noch", dachte der gute Weihnachtsmann. „Sie sind zu sehr erschrocken!" Und er wandte sich den beiden Hemdenmätzen zu, bereit, ein paar freundliche, brummende Worte zu ihnen zu sprechen und ihnen mit der behandschuhten Riesenpranke begütigend über die Blondköpfe zu streicheln. Da lieh ihn ein seltsamer Ton herumfahren. Die Mutter war auf- gestanden, sie war groß, sah er jetzt, und ihr Gesicht war ganz entstellt vor Zorn und Entrüstung. „Was soll das?!" rief sie mit flackernden Augen. „Warum kommt man uns mit solchen Albernheiten?" Dem Weihnachtsmann zitterte sein Herz tief inwendig in seinen vielen Hüllen; dies kam so überraschend, daß er unwillkürlich wie auf der Flucht zur Tür zurückwich. Aber schon wieder war die Stimme der Frau über ihm, immer wilder und unaufhaltsamer kamen ihr die Worte vom Munde: „Das ganze Jahr läßt man uns allein, daß kein Tier in feiner Höhle einsamer sein kann, niemand fragt, ob ich meine Kinder satt kriege, ob ich meine Arbeit schaffe, ob ich meine Miete bezahlen kann, — und dann zu Weihnachten soll mit einem Mal alles gut sein, man wirst uns ein paar Aepfel und Nüsse hin, und wir sollen dann wohl springen vor Freude und Dankbarkeit —I Ach, schämt Euch doch, schämt Euch doch, so wollt Ihr Euch loskaufen! — Ich mag nichts hören von Weihnachtsmann und Christkind, meinen Kindern habe ich das ausreden müssen, weil sie uns ja doch nichts bringen. Das ist grausam von mir, aber ich kann nichts dafür, das Leben ist schuld, die uns verkommen lassen, — ach ja, verkommen lasset Ihr uns, und da soll man nicht verzweifeln..." Sie stammelte nur noch, warf sich plötzlich auf einen Stuhl, die Arme aus die Tischkante, und weinte laut und rückhaltlos, wie sonst nur Kinder meinen. Wie erstarrt lehnte der Weihnachtsmann an der Tür. „Sie ist noch nicht lange arm," flüsterte es in ihm, „sie hat sich noch nicht gewöhnt. Die anderen waren doch nicht so?" Aber da fuhr die Frau schon wieder auf, strich sich mit einer wilden Gebärde die Haare aus der Stirn und schrie nun völlig außer sich: „Hinaus mit dir, du Gespenst! Was stehst du da noch an der Tür? Macht es dir Spaß, zu sehen, wie ich meine? Hinaus — sage ich dir!!" Drohend stürzte sie auf ihn zu. Da riß er sich aus seiner Betäubung auf, öffnete blitzschnell und tauchte ins Dunkel. Hinter ihm schmetterte die Tür ins Schloß. Wie er bann nach Hause gekommen mar, wußte er später selbst nicht mehr zu sagen. Es mar ihm von d«m weiten Weg nur noch erinnerlich, daß er sich entsetzlich fürchtete vor den winternackten Baumformen des Waldes, durch den er hindurch mußte. Die gespreizten oder sich windenden Aeste scharf gegen den Himmel abgehoben, schienen Uebergroßes sagen zu wollen, als wären sie Verkünder des jüngsten Gerichts. — Und einmal taumelte er vor dem Schrei eines Nachtvogels. Als er feine Hütte erblickte, war es ihm, wie vielleicht einem Verstorbenen, der den Ort besucht, wo er lebte und glücklich war. Er schloß auf und legte sich halbangekleidet unter das Bärenfell. Er machte kein Licht. Der Anblick dieses Raumes, von allem, was ihn sonst lieb und vertraut angerührt hatte, hätte ihn nur gepeinigt. Er lag lange, ohne sich zu regen, und ohne daß seine Gedanken sich regten, in einer Dumpsheik, die ihm fast wohltat. Immer wieder scheuchte er die erweckende Klarheit von sich, — noch nicht, noch nicht. Zwei Augen blickten auf ihn wie durch Nebel, und unter diesem Blick richtete sich sein Bewußtsein endlich auf. Was war eigentlich geschehen? Eins war sicher: das Erlebnis selbst stand in keinem Verhältnis zu dem Zusammenbruch, den «s angerichtet hatte. Gewiß war es unangenehm und ernüchternd, dies gleich bei der ersten Weihnachtsfahrt zu erleben; es ist auch niemals schon für einen Mann, tjinuusgeroorfen zu werden. Aber Eitelkeit war nicht seine Schwäche, es fiel ihm nicht schwer, dieser Frau zu vergeben, der ja bi« Verzweiflung so sichtbar aus den Augen geflackert hatte. Ach nein, sie mar nicht schuld, sie mar nur der äußere Anstoß, — die Tischkante, an der sich ein heimlich Kranker stoßt, und es bricht das innere Geschwür auf, mit namenlosen, tödlichen Schmerzen. Ja, so mar ihm zu Mute, als roenn eine innere Krankheit, die lange, ach eigentlich immer schon, sich in ihm vorbereitet hat, nun endlich zum Ausbruch gekommen märe, so daß er meber sich noch anbere mehr herüber hinmegtäusck)en konnte; mit keiner Liebensmürbigkeit mehr, mit keiner Selbstbeherrschung, mit keinem schonen bunten Märchenspiel. — Wie hatte bie Frau zu ihm gesagt? Du Gespenst! Das Wort hatte ihn burch- sahren wie ein Dolch! Ja, so roars, das mar seine Krankheit Ein Gespenst war er, war er immer gewesen. Ein gutes Gespenst meinetwegen, man erschrak nicht vor ihm, man liebte und suchte sogar feine Nähe, — aber die unsichtbare Hülle trennte ihn und bie anbern; niemals mar er ganz eins mit ihnen, niemals staub er mie sie voll unb marm unb restlos im Leben. Sie alle lebten, — er spukte. Unb so hatte er sich seinen Beruf ermählt, hatte sich von ben Menschen geschieben unb mar in schreckhafter Folgerichtigkeit ein Phantom geworben, Weihnachtsmann, — etwas, mas es nicht gibt! Ein geisterhaftes Spiel hatte er getrieben, schon und farbig, voll von Gespensterfreuben, aber ein Leden, wie bie anbern es lebten, mar es nicht gewesen. Ein Geheimnis trennte ihn auch hier von ber übrigen Welt. Hatte er dies Geheimnis nicht Im Grunde immer schon gewußt? Hatte fr nicht je und je die innere Unmöglichkeit gespürt, sich ganz an dieses Leben zu verschenken? Sich einem anderen Menschen ganz zu öffnen, sich auch nur einem Laster hinzugeben, irgendwie sich in einen Abgrund zu stürzen? Auch in der Liebe war es so gewesen. Unter verlockenden Farben und Rosenranken hatte er immer den gefährlichen Abgrund gewittert und war zurückgebebt. Und wie war es mit seiner Menschenliebe? Ach, er wollte sich nichts mehr vormachen, auch hier war Schwäche und Halbheit, und die Frau hatte im Grunde ganz recht mit ihrem Zorn. Hätte der Jammer der Menschheit wirklich an seinem Herzen gerissen, er hätte sich niemals so In die Einsamkeit verkriechen können; es hätte ihn gedrängt, zu helfen, Tag für Tag; bis an die Knie wäre er hineingewatet in Schmutz und Schande, Krankheit und Laster. Er aber hatte es mit ein paar Weihnachtsgängen bewenden lassen wollen, bi# ihm selber am meisten Spaß machten I Nein, auch hier hatte er sich nicht hingegeben. In gläserner Hülle hatte er sein zartes Gespensterwesen heil und ganz bewahrt bis auf diesen Tag, — aber nun war er am Ende. Nun wand er sich stöhnend auf seinem Lager, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und fühlte doch immer, nah wie niemals, diese beiden dunklen Augen auf sich ruhen, vor denen er schuldig war. An den Grenzen seines Wesens hatten sie immer schon gewartet, sie gehörten dem Einen, der allein stark genug war, seine Gespensterhülle zu zerreißen, die ihn trennte und schützte vor der Welt. Darum hatte er sich vor ihnen gefürchtet, hatte immer weggesehen, hatte versucht sie zu vergessen. Nun aber waren sie nah, erschreckend nah, blickten unerbittlich und gütig zugleich auf seine Qual, waren Untergang und letzte Hoffnung. — Ach nein, keine Hoffnung 1 Wo gibt es Hoffnung für ein armes verirrtes Gespenst, das sich feiner selbst bewußt geworden ist? Seht mich nicht so an, ihr dunklen Augen, es gibt keine Rettung, — das Ende ist da. Heinrich wußte es nicht, wie nahe die Rettung ihm war. Er wußte nicht, wie makellos rein er jetzt in aller Schwäche und Hilslofigkeit vor Gottes Angesicht stand. Er fühlte sich als den letzten und elendesten unter den Menschen und ahnte nicht, wie hoch erhaben er über all denen stand, die sich immer nach zu rechtfertigen wissen, und damit Wände bauen, hinter denen man sich vor Gott verbirgt. Er aber verbarg sich nun nicht mehr, — nackt und armselig lag er da und litt sie redlich, seine Qual. Er dachte, es wäre das Ende, und wußte nicht, daß es die schmerzvolle Stunde seiner neuen Geburt war, — daß er sich auf der untersten Stufe zum Himmelreich befand, die keiner Überspringen kann. So litt er grausam wie nie in seinem Leben, und es dauerte eine irdische Ewigkeit. — Da ließ ihn ein Ahnen in die Hohe fahren, es klopfte, — dreimal dumpf und stark wie das Schicksal. Er sprang empor, — um Gottes willen, wer kam jetzt zu ihm in der Nacht? Er riß die Tür seiner Hütte weit auf, — da war niemand — die eisige Winterluft schlug an seinen Leib, eben wanderten die Sterne ihren ewigen Gang, — niemand stand vor der Tür, aber Heinrich sank auf der Schwelle hin, bedeckte seine Augen mit beiden Händen, als müßte er sie schützen vor einem übergroßen Glanz! — Jesus Christus hatte an sein Herz geklopft, die Tür war aufgesprungen und die große, ewige Weihnachtsmacht war eingezogen in feine irdische Hülle. Der Heilige Abend war gekommen. Draußen dämmerte ein stiller weißer Winterwald, drinnen im blauen Häuschen war Heinrich weihnachtlich beschäftigt. Er trieb in einem Strom seliger Vorfreude, wie er sie seit feinen Kindertagen nicht mehr gefühlt hatte. Freilich, dies Fest brachte ihm auch etwas völlig Neues. Jahr für Jahr hatte er immer nur als Gast unter fremden Weihnachtsbäumen gestanden, heute zum erstenmal schmückte er im eignen Haus den eignen Baum, und nicht nur für sich, nein, zum erstenmal bereitete er das große Fest für andere! Wie war das alles gekommen, fragte er sich selbst, lächelte und versenkte sich noch einmal in die unbegreiflichen Ereignisse der letzten Tage und Wochen. Zwar für den Verstand war nichts Wunderbares ober auch nur Unalltägliches geschehen, — so mußte es wohl an seinen neuen Augen liegen, die Zeichen und Wunder sahen, wo immer sie sich hinwendeten. „Siehe, es ist alles neu geworden!" — das Wort hatte ihn in der ganzen Zeit nicht verlassen. Er hatte sich aufgemacht am Morgen nach der Schicksalsnacht und war noch einmal zu jener Frau gegangen. (Um den Sack abzuholen, den er im Schrecken dort hatte stehen lassen, sagte er sich — aber er wußte es wohl, es war nicht wegen dem Sack!) Zitternd fast und doch gehorsam dem inneren Befehl, war er zum zweitenmal die Treppe emporgeftiegen, und was hatte er gefunden? Keine Furie, sondern ein armes, verlassenes, angstvolles Menschenkind, das sein eigenes Schicksal nicht mehr meistern konnte und dicht am Zusammenbrechen war. Der Mann war ihr im Kriege gefallen, und sie war mitsamt ihren Kindern verarmt, das war alles. Es war eine seltsame Begegnung gewesen, sie hatte ihm ihr Herz ausgeschüttet, weil sie es allein nicht mehr aushielt, und es war eine warme Quelle in seiner Brust aufgesprungen, obwohl er nicht viel gesagt hatte. Aber er hatte sie mitsamt ihren Kindern zum heiligen Abend in [ein Waldhäuschen eingeladen, und nun erwartete er sie. Ein verwehter Klang drang an sein Ohr und weckte ihn sanft aus feinen Träumen. Er öffnete ein Fenster, — ja, Kindergesang schwebte leise und fern noch über die verschneiten Tannenwipfel zu ihm herüber: „Stille Nacht, heilige Nacht!" — Das war das Zeichen, das sie vereinbart hatten, nun mußte er die Kerzen anzünben. Seine Hänbe zitterten, als er es tat, — etwas so Feierliches, fast Priesterliches lag in bet einfachen Hanblung, die er zum erstenmal in feinem Leden ausführte. Unb während Flamme auf Flamme am Baum erblühte, ging ihm die immer । geahnte, tiefe Bedeutung des Chriftbamnes auf. Christus hat die Flamme ■ der Liede entzündet und roeitergegeben an feine Getreuen, die haben sie - wieder westergegeben, und so einer dem anderen durch die Jahrtausende. Und so brennt bas Licht aus des Heilands großem Herzen noch heute in ungezählten Menfchenherzen, und ob auch die Dunkelheit größer ist als bas Licht, sie wissen es doch: die göttliche Liede brennt! Das ist die große Weihnacht-gewihheit, bas sagen die still und gläubig im Grünen brennenden Lichtchen, sagen es auch denen, die nichts davon wissen wollen, prägen es ihnen wenigstens als Ahnung ein: wir leben, und wenn wir auch sterben, so stirbt doch die ewige Liede nicht. Nun strahlte der Baum bis zur Krone, — Heinrich trat vor die Tür. Nah und näher kam der Gesang, jetzt bogen sie um die Walbecke, — kleine buntle Gestalten im weißen Schnee, — und in hinreißenden Jubel- tönen scholl es ihm entgegen,: ,Freue, freue dich o Christenheit!" Heinrich stand vor der geöffneten Tür, breitete die Arme aus und streckte sie denen entgegen, die zu ihm tarnen. Er fühlte mit nie gefühlter Kraft und Seligkeit, wie Gottes Gnade ihn burchströmte, — alles war gut, alles war jetzt gut! Sprechen konnte er nicht, aber er grüßte die Frau mit einem warmen Blick, schloß bie Kinber in seine Arme und zog sie über bie Schwelle seines Hauses ins Innere, das strahlte wie das goldene Paradies. — Und wie eine Strebe, bis an den Rand gefüllt mit Weihnachtsfeligkeit, schwamm bas blaue Häuschen mitten im Meer der Sternennacht. Zwei wollen zum Theater. Roman von Hans-Caspar von Zabeltitz. Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin. (Nachbruck verboten.) (Fortsetzung.) Dann würbe er ruhiger, dachte an (Bertie. Das arme Mädel. Er verstand sie, er hatte ja selbst oft genug Sehnsucht nach einer Aussprache. Dies verfluchte ewige Alleinsein. Das war schon für einen Mann schwer. Gleich sollte sie einen Brief haben. Aber kein Mitleid, nein, bas tat nicht gut. Mut machen tat besser. Er ging wieber an seinen Tisch, zog einen Briefblock heran und nahm einen Bleistift zur Hand. Das Schreiben mit Tinte hatte er aufgegeben, feine Hand war zu schwer geworden bei der körperlichen Arbeit. „Liebe Gertie! Haden Sie herzlichen Dank für Ihren langen Brief. Sie sehen, ich beantworte ihn gleich, aber verlangen Sie bitte nicht von mir, daß ich nun in Ihren Trauergruß einstimme. Sie lassen den Kops sinken, weil so ein paar Dussel von Kollegen neidisch sind? Das wäre ja noch schöner. Stolz sollen Sie sein, daß die Bande neidisch ist. Denken Sie doch, daß sie es nur ist, weil Sie was können. Wenn Sie auf der Bühne wie eine Anfängerin rumlaufen würden unb nicht piep sagen könnten, bann würden alle lieb mit Ihnen tun; — das ist klar. Ader so platzen sie vor Wut. Daran müssen Sie denken. Wenn die nicht mittun wollen, werden Sie doch mal grob, das hilft immer und wird Ihrem Fleischmann nur imponieren. Mir hat Grobwerden auch geholfen, ich glaub’ wenigstens. Heute bin ich sogar meinem hohen Ches grob geworden, und nachher war er sehr freundlich. Ich komme weiter, Gertie, und bin sehr zufrieden. Ich hoffe Ihnen bald Gutes berichten zu können. Ich bin Ihnen ja so dankbar, daß Sie mir die Wahrheit gesagt haben, denn sonst säße ich noch in Berlin und täte nichts. Aber nun dürfen Sie sich nicht unterkriegen lassen, das wäre ja noch schöner. Erft andere auf den rechten Weg schubsen und dann selbst versagen! Das gibt’s nicht, verstehen Sie? Ich bin hier auch allein. Laufen Sie feste spazieren. Wenn man abends müde ist, merkt man das Alleinsein nicht. Ich bin abends immer müde. Kopf hoch, Gertie, unb keine Angst haben. Soll ich Sonntag mal zu Ihnen rüberkommen? Herzlichen Gruß Ihr alter Peter." Quer durch bie Stabt lief Peter bis zum Bahnhof. Da steckte er den Brief in den Kasten, damit ihn Gertie am nächsten Morgen hätte. Unb feine Wurst lag unangeschnitten in seinem Zimmer. * Isa hatte (Berties Briese bekommen. Sie hatte sie auch gelesen, hatte ftntroorten wollen; aber sie konnte sich nicht entschließen. Was sollt« sie Gertie schreiben? Von sich selbst, Nein, daran konnte sie nicht rühren; sie wagte ja kaum daran zu denken, wie es um sie stand. Sie beneidete Gertie um ihr« Arbeit, um ihre Sorgen, um ihre Klagen. Das war greifbar, damit könnt« man fertig werden, es bekämpfen, abschütteln ober darin aufgehen Jfa schien: Gertie hatte es leicht. Di« glücklich« Gertie, der immer alles zufiel. Ja, sie beneibete sie, selbst um bie Begegnung mit Leo Queis, um bie Stunben in Scherkalben, benn in ihrer Herzensangst buchte sie jetzt manchmal: „Sollst du zu Leo flüchten? Dort ist alles fest, klar, gefidjert, er liebt bich, die Familie wäre glücklich unb du würdest Ruhe finden." Aber dann wehrte sich alles in ihr wieder gegen den Gedanken. Denn es drängte sie zu Büchner. Sie horte seine Stimme: „Wissen Sie, daß Sie sehr schon sind, Isa?" War in dem Satz nicht ein Geständnis auch feiner Liebe? Sie entdeckte, daß sie öfter als vorher sich im Spiegel betrachtete, erst unbewußt mit einem Blick, dann aufmerksamer, genauer; daß sie ihr Gesicht zergliederte: „Bist du wirklich schon?" Sie sand sich blaß, elend, ihre Augen schienen ihr matt. „Du mußt laufen, mußt an die Luft", sagte sie sich. Sie stahl sich bie Hintertreppe hinab, weil sie fürchtete, Büchner im Vorderflur zu begegnen. Und doch sehnte sie sich, ihn zu sehen. An ihre Arbeit dachte sie kaum. Pistorius und feine Schule waren für sie versunken. Bis eines Tages ein Buch auf ihrem Schreibtisch lag. „Doktor Büchner schickt es“, sagte bas Mäbchen. Isa wußte: „Das ist nun bie Rolle, mit der er mich prüfen will." Wie hatte er ihr geantwortet, als sie ihn fragte: „Glauben Sie, daß ich es kann?" Was hatte er in den Abend hineingesprochen? „Glauben — ja; wissen — nein. Das entscheidet sich erst, wenn Sie oben stehen — vielleicht schon früher." Dies „früher" würde nun fein, wenn sie vor ihm sprach Drüben in seinem Zimmer. Ihm gegenüber — nur ihm allein. Würde sie bann überhaupt sprechen können? Sie schloß die Tür ihres Zimmers ab, sie wollte nicht gestört sein. Und dann begann sie zu lesen. Zuerst begriff sie nicht. Was sollte sie mit diesem Stück? Sie hatte erwartet, daß er eine klassische Rolle von ihr fordern würde, war auf die „Julia" gefaßt gewesen, hatte an die Königin im „Carlos", an die Adelheid im „Goß" gedacht. Nun aber lag ein modernes Schauspiel vor ihr: „Frauenopfer". Es sagte ihr zunächst nichts. Aber dann begriff sie: Eine Frau, die alles dem Mann opferte, den | sie liebte. Sich selbst schon der Bestie Mensch geopfert hatte, wenn sie | zum erstenmal die Szene betrat, zerschlagen vom furchtbarsten Erleben ’ und doch erfüllt von heißer Liebe, von brennender Sehnsucht nach ihm, ! dem einen, dem einzigen. Oh, sie begriff. Die dann sehen mußte, daß \ dieser eine all ihrer Liebe unwürdig war, daß ihr Opfer ein unnützes Verschwenden, Vergeuden gewesen, die nun ihre Liebe zerbrechen, ausreihen wollte und doch, als dem Geliebten, dem unwürdigen Geliebten, eine neue Gefahr drohte, auch noch ihr letztes für ihn hinwarf: ihr Leben. Eine Ballade der Liebe war dies Stück. Sie las wieder und wieder. Alles Drum und Dran fiel ab. Ihre Szenen schälten sich heraus, ihr Opfergang. Plötzlich aber war eine Frage in ihr wach: „Warum hat er dir dies gegeben?" Nur weil es eine Rolle für sie war? Oder forderte er ein Bekenntnis? Nein, das konnte nicht sein. Sie drängte die Frage zurück. Sie zwang sich zur Sachlichkeit. An ihren Schreibtisch setzte sie sich, stützte den Kopf in die Hände und begann erst einmal zu lernen. Worte, nichts wie tote Worte. Sie waren Grundlage: das hatte Büchner bei Pistorius immer wieder gepredigt: das Wort muß sitzen, fest im Hirn; erst wenn man es so beherrscht, daß man nach keiner Silbe suchen muß, wenn die Sätze von selbst auf die Lippen kommen, erst bann kann man ein Fühlen in sie legen. Aber noch nie war ihr dies mechanische Lernen so schwer geworden. Immer wieder drängte sich das persönliche Fühlen hinein, immer wieder der Gedanke: „Das alles sollst du vor ihm, zu ihm, für ihn sprechen?" Ein Wehren war in ihr: „Du reißt ja Schleier von deiner Seele." Und doch wieder ein Wünschen: „Könntest du dich doch auch so opfern." Und ein Wissen: „Du würdest es tun — für ihn." Immer klarer wurde ihr, wie sehr sie ihn liebte. Aus dieser Erkenntnis erwuchs in ihr der Ehrgeiz. Sie wollte ihm beweisen, daß sie erfüllte, was er forderte. Und aus dem Ehrgeiz wuchs der Fleiß. Sie merkte, daß sie diese Rolle nur am hellen Tage sich erarbeiten konnte, wenn klares Licht um sie war. Abends irrten die Gedanken ab. So lieh sie, wenn die Dämmerung kam, ihr Buch liegen und floh zur Großmutter. Die sah sie an und sagte: „Kommst du wieder, Kleines? Das ist lieb von dir." Sie hatte auch immer eine Arbeit für sie: eine Näherei oder etwas zu flicken. Oder sie bat: „Lies mir doch die Zeitung vor, Isa." Einmal fragte sie: „Ist die Rolle so schwer, die dir Doktor Büchner gegeben hat?" Isa staunte: „Woher weißt du?" Die alte Dame lächelte. „Ich weiß, Kindchen." Und dann: „Komm einmal her, Isa, dicht zu mir." Und als Jia neben ihrem Stuhl stand, zog sie sie nieder, daß sie vor ihr auf dem Boden hockte, sie legte ihre Hand auf Isas Haar und drückte den Kopf leicht zurück. Mit ihren klaren Augen sah sie Isa an. „Antworte mir einmal ganz ehrlich, Kind: Glaubst du an dich? Glaubst du an dein Talent?" Isa schlug die Augen nieder. Eine Antwort gab sie nicht. Da fuhr Großmutter fort: „Ohne Glauben an sich selbst, Isa, geht es nicht. Siehst du, ich habe dich ruhig deinen Weg gehen lassen. Es ist ja eigentlich nicht dein Weg, sondern Doktor Büchner hat ihn für dich ausgesucht und Gertie hat dich dann weiter mitgezogen. Nicht du sie, wie es wohl scheinen mochte. Und seit sie fort ist, bist du anders. Du bist mutlos, Kind, das sehe ich. Ich weih ja nur ein wenig vom Theater, aber ich glaube, wer etwas auf der Bühne leisten will, muß eines können: allein fein. Ganz auf sich selbst gestellt, auf das eigene Wollen und Kön-' nen. Er muß auf alle Hilfe verzichten. Ganz aus sich heraus schaffen. Und, Kind, ich glaube: du kannst nicht allein sein. Du brauchst immer einen Menschen neben dir." Sie wartete. Aber es kam kein Wort von Isas Lippen. Nur daß sie Grohmutters Hand von ihrem Haar genommen und ihr Gesicht an sie gelehnt hatte, ihr heißes Gesicht. Ganz leise fragte die Großmutter: „Brauchst du Büchner?" Unwillig schüttelte Isa den Kopf. „Nein — nein." „Sei vorsichtig, Kind." Abends im Bett, wenn sie die Lampe gelöscht, rekapitulierte Isa. Morgens ging sie durch den Tiergarten und sprach die Rolle vor sich her. Die Worte saßen. Jeder Satz stand. Sie sühlte, sie hatte auch Innerlich alles erfaßt. Sie hatte begriffen: Dies Dpfernmüffen aus Siebe, dies Verachten und doch Sieben. Bis zum letzten, zum Aeußersten, zum Tode. Sie war bereit, vor Büchner zu sprechen. Sie wartete, daß er sie rief. Als Peter am Freitag seine Sohntüte an der Kasse des Motorenwerkes empfing, wurde ihm gleichzeitig ein Brief der Direktion übergeben. Er enthielt die formale Entlassung aus seiner Stelle und den Austrag, sich am Samstag zwecks Zuteilung anderer Arbeit in der Personalabteilung V des Verwaltungsgebäudes zu melden. „Gut io", dachte er, „vorwärts!" Am Samstag erfuhr er, daß er zu besonderer Verwendung in das : Privatkontor des Geheimrats versetzt sei, Antritt Montag. Er würde dort alles Weitere erfahren. Ein Kontrakt wurde ihm vorgelegt: zweihundert Mark monatlich, vierzehntägige Kündigung. Er möchte unterschreiben. Einen Augenblick zögerte Peter: Eigentlich war es etwas stark, wie Ban« negger mit ihm umsprang. Er befahl einfach: Privatkontor: er legte fest: zweihundert Mark; ohne ihn selbst zu fragen. In ihm meldete sich der Widerstand: Sollte er die Unterschrift verweigern? Mußte er nicht erst einmal wissen, was man von ihm wollte? Aber dann unterschrieb er doch und dachte: „Wenn es mir nicht paßt, kann ich ja kündigen, ein Schritt weiter ist es auf jeden Fall: und daß es nicht der letzte Schritt ist, dafür will ich schon sorgen." Es war elf Uhr als er aus dem Verwaltungsgebäude trat. Heute hatte er den ganzen Tag und den Sonntag vor sich. Er zögerte keinen Augenblick. Er wußte, kurz vor eins ging ein Zug nach Weimar. Gertie hatte ihn zwar nicht gerufen, hatte ihm nicht auf feinen Brief geantwortet, aber er wollte doch fahren. Warum nicht? Warten hatte keinen Sinn, das wußte er jetzt. Hätte er auf Jena gewartet, wäre er wahrscheinlich nie ins Werk gekommen. Und dann konnte er Gertie berichten: Privatkontor — zweihundert Mark monatlich. — Als er zur Bahn ging, straffte er den Rücken. Er fühlte plötzlich, daß er sich feine Haltung auch zurückgewinnen müsse, er verstand jetzt den Arbeiter, der die Schultern nach vorn hängen ließ und mit den Füßen schlorrte: nie endende Körpermüdigkeit war das, ein instinktives Ausruhen aller Muskeln In den Zeiten, die keine Leistungen erforderten. Oh, es war gut, das einmal am eigenen Leibe gespürt zu haben, gerade wenn man im Privatkontor beschäftigt war. Der Zug pendelte langsam durch die Thüringer Berge. Peter genoß die Fahrt, trotz der dritten Klasse, die ihm noch vor weniger als einem Vierteljahr als eine Unmöglichkeit erschienen wäre. Jetzt gab sie ihm Freiheit. Und draußen vor den Fenstern rollten Wald und Felder vorbet. Ihm war, als hätte er das eine Ewigkeit nicht gesehen. Er bewunderte jedes Huhn, das auf einem Bauernhof gackerte, und jedes Pferd, das einen Pflug durch den herbstlichen Acker zog. Dann war Weimar da. Er kannte es nicht. Er ließ seine Handtasche auf dem Bahnhof und folgte den Menschen, die die Bahnhofstraße herab der inneren Stadt zustrebten. Am Marktplatz fragte er nach der Jenaer Straße und wurde zurechtgewiesen, wanderte am Schloß vorbei und über die Jlmbrücke. Und erlebte eine Enttäuschung: Gertie war nicht zu Hause. „Fräulein Rose ist wohl In den Park gegangen", meinte das Mädchen, das die Tür geöffnet hatte, „sie hat ein Buch mitgenommen." So begab er sich auf die Suche, kümmerte sich nicht viel um Goethes Gartenhaus und um die Erinnerungen an klassische Zeit, sondern lief die Wege im Ilmtal im Geschwindschritt ab; irgendwo mußte sie doch stecken. Plötzlich sah er sie vor sich. Sie ging langsam den menschenleeren Weg, der nach Belvedere führt. Er wollte sie gleich anrufen, aber tat es nicht; es freute ihn, sie beobachten zu können. Sie schien ihm schlanker geworden, gestreckter, sie trug einen knappen, sportlichen Mantel, der im Rücken mit einer Lasche zusammengehatten war, einen schmalen Pelzkragen und Pelzmanschetten hatte; er war braun mit einem Stich ins Violette, und violett war der Kappenhut, der auf ihrem Haar saß. Alles sah Peter genau und erfreut, aber auch erstaunt: Wie lange hatte er kein Mädel so angesehen. Er folgte ihr; komisch: sie blieb bann und wann stehen, hob einen Arm ober legte ben Kopf mertmürbig zur Seite, einmal knickste sie sogar unb streckte beibe Hänbe nach vorn. Leise schlich er sich näher. Da hörte er: Sie sprach vor sich hin, unb er begriff: Sie lernte, arbeitete. So eifrig war sie, baß sie seine Schritte nicht hörte. Erst, als er sie fast greifen konnte, rief er leise: „Gertie!" Mit einem Ruck wandte sie sich um, stand einen Augenblick wie erstarrt, sah ihn mit großen Augen an und sagte: „Peter." Sie tat ben einen Schritt vor, ber sie noch trennte. „Peter — also boch." Wie befreit kam es von ihren Lippen. Er blickte in ihre Augen, bie braun unb strahlenb waren. Er hatte vorher an nichts gebucht, nichts überlegt, nichts gewollt. Aber jetzt faßte er nicht nach ihren Hänben, sondern nach ihren Schultern und zog sie an sich. Noch einmal sagte er: „Gertie." Und küßte sie. Sie ließ ihn gewähren. Es war so klar, so selbstverständlich. Es mußte wohl so sein. Einen Augenblick standen sie so. Bis Gertie plötzlich auflachte. „Aber, Peter, was machen wir beim? Ich glaube, wir find beibe verrückt geworben." Auch er lachte. „Wenn bas verrückt ist, fo ist Verrücktsein etwas sehr Schönes." Er schob seinen Arm in ihren, und sie schlenberten weiter, immer ben Weg nach Belvedere entlang, heraus aus bem Park, ben Fußsteig neben bet großen Allee bergan. Im Gleichschritt gingen sie, fest eingehakt, flott bas Tempo. Wie zwei gute Kameraben. Beschwingt und innerlich froh, daß sie wieder einmal einen Menschen neben sich hatten. Aber sie sprachen nicht. Es war doch eine kleine Scheu in ihnen. Da hatte sie ein Gefühl überrumpelt, frisch, jung unb rein. Plötzlich war es in ihnen gewesen, ganz selbstverstänblich unb ungewollt, unb nun wußten sie mit biefem Gefühl nichts anzufangen, weil boch zu viel Konvention in ihnen steckte, zu viel Angelerntes, Anerzogenes. Beibe buchten busfelbe: „Soll ich nun Sie fugen ober Du?" Beide hatten im innersten Herzen den Wunsch, stehenzublelben und sich lachend wieder zu küssen, weiter zu küssen. Doch statt dessen verstärkten sie das Marschtempo. Sie liefen voreinander fort, Arm in Arm. Bis sie oben vor dem Schloß standen, das wie eine Barriere ihren Weg sperrte. Da mußten sie hultmachen, mußten die 2frme voneinander lösen, mußten etwas sagen. Und Gertie sand das Wort: „Donnerwetter, das war ein Marsch. Ich bin ganz außer Atem." Es mar wie eine Befreiung. Run fand sich Peter auch in das Natürliche zurück, in das Natürlichste: fein Magen meldete sich. „Hab' ich einen Hunger. Gibt's hier oben keine Kneipe? Ich habe nämlich noch nicht zu Mittag gegessen." Wie gut diese Sätze taten. Plötzlich standen sie beide wieder auf festem Boden. (Fortsetzung folgt.) Teranttoortltd): 0r. DanSThyriot. — Druck und Der lag: Brüh l'sche Universität S^Duch» und Stein druckereßR. Lange, Gi eben.