SietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 75 ßreitag, den l8. September ZahrganglM Abendlied. Don Paul Gerhardt. Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Stadt und Felder, Es schläft die ganze Welt: Ihr aber, meine Sinnen, Auf, auf! ihr sollt beginnen. Was eurem Schöpfer wohlgefällt. Der Tag ist nun vergangen. Die güldnen Sterne prangen Am blauen Himmelssaal: Also werd ich auch stehen, Wenn mich wird heißen gehen Mein Gott aus diesem Jammertal. Der Leib eilt nun zur Ruhe, Legt ab das Kleid und Schuhe, Das Bild der Sterblichkeit: Die zieh ich aus, dagegen Wird Christus mir anlegen Den Rock der Ehr und Herrlichkeit. Das Haupt, die Füß und Hände Sind froh, daß nun zum Ende Die Arbeit kommen sei: Herz, freu dich, du sollt werden Vom Elend dieser Erden Und von der Sünden Arbeit frei. Auch euch, ihr meine Lieben, Soll heute nicht betrüben Ein Unfall noch Gefahr! Gott laß euch ruhig schlafen. Stell euch die güldnen Waffen Ums Bett und seiner Helden Schar! Oer Schlangenring. Von Liesbet Dill. Im Gobelinzimmer in der Ecke stand eine achteckige Vitrine aus geschliffenem Glas, die eine Sammlung orientalischer Kuriositäten und byzantischer Altertümer enthielt. Darunter waren persische und assyrische Giftringe aus rotem Gold, mit Edelsteinen durchsetzt und fein ziselierten Zeichnungen, phantastische und groteske Kostbarkeiten von unheimlicher Verschlossenheit... In den Nebenräumen wurde der Tee serviert. Hier war es ganz ruhig. Im sanften, geheimnisvollen Schein der großen Ampel schienen die grünen Gärten der Gobelins, alter Stücke des 16. Jahrhunderts aus Beauvais, zu leben. Wir waren allein zurückgeblieben in diesem stillen Raum, versunken in die merkwürdigen Dinge, welche die Phantasie orientalischer Künstler geformt. Wir sprachen über die Gifte des Altertums und Mittellalters, ihre Zusammensetzung, Zubereitung und Wirkung, über jene rätselhaften Gifte, deretwegen im 17. Jahrhundert unter Louis Ouatorze, als die Giftmischerei in Blüte stand, die Damen abends verschleiert zu den Wahr- sagerinnen liefen, die „Poudres d’amour“, mit denen man Liebe erwecken oder Menschen, die unbequem waren, aus der Welt schaffen konnte... Ueber die Giftmischermethoden einer Madame Boisin und ihre „schwarzen Messen", die Marquise Brinvilliers und den Ritter de Croix, den Geliebten der Marquise, die in den unterirdischen Gewölben seines Schlosses Gift fabrizierte und den Medizinern und Richtern Rätsel_ auf gab ... »Solche Gifte gibt es heute nicht mehr", meinte ich Der russische Prinz, der vor der Vitrine stand und einen Sd)langenring betrachtete, steckte sei Lupe ein. „Es gibt sie schon ... sie sind nur sehr selten und nicht tauslich . Prinz Fedor war einer der Emigranten die in RußlandZ olles verloren hatten. Er hatte eine bescheidene Stellung in der Fabrik eines Fieundes gefunden und trug sein Schicksal klaglos und schweigend, etwas Unabwendliches. Von der Vergangenheit sprach er E' Diesmal schien ihn etwas gepackt zu haben beim Anblick der Seltenhecken hmte. Glas. Ich hatte schon öfters an seiner Hand einen seltsam ^formten Ring gesehen, wahrscheir-üch ein Uederbleibsel aus früheren Xageu. ®s r»ar ein oüer, seingearbeiteter Goldring von eckiger Form, für e bestimmt, in Form einer Miniatursänfte mit winziger, gelierter Dur und einem Fenster aus Rubin. .. m. frnnt„ ja Der m »Was ist das eigentlich für ein merkwürdiger ^mg? fragte ich. De, Prinz streifte ihn ab. Die kleine Tür trug auf der Innenseite eine» PI- d>e sich durch den Druck einer Feder offnen lieh. Die K ps IP 9 sie war leer. »Was ist das?" fragte ich. „Ein Gistring, Madame." „Aus Indien?" Er zündete mir eine Zigarette an, dann sich. Seine magere Hand spielte nervös mit dem Ring. „Ich will Ihnen erzählen, wie ich dazu gekommen bin. Vielleicht verstehen Sie dann, daß ich so zurückgezogen lebe. Der Bediente soll erst das Teegeschirr wegnehmen, er irritiert mich." Er winkte. Wir setzten uns in die Ecke unter den grünen Gobelin und warteten, bis der Diener die Teetassen weggenommen hatte. „Die Vorgeschichte ist banal. Meine Güter lagen dort, wo die russische Steppe beginnt. Ich hatte mich sehr jung verheiratet, meine Frau war schön, wir liebten uns sehr. Unsere Ehe war eigentlich ein Märchen, ein ganz unwahrscheinliches Glück. Wir hatten beide vorn Leben nur die glänzende Seite kennengelernt. Damals begann man gerade zu filmen. Ich ließ einen Apparat ins Schloß einbauen, und wenn wir Gesellschaft gaben, ließ ich sie heimlich filmen. Der Ausnahmeapparat stand oben in der Estrade des Tanzsaales unter Blumengruppen versteckt. Alle Feste wurden heimlich von dort ausgenommen und im Winter, an den langen Abenden, wenn wir nach Tisch auf dem weißen Bärenfell vor dem Feuer sahen, ließen wir uns diese Filme vorführen und schauten uns bann gleichsam zu. Unsere Jagden wurden gefilmt, wenn wir ausritten, alle Ereignisse im Dorf ließen wir ausnehmen. Es war ein Zeitvertreib. Wir ahnten nicht, wie verhängnisvoll uns diese Filmerei werden sollte. Im Frühjahr hatten wir unsere Koffer gepackt, uni nach Italien zu gehen. Am Tag vor unserer Abreise kam eine Zigeunertruppe aus unseren Hof. Meine Frau ließ sie ausnehmen, aber die alte Zigeunermutter kam dazu. Als sie hörte, daß sie gefilmt waren, bedeckte sie ihr Gesicht mit einer schwarzen Schürze und stürzte schreiend davon, indem sie einen Fluch ausstieß: „Es ist eine Sünde, was ihr tut, der Himmel wird euch dafür bestrafen!" rief sie. Tatsächlich besteht bei manchen Völkern eine abergläubische Furcht davor, photographiert zu werden. Der Türke zum Beispiel darf seinen Körper nid)t bildlich aufnehmen lassen. Es gilt als Frevel an der Gottheit. Seitdem ist ein grauer Vorhang über mein Leben gefallen, feit diese Zigeunerin meinen Hof betrat. Arn nächsten Morgen reiften wir nach Italien. Diese Reise war der Abschluß meiner glücklichen Tage. Wir reiften mit einem Auto von Stadt zu Stadt, besuchten Museen und Kirchen und machten Ausflüge in das Land. Eines Nachmittags tarnen wir durch eine mit Blumen besäte, wilde bunte Landschaft an der Küste: das blaue Meer warf schäumende Wellen an den Strand, zwischen den Felsenblöcken weideten fremdartig aus» sehende, schwarze Ziegen. Ein Hirte war nirgends zu sehen, nur ein schwarzäugiges Mädchen mit rotem Rock melkte gerade eine Ziege. Meine Frau hatte Durst und bat das Mädchen um ein Glas Ziegenmilch. Wir lagerten uns in den Sand und machten Ausnahmen. Die Tiere glotzten uns mit so sonderbar leeren Augen an, und meine Frau sagte, sie sehen so böse aus, es sind sicher keine gutartigen Tiere. Ihre Milch schmeckt bitter... Plötzlich tauchte eine alte Frack auf, die mit einem Stock die Ziegen zusammentrieb. Ich fragte sie wem die Ziegen gehörten? „Ach, die haben die Engländer dagelassen , sagte sie, „aber wer ihre Milch trinkt, wird krank..." „Um Gotteswillen", sagte ich, „meine Frau hat eben 'davon getrunken..." Die alte Frau entsetzte sich. „Das Mädchen hat Ihnen von der Milch gegeben?" fragte sie. Und mit einer Gebärde, die mich an die alte Zigeunerin erinnerte, schlug die Frau die Schürze über dem Kopf zusammen, murmelte etwas, das wir nicht verstanden und trieb die Ziegen rasch mit dem Stock weiter. Auf der Rückfahrt kamen wir an einem Kirchhof vorbei, der in der Abendsonne einsam und friedlich dalag mit feierlichen weißen Marmor- kreuzen und von bunten Blumen überwucherten Gräbern. Das eiserne Tor stand weit offen. Meine Frau ließ halten und ging zwischen den Gräbern umher, um Blumen zu pflücken. Die schlanke Gestalt in dem vom Meerwind durchwehten, von der Sonne durchleuchteten weißen Kleid, dem flatternden, hellroten Schal, bildete einen schroffen Gegensatz zu dieser Todeseinsamkeit und den ernsten Gräbern. Ich nahm den Film aus. Meine Frau stand neben einem Grab an das Kreuz gelehnt und ordnete ihren großen Strauß Blumen. Es war das letzte Bild, mein Filmstreifen war zu Ende. Die Sonne war inzwischen untergegangen, vom Meer wehte es kühl In dem offenen Wagen schauerte meine Frau zusammen. „Mich friert gib mir deinen Mantel." Ich bedeckte sie mit meinem Mantel. Die Fahrt war lang im Staub der Landstraße, es wurde dunkel und immer kühler... „Wir hätten lieber den Film nicht aufnehmen sollen", sagte sie plötzlich, „ich muß immer an die Alte denken..." — „An welche Alte? — , Die damals aus unseren Hof kam, weißt du noch?" Ich schwieg. Merkwürdigerweise hatte auch ich in derselben Minute an die alte Zigeunerin qedachi und an den Fluch. „Weißt du, das Ganze heute gefiel mir nicht , fügte meine Frau. „Es hing heute etwas Unheimliches in der Luft. Diese schwarzen, häßlichen Tiere, die uns so anstarrten, die alte Frau und das dumme Kind, das mir die Milch gab. Ich hätte doch diese Milch nicht trinken sollen." Ich versuchte ihr den Gedanken auszureden. Aber sie verfiel in Schweigen und gab kaum eine Antwort. Im Hotel kleideten wir uns zur Abendtafel um. Meine Frau war still geworden, sie iah sehr blaß aus, di« Jazzband schien ihr Qualen zu bereiten. Als sie einen Löffel Suppe gegessen hatte, erklärte sie, sie könne nicht mehr, sie habe solche Schmerzen. Sie legte sich zu Bett, ich lieh einen Arzt rufen. Der Italiener untersuchte meine Frau, konnte aber die Ursache ihrer Schmerzen nicht entdecken und versprach, morgen wiederzukommen. In der Nacht sprach meine Frau laut, wie im Traum von schwarzen Ziegen und einer Alten, die sich die Schürze über den Kopf hielt... „Sie hat uns verflucht, hörst du, wie sie schreit?" sagte sie schaudernd. Ihr Atem flog, sie hielt meine Hand fest. „Ich hab' so Angst .. Ich sprach mit dem Arzt und erzählte ihm die Begegnung mit den Ziegen, aber er wehrte diesen Verdacht ärgerlich ab. Daß man von der Milch dieser englischen Ziegen krank würde, sei ein lächerlicher Aberglaube der Leute. Meine Frau habe sich einfach auf der Reise eine Magenverstimmung geholt, aber sicher nicht von der frischen Ziegenmilch. Er gab ihr Beruhigungsmittel, aber sie halfen nichts. Die Schmerzen blieben. Sie tauchten bald im Darm, bald im Kopf, bald in den Hüften oder im Rücken auf und das Fieber blieb... Es waren furchtbare Tage in dem Hotel in der fremden Stadt. Von der Stadt selbst hatten wir kaum etwas gesehen. Eines Abends, als meine Frau etwas ruhiger geworden war und die unerklärlichen Schmerzen nachgelassen hatten, war ich an die Luft gegangen und schlenderte durch die engen Gassen der alten Stadt. Ich kam an einem kleinen Laden eines Inders vorbei, der Elfenbeinschnitzereien feil hielt. Ein seltsam geformter, wunderbar gearbeiteter Ring fiel mir auf. Der Inder, ein langer, ernster Mann im Turban, führte mich in seinen dunklen Laden, zündete eine rote Ampel an und zeigte mir in dem magischen Licht seine Kostbarkeiten... Da siel mir ein Ring auf durch seine sonderbar eckige Form. Ein altindischer Giftring, erklärte der Inder, er öffnete die einseitige Kapsel. Sie enthielt ein weißes Pulver... „Ein starkes, aber völlig spurloses Gift", sagte er, „genug, um einen Menschen auf der Stelle zu töten." Ich kaufte den Ring. Meine Frau sammelte Raritäten... Aber als ich heimkam, lag sie teilnahmlos wie eine Sterbende da, das Fieber war wieder gestiegen. Sie sei sehr unruhig gewesen, sagte die Nonne, die sie pflegte, und habe fortwährend nach mir gerufen. Als ich mich über sie beugte, schlug sie die dunklen Augen auf ... „Gott sei dank! Wo warst du so lange?"... Ich erzählte ihr von dem Ring. „Laß mich ihn sehen", bat meine Frau. Ich gab ihn ihr. Sie betrachtete ihn lange. Dann streifte sie ihn ab, legte sich erlöst zurück, schloß die Augen und drückte meine Hand... „Geh", sagte sie, „laß mich schlafen, die Schmerzen sind vorbei. Der Ring hat ein Wunder getan..." Aber sie kamen wieder in dieser Nacht. Sie durchrüttelten ihren zarten Körper derartig, daß wir den Arzt mitten in der Nacht herbeiholten. Er entdeckte eine leicht eiternde Stelle an ihrer rechten Hand, die ihn stutzig machte. Sie müsse sich irgendwo infiziert haben, meinte er... Am nächsten Morgen hatte sich die Wunde vergrößert. Wir brachten meine Frau ins Spital. Sie wurde untersucht. „Von Lepra infiziert", lautete das Urteil. Die Operation sollte am nächsten Tag vorgenommen werden, wenn meine Frau nicht den ganzen Arm verlieren wollte. Meine Frau zeigte sich tapfer, sie war ruhiger als sonst. Von der Operation sagte sie kein Wort... Gegen Abend verlangte sie, auf die Veranda getragen zu werden. Wir brachten sie dorthin. Meine Frau lächelte mir zu... „Wie schön die Sterne funkeln", sagte sie, „sie scheinen mir viel näher als sonst." Sie sah wieder einen blauen Himmel, hörte die Vögel in den Gärten fingen, sah Blumen und Bäume blühen, sah Leben, Dächer der Stadt, Menschen und fahrende Wagen in der belebten Straße. Sie fühlte keine Schmerzen mehr. „Zeige mir noch einmal die Bilder, Fedor", bat sie. „Cs war unser letzter schöner Tag ..." Ich holte den Film und rollte ihn auf. Mit großen Augen folgte sie all diesen Bildern. Sie zogen vorbei, fern, wie wenn man etwas im Traum sieht. Das wilde, üppige Land glühte in der Sonne, die sandige Küste, das glasblaue Meer, die weißen, an den Felsblöcken verzischenden Wellen, die schwarzen, ruhenden Ziegen im Gras, die sich noch uns umwandten, das kleine Mädchen im Sand in feinem roten Röckchen, das die Ziegen melkte, und meine Frau, die sich durstig niederbeugte und aus seinen braunen Händen den Trank empfang... Mir riß etwas entzwei ... ich konnte nicht mehr... Sie lag in ihren Kisten, die Augen sehnsüchtig aus die Bilder geheftet, als wollte sie etwas zurückrufen, das vergangen war — für immer... Dann tarn die Rückfahrt, die lange Kirchhofmauer erschien, das eiserne Tor, das weit offen stand, wie um sie einzuladen, einzutreten, die Grabkreuze, die Gräber, die wilden Rosen. — Ich sah meine Frau zwischen den Gräbern wandern, ihr weißes Kleid wehte im Wind, sie beugte sich nieder, um die Namen zu lesen, sie winkte mir zu und stand im Abendsonnenschein, lächelnd, neben dem weihen, großen, ernsten Kreuz, das sie umfaßt hielt, ihre Blumen im Arm. Es war das letzte Bild, der Streifen war zu Ende. Ich legte ihn in seine Schachtel zurück. Wir schwiegen. Ich sah, daß- sie müde war und zog mich zurück. Die Nonne wachte neben ihrem Bett. Aber ich konnte nicht schlafen, ich ging die Nacht auf der Terrasse auf und ab. Plötzlich fiel mir der Ring ein, den sie noch am Finger trug. Ich wollte ihn an mich nehmen und ging leise zu ihr. Die Nonne war in ihrem Sessel am Fenster eingeschlasen. Meine Fran lag ruhig und chien zu schlafen. Der Mond beleuchtete alle Gegenstände. Alles sah chneeweiß und unnatürlich aus, als ob alles nicht Wirklichkeit sei, kontern nur ein Traum... Und so sehe ich es immer vor mir, das stille, hohe weiße Krankenzimmer, in der dunklen Ecke die schlafende Nonne mit der großen, weißen Flügelhaube, das zitternde, kleine im Nachtwind flackernde Lichtchen. Meine Frau lag mit offenen Augen da. Ein geheimnisvolles Lächeln auf dem Gesicht ... wie erlöst ... sie atmete nicht mehr. Ihre Hände lagen auf der Bettdecke ausgestreckt, aber — der Ring war nicht mehr da. Ich fand ihn auf dem Teppich — die Kapsel war leer. Ich drückte ihr die Augen zu. Der Arzt sagte mir nachher, daß es das Beste für sie gewesen sei...' Und er betrachtete stumm den goldenen Ring des Inders an (einer Hand... Weltgeschichte über Kleinasien. Die Ausgrabungen in Ephesus. Van Geh. Konsistorialrat Professor D. Deißmann, Prorektor der Berliner Universität. Deutsche und österreichische Archäologen stehen augenblicklich am Beginn einer neuen Ausgrabungskampagne in Ephesus, der weltberühmten kleinasiatischen Metropole. Professor Dr. D e i ß m a n n , der selbst mehrfach an den bisherigen Ausgrabungen in Ephesus teilgenommen hat, gewährte unfern Berliner Mitarbeiter eine Unterredung, in der er sich über die Ausgrabungen, die ebenso aufschlußreich für die antike wie für die frühchristliche Geschichte sind, folgendermaßen äußerte: Wer heute nach der uralten kleinafiatischen Metropole Ephesus gelangen will, benutzt am besten den täglich von der großen leoantinischen Hafenstadt Smyrna abgehenden Frühzug, der den größten Hafen Westkleinasiens mit dem inneren Anatolien verbindet. Man tut gut, auf der zwei bis drei Stunden dauernden Fahrt bis Ephesus sich die gewaltigen welthsttorischen Schicksale zu vergegenwärtigen, die Ephesus gesehen hat. Seine außerordentlich günstige verkehrsgeographische Lage war die Voraussetzung für fast alle großen Tatsachen seiner Geschichte: von der gegen Ende des zweiten Jahrtausend vor Christus einsetzenden griechischen Kolonisation an bis auf Alexander den Großen und seinen Nachfolger Lysimachus und von da zu den Tagen der römischen Caesaren und der byzantischen Kaiser. Immer war die die Land- und Seestraßen beherrschende Stadt ein Mittelpunkt großen Geschehens. Die nachmals im Mittelalter unter den seldschukischen und osmanischen Sultanen mehr und mehr eintretende Verödung der Stadt hat neben anderen auch die Ursache gehabt, daß sie durch die unaufhaltsam gewordene Versandung ihres Hafengebietes von der See abgedrängt wurde. Nicht zerstört werden konnte indessen das gewaltige geistige Erbe, das die ehrwürdige Stadt hinterließ. In der Weltgeschichte des menschlichen Denkens und der Religion hat Ephesus eine saft einzigartige Bedeutung. Wie ein Fanal leuchtet der Name des großen Philosophen Herakleitos von Ephesus durch die Jahrtausende. Seit Urzeiten der Mittelpunkt der kultischen Verehrung einer großen anatolischen Mutter- göttin, ist Ephesus in den historisch helleren Tagen länger als ein Jahrtausend, bis zum Sieg des Christentums, die weltberühmte Stadt der Artemis (Diana) gewesen. Wiederholt zerstört, erhob sich der zu den sieben Weltwundern gerechnete Artemistempel immer wieder glanzvoll aus den Trümmern und war in dem Zeitalter der Religionswende das vielleicht stärkste Bollwerk des Heidentums in der gesamten Mittelmeerwelt. Dann wurde Ephesus durch den Apostel Paulus die wichtigst« Stätte des Christuskultus und eine Zentrale der urchristlich-aposto- lifchen Mission. Hier, in der Hauptstadt der römischen Provinz Asien, hat Paulus persönlich eine blühende Gemeinde gegründet, von hier aus hat er seine wichtigsten Reisen nach Mazedonien, Illyrien und Griechenland unternommen, von hier aus hat er wahrscheinlich die meisten seiner uns erhaltenen Briefe geschrieben, darunter auch möglicherweise die Gefangenschaftsbriefe. Hier sind wohl auch nach seinem Tode diese Briese zuerst gesammelt und veröffentlicht worden, und hier hat Paulus Kämpfe auf Leben und Tod mit dem uralt bodenständigen Heidentum führen müssen. Die mittelalterliche Geschichte der Paulus- und Johannisstadt ist dann die Geschichte eines langsamen, aber unaufhaltsamen tragischen Unterganges. Naturgewalten und die Schrecken niemals aussetzender Kriege haben im Laufe eines Jahrtausend die große Metropole Kleinasiens zugrunde gerichtet, so sehr, daß noch vor sechzig Jahren niemand mehr wußte, wo unter dem Schutt der Anschwemmungen der Jahrhunderte die Städte des Artemistempels gelegen hatte. Diese antike Ephesus ist nun aus dem Schutt und Geröll der Jahrhunderte zu einem großen Teil bereits wieder erstanden durch die Meisterarbeit europäischer Archäologen. Zunächst durch die geniale Leistung des britischen Architekten I. T. Wood, der im Jahr« 1871 nach langjähriger mühevoller Arbeit den Tempel der Diana, das Artemision, wieder auffand. Im größten Maßstabe aber hat sich von 1898 bis 1913 das Oester- reichische Archäologische Institut zu Wien unter Führung von Otto Benndorf der Erforschung von Ephesus hingegeben und sowohl in Technik und Ertrag der Grabungen selbst, wie auch in der wissenschaftlichen Durcharbeitung des reichen, von den Wiener Forschern erschlossenen Materials eine Gesamtleistung vollbracht, die sich aufs würdigste der in der gleichen Periode mit so glänzendem Erfolge in den westkleinasiatischen Nachbargebieten arbeitenden deutschen Forschung unserer großen Archäologen Schliemann, Humana, Ganze, Dörpfeld, Wiegand und anderer zur Seite stellte. Der Krieg schien, wie er diese ganze glänzende Arbeit gewaltsam unterbrach, in seinen Wirkungen ihr völliges Ende zu bedeuten. Durch eine in ihrem Werdegang und in ihren Auswirkungen höchst erfreuliche Zusammenarbeit von österreichischen, deutschen und türkischen Forschern und Organisationen mit ausländischen, namentlich amerikanischen Persönlichkeiten und Gönnern der Wissenschost ist es aber dann im Frühjahr 1926 gelungen, in Berlin die „Treuhänderschaft Ephesus-Grabung" zu begründen und die nicht unbeträchtlichen Mittel für neue Ausgrabungskampagnen in Ephesus sicherzustellen: die sechste, allerdings in der Not der Zeit in bescheidenem Ausmaße gehalten, beginnt gerade jetzt. Die wissenschaftliche Leitung des Unternehmens hat nach wie vor das um Ephesus einzigartig verdiente Oesterreichische Archäologische Institut zu Wien. In dem inzwischen an die Universität Greifswald berufenen Professor der alten Geschichte Dr. Josef Keil hat das Wiener Institut einen archäologischen und historischen Fachmann von höchster Qualität als Leiter der österreichischen Expedition nach Ephesus. Für kürzere oder längere Zeit halt« auch ich die große Freude, an den Grabungen teilzunehmen. Die Ergebnisse der fünf abgeschlossenen Kampagnen sind sehr beträchtlich. Josef Keil hat durch systematische Nachgrabungen das älteste griechische Ephesus, das Ephesus der griechischen Kolonisten um das Jahr 1000 v. Ehr., auf dem Hügel nördlich des Stadion durch reiche Scherbenfunde feftgefteUt. Die ältere Religionsgeschichte der Stadt erfuhr sodann überraschende Ausklärung durch die Entdeckung eines heiligen Bezirks (Schluß.) (Nachdruck verboten.) &)"1' Se5 Zeus, der „Bergmutter" und anderer Gottheiten auf dem Panajir Dogh, an den nördlichen Hängen dieses landschaftlich wundervollen, die weite' Ebene des Kaystris beherrschenden Vorgebirges. Besonders reichhaltig waren die Ergebnisse für die späthellenistische zpoche und die frühe Kaiserzeit. Die Grabungen in der Nähe des Magne- ischen Tores führten zur Entdeckung eines der Wasferversorgung der Stadt dienenden, prunkvoll ausgestatteten Nymphäums. Besonders über« : ienkirche, der Aohanneskirche vunderoollsten mgenblit in & ,N* iflen ans, e unjent suh ibn mtite Qit ■ ächltx 1 selangtn m ijoftt, W«s«lw ifahrt bis imärtigen, >rsg!0M ?en feiittt Chchn n Eich« der ri* fand- im) i|tns. Jii chen 6ii) il anbei« bene to ige (Erti, # s menfrl! irtige &• i hilosoch«' Seiten btt * i muten ein 3# Stabt btt r zu bti der glonf .onsmenbe m mittel' die ich id^apoltf Asien, P r aus iii | iechenbii einer u® , Befangen' ieje zueß - impfe n müffei । t ist bann । en Unter' er firiege tkinaN5 and * ^unbene der 3* e meifW iftunfl bji Ml*'1 ieber * 5* non W Lorenz Scheibenhart. Erzählung von Wilhelm Raabe. Mit Genehmigung der G. Grote'schen Verlagsbuchhandlung in Berlin*. sie be[ '* Siotil* jlrdjöol0' jeS’? inje«!’ , tN ren* 5« Onl*" , Sie ft zeführt, die von den Fachleuten der Geschichte des Christentums, ms- t>e|onbere des christlichen Kirchenbaues, mit der allergrößten Spannung rwartet worden war: die Freilegung der weltberühmten, von Kaiser Zustinianus um das Jahr 540 erbauten Basilika des heiligen Johannes des Theologen auf dem Burghügel von Ajafoluk. Das in gewaltigem Üusmaß als dreischiffige Kreuzkuppelkirche mit sechs Hauptkuppeln trbaute Gotteshaus ist nach Ueberwindung großer technischer Schwieng- leiten aus seiner fünf bis sechs Meter tiefen Verschüttung jetzt fast völlig reigelegt. Wo vorher aus dem Schutthügel nur mächtig« Ziegelbrocken b er eingestürzten Kuppeln herausragten, liegt jetzt hoch über der Ebene >as von Ost nach West in einer Länge von etwa 100 Metern sich rusdehnende altchristliche Heiligtum, vor dem Beschauer, die aus tiaffigen Ouadern errichteten Pfeiler, die weißen Marmorsäulen zweier Keschosse mit ihren Kapitellen und ihren Gesimsen sind neben beträchtlichen Teilen der Ziegelarchitektur fast sämtlich erhalten, meist in trefflichem Zustand. Besonders eindrucksvoll sind (ähnlich wie in der Hagia Sophia in Konstantinopel) die mit den Monogrammen des Kaisers Justi- eianus und seiner Gemahlin Theodora geschmückten, ehemals vergoldeten Kapitelle des Langhauses. Neben der bereits früher ausgegrabenen Ma- ■ - - Stätte des berühmten Konzils vom Jahre 431, ist die von Ephesus nunmehr als eines der wuchtigsten und Denkmäler der alten Kirche erschlossen. Den Spaniern aber haben wir's heimgezahlt vor Bergen op Zo • Sa haben wir Reiter den Tag gewonnen und die Welschen nie - Witten, daß sie bei Hausen das Feld deckten, da verlor der Hawer- l'ädter den Arm und ich schoß meinen besten Jugendfreund vom Roß, loh ich noch heut mit Jammer daran denken muß. Wahrlich, das lie leidige Not: Ihr möget gegen den Feind anreiten, wo 'hrwE n der Welt, ihr treffet immer gegenüber einen der euch euren Cd)mert_ Wag oder Pistolenschuß mit einem deutschen Fluch jurude gibt Mag es Mn in Welschland, in Polackien oder im amerikanischen Rj-ch, deutsche iraufte trommeln überall aufeinander, so weit die Sonne leuch s »eit die Nacht dunkel ist. Gott bessere es! Ach, armer Curd Speit!), wer Sitte das gedacht, als wir zusammen den Ball schlugen, als wir in d ^eftungsgräben 3u Wolfenbüttel umher kletterten, als wir nach den Sohlenneftern in die Tortürme stiegen? - - 6„tn»n»n- bei Bei Stadtloo war die Fortun übermalen dem Herzog entgegen bei Aadtloo hab' ich auch den Levan wieder gesehen, kunn ihn^ader mcht lassen, das Getümmel riß uns auseinander, und als ich suchend^chm nach ’ tt, traf mich eine Kugel; diesmal im Ernst! Dem Lev,n Sander war mn anderes Los aufbewahret, von meiner Hand foUt , - ^el Greuel und Sünden sollt' er noch mit in bie ®r“bher("ctümmer. Zu Osnabrück lag ich lange auf den Tod; dann^ kehrte ich lummer^ »h genesen heim durch das blutige, verbrannte Land und zog em, em I Imgellahmer Rade, in das Tor von Wolfenbuttel. Niederae- , Wie fand ich da alles anders, als ich es verlass n halt ! Ni^derg^ -annt war das Häuslein vor dem Neuentor, °erwuM das Gart e i too war die Susann' geblieben? Niemand wußte Antwort dar f z * Diese Erzählung ist dem bei Grote erschienenen Novellen^Lande "Halb M ä r, h a l b m e h r" entnommen: kart. 1,20 Mk., geo. , raschend aber war die Erforschung einer riesigen Ruine nördlich des Stadions. In zweijähriger Arbeit ist hier die gewaltige, zum Teil sehr jut erhaltene Anlage eines großen mit Thermen verbundenen Gymna- Sums erschlossen worden. Durch eine Bauinschrift wurde sie als Stiftung les ephesischen Bürgers Publius Vedius Antoninus aus der Mitte des zweiten Jahrhunderts nach Christus erkannt. Zahlreiche Architekturstücke »on bester Erhaltung erwiesen sich als Reste eines großen Säulenhofes. Bon diesem aus gelangte man in einen mit kostbaren Kunstwerken reich xusgeftatteten Festraum, in dem noch heute ein Altar mit Kultnische und einer Basis für ein Standbild sichtbar ist. Höchstwahrscheinlich biente biefe eigenartige Anlage dem Caesarenkult der Provinz Asia. Zwei weitere ähnliche ebenfalls riesige Anlagen werden in der Nähe des Theaters und im Magnesifchen Tor freigelegt. Aber auch die direkten Ergebnisse für die altchristliche Geschichte sind ungewöhnlich bedeutsam. Ephesus war schon früher eine Stadt der Kirchen xnb der pietätvoll gepflegten Begräbnisstätten. Wer heute die Geschichte 365 christlichen Kirchenbaues studiert, dem ist durch die Ergebnisse der ilteren österreichischen Grabungen und unserer neuen Kampagnen ein |x) reichhaltiges Studienmaterial zugänglich gemacht, wie man es kaum in einem anderen Orte Kleinasiens sindet. Auch die christliche Gräber- xnb Katakombenforschung hat jetzt ein umfassendes neues Studienmaterial erhalten. In zwei Kampagnen gelang es, die großen Gräberanlagen bei her durch anderthalb Jahrtausende bei Christen und Mohamm->banern in hohem Ansehen stehenden Grotte und Katakombe der Siebenschläfer in Kn wilden Schluchten der Ostseite des Panajir Dagh aufzudecken. Im einzelnen sind hier jetzt etwa 300 einzelne altchristliche Gräber erforscht, liie kotz einer in unbekannter Zeit erfolgten Verwüstung reiche Funde in Lampen (über 2000 Stück) und Inschriften ergaben. Als Ganzes gehört iüefe neu erschlossene Gräberschlucht von Ephesus zu den eindrucksvollsten Schöpfungen der altchristlichen Frömmigkeit. Eoenfalls in einer mehrjährigen Arbeit wurde eine Grabung durch- jefüljrt, die von den Fachleuten der Geschichte des Christentums, ins- !>e|onbere bes christlichen Kirchenbaues, mit ber allergrößten Spannung geben. Herr Franz Mgermann, ber Landes-Fiskal, schlief lange fn seinem kühlen Grab auf dem neuen Kirchhof. In den Straßen ging die Trommel der dänischen Besatzung und auf dem Schloß lag wund und krank, an Leid und Seel' gebrochen, unser einst so freudiger Führer und General, Herr Christian von Halberstadt. Auf dem bösen Krankenlager an der Pest, und nicht in der wilden Reiterschlacht, wie er. es sich wohl gedacht hatte, ist er da auch gestorben in seinem siebenundzwanzigsten Lebensjahr. — — ■ Feuer im Westen, Feuer im Osten, Feuer im Süd und im Nord! Deutscher Nation Pracht und Macht, wie ist es über dich hergegangen! Wie wurden die Menschen durch die Rolle gezogen und gepanzerfeget! Wie braufeten die Völker durcheinander, als sei die Zeit des Hunnenkönigs Etzel wiedergekommen, wo auch das Hofgesind' des dösen Feindes losgelassen war über die Welt, sie zu zerstören und zu verwüsten für ihre Sünden und Laster, bis der liebe Gott „Halt!" fagete. Sobald ich es nur vermocht, ergriff ich eine Partisan und trat unter die Verteidiger der Stadt; denn näher und näher zog schon das Ungewitter. Unter den drei Linden über dem Neuentor stand ich auf ber Wacht unb schaute stundenlang über bep Graben nach der Stelle, wo mein Schatz gehauset hatte. Da hält' ich Ursach' gehabt, wieder ein Liedlein zu fingen und ein schier traurigeres, als das bei meinem Abzug; aber bie Lust zum Singen war mir lange vergangen. Wo bas Haus zum „Springenden Roß" gestanden hatte, war itzt eine schwarze Brandstätte. Nicht mehr sahen die luftigen Gesellen im Schatten der Bäume und tranken und fangen, nicht mehr blüheten die Rosen am Gitter. Die Bäume waren niedergehauen und bie kurzen Stumpfer guckten gar trübselig aus bem zerstörten Boben, bie Rosenbüsche waren ausgerissen ober niedergetreten — es war eine Wüstenei im kleinen, wie bie Welt eine Wüstenei im großen war. — Immer näher wälzten sich die Wetter, die ber Stadt droheten. Am 29. November 1627 half ich, den „eisernen wilden Mann" auf bie La fett legen, und im Dezember zog ber Schrammhans zur Belagerung heran. Dem großen Haufen voraus streifte sengend unb brennenb bas blut« bürftige, heibnische Kroaten-Gesinbel, unb wehklagend strömte das Volk vom Lande in Scharen zu den Mauern und schleppte mit sich, was es halt' erretten können. Da hab' ich auch die Susann' wieder zu Gesicht bekommen! . . . Jammer, was war aus ihr geworden! Ein bleich verstört, hohlwangig Jammerbild zog sie unter den Flüchtigen einher — ich hatte grab die Wacht am Neuentor. — An der wüsten Brandstätte von ihres Vaters Haus wollt' sie stehen bleiben — sie weinte bitterlich — aber von den Drängenden ward sie weitergeschoben. Ohne mich zu erkennen, schritt sie mit einem Kindlein auf dem Arme an mir vorüber. Ich hält' blutige Tränen meinen können, unb ben höhnenden dänischen Soldaten schrie ich wild genug zu, daß sie murrend schwiegen. Schon knatterte von der andern Seite der Festung das Musketenfeuer der nahenden Feinde und der in die Walle zurückweichenden Streisabteilungen herüber. Man tunnt’ im Schneegestöber keine zehn Schritt weit sehen. — Da ging die Zugbrücke auf — ein Weh- unb Notschrei bes braußen gebliebenen Volkes ließ sich hören — wir hatten genug, übergenug in ben Mauern! — Vom Philippsberg bornierte schon bas schwere Geschütz, runb um die Stadt durch den Schneesturm wirbelten dumpf die Trommeln der Kaiserlichen. Die Benennung hatte im Ernst begonnen! ... Der Pappenheim wußte wohl mit dem eisernen Besen zu stäupen! Es war mit ihm nicht zu spaßen; viel Zeit zum Atemholen gunnte er nicht. Einst halt' ich unter den drei Linden auf der Bastion mit meinem falschen Feinslieb flüstern und kosen können, und der wilde Mann Halle nur zugehörl; jetzt aber sprach er selbst ein Wörllein mit — die Zeilen hallen sich weidlich geändert! Was für Gebankenspiele aber wurden wach in meiner Brust, während ich die Lunte aufschlug oder einen gefallenen Kameraden mit hinunter vom Walle tragen half. Stets schwebte das bleiche Frauenbild mir vor den Augen. Wie im Traum tat ich alles, was mir auf meinem Posten oblag, und wie ein Rasender stürzte ich im ersten freien Augenblick in die Stadl hinab, das Schattenbild meines einstigen Herzliebs aufzusuchen. Auf den Stufen der Kirchlür Beatae Mariae Virginia fand ich sie. Da saß sie zusammengekauerl im grimmen Winlerwelter, ihr zehnjährig Kindlein im Arm, die Lippen zusammengepreßl, jammervoll hinaus- starrend in die leere Luft. Da stand ich vor ihr: der Sturmwind Halle mir das Haar zerzaust, das Gesicht war vom Pulverrauch geschwärzt, ich war auch nicht mehr der Schreidersknab von Anno Zwölf. Sie hielt mir mit einem bittenden Blick die Hand hin — wie preßte sich meine Kehle zusammen! Um sie her lag viel anderes armes Volk und bie Kirche selbst war voll von Kranken unb von ©terbenben. Don Zeil zu Zeit schlug eine Kugel krachend in ein Hausdach oder rollte splitternd über das Pflaster dahin. „Susanna!" brachte ich endlich mühsam hervor. Sie schaute mich wirr und wild an. „Kennst du mich nicht mehr, Susanna?" Sie stieß einen lauten Schrei aus; ihr Mägdlein drückte sich fester an sie an und fing bitterlich an zu meinen, auch mir rollten die dicken Tränen über die Backen. „Hier kannst du nicht bleiben, Susanna! sagte ich. „Ich will sehen, daß ich dir einen Schutzort auffinde." „Mein Vater ist tot; er hat mich verflucht: wenn das Wafler pikenhoch' über meinen Leib weggegangen ist, die Schmach zu waschen, soll mir vergeben sein; meine Mutter ist tot, wenn mein Kind nicht wär', wär' ich auch längst gestorben unb hätt' bie Schänd' gesühnt; laßt uns hier, Herr! Gehet fort! Gehet fort!" „Ich will dich aber nicht verlassen, Susanna! Fasse Mut, — denk nicht an das Vergangene! Gottes Zornrute schlägt zu schwer die Völker, als daß man Zeit hätte, an sein eigen klein Weh zu denken, — Jomm du, mein Kind — dein Mütterlein gehet mit — wie heißest du? „Herzeleid ist sie genannt!" Jagte Susanna. „Ist nicht getauft — ist auch ein Tropf in den (Eimer!" O Zeiten! Zeiten! Ich hatt' ein klein Kämmerchen bei einem fluten Freund, dem ich einst mancherlei zu Nutz flclan halt', dahin bracht' ich meinen verlorenen Schatz, und als die Not aufs höchste fticfl in der Stadt, da war es Gottes Fügung, daß ich sie vor dem Hungertod doch zu schützen vermocht. Sie hatte ein Lied, das hab' ich ihr hinter der Tür abgelauscht — sie sang es oft genug — weih nicht, woher sie es mitgebracht hatte! Hab es mein ganz Leben hindurch nicht aus den Ohren und aus dem Sinn verloren. Es war «in betrübt Wesen und war mir schier besser zumute bei der grimmen Arbeit aus den Wällen, als in dem engen Kämmerlein aus der Löwenstrahe — und was der Vater in seinem Zorn geflucht hatte, das lieh Gott zur Wahrheit werden. Pikenhoch ist das Wasser über den Leib der Susann' weggegangen — und der Generalseldmarschall von Pappenheim ist schuld daran gewesen! Als der sah, dah er der Stadt von wegen des Sumpfbodens nicht nah genug kommen kunnt mit feinen Laufgräben, da trieb er das elende Vauernvolk zusammen aus den wüsten Dörfern und den Wäldern und ließ einen Damm ziehen, Braunschweig zu, über den Ockerstrom weg, und dämmte ihn ab und trieb die Wasser mit Gewalt hinein in die Festung, daß der Graf Solms auf dem Schloß das Haar zu raufen begunnt. Der Winter half den Kaiserlichen wacker dabei, das Wasser wuchs ringsum und in der Stadt und stieg und stieg. Bald hob die Flut die toten Körper in den Kirchen, die Erschlagenen und Hungergestorbenen in den Straßen und trieb und wirbelte sie umher zwischen den schwimmenden Balken, Trümmern und Eisschollen in den Gassen und auf den Plätzen. In den Kähnen, auf zufammengebundenen Brettern schwammen die elenden Leut' umher; bald neigten und senkten sich die Häuser und stürzten zusammen; dazwischen donnerte das Geschütz rings von den Höhen um die Stadt — es war ein Grauen, wie in den Tagen der Sündslut. Der eiserne, wilde Mann unter den drei Linden sprang und riß vier von den Konsiabeln in Stücken, aber bald genug war ein ander Rohr an seine Stell' geschasst; es galt kein Zaudern! Und wenn ich das Geschütz richtete und wenn ich die Lunt' ausschlug, immer mußt' ick) an die Susann' und an das Kind Herzeleid in dem Dach- kämmerchen auf der Löwenstraß' gedenken. Oft genug bestieg ich mit zwei wackern Kameraden einen Kahn und ruderte hin, flieg durch ein ein« geschlagenes Fenster in das Haus und saß bei ihr und sprach ihr zu, so gut ich es vermochte. Aber es kam bald zu seinem Ende! Schon hatte sich auchn-dieses Haus geneiget, schon war das Lehmwerk des untern Geftocks vor dem Andrang der Wasser eingegangen, da kam noch eine Kugel und erschütterte das Gebäu in seiner Grundfeste, daß Susann' laut aufschrie und daß ich, der ich gerade bei ihr saß, erschrocken in die Höh' sprang. Da war das Besinnen nicht an der Zeit, die Kameraden trieben das Gefährt mit großer Lebensnot bis dicht an die Hausmauer. Was in dem. Gebäude an lebendigen Menschen war, stürzte heran. Wir ließen die Weiber mit Stricken herab und stiegen selbst nach. Das Kind Herzeleid trug ich auf dem Arm, an die Brust feftgebunben. Langsam regierten wir das übervolle Schifflein durch die Straßen den Wällen zu, denn die und ihre festen Gewölbe waren derzeit allein noch die einzigen Ort', wo die unglückseligen Menschen Schutz finden konnten. Aber es sollt' uns nicht so sein! Kam eine Kugel aus einem Morset geflogen von einer feindlichen Schanz', die zog einen feurigen Schweif hinter sich her und schlug mitten in unser Schisstein--ein grauslicher Angstschrei! — auseinander riß das menschenvolle Bretierwerk. — „Mein Kind! Mein Kind!" — rief Sufanna, sie klammerte sich verzweifelnd an mich und im nächsten Augenblick schlugen die eiskalten Wasser über uns zusammen... Als ich mich wieder hervorgearbeitet hatte, hing ich mich an das Trümmerwerk eines eingestürzten Hauses und stieg daran herauf ins Trockene. Das Kind Herzeleid hing oyne Besinnung noch an meiner Brust, ich halt' es nicht losgelassen im Kampf mit den Wassern, von der Susann' und den andern aber war nichts mehr zu sehen. „Das Wasser soll pikenhoch über dich weggehen!" halle der Vater gesagt. Bald waren unsere nassen Kleider zu Cis gestarrt. „Mein' Muller! mein' Mutter!" rief das erwachende Mägdelein; aber es Hagele bald schwächer und schwächer und ist mir in den Armen vor Kälte und Hunger jammervoll gestorben und in das Himmelreich der Kinder eingegangen, wenn es auch nicht gefaufet worden ist ... Am andern Tag, am vierzehnten Dezember, kapitulierte der Gouverneur, da ließ Pappenheim den Damm einreißen, die Wasser liefen schnell genug ab und der Greuel kgm zutage, den sie angerichlet hallen. Viel, viel tote Manner und Weiber, Greise und Kinder sind in eine große Gruben geworfen und das Mägdelein Herzeleid hab' ich selbst hinzugelegl; die Susann' aber hab' ich nicht wieder gesehen — weiß nicht, wohin ihr armer Leid getrieben ist — — Gott möge es genug sein lassen und sie ausnehmen in seinem ewigen Reich, Amen! — Was Halle ich nun noch 3U sthassen in der Festung r Bin mit den Dänen ausgezogen, aber es war oorbei mit ihnen, sie halten kein Glück auf deutscher Erd' und sollen es mentalen haben Als der großmächtige und streitbare Low' von Miller- nachl, Herr Guslavus Adolsus, von Schweden heranzog, des lutherischen Glaubens Schützer, da bin ich ein Reiter im Regiment des Rheingrafen geworden, und bin mitgeritten durch Blut und Flammen bis auf die ftbene von Lutzen. Bei Breitenfeld haben wir die glorreichste Schlacht gewonnen; da trugen die ßiguiften die weißen Bänder auf den Hüten und Helme», welche sie beim Magdeburger Sturm geführet hallen- wir aber hallen grüne Zweiglein aufgesleckl zum Zeichen frischer Hoffnung und riefen „Emanuel' und unsere Sach' war besser als die ihre Als die Flucht der Kaiserlichen anging, hab' ich bis an den dunkeln Abend einen Reiter gejagt, den hielt ich für den Levin. Als ich ihn aber am Boden hatte sah ich, daß er’s nicht war, da hab' ich ihn gelassen. Mil Pauken und Trompeten bin ich in manche schone Stadt eingezogen und hat mich der Herrgott allezeit in Gnaden besehützek. _ Bei Nürnberg ward ich Rittmeister durch des Königs Gnad' und bei Lützen ritt ich mit ihm, dem Herzog Franz von Sachsen-Lauenburg, dem Leibpagen Hans von Hastendorf — der nachher des Königs Tod in Versen besungen hat — und zwei andern, als er das Regiment Stenbock seinen Fußvölkern zu Hilfe führele. Es war wohl gegen ein Uhr Mittages — der Nebel war dichter geworden — als die feindliche Kugel kam, welche dem tapfern Schwedenkönig den linken Arm zerfchmeUerle. Ich war dicht an feiner Seiten und griff feinem wilden Pferd in die Zügel. In demselben Augenblick aber setzele eine Eskadron von den Florentini- schen Kürassieren zum Angriff an, und einer von den Heranfprengenden in einer blauten Rüstung schoß sein Handrohr auf den König ab. Ich sah, wie er wankete und fiel — dann aber ging alles im Getümmel der her- beislürzenden Stenbockfchen Reiter und im Kampf Mann gegen Mann für mich verloren. Mein Pferd stürzte, unter den Hufen der über mich wegjagenden Rosse verlor ich die Besinnung. Als ich wieder zu mir kam, mich mühsam halb ausrichlete, um umzuschauen, halte sich das Gefecht seitwärts gezogen, nur ein einzelner Reiter hielt inmitten der zurückgebliebenen Toten und Wunden und bog sich forschend und suchend nach allen Seiten hin vom Pferd, welches er langsam von einem Leichenhaufen zum andern gehen ließ. Einern schwarzen Schatten gleich bewegte er sich in dem Nebel, in welchem in der Ferne ein blutiger Schein flammte, das brennende Lützen, und welchen das Aufleuchten der Geschütz« und des Musketenfeuers hin und her erhellte. Jetzt kam der Reiter meinem Platz näher. Er trug die grüne Binde der Kaiserlichen über der Rüstung, der Helm war halb aufgeschlagen, von der Rechten hing am Faustriemen das gezogene Schwert und ein Pistol hielt er gespannt. — „Teufel!" rief er, als er sich mir näherte. „Wetten macht ich, daß ich ihn vom Pferd gab’ stürzen fegen — das wär' noch etwas, dem Wallenstein des Schweden Tod melden zu können!" Jetzt bog der Suchende sich über mich.— „ß'eoin Sander!" schrie ich und drückte mit letzter Kraft das neben mir liegende Handrohr auf ihn ab. Wieder hab' ich ihn verfehlt! Der Bösewicht lachte höhnisch, hat mich aber wohl nicht erkannt. Sein Pferd, das ich am Maul verwundet halle, bäumte sich wütend und riß ihn davon. Wie einen bösen Geist und Dämon sah ich ihn im Pulvergualm und Nebel verschwinden! Ich wollt' den Slahlhanlsch, der von den Unfri- gen vorüber ritt, anrufen, aber er sah mich nicht, und meine schwache Stimme ging im Lärm der Schlacht, der eben wilder wieder auflohele — die Pappenheimer waren von Halle her auf der Walstatt erschienen — unter. Ich sank aus Erschöpfung durch Wut und Blulverstürzung in eine neue Ohnmacht, und seltsam wog Golt die Geschicke der kämpfenden Heere hin und her, während ich bewußtlos lag. Dreimal siegten, dreimal slohen die Kaiserlichen — als ich wiederum auswachle, hallen die Schweden das Feld. Es war dunkle Nacht; die Toten lagen wohl still und ruhig, aber jammervoll flieg das Gewimmer und Geschrei der Wunden zum Nacht- Himmel empor. Mühsam arbeitete ich mich unter der Last meines Pferdes hervor — ich halte eine Kugel in der linken Seite und mein linkes i Bein war gebrochen. Ein brennender Durst plagete mich, aber meine Feldflasche war verloren. Da ich bei meinen stillen Nachbarn keine gefügte fand, so kroch ich weiter zu einem Hähern Haufen von Leichen, hinter dem ich zugleich Schutz vor dem kalt über die Ebene streichenden Nachtwind zu finden hofft'. Eben tastete ich an den Körpern der Gefallenen umher, da fiel ein schwaches verschleiert Mondlicht durch die Wolken. Bei seinem Schein blickt' ich in einer nackten, geplünderten Leiche blutbejubelte Gesicht — Guslavus Adolsus! Guslavus Adolsus! ... So hab' ich denn in der schauervollen Nacht aus der Lützener Walstall Toten- wacht bei dem großen und tapfern Monarchen gehalten, und ich allein hab' ihn am andern Morgen den weinenden Getreuen zeigen können! — Das gebrochene Bein haben mir darauf die Feldscherer roeggefäget — da war mein Reiterleben am Ende! ... Wer dies Geschrist einmal zu Gesicht bekommt, der soll nicht spotten. Bin wohl einmal ein Schriftgelehrter gewesen; ist aber lang vorbei und die Buchstaben und Gedanken wollen sich nicht mehr auf dem Papier stellen, wie ich wohl macht' — die Finger find steif geworden und das Äug' dunkel: das Herz aber ist frisch geblieben, und das ist das Wahr und Einzige! Wie ich hieher in bas fremde Nest gekommen bin, das stehet auf einem andern Blatt, das ich heut nicht mehr schreiben kann, denn die Sonne sinket und der Wald wirst seine Schatten länger unb’längcr über bie Wiese. Sitz' hier nun, wie ein aller maubriger Dompfaff auf der Stange; aber bie Maiblein Haden mich gern unb bie Kinber kommen und steigen mir auf bas gefunbe Knie unb zerren mir den greifen Barl, unb bie Tiere kommen auch auf Besuch. Die Spatzen hüpsen über bie Schwellen unb ber alte Rab' aus ber Schmiebe brüben gehe! gravitätisch Herein, und muß ich oft an Herrn Franziskus Algermann, den ßanbesfisfal, gedenken, wenn ich den schwarzen Burschen auf dem Tisch vor mir sitzen seh'. Die Sonne vergißt mich nicht, unb mit ben bösen allen Geschichtet kommen auch bie guten, unb ba bringt ber Jung' aus ber Neckenschenke ben Abenblrunk, unb ich will ben lieben Gott bitten, baß er mich nur noch etliche Jahr mit meiner Knick' in biesern ßehnstuhl sitzen lasse. — Amen!-- * Postscriptuni. Am 8. Dctobris Anno 1641 hak sich eine ßüneburgische Streifpartei im Busch am Neuerberg im Amt Butter am Barenberg tn ben Hinterhalt gelcget. Hat auch nicht lange gebauert, so ist ber Benin Sanbcr, alias Nimmemüchtern, hervorgeritten, unb sind bie ßünebur- gischen auf ihn eingebrungen. Die Kaiserlichen haben sich anfangs tapfer gewehrt, ober zuletzt ist dem Benin von einem Neuler, Dieterich Black genannt, bas Pferd erschosfen und er felbftcn überwältiget unb gefangen; ba finb sie in tuilbem Schrecken von bannen geflohen. Der Benin Sanber ist bis vor Hilbesl)eim an ben Galgenberg zwischen ben Pferben mit- geführet, daselbst aber ist er, weil er für Geschoß, Hieb unb Stich ei(enfe|t gewesen, mit Aexten, Hacken unb Hammern niebergeschlagen worben. Gott sei seiner armen Seele gnäbig; aber über seinem Grab sollen Hunbe bei Tag unb Eulen bei Nacht wachen! — Verantwortlich: l)r. Hans Thvriot. — Druck und Verlag: Brühl'schellniversitätS-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Gieb«"-