Geheim Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang J93J Montag, -en ^8. Mai Nummer 39 Der Spinnerin Lied. Von Clemens Brentano. Es sang vor langen Jahren wohl auch die Nachtigall, das war wohl süßer Schall, da wir zusammen waren. Ich sing' und kann nicht weinen und spinne so allein den Faden, klar und rein, solang der Mond wird scheinen. Da wir zusammen waren, da sang die Nachtigall, nun mahnet mich der Schall, daß du von mir gefahren. Sooft der Mond mag scheinen, gedenk' ich dein allein, mein Herz ist klar und rein, Gott wolle uns vereinen! Seit du von mir gefahren, singt stets die Nachtigall, ich denk' bei ihrem Schall, wie wir zusammen waren. Gott wolle uns vereinen, hier spinn' ich so allein, der Mond scheint klar und rein, ich sing' und möchte weinen! Das Leuchterweibchen. Eine Erzählung von Liesbet Dill. Man hatte eben in der Halle die Lichter angezündet, denn es wurde früh dunkel. Die Sonne hatte sich den ganzen Tag noch nicht gezeigt, dichte Buchenwälder schlossen das Haus von der Welt ab wie eine Mauer. In der Ferne lag nebelverhllllt die Stadt. Die Gäste, die nachmittags zum Bridge herausgekommen waren, saßen vor dem altmodischen großen, steinernen Kamin, in dem trotz des Frühlingstags dicke Buchenklötze brannten. Aus den tiefen Sesseln stiegen blaue Rauchwolken auf und um ihre Köpfe lag der Schimmer einer dämmrigen Helle. Die am Tage etwas düstere Halle war nur schwach beleuchtet von einem von der braunen Kassettendecke schwebenden, mittelalterlichen „Leuchterweibchen“, diesem Zwitter mit Margaretenhaube und Fischschwanz, das in seinen bronzenen Armen zwei dicke, rote Kerzen trug, deren mattes Licht die alten Waffen der Wände und den Goldgrund der Heiligenbilder geheimnisvoll aus dem Hintergrund aufglänzen ließ, während die geschnitzten Bänke, mit Hirschlederkissen bedeckt, die hohen Bücherschränke, die eisenbeschlagenen Schlohtruhen, auf denen eine schwerfällige Armbrust aus der Landknechtszeit neben einer alten, kurfürstlichen Bibel lag, im Halbdunkel blieben. Auf dem alten Steintisch unterhalb der mit einem roten Polster belegten Wendeltreppe, brauste leise der blanke, von einem Ahnherrn aus einem russischen Feldzuge mitgebrachte Kupfersamowar. Ein Dust nach frischem Tannengrün, das in hohen Vasen steckte, und seinem Tee, den die junge Hausfrau mit Hilfe des kochenden Samowars bereitete, durchzog den Raum. Ihr kirschrotes Seidenkleid warf einen leuchtenden Farbenreflex in die Halle. Die Zigaretten brannten, man plauderte über alles mögliche und aus dem Wintergarten tönte, wie eine diskrete Begleitung dazu, ein in der Ferne gespieltes, leises klingendes Geigenkonzert von Bach ... Plötzlich schaute eine Dame, die unter dem Leuchter saß, zu dieser seltsamen Gestalt über ihr auf, die in der Luft an goldenen Schnüren schwebte, es lief wie ein Erschrecken über ihr Gesicht, und sie stand auf und bat ihren Nachbarn, ihren Platz mit dem (einigen vertauschen zu dürfen. „Wollen Sie näher ans Feuer?" fragte der Hausherr. „Ist Ihnen kalt?" „Nein", sagte die fremde Frau. „Ich habe nur eben gesehen, daß ich — unter diesem Leuchterweibchen sitze —" „Nun, was ist denn damit?" Gefällt es Ihnen nicht?" wurde ste gefragt. Die Fremde zögerte. „Doch — aber mit diesem Sing verbindet sich eine ... Erinnerung, sie liegt zwar weit zurück ... aber da sie mit meinem Schicksal unmittelbar verknüpft ist —" „Wieso mit Ihrem Schicksal?" fragte die junge Frau erstaunt. ,^Ich kann es nicht von der Erinnerung trennen", sagte die Fremde. „Seltsamerweise bin ich nie mehr einem solchen Stück begegnet, seit heute ... geschweige denn, daß ich in einem Hause mit ihm zusammen gewesen bin.“ Die Frau war nicht mehr jung, sie sah aus wie ein Mensch, dem Kämpfe und Stürme nicht erspart geblieben sind. Es war eine Schauspielerin, die sich von ihrem Beruf zurückgezogen hatte und in München lebte. Sie war auf der Durchreise in diese Gegend gekommen und zum erstenmal im Schloß. — Ihr feingeschnittenes Profil, der kleine, schlicht frisierte Kops mit dem losen, dunklen Haar erinnerte an den der Düse. Ein Frösteln überlief ihren Nacken. Sie lehnte den Kopf gegen das weiche Kissen des hohen geschnitzten Stuhles. „Ja — ein Menschenleben ist das her und doch ist mir jetzt auf einmal, als fei alles erst gestern geschehen ... Ich bin seitdem viel herumgezogen, habe in fremden Erbteilen, auf Schiffen und in allen möglichen Gegenden gelebt, nie mehr bin ich einem solchen Leuchterweibchen begegnet bis heute ..." „Und welche Rolle spielte dieses „Weibchen" in Ihrer Geschichte?" fragte ein Herr, der ihr gegenübersaß und sich eine Zigarette an der dicken grünen Wachskerze anzündete. „Hat es irgendeinen Anteil an Ihrem Schicksal gehabt?" „Sagen Sie ruhig, an Ihrem Leben, denn als es mir damals begegnete, ahnte ich noch nicht, daß es mein Schicksal bestimmen würde ... ja, es in Händen hielt ... Ach, es ist so lange her, daß ich ruhig darüber sprechen tarnt", sagte die ernste Frau, und sie hielt ihre Hände an die Glut der Buchenflammen, um bas Frösteln zu bekämpfen, das ihr über den Nacken riefelte. Dann strich sie sich das Haar zurück und sagte, wie in eine ferne Gegend schauend: „Es war vor ungefähr zwanzig Jahren, im März. Ich lebte damals in München als Schauspielerin am dortigen Schauspielhaus und hatte einen Ruf nach Süddeutschland in eine kleine Residenz als Hochdramatische an ein Hoftheater bekommen. Ich war verlobt, mein Verlobter war Kunsthistoriker in München. Wir hatten von meiner neuen Stellung gehofft, daß sie uns ermöglichte, zu heiraten und zusammenzuziehen. Die Einrichtung besaßen wir, nur hatten wir noch keine Wohnung. Aber alles, was ich mir in den ersten Tagen in meiner Residenz, einem ziemlich altfränkischen Städtchen, ansah, war entweder viel zu kostspielig für uns oder sehr häßlich. Auf diesem Suchen nach Wohnungen tarn ich öfters durch eine Gasse am Dom, in der mir ein kleines Antiquitätenlädchen auffiel, das ein paar sehr gute, antike Möbel ausstellte und in dessen Schaufenster ein solches Leuchterweibchen hing. Ich liebäugelte mit ihm, denn wir hatten noch keinen Kronleuchter und mein Verlobter schwärmte für solche mittelalterlichen Gegenstände. Ich kam nie an dem Laden vorbei, ohne davor stehen zu bleiben. Das bronzene Weibchen übte eine merkwürdige Anziehungskraft auf mich aus. Ich mußte es ansehen. Irgend etwas Unheimliches verband sich mit ihm, ohne daß ich sagen konnte, weshalb. War es die Verbindung von Ehrbarkeit, Bürgerfrauenhaube und dem Fifchschwanz Undines ober der schonen Melusine ... ober bas mysteriöse Lächeln mit halbgeschlossenen Augen? Ich weiß es nicht ... Eines Tages ging ich in ben Laben unb fragte nach dem Preis. Er schien mir zu hoch und wir verhandelten deshalb. Woher kommt eigentlich der Leuchter? fragte ich den alten Antiquar. Ach, sagte der, bas Ding ist aus einer Erbmasse übriggeblieben, bie eine alte Dame hinterließ. Sie verstarb unter merkwürdigen Umständen. Sie war sehr reich und es entstand nachher ein langer Prozeß, der viel Staub aufwirbelte, weil sie auf dem Totenbett in einem handschriftlichen Testament ihrer Pflegerin ihr ganzes Vermögen vermacht hatte, und das frühere notarielle Testament nicht mehr vorzufinden war. Es war verschwunden, halte aber existiert. Die Familie erhob Einspruch, bas Gericht mischte sich ein, bie Verstorbene würbe ausgegraben unb es fanben sich Spuren von Gift. Inzwischen war es der Pflegerin gelungen, spurlos über die Grenze zu entkommen, und mit ihr verschwand der kostbare Schmuck der alten Dame." „Und das Leuchterweibchen?" fragte jemand. „Das hatte im Schlafzimmer der alten Dame gehangen“, sagte der Antiquar. Es wäre das einzige gewesen, das Aufschluß hätte geben können; denn es hatte zugesehen. Der Prozeß verlief im Sand, die Erbmasse wurde versteigert und der Leuchter, den niemand haben wollte, kam in meinen Laden. Ich mochte ihn offengestanden gerne los fein, aber niemand will ihn haben. Es gibt Dinge, die mit irgend etwas behaftet sind ... Wenn Sie es haben wollen, ich gebe es billig her ... Der alte Herr wischte den Staub von der gerippten Margaretenhaube, unter der mich das Weibchen höhnisch aus halbgeschlossenen, faszinierenden Augen anlächelte. Aber ich konnte mich nicht dazu entschließen, es zu kaufen. Als ich schon die Hand auf der Türklinke hatte, um zu gehen, fragte mich der alte Herr, ob ich hier fremd fei? Unb, sehen Sie, ein solcher Augenblick entscheibei oft über unser Leben. Eine Minute, bie man zu spät ober zu früh bie Hanb auf eine Türklinke legt ... Ich erzählte von bem Rus ans Hoftheater, daß ich aber keine Wohnung finben konnte unb ich des- balb keine Lust habe, meinen Vertrag zu unterzeichnen, unb meine schone Münchener Wohnung aufzugeben, denn das, was ich hier gesehen hätte, gefiel mir nicht ... Eine Wohnung? sagte der alte Herr, da wüßte ich Halbdunkel wie der Schwedisch- Schwedenkönigs der einer Schlange ... Magdeburgs Llntergang. Vor 300 Jahren: am 20. Mai. Von Dr. Carl Walbrach. .wo ich heute lebe." Die Frau schwieg und schaute in die Flammen der knisternden Buchenscheite, während die anderen zu der Decke ausschauten, von der herab dieses merkwürdige Wesen aus Bronze so leicht und anmutig im Raume schwebte sein Gesicht schien unter der Margaretenhaube ein Lächeln zu verbergen und sein glatter Leib schillerte im dämmrigen Rat. Meine Gärtnerwohnung ist eben frei geworden, die Leute sind schon i ausgezogen. Die wäre zu haben, wenn Sie sich nicht daran stoßen, datz es eben ein Gartenhaus ist ... Ich erinnerte mich, daß mein Verlobter zu seinen wissenschastlichen Arbeiten nur sehr ruhig leben konnte und beständig auf der Suche nach einer ganz stillen Wohnung war, sie aber nirgends hatte sinden können. Immer störte em Hund, em Kind oder ein Klavier ... Der Antiquar sührte mich in dieses kleine Häuschen, das zwischen alten Gärten hinter seinem Hause lag. Die Räume waren klein, | aber genügend groß für uns, der Preis war niedrig, die notwendigen Verschönerungen versprach der alte Herr vornehmen zu lassen. Cr suchte ruhige Mieter, wir suchten eine stille Wohnung, ihre Lage in der Rahe des Theaters war ideal. Ich mietete die Wohnung sosort, dann fuhr ich zum Theaterbureau, unterzeichnete meinen Kontrakt und telegraphierte meinem Verlobten. Vier Wochen später bezogen wir unser neues Heim. Mein Mann war entzückt von dem Häuschen, er richtete es selbst ein, hängte jedes Bild auf, stellte unsere gemeinsamen Möbel mit viel Geschmack zusammen, nur fehlte noch der Kronleuchter. Das Leuchterwelbchen schwebte immer noch in dem Laden des Antiquars. Als ich eines Tages aus der Stadt heimkam, war es aus dem Schausenster verschwunden. Aber in meiner Wohnung begrüßte es mich. Es stand in der Ecke und lächelte mich an ... Mein Mann war an dem Laden vorbeigekommen, hatte es gesehen, ich hatte oft von ihm-'ge- sprochen, er fand es reizend und hatte es gekauft. Am selben .^Itjerti) wollten wir es aufhängen, aber es war zu schwer. Es schien wie nut Blei qesüllt. Wir machten mehrmals den Versuch, es an der Decke mit Schnuren zu besestigen, aber es hielt nicht, die seidenen, schon mürben Schnüre brachen durch. Es will nicht, sagte mein Mann ... Als ich am nächsten Morgen ins Theater ging, stand er auf der Leiter und bastelte an den Schnüren herum. Ich beschwor ihn, das schwere Ding ja nicht selbst aufzuhängen, sondern auf den Installateur zu warten der noch kommen sollte. Aber dazu hatte er die Geduld nicht gehabt. Gegen Mittag wurde ich aus der Probe heimgerufen von dem verstörten Antiquar. Es sei ein Unglück geschehen. Ich kam heim und fand die Leiter zerbrochen, das Leuchterweibchen lag in einer Ecke mit zerschmetterten Kerzen, und auf der Chaiselongue lag mein Mann. Er war beim Aufhängen des schweren Stückes von der Leiter gestürzt und so unglücklich daß er eine Gehirnentzündung davontrug. Er kam nicht mehr zum Bewußtsein und ich habe nie erfahren, wie es zugegangen ist. Es war niemand daheim, als es geschah —" , Nur das Leuchterweibchen", sagte eine Stimme aus dem Hintergrund. ''Wie bei der alten Dame", fügte jemand hinzu. Die andern- schwiegen... „Und was geschah mit ihm?" fragte jemand. „Ich gab den Leuchter sofort aus dem Haus. Der Antiquar gab ihn einem Holländer mit. Damit er doch einmal aus der Gegend kommt, meinte er. Die Wohnung war mir verleidet und der ganze Ort. Ich löste meinen Vertrag und ging auf Reisen, bis ich nach München zurückkam, Der dritte Abschnitt des Dreißigjährigen Krieges, deutsche Krieg, wird von der gewaltigen Gestalt des Gustav Adolf überschattet. Alles was in jenen Jahren auf deutschem Boden sich ereignete, ist unmittelbar oder mittelbar mit seinem Namen, seinem Wirken verknüpst. Als der König am 6. Juli 1630 in Usedom landete, stand es um die Sache der Evangelischen nichts weniger als günstig. Die Heere des niedersächsischen Kreises und des mit ihm verbündeten Dänenkönigs waren gescylagen; die kaiserlichen Truppen unter Wallenstein und die der katholischen Liga unter Tilly waren die Sieger. Dazu kam auf kirchlichem Gebiet die Durchführung des Restitutionsedikts vom 6. März 1629, nach dem alle feit dem Passauer Vertrag von 1552 von den Protestanten in Besitz genommenen Kirchengüter als solche wiederhergestellt werden sollten. Dazu gehörte auch das Erzbistum Magdeburg und damit die Stadt Magdeburg. Der damals 36jährige Gustav Adolf, ein glanzend begabter, kenntnisreicher Fürst und überlegener Feldherr, hatte bereits das Ost-, Nord- und Westuser der Ostsee für fein Land zu gewinnen vermocht. Neben der Hilfe, die er dem bedrohten deutschen Protestantismus leisten wollte, hat er sicher in erster Linie an eine Eroberung des Südufers der Ostsee gedacht, denn Politik und Religion waren in jenen Zeiten nicht zu trennen. Sein gutes, aber kleines Heer bedurfte natürlich der Ergänzung durch die IruppNt (einer ©laubensfreunbe in Deutschland, die ihm jedoch nur zögernd und feinen politischen Plänen mißtrauend, entgegenkamen. Nach dem Herzog von Pommern und dem Landgrafen Wilhelm von Hessen war cs vor allem die Stadt Magdeburg, die sich ihm anschloß. Seit 1598 war ChristianWilhelm,MarkgrafvonBran- b c n b u r g , evangelischer Erzbischof, fpäter Administrator von Magdeburg. Infolge feines Anschlusses an den niedersächsischen Kreis in dessen Kamps gegen den Kaiser kam er in die Reichsacht und mußte das Land verlassen. Das nahmen 1628 die Domherren zum Anlaß, ihn abzusetzen, als die Gefahr bestand, daß des Kaisers Sohn Leopold Wilhelm zum Erzbischof ernannt würde, und wählten an feiner Stelle den protestantischen Prinzen August von Sachsen. Darüber war der Kaiser verärgert und wollte durch Wallen st eins Truppen im Sommer 1629 die Stadt mit Gewalt zur Unterroerfung bringen. Diese monatelange Blockade vermehrte die Erregung der sowieso schon in Parteien gespaltenen Bürgerschaft. Aber selbst die Aushebung der Belagerung vermochte die Unruhen nicht hintnnzuhalten. Im Februar 1630 kam es zum Sturz des Rates und der Wahl eines neuen, der, wie man hoffte, den Forderungen der Kaiserlichen gegenüberzutreten wisse. Bald daraus wurde der Erzherzog Leopold Wilhelm zum katholischen Erzbischof bestellt und an den Rat die Forderung erhoben, ihm Beihilfe zu leisten; außerdem wurden im Juli alle geistlichen Beamtenstellen der Protestanten aufgehoben. Unter diesen Umständen nimmt es kaum Wunder, daß die Stadt — wenn auch gegen eine kleine Minderheit — bereit war, ein Bündnis mit dem Schwedenkönig einzugehen, als der in Verkleidung Ende 3ult »n Magdeburg austauchende Markgraf Christian Wilhelm Gustav Adolfs Angebot überbrachte. Die bedeutungsvollste Abmachung in dem Bündnis war die Verpflichtung der Schweden, die Stadt gegen Angriffe zu schützen und bei Belagerung zu entsetzen. Der Markgraf warb drei Regiinenter und begann unklugerweife einen Kleinkrieg in der Umgebung der Stadt. Als I aber im September die kaiserlichen Truppen sich sammelten, war es mit seiner Feldherrnkunst zu Ende. Da schickte Gustav Adolf im November den Oberst Dietrich von Falkenberg, einen befähigten, tapferen Offizier, der es zugleich verstand den unversöhnlichen Kamps gegen die Kaiserlichen als Losung auszugeben. Er Übernahm das Oberkommando über die 3000 Mann Christian Wilhelms und wußte sich bei den Bürgern Geldmittel für weitere Werbungen zu verschaffen und die Bürger zur Jnstandfetzung der Festungswerke anzuhalten. m . Bald darauf erschien der General Graf P a p p e n h e i m vor der Stadt. Erst Ende des Jahres rückte auch der Feldherr der ligistlschen und nun auch der kaiserlichen Truppen, Graf Tilly, heran; aber mit Rücksicht auf Gustav Adolfs Vordringen gegen das Elbgediet und dessen politische Pläne, eine Liga der protestantischen Fürsten und Stande zusammenzubringen, sah er sich zum Abmarsch genötigt und nahm erst im April mit rund 30 000 Mann die Belagerung der Stadt wieder auf, die von etwa 7000 Soldaten verteidigt wurde. Nach dem Fall der unhaltbaren Außenwerke trieben die Belagerer Sappen und Laufgraben gegen die Stadtmauern vor und begannen die Festungswerke mit Artillerie zu beschießen. Am 24. April und dann noch einmal acht Tage spater forderte Tilly in verschiedenen Schreiben an den Rat der Stadt, den Markgrafen und Falkenberg die Uebergabe der Stadt. Die Antworten lauteten ab= jehnenb da die Magdeburger auf Entsatz durch den Schwedenkömg ver-- trauten, der soeben bei Frankfurt a. d.Oder und Landsberg a. d. Warthe Erfolge' errungen hatte. Gustav Adolf bedurfte, um der Stadt wirklich helfen zu können, einer genügend großen Operationsbasis. In erster Linie brauchte er einen Vertrag mit den Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen, um durch deren Länder zu marschieren. Diese und andere politische Verhandlungen nut den übrigen protestantischen Fürsten zogen sich hin, auch waren seine Truppen von dem Winterfeldzug erschöpft,, und er selber ohne Geldmittel. So konnte cr beim besten Willen nur immer wieder die Magdeburger zum Ausharren ermahnen. In der Stadt hatte sich in ihren letzten Tagen immer deutlicher gezeigt, daß es eine ganze Anzahl Bürger gab, die eine Uebergabe für die richtige Maßnahme hielten. Aber sie konnten sich einem Manne wie Falkenberg gegenüber nicht durchsetzen, der trotz der surchtbaren Gefahr für die Einwohner im Falle einer Eroberung am Kampfe festhielt. Am 19. Mai kam der Rat zu einer Besprechung über die Uebergabe zusammen, ohne eine Einigung zu erzielen. Von 4 Uhr ab am 20. Mai berie^man wieder, und Falkenberg trat mit beredten Worten für ein weiteres Ausharren ein. Noch während er sprach, nahm das Verhängnis seinen Lauf. Am 19. Mai war im Kriegsrat Tillys der Sturm auf die Stadt beschlosten worden. Entgegen dem bedächtigeren Feldherrn hatte der ungestüme Pappenheim, besonders mit Hinweis auf die von Gustav Adolf drohende Gefahr, der schon bis Potsdam gekommen war, seinen Willen durchgcsetzt. Um 7 Uhr am 20. Mai begann der Sturm. Pappenheims Truppen brachen an der Hohen Psorte in die Stadt ein. Ein zweistündiger Straßenkampf in dem der tapfer kämpfende Falkenberg fiel, führte die Entscheidung herbei, und nach zwei weiteren Stunden war Tilly unbeschrankter Sieger. In Blutrausch und Beutegier hausten die Söldner drei Tage lang schlimmer als wilde Tiere. Selbst die in die Kirchen gefluchteten Frauen und Kinder entgingen nicht ihrer Mordlust. Zu Beginn des Kampfes waren im Norden einige Brände ausgebrochen, die von einem Nordost- fturm angefacht, um die Mittagstunde die ganze Stadt zu einem einzigen Flammenmeer machten. Die meisten Bürger, die sich vor den Soldaten in die Keller geflüchtet hatten, tarnen durch Feuer und Rauch um; man schätzt die Zahl der Toten auf 20 000, fo daß nur 10 000 Einwohner I übrig blieben. ..... . m _ Die Frage der Schuld an diesem Brande ist viel erörtert worden. Man darf heute wohl behaupten, daß Tilly und Pappenheim die Niederbrennung nicht befohlen haben. Ob der geistige Urheber des Brandes unter I den fanatischen Verteidigern zu suchen ist, wie man behauptet hat, ist durchaus ungewiß Mehr Wahrscheinlichkeit hat jedenfalls die Meinung, I daß die Brände in dem allgemeinen Wirrwar ohne Absicht entstanden sind I und die riesenhafte Ausdehnung annehmen konnten, weil niemand an I Löschen dachte; natürlich waren die meisten Häuser in Fachwerk erbaut I und standen eng zusammen. Die bedauerlichste Tatsache aber bleibt die, daß Magdeburgs Untergang vollkommen zwecklos war. Tilly hatte keinen Vorteil gewonnen bet der militärischen Wertlosigkeit der zerstörten Festung; er galt nur allen Evan- gelischcn als Inbegriff des Abscheus. Der Kamps Magdeburgs hatte aber I auch der protestantischen Bewegung nicht viel genutzt. Wenn man oie Schuldfrage ausrollt wer die Verantwortung für die Katastrophe trage, (o wird sie, oberflächlich betrachtet, an dem Schwedenkönig hängen bleiben. Gustav Adolf selber hat diese Empfindung auch gehabt und deshalb eine I Verteidigungsschrift herausgegeben. Um das gute Ansehen, das er bei den Glaubensgenossen besaß, zu erhalten. Darin hat er neben zum xeu ungerechten Vorwürsen gegen die Magdeburger klargelegt, daß er ntmi rechtzeitig zum Entsatz hätte kommen können, weil die beiden Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen nicht mit dem erforderlichen Eifer für Die protestantische Sache eingetreten und ihn mit langwierigen Verhandlungen hingehalten hätten. Das Geschick des Eroberers Tilly erfüllte sich, als er am 17. September 1631 bei Breitenfeld durch die Schweden vernichtend geschlagen wurde; das protestantische Deutschland sah diese Niederlage als ©träfe des Himmels für die Zerstörung Magdeburgs an. Infolge einer in dem Gefecht bei Rain erlittenen Verwundung starb er am 30. April des nächsten Jahres. Die beiden anderen Männer, deren Namen ebenfalls untrennbar mit Magdeburgs Untergang verbunden sind, Gustav Adolf und Pappenheim, fielen in der für das schwedische Heer siegreichen Schlacht bei Lützen am 16. November 1632 vor dem Feind. Fast 90 Jahre vergingen, bis Magdeburg wieder frei war von den Trümmern des Brandes am 20. Mai, der nur den Dom und feine nächste Umgebung dank dem persönlichen Eingreifen Tillys verschont hatte. Auch wirtschaftlich und bevölkerungspolitisch war die Stadt in ihrer Entwicklung um ein Jahrhundert zurllckgeworfen worden durch diese Katastrophe, die in der deutschen Geschichte einzig dasteht; erst in der ersten Hälste des 18. Jahrhunderts begann sie sich zu erholen und langsam wieder auszublühen. Neues von den Katakomben. - Bon Hugo Webinger, Rom. Durch die am 11. Februar 1929 abgeschlossenen Lateranverträge ist der Heilige Stuhl und von diesem das päpstliche Institut für christliche Altertumswissenschaft mit dem Schutze der Katakomben betraut worden. Da es sich um nicht weniger als ein halbes Hundert über das ganze italienische Königreich verstreute unterirdische Begräbnisstätten handelt, wird die systematische Erforschung und Erschließung dieser frühchristlichen Totenstädte, die sich das päpstliche Institut vorgenommen hat, aller Voraussicht nach nicht vor mehreren Jahrzehnten beendet jein. Im Jahre 1930 wurden zunächst die Katakomben von Nola eingehend studiert, doch hat sich im Gange der wissenschaftlichen Arbeiten gezeigt, daß es notwendig fein wird, noch das ganze laufende Jahr i r Erforschung dieser, nebst den Katakomben von Syrakus zu den ältesten der Welt zählenden christlichen Friedhöfe unter der Erde aufzuwenden. Erst im Jahre 1932 wird der Spaten in Syrakus angefetzt werden, wo es, ganz wie in Rom selbst, mehrere voneinander verschiedene Gruppen von Katakomben gibt. Soviel bis heute feststeht, sind die bedeutendsten jene von San Giovanni, die, ehe sie in eine Nekropole umgewandelt wurden, die Wiege des syrakusianischen Christentums waren. Auffällig ist, daß sich die syrakusischen Katakomben von den römischen in einem sehr wesentlichen Punkte unterscheiden: sie haben bloß ein einziges Geschoß und bestehen aus Jungen, in den Felsen gehauenen und vielfach sich kreuzenden Gängen, doch'konnte bisher keinerlei künstlerischer ober epigraphischer Beleg, der auf die vorkonstantinische Epoche zurückreichen würde, aufgespürt werden. Die kilometerlangen Gänge weisen nur mehr leere Loculi auf, Wandgräber, die im frühen Mittelalter ausgeplündert worden sind. Um so begieriger ist man auf die Ergebnisse, die bei der systematischen Erforschung ans Tageslicht kommen werden. Am gründlichsten erforscht sind die römischen Katakomben, die fortwährend neue Geheimnisse preisgeben. Sie liegen draußen vor den siebzehn Toren der ewigen Stadt und sind zu einer Zeit entstanden, da im kaiserlichen Rout das üppige, wenn auch schon die ersten Anzeichen des Verfalls tragende Leben am höchsten ging. Der Ursprung der römischen Katakomben ist in den Tagen zu suchen, da Kaiser Titus Jerusalem erobert und zerstört hatte (70 n. Ehr.), während das Ende ihrer Mission bezeichnenderweise in die Zeit nach dem Mailänder Edikt vom Jahre 312 fällt, diesem Religionsduldungsgesetz des Kaisers Konstantin. Merkwürdig ist nun, daß Rom in den Tagen Konstantins eine wahre Fülle kaiserlicher Prachtbauten aufzuweisen hatte, wie elf Riefenbäder, elf mit größtem Luxus ausgestattete Märkte, zehn Basiliken, 26 Bibliotheken, über 30 Triumphbogen, 19 Wasserleitungen, die die Campagna durchguerten, und vor allem eine stattliche Reihe von prächtigen Tempeln und unzähligen Götter- und Heldenbilder aus Gold, Elfenbein und Marmor. Je tiefer die Archäologen in die noch immer rätselvolle Welt der Katakomben einbringen, um so beutlicher zeigt es sich, baß bereits für bie ersten Christen bie Grabesruhe gesetzlich geschützt war. Sie konnten ihre Friebhöfe ungestört anlegen unb in Ehren halten, wie allein schon bie Tatsache zur Genüge beweist, baß bie römischen Katakomben ausnahmslos bicht neben ben großen Konsularftraßen, ber Via Appia, ber Via Latina, der Via Salaria unb ber Via Nomentana vor allem, liegen. Im Laufe der Geschichte ist es sehr selten vorgekommen, daß die Katakomben Angriffen ausgesetzt waren, wie beispielsweise unter Valerian unb Diokletian, bie schließlich nur besfjalb in bie Katakomben einbrangen, weil biefe von ben Gegnern als Deckung benützt worben waren, ba ber geheiligte Platz für unantastbar betrachtet würbe. Warum gingen bie ersten Christen unter bie Erbe? Die Antwort ist unschwer zu geben: ber Tuffboben um Rom herum eignete sich vorzüglich für unterirbifche Begräbnisstätten. Um ben Gemeindefriebhof auf einer möglichst kleinen Fläche unterzubringen, legte man zunächst einen Stollen an, in besten Wanbnischen bie Toten beigefetzt würben. Das überflüssige Er'breich würbe burch Luftlöcher, bie ßuminaria, hinausgefchasft. So ging es fort, halb seitwärts, halb in bie Tiefe, bis ein solches Netz von Gruftgängen angelegt war, bah sie, aneinanbergereiht, etwa der Länge der italienischen Halbinsel entsprechen würden. Und das alles im Weichbilde Roms allein. Man bestattete die Toten ohne Sarg, legte den Leichnam in die Höhlung und gab davor eine verkittete Marmorplatte, auf der gewöhnlich Inschriften angebracht wurden. Man hat zu unterscheiden zwischen Fachgräbern, die übereinander in die Tusfwände gebrochen wurden, und Nischengräbern, die wie Sarkophage aussehen, und wo die Platte waagerecht zu liegen kam. Es ist nicht schwer, das Alter dieser altchristlichen Begräbnisstätten zu bestimmen. Zumeist genügt dem Fachmann ein Plick auf die Inschriften, ganz gleichgültig ob diese Jahreszahlen enthalten oder nicht. Die frühesten Inschriften sind nämlich wenig beredt und von schlichter Ausführung. Sie geben häufig nur den Namen des Bestatteten, nicht immer Lebensalter unb Tobestag, sehr selten einen knappen Hinweis auf Stanb unb Beruf. Das darunter stehende Lebewohl ist kurz gehalten: „Lebe wohl!", „Ruhe Oie Versuchung des Pescara. Novelle von Conrad Ferdinand Meyer. (Fortsetzung.) „Es war nichts", wiederholte dieser, „ich bedurfte keinen Beistand. Doch will ich dich, wie gesagt, nicht schelten, jetzt, da wir uns trennen müssen. Ich verliere dich ungern, aber Sohnespslicht geht vor. Und da deine greisen unb siechen Eltern in Tricarico barben, bars ich bich nicht halten. Gehe unb bereite ihnen ein sorgenloses Alter. Als perfekter Bardier unb zungenfertiger Schelm, wie ich bich kenne, wirst bu bir Überall zu helfen wissen. Gehe mit Gott, mein Sohn, bu sollst mit mir zusrieben fein." Unb er ergriff bie Feber. Battista fiel aus ben Wolken. Er verschwor sich mit einer verzweifelten (Bebärbe, biefes Mal ber Wahrheit gemäß, fein Vater fei längst im Himmel unb seine Mutter, bie Caramdaccia, gewerbsam unb ferngefunb unb fett wie ein Aal. Der schreiben!)« Felbherr erwiderte: „Du hast recht, Battista, in Potenz« wohnen deine armen Eltern, nicht in Tricarico, doch bas liegt nahe beisammen." Er reichte bem verabschiebeten Diener eine Kassenanweisung. So niebergeschmettert Battista fein mochte — er wußte, ein Wort Pescaras fei unwiberruflich —, ließ er boch blitzschnell einen schrägen Blick über bie Ziffer ber Summe gleiten, welche nur eine bescheibene war. Der Feldherr verschwendete weder im großen noch im kleinen, weder bas Gut bes Kaisers noch bas (einige. Auch hütete er sich wohl, ben Bardier durch eine allzu reiche Spende auf die Wichtigkeit des Vorfalles aufmerksam zu machen und in ben Schein zu kommen, als wolle er fein Schweigen erhanbeln, benn er war völlig überzeugt, daß Battista bei erster Gelegenheit (ein Wissen noch teurer verkaufen würbe, dort, wo in Frieden!", „Ruhe im Herrn!", „Lebe glücklich in (8oft!* Mehr«nb mehr ist bann von Gottes Willen bie Rebe, ebenso von ber Erwartung, Wieber- auferftehung zu halten. Der Tob selbst wirb anfangs umschrieben: „Er schieb von ber Welt", „Er ging zu Gott", „Er ging voraus zum Frieben", „Er warb vollenbet", „Er befahl feine Seele in ber Engel Hänbe". Finben wir jeboch auf biefen Grabinschriften bereits so etwas wie eine Sittennote ober boch ben Ausdruck von Trauer unb Liebe, fo können wir sicher fein, baß es sich um Begräbnisstätten aus bem 3., spätestens aus bem 4. Jahr- hunbert hanbelt. Die Inschriften aus biefer Zeit bringen bereits Worte wie „Der treuesten unb keuschesten Gattin", „Dem unvergeßlichen, hochver- bienten Ehegemahl", „Dem liebevollsten Vater". Im 5. Jahrhunbert setzen bie Fürbitten ein, z. B. bie: „Bitte für bie Deinen", „Gebenke Deiner Kinber". Christliche Blutzeugen werben nicht ausbrücklich als solche genannt. Finben wir aber bei unseren Katakombenwanberungen einmal bas Wort „Martyr", so können wir sicher (ein, daß es erst in späterer Zeit, boch niemals von ben Zeitgenosten bes Toten selbst hinzugefügt worben ist. Ost hanbelt es sich sogar nachweisbar um Fälschungen, bie ben Zweck verfolgen sollten, gewisse Vorfahren nachträglich bejonberer Verehrung teilhaftig werben zu lassen. Solcher Fälle gibt es nicht wenige. So wenig wie bie Märtyrer werben Sklaven auf ben Grabinschriften genannt. Daraus erhellt, baß innerhalb ber christlichen Urgemeinbe Roms von allem Anbeginn an Sklaven kaum gehalten würben. Eine weitere Merkwürbigkeit ber römischen Katakomben ist bie, baß bis in bie Mitte des 3. Jahrhunderts sehr häufig die griechische Sprache verwendet wurde, bie bis zum Jahre 250 amtliche Sprache ber Kirche war, wöhrenb bas Lateinische, wenn, es bereits bei Grabinschriften gebraucht würbe, zumeist so abgefaßt ist, wie es bie unteren Stänbe der damaligen römischen Gesellschaft sprachen und schrieben. lieber bie Wanbkritzeleien, bie wir häufig aus ben Katakombenwänben antreffen, herrschen vielfach unrichtige Meinungen. Sie finb keineswegs als ursprüngliche Elemente anzusehen, stammen vielmehr von späteren Besuchern her, zumeist von solchen aus bem 6. Jahrhunbert, ba bie Katakomben nicht mehr als Begräbnisstätten verwenbet würben, nicht selten von Goten, Langobarben unb Sachsen. Doch steht einmanbfrei fest, baß bas Spottkreuz, bas ein kaiserlicher Page einem christlichen Gefährten in bie Wanb ritzte, biefes Kruzifix, auf bem Christus mit einem Tierkopf am Kreuz unb barunter ein christlicher Page bargestellt ist, mit bem Text: „Alexamenos betet seinen Gott an", einer früheren Zeit angehört. Großes Erstaunen lösen gewöhnlich bie kleinen Glasfläschchen mit rotem Nieber- schlag aus, weil man lange geglaubt hat, es hanble sich um einen Rest von Märtyrerblut. In der Tat gingen bie Gebeine ber betreffenben Gräber gewöhnlich als Reliquien in bie Welt hinaus. Nun hat jeboch bie wissenschaftliche Untersuchung biefes Bobensatzes ergeben, baß es sich roeber um Blut, noch um roten Äbenbmahlswein Hande» vielmehr um Eifenoxyb, entftanben burch bie allmähliche Zersetzung bes Glases selbst. Wozu bienten diese Gläser, bie man neben bie Toten hinstellte? Vermutlich für Weihwasser unb Wohlgerüche. Heute, ba bie Katcuomben zu ben verehrungswürbigsten Stätten Roms zählen bü’rfen, mag es befremben, wenn wir erfahren, baß schon im frühen Mittelalter ber Verfall ber Katakomben allgemein war. In ber zweiten Hälfte bes 8. Jahrhunberts klagte Papst Paul I. bitter „über bas Vieh an ben geweihten Stätten, namentlich bie Schafpferche in ben Katakomben". Er war es, ber ben Boben bereitete für bie Wxgschaffung ber Gebeine in bie Stabt. Ganze Wagenlabungen von Gebeinen roanberten nach Rom, unb Papst Paschalis I. ließ im Jahre 817 nicht weniger als 2300 Totengerippe aus ben Katakomben nach ber Kirche St. Prassebe bringen. Das Äuffpüren von Reliquien setzte im 17. Jahrhunbert aufs neue ein. Glücklicherweise war aber bereits ber größte Teil ber Katakomben unzugänglich geworben, so baß ber wissenschaftlichen Erforschung noch ein sehr weites Felb offenliegt. Nicht alle Katakombengänger wissen jeboch, baß bie ersten christlichen Gräber in jübischen Katakomben lagen. Wer bie an ber Via Appia Pigna- telli gemachten Funbe kennt, ist freilich besser belehrt. Denn bort erscheinen neben bem fiebenarmigen Leuchter bie typischen frühchristlichen Symbole: bie Taube mit bem Oelzweig im Schnabel, als Symbol bes Heiligen Geistes, unb der Pfau als Symbol ber Unsterblichkeit. men ein Interesse hatte, von dem leiblichen Befinden des Feldherrn genau unterrichtet zu sein. , r .. „ . , Schmerzlich enttäuscht und seine Geburtsstunde verwünschend, hei Batista dem gnädige» Herrn zu Füßen, umfing ihm das Knie und tugte ihm die Hand. „Lebe wohl", sagte dieser, „und räume das noch ab. Ec wies auf das Geschirr und winkte den Uebertreter seines Befehls freundlich weg aus feinem Dienste. Bevor er sich wieder in seinen Plan vertieft hatte, klirrte draußen ein fallender Löffel und ein in Scherben springendes Glas, und der Herzog von Bourbon, der den vernichteten Battista unsanft beiseitegeworfen, zeigte unangemeldet seine hohe schlanke Gestalt, denn er hatte zu jeder Stunde freien Eintritt bei dem Feldherrn. „Hoheit?" wendete sich Pescara gegen ihn und erhob sich vom Sitze. „Um Vergebung. Ich war im Begriffe, zu meinen Truppen zu ver- reiten", erklärte der Herzog, „da kam mir in der Vorstadt ein reisender Kaufmann unter die Augen, welcher eben vor der Pforte des Arztes Euer Erlaucht, des Messer Numa Dati, von seinem Maultier absaß. Hätte die Gestalt nicht ein würdiges Antlitz getragen, ich hätte darauf geschworen, meinen unvergeßlichen Freund, den Kanzler von Mailand, zu erblicken. Ich ließ einen meiner Leute sich nach dem Fremdling erkundigen und erfuhr, der Reisende sei ein Gastfreund des Arztes, ein Juwelier aus Mailand namens Scipione Osnago. Vielleicht, oder auch nicht, sondern eine der zahlreichen Larven des vielgestaltigen Kanzlers. Er schiebt den Leib auf eine gewisse Weise, die sich schwer verleugnen läßt, und da ich noch nicht durch das Tor war, ritt ich leicht wieder zurück, um Euch den wahrscheinlichen Besuch dieses kostbaren Mannes zu melden." „Ich erwartete ihn längst mit den-Ausflüchten und Beteuerungen des Mailänders", erwiderte der Feldherr. „Da er aber nicht erschien und wir aus guten Quellen wußten, sein Herzog fahre fort zu befestigen und zu rüsten, begann ich auf den Kanzler zu verzichten. Nun kommt er zu spät. Morgen, um Mitternacht, verläuft die dem Herzog gegebene Frist. Schlag zwölf marschieren wir; es wäre denn, Marone brächre große Neuigkeiten!" „Ja, dieser Morone!" plauderte der Bourbone. „Der wird schon etwas gebraut haben. Da ich unser Ultimatum nach Mailand brachte, sah ich es hinter seiner Stirne wimmeln wie in einem Ameisenhaufen. Ihr macht Euch keinen Begriff, Marchese, was das für ein frecher Kopf ist. Während ich in Mailand regierte und er mein Rat und Schreiber war, hat er mich über Tisch — denn ich liebte es, mit ihm zu speisen und mich an seinen Fabeln und Einfällen zu ergötzen — auf alle Throne gesetzt und mit allen Fürstinnen gekuppelt. Und das Tollste: es war Verstand in dem Unsinn. Ich bin doch neugierig, was er wieder ausgeheckt haben wird, um sich und seinem Herzog aus der Klemme zu helfen. Sicherlich etwas ungeheuer Geniales, einen Gipfel, einen Ab gründ. Wenn er zum Beispiel" — der Herzog lachte herzlich — „uns beiden kaiserlichen Feldherrn die Führung dec Liga bäte und als Handgeld zwei verlockende italienische Kronen aus den Falten seiner Toga zum Vorschein brächte?" „Hoheit scherztl" „Wie anders, Marchese!" erwiderte der Herzog und wollte sich beurlauben. Da ergriff er noch die Hand des Feldherrn und sagte in einem weichen Tone, der eine vor der Welt verheimlichte Freundschaft enthüllte: „Pescara, ich danke dir, daß du mir Leyva vom Halse hältst, indem du mir den rechten Heerflügel gibst und ihm den linken. Ich mag mit dem Unleidlichen nicht zufammenreiten. Es entstünde Unglück und größeres als jüngst auf dem Markte von Novara. Er könnte sich wiederum gegen mich vergessen, und ich müßte ihn niederstoßen wie einen tollen Hund." Er sagte es leise mit gesenktem Blick. Pescara behielt die Rechte des Herzogs und warnte und bat. „Welch ein Auftritt!" sagte er. „Hier auf offenem Markte, wegen der Armseligkeit eines bestrittenen Ouartieres! Ich versendete Leyva gleich nach Neapel, um vom Vizekönig Truppen für unfern Feldzug zu verlangen, obwohl ich weiß, daß er keine abgeben kann, nur um Euch die Verlegenheit und den Anblick eines verhaßten Gesichtes zu ersparen. Wie konntet Ihr das gegen einen Mitseldherrnl Das war nicht gut. Das ist beklagenswert. Das darf sich nicht wiederholen, ich bitte Euch darum." „Der Anlaß war nicht der Rede wert, Pescara, aber —" „Das schlimmste Wort, das Leyva gebraucht hat, war, nach Zeugen, er lasse sich nichts bieten von einem Vornehmen, und Ihr zöget und Eure, Leute mußten Euch halten." „Oh", flüsterte der Herzog, „von einem Vornehmen? Ich habe feine Ohren. Es war ein anderes Wort... das ich dem Kaiser und dem Papst in die Kehle zurückstieße!" „Ein anderes Wort?" sagte Pescara, um seine Frage sogleich zu bereuen, da er den Herzog erbleichen und. völlig fahl werden sah. Er erriet, daß der alte Leyva gemurrt, er lasse sich nichts bieten von einem Verräter, ober daß das wunde Gewissen des Bourbonen so verstanden hatte. Die unausgesprochene Freundschaft, die den einfachen Adeligen und den Mann von königlichem Geblüts verband und die das Wunder tat, zwischen zwei jugendlichen und schon berühmten Feldherrn mit nicht völlig klar geschiedenen Gewalten und Befugnissen die natürliche Eifersucht zu ersticken, beruhte einfach auf dem Bewußtsein des Herzogs, daß seine Verbündung mit dem Feinde Frankreichs der Achtung Pescaras keinen Eintrag tue. War es Klugheit, war es Gleichgültigkeit gegen die sittlichen Dinge, war es Freiheit von jedem, auch dem begründetsten Vorurteil, oder war es die höchste Gerechtigkeit einer vollkommenen Menschenkenntnis, was immer — Pescara hatte den in kaiserlichen Dienst tretenden fürstlichen Hochverräter mit offenen Armen empfangen und mit der feinsten Mischung von Kollegialität und Ehrerbietung behandelt. Vielleicht auch hatte er in diesem Zerrütteten, der, sich selbst verfluchend, fein Vaterland mit fremden Waffen verwüstete, den ursprünglichen und unzerstörbaren Adel erkannt. Dafür war der Herzog Pescara dankbar. Der Feldherr, die Hand des Unseligen fn der {einigen, redete ihm mit sanfter Stimme zu: „Gespenster, Hoheit! Ihr habet gehört, was nicht gesprochen wurde. Werft hinter Euch! Verschüttet den Abgrund mit Lor- beer! Seid Ihr nicht der Liebling des Kriegsgottes? und ein Meister der Staatskunst? Sind nicht wir beide noch Jünglinge mit unzähligen Tagen, diesseits der Lebenshöhe, kaum in der Hälfte der Dreißig, und im ersten Drittel eines Jahrhunderts, das überquillt von großen Möglich, leiten und weiten Aussichten! Unser die Fülle des Daseins! Karl, lech uns leben!" Der Bourbone vernahm nicht den verstohlenen Seufzer, welcher sich der Brust des Feldherrn entwand. Er drückte heftig die Hand Pescaras, und feine dunkeln Augen blitzten eroberungsluftig. Dann, um feine innere Bewegung zu verbergen, sprang er nach feiner Weise mit beiden Füßen ins Zynische über. Der feurige Ton Pescaras hatte feine frechste Jugend- lichkeit erweckt. Während er eine 'ausgelassene Lache aufschlug, trat der vom Staub der Reise bedeckte Del Guasto ein, begrüßte den Ohm und Feldherrn und verneigte sich vor der lustigen Hoheit. Dann wendete er sich wieder gegen Pescara, welchen er mit erstaunten und bewundernden Augen betrachtete, als hätte die von der italienischen Verschwörung dem Feldherrn angesonnene Rolle dessen Gestalt ver- größer!, und erzählte: „Wir verritien von Rom, nicht zur Freude der Herrin in zahlreicher Gesellschaft, mit Leyva, der aus Neapel zurück ist, und mit einem Vornehmen, von königlichem Geblüte, wie sie sagen, der sich Moncada nennt und den Ihr kennen werdet. Er bringt Euch eine Botschaft des Vizekönigs. Ich gewann einen Vorsprung, um Donna Viktoria anzumelden. Sie strahlt vor Freude, Euch wiederzusehen, und schließt zugleich fest die Lippen, denn sie bringt ein politisches Geheimnis, wie ich vermute, und ein päpstliches Mysterium, wie ich ahne, und dieselbe Donna Viktoria legt die Stirn in zornige Falten gegen Euren bei ihr in Ungnade gefallenen Neffen, den sie vor Euch in aller Form Rechtens verklagen wird. Wegen etwas Menschlichen", lächelte er. „Oder etwas Unmenschlichem", spottete Pescara. „Meldet Ihr sonst etwas, Don Juan?" „Wenn mich meine Augen nicht getäuscht haben, die Ankunft des Kanzlers von Mailand." „Ah!" lachte Bourbon. „Ich bin mit ihm schon in Rom zusammengestoßen, unfern des Palastes Colonna, da ich nächtlicherweile dahin zurückkehrte. Längs der Mauer sah ich etwas Diebisches in langer Gewandung schleichen, und da ich das Verdächtige mit der Fackel meines Dieners beleuchtete, war es die unverschämte Ttumpfnase und unter einem Juristenbarett das freche Kraushaar, das ich von Pavia her kenne, wohin der tolle Kanzler, wie sie ihn nennen, nach der Schlacht Euch zu beglückwünschen kam. Er mag Donna Viktoria eine letzte Heimlichkeit des Papstes gebracht haben, bei welchem sie sich an jenem Nachmittage verabschiedet hatte." Er sagte das mit einer versteckten Bosheit. Der Feldherr blickte streng. „Don Juan", sagte er, „Ihr habet Euch um den Wandel Donna Viktorias nicht zu kümmern und noch weniger ihn zu beaufsichtigen. Jeden ihrer Schritte, ihre leiseste Miene und Gebärde billige und lobe ich zum voraus." Don Juan verneigte sich. „Unterwegs nach Navara", fuhr er fort, „bin ich ihm dann noch mehrere Male begegnet, das heißt einem gewissen Fruchthändler Paciaudi aus den Marken mit einer greulichen Warze auf der Nase, welcher mir, da ich ihn anredete, nicht vorenthielt, er fei ein zugrunde gerichteter Mann: eine unvermutete päpstliche Maßregel verbiete die Ausfuhr, und er habe einen strengen Lieferungsvertrag mit Euer Durchlaucht. Dabei schob und gebärdete er sich nicht viel anders als der Kanzler. Dieser hat gegenwärtig allerhand Geschäfte und nimmt die possierlichsten Figuren an. Man findet ihn Überall auf der Halbinsel wie — ohne die fernste Vergleichung — Eure große Gestalt." „Was wollt Ihr sagen, Don Juan?" Del Guasto, der -vor nichts erschrak, zögerte doch mit der Antwort vor der kalten Miene Pescaras, und dann hielt ihn die Anwesenheit des Herzogs zurück. ,Zch habe kein Geheimnis vor der Hoheit", sagte der Feldherr. „Redet, Don Juan." Trotz diesem Befehle kam dem verwegenen Jüngling die allgemeine Rede an diesem Orte und zu dieser Stunde, mitten im kaiserliche» Lager und während er durch das Fenster den taktfesten Schritt eines vorbeimarschierenden spanischen Heerhausens vernahm, so ungeheuerlich vor, daß er der schamlosen Oesfentlichkeit der italienischen Verschwörung ein leichtes Gewand umwarf. „Ohm", berichtete er geringschätzig, „wovon mir noch immer die Ohren gellen, das ist ein wütender Streit, welcher unter allen Stände», in Schenken und Barbiestuben, auf den Ballspielplätzen und, wie ich glaube, bis in die Plauderecke der Sakristeien ausgebxochen ist -7 über das wahre und gültige Vaterland der Avalas: ob wir Neapolitaner find oder Spanier. Und nicht genug an Geschrei und Gebärde, auch Blätter und Schriften voll von unferm Ursprung flattern durch die Luft." , . Der Feldherr zuckte die Achseln. „Das Geschreibsel", sagte er, „fand sich auch über meine Tische verstreut, ich habe es weggeworfen. Müßiges Gezänke." Don Juan wurde hartnäckig. „Zugleich erzählte man mir, daß an de» Universitäten, unter Juristen und Theologen wieder heftig über Umfang und Grenzen des päpftlichen Lehensrechtes auf Neapel gestritten wird." „Das überlassen wir diesen Gelehrten. Nicht wahr, Hoheit?" scherzte Pescara. „Und. was das Vaterland der Avalos angeht, Neffe, so rate ich dir, Ehre zu halten, spanische oder neapolitanische." (Fortsetzung folgt.) Teranttoortlicb: Dr. Hans Thhriok. — Druck und Verlag: Brühl'fche Llniverjikäts-Vuch« und Steindruckerei, X. Lange, ©icfi«”*