Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Zahrgang <931 Zreitag, den 1Z. Juli Nummer 55 höre" X AM. n @orh ! deppert: n Bchk oarfen f»| n bett 8t? Bark ohne Steuermann. Eine Geschichte vom Stillen Ozean. Von Walter Anatole P e r s i ch. n bereit; s ^enfallsj recht * ein v X (litt Kl 1 J^eiselied. Bon Josef Freiherrn von Eichendorff. Durch Feld und Buchenhallen Bald singend, bald fröhlich still, Recht lustig sei vor allen. Wer» Reisen wählen will! Wenn's kaum im Osten glühte, Di« Welt noch still und weit: Da weht recht durchs Gemüts Die schöne Blütenzeit! Die Lerch' als Morgenbote Sich in die Lüfte schwingt. Eine frische Reisenote Durch Wald und Herz erklingt. 0 Lust, vom Berg zu Schauen Weit über Wald und Strom, Hoch über sich den blauen Tiefklaren Himmelsdom! Vom Berge Vöglein fliegen Und Wolken so geschwind, Gedanken überfliegen Die Vögel und den Wind. Die Wolken ziehn hernieder, Das Vöglein senkt sich gleich, Gedanken gehn und Lieder Fort bis ins Himmelreich. ar tum J . n*ft. I uf nichss I lern er [M iben tij e Rch I bel*i' SiehenerZamjlieMätter ertiancr.I >?• König-»: iflfrou'ii -tiir auf.i > be[dj®: an der Ü nie ein 6; tte and) t durch K jaus gtti: en SürfK en, MN ite 0# en Weist ile bete" nidjls or! U schick iUfti n soll! argen tnfere Bark kriegte ohne Steuermann plötzlich einen diesigen Wind von • chtern, und gegen Morgen hatten wir den schönsten Sturm, daß wir <1 * allesamt mit dem Klabautermann Brüderschaft schlossen. Na, damals sihrte ich das Steuer sind er ließ uns durchrutschen. Das ist jetzt schon Inücter dreißig Jahr her. Und als ich wieder den Elbtunnel und die Navigation zu sehn kriegte, da nahm ich mir vor, endlich mal das Examen «iizufangen. Praktisch hatte ich ja alles auf der Fahrt gelernt.... Diese Seebären haben ein eigenartiges Lächeln. In ihren roten Ge- fchtsrn steht irgendwo der Schalk, rundherum geht die innere Gute und hs große Wissen um die Dinge liegt im festen, etwas blinzelnden Blick brr fast farblosen, grauen oder blauen Augen. „Wie war denn das damals ...?" .. Hundertmark wischte sich bedächtig mit dem Handrücken den Bart, ;fe b mich ein wenig spöttisch an, als wolle er sagen: wenn ich s auch .e-zähle, was weißt du Kiekindiewelt vom Leben! (Und damit hat er ja r cht.j Dann kam gleich wieder seine Besinnlichkeit heraufgezogen wie „ chün Wetter", und er zählte mir die Geschichte von der Bark ohne Steuermann, wie ich sie hier wiederzugeben versuch« . .. t Tja, Samstags war der Himmel klar wie die Alster und so gegen Sonnuntergang holen wir uns denn alle eine Putz Wasser, stellen uns, b ank wie Adam, aufs Deck und schrubben uns das bißchen Dreck runter, d>s man auch auf einer blitzsauberen Bark ohne Qualm und Maschinen- "teuere noch kriegt. Eine lustige Arbeit war das immer auf den Segest foiffen, die Staätsbaderei für den Sonntag! Mst Sußwasier mußte -gespart werden, darum konnten wir uns den Luxus nur alle Woche ei ite erlauben und nachher noch die Hemden IM Walser au p Wie wir da so stehen, sagt Bartels zu mir: „Alles im Leben verdanken wir einem anderen", sagte mir einmal (er braungebrannte Kapitän Frederik Hundertmark, Das war an jenem Cag«, als ihn die Dampfschiff-Reederei zum Führer ihres größten Passa- lierschiffes ernannt hatte und wir in stiller Nachdenklichkeit bei einer i flasche Zeltinger an Detlev von Liliencrons Ehrenplatz bei Deeke in der Käckerstraße den Fall „vun achtern und vörn" betrachteten... Einer inner ältesten Seekameraden hatte das Zeitliche gesegnet, war mit seiner tetbetanntcn Rase zu den Göttern der Fahrensleute eingegangen ... md nun sollte Hundertmark das schöne Schiff bekommen. „Immer ist das so", fuhr er bedachtsam nach einem tiefen Schluck k>rt, „ihr Landratten merkt sowas ja gar nicht mehr, ihr steckt so drin m Getriebe und redet von eurer eigenen Tüchtigkeit. Dieser gute Bartels, ier beste Grogbrauer zwischen Rio und Altona, hat mir jetzt Platz machen Hüffen, und doch war ich ihm einmal weit voran. Damals, im Stillen efie »fti fiereii^l - d zean nämlich, als ich in einer Nacht Steuermann wurde. Das heißt, $ »«ii l - — L.f ti4x nt non Stofinon SIRi tlh NAN To „Frederik", sagte er, „sag mal, ist dir auch schon aufgefallen, daß der Steuermann, der van Eek, m Dreckpudel ist?" Ja, das war uns allen schon ausgefallen. Nicht einmal in den drei Wochen Fahrt von Altona, wo er angeheuert wurde, bis in den Stillen Ozean hatte sich der Kerl abgeschrubbt. Wir reden grab hin und her, da taucht der breite Kerl mit der Mähne — ganz dick pulsiert sich das Haar unter der Mütze heraus — vom Vorderdeck her aus, geht schwer mit seinem Wassereimer an uns vorbei und gradaus in die lütte Kombüse, die auf Segelschiffen dem Leichtmatrosen wie dem Käptn gleich gehört: 0 0. Na, da waren wir denn ja still und schrubbten nur weiter. Mit dem Kerl war nicht gut Kirschen essen, das hatten wir schon nach zwei Tagen rausgehabt, als der Decksjunge mit gekrümmtem Buckel umherlief, fo hatte der Steuermann ihn für 'ne Dreistigkeit verwalkt... Sonntag. Die See ist harmlos und glatt wie ein Spiegel, wir laufen mit drei, vier Knoten Fahrt immer so eben hin. Nach der Messe sagt der Käptn: „Na, Jungs, denn macht euch man heut so'n büschen Gemütlichkeit, holt das Zimmermannsklavier (Handharmonika) raus, und zwei Kessel Süßwasser spendier ich für ’n steifen Grog..." Junge, war das ’n Hallo! Da wurde denn gesungen „Nach der Heimat möcht' ich wieder" und „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins.. all das «Zugs, das fo ’n feetatriger Fahrensmann plärrt, wenn er länger als eine Woche nur Planken unter den Füßen hat. Gegen Abend gibt der „Breite", fo hieß van Eek bei uns, mir das Steuer und trinkt zwei Wachen lang mit dem Alten einen nach dem andern. Ich lieg' schon fest schlafend in der Koje, da weckt mich ein gehöriger Buff; ich denk', die Bark ist aufgelaufen. „Hallo, Frederik", hör' ich Bartels halblaut sagen... „Was gibt’s, laß mich doch schlafen ..." „Mensch", sagt er, „hör' zu! Das weißt du noch gar nicht! Als ich Wache steh', kommt der Breite an mir vorüber, sternhagelvoll, brüllt ein krauses australisches Zeug, wankt und steuert backbords in di« Koje. Und dabei zieht er immer den linken Fuß so komisch nach, so..." und Bartels geht im Zwielicht hin und her und erklärt mir die Sache. Der linke Fuß tritt auf wie der rechte, dann stockt der Gang, und nun zuckt der linke ganz eigenartig in die Höhe, als müsse er etwas nachschleif.en... Wir zergrübeln uns den Kopf, kommen aber auf nichts Gescheites uni) geben uns schließlich mit der Erklärung zufrieden, der Breite habe «in-- mal einen Messerstich in die Wade bekommen und nun schmerze die Narbe, wenn er getrunken hat. An Bord einer Barke gibt es wenig Sensationen. Die nächsten Tage kennt kein Matrose ein anderes Gespräch, als den nachschleifenden Fuß des Breiten; die wildesten Vermutungen tauchen auf. Endlich hat der Decksjunge den Rand nicht gehalten und mit dem Koch gequatscht, mit „Nuckelkopp", wie dessen Spitzname lautet. Der Jung' kommt geheimnisvoll in unsere Runde und brüllt: „Wißt ihr, was Nuckel sagt? Der Breite ..." Ein Hieb in den Rücken bringt ihn zur Besinnung, er berichtet flüsternd weiter: Der Koch habe einmal an Land in einer französischen Kolonie einen Trupp Sträflinge gesehen. Alle trugen eine Kette um den linken Fuß geschmiedet und daran eine etwa fünf Kilo schwere Eisenkugel. Niemand kann mit diesem Hindernis flüchten. Ms der Junge ihm die Bewegung, das schleifende Aufheben des Fußes vorführte, mußte sich Nuckel an das grauenhafte Bild erinnern. Seit diesem Tage wurde der Breite noch mehr gefürchtet, als bisher. Niemand ahnte, daß schon der kommende Samstag uns die Lösung bringen sollte, eine andere, als wir sie wünschten, denn wir mochten den schweigsamen, wenn auch gefährlichen Steuermann recht gern, weil er niemanden unnnütz behelligte Zwei unserer Matrosen waren Dänen, schwere, rothaarige Kerle mit Muskeln wie die besten Neger und Stimmen, die ohne Sprachrohr auf passierenden Seglern verstanden waren. Einer von ihnen hat Deckdienst bei unserer Baderei und bringt nach jeder kleinen Kombüse die beiden Lampen, die von innen in eine verglaste Vertiefung gestellt werden und die Decke seitlich erhellen. Niemand denkt daran, daß vor zwanzig Minuten, als es noch hell war, der Breite mit seinem Eimer hineingegangen ist. Der Däne reißt die Tür auf und der Strahl einer Lampe fällt gerade auf die Brust des Steuermanns; ein kreisrundes rostbraunes Mal in der Größe einer Faust taucht auf, zwei verschlungene Buchstaben und eine Nummer — ich weiß es noch wie heute: 1733 war es —. Im selben Augenblick trifft den Dänen ein Schlag vor die Stirn, er taumelt, und wenn nicht Bartels schnell genug hmzu- gesprungen wäre, hätte die Lampe auf den geteerten Bohlen Feuer gegeben. So steht der Breite umringt von allen Matrosen, in der offenen Tur, ber Däne hält noch ein Licht, Bartels das andere, und der Landsmann des Angegriffenen starrt gerade vor dem Breiten auf die rote Zahl 1733. Jetzt erinnern wir uns, den Steuermann immer in geschloffenen Jacken gesehen zu haben. Uns fällt ein roter Hautreif um den linken Fuß, in en. i Säfigtt . i weih ip entrakft jtirn M [eines $• I itolä^i graul* nabe", ft •n h« ab ber Ift lianer ft Käsige* lag «* Höhe des Knöchels, auf. Der Koch ist von dem Tumult aus der Kombüse aufgeschreckt, drängt sich vorwitzig heran ... Sekunden waren das nur ... und schreit mit seiner spitzen Stimme: „Hab ich's nicht gesagt! Ein Sträfling ist er, ich weiß auch, „daß die Australier dieses Zeichen den Leuten in den Leib brennen ... klapp, liegt er am Boden, ein schwerer Körper setzt zum Sprung an, der Breite überrennt zwei Leute ... macht eine kleine Wendung und springt über die Reling mit einem weiten Satz ins Meer. Es dauert Minuten, bis der Bootsjunge „Mann über Bord" brüllt, vier Leute stehen am Boot, schon ist der Schatten des Steuermanns in der Dunkelheit und Entsernung nicht mehr auf dem Wasser zu sehen. Endlich sitzen wir an den Riemen Der Rothaarige hält die Laterne weit vor sich hin, irgendwo ,m Kegel taucht ein Kopf auf, verschwindet... . Das letzte, was wir hörten, war ein dumpfer, saft tierischer Aufschrei, und der Silhouette nach muß es ein Haifisch gewesen sein, der den Geflüchteten angefallen hat. Wir haben ihn nicht gefunden ..." Kapitän Hundertmark schwieg lange, die Sonnenkringel zeichneten wundervolle Reliefs auf den Tisch, tauchten Flammen in das Gelb des Weins, und vor uns summte eine ganz kleine Fliege. „Deshalb", kam es nach langer Zeit von jenseits des Tisches, „meine ich: wir verdanken alles einem anderen, und er, der andere, ist nicht immer gut daran, wenn es uns gut geht. Deshalb nämlich mußte ich den Steuermannsdienst übernehmen und kam damals auf die Idee, das Examen endlich einmal abzumachen. Und deshalb bin ich heute Käpt'n auf einem herrlichen Dampfer. Aber ich wollte, wir könnten noch einmal, Bartels und ich, mit dem Breiten auf der Back im Stillen Ozean umher schwimmen. Der hätte nicht dran zu glauben brauchen..." Die Garmo-Kirche. Holzgeschnihle Chronik von 900 Glaubensjahren. Don Per Sch Wenzen. Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Lillehammer, im Sommer 1931. Die älteste Kirche Norwegens, gebaut im Jahre des Herrn 1021 In den Tagen, da der alte Asenglauben sich noch gegen den schmerzen- Veichen Gott aufbäumte, das Wahrzeichen des Christentums in Norwegen, so alt wie das Christentum des Landes selber, steht heute noch in ihrer Miniaturen.Pracht, mit den heidnischen Drachköpfen in den Firstwinkeln, aus dicken, tausendjährigen Stämmen gezimmert, mit allen Heiligen und Altarfiguren aus buntem Schnitzwerk, eine ehrwürdige Reminiszenz, ein kleiner, halbdunkler Raum, der die Geschichte des Landes umspannt. Sie steht nicht mehr dort im schonen Gud- brandsdalen, wo sie einst gebaut wurde. Sie hat ihre Wiederauferstehung auf dem Maihügel von Lillehammer gefeiert, dem lebendigsten und originellsten Museum des Nordens. Kein Kirchenrat, kein Reichskustos, keine kommunale Museumsbehörde hat dem Land dieses Wahrzeichen erhalten. Das hat vielmehr der Zahnarzt Anders Sand- vig getan. Die Geschichte dieses Zahnarztes und seines Museums ist sehr eigenartig. Ein junger Zahnarzt kommt in die kleine Stadt Lillehammer, damals weder Künstlerkolonie noch- Kurort und Wintersportplatz wie heute, sondern ein kleiner, weltverlorener Flecken, den nach keine Eisenbahn erreichte. Die Dauern essen zum Glück der Zahnärzte viel Grütze und Weißbrot, verfallen der bösen Karies und sinken, wie alle Naturkinder, unter dem Eindruck physischer Schmerzen einer allgemeinen Hoffnungslosigkeit, die keineswegs den Mut zu längeren Wegen und schon gar nicht zu der Zange des Arztes findet. Also Mutzte Anders Sandvig sich auf eine Stolkjaerre schwingen und die ramponierten Dackenzähne seiner Patienten sozusagen in der eigenen Höhle aufsuchen. Der Gott der Sammler geht ganz sicher die wunderlichsten Wege, und so ist es vielleicht mehr als ein Zufall, dah Herr Anders Sandvig dergestalt ein wenig in die weitere Tlmgebung bemüht wurde. Sie tat sich ihm auf in ihrer vielhundertjährigen ilnberührtheit, mit den prachtvollen Gehöften, die seit Über 800 Jahren vom Da ter auf den Sohn gingen, mit Altertumswerten, die mitten im Arbeils- leben des Tages stehen, mit reichgeschnitzten „Stabburen", Dorratshäusern, psahlbauartig auf vier Deinen errichtet, mit vielem Hausrat, Holzschnitz- und Silberschmiedekunst, die bestes germanisches Handwerk darstellten. Lind der Zahnarzt Anders Sandvig war gerade noch zur rechten Zieit gekommen, um ein Nebel an der Wurzel zu fassen. Da kamen.ihm Karren entgegen, bis hoch unter die Plane mit altem Hausrat, mit Möbeln und Truhen beladen. Ein schwedischer Ansiguar oder Museumspräsentant kaufte aus. Die Dauern, die in allen Ländern zwar Kulturwerke schassen, aber selten richtig bewerten können, gaben die rlnschätzbarsten Dinge für wenige Groschen oder für schlimmste Massenerzeugnisse hin. Es galt nun, wie bei jeder größeren Operation, ein geeignetes Werkzeug in die Hand zu bekommen. Er muhte es sich selber schmieden, und er schmiedete die Aktiengesellschaft „D j ö r n st a d - H o f". Begeisterte Freunde und eine geschickt in Schwung gebrachte Lillehammer Gemeinde gründeten diese Unternehmung und sandten den Spiritus rector hinaus, mit den biederen Dauern des Hofes Björn st ad, gegen den man sich kurzerhand verschworen hatte, zu unterhandeln. Man war fest entschlossen, das Fell des ungeschossenen Bären zu kaufen. Die B-jörnstader aber besannen sich daraus, daß sie seit 350 Jahren in Niesen Hä!usern und Ställen gehaust und geschaltet hatten, und schraubten den Preis mit großem Verständnis dafür, worum es sich hier handelte, ganz ins Museische hinaus. Die Aktiengesellschaft aber konnte ja nicht den Schritt in die eigene Negation tim, sie kaufte, brach ab und baute die ganze Herrlichkeit, Häuser und Ställe, au; bcm Maihügel in Lillehammer wieder auf. Lind so war der erste Schritt getan. Allmählich spürte der geheime Stab von Idealisten Gehöft nach Gehöft auf, immer weiter zurück sand Man Reste und lebende Denkmale nationaler Entwicklung und baute so eine Stadt auf die einen Querschnitt durch die Kulturentwicklung des Landes darstellt. Dom Pfarrhaus bis zum Pferdestall, von der Feuerstelle bis zum Löffel in der Lade, sind Bauten und Geräte der Dater hier versammelt. Heute bedecken nicht weniger als 75 Bauten in Raumabständen von jeweils annähernd hundert Schritten das Gelände, Baumbestand teilt in ebenso geschickter wie unauffälliger Regie die verschiedenen Jahrhunderte in abgeschlossene Blickfelder ein. Das Wunder vom Maihügel aber ist die Garmokirche, das ehrwürdigste Gotteshaus des Landes, das hier wieder zu neuem Leben erstand, eine holzgeschnitzte Chronik von 900 Glaubensjähven. Eine unerhörte, geradezu fanatische Arbeit muhte geleistet werden, um die Kirche, die im Jahre 1870 abgerissen und als Baumaterial versteigert war, aus den Kuhställen, Speichern und Wohnhäusern der Umgebung zusammenzusuchen. In dem Schiff der Kirche hangt das Bild eines alten Dauern, der die seltsame Versteigerung miterlebt hatte und der mit unermüdlichem Eifer dabei war, Balken nach Balken auszustöbern. Mühsamer ist wohl selten ein Baumaterial zu- saminengeschleppt worden. Man fand aus vergilbten dapi^en das Dersteigerungsregister heraus und konnte so dem vortrefflichen Gedächtnis des Biederen noch nachhelsen. Aus hundert DKnkesil trug man die Pokale, Bilder und Schnitzereien zusammen. Nun stehen die Heiligen wieder in Reih und Glied auf dem Querbalken das geweihte Schiff hängt an Ketten von der Decke. Hoch und einsanr «us zwei Ellöcke gestützt, klebt ein Betstuhl an der Wand. Ein Jaffe , Großbauer, der in heidnischer Gemütsverfassung das Wort des neuen Herrn hoch über anderem Volk vernehmen wollte, lieh sich dieses Privm- aerüft errichten, in dem er unbeobachtet schlafen konnte. Erne Tur führte ihn zudem über eine Stiege unbemerkt ins Freie, falls Oie ^Srcbigt länger alA feine ©-ctyulb* KU tüäluxn frrofyte. Mit der christlichen Ergebenheit hatte es damals überhaupt fo feine Schwierigkeiten. Der Pfarrer wurde von niemandem bezahlt und der Küster noch weniger. In der kleinen Sakristei steht eine Art S'Iingelbeute!, eine grobgeschnitzte Hand an langem Stiel. Die Fläche der Hand i|t «n zwei Felder geteilt, ein großes für den Pfarrer, ein kleines für den Küster Sie lebten von den Kirchenspenden der Gemeinde. Wenn es ans Bezahlen ging, stellte sich mancher Geizhals schlafend, weshalb wiederum kein Beutel, fondern eine massive Hand vonnöten war, dem Zauderer energisch auf den Kopf zu klopfen. Diese ungleich geteilte Holzhand hat der Gegend das noch heute gebräuchliche Sprichwort geschenkt: „Wenn es auf den Pfarrer regnet, tropft es auf den Küster." Der Kampf der Kirche um ihre Gemeinde mußte damals mit sehr irdischen Mitteln geführt werden. Bor der Kirchentür steht ein Pfeiler mit Kette und Halsesien. Wer den Kirchgang mehr als dreimal versäumte, wurde an diesen „Gapestok (Gasfstock) angeprangert und die Gläubigen spien ihn zum Heil seiner Seele an. , Bon diesem unerfreulichen Geiste völlig gereinigt, empfangt das bunte Halbdunkel der kleinen Kirche den Besucher mit dem ehrwürdigen, kühlenden Hauch der Jahrhunderte. Das leere, buntgemalte Gestühl ladet zu andachtsvoller Ruhe. Und auf einmal spielt die Orgel. Und eine dunkle Männerstimme singt ein uraltes norwegisches Kirchenlied. Em Sonnenstrahl fällt durch die bunten Butzenscheiben, das alte Gestühl knackt, als regten sich tausendjährige Triebe im Sommerlicht, das Lied steigt wie ein bunter Bogel auf — der Raum schwingt, lebt... Diese Kirche ist ewig. Seit ihrer Wiederauferstehung sind viele Kinder hier getauft worden. 23 Paare wurden hier getraut, vor dem alten Altar mit dem rührenden Mittelstück: ein Abendmahl mit allen Jüngern, nut Bechern und Tellern, aus einem Stück geschnitzt. Mit nicht viel mehr als zehn Schritten durchmißt man das Längsschiff, den Weg von diesem bunten Altar zum Ausgang, mit zehn Schritten geht man durch d>e neun Jahrhunderte des Christentums. Draußen wehen helle Birken im Wind... Das stille Haus am See. Bon Liesbet Dill. Nachdruck verboten. Auf einem Spaziergang hatten sie es entdeckt. Ganz zufällig, ohne daß sie ahnten, dah in dieser Einsamkeit ein Haus stand. Sie waren nachmittags übers Meer gefahren in der kleinen himmelblauen Barke, die das Bad mit der Schäreninsel verband, waren über die Klippen gestiegen und standen plötzlich vor einem verwilderten Blumengarten, in dem in üppiger Buntheit Levkojen und Nelken blühten und das Gras des Rasens kniehoch stand. Das Tor war offen; neugierig traten he näher und sahen ein weißes Haus, von uralten Blutbuchen umfdfanet, dicht von Rosen umrankt bis unters Dach, mit stillen Zimmern. In tiefer Einsamkeit lag es da, wie verloren am Ende der Insel. Der Garten fließ ans Meeresuser, ein Nachen lag angebunden an der Treppe der kleiinn Badeanstalt; ringsum breitete sich bas Meer smaragdgrün mit Gischi- kämmen, die zwischen den weißen Klippen verzischten. Ein Pappschiw baumelte am weihgestrichenen Balkon: Zu vermieten oder zu verkaufen. Aber niemand war weit und breit zu sehen. Endlich zeigte sich eine alte Frau in der (Bartentiefe beim Bohnenpflücken. Sie war die Hüterin dieses verlassenen Hauses. Durch diese erfuhren sie, dah der letzte Besitzer, ein Maler, gestorben war und die Erben das Haus zu jedem Preis verkaufen oder vermieten wollten. Der Preis war auffallend niedrig. Die Beschließerin führte das junge Paar durch das stille Haus. Sie durchsuchten es nach Schwamm oder Versal-. Aber das Haus war gut gebaut und gehalten, nur die Tapeten etroa» verschossen. Sie mieteten das Haus für den Sommer und bezogen es noch in derselben Woche. ., Es war ein wundervoller Besitz, der Garten ein Rosenparadies nu herrlichem Obst und es war so ruhig hier draußen, daß man den ganM Tag nur das Zwitschern der Vögel hörte und das Plätschern des Sees, der gegen die Klippen schlug. Die Rosen rankten zu den Fenstern herei , frische Meerluft wehte in dem wildblühenden (Barten — alle Zivun waren von Blumendust erfüllt. nbcgreiflid) plötzlich, im Rücken Les n in der Flucht an die Straßenecke Borst kannte seinen Charlie Chaplin gut. Er hatte es sich genau gemerkt, wie man mit Polizcibeamten umzugehen hat. Zum Beispiel: macht der Polizist ein paar riesige Schritte, um einen zu packen, so ist man mit einer Wendung plötzlich, geradezu urr "" Mannes. Oder man stellt sich mitten ... — „ . und lüßt den Tolpatsch an sich vorbeisausen. Borst hatte das alles sehr Oer Kampf der Tertia. Erzählung von Wilhelm Speyer. Alle Rechte beim Rowohlt Berlag, Berlin W 35. (Fortsetzung.) bedachtsam studiert. r . , . Auch hatte er in Kriminalromanen gelesen, daß man gut daran tut, beim „Schmiere-Stehen" den Polizisten anzurempeln und durch ungebührliches Benehmen seine Aufmerksamkeit aus sich zu lenken. Dann konnte der Spießgeselle ungestört seine Arbeit verrichten. Während die andern mit etwas verstörten und ratlosen Gesichtern in der ersten Straße der Stadt berieten, wie man die Ladung in den Botanischen Garten zöge, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, und als bereits der erste Adjutant des Großen Kursürsten, Bamberger, austauchte den man sogleich zur Beratung hinzuzog, entschwand Borst unbemerkt in der Dunkelheit. Er wußte genau wie man die Gefahr zu bannen hatte. In der Tat waren die Tertianer in einer viel größeren Gefahr, als sie selber es ahnten. Da sie Holzapfel sowohl aus Falks Schilderungen wie aus eigener Erfahrung zu kennen glaubten, so hatten sic seine nächtliche polizeiliche Wirksamkeit mißachtet und deshalb es versäumt, einen Beobachtungsposten auszustellen. . Der Polizei aber war vor einigen Tagen ein Wink von oben zuteil geworden, in den Rächten gut acht zu geben. Der Oberamtmann selber hatte in seinen Vollbart gemurmelt, einige „Lauseiungens im benachbarten Schulstaat beabsichtigten, irgendeinen Streich gegen die ofsentliche Ordnung auszuführen. , „ ,. . . .. Nun hatte Holzapfel es stch nicht nehmen lassen, schon drei Nachte hintereinander aufmerksam zu wachen. Er hatte nicht das Geringste bemerkt, und deshalb überließ er sich wieder seinem Lieblingssport, dem StC(5o> träumte er denn am Bahnhos vor sich hin, ohne irgendein verdächtiges Geräusch in der Stadt wahrzunehmen. Er spitzte Zwar, wie em Hund im Schlaf, die Ohren, wenn irgendein ferner Schritt erklang, aber das war auch alles. Nachdem er sich jedoch wieder etwas zurechtgetraumt hatte und gerade damit fertig geworden war, — es war ein wunderschöner Beförderungstraum von einer höheren Gehaltsstufe, — da ertappte er sich bei dem sonderbaren Gedanken, daß er schon seit einer stunde zwergenhafte Gestalten, bald rechts, bald links, bald geradeaus, auftauchen und wieder verfchwinden sehe. Holzapfel rieb sich die Augen. Er verließ seinen verantwortungsvollen Posten als Verkehrspolizist, er begann langsamen Schrittes einen Pa- trouiliengang anzutreten. Seine schweren Dienststiefel dröhnten aus dem d^Dcr^ Polizist blieb zuweilen stehen und schnupperte in der Lust. Es roch nach irgend etwas, — nach was eigentlich? Er hatte es bald heraus: es roch nach Farbe. Daran war weiter nichts Bedenkliches. Der Geruch kam wohl vom Neubau in der Wilhe.m- fticifac. Dhin lauschte Holzapfel wiederum, wo er diesen so spät noch rollenden Wagen abfangen könnte. Es war ihm nicht recht klar, was für einen Weg das Gefährt in der Nacht nahm. Es wurde häufig angehaltcn und dann wieder mit Bedacht weitergelenkt. Da blieb Holzapfel verwundert stehen. Er sah die große Leiter am Haus Wilhekmstrahe Nr. 3. Sie hatte zuvor nicht dort gestanden. Holzapfel schüttelte den Kopf. . m -1 " Der Mechanismus des Stadtfchlafes sunktiomerte heute Nacyt nicht recht irgend etwas war an dem Bürger-Schnarch-Motor in Unordnung geraten Holzapfel notierte sich die Sache mit der Leiter m sein Dienstbuch. Er sah nach der Uhr. Ein Uhr dreißig. , . Um 1.30 Uhr steht an dem Haus des Bezirkstierarztes Dr. Band eine Leiter, die um zwölf Uhr noch nicht dagestanden hat Holzapfel steckte das Buch in feine Brusttasche. Er beschloß, letzt einmal der Sache energisch auf den Grund zu gehen. Da hatte er schon, was er suchte. zz_ I Wie die Zwerge im Märchen, so aus dem Erdboden ausgetaucht stand ein Knirps vor ihm, der ihm kaum bis zum Nabel reichte. Er trug eine I tellerflache Savoyardenmütze aus blauem Tuch auf dem Kopf, er war also ein Bürger des Schulstaates. . Holzapfel wollte nach dem Jungen greifen, rote Gulliver nach den Zwergen. Da stieg ihm vor Entsetzen das Haar zu Berge. I Der Knirps nämlich taumelte gegen feine Knie, krallte sich an (einem Unterleib fest und grölte dabei. r Ein Junge von vielleicht vierzehn Jahren, der betrunken war! Ein Bürger des Schulstaates noch dazu, in welchem die strengste Enthaltsam- keit vom Alkohol geübt wurde! Jedermann im ganzen Lande wußte es: ein Knabe des Schulstaates, der sich gegen die Abstinenz verging, wurde noch am gleichen Tag mit Schimpf und Schanden aus dem Schulftaate gejagt! Es gab kaum irgendein größeres Verbrechen als dies. „Du bist betrunfen, du Luder!" schrie Holzapfel empört, und er ver- suchte den Jungen zu greifen. Aber da war der Betrunkene plötzlich verschwunden. Mit einem fast blödsinnigen Gesichtsausdruck drehte Holzapfel (ich um. Da stand der betrunkene Zwerg hinter ihm. „Warte!" schrie der Polizist. „Du sollst mir noch —! Aber er vollen- bete nicht, was der Zwerg ihm noch sollte, denn irgend etwas zerrte an seinem Stiesel, als wolle eine magische Macht ihm den vom Fuße ziehen, und der gewaltige Holzapsel stolperte. Er flog nicht gerade hin, er konnte I sich noch mit der stachen Hand gegen den Erdboden stutzen. Am ersten Abend, als sie stch einrichteten, bekamen sie Streit wegen des 'Ausstellens der Möbel im Schlafzimmer. Der Gatte sprach um beherrschte Worte und die junge Frau, sonst nachgiebig und sonst, brach in Tränen aus und verließ das Zimmer... Am nächsten Morgen beim Frühstück lachten sie darüber. Unser erster Streit, sagte die junge Frau. Sie versöhnten sich dann wieder; aber es blieb irgend etwas zwischen I ihnen zurück. Sie tarnen aus Stockholm und hatten eine große Wohnung gehabt mitten im Staub und Lärm der Stadt. Hier immer leben, wie schon, agten sie, wenn sie morgens ins srische grüne Meer hinausschwammen, I ich nachher auf den warmen Klippen von der Sonne braun brennen I legen, oder mit dem Nachen weit hinausruderten zu den stillen Fifcher- infeln, wo die Fische in den Schuppen trockneten, die kleinen, grauen I Holzhäuschen zwischen den Klippenstratzen standen. Inseln, aus denen nichts mehr wuchs und man kein Tier halten konnte, wo nur Fischer I wohnten. Sie lagen wie ausgestorben da; tagsüber waren die Männer I draußen auf dem Meer auf Fischfang und die Frauen in der Kon- 1 servensabrik... Eines Abends, als sie sich umkleideten, zerbrach der Ehemann einen kostbaren venetianischen Spiegel durch eine heftige Bewegung. Die junge ! Frau wurde zornig. Es war ein Andenken an ihre Mutter. Und sie I erhitzten sich wegen dieses zerbrochenen Spiegels. Du bist jo heftig wie noch nie, warf sie ihm vor. Und du bist von einer Empfindlichkeit, die I ich gar nicht aushalte, rief er. Und dann sprachen sie den ganzen Tag kein Wort mehr zusammen. Was ist das nur?, dachten sie beide, früher I waren wir die sriedlichsten Menschen. Vielleicht, dachten sie, weil wir so einsam hier sind und so eng Zusammenleben. In der Stadt gab es Ab- I lenhing Gesellschaft und Menschen. Hier gab es nur die Natur, sie beide und die alte, stumme Frau, die mit ihrem sörmlich versteinerten Gesicht die Wirtschaft besorgte. Eines Tags flog ein Brief ins Haus. Der Neffe des Malers, der in Paris gestorben war, wollte dieses Haus verknusen und bot es zu einem sehr niedrigen Preise an. Der Ehemann war begeistert; aber die junge I Frau zeigte sich nachdenklich. Ich weih nicht, ich sühle mich nicht wohl in diesen Räumen, sagte sie. Es ist, als habe sich hier etwas abgespielt ... ein Schicksal ober ein Drama... Gr lachte über ihre Ginroenbungen. Das Haus war eine ibeale Sommerwohnung; man konnte hier schwimmen I und hinausrudern, und hatte Obst und Blumen in Fülle und das Meer I vor der Tür. Aber sie weigerte sich entschieden. Ich will das Haus nicht I haben, ich ziehe niemals hinein!, rief sie, ganz außer sich. Ich habe das Gefühl, als lebten noch Menschen darin, die wir nicht sehen. Gr wurde zornig und schalt auf ihren Aberglauben — und sie erzürniensich so, daß I die junge Frau einen Mantel umlegte und hinausging ans Meer. Unter I den leuchtenden Sternen setzte sie sich aus eine Klippe und meinte Gr kam I ihr nach. Er sah sie in Tränen; sie tat ihm leid. Er bat sie: Sage mir I doch was das ist, weshalb wir uns hier immer zanken und streiten? Aber sie schwieg. Schließlich nahm er ihre Hand und sagte: Ich glaube, Lou, wir Menschen aus der Stadt vertragen die Einsamkeit nicht. Wir wollen uns Besuch einladen. Am nächsten Abend kam eine Freundin aus Stockholm herausgesahren, I eine lebenslustige junge Frau. Sie war entzückt von dem Hause. Sie I wollte ein paar Wochen bleiben. Am nächsten Morgen kam ste^zu Msch ! mit einem verstörten Ausdruck und sagte, sie habe Migräne. Sie hatte I schlecht geschlafen. Wie ein Alp lag es die ganze Nacht auf mir! Hier muß sich etwas abgespielt haben. Ich fühle das... Die beiden sahen sich an und schwiegen. Der Besuch blieb nur drei Tage und verlieh das Haus. Und sie waren wieder allein. Bon da ab verlief fein ~ag mehr ab ohne Streit. Sie zankten sich wegen der Bilder, wegen der Bedienung, wegen des Menüs fogar, irgend etwas war es immer. Eines Tages begegneten sie einem Freunde aus der Stadt der den Maler gekannt hatte. Er fragt sie, ob sie glücklich feien 'N diesem Unglucks- haus. Wieso, Unglückshaus? Und sie erfuhren seine Geschichte Dieses ] Haus hatte sich der Maler gebaut. Er guältc (eine Frau (o, daß sie sich von ihm trennte, obwohl sie ihn (ehr liebte. Gr heiratete eine andere Frau, und die Ghe wurde noch viel unglücklicher. Gr konnte ohne Frauen nicht fein, er bezwang jede, dir ihm gefiel. Aber sobald er sie besaß, begann er sie zu guälen. Die zweite Frau, eine Schau,pielerin, ließ sich nicht lange guälen, sondern verlieh ihn eines Tages nach einem furcht- baren Auftritt. Gr hatte dann mehrere Geliebte gehabt; aber alle hielten es nur ein paar Tage bei ihm aus. Da traf er feine erste tfrau plötzlich wieder auf einer Ausstellung in Gothenburg; er überredete sie w'ede zu ihm zu ziehen - und sie tat es. Sie war ihm ergeben sic: hatteihn lieb, sie zog als seine Gesellschafterin zu ihm. Gr wurde damals schon im Rollstuhl gefahren. Und das alte Spiel begann non neuem. Gr unterjochte sie vom ersten Tage an, beherrschte ihren Willen; er band sie fest an feine faszinierende Persönlichkeit. Heftige Szenen folgten: bie f lösten in Zärtlichkeiten und in wilde Sumpfe ausarteten Streii igheiten die ausbrachen, rasch und heftig wie em Gewitter. Sie wollt« fort und kam nicht los; er hielt sie fest, zwang sie durch feinen Gfprit, fernen Witz, feinen Sarkasmus — und sie blieb. Gines Abends sand man sie am Strande Sie war ins Meer gcqmigen, und das Meer hatte sie zurückgeworfen auf tue SliPpen-JDer Dtakr verlieh das Haus; er ging nach Paris und ist dort bald gestorben ... Das war die Geschichte des Hauses am See, das so friedvoll in seinem Blumengarten lag, daß man glauben konnte, es träume einen füllen Das'Schicksal, das sich zwischen seinen Wänden abgespielt haft«, lebte noch darin und hing in feinen Möbeln und -lapeten. l h, . ausgeräumt und mit frischen Tapeten bezogen — die Atmofphareiener die darin gelebt hatten, wäre doch dann zurückgeblieben Die stirbt nicht aus; sie bleibt an den Wänden und nistet sich ein unter das Dach. Eine Woche später waren die grünen Laden “’^er ^Wloffen und auf dem Balkon des weißen, stillen Hauses hing ein Pappschild, das der Meerwind bewegte: Zu verkaufen ober zu vermieten! Schriftleitung: i. V. Dr. Fr. W. Lange, Gießen. — Druck und Verlag: Brnhl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange in Gießen Wie er aufsprang, war der Zwerg abermals verschwunden. Holzapfel jagte um die Ecke, in die Schreinergass« hinein. Da mußte er bemerken, daß der Zwerg an der Straßenecke stand. Der Polizist war an ihm vorbeigerast, und jetzt mußte er schnell einmal auf der Stelle treten, um bremsen zu können. „Halt!" brüllte der Polizist. „Halt!" Aber es war gar nicht mehr nötig, solch ein Aufhebens von der Sache zu machen. Denn der Junge stand plötzlich stocksteif da. Er schien sich überhaupt nie wieder von der Stelle rühren zu wollen. Er riß die Augen wie ein junger Vogel aus, und mit einem Gesicht, das der eigene, so ungewohnte Mut verzerrt hatte, sah er der schicksalshaften Hand entgegen, die sich ihm jetzt entgegenstreckte und der er keinen Charlie-Chaplin-Widerstand mehr bot. „Du bist verhaftet, du Aas du!" rief der Polizist, und er lachte in- zitterndem Triumph. „Ja", entgegnete Borst ganz leise, und er senkte das Haupt wie ein junger Heiliger, der geschunden werden soll. „Bitte führen Sie mich doch ab, Herr Polizist!" Der Polizist griff ihm nach den kleinen Handgelenken. Er zerrte den Uebeltäter gewaltig. Es tat so weh. „Du kommst auf die Wache! ... Besoffen in der Samstagnacht! ... Das will einmal ein Herr werden! ... Fein« Erziehung das! ... Borst antwortete nicht. Er trabte bescheiden und demütig neben dem Polizisten einher. Er gab nur acht, daß er mitkam, damit es an den Händen nicht so wehe tat. Aber Holzapfel richtete es so ein, daß er Borst bei jedem Schritt mit seiner Faust Schmerz bereitete. Doch das war für Borst das Wichtigste nicht. Er schielt ängstlich zu Holzapfel empor. Hörte er denn nicht, wie da in entfernten Straßen ein Wagen nach dem Botanischen Garten gezogen wurde? Aber Holzapfel gab auf keinen Wagen und kein Geräusch der Welt mehr acht. Man hatte ihm von oben einen Wink gegeben. Er hatte den Missetäter erwischt. Alles war aufs beste geordnet. Während Holzapfel Borst auf die Wache schleifte, schnupperte er hier und da in der Luft herum. Es roch schon wieder nach Farbe, und in der ganzen Gegend war kein Neubau. ,So etwas hat man an manchen Abenden', dachte Holzapfel. ,Wie ich in der Feuerstellung im Krieg war, hab' ich immer Hühnerleber mit Zwiebeln gerochen.' Er sah sich seine Beute an. Er bekam einen ganz träumerischen Gesichtsausdruck. Er dachte an die höhere Gehaltsstufe. Borst wurde in die Polizeiwachtstube gezerrt. Es war ein sachlicher, öd getünchter Raum, mit einem Dienstschrank aus gelb gebeizter Fichte, einem Tisch und Bänken aus dem gleichen Holz. In der Mitte hing eine elektrische Birne, die blendete. So", sagte der Polizist, und er warf Borst unter buschigen Brauen einen Rllbezahlblick zu. „Jetzt wirst du verhört, und dann kommst du ms Gefängnis!" , Borsts Herz erzitterte, vor Angst sowohl wie vor Freude. Solange er hier verhört wurde, konnten die Hopliten draußen ungestört kämpfen und siegen. Schon spürte er die Umarmungen und Küsse der Phalanx, die er durch seine List errettet hatte. Obwohl er plötzlich sehr müde war, so beschloß er doch, mit aller nur denkbaren Willenskraft, nicht dem Schlafe nachzugeben. „Name?" fragte der Polizist. . „Bitte?" fragte Borst höflich, und er zog die Stirn in Falten. Er sah wie ein Vogel aus, der seinen Hals über den Rand des Nestes reckt. Borst hatte die große Begabung, bald wie ein Affe, bald wie ein Vogel auszusehen, manchmal sogar wie ein Vogel und Affe zugleich ... „Bist du immer noch betrunken?" brüllte der Polizist. «„Deinen Namen, Bürschchen!" „Borst", entgegnete Borst. Der Polizist zögerte. Er wollte sich vor dem studierten Tertianer nicht Vorname oder Nachname?" fragte er, und er räusperte sich unsicher. Spitzname", entgegnete Borst leise, und er schlug die Augen nieder. Der Polizist überlegte. Er erinnerte sich, daß man bei Schwerverbrechern in einem Polizeibericht auch den Spitznamen niederzuschreiben P'leftr ließ sich ,Borst' buchstabieren und dann den Vornamen und den Familiennamen sagen. Er schrieb: ,Gibt als Spitznamen an: Borst. „Geboren?" ~ , Borst nickte ihm eifrig zu: Jawohl! Das eben war es! „Geboren?" brüllte Holzapfel. .. Borst zog den Kopf in die Schultern. Es war ihm ganz unmöglich, zu begreifen was der Herr eigentlich damit meinte. Während er über diese und ähnliche Fragen nachzudenken schien, hob er zuweilen die bleiche ((eine Stupsnase mit den übermüdeten, rötlich schimmernden Nüstern, und er spitzte die Ohren, ob er von dem Gang der Schlacht draußen etwas zu hören bekam. „ _ , , .... _ , , r., Dann begann er eine weitschweifige Fabel zu erzählen. Er habe sich verirrt Er sei aus Teicha gekommen und habe in den Schulstaat zurück- gewollt. Er nannte eine Menge ganz unsinniger Dorfnamen, die alle gar nicht hierhergehörten. Es waren kreuz und quer liegende Ortschaften im ganzen Bezirk. Er habe sich vorgenommen abzukürzen. Aber gerade beim Äbkürzen verliere man immer so viel Zeit, fügte er seufzend hinzu. Dem Polizisten schwirrte es vor dem Kops. Von Teicha über Berka, Lindenau, Wiesenau, Maiblum nach dem Schulstaat abkürzen und in Meineweh endigen? „In wieviel Wirtschaften eingekehrt?" .Bitte?" fragte Borst höflich, und er legte den Kopf zur Seite wie Josua, wen er ein Steinchen bekommen sollte. Diesmal wußte er wirklich nicht, was Holzapfel eigentlich meinte. Der Polizist grollte wie ein Raubtier. „In wieviel Schenken?" „In fünfzig", gestand Borst. Der Polizist riß die Augen auf. Er wiederholte, als gaukele ihm ein wunderbares Bild vor den Sinnen: „In fünfzig Wirtschaften!" Er fragte, während er lüstern den Bleistift beleckte: „Was getrunken?" Borst überlegte furchtsam. Was, beim Zeus, trank man denn in den Schenken? Schnell kam ihm die Erleuchtung. „Bier! Viel Bier!" „Auch Schnaps?" fragte der Polizist. Borst nickte eifrig, während er wiederum die Ohren spitzte. Sie mußten da draußen bald fertig sein und heimkehren. Heimkehren ohne ihn! Er blieb allein im Gefängnis zurück! Ihm war es, als höre er von fern den triumphierenden Gesang der von der siegreichen Schlacht zurück- kehrenden Tertianer. Ein kleines Weinen stieg in seiner Kehle auf. Holzapfel schnupperte mit seiner großen, fleischigen Nase an ihm herum. „Du riechst ja gar nicht?" fragte er mißtrauisch. Borst schluckte tapfer die Tränen herunter. „Bei mir riecht es nie, wenn ich saufe." Der Polizist sah ihn grüblerisch an. Immerhin, das kam wohl vor. „Jetzt möchte ich schlafen", flüsterte Borst, und er zog die Knie hoch, um sich auf der Bank auszustrecken. Holzapfel legte die Fäuste an die Schläfen. Er starrte Borst an, der ihm (eben Augenblick rätselhafter wurde. Sie sahen sich eine ganze Zeitlang in die Augen. Es war tief in der Nacht, und die beiden, der Polizist und der Knabe, blickten zueinander hin wie die schwermütigen Tiere im Botanischen Garten. Borst aber horchte zuweilen auf. Ihm war jetzt, als schleiche ein Kundschafter der Tertia vor dem Fenster einher. Der Polizist begann mit dem Bleistift zu spielen. Er sah verlegen zur Seite. Er wußte nicht, was er mit dem Knirps hier anfangen sollte. Schließlich war es ein Schüler des Schulstaates. Das war nicht die erste beste Persönlichkeit. Die Leitung war der größte Grundbesitzer des ganzen Bezirkes. Zudem war sie Patron mehrerer Kirchen. Sie war insgeheim mächtiger als manche Behörde ... Der Polizist begann das Protokoll zu verlesen. „Unterschreib bas mal hier", sagte er verlegen, unb er reichte Borst bas Protokoll hin. Gehorsam stanb Borst auf. Er unterzeichnete das Protokoll. Er hätte auch fein eigenes Todesurteil unterzeichnet. Da aber klopfte es an der Tür. Es klopfte so laut und energisch in der nächtlichen Stille, daß Holzapfel einen richtigen Schreck bekam. „Herein!" Der Große Kurfürst und Reppert standen tn der Tur. Borst liefen die seligen Tränen über die Backen. „Guten Abend, Herr Wachtmeister!" riefen der Häuptling und sein Adjutant frisch und geradezu militärisch, und sie rissen die blauen Mutzen vom Kops. „Wir wollten nur unsern Kameraden holen, der sich, verlaufen hat!" „Was?" fragte Holzapfel dumm. „Verlausen? "Jawohl'" rief der Große Kurfürst mit dem strahlenden großen Lächeln des sieggewohnten Imperators. „Wir machen zum Spaß mit einem unserer Lehrer eine Nachtwanderung! Wir suchen den BuHchen da schon seit einer Stunde! Herr Doktor Frey und die andern sind schon alle voraus!" ,, , , , Es ist später geworden als mir dachten, es geht heute alles brunur unb" brüber", sagte Reppert streng. „Das nächstemal muß alles besser ftaP,2lber bitte sehr, .verlaufen'!" protestierte Holzapfel. „Das ba hat er eben unterschrieben!" Unb er las das Protokoll von den Abkurzungen und den fünfzig Schenken vor. Die beiden Jungen machten große Augen. Verdrießlich wandte sich der Große Kurfürst an Borst, der durch geheimnisvolle Zeichen eine Verständigung anstrebte, indem er eine Art Taubstummen-Sprache zur Anwendung brachte. .Marsch! Heraus mit dir!" kommandierte der Große Kurfürst nut gelangweilter Stimme. „Was bindest du ba bem Herrn Wachtmeister sur einen Quatsch auf? Weißt bu nicht, baß es strafbar ist, einen hohen Beamten zu belügen?" _ m . „Das ist ber Dümmste von uns allen, Herr Wachtmeister , erklärte Reppert, als spräche ein Beamter zum anbern. „Sie müssen kein Wort glauben,' was ber einem erzählt. Der hat keine Spur von Drbnung in seinem Kopf." „Zerreißen Sie bas Protokoll, Herr Wachtmeister!' flüsterte ihm der Große Kurfürst zu, als rate er seinem besten Freunbe von einer Dummheit ab. „Sie haben nur Unannehmlichkeiten bavon, wenn Sie es zu Gericht geben. Man macht sich bann über Sie womöglich noch luftig!" Er fügte gelangweilt hinzu, weil Holzapfel so schwer begriff: „Sie sehen boch, baß ber nicht betrunken ist! Der prahlt bloß! Der hat m seinem Leben noch an keinem Bier ober Schnaps gerochen! Er riecht höchstens nach Farbe! Er scheint in einen Farbeimer gefallen zu fein! „Nun aber schnell!" tommanbierte Reppert, ohne die Entscheidung des Polizisten abzuwarten. „Herr Doktor Frey wird sonst ärgerlich!' Er wandte sich höflich an Holzapfel. „Haben Sie nicht ein Stück Strippe, mit dem mir ihm die Handgelenke binden können? Sonst kommt er uns auf dem Heimweg roieber aus." (Fortsetzung folgt.)