GieheimZamilien'olätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 50 Hreitaa, den 17. April Z ihrgang <951 Zitronenfalter im April. Von Eduard Mörike. Grausame Frühlingssonne, Du weckst mich vor der Zett, Dem nur in Maienwonne Die zarte Kost gedeiht! Ist nicht ein liebes Mädchen hier. Das auf der Rosenlippe mir Ein Tröpschen Honig beut. So muß ich jämmerlich vergehn. Und wird der Mai mich nimmer febn In meinem gelben Kleid. jein, erklärte sie energisch, über den slarkfädigen Bettbe; braunen Kinderaugen über die mit leisem Fieberrot beoccnen gangen. Der Arzt wollte mit der kleinen, schwierigen Patientin nun du Cnbe kommen. Das schwarze Täselchen am Kopfende des Bettes war noch leer- Zum dritten Male fragte er die Kranke ernst und energisch, wer sie sei. Er müsse ihre Angehörigen benachrichtigen. „Das geht ans keinen Fall!" sagte das Kmd bestimmt. „Ich sage es eben nicht, und ich kann es nicht sagen! .. Der menschenfreundliche junge Mediziner fahle väterlich zart ihre kleine, gesunde Hand. „Hast du noch beide Eltern, liebes Kmd? Ein dunkler Blick war die Antwort. Rein! Bloß noch meine liebe, liebe Mama! " „Nun also! Deine liebe Mama wollen wir eben benachrichtigen. Sie soll tominen und dich besuchen." Das Kind fuhr empor und bat entsetzt: ... „Nein! Nein! Bitte nicht! Bitte nicht! Meine Mama darf nichwissen, das; ich hier bin! Sie darf mich hier nicht sehen! Ach, bitte, lassen Ute mich doch nach Hansel" s2(rxt und (Scbrocfter scchen einander rotioo an. ,3ft deine Mama denn so streng?" fragte die lange Schwester "" Das^Kind legte sich mit beleidigter Miene in die Kissen 3»™» „Meine Mama ist lieb und gut, sagte sie mit unbeschreiblichem ^0 Der" Arzt winkte der Schwester, beiseite zu gehen und seine kleine Patientin noch einmal allein ins Gebet. Ihre Mutter würde sich sorgen und ängstigen, nicht wissen, wo sie bliebe. wollte. Biele Neugierige waren im Nu versammelt. „Wer ist sie nur?" , . Niemand wusste es. Die Kleine trug nichts an und bei sich, was einen Namen führte. Das zerbrochene, zerknickte Blumentöpfchen konnte nicht fugen, wo es gekauft war und wer es gekauft hatte. Ein Schutzmann hob das ohnmächtige Kind in eine Droschke und brachte es nach dem Hofpital. . Hier lag es nun, von Eisumschlägen und herzhaften Tropfen wieder ins Leben erweckt, mit entsetzten Augen, in den rotkarierten Kissen des eisernen Kinderbettchens, in ein rotweißes Hospitaliackchen gekleidet Ein junger Arzt und eine ebenfalls jugendliche Schwester standen zur Rechten und Linken der kleinen Patientin. Untersuchung und Operation waren beendet. Der Arm war gebrochen und man hatte ihn in Gips gelegt. Lange Kranken- und Geduldstage standen der Kleinen bevor. Sie mochte dies aus den Reden des Arztes und der Schwester heraus- gehört haben: eine verzweiselte Angst sprach aus ihren -äugen. Schon beim Erwachen, als man ihr aus ihre Frage nach dem Primel- stöckchen keine Auskunft geben konnte, hatte sie bitterlich geweint. Sie war eigensinnig aewefen, und wollte durchaus nicht sagen, wer ihre Eltern seien, wo sie wohnte, wie sie hich. . . ... „Ich kann nichtI Rein, ich kann mcht!" hatte sie immer wiederholt Während der Untersuchung war sie dann gegen alles Erwarten Helden- ^Nun^ aber wollte sie nach Hause. Bis zum Abend müsse sie zu Hause lein, erklärte sie energisch. Dabei fuhr sie mit der kleinen Hund unruhig ■rüg. Schwere Tranen rannen aus den ktar- die mit leisem Fieberrot bedeckten Wangen. 2Rofa Primeln. Von Frida Schanz. (Nachdruck verboten.) In einer nur mäßig belebten Vorstadtstrab« einer deutschen Stadt war etn [[eines Mädchen überfahren worden, als es, mit einem Primelstockchen im Arm, zwischen zwei Droschken hindurch über den Fahrdamm rennen Das hatte das Kind aber alles schon selbst überlegt. „Bis zum Abend ängstigt sich die Mutter nicht", sagte das Kind mit ernster Ruhe. „Ich war zu Irma eingclaben und durfte bis nach acht Uhr bleiben. Bloß, weil ich das Primelftöckchen im Blumenladen vorm Fenster fah, bin ich umgekehrt. Rosa Primeln hat meine Mama so gern. Nun ist es zerbrochen und fort. Aber wenn ich nur bis zum Abend nach Haufe komme, dann ist es gleich." Der Arzt sagte nun in festestem Ton, den er diesem lieblichen Geschöpf gegenüber aufbringen konnte: an heimkehren bis zum Abend sei nicht zu denken. Er habe übrigens mehr zu tun. Viele andere Kranke warteten auf ihn. Sie sollte machen und ihren Namen angeben, wie es zur Ordnung gehöre. Ihre Mutter müsse nun einmal erfahren, was geschehen sei. Oder ob sie es in der Zeitung lesen sollte? — lieber das Kind kam eine förmliche Ekstase der Erregung. ,st) Gott! Lieber Gott! Was soll ich nur tun?" rief «s ratlos aus. „Meine Herzensmama härmt sich über alles so! Sie können sich gar nicht denken, wie die ist! Sie hat sowieso seit acht Tagen soviel gemeint; Ich sehe es ihr immer an. Wenn nun noch etwas Trauriges kommt, das kann sie gar nicht aushalten!" Der Arzt sagte, immer aufmerksamer in das heißerregte Gesichtchen blickend: „Uiebes Kind — deinen Vornamen kannst du mir doch nennen.“ Sie überlegte und nickte. „Charlotte", sagte sie jetzt leise. „Liebe Charlotte! Willst du mir nicht eine Freundin oder einen Freund von euch bezeichnen, einen Verwandten, irgend jemand, der euch nahefteht, den wir bitten könnten, daß er deiner Mutter recht behutsam das Geschehene beibringt?" Die Kleine sann nach. „Nein!" sagte sie endlich, seufzend und langgedehnt. Dann stieg plötzlich eine Helle Röte in ihre Wangen. Ihre Augen begannen zu schimmern; ein liebevoller, verlegener Ausdruck legte sich um ihr Mündchen. „Jemand wüßte ich wohl..." „Nun also!" „Aber nein! Es geht doch nicht!" „Warum nun wieder nicht?! Wer, liebes Kind, wer?" drängte der Arzt. Sie besann sich noch und sagte bann mit eigentümlich zartem, verschämtem Ausdruck: „Onkel Kurt!" „Ein guter Onkel!" rief der Arzt erfreut. „Das ist ja prächtig! An den wollen wir gleich einmal schreiben! Der wird es deiner Mutter schon so sagen, daß sie nicht erschreckt. " Das Kind meinte mit grübelndem, sorgenvollem Ausdruck: „Ach nein, es wird nicht gehen!" „Ja, warum nicht in aller Welt? fragte der Doktor nun völlig zornig. „Onkel Kurt wird's nicht tun!" „Hat wohl keine Zeit, was?" Charlotte sah sich um, ob etwa eine der Schwestern ober eine der blaffen Kameradinnen aus den Nebenbetten herüberspähe, bann winkte sie ben Doktor zu sich heran unb flüsterte vertraulich: „Ich will's Ihnen sagen! Sagen Sie's nur ja niemanb weiter! Mama unb Onkel Kurt sind böse miteinander. Onkel Kurt kommt nie mehr zu uns — nie! Dechalb grämt sich ja eben Mama so. Ich weiß es doch." „Ah! Deshalb?" „Ja, deshalb!" Die Kleine nickte sehr ernst. „Denken Sie nur, Onkel Kurt ist jo gut. Er hat uns zuliebe alles aus Gefallen getan. Und Mama ist auch fo füß. — Unb sie können sich ja auch leiben, unb boch haben sie sich fo gestritten! Mama hat gezittert unb gemeint! Onkel Kurt ist gleich fo sehr, sehr hestigl Der kann zornig werben! — Ach Gott!, ach Gott! Gewaltsam ein Lächeln unterbrürfenb, sagte der Arzt: „Das ist schlimm! Das muß man nicht!" Das war ihr aber wohl schon zu viel des Tadels. ,^)h, er meint es nicht böse!" versicherte sie mit Wärme. „Ich weiß ja, was von allem der Grund ist, wenn ich mlr’s auch vor Mama nicht merken (offen darf. Sie sprachen ja aber manchmal fo laut — ich mußte e^ hören." Leise, wie ein Hauch, lispelte sie: „Onkel will nämlich mein Papa werden, unb Mama bentt, mein Papa im Himmel könnte döse barüber sein. Das ist es!" "ga' unb Mama meint auch, Onkel labe sich eine zu große Last auf mit" uns. Darüber mürbe Onkel so furchtbar zornig. Er hat bie arme Mama gescholten, unb sie hat gesagt, sie könnte so etwas nicht aushalten, bas fei ihr Tob. Er solle nie roieberfommen, wenn er sie so quälen wolle. Unb ba ist er gegangen, für immer. Deshalb ift’s ja boch unmöglich, daß wir ihn zu Mama schicken — nicht wahr?" Der Gefragte entfchieb sofort mit der ganzen Energie ber höheren unb besseren Einsicht: „Nein, bas ist burchaus nicht unmöglich." „Er wirb gehen? Meinen Sie?" ,Er wird gehen! Ganz bestimmt!" „Aber wie wirb Mama erschrecken, wenn sie ihn sieht! „Na, laß bas nur gut sein!" deutlich was sie ihm leise und liege im Hospital; mein Arm ist Lieber Onkel, komm doch gleich Deine Lotte." ein Geheimnis preis. Dann sagte „Und die Adresse?" Charlotte zögerte noch, als gäbe sie sie, jede Silbe betonend: „ . . , „Herrn Rittmeister von Nostiz, Alleestraße drei, Hochparterre. Der Brief wurde durch Boten bestellt und traf den Adressaten zum Glück zu Hause. Es dauerte keine halbe Stunde, so war er zur Stelle. Der junge Midiziner war noch im Saale beschäftigt und empfing ihn °n Der Rittmeister, eine hagere, hohe Gestalt mit wetterbraunen Zügen und eigentümlich tiefem, blitzendem Blick, war in sichtlicher Bewegung. Das war noch ein Handdruck, mit dem er dem Doktor seine beruhigenden Worte lohntet Er sagte mit einem hörbar tiefen Atemzuge: „Gott sei Dank!", und wollt« dann fröhlich, mit einem tröstlichen Scherz, auf Lottchens Bett zugehen. , ± Aber der Anblick der blaffen Kleinen im groben, bunten Armennachtzeug, mit der Armbinde, dem nassen Tuch um das Köpfchen, dem Liebesblick in den fieberheißen Augen, der Lysol- und Clorosormgeruch ist Die verschiedenartigsten Berwandtschaftsbeziehungen verknüpfen ihn mit seiner Umgebung; er ist der Vater, der Gatte, Schwiegersohn und in einigen Ausnahmefällen auch der Großvater. . .. A Seit Ende Oktober stehen die Kuh« in diesem Stall, lebendige Mllch- maschinen eines kalkulierten Betriebes, werden mit Kraftfutter versorgt nach Maßgabe ihrer Milchleistung; ja es ist sogar wie in der Schule: die besten bekommen leckere Prämien. Aber die Monotonie ihrer Tage geht nun zu Ende; ich glaube fast, sie spüren es, denn seit die Fruhlings- sonne zu den kleinen Fenstern hereinscheint, werden ihre Rufe lauter und ^°^Ende'Äprll springt das Stalltor auf; die Halsbänder werden von den Futtertrögen losgemacht, und in langem Zug trollen die Kühe hinaus auf die Weidekoppel, brauchen nun nicht mehr in Reih und Glied zu stehen, zu warten, bktz die „Schweizer" das Heu und die Ruben ß^bei- karren. Gottes chöne Natur gehört ihnen, das saftige Gras und die vielen süß, herb, würzig und bitter schmeckenden Blumen und Krauter. Aller Zwang ist vorüber: Tag und Nacht, während die Lerche singt und das Käuzchen schreit, können sie nach eigenen Regungen weiden, springen und schlafen. Zwei Wassertümpel gehören zu ihrem Reich und viele sthatten- spendende Bäume. ' ..... «. Jenseits ihres Koppelzauns, auf der Nachbarwiese toben die Kalber, die sie während der Wintermonate geboren haben und nur einen Tag bei sich behalten dursten. Damals schrien die Kuhmütter und klagten eine ganze Nacht, wenn die Kleinen sortgesührt wurden in den Gemelnschafts- raum. Nun ist man sich sremd geworden, reibt nur zuweilen über den Stacheldrnht hinweg die weichen Muffeln aneinander. Während ich diese Zeilen schreibe, geht vor den Fenstern meiner kleinen Bauernstube ein glutrotes Leuchten über den Himmel, die Sonne sank eben unter den Horizont. Bon der Birke schwingt sich ein Star in die Luft und singt melodisch einen Gruß an den Frühling. Aber noch ist es nicht ganz so weit, grau und leer liegt die Koppel, und wir werden heute wieder eine kalte Nacht bekommen, obwohl um die Mittagszeit warm, ja sogar heiß die Sonne schien. Trotzdem treffen Tag um Tag Scharen von Zugvögeln ein — in Erwartung des Frühlings. Mit hellem Trompeten kam gestern das Kranichheer, immer wieder schwebte ein dunkler Keil aus schlanken Jßogcb leibern über das Hausbuch, und unter vielstimmigen Krah-krah-Lauten kreisten sie mehreremale über dem See, fielen dann am Wiesenhang em, achten sich Nahrung — und vielleicht schon Nistgelegenheiten. Auch die Finken sind schon da, die Lerchen, vom Star ganz zu schweigen Die Rohrdommel dröhnt am Abend mit dumpfem Schlag, und Kiebitze sehe ich auf allen Wegen. Schnepfen streichen, über den Wald- s säum; es ist geradezu ein Gewimmel in der Lust und im Gezweig^ Und ein dauerndes, immer wech elvolleres Konzert. Denn auch die, totnbb vöael rühren sich jetzt mehr; ie müssen ja gegen die Neuankömmlinge ihr Ouartier behaupten; jedes ucht jein Nest, einen Schlupfwinkel, eine Röhre, ein Astloch, um zu brüten, sobald der Frühling wirklich ein- gezogen ist. , . Nun handelt es sich nur noch um Tage, und auch das Futtersuchen bereitet keine allzu großen Schwierigkeiten, denn schon gaukeln Mücken durch die Luft und fette Spinnen krabbeln über das vorjährige Laub. Aber vor drei Wochen, als die ersten Wildgänse durch den Nebel und Schnee dahergezogen kamen, war manche Not im Reich der Zugvögel. Wir fanden eines Abends zwischen Scheune und Schuppen einen Kram- ! metsvogel schwach und flugunfähig vor Kälte und Hunger, sichere Beute der Katzen. Die schöne braunweißgesprenkelte Drossel ließ sich unschwer greifen, und ich trug sie in meine warme Stube. Das kleine Vogelherz schlug in schauerlicher Hast, und nach einer Weile sank die Drossel in meinen Händen müd zur Seite, der Flügel spreizte sich, das Köpfchen schlug ruckartig nach links und rechts, und ans dem geöffneten Schnabtt zuckte der Atem. Immer stiller wurde es um die arme Kreatur; plötzlich bewegten sich die Füße schnell, als wollten sie den Körper forttragen, alle Krallen zogen sich zusammen und gingen wieder auseinander, der Glanz wich aus den kleinen schwarzen Augenperlen, und das winzige - Gefieder an der Kehle bewegte sich nicht mehr — tot. Noch einen anderen verfrühten und notleidenden Zugvogel habe ich für einige Stunden beherbergt, ein erschöpftes Wasserhuhn. Es stand schutzsuchend am Hauseingang, wallte die Brotkrumen und Kohlstucke nicht fressen, die ich ihm aus der Küche holte. Aber ruhig saß der wildlebende, sonst scheue Bogel in meiner Stube, ließ fein schwarzsamtiges Gefieder streicheln und die seltsam breitlappigen Schwimmfüße betrachten, das Stirnschild, das in seiner spitzen Keilform elfenbeinweih auf dem fchwarzen Kopfe ruht. Schließlich schien sich das Wasserhuhn in der Stille und Wärme gekräftigt zu haben, flatterte zum Fenster, pickte gegen die Scheiben, wallte fort. Ich öffnete ihm und ganz gemächlich watschelte mein Gast über den Schnee der Tannenschonung zu, nächste Etappe auf dem Weg zum Frühling. * Alle Tiere warten auf den Frühling! Bald wird auch der große Schafstall leer und verlassen sein, in dem ich so oft als einziger Mensch unter dreihundert wolligen Tiergeschöpfen stand, dem vielstimmigen Mähgeblöck lauschte und versuchte, sestzustellen, welche Lämmer zu welchen Müttern gehörten. Die alten Tier« sind grau, schmutzig gelb und einige gor dunkelbraun. Alle Haden sie milde Gesichter von ägyptischem Schnitt. Weiß wie Schnee sind die Lämmchen; ihr Fell faßt sich an, als sei es dicke weiße Seide. Aber trotz ihrer zerbrechlichen Schlankheit, sind diese Lämmer recht lebendig, Hüpfen in munteren Sprüngen, und auch die Neugeborenen ’ stoßen schon^ganz robust nach dem mütterlichen Euter. Der Schafstall hat mich manche trübe Wi"terstunbe froh gemacht. Eine gelbweiß gestromte Katze lebt hier, jagt Mäuse und Ratten, windet t sich wie eine Schlange durchs Stroh, springt hinauf zum Hürdengeländer , und balanciert über den Schafen hinweg auf dem schmalen Gesims, i d-e Schwanzfahne steil nach oben gereift. Es ist, als nehme eine graziöse : Königin die Parade ab, denn wo die Katze auch geht, wenden sich ihr die : . Köpfe der Wolligen zu, deschiiuppern ihre weichen Pfötchen, so daß M um sie her übermannten ihn. .. .... Er fuß eine ganze Weile stumm neben dem Bett, umfaßte nur zärtlich die kleine freie Hand, liebkoste die schmalen Wangen und das unter der Kompresse vorguellende feinfädige Haar. Man sah, mit dem zartesten Empfinden seiner Seele hing er an diesem Kinde. Erst nach einer Weile begann er sie herzhaft zu schelten: „Was machst du für Streiche, du leichtsinniges, schreckliches Kind!" Sie erzählte klar und verständig, wie alles gekommen war, bat ihn, zur Mama zu gehen, und schalt ihn dabei herzhaft wieder: „Wie konntest du neulich eigentlich so böse sein? Wie hast du uns so lange vergessen ; können?" . m Er sagte bitter: „Ich wollte nie wiederkommen. Deine Mama mag mich ja nicht!" 1 „Ach, du!" verwies sie ihn ganz aufgebracht. Und bann fand leise und flüsternd, in wenigen Sekunden, eine lange, inhaltreiche Unterredung : statt. Sie hatte ihm unter Schlucken und Schluchzen viel zu sagen. Ihr Herz war so schwer. Alle Tränen, die ihre vergötterte Mutter in den letzten Tagen geweint hatte, lasteten darauf. Für ihn aber klang aus diesem altklugen Kindergeflüster das höchste Erdenglück. Heller und heiterer wurde sein dunttes Antlitz mit jedem Wort. „Und nicht wahr, Onkel, nun gehst du rasch zur Mama und sagst es . ihr, weiht du, Jo recht gut, recht still, was mit mir geschehen ist, tröstest sie und redest ihr's aus, wenn sie sich härmen soll, und bringst sie mit zu mir?" bat die Kleine schließlich. Er versprach es ihr mit festem Handdruck. Als er gegangen war, verfiel die kleine Kranke in einen tiefen, süßen Schlaf. I Fest lag sie in glücklicher Betäubung. Sie hörte ferne Glockenspiele > tönen und sah ganze Felder voll rosa Primeln unter lichtblauem Himmel. Die Sonne schien, alles war so hell, so glücklich — ihr sorgendes Kinder- leid lag ihr so fern. Sie konnte sich nicht einmal aufraffen, als eine weiche, leise, tränenverhüllte Stimme erklang, die sie nach Stunden beim Namen rief. Aber sie lächelte im Traum. Sie wußte durch den Fieberschleier hindurch genau, daß es die Mutter war, die neben ihr sah und daß die Mutter über den Schmerz, den sie jetzt um sie sühlte, bald gut wegkommen würde. Onkels Stimme klang so mild zu ihr: von baldigem Gesunden und kurzem Leid. Und sie antwortete ihm so freundlich, so dankbar. Die beiden waren einander nicht mehr böse. Tiere warten auf den Frühling. Bon Paul E i p p e r. (Nachdruck verboten.) Seit Monaten lebe ich auf einem einsamen Gutshof zwischen Wald und Seen, und während dieser langen Zeit habe ich wohl weniger Menschen gesehen als mancher auf seinem täglichen Weg vom Büro nach Hause. Aber vieles Getier ist um mich, in Ställen, unter freiem Himmel, im Moor und Tannengrund, gefiebertes und fellverhülltes. Wir haben gute Kamerabschast miteinander gehalten, uns redlich bemüht, die Wochen der Kälte und des Schnees zu Überwinden. Manche Stunde bin ich in jenem langgestreckten niedrigen Gebäude gewesen, wo zu zwölfen in einer Reihe die schwarzbunten Kühe stehen, sauber gepflegt auf sauberem Stroh. Es ist nicht sehr licht in diesem „Saal", wenn man aus der Winterhelligkeit kommt; aber ein anheimelnder Dunst von Milch und Wärme weht einem entgegen, und geheimnisvoll« Geräusche — monotones Schnarren, Mahlen und Rascheln, leises Kettengeklirr — beschäftigen das Ohr. Allmählich schauen uns aus dem Dämmer die großen dunkelglänzenden Kuhaugen sonst und fragend an; neugierig sind diese Tiere und immer wieder brummt da oder dort ein tiefes, langgedehntes Muh. Ader über her Stille, die von den kleinen Naturgeräuschen untermalt wird, schwingt herrisch und fast wild ein immerwiederkehrender Laut, als ob ein Nebelhorn kurze, scharfe Warnungstöne von sich gebe. Das ist die Stimme des riesenhaften, zwanzig Zentner schweren Bullen, der „König" heißt und in Wahrheit der Herrscher dieser hundertachtzig Kühe diktiert«: „Lieber guter Onkel! Ich bin überfahren worden und gebrochen. Mama weiß gar nichts, einmal zu mir! Mit Gruß und Kuß .Aber wenn sie hört, was mit mir geschehen ist? Das wird er ihr so schonend sagen, wie irgend möglich! Verlaß dich darauf! Komm, Kind, wir wollen gleich einmal an >hn schreiben! ,Also ja, wenn Sie meinen! Er soll rasch zu mir kommen, eh er zur Mama geht. Ich muß mit ihm reden." ’ . . .... , . .on Im nächsten Augenblick hatte der gute Doktor ein Snefblatt und den Tintenstift bei der Hand und schrieb, was sie ihm leise und b-mü.ch zuweilen den Eindruck habe, als werde das Katzentier getragen von der rhythmischen Woge der emporgereckten Köpfe meiner Schafe. Die Katze bleibt im Stall. Der fchwarzrote Spitzhund wird jetzt die Herrschergewalt über die Schafe bekommen und unter seinem Kommando ziehen sie alle hinaus zum Seegelände, am Amtmannsbruch vorbei, dem Weideplatz entgegen. Vielleicht, daß dann ein Storch neben ihnen stolziert, auf Frösche hungrig: auch die Rehe werden am frühen Morgen erscheinen, denn sie äsen gern zwischen Wald und See, wenn die Wiesenblumen blühen. Jeden Samstagabend ersteht für den tierliebenden Menschen die größte Freude. Da werden die schweren Ackerpferde befreit von Zaum und Joch, alles Geschirr bleibt zurück, und über den Gutshof braust mit schrecklichem Gepolter «ine wilde Jagd. Unsere fünfundzwanzig Gäule toben am Park vorbei auf die Wiese, werfen sich voll Uebermut und Freude ins Gras, wälzen sich und wissen nicht, wohin mit ihrem Temperament. Das ganze Wochenende verbringen sie so und kommen am Montagmorgen um vier Uhr willig zurück, sobald der Vorknecht ruft. Ich meine, dicfe schweren Pferde, die ja im Winter auf vereisten und auf grundlosen Wegen besonders harte Arbeit verrichten müssen, sie freuen sich am meisten aus Frühling, Sonne und Freiheit. Ein Weltbuch wandert... Aus der Geschichte des Robinson. Von Dr. Bertha B a dt. Die Kinder, sie hören es gerne... Immer noch hören sie es gern«: trotz des vielgeliebten „Emil" mit feinen Detektiven, trotz Peterchens Mondfahrt, trotz Kays rätselhafter Erscheinung aus der Kiste, trotz Piks Reise nach Amerika — gebt einem rechten Jungen von acht bis zehn Jahren den alten Robinson in die mehr oder weniger tintenbekleckste Hand — und nach zwei Stunden werdet ihr ihn mit feuerroten Backen und widerwillig beim Abendbrottisch auftauchen sehen. Es muß freilich der echte alt« Robinson sein — etwa in einer von den unzähligen kürzeren Bearbeitungen; nicht etwa der moraltriefende „Robinson der Jüngere" des ehrsamen I. H. Camp«, obwohl auch der bis vor kurzer Zeit immer wieder neu aufgelegt und bunt bebildert wurde. Und dabei ist der Robinson-Stoss so alt wie der Böhmerwald. Aelter — wenn möglich. Denn eigentlich war der erste Mensch zugleich schon der erste Robinson. Als Adam einst, von dem tzlammenschwert des Engels vertrieben, den Garten Eden verlassen mußte — schon damals ließ er das Reich der Kultur hinter sich, gebahnte Wege, lockende Früchte, rieselnde Quellen. Und vor ihm lag die Wildnis, der er, nur mit „Kopf und Händen" bewaffnet, karge Nahrung und karges Obdach abringen mußte. Das Robinson-Thema gehört der Weltliteratur an, taucht zuerst in morgen- ländischen Erzählungen auf, findet sich dann hier und da in mittelhochdeutscher Dichtung, aber erst das Zeitalter der Entdeckungsreisen und Weltfahrten, da immer neue Ansiedlungen in Amerika und auf den Südsee-Jnseln von fabelhaftem Reichtum und ungehobenen Schätzen berichteten, bracht« den Stoff recht zur Reife. Damals begann man allenthalben nach abenteuerlichen und seltsamen Reisebeschreibungen zu verlangen. Waffengeklirr in der Heimat, Unsicherheit aller bestehenden Lebensbedingungen erregt« die Gemüter und trieb manchen, neues Glück in unbekannter Ferne zu suchen: kehrte der Seefahrer dann nach Jahren wieder heim, so brachte er sicherlich eine Füll« von selbst geschauten und erlebten Abenteuern mit, denen die Daheim- gebliebenen mit heißer Begierde lauschten. Nichts kennzeichnet deutlicher die Bereitschaft des Zeitalters für diesen Stofs als die Tatsache, daß damals einer seine ganze, rühm- und geldreiche Laufbahn auf dieser Zeit- stimmung aufbaute. Zur selben Zeit, da in England der Robinson Crusoe erschien, lebte in Frankreich jener merkwürdige Mensch, der sich Psal- manazar nannte und kurzerhand eine ausführliche Darstellung feines angeblichen Geburtsortes, der Jnfel Formosa, samt einer Grammatik einer von ihm erfundenen Formosaner Sprache veröffentlichte. Geld und Anerkennung strömten ihm von allen Seiten zu: und bis heute wüßte niemand von dieser grandiosen Fälschung, wenn dem angeblichen Weltreisenden nicht im Alter das Gewissen erwacht wäre und er selbst seine Fabeleien aufgedeckt hätte. Auf solchen von Märchenlust und Abenteuerbegierde durchpflügten Boden fiel die Saat des Daniel D e f o e. Es ist gewiß kein Zufall, daß mitten unter einem Volke, das der Schiffahrt so eifrig sich hingab wie das englische, der Mann erwuchs, dem wir die noch jetzt klassische Ausprägung des uralten Stosses verdanken. Daniel Desoe, der vor zwei Jahrhunderten — am 26. April 1731 — starb, war ein Mann, der des Lebens Not und des Glückes Wandelbarkeit am eignen Leide höchst schmerzhaft erfahren hatte. Dreimal hatte er öffentlich nach der harten Rechtsprechung jener Tage am Pranger stehen müssen, um für feine bitterste Streitschrift im politisch-religiösen Kampfe der Zeit zu büßen. Da macht ihm wohl als Wunschbild jene Insel Robinsons aufgetaucht sein, deren farbigen Abglanz er uns bann, als er sich müde von all dem Lärm aus der politischen Arena zurückgezogen hatte, in seinem Buche „Leben und seltsame Abenteuer Robinson Crusoes" hinterließ. Gewiß haben ihn die (Erinnerungen jenes Matrosen Alexander Selkirk, uie ihm wohl nicht im Manuskript Vorlagen, sondern bei einem Glase Ale von dem tapferen Seemann selbst erzählt wurden, angeregt. Aber der Kern seines Buches — soviel ist heute klar geworden — gehörte Desoe selbst — und damit das Geheimnis seines beispiellosen Erfolges. Desoe hatte für den Robinson nach langem Suchen eines Verlegers mit Mühe und Not zehn Pfund Sterling bekommen: es dauerte nicht lange so war das Buch in aller Händen und in alle Welt|prachen übersetzt. In Arabien und in der Wüste, in Paris und in Petersburg — überall las man den Robinson Crusoe. Ganz besonders gern >n Deutschland, wo schon 1720 die erste Uebersetzung erschien und wo jeher Stand und jeöes Geschlecht bald seinen eignen Robinson haben wollte: da war ein brandenburgischer und ein böhmischer Robinson, ein buchhandlerischer und ein ’tlirtjer — und es fehlte nicht an einer „Jungfer Robinson . Worin bestand das Geheimnis dieses Welterfolges? — Nicht nur weil hier das rechte Buch zur rechten Zeit erschien, weil die unruhvollen, wagelustigen Menschen des Entdeckungszeitalters hier das Spiegelbild ihrer eignen Wünsche und Träume erblickten: sondern sicher auch deshalb, weil Desoe es verstanden hatte, in dieser Abenteurergeschichte in kleinem Ausschnitte etwas wie den Kulturgang der Menschheit als Ganzes zu schildern: den Kampf um die Bezwingung der Naturgewalten, die Entwicklung vom Einzetteben zum Gemeinwesen. Es ist bekannt, daß kein Geringerer als Rousseau auf den hohen pädagogischen Wert hinwies, der dieser einfachen Erzählung innewohne: ein Buch ist es, das lange Zeit ganz allein den Bücherfchatz feines Emile bilden solle — nicht Aristoteles, nicht Plinius, nein: Robinson Crusoe. Seitdem stürzten sich die Pädagogen auf diese Abenteurcrgeschichte. Schon vorher hatte die deutsche „Insel F e l s e n b u r g" das alte Thema nach dem deutschen Vorbilde des Grimmelshausenschen Simplicius mit sozialem Bewußtsein zu durchtränken versucht: jetzt ist die wüste Robinson-Insel nicht mehr Exil, ungern ertragene Verbannung — sie wird vielmehr zum Asyl, zum Ruheplatz redlicher Leute, die aus der ränkevollen, politischen Welt flishen wollen. Dadurch schon verändert sich im moralischen Deutschland merklich das Bild des unbekümmert fabulierenden englischen Robinson. Robinson bleibt immer ein Matrose und Abenteurer, wenn er auch ein wenig Didaktik geschluckt hat: Albertus Julius aber, der Held der Insel Felsenburg, — das ist schon ein Bürger aus dem Land Utopia. Schnabels „Insel Felsenburg" ist heute vergessen, trotz der eindringenden Studie, die ihr Brüggemann vor einigen Jahrzehnten widmete — viel größeren (Erfolg hatte die Umwandlung des Robinson Crusoe zum Kinderbuch, die der schon genannte I. H. Camp e, der bekannte Schulreformer des 18. Jahrhunderts vollendete. „Robinson der Jünger«, zur angenehmen und nützlichen Unterhaltung für Kinder" heißt fein Buch. Hier ist nun wirklich nur noch ein höchst schattenhaftes Abbild des alten blutskräftigen Robinfon Crusoe zu finden; zum Entgelt für die entgangene Phantastik hören wir aber jetzt manche Strafrede gegen die „Seelenfeuche" der Zeit — das Empfindsamkeitsfieber. Robinfon im Kampfe mit Werther: das ist das Leitwort der Aufklärungs-Pädagogik. Jetzt wird der Robinfon zum Erziehungsmittel. Und so erschreckend langweilig uns auch diese moralische Verwässerung des alten kraftvoll farbigen Buches vorkommen will — respektvoll stehen wir vor der Tatsache, daß auch Campes Robinson 120 Auflagen erlebte und in 25 Sprachen übersetzt wurde. Seitdem hat auch das 19. Jahrhundert nur schwer die pädagogischen Eierschalen abftreifen können, die an dem alten Robinfon hasteten. Zumal nicht in Deutschland. Eher schon in Frankreich, wo der große Wiederentdecker des Abenteuerromans Jules Verne drei feiner phantastischen, luftig gefügten Romane der Anregung durch das Robinson-Motiv verdankte. „Die Schule der Robinsons" spricht es deutlich aus; aber auch in der „Geheimnisvollen Insel" und in „Zwei Jahre Ferien" ist es spürbar. In England führte den Kapitän M a r r y a t der alte Robinson zu einem trefflichen Jugendbuche Masterrnan Ready, das noch heut als „Sigismund Rüstig" in den Händen unserer Jungens zu finden ist. Aber erst in der jüngsten Gegenwart entdeckte man auch in Deutschland wieder unter dem Druck einer ähnlich ungewissen und an den Grundfesten rüttelnden Zeit den Kern, der im alten Robinson lebte — das Abenteuer. Piraths Insel von Norbert Jaques — und vor allem die geistvolle „Jungfer Robinson", die Gerhart Hauptmann in seiner „Insel der großen Mutter" uns malte, zeigen bald in verhülltem Spotte, bald in ekstatischer Dichtung, welche kulturkritischen Keime noch ungehoben in der alten Robinson-Fabel schlummern. Aehnliche Zeit gebiert ähnlich« Menschen. Erst in unserer Zeit wieder erscheinen unter uns Menschen, die die Robinsonaden nicht nur schreiben, sondern die sie erleben. Da ist der vielgenannte Arzt Dr. Ritter mit seiner tapferen Gefährtin, der sich auf die Galapagos-Jnseln zurückzog, um wie einst der Held Felsenburg, „der Kabale" zu entgehen — und dem die sensationslustigen Amerikanerinnen in ihren Luxusjachten nun bald fein Dorado verleiden. Da ist vor allem der Edelste der Robinsone, der Musiker, Orgelbauer, Arzt Albert Schweitzer, den aller Wohlklang abendländischer Musik nicht hindern konnte, das Reich der Städte zu verlassen und den Söhnen des Urwalds feine ärztliche Kunst zu spenden. Es ist der Stolz unserer Zeit, diese altneue Ausprägung der Robinson-Gestalt erlebt zu haben. Meister Martin der Küfner und seine Gesellen. Erzählung von E. T. A. H o f f m a n n. (Sortierung.) Nun lagt mir doch ganz unverhohlen, liebe Rosa, wer von den drei Gesellen Euch am besten gefällt!" — „Fragt", erwiderte Rosa, , fraat mich nicht so verfänglich, liebe Frau Marthe. Doch so viel ist gewiß, daß es mir mit Reinhold gar nicht fo geht wie Euch. Zwar ist es richtig, daß er ganz anderer Art ist als seinesgleichen, daß mir bei seinen Gesprächen zu Mute wird, als tue sich mir plötzlich «in schöner Sorten auf voll herrlicher, glänzender Blumen, Blüten und Früchte, wie sie auf Erden gar nicht zu finden, aber ich fchaue gern hinein. Seit Reinhold hier ist, kommen mir auch manche Ding« ganz anders vor, und manches, was sonst trübe und gestaltlos in meiner Seele lag, ist nun fo hell und so klar geworden, daß ich «s ganz deutlich zu erkennen vermag." Frau Marthe stand auf, und im Davongehen Rosa mit dem Finger drohend, sprach sie: „Ei, ei, Rosa, also wird wohl Reinhold dem Ausermählter sein? Das hatte ich nicht vermutet, nicht geahnt!" — „Ich bitte Euch", erwiderte Rosa, sie zur Türe geleitend, „ich bitte Euch, liebe Frau Marthe, vermutet, ahnet gar nichts sondern überlasset alles den kommenden Tagen! Was die bringen, ist Fügung des Himmels, der sich jeder schicken muß in Frömmigkeit und Demut." — In Meister Martins Werkstatt war es indessen sehr lebhaft worden. Um alles Bestellte fordern zu können, hatte er noch Handlanger und Lehrburschen angenommen, und nun wurde gehämmert und gepocht, daß man es weit und breit hören konnte. Reinhold war mit der Messung des großen Fasses, das über das Feld. um eben solch zur Bildsäule. (Fortsetzung folgt.) - Druck und Derlag: Brühl'sche UniveriitätS-Duch. und Steindruckerei. K Lange. Dieben. Derautwortiich: 0r. tzan« Thyriot. aus dem Herzen tragen, mich damit schmücken werde wenn ich — doch sie wird vielleicht künstig von mir hören! Lebt wohl, lebt wohl, ihr meine lieben, wackern Gesellen!" — Damit rannte Konrad unaufhaltsam fort Reinhold sprach: „Es ist was Besonderes mit diesem Jüngling, wir können seine Tat gar nicht abwägen oder abmessen nach gewöhnlichem Maßstab. Vielleicht erschließt sich künftig das Geheimnis, das aus seiner Brust lastete." So lustig es sonst in Meister Martins Werkstatt herging, so traurig war es jetzt geworden. Reinhold, zur Arbeit unfähig, blieb ins einer Kammer eingeschlossen, Martin, den wunden Arm in der Binde, schimpfte und schmälte unaufhörlich auf den Ungeschick des bösen Hemden Gesellen Rosa selbst Frau Marthe mit ihren Knaben, scheuten den Tummelplatz des tollen Beginnens, und so tönte dumpf und hohl wie im einsamen Walde zur Winterszeit der Holzschlag, Friedrichs Arbeit, der nun da» große Faß allein mühsam genug fördern mußte. Tiefe Traurigkeit erfüllte bald Friedrichs ganzes Gemüt denn nun glaubte er deutlich zu gewahren, was er längst gefürchtet. Er trug keinen Zweifel, daß Rosa Reinhold liebe. Richt allein, daß alle Freundlichkeit, manches süße Wort schon sonst Reinhold allein zugewende wurde so mar es jetzt ja schon Beweises genug, daß Rosa, da Remhold nicht hinaus konnte zur Werkstatt, ebenfalls nicht mehr daran dachte heraus- zugehen und lieber im Hause blieb, wohl gar um den Geliebten recht sorglich zu hegen und zu pflegen. Sonntags, als alles luftig hinauszog, als Meister Martin von seiner Wunde ziemlich genesen, ihn einlud, mit ihm und Rosa nach der Allerwiese zu wandeln, da lief er, die Einladung ablehnend, ganz vernichtet von Schmerz und banger Liebesnot, einsam heraus nach dem Dorfe, nach dem Hügel, wo er zuerst nut Reinhold zusammengetrosfen. Er warf sich nieder in das hohe blumichte Gras und als er gedachte, wie der schöne Hoffnungsstern der 'hm vorgeleuchtet au seinem ganzen Wege nach der Heimat, nun am Ziel plötzlich in tiefer Rächt verschwunden, wie nun sein ganzes Beginnen dem trostlosen Muhen d s Träumers gleiche, der die sehnsüchtigen Arme ausstrecke nach leeren Luft- qebilden, da stürzten ihm die Tränen aus den Augen und herab aus die Blumen die ihre kleinen Häupter neigten, wie klagend um des jungen Gesellen herbes Leid. Selbst wußte Friedrich nicht, wie es geschah, daß die tiefen Seufzer, die der gedrückten Brust entquollen, zu Worten, zu Tönen wurden. Er sang folgendes Lied: „Wo bist du hin, Mein Hoffnungsstern? Ach mir so fern, Bist mit süßem Prangen Andern auf gegangen! Erhebt euch, rauschende Abendwinde, Schlagt an die Brust, Weckt alle tötende Lust, Allen Todesschmerz, Daß das Herz, Getränkt von blut'gen Tränen, Brech' in trostlosem Sehnen! Was lispelt ihr so linde, So traulich, ihr dunklen Bäume? Was blickt ihr goldn« Himmelssäume So freundlich hinab? Zeigt mir mein Grab! Das ist mein Hoffnungshasen, Werd' unten ruhig schlafen." Wie es sich denn wohl begibt, daß die tiesste Traurigkeit, findet sie nur Tränen und Worte, sich auslöst in mildes, schmerzliches Weh, ja daß bann wohl ein linder Hoffnungsschimme. durch die Seele leuchtet, ' so fühlt sich auch Friedrich, als er das Lied ge(u "en, wunderbar gestärkt und ausgerichtet. Die Abendwinde, die dunklen Bäume, die er im Liede angerufen, rauschten und lispelten wie mit tröstenden Stimmen, und wie süße Träume von ferner Herrlichkeit, von fernem Gluck zogen goldne । Streifen herauf am büftern Himmel. Friedrich erhob sich und stieg den ' Hügel herab nach dem Dorse zu. Da war'es, als schritte Reinhold wie damals, als er ihn zuerst gefunden, neben ihm her. Alle Worte, tue Reinhold gesprochen, tarnen ihm wieder in den Sinn. Als er nun aber der Erzählung Reinholds von dem Wettkampf der beiden befreundeten Maler gedachte, da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Es war ja ganz gewiß, daß Reinhold Rosa schon früher gesehen und geliebt haben mußte Rur diese Liebe trieb ihn nach Nürnberg in Meister Martins Haus und mit dem Wettstreit der beiden Maler meinte er nichts anders als beider, Reinholds und Friedrichs, Bewerbung um die schone Roch. —. Friedrich hörte aufs neue die Worte, die Reinhold damals sprach: Wacker ohne allen tückischen Hinterhalt um gleichen Preis ringen, mutz wahre Freunde recht aus der Tiefe des Herzens einigen, statt sie zu entzweien' in edlen Gemütern kann niemals kleinlicher Neid, hämischer Hatz stattfinden." - „Ja", rief Friedrich laut ,,,ja du Herzensfreund, an dich selbst will ich mich wenden ohne allen Rückhalt, du selbst sollst nur es feigen, ob jede Hoffnung für mich verschwunden ist.' — Es mar schon hoher Morgen, als Friedrich an Reinholds Kammer klopfte. Da alles still drinnen blieb, drückte er die Tiir, die nicht wie sonst verschloßen war auf und trat hinein. Aber in demselben Augenblick erstarrte er auch für den Bischof von Bamberg gebaut werden lo^e, ferttg^geworden und 1 nWfo nicht^ich^bin^es'ja' nicht - ich tonnte nicht anders: „Das nenn' ich mir ein Stück Arbeit, das ^dein Faßlein. mied) . 8 h J™. ^us, (ei)t mich nicht wieder! - Grüßt die holde Roa die noch keines gefertigt, mein Meisterstück ausgenommen! ®a b v | ic_, 0 über die Maßen liebe! — sagt ihr, daß ich ihre Blumen zeitlebens nun die drei Gesellen und trieben die Bande auf die gesugten L>auve , I traaen. mich damit schmucken werde, wenn ich — doch dok! alles vom lauten Getöse der Schlägel wiederhallte. Der alte Valentin e schabte emsig mit dem Krummesser, und Frau Marthe, die beiden kleinsten Kinder auf dem Schoße, saß dicht hinter Konrad, wahrens die anderen muntern Vben schreiend und lärmend sich mit den Reifen herum- ' tummelten und jagten. Das gab eine lustige Wirtschaft, so daß man kaum den alten Herrn Johannes Holzschuer bemerkte, der zur Werkstatt hineintrat Meister Martin schritt ihm entgegen und fragte höflich nach feinem Begehren. „Ei", erwiderte Holzschuer, „ich wollte einmal meinen lieben Friedrich wiederschauen, der dort so wacker arbeitet. Aber bann, lieber Meister Martin, tut in meinem Weinkeller em tüchtiges Faß not, dessen Fertigung ich Euch bitten wollte. — Seht nur, dort wirb ja eßen solch ein Faß errichtet, wie ich es brauche, bas könnt Ihr mir ja überlassen, Ihr bürst mir nur ben Preis sagen." Reinhold, der ermüdet einiae Minuten in der Werkstatt geruht hatte und nun wieder zum Gerüst berauffteigen wollte, hörte Holzschuers Worte und sprach, den Kopf nach ihm wendend: „Ei, lieber Herr Holzschuer, die Lust nach unferm Fäßlein laßt Euch nur vergehen, das arbeiten rorr für ben hockwürdigen Herrn Bischof vom Bamberg! — Meister Martin, die Anne über den Rücken zusammengeschlagen ben Unken Fuß "°rgesetztz ; ben Kovf in ben Racken geworfen, blinzelte nach dem Fatz Yin uno ; sprach bann mit stolzem Ton: „Mein lieber Meister, schon an dem aus- j gesuchten Holz an ber Sauberkeit ber Arbeit hättet A)r bemerken können, baß solch ein Meisterstück bem fürstlichen Keller ziemt. Mein Geselle Rechold hat richtig gesprochen, nach solchem Werk laßt Euch die Lust vergehn: wenn die Weinlese vorüber, werd ich Euch ein tüchtiges schlichtes Fäßlein fertigen lassen, wie es sich für Eueren Keller schickt. Der alte Holzschuer, aufgebracht über Meister Martins Stolz, meinte dagegen daß seine Goldstücke gerade so viel wogen als dre des Bischofs von ^Bamberg, und daß er anderswo auch wohl für fein bares Geld oute wirbelt au bekommen hoffe. Meister Martin, uberwallt von Aorn, < hielt mühjE an sich er dunste den alten, vom Rat von allen Burgern hochverehiten Herrn Holzschuer wohl nicht beleidigen. Aber '"dem Augenblick schlug Konrad immer gewaltiger mit dem Schlägel zu, dgß alles dröhnte und krachte. Da sprudelte Meister MarUn den lNnern Zorn aus und schrie mit" heftiger Lrne: „Konrad, du Tölpel was schlägst duJo blind und toll zu, willst du nur das Faß zerschlagen? — 90. ries Konrad, indem er mit trotzigem Blick Umschau^ nach dem Meister „ho ho, du komisches Meisterlein, warum denn nicht? Und damit schlug er 5 (0 entsetzlich auf das Faß los, daß klirrend das ftartfte Band des Fasses prang und ben Remhold hinab warf vom schmalen Brette des Gerüstes während man am hohlen Rachtlange wohl vernahm daß auch eine Daube gesprungen jein müßte. Uebermannt von Zorn unb Wut, sprang Meister Martin hinzu, riß dem Valentin den Stab, an dem et schabte, aus der Hand und versetzte, laut schreiend: „Verfluchter Hund! bem Konrad einen tüchtigen Schlag über den Rücken. Sowie Konrad den Schlag fühlte, drehte er sich rasch um und stand da einen Augenblick wie sinnlos, dann aber flammten die Augen vor wilder Wut, er knirschte mit den Zahnen, er heulte: „Geschlagen?" Dann war er mit einem Sprung herab vom Gerüst, hatte schnell das aus bem Boden liegende Lenkbeil ergriffen unb führte einen gewaltigen Schlag gegen ben Meister, ber ihm den Kopf gespalten haben würde, hätte Friedrich nicht den Meister beiseite genflen, sa daß das Beil nur den Arm jtreifte, aus dem aber das Blut sogleich hinausströmte. Martin, dick und unbeholfen, wie er mar, verlor das Gleichgewicht und stürzte über die Fugbank, wo eben bet Lehrbursche arbeitete, nieber zur Erbe. Alles warf sich nun bem wütenden Konrad entgegen der das blutige Lenkbeil in den Lüften schwang und mit entsetzlicher Stimme heulte und kreischte: „Zur Hölle muß er fahren — zur Hölle!" Mit Riesenkraft schleuderte er alle von sich, er holte aus zum zweiten Schlage, der ohne Zweifel dem armen Meister, der auf dem Boden keuchte und stöhnte, das Garaus gemacht haben wurde, da erschien aber, vor Schrecken bleich wie der Tod, Roia in der Ture der SBeriftatt. Sowie Konrad Rosa gewahrte, blieb er mit bem hochgeschwungnen Belle stehen wie zur toten Bilbsäule erstarrt. Dann warf er bas Bell weit von sich, jchlug die beiben Hände zusammen vor der Brust, rief mit.einer Stimme, die jedem durch das Innerste drang: „O du gerechter Gott tm Himmel, was habe ich denn getan!" und stürzte aus der Werkstatt heraus ins Freie. Niemand gedachte ihn zu verfolgen. Nun wurde der arme Meister Martin mit vieler Muhe ausgerichtet, es fand sich indessen gleich, daß das Beil nur ins dicke Fleisch des Armes gedrungen und die Wunde durchaus nicht bedeutend zu nennen war. Den alten Herrn Holzschuer, den Martin im Fall niedergerisen 30g man nun auch unter den Holzspänen hervor und beruhigte soviel als möglich ber Frau Marthe Kinder, die unaushörlich um den guten Baier Martin schrieen und heulten. Der war ganz verblüfft unb meinte, hatte ber Teufel von bösem Gesellen nur nicht bas schöne Faß verborben, aus ber Wunbe mache er sich nicht so viel. , , , Man brachte Tragsessel herbei für bie alten Herren, benn auch Holzschuer hatte sich im Fall ziemlich zerschlagen Er schmälte °uf e,n Hand- werk, bem solche Morbinstrumente zu Gebote standen, und beschwor Friedrich, je eher desto lieber sich wieder zu der schonen Bildgießerei, zu den edlen Metallen zu wenden. . . Friedrich und mit ihm Reinhold, den der Reif hart getroffen und der sich an allen Gliedern wie gelähmt fühlte, schlichen, als schon tiefe Dämmerung den Himmel umzog, unmutig nach der totabt zurück. Da horten sie hinter einer Hecke ein leises Aechzen und Seufzen. Sie biteben stehen, unb es erhob sich alsbalb eine lange Gestalt vom »oben, tue sie augenblicklich für Konrad erkannten unb scheu zuruckprallten. „Ach ihr heben Gesellen , rief Konrad mit weinerlicher Stimme, „entsetzet euch doch nur