Eichener Zainilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1931 Montag, -en 16. November Kummer 90 Dunkel wird es, Winter wird es und Nacht... Von Siegfried von Vegesack. Dunkel wird es, Winter wird es und Nacht. Schließ« die Läden, laß nicht die Finsternis ein. Entzünde die Kerze. Das Feuer im Herd ist entfacht. Und wir find allein. Sing mir ein Lied vom Sommer, vom Sommer, der war. Draußen beginnt es leise, leise zu schnein. Aber ich seh nur im Kerzenschimmer dein Haar, Und wir sind allein. War das der Sommer, zu dem wir kaum noch erwacht? War das der Tag, und muß es Abend schon sein? Dunkel wird es, Winter wird es und Nacht, Und wir sind allein. Die „halberte^ Brücke. Erzählung von Th. Vogel. (Nachdruck verboten.) Etliche Wegstunden oberhalb Würzburgs liegen am Main zwei Dörfer — wie es scheint friedlich und nachbarlich auf beiden Seiten des Stromes einander gegenüber: Sommerau und Winterau. Jenes am südlichen Ufer, seit alters fürstbischöflich, liegt im gesegneten Land. Seine Bewohner sind resch und gehören zum alten Glauben. Dieses dagegen auf, der Schattenseite des Tales ist ärmlich. Die Winterauer, vom Bauernkrieg her reichs- ritterschaftlich, sind überdies lutherischen Bekenntnisses. — Daher kommt es, daß die Bauern aus beiden Dörfern nicht gut aufeinander zu sprechen sind. Sie meiden sich, verheiraten sich nicht, und wenn die von Winterau nicht die fruchtbarsten Aecker ihrer Gemarkung jenseits des Flusses hätten und daher notgedrungen ihr Korn drüben bauen müßten, wäre der Main hier eine strengere Grenze, denn vielerorts reißende Katarakte und schneeige Berggrate. Jahrhunderte und jahrzehntelang sind so die Diesseitigen in verbissenem Groll auf einer altersschwachen Fähre zu denen auf der Sonnenseite gefahren: unbehelligt, Fremdlinge und darum schweigend geduldete. Aber das hat in dem Augenblick anders werden sollen, als ein aufgeklärter, junger Bezirksamtmann aus dem Altbayerischen vor etlichen Jahren im Zeichen der modernen Verkehrsentwicklung zwischen den zwei Ortschaften eine Brücke zu bauen gedacht hat. Nun sind die fränkischen Bauern halt einmal so: Keiner von den Bürgermeistern und Gemcinde- räten, die aus solchem Anlaß aufs Amt geladen worden sind, um ihre Meinung zu äußern, getraut sich die Wahrheit zu sagen. Sie mustern einander in der Amtsstube mit abweisenden Blicken, bringen Ausflüchte um Ausflüchte: der Strom werde gestört, meinen die Winterauer. Das Bedürfnis fei gar nicht vorhanden, wenigstens nicht auf ihrer Seite, murren die von Sommerau. Bis der Bezirksamtmann ihnen aus behördlichen Mitteln soviel Geld anbietet, daß sie kaum mehr nein sagen können. Der junge, 'ein wenig ehrgeizige Beamte redet von Vorteilen allgemeiner Art, nachbarlicher Unterstützung. Wer es denn bezahle, brummen sie endlich einträchtig. Ob die Schiffahrt nicht gestört werde, geben sie gewunden und in die Enge getrieben zu bedenken Uber keiner sagt etwas von der alten, nie ausgesprochenen, aber darum um so dauerhafteren Feindschaft. So kommt es nach Wochen und Monaten doch dazu, daß der Bau her Brücke beschlossen wird. Die beiden Gemeinden müssen, wenn auch nur mäßig, dazu beisteuern. Das hebt ihre Lust nicht gerade. Sonderlich hie Sommerauer grollen nicht mit Unrecht, daß sie den andern aus billige Art und ohne selber einen Nutzen davon zu haben, zu einem raschen Weg zu ihren Feldern verhelfen sollen. Ja, es gibt etliche ganz isesch-ite und dickköpfige Bauern, die aus lauter Neid und Habsucht sich am nördlichen Ufer Aecker zu kaufen anschicken damit sie nur nicht sur bie Lutherischen ihr gutes Geld ausgeben. Die freilich versöhnen sich beinahe mit dem Brückenbau. Nicht des Vorteils wegen, den sie selber, sondern des Schadens wegen, den die andern haben. Also wird die Brücke errichtet: Solid und dauerhaft, nicht zu breit, !ust so, daß zwei Wagen gerade aneinander vorbeifahren können Nach einem vom Wetter wohlbereiteten Sommer kann der >unge Bezirksamt- mann Nichtfest feiern und das neue Werk dem Ver tehr ui ergeben^Noch ?ur Ernte des gleichen Jahres wird die Brücke fleißig benutzt. — Etliche Zeit geht alles gut. Die Winterauer fahren fleißig stromuber, d,e Sommerauer, soweit sie zu den ganz Klugen gehören, denen das jenseitige Land durch die Brücke auf einmal Wert geworden ist, tun's ihnen nach. Gemächlich, stolz und selbstbewußt begegnen sie sich, grüßen sich nicht, warmen am gegenseitigen Anblick nur immer wieder den alten Groll auf. Die Schattenseitigen hüten mit Eifersucht ihre Brücke, die anderen reut noch immer das vertane Geld. Nun sind die Sommerauer reich und haben's faustdick hinter den Ohren. An einem Spätherbstabend in ihrer Schenke, da sie in feierabendlichem Geplauder wieder einmal ihr Leid aufgerichtet haben und vielleicht schon nicht mehr ganz Herr ihrer Sinne sind, verschwören sich die protzigsten von ihnen zu einem bösen Streich. Heimlich geschieht es: den Winterauern soll im Frühjahr die Freude an ihrer Brücke schon vergällt werden. Vor Weihnacht bis in die Fastenzeit hinein hat der Sommerauer Wagner Arbeit wie sonst nie. Einer von den Verschworenen nach dem andern, jeder heimlich, geheimnisvoll und scheu, als wenn er sich am liebsten schon wieder eines andern besonnen habe, aber doch nicht mehr zurück könne, kommt, verhandelt mit dem Meister, bringt sein Fuhrwerk und bezahlt den teuren Spaß. Den teuren Spaß: daß nämlich zum Frühjahr, wenn immer sich ein Sommerauer und ein Winterauer auf der Brücke begegnen, sie nicht aneinander vorbei können: wie verhext scheinen Fahrzeug und Brücke — und Tücke des Schicksals will es, daß es fast nie einem der Lutherischen gelingt, ungehindert über die Brücke zu kommen. Immer stößt er mit einem von den anderen zusammen, daß sich Zügel und Stränge verwirren, die Räder ineinander fressen, die hochgeladenen Fuhren schwanken und dann und wann auch über die Brüstung ins Wasser etliches ihrer Fracht entladen. Dann gibt es Streit um das Vorrecht, Zank um die Schuld, harte Worte zuerst, Handgreiflichkeiten, Beschwerden und Gendarmerieposten hernach — und endlich, als es mit den Zusammenstößen allmählich schlimmer und ernsthafter wird, muß durch das hohe Bezirksamt ein Besehgang angeordnet werden. Kopfschüttelnd sieht sich der junge Herr die Bescherung an, begreift nichts, erkennt nur die harten, verschlossenen Gesichter der Bauern, hinter denen er einen Arg vermuten möchte, und findet nach langen lieber« (egungen nur eine recht lahme Regelung: Wer über die Brückenhälfte hinausgefahren fei, habe das Vorrecht: der Entgegenkommende müsse zurück. — Er läßt zu diesem Zweck, genau auf der Mitte, einen Stein errichten und hauen, ' damit jeder Weg And Recht erkenne: Davon übrigens hat heute noch die Brücke ihren Namen: die Halbertel Aber es wird nicht besser. Im Gegenteil, die Sommerauer scheinen es sich jetzt erst recht angelegen sein zu lassen und machen einen Sport daraus, die Ersten zu fein. Sie lauern beinahe darauf, ob sie nicht einem Jenseitigen in -bie Quere kommen können, und dem Bezirksamt wird im Laufe des Sommers von feinen Straßenwärtern berichtet, daß der Zusammenstöße nur noch mehr werden. Denn die Sommerauer wollen auch was für ihr gutes Geld haben, für das sie im Winter ihre Wagenachfen sämtlich haben um zwei oder drei Handbreiten verlängern lassen! Freilich: Etliche haben dem Wagner nicht alles bar bezahlt, was er für die Arbeit und für fein Schweigen verlangt hat. Deswegen wird der brave Meister ungehalten, und manches sickert von ihrem Streich in die Oeffentlichkeit, wird zu den Winterauern getragen, geht durch die Amtsstuben und kommt endlich — das ist schon mitten im Winter — auch zu Ohren des Bezirksmannes. Aber um diese Zeit ist der Brückenstreit schon landbekannt: Die Zeitungen bemächtigen sich seiner, die Landtagsabgeordneten wettern wider die Torheit der zu schmalen Brücke, die vorgesetzten Behörden verlangen Akten und Rechtfertigung. Der arme Bezirksamtmann ist sehr in Nöten und vermag darum seinen Ohren nicht zu trauen, als er von dem Bauernstreich läuten hört. Erst lächelt er, dann besinnt er sich, dann wird er zornig. Er setzt noch einmal eine Tagfahrt an, der sich auch der zuständige Regierungsreferent anschließt. Damit vollendet sich fein Unheil. Denn jetzt ist die ganze Landschaft auf den Beinen, um der Entwicklung und Lösung des vielberedeten Brückenstreites beizuwohnen. Ganze Dörfer sind da, Kinder, Weiber, Männer, Fremde aus der Stadt, als der Herr Bezirksamtmann mit feinem hohen Chef anlangt, aus dem Wagen steigt und mit Herzklopfen und Aerger die Gefahr erkennt, die ihm und feinem Ruf droht. Er weiß schon im voraus: feine Brücke ist nicht zu fchmal.Die Sommerauer Bauern haben ihn hereingelegt. Ihre Wagen — samt und sonders nachgemessen — sind über bas normale Maß breit. Mit Bandmaß und Meterstab in der Hand stellt es der Herr Bezirksamtmann fest. Er fährt die Bauern an, daß der Herr Referent einige Male begütigend ein« greifen muß, verhört den Wagner, der achselzuckend zugibt, daß er die Achsen sämtlich angeschweißt habe. Der junge Herr beißt sich auf die Lippen und möchte mit allen möglichen Paragraphen drohen. Aber strafbar freilich, das weiß er, strafbar hat sich der Handwerker nicht gemacht, und Hier haben wir zum ersten Male des künftigen Generals ausgesprochen militärschriststellerisches Talent zu erwähnen. Clausewitz war in dieser Beziehung ein merkwürdiger Mensch. Er war eine stille, ernste und zurückhaltender Natur, ein Moltke, dem der Fluß der Rede nicht lag, aber ein Mann, der an keiner Person, an keinem Ereignis vorbeigelangen konnte, ohne in Reslexionen zu verfallen, die er zu Papier bringen mußte. Ganz für sich selbst oder höchstens noch für seine vertrautesten ; Kameraden. Damals galt ein schriststellernder Ossizier noch für ein Unikum, der eine Beschäftigung trieb, die sich für einen Mann in des Königs Rock nicht geziemte! Clausewitz bekannte in einem Briese an Gneisenau von sich selbst: „Ich habe nun einmal den unglücklichen Trieb, alles aus sich selbst zu entwickeln, und würde, wenn ich mich weniger verschlossen, gewissermaßen geheim dabei benähme, viel Tadel, vielleicht gar Spott auf mich ziehen; und doch ist es ein Bedürfnis, sich von Zeit zu Zeit des rechten Weges zu versichern." Und darum schrieb sich Clausewitz alles herunter, was ihm Geist und Seele beschwerte und bedrückte. Mehr als 130 Feldzüge hat er so literarisch ausgebeutet und den Stoff auch für die Jetztzeit noch brauchbar gemeistert, ob er nun die Taten Johann Sobieskys oder Friedrichs des Großen oder Napoleons beschrieb: immer ist ihm das Ganze, wenn auch manchmal beabsichtigt „ohne Rücksicht auf System Karl von Clausewitz. Zu seinem 100. Todestage: 16. November. Von Gustav Stange. (Nachdruck verboten.) Es gibt eine Wissenschaft, die man Volkswiffenschaft nennen könnte, weil sie von allen Teilen des Volkes geübt und auch verstanden wird: das ist die Wissenschaft der vergleichenden Weltgeschichte. Entschließen wir uns zu einem Vergleich mit den Zeiten vor hundert Jahren, |o slnden wir mancherlei Gleiches, mancherlei Verschiedenheiten, immer aber werden uns Personen begegnen, die sich damals einen Namen gemacht haben, der sich bis heute erhalten konnte. Da stoßen wir, neben vielen anderen, auf den Freiherrn vom Stein, Blücher und Scharnhorst, auf York Gneisenau und Gras Dohna, auf die Stürmer Schill und Theodor Körner, auf Grolmann und Doyen, und wir kommen nicht an diesen Männern vorbei, ohne immer wieder Karl von C l a u s e w i tz zu begegnen, dem genialen Kriegsphilosophen seiner Zeit der am 16. November 1831, wie auch Generalleutnant Wilhelm von Clausewitz, Gneisenau und Graf Diebitsch-Sabalkanski, der „Feldmarschallkrankheit", der Cholera, trotz eingehender Vorsichts- und „Kontumaz Maßregeln und mehrwöchiger Quarantäne, noch in Breslau zum Opfer fiel. In wenig günstigen Verhältnissen wuchs der am 1. Juni 1780 in Burg bei Magdeburg geborene Knabe Karl von Clausewitz auf. Als letztgeborener Sohn von sechs Geschwistern, war auch er den Nöten des Alltags unterworfen, unter denen fein Vater in feiner bescheidenen Stellung als Kgl Akzise-Einnehmer erheblich zu leiden hatte. Er, der Enkel eines Professors der Theologie (Halle) und Urenkel eines evangelischen Pfarrers erhielt eine mehr als dürftige Elementarunterweisung in der Stadtschule zu Burg und war bereits mit zwölf Jahren Fähnrich der preußischen Armee im Infanterie-Regiment Prinz Ferdinand zu Potsdam. Als dreizehnjähriger Junker, genauer Gefreiter-Korporal, holte er sich schon seine ersten kriegerischen Lorbeeren bei der Belagerung von Mainz und wurde zwei Jahre darauf patentierter Leutnant in Neuruppin. Der junge Offizier, der bald zur Kriegsschule in Berlin unter dem Direktor und Oberstleutnant Scharnhorst, seinem „Vater und Freund seines Geistes", kommandiert und Adjutant des Prinzen August von Preußen wurde, geriet nach der Kapitulation von Prenzlau in Gesangenschaft. er« recht nicht die Bauern, die sein Zorn kalt läßt, als ginge ste die Sache nichts an. Ja, der eine entrüstet sich sogar und sch mpft vor sich hin daß er sich durch eine solche Komödie die Zeit nicht stehlen lasse. Der Herr Ministerialrat vermerkt es ungehalten, und der Herr Bezirks- amtmann erlebt, daß er auch ihn selbst kurz stehen läßt mitten auf seiner Brücke, vor allem Volk, hilflos und fo bloßgestellt, daß es ihn beinahe körperlich friert. Und als er am Schluß feinem Vorgesetzten nach in den Wagen steigt, um wieder heimzufahren, da muß er auch das noch emstecken, daß die ganze Menge an den Ufern seinen Abgang mit Spott und Lachen begleitet und das uralte spottende Schnadahüpferl anstimmt, nut dem man im Fränkischen noch heute zuweilen die Altbayern aufzuziehen versucht: . Wärst nit nauf auf dr Alm Wärst nit abi gfalln ..." Der Verkehr auf der Brücke wird bald in Reih und Lot gebracht. Eine amtliche Bekanntmachung verfügt, daß die Brücke nur mit Wagen begrenzter Achsenbreite befahren werden dürfe. Aber diese Losung wirkt nicht mehr friedlich. Die Sommerauer — aus lauter Eigensinn — lassen ihre Wagen nicht ändern. Sie gönnen weder dem Wagner den abermaligen Verdienst, noch ihren jenseitigen Nachbarn den Triumph. Lieber verzichten sie darauf, die Brücke zu befahren. Und die Winterauer werden ihres billigen Gewinns nicht froh. Mainauf und mainab häufelt man sie, daß sie ihrer Nachbarn Tücke nicht erkannt haben, sondern sich schier ein ganzes Jahr lang haben aus die Seite drücken lassen. Etliche am Dorfende Wohnende wollen sogar wieder mit der Fahre über den Fluh, um das Aerqernis los zu sein. Und es ist möglich, daß die Bauern die Biucke allmählich kampflos den Autofahrern überlassen, der sich über die leere Brücke und den schmalen Stein in ihrer Mitte wundert, dessen Sinn er nicht begreift und von dem ein Dörfler, den er darum fragt, mit spöttischem Munde berichten will, daß das das Denkmal für einen Bezirksamtmann in München fei. Denn der Bezirksamtmann, dem die halberte Brücke Entstehung, Namen und Ende verdankt, ist natürlich wieder nach Altbayern zurückgekehrt. und strengen Zufammnehang", trefflich gelungen. Bel dieser geistigen Regsamkeit kann es nicht wundernehmen, daß seine „Hinterlassenen Werke über Krieg und Kriegführung" zu zehn stattlichen Bänden an- schwollen. Die wichtigste, leider unvollendete Arbeit ist sein Werk „Vom Krieg", eine Jdeensammlung, die sogar Moltke mit Ernst und Nutzen studierte und die für alle Kriegstheoretiker das Werk über den Krieg bleiben wird So ziemlich alle Fragen, die den Stoff berühren können sind darin erjchöp end behandelt: Gefecht, Streitkräfte, Verteidigung, Aug.isf und Kriegsplan heißen die einzelnen Abschnitte, und jeder einzelne bringt dem Fachmann alle notwendige Kenntnis über den Stoff, den er bearbeiten will. In der Zeit, als er am Hofe Adjutantendienfte versah lernte er auch feine spätere Gattin kennen. Nach jahrelangem Brautstand führte er 1810 die Gräfin Marie von Brühl heim, eine ungewöhnlich begabte Frau und Freundin des Freiherrn vom Stein. Als Oberhofmeiftcrin beim Prinzen Wilhelm überlebte sie ihren Mann um fünf Jahre; ein schweres Leiden raffte sie 1836 dahin. An der Seite ihres Gatten, dem sie stets eine sorgende liebe- und verständnisvolle Lebensgefährtin gewesen war, fand sie auf dem Militärfriedhofe in Breslau die letzte Ruhe. Karl von Clausewitz hat an allen Stellen, auf die er berufen war, feinen Mann gestanden. Ob er in Preußen (Berlin, Koblenz Posen) oder in Rußland für Deutschlands Sache focht, dachte und schrieb: immer hat er sich als ein Großer neben Großen bewahrt. Scharnhorst konnte sich keinen besseren Mitarbeiter wählen, und treffsicher urteilte Gneisenau über Clausewitz in beider Verhältnis zu Scharnhorst: „Sie waren sein Johannes, ich 'nur fein Petrus; doch bin ich ihm nie untreu geworden, wie jener feinem Meister." Oie ältesten Spekulanten. Von R. H. Mottram. (Nachdruck verboten.) Finanzfpekulationen bilden heute das Tagesgefpräch, und es zeigt sich deutlicher denn je, welch gewaltigen Einfluß sie auf die Wirtschaft ausüben. Aber nicht nur heute, sondern zu allen Zeiten ist spekuliert worden, und stets ist dieser Trieb ein mächtiger Anreger des Fortschritts und eine gefährliche Leidenschaft gewesen. Die hochinteressante Geschichte dieser unheimlichen Macht, eine Weltgeschichte unter bestimmtem Gesichtswinkel hat der Engländer R. H. Mottram in seinem Buch „Wesen und Geschichte der Finanz- spekulation" gegeben, das soeben in deutscher Uebertrogung im Insel-Verlag zu Leipzig erschien. Wir geben einige Abschnitte der ältesten Entwicklung wieder. Der Markt, der heute der Finanzspekulation offenfteht, ist, wie die Stadt Rom, nicht an einem Tage erbaut worden. Es gibt nichts Erstaunlicheres als die allmähliche und stete Beschleunigung des Zeitmaßes, in dem der äußere Fortschritt der Menschheit sich bewegt. Man hat das Alter des Menschen heute versuchsweise auf rund hunderttausend Jahre ■ bemessen. Ein Alter von ungefähr zehntausend Jahren dagegen gibt man der durch ihn bewirkten Herstellung von Geräten, die den Bedarf überstiegen, einen in der Zukunft liegenden unbestimmbaren Wert hatten und j so öen Keim zur Entwicklung seines spekulativen Sinnes ' gten. Die geuerfteinftätten sind ein sichtbarer Punkt in dem zeitlich n.cht bestimmbaren, durch Ueberlieferung nicht faßbaren, wellengleichen Nebelgewoge der frühesten Jahrhunderte; der nächste den wir zu erblicken vermögen, ist nur undeutliche Gestalt, treibend auf dem Strom der Zeit: es ist das Vorkommen von Gold in den Spuren, die von der mutmaßlichen kretischen Zivilisation hinterlassen wurden. I Es gab so vernehmen wir von den Gelehrten, während des Bronzezeitalters (2800 bis 1200 v. Chr.) im westlichen Mittelmeerbecken ein ; Volk, dessen Rasse unbekannt, aber bestimmt heute in ic-.ier Gegend nicht । mehr vertreten ist, dessen Sprache wir, obwohl eine Anzahl von Stein* Inschriften erhalten ist, nicht entziffern können, und dessen Macht und Ruhm mit einer dramatischen Plötzlichkeit und Vollständigkeit zugrunde ' gingen. Heber die Ursachen gibt es auch heute noch nur Vermutungen Das alles ist aus mancherlei Gründen für uns bedeutsam. Das Volk ist nämlich ausgeprägt europäischen Charakters und reiht (was bei keinem der asiatischen Völker der Fall ist) seine Wirtschaftsordnung unmittelbar in die Vorläufer der Finanzspekulation ein. Man nimmt an, daß es ein vorwiegend handeltreibendes Gemeinwesen war. Die Bewohner fuhren zur See, ihre Tätigkeit hatte internationale Ausdehnung, sie besaßen und handhabten Gold. Vor allem anderen aber haben sie anscheinend vom I Handel und für den Handel gelebt, und nicht unter einer hochzentralisierten Theokratie in einem selbstversorgerischen ackerbautreibenden Staats- ' wesen wie zum Beispiel die Juden des Alten Tesiaments. Ihr Gebiet ! war das Meer und feine Küsten, ihr Weg Güterumsatz und Zoll. Ihre ' bekanntesten Siedlungen sind Troja, Tiryns und Mykenae, aber man findet einen beft mmten Baustil, den man ihnen zuschreibt, auch in anderen alten Siedlungsgegenden an den Küsten des Ägäischen Meeres uno des Golfes von Korinth. Die Verbündeten Trojas waren die Volker, die an den Handelsstraßen Kleinasiens wohnten. Mit anderen Worten: L>er Ruhmespreis, um den Hellas kämpfte, war derselbe Ruhmespreis, dem auch wir heute nachjagen — nämlich das nie endende Bemühen, und em etwas besseres Leben zu schassen, als es unsere Väter hatten. I So gewahren wir denn unter der fabelbuntesten Sage, die Jahrhunderte bindurch die Phantasie Westeuropas entzündete, den unuermcio- lichen den niemals fehlenden wirtschaftlichen Untergrund. Helena mag die schönst* der Frauen gewesen sein, Agamemnon mag der Herr oer i Mannen gewesen jein — aber die Dinge, um die ihre Gedanken gingen. «eiftigen Menen wen an. > Krieg", studierte I bieiben "en, sind Anguss ’e bringt n er de- ■ er auch - er 1810 frau uni Prinzen 's Leiden tets eine Dar, soni ifen war, i|cn) oder unter hat innie sich stneisenan aren sein geworden, rboten.) 'sgespräch, igen Eiw tut heute, d stets ist > und eine (ante ®e- chte unter $). Mot- r Finanz- icrtragung einige Ab- t, wie die nichts Er- n hat das end Jahre gibt man dar? überhatten Ult •qten. ™ t bestimm ebelge®ü9e vetmbgen, es iP» ichen kreü' -s 8r< rbetfen fl egend «# on St-^ 'S- 555 *w« 3$ii. Zp 4 - uii*1 flbet ., tu» '"n«6 0!--5die ta^d-iti dieK u’|Den vom Roten Meer. In einigen ist auch von der (notwendigen) Ueber- sührung des Schiffes von einem Flusse zum anderen die Rede. JJ an timmt heute an, daß dies alles ein Verzeichnis der früheren Hanbels- öcg ist, auf denen die Abenteurer vielleicht in Berufung mit jenen «"deren Argonauten gekommen sind: den schon seit unvordenklicher Ze behenden Karawanen, die gewissermaßen ihre Seitenstucke zu Lande sind Datz in dem aanren Sagenqewebe ein kleiner Kern Wahrheit steckt, »irb durch seine weite Verbreitung und sein spätes Wiederauftauchen «rmiefen. Jahrhunderte später fanden sich argcmauttsche Namen. ani ben •' ästen Spaniens. Römischen Reisenben wurde der angebliche Anker der „Argo" in Phasis gezeigt unb in Korinth sogar ber echte (?) Rumps des Miffes. Eines hatten tue Argonauten, gewiß: d-n Unternehmungsgestt ' isr sie zu Vorbildern aller späteren Reisenden macht, er kehrt wiede ||Hit ben großen Entdeckunqsreisenden ber Renaissance die ben Grün | htcn, auf dem später die großen Ueberseegesellschasten Italiens und MSpaniens, Hollands, Frankreichs und Englands erbaut wurden Und | p sie nun Gold oder Bernstein oder ganz einfach nur vermehrtenWohtt || Ibnb heimbrachten - das Gold gelangte zur W'cye^r europäischen H pDilifation im Mittelmeer; es war vielleicht zuerst eine MerkwUlrdig , | ^nn ein Schmuckmitlel, wurde schließlich wohl etn TO ttel zur U b ■ toigung von Werten unb legte so einen weiteren Grundstein zur topetu B 11 Hon in unserem Sinne. Zwei wollen zum Theater. Roman von Hans-Caspar von Zabeltitz. Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Der andere stutzte: „Sie sind noch hier." — „Jawohl!" „Es war doch mittags, als Sie mir gemeldet wurden." „Ich habe gewartet." „Bis jetzt?" — „Jawohl!" Einen Augenblick sah ihn Dannegger erstaunt an, dann fuhr er fort: „Ich schrieb Ihrer Frau Großmutter bereits, daß ich keine Stellung für Sie habe." „Ich will keine Stellung." „Was wollen Sie denn?" — „Arbeit." „Was für Arbeit?" — „Jede!" „Was haben Sie gelernt?" — „Motorenschlosser.". „So — und was wollen Sie werden?" „Fabrikdirektor." Wieder sah ihn der Alte scharf an. „Jede Arbeit, sagten Sie?" — „Jawohl. Ich dachte vielleicht im Motorenwerk Saalebrücke bei dem Werkmeister Krüger." „Wann sind Sie in Jena angekommen?" „Mit dem Zweiuhrzug." „Woher wissen Sie bann vom Brückenwerk unb Krüger?" „Ich hörte bie Namen hier vor ber Tür unb sagte mir: Da kommst bu hin." „So, bas sagten Sie sich?" „Jawohl, Herr Kommerzienrat." „Und Sie wußten, baß Sie bahin kommen würben?" „Jawohl." „Es ist gut. Warten Sie. Dannegger ging in sein Bureau zurück. „Sie haben Glück, junger Mann", sagte Brägels, „immer ist er nicht so." Peter lachte. „Man muß nur wollen, Herr Brägels." Da kam Dannegger wieder. Er gab Peter einen Zettel. „Melden Sie sich morgen sieben Uhr bei Werkmeister Krüger." Und ging ben Flur hinab. In einer kleinen Kneipe aß Peter ein Paar Würstchen mit Salat. Satt würbe er nicht, aber es mußte reichen. Dann schrieb er eine Karte an (Bertie Rose: „Ich habe Arbeit." Sonst nichts. Er ließ sich zwei Pfennige herausgeben, als er bie Achtpfennigmarke an ber Theke er- ftanb. Zwei Pfennige, man konnte nie wissen, wofür man sie noch brauchte. * Einmal mußte es ja ans Licht kommen. Nur daß es auf biefe häßliche Weise ans Licht kam, bas ärgerte (Bertie später. Sie hatte Peters Karte erhalten und hatte sich gefreut. Morgens mit bem Frühstück brachte bas Hausmädchen sie ihr ans Bett. Da las sie bie Worte: „Ich habe Arbeit." Sie legte sich noch einmal in bie Kiffen unb badjte: „Der gute Peter!" Ein gut Teil Stolz war in ihr, bas Gefühl: „Das habe ich erreicht." Ja, es tat wohl jebem gut, einmal grünblich bie Wahrheit gesagt zu erhalten. Was ber Peter jetzt wohl machte? „Arbeit", bas klang nach Maschinen, nach Kohlen, nach Del, aber auch nach Frühaufstehen, Kantinenessen unb Schlafstelle. Unb jetzt war es zehn Uhr, unb sie lag noch in ihrem weichen, molligen Bett, hatte eigentlich nichts zu tun, unb neben ihr stauben Kaffee, Sahne, frische Brätchen, Butter, Marmelabe, ein weichgekochtes Et, Aufschnitt. Alles zum Aussuchen. Alles, um recht behaglich verspeist zu werben, in größter Ruhe, mit größtem Genuß. Unb ber Peter hatte wahrscheinlich im Morgengrauen irgenbeine braune Zichorienlorke heruntergegossen und bazu trockenes Brot gegessen. Wie so viele. Die Welt war ungerecht. Unb ihre Faulheit war ungeredjtfertigt. (Bertie war auf bem besten Wege, mit sich selbst Sozialpolitik zu treiben unb für sich selbst Pläne zu fassen, bie ihr Leden von Grunb auf änberten. Sie war aber auch gleich bereit, mit ben ersten ganz revolutionären Gebanken roieber zu brechen, nein, Arbeiterin, bas ging doch nicht. Sie machte Konzessionen an die eigene Auffassung der Dinge, jene erste, auswallende, extreme Auffassung; sie sagte sich, daß Bett und Kaffee doch sehr gute Dinge wären, sagte sich ganz ehrlich. Erwog die Lösung: „Theater", und spielte ganz ernsthaft mit ihr. — Da trat Frau Rose zu ihr ins Zimmer. Frau Rose war in einem hellblauen seidenen, abgesteppten Morgenrock den sie vor der Magengegend mit ihrer etwas fleischigen Rechten zuhi'elt. Sie war noch unfrisiert und hatte über den Bubenkopf, ber ihr immer noch Schwierigkeiten bereitete, ein Häubchen aus Brüsseler Spitzen gestülpt, hatte bies anscheinend sehr flüchtig getan, denn an den Schläfen, im Genick und aus der Stirn strebten die Haare überall ins Freie. Frau Rose hatte hochbehackte Bettpantöfselchen an, bie gleichfalls hellblau unb gesteppt waren, aber ihr bas Gehen unb bas Stehen sichtbar nicht erleichterten. Sie machte so keinen ernst zu nehmenden Eindruck, unb (Bertie wollte gerade lachend sagen: „Aber Mutting!" Da sah sie in ber Mutter Gesicht: auf ber Stirn standen Falten und die Augen waren feucht. Frau Rose trat an ©erlies Bett unb hielt ihr einen Brief hm, einen etwas getonten, länglichen Briefbogen, ber mit einer Dorroärtsgeneigten, krausen, eckigen Schrift bebeckt war. „Bitte, lies bas. Was hast bu barauf zu antworten?" Ganz frernb war Mutters Stimme. Unb Bertie las: Sehr verehrte gnäbige Frau! Ich bin keine anonyme Briefschreiberin, ich kann ruhig meinen Namen unter bies Schreiben setzen unb tue es. Ich fühle es als meine Pflicht, Ihnen mitzuteilen, daß Ihre Tochter sich hinter Ihrem Rücken auf eine Laufbahn vorbereitet, mit der Sie in Ihrer Burgerlichkeit nicht einverstanden sein können. Sie will zum Theater. Sie nimmt seit Monaten zusammen mit ihrer Freundin Isa von Weiher dramaturgischen Unterricht in derselben Schule wie ich. Der Unterschied ist aber, daß ich dies mit Einverständnis meiner Eltern tue. Ihre Tochter, wie ich erfahren habe und was ich verurteile, gegen Ihren Willen. Da ich aus einem Haufe stamme, in dem man elterliche Autorität noch achtet, zwingt es mich, Ihnen von dem Vorhaben Ihrer Tochter Kenntnis zu geben, um weiteres Unglück zu verhüten. In vorzüglicher Hochachtung Ihre sehr ergebene Fedora Ianusch. Gertie ließ den Bogen sinken. Sie war ein wenig blaß geworden; ihre Hände zitterten. Frau Rose wartete eine Weile. Dann fragte sie: „Also — was hast du zu sagen?" Da platzte Gertie heraus: „Neidisches Frauenzimmer. „Das dürfte keine Antwort fein." Jetzt kam Leben in Gertie. Sie vergaß ganz den Inhalt des Brieses, vergaß, daß er ja im Grunde recht hatte, vergaß, daß sie sich zu den Eltern in Widerspruch gesetzt, sie belogen hatte. Sie sah nur noch die Gemeinheit, die hinter den Zeilen steckte. „Jawohl, es ist eine Antwort, Mutter. Die Ianusch schrieb den Wisch, diese Nichtskönnerin, diese schmierige Person, dies hergelaufene Frauenzimmer ..." „Was für Ausdrücke!" . „Ach was, dieser Neidhammel. Neidisch ist sie, weil Isa und ich was können und sie nichts, weil Büchner uns Rollen gibt und ihr nicht.' „Wer ist denn nun wieder Büchner?" „Büchner? Der Regisseur vom Hebbeltheater. Unser Lehrer. — „Du gibst also zu, was in diesem Brief steht?" „Jawohl, ich gebe es zu. Es ist wahr. Aber gelogen ist, daß die Ianusch ihn schrieb, weil sie es als ihre Pflicht empfand. Solche Redensart. Aus Neid schrieb sie. Um mich als Konkurrentin loszuwerden. Ach, es ist fo ekelhaft!" . Plötzlich kam ein Schütteln über (Berties Körper. Sie hob drohend die Fäuste, reckte sich empor, dann öffnete sie die Hände wieder, barg ihr Gesicht in ihnen und begann fassungslos zu meinen. Um Frau Roses Mundwinkel zuckte es. Sie hatte die Tochter lange nicht meinen sehen, wohl seit den Kindertagen nicht. Sie mürbe bleich. Aber sie mußte, sie durfte nicht rneich roerben; sie mar viel zu lange weich unb nachgiebig gegen bas Kind gewesen. Alles hatten Vater und sie Gertie gestattet, nie gefragt, wo sie wäre, was sie täte; ihr immer vertraut. Und nun dies. Theater! Dramaturgischer Unterricht! In dieser Zeit! Was für Gefahren für ein junges Mädchen. Frau Rose nahm alle ihre Kraft zusammen. „ , . ... „Also gut", sagte sie, „du gibst zu, daß du Theaterunterricht genommen hast, daß du uns dauernd belogen hast. Du bleibst jetzt auf deinem Zimmer, bis Vater zurückkommt. Dann werden wir weiter miteinander reden." Gertie antwortete nicht, erwiderte nichts. Sie meinte nur. Wieder wartete Frau Rose. Wieder sah sie aus ihr Kind. Wieder zuckten ihre Mundrninkel. Eigentlich tat ihr die Gertie leid. . Da trete sie sich auf den hohen Hacken ihrer Bettpantdffelchen und ging aus dem Zimmer. An der Tür raffte sie ihre ganze Energie auf; sie zog den Schlüssel, der innen steckte, ab, schob ihn von außen ins Schlüsselloch, drehte ihn zrneimal herum unb nahm ihn bann an sich. Sie hatte Gertie eingeschlossen. Dann mar es aber mit ihrer Kraft vorbei, sie mußte sich schwer aus bas (Belänber stützen, als sie bie Treppe abroärts ging. — Gertie hörte die Tür zufallen, hörte auch bas Geräusch bes Schließens. Sie überlegte aber noch nicht, was bas zu bebeuten habe. Sie mar vorläufig nur von bem Gefühl ohnmächtiger Wut beherrscht, Wut gegen biese Ianusch, unb mußte meinen, heulen. Oh sie sah biese kleine schwarze Kanaille ganz beutlich vor sich in ber letzten Probe, sah ihre blitzenben, funtelnben Augen, als Büchner Isa unb sie lobte, sah ihren verschlagenen Blick als er mit Isa sprach. Unb das mar nun die Rache. Woher mußte sie, daß sie den Unterricht heimlich nahm? Ach, das hatte sich wahrscheinlich irgendwie herumgeklatscht. Das war ja gleichgültig. Es blieb nur die Gemeinheit, der Neid auf ihr Können, auf ihre Rollen unb bann wohl auch auf ihre Kleiber, auf ihr Auto. Neib, Neib unb wieber Neib. Unb Hinterlist. Was hatte sie geschrieben? Elterliche Autorität? Gertie nahm bie Hänbe vom Gesicht, griff nach bem Brief. Er war fort. Also hatte Mutter ihn mitgenommen. Unb nun fielen ihr plötzlich bie Geräusche ein: bas Klirren bes Schlüssels. Sie sprang aus bem Bett, schob den kleinen Frühstückstisch zur Seite, lief zur Tür, 'drückte die Klinke herab. Wahrhaftig: verschlofsen. Das war ja lächerlich. Sie war eingeschlofsen? Unmöglich. Sie rüttelte, sie zerrte, die Tür gab nicht nach. Da ging (Bertie langsam an ihr Bett zurück, setzte sich auf die Kante und versuchte nachzudenken. Also nun wußten die Eltern, daß sie bei Karlos Pistorius Stunden genommen hatte. War da etwas dabei — nein. Schließlich hatte Jfa Weiber den gleichen Unterricht unb war hoch wahrhaftig ein Mädel aus bester Familie. Also, was konnten die Eltern sagen? Eigentlich nichts. Der Fehler mar, daß sie es heimlich getan, daß sie geschwindelt hatte. Ja, das war ber Fehler. Eine ganze Weile sah Gertie vor sich hin. Dann zog sie sich den Frühstückstisch wieber heran, begann ihr Ci aufzuschlagen, begann es zu essen. Sie goß sich Kaffee in bie Taffe, trank. Zwischenburch ging sie noch einmal zur Tür, versuchte zu öffnen. Sie war immer noch verschlofsen. „Gut", sagte sie sich, „bann bleibe ich eben im Bett." Sie ging zurück, legte sich erst auf bie eine Seite, bann auf bie nnbere. Sie versuchte zu schlafen. Es glückte nicht. Sie langweilte sich. So ftanb sie auf, ging in ihr Babezimmer, ließ sich ein Bad ein, faß vor ber Wanne, sah zu, wie das Wasser einlief unb dachte: „Was müssen nur die Dienstmäbchen von mir Denken? Es ist ja blöb von Mutter, mich einzuschiießen, ich bin boch kein Kinb mehr!" Die Wanne war voll. Sie streifte ben Schlafanzug ab, stieg ins Wasser. Das beruhigte. Sie stützte sich auf beide Hände, ließ den Körper schwimmen. Dann spielte sie mit bem Thermometer und ber Nagelbürste (Schiffchen. Jetzt mußte Mutter boch halb kommen und ausschließen. Aber Mutter kam nicht. „ Auch bas Bab wurde langweilig. So stieg sie aus ber Wanne, trocknete sich ab, begann zu turnen. Alles etwas langsamer als sonst, sie hatte ja Zeit. Sie ftanb vor ihrem Wäscheschrank unb suchte aus. Sie zog sich an. Als sie schließlich fertig war, war es ein Uhr geworben. „Zum Mittagessen wird mich Mutter wohl holen", dachte sie. Sie wartete. Aber wieder kam niemand. Sie trat ans Fenster. Draußen regnete es. Auch das noch. Fast kein Mensch auf der Straße. Wie langweilig eigentlich solch ein Villenort war. Sie bekam Hunger, aß den Rest der Brötchen, den Rest des Ausschnitts. Sie ging wieder zur Tür, vergeblich. Dann ärgerte sie bas nicht gerichtete Bett. Sie warf bie Kissen heraus, zog das Laken ab, deckte es wieder über. Aber es wollte ihr nicht gelingen, es richtig einzustecken, es richtig glatt zu bekommen. Das war doch lächerlich. Das mußte sie doch auch können, das machte die Agnes sonst in fünf Minuten. Ja, bie Agnes, bie hatte eben arbeiten gelernt. Da lag Peters Karte: „Ich habe Arbeit." Sie faß vor ihrem Toilettentisch und sah in ben Spiegel, sah immer wieder ihr Gesicht an und sagte immer wieder zu sich selbst: „Ich will frei sein. Ich will arbeiten!" So saß sie, bis Mutter kam, aufschloß und ihr zurief: „Vater ist da. Komm essen. Nach Tisch wird Vater mit dir sprechen." Das war um sechs, unb es hämmerte schon. — Nach dem wortlos verlaufenen Essen ging Vater in sein Arbeitszimmer Er forderte Gertie auf, mitzukommen. An ber Tür blieb er stehen, sah sie an unb sagte: „Bitte, Grete." Weiter nichts. Aber Gertie hörte wohl, baß er „Grete" sagte. Wie in ihrer Schulzeit, wenn sie ein schlechtes Zeugnis mitgebracht hatte. Mutter sperrte sie ein — Vater sagte „Grete". Gut, nun wußte sie den Standpunkt ber Eltern. In ihr war nur Ablehnung, Auflehnung. So antwortete sie auf Vaters Fragen nur mit kurzen „Ia's", gab alles zu, entschulbigte aber auch nichts. Nur einmal, als Vater von „nicht roürbig" sprach, warf sie kurz ein: „Was roürbig für bie Familie von Weiher ist, bürste wohl für bie Familie Rose nicht befdjämenb fein. „Fräulein von Weiher will Schauspielerin werben, um sich einen Broterwerb zu sichern. Das ist etwas anberes. Sie ist mittellos, sie muß Gelb oerbienen." ., „ „Unb weil ich, bas heißt: weil bu wohlhabenb bist, sprichst bu mir bas Recht auf Arbeit ab?" „Du hast Arbeit nicht nötig." „O boch: man kann auch Arbeit nötig haben, ohne an Verbienst zu denken. Es gibt einen inneren Trieb zur Arbeit." , Das sind Redensarten, liebes Kind. Auf jeden Fall verbieten deine Mutter und ich dir, daß du weiter diesen Unterricht nimmst. Wir wünschen nicht, daß unsere Tochter zur Bühne geht." Gertie stand auf. „Dann darf ich jetzt wohl gehen, Vater?" Vater Rose hatte viele Verhandlungen in seinem Leben geführt, Halle sie fast alle erfolgreich durchgefochten; sie waren mit schriftlichen Verträgen beendet worden, manchmal auch durch ein Versprechen mit Handschlag, trotzdem er dies stets als unsicher empfunden hatte und die schriftlichen Grundlagen deshalb vorzog, manchmal, wenn auch selten, denn er ging gern vorher sicher, durch einen Anwalt. Wie er aber diese Verhandlung mit seiner Tochter abschließen sollte, wußte er nicht. Er hatte nur das Gefühl, daß mit seinem letzten Satz nichts, aber auch gar nichts erreicht ober feftgelegt wäre. So fügte er noch hinzu: „Wenn bu mir nichts mehr zu sagen haft, nichts versprechen willst, bitte.“ (Bertie verließ sein Zimmer unb stieg bie Treppe hinauf, ohne noch einmal zu ihrer Mutter zu gehen. Dafür ging Vater Rose zu seiner Frau. Sie fragte: „Hat (Bertie nachgegeben?" Worauf er erwiberte: „Ich habe es ihr einfach verboten." „Unb wenn sie nicht folgt?" „Sie wirb folgen." „Bist du dessen sicher?" „Völlig. Wenn'sie ungehorsam ist, werde ich ihr bie Mittel entziehen, ihr kleines Bankkonto sperren ... Das werbe ich überbies gleich tun.' Mutter Rose setzte sich tief in ihrem weichen Sessel zurück. Sie atmete einmal schwer auf. „Ach, Fritz", sagte sie dann, „mir ist gar nicht wohl bei dem allen. Wenn wir da man keinen Fehler machen." * Am nächsten Morgen schien im Hause Rose das Leben seinen gewohnten Gang zu nehmen. Vater fuhr, wie immer, in fein Bureau; Mutter lag in ihren Daunenkissen unb frühstückte lange, unb in (Berties Reich hörte man bas Babewasser ein- unb auslaufen. Vater Rose befahl bem Chauffeur einen Umweg zu machen unb vor ber Bleichröberschen Stabtkasse Unter ben Sinben zu halten. Dort hallen seine Damen ihre Konten; er selbst arbeitete geschäftlich und privat Ml. einer der D-Banken, hatte aber absichtlich für Mutter und Gertie eine andere Stelle gewählt, weil er für reinliche Scheidung gerade in Geldsachen war. Nun griff er ein; es behagte ihm nicht. Deshalb zögerte er auch einen Augenblick, bevor er ausftieg, gab sich bann aber einen hu«- es mußte eben fein, bie väterliche Autorität ftanb auf bem Spiel. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Sans Thhrivt. - Druck und (Verlag: Drühl'fche Univerfitäts--Buch- unb Gteinftrudetei. X Sange, Sieben.