« tQU 'hr l'e d,e Zeit Wlie w°- Ehnder fie «Hütte der efrudj tDor trumpf voll förmliche, flottiert, isabam her. GiehenerKmnIienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1931 Hreitag, den 16. Oktober Nummer 81 ch bu nicht so: derweil ubenaas in itei war die ne abgerch ilbeträfle ju er gar nicht Sie Ehrlich- Tine gewal- i Ladentisch, ie an. „Die und bestoh- ch da hübsch :enz machen Bu gehörst > Genck-t P Helmine gar ohe Teilung n und sagt! dtchermacher echselt batte, denn baoon >en. Plötzlich n Eicherheil zu bleiben llaulbach, ft ; Schneider i, wo er al! i. Jetzt sucht- -hrteuM" hin, bie * Sek Erbgat sich b°>^! west°r« :bel ob. ® alten 61t» ’ WÄ daß >hs" , •:S jcht um h'J Wir I"1, f «rdenL,. rnen.^ inn P 'em, tij(r# fort. w*« ew Bu w in?/> n#, D r& 'S" Letzte Begegnung. (14.3uni 1888.) Von Theodor Fontane. König Oskar, vom Mälar kommt er daher. Fährt über den Sund, fährt über das Meer, Nun sieht er die Küste: Deutsches Land, • Heide, Kiefer, märkischen Sand, Und nun Avenuen und Schloß und Alleen — Er kommt, um den sterbenden Kaiser zu sehn. Dem melden sie's. „König Oskar ist da." Kaiser Friedrich wie suchend um sich sah, Ein leuchtend Bildnis hängt an der Wand, Sein Bildnis von Angelis Meisterhand, Orangeband, Orden, Helmbuschzier, Pasewalker Kürassier, Er blickt drauf hin, und den Blick sie verstehn: „So soll mich König Oskar sehn." Und sie legen ihm Koller und Küraß an, Aufrecht noch einmal der sterbende Mann, Aufrecht und hager und todesfahl. König Oskar tritt in den Marmorsaal — Sprechen will er, er kann es nicht, Ein Tränenstrom seinem Aug entbricht. Da steht sein Freund in des Jammers Joch, Gebrochen und doch ein Kaiser noch: Den Pallasch zur Seite, den Helm in der Hand, Kaiser Friedrich vor König Oskar stand. „Bild einst von Größe, Schönheit und Glück, Das ist das letzte, das blieb zurück." Stumm neigt sich der König, und noch einmal. Und nun zum dritten und — läßt den Saal. Kaiser Friedrich. Sein Charakterbild nach seinen Tagebüchern. Zu seinem 10 0. Geburtstage: am 18. Oktober. Bon Dr. Kurt Haack. „So erlebten wir den 18. Oktober, und da wir am Abend die Feuer auf unseren Bergen erblickten und das Geprassel der Feuerwerke, begleitet von kräftigen Explosionen, vernahmen, so war mein innigster Wunsch, es möchten dies die verschiedenen Ankündigungen sein, daß uns ein neues Glück in der Ferne bereitet worden. In solchen Augenblicken traf eine Nachricht ein, die uns ganz an das höchste Ziel menschlicher Glückseligkeit versetzte, die Genesung Eurer Königlichen Hoheit und zugleich die frische Belebung des aus alten ehrwürdigen Grundwurzeln immer neu sich verzweigenden Stammes. Wie jenes Zusammentreffen der Epochen und Ereignisse, der gleichsam zufälligen Borbedeutungen und Uebereinstimmung des Erfolges uns angeregt, gerührt und erhoben hat, kann ich nur Höchftdero eigener Empfindung anheim geben, in treuer Mitempfindung des hohen Behagens, das, wie es im gleichen Fall den Geringsten entzückt, nun auch auf den höchsten Stufen menschlicher Zustände waltet." Also orakelte der alte Goethe, als er der Prinzessin von Preußen, der Weimarer Fürstentochter, deren Erziehung er geleitet hatte, zur Geburt ihres ersten Sohnes Glück wünschte. Weimars Stern- leuchtete über der Wiege des kleinen Erdenbürgers, der als zweiter. Kaiser den Thron des neuen Deutschen Reiches besteigen sollte, und der Geist Weimars rang in seinem Weltbild mit dem Geiste Potsdams, so daß sein Eharakter, nach dem Worte seines Biographen P h i l i p P s o n der lief innerlichen Verschiedenheit der Eltern entsprechend, ein u.oppelgesicht Zeigt: auf der einen Seite aristokratisch-soldatische Neigungen, auf der anderen moderne, bildsame, sreiheitliche Anschauung . Solche Zwiespältigkeit, die das Wesen des auffallend schonen bestechend liebenswürdigen Prinzen durchdrang, hat seinem Bild in der Geschichte etwas Schwankendes verliehen, zumal ihn das tragische Geschick tras, Oa er Mit 57 Jahren zur Herrschaft gelangte, als Todgeweihter nichts von den hohen Hoffnungen erfüllen zu können, die man an seine Negierung geknüpft hatte. In einem englischen Werk, das kürzlich die großen „Wenn" der Weltgeschichte behandelte, ist ein leuchtendes Zukunftsbild entworfen worden unter der Voraussetzung, daß Kaiser Friedrich nicht durch den Kehlkopfkrebs so früh gefällt worden wäre, ein Bild, das von unserer trüben Gegenwart sehr absticht. Das ist natürlich eine Spielerei, die nur Zeugnis ablegt von dem Ideal, daß man vielfach in diesen Herrscher erblickte. In Wirklichkeit überwiegen doch bei dem Politiker und Staatsmann die Schattenseiten, die nur durch das warme Leuchten einer edlen Menschlichkeit ausgewogen werden. Das Problematische und Schillernde seiner Natur ist uns erst jetzt ganz enthüllt worden. Durch die Veröffentlichung seiner intimen Tagebücher, von denen vorher nur kurz nach seinem Tode ein Bruchstück aus den Aufzeichnungen während des Deutsch-französischen Krieges bekannt geworden war. Heinrich Otto Meisner hat die Tagebücher von 1848—1866 und das Kriegstagebuch 1870/71 herausgegeben und damit erst die Möglichkeit geboten, in die tieferen Gründe und Hintergründe dieses Charakters einzudringen. Die Selbstzeugnisse des zweiten deutschen Kaisers reichen von der Kindheit bis kurz vor seinem Tode, und in ihnen spiegelt sich, wie Meisner bemerkt, von der steifen Schulschvift des 11jährigen Prinzen über die schwungvoll steilen „gotischen" Züge des Mannesalters bis zu den letzten Bleistiftnotizen des stumm gewordenen Herrschers, sein Werden, Blühen und Vergehen. Friedrich Wilhelm war, obwohl er der Anregung seiner literarischen, im Goethe-Geist zur Selbstbetrachtung erzogenen Mutter bei seinen regelmäßigen Aufzeichnungen folgte, keine ‘ schriftstellerische Begabung. Mit Reflexionen, schwierigen Denkproblemen : beschäftigte er sich nicht; eine gewisse Unbeholfenheit des Ausdrucks läßt ihn meist feine sinnlichen Wahrnehmungen aneinandereihen, und da er einen starken Sinn für alles Aeußerliche, eine lebhafte Freude an Farbe und Bewegung, an Glanz und Prunk hat, so bietet er am ehesten anschauliche Bilder von Hoffesten und großen Zeremonien, wie der Königsberger Krönung ober der Versailler Kaiserproklamation, in der Art des von ihm hochgeschätzten Anton von Werner. Hier kommt eine gewisse künstlerische Anlage zum Ausdruck, ein verfeinerter Geschmack, dessen Ausbildung wie die rasche Begeisterungsfähigkeit für das Schöne und Gute er [einem Lehrer Ernst Curtius, diesem „letzten Deutsch-Griechen" verdankte. Aber damit war auch eine ausgesprochene Vorliebe für Formalitäten verknüpft, eine Verehrung romantischer Vergangenheit, worin er an den Onkel König Friedrich Wilhelm IV. erinnerte. Sein Eintreten für ein neues deutsches Kaiserreich wurde von solchen Gefühls- momenten bestimmt, wie jene Szene aus dem Krieg von 1870 zeigt, die Gustav F r e y t a g erzählt. Als der Dichter für den Führer des neuen Bundes neben dem königlichen Titel den eines „Herzogs von Deutschland" vorschlug, brach der Kronprinz in die Worte aus: „Nein, er muß Kaiser werden!" Ebenso spielen in feinen Gedanken Orden und Uniformen eine große Rolle, und im Bewußtsein feiner gebietenden Erscheinung, die er in prächtigem Rahmen zu zeigen liebte, gab er viel auf die Volksstimme, verzeichnete jede Begrüßung durch das Publikum und sonnte sich in der Liebe und Verehrung weiter Kreise, die um so größer wurde, je mehr man von dem nur im Schatten des Thrones Stehenden erwartete. Gewiß hat der Kronprinz glänzende Siege erfochten, und der Lorbeer des Ruhmes, den er 1866 und 1870 pflückte, stand feiner edlen Stirn gut. Diese Stellung des Heerführers entsprach feinem feudalistischen Empfinden, feinem Stolz auf die große Uebertieferung feines Geschlechtes. Aber neben diesem „Geist von Potsdam" stand in feiner Weltanschauung der „Geist von Weimar", und diese Gegensätze brachten besonders in seinen politischen Anschauungen ein bedenkliches Schwanken hervor. Man kann in seinen Tagebüchern verfolgen, wie der junge Prinz, entsetzt über die Revolution von 1848, die er so nahe miterlebte, sich in trengem Gegensatz zu dem bürgerlichen Liberalismus fühlte; erst die karre Reaktion der Folgezeit treibt ihn in das freiheitliche Lager, und eine Heirat mit der englischen Prinzessin vollendet dann diese Entwicklung. Der Kronprinz blieb dabei gewiß Hohenzoller und Preuße durch und durch, aber seine über alles geliebte „Vicky" gewann auf ihn einen starken bestimmten Einfluß, der ihn immer mehr zu dem konservativen Vater in Gegensatz brachte. Es ist rührend, stets von neuem in seinen Aufzeichnungen naive Geständnisse über seine engste Verbundenheit mit seiner Gattin zu lesen: „Frauchen ist mein treuester Ratgeber, meine ganze Stütze, mein unermüdlicher Tröster, wie's keine Worte auszudrücken vermögen." In diesem schönen, sein ganzes Leben unvermindert fortdauernden Verhältnis offenbart sich die Reinheit feiner Natur, die nichts Zweideutiges, Dumpfes, Unsauberes duldete, die Ritterlichkeit und Wärme seines Fühlens, zugleich aber auch die Weichheit und Nachgiebigkeit seines Charakters. Einer seiner Erzieher hatte schon an dem Zwölfjährigen „das schnelle Niedersinken der auflodernden Kraft" beobachtet. Dieses jähe Aufflammen seines Enthusiasmus, das ihn von seiner besten Seite zeigt, ist von einem raschen Erlahmen gefolgt, einer Zeit des Kleinmuts und der Passivität, in der er dann der Führung durch eine starke Hand, wie sie seine Frau besaß, bedurfte. mit letztem Atemflug noch eine ganze Flut von Weisungen erteilend, blieb er zurück. Pantarkes aber lief ihm leichtfüßig davon, die hoyen Baumwiesen entlang, die voll wilder Blumen standen und über die die Sommerfäden flogen, und durch die Felder eilte er dahin und Weinberge hinauf und hinab, und unter Gruppen von Apfelbäumen und Birnbäumen dahin, sie standen im feuchten Grund: von einer Oelweide aber riß er, im Vorüberlaufen, einen graublättrigen Zweig als ein Zeichen des Sieges mit dem winkte er den Bauern zu, die er sah, und rief ihnen zu, denn der Thessalier war ja nicht mehr dabei, der es ihm hätte verbieten können, wo war der schon! " So rannte er durch den sonnigen Nachmittag, seine gelben Haare wehten wie Oel glänzte der Schweiß auf ihm, und leichter Staub lag auf feiner Haut, wie auf den Schultern der Ringkämpfer. Er war nun fast schon auf halbem Weg, und noch immer ging ihm der Atem so leicht, daß er sogar noch schneller zu laufen beschloß, denn er war ungeduldig geworden und freute sich darauf, den Sieg auf der Agora aus- zuschrein und er dachte fictj’s aus, wie es fein würde. Ctn von Menschen lief nun schon ftreckenweit neben und hinter ihm her, Landleute, Bauernmädchen, Hirten und Jäger, auch kleine Landedelleute, die wissen wollte wie die Schlacht verlaufen wäre, und sie riefen ihm Fragen zu, es war ein freudiges Geschwirr, keiner aber rannte ihm voraus, sondern es ließen ihm alle die heilige Ehre, zu der er aus« ersehen war, nur die Hunde der Hirten umkreisten bellend den Schwarm. Wagenzüge, die, mit athenischen Frauen, Knechten und Gepäck, gegen das Gebirge zu flüchten im Begriff gewesen waren, hielten an und wendeten wieder um, als die frohe Nachricht ihnen zugeschnen ward, da man mochte schon nicht viel weiter als eine Stunde von Athen entfernt sein nahte sich von links ein mit zwei starken Schimmeln benannter Wagen, auf dem der Lenker stand, und hinter ihm ein gewisser Apollodoros, ein junger Mensch, nur wenig älter als Pantarkes. Doch war er nicht mitaezogen, als alle anderen ins Feld geruckt waren, er hatte vielmehr behauptet, feine Mutter und feine beiden Schwestern ins Gebirge führen und dort in Sicherheit bringen zu müffen. Nun kam sein Wagen in chnellemTrab heran und bog neben dem lausendenTrupp ein. ,®as gibt’s?" rief er, als er Pantarkes erkannte, vom Wagen herab "Er stand, ein wenig hochmütig und aufgerichtet, auf dem Gefährt, die schweren Schimmel peitschten sich mit dem Silberhaar der langen Schweife die Flanken und bissen schäumend in die Kandaren, langsamer nun neben den Laufenden einhertrabend. „Wir haben gesiegt!" antwortete Pantarkes, wie er 5 auch den andern schon zugerufen. „„ ,, . , Gesiegt?" rief Apollodoros. „Wann und wo?" Es ward ihm gesagt. „Wohin aber läufst du, Pantarkes?" fragte er dann. »Nach Athen? Warum bist du zu Fuß? Warum bist du nicht im Wagen? Willst du nicht auf den meinigen?" . Nein" erwiderte Pantarkes, „es ist eine heilige Ehre, die mir zuteil geworden ist, daß ich die Nochricht vom Siege im Lauf nach Athen bringen darf, und ich steige weder zu Pferd noch nuf einen Wagen 'Ach so", meinte Apollodoros, und lieh den Lenker eine Zeitlang schweigend neben dem fröhlichen Trupp einherfahren. Dann aber gab er dem Manne plötzlich einen Stoß in den Rücken und bedeutete ihm, ^ch^Warum?fährst du mir vor?" rief Pantarkes, als der Wagen ihm mit einem Mal zuvorkam. , Weil es mir (o paßt", antwortete Pantarkes. ,^Wohin willst du denn?" fragte Pantarkes. „Zur Stadt", antwortete Apollodoros. „Zur Stadt? Doch nicht mir voraus!" „Warum nicht?" , . , „ , , , Weil ich erst die Siegesnachricht hinbringen soll! rief Paittarkes. "Nun", erwiderte Apollodoros, „ich bin mit dem Wagen ja schneller dort' als du und werde dir deine Mühe abnehmen. Das wirst du nicht", rief Pantarkes, „nur ich darf den Steg melden! "3a", riefen nun auch die andern, „er ist der Läufer und nur er darf die' Nachricht vom Sieg überbringen!" , „So? erwiderte Apollodoros, „das sehe ich nicht em. Ich werde früher dort fein als er und deshalb selber den Sieg melden. „Das wirst du nicht!" schrie der Knabe. Warum nicht?" fragte Apollodoros. „Bin ich nicht ebenso vornehm wie du? Sind meine Pserde nicht schneller als deine Füße? Und mit diesen Worten, und während die andern zornig aufschrien, stieß er den Lenker »Dieberum in den Rücken und befahl ihm: „Vorwärts! , Der Lenker aber, der nun erst merkte, warum er schneller fahren sollte, erwiderte: „Herr, das dürfen wir nicht!" „Was dürfen wir nicht?" schrie Apollodoros. „Was geht das dich an! Wenn ich dir zu fahren befehle, so hast du zu fahren!" , Nein Herr", erwiderte der Lenker, „ich fahre dem Läufer nicht oon "So?", brüllte Apollodoros. „Nicht? Du vielleicht nicht, aber ich! Umb damit riß er dem Lenker die Geißel aus der Hand und stieß ihn vom Wagen. Der Lenker fiel rücklings zur Erde Apollodoros aber hieb sogleich auf die Pferde ein, so daß sie sofort in Galopp fielen. Doch hatten ein paar von denen, die im Trupp mitliefen, versucht, auf den Wagen aufzuspringen und ihn zurückzuhalten, allem vergebens, jgjon jagte er davon. ... Ein wütendes Geschrei ausstohend, rannten ine Lauser mm nach, Pantarkes aber, als die Pferde dahinzustürmen begannen, flog schon neben ihnen her wie ein Pfeil und versuchte, ihnen in die Zugel zu fallen. „Laß los!" brüllte Apollodoros, schon aber hatte Pantarkes am Handpferd hängend, ihm das Kopfgestell abgerisien. Apollodoros fchmg mit der Peitsche nach dem Knaben, der aber rannte bereits, m oer Richtung auf die Stadt zu, davon, woraus Apollodoros den Wagen, wenngleich das Geschirr nun verwirrt war, wieder in Galopp W»)1'' Doch war das Handpferd nun nicht mehr zu lenken, und der Wagen. Yinier dem Läufer zurückbleibend, schleuderte hin und her. Pantarkes lief, I» schnell er konnte, Apollodoros, auf dem in Unordnung geratenen w- fäfjrt folgte fluchend, der Trupp der übrigen aber fiel sogleich weit zurua. Durch dieses Schwankende und Unsichere, durch das blinde Folgen den eignen Gefühlen und das Horchen auf andere Stimmen, ist eine Haltung in der Konfliktsepoche während der ersten Regierungsfahre Komg Wilhelm bestimmt, die feine Stellung und feine Entwicklung so stark beeinflußte. Wohl war es ihm schmerzlich, dem Vater m seinem Kampf gegen das Parlament und die Minister entgegenzutreten; aber je mehr er sich dazu gedrängt fühlte, desto heftiger wurde seine Abneigung gegen den Einzigen, der die Sache der preußischen Monarchie mit starker Hand führte gegen Bismarck. Es war mehr ein starker persönlicher (Segen« atz zwischen dem „Mann von Blut und Eisen" und dem schwärmerischen Verfechter feiner Ideale. Sie wollten beide die Erhaltung und Stärkung des preußischen Königstums, wollten beide die Einigung Deutschlands, Friedrich Wilhelm sogar noch weitergehend als Bismarck, aber auf ganz verschiedenen Wegen, der eine durch Abwarten und Respektieren der Volksrechte, der anbere durch eine starke Politik; und der „reaktionäre -Junker", den der Kronprinz mit feinen liberalen Beratern in Bismarck sah, wurde ihm allmählich immer, mehr zur Verkörperung alles Bosen. Die Abneigung gegen Bismarck, die in den Tagebüchern fpürbar rotrb, ist neben ber Liebe zu feiner Frau das stärkste Gefühl, das Friedrich Wilhelm beseelte Desto berounberungstpürbiger ist es, baß er sich Zweimal bezwang und in den entscheidenden Augenblicken der preußischen Geschichte beim Friedensschluß von 1866 und bei der Reichsgründung, den Gegner unterstützte. Ein solcher Sieg des Sachlichen über das Persönliche rückt diesen vornehmen, aber weichen Charakter in das Licht des Heroischen, und da dieses Leuchten verstärkt wird durch die heldenhaft getragene Schwere eines tragischen Schicksals, wird Kaiser Friedrich unter den eindrucksvollsten Gestalten unserer Geschichte fortleben. Der Marathonlauf. Von Alexander Lernet-Holenia. Daß jener Knabe, der, in ununterbrochenem Lauf guer durch Attika, die Nachricht von der marathonischen Schlacht nach Athen gebracht hatte, aus dem Markte, nachdem er den Sieg ausgerufen, tot Zusammenbruch die heutigen Läufer aber den Lauf von Marathon ohne weiteres bestehen (wenngleich sie an Kraft, an Uebung und an Reinheit der Körperbildung dem athenischen Geschlechte der Vorzeit bestimmt nachstehen), hatte im Folgenden seinen Grund: Es wogte nämlich noch der Kampf bei den persischen Schiffen, auf die der Feind sich geflüchtet; die Ebene aber, über die man ihn gedrängt, war übersät mit seinen Toten (jedoch auch Kallimachos war bei den Schiffen schon gefallen), als einer der vornehmen Knaben, die, Pagen- dienste leistend, in den Gefolgen der griechischen Edlen mit in die Schlacht gegangen waren, vor die Feldherrn befohlen ward. Seinen Namen hörte er plötzlich durch die tosenden Schlachtreihen rufen. „Pantarkes"! riefen sie. „Pantarkes! Zu den Feldherrn! Du sollst zu den Feldherrn kommen!" Und sein Erzieher, ein thessalischer Sklave, stieß ihn an und sagte: „Hörst du nicht?", nahm ihn beim Arm und führte ihn sogleich, in einem leichten Laufschritt, zu den Strategen zurück, die, vor einer Gruppe von Pagen und Dienern, der Schlacht langsam folgten. Aristeides stritt eben mit dem Unsichrer der tausend Platäer, die erst zu spät zu den Athenern gestoßen waren (als der Sieg fast schon entschieden gewesen war), und überhäufte ihn mit Vorwürfen, auch Mil- tiades machte den Platäern Vorhaltungen, Aischylos jedoch, der Dichter, sah bloß dem schönen Knaben entgegen, der über bas Blachfeld auf die Feldherrn zulief und dessen blonde Haare wehten. Auch als Pantarkes schon vor den Strategen stand, stritt man noch immer mit den Platäern, bann aber wendete Miltiades sich herum, sah den Knaben und sagte: „Wir werden keine Reiter aussenden, Pantarkes, sondern, weil der Sieg ein so großer ist, so soll dir, als einem der vornehmsten unter den Knaben, persönlich die Ehre zuteil werden, die Siegesbotschaft heimzubringen, und zwar auf die alte, heilige Art: im Lauf. Die Väter. deiner Väter waren ja Götter, und die Mütter deiner Mutter sind Königinnen gewesen. So bist du es wert, die Nachricht vom Siege zu überbringen. Lauf zu!" Pantarkes, nicht älter als sechzehn ober siebzehn Jahre, war noch ein wenig ungeschickt im Umgang, ftanb ba und wußte im Augenblick nicht, was er auf bie Auszeichnung, um die ihn alle anderen Epheben beneiden würden, antworten sollte; auch blickten die Feldberrn schon wieder auf den Kampf, ba aber zischelte ihm ber Thessalier schon: „Vorwärts!" zu, unb: „Was schaust bu noch!" unb, sich vor ben Edlen bis zur Erde verneigend, zog er ihn am Arm hinweg. „Es ist", zischte er ihm zu, „eine Ehre sondergleichen, die dir widerfahren ist, unb wem bankst bu bas? Mir, der ich dich zu einem so unerhörten Athleten und Läufer ausgebildet!" Pantarkes sah ihn ungläubig lächelnd an, aber: „Was lächelst bu?" schrie ihn ber Erzieher an, als sie von ber Gruppe ber Felbherrn schon eine Strecke entfernt waren, „wirs lieber bie Kleiber ab! Vorwärts! Und ich laufe neben dir!" Fortwährend redend, riß er ihm die Kleider ab, bann brach er sich, aus einem Haselgesträuch, eine lange Gerte, entblätterte sie, schlug bann ben nackten Knaben leicht über bie Schulter und. befahl: „Lauf!" So begannen sie zu laufen, wobei ber Thessalier bem Knaben fortwährend befahl, wie schnell er zu laufen hätte, wie er atmen solle, und anderes mehr, alles vor Aufregung über die Ehre, die feinem Zögling war erwiesen worden. Pantarkes aber lachte bloß unb riet dem Sklaven, nicht soviel zu schwätzen, sonst werde er außer Atem kommen; ber Thessalier aber schrie zurück, er solle auf feinen eigenen Atem acht- geben. So liefen sie dahin, und hinter ihnen versank das Tosen der Schlacht. Am Fuß des Pentelikon eilten sie die Hügelhöhen hinan, Bauernvolk stand da und sah in bie Ebene hinab, ob man auszunehmen vermöchte, wer bem Sieg näher wäre, bie Eigenen ober der Feind, und den Laufenden schrien sie Fragen entgegen. Der Sklave aber, ber zum Berganlaufen unb gleichzeitigen, fortwährenben Reben und Befehlen nicht mehr jung genug war, tarn mit bem Pantarkes, als sie, nach einer Stunde etwa, auf die Hügelrücken angelangt waren, nicht mehr mit, und, Die Stadt ist ja nicht mehr weit, dachte Pantarkes, indem er dahinflog wie ein Sturmwind; hinter ihm polterte und klirrte der Wagen. Auf eine Zeit spürte er's nicht mehr, daß er vom frühen Morgen an hatte marschieren müssen, dann an der Schlacht teilgenommen und schließlich stundenlang gelaufen war. Die Wut auf Apollodoros und die Angst um seine Ehre machten ihm schnelle Füße, er_rafte die Hügel hinan, schon stieg hinter dem letzten, im Glast des Sommernachmittags, der Burgfelsen der Stadt auf. Die Landschaft aber schwärmte von Leuten, solchen, die noch in der Stadt Schutz suchen wollten, und anderen, die im Begriff waren, aus der Stadt wiederum zu fliehen. Dem Läufer, der wie ein Toller dahinrannte, und dem hinter ihm herjagenden Gefährt schrie man zu, was es denn gebe? Der Schweiß rann dem Pantarkes in Strömen vom ganzen Leib, noch eine halbe Stunde, dachte er, würde er es auszuhalten haben. Aber die Aufregung fing an, ihm den Atem zu benehmen, als, wie nun das Land gegen Athen zu sich absenkte, der Wagen ihm rasch näherzukommen begann, und er hörte, trotz des Blutsausens in seinem Ohr, schon das Schnauben der Rosse und das Klatschen der Hiebe, die Apollodoros ihnen gab. Die Flanken schmerzten ihn, er hielt die Hände drauf, der Atem stach ihn wie Nadeln. Er sah ein, daß er verloren sein würde, er vefluchte den Apollodoros und gelobte dem Himmel eine große Gabe, im Falle er die Stadt doch noch als erster erreichen würde. Sein Blut toste, schwarze Schleier hängten sich ihm vor den Blick; als er endlich durch das Stadttor jagte, da war der Wagen schon hart hinter ihm, er hörte in der Gasse, durch die er rannte, die Leute schreien wie durch das Dröhnen eines Wasserfalls, und durch feurige Nebel sah er den Markt, bis mitten auf den Platz kam er noch und schrie: „Wir haben gesiegt!" Dann schlug er lang hin und war tot, zehn Schritte aber hinter ihm erst war der Wagen. Nevada im in Amerika Minden Ontario. Deutsche Aecker in Nevada. Bericht aus dem uubekannken Amerika. Von Josef Ponten. Minden! Nein, nicht die schöne, stille alte Weserstadt ist gemeint, sondern ein kleines, neues „town" am Ostfuße der Sierra Staate Nevada, hart an der Grenze Kaliforniens. Es gibt mindestens noch drei Minden: Minden Louisiana, Minden Illinois und südlichen Lage gemäß ist sie schnee- und gletscherarm, und die Hauptsache: diese Gebirge erstrecken sich weiter hin als die europäischen und verlieren dadurch für das Gefühl an Höhe. Die Alpen haben im Norden nur wenige, im Süden fast keine Vorberge, die „foothills" — ehemals goldführende Konglomerate — der Sierra auf der westlichen Seite sind sehr tief, sie namentlich sind daran schuld, daß das ideale Gefalle der Sierra nur zwei Grad beträgt. Durch diese „foothills fahren wir im Zuge der alten Straßen, auf denen die Einwanderer aus dem Osten der Staaten nach Kalifornien hinein fluteten, das Gebirge hinan, schlafen in einem Waldlager, queren das Gebirge in schonen Waldern nord- amerikanischer Art — die Gebirgsbäume entwickeln größere Hohe, ober geringere Breite als die europäischen des verwandten geographischen Ortes und finken durch granitene Quertäler in die wüstenhaften Hochebenen von Nevada hinab. Schon die Höhenlage der östlichen psuhpunkte wegen ist die Sierra auf dieser Seite wenig stattlich, auch bildet der Granit im allgemeinen, wenn nicht besonders tektonische oder andere geographische Gewalten es anders wollen, weniger ansehnliche Formen aus als der die Nord- und Südgürtel der Alpen füllende Kalk mit seiner Neigung zu senkrechter Klüftung. Also nein, Dolomiten oder Wet^r- steinalpen und deren gewaltige Bilder hat die Sierra nicht. Aber wir tinb hier in einer Gegend, welche die tolle und oft schaurige Romantik 6er Goldsucherei. auch heute noch in Erzählung und Erinnerung durch- S. Und mit der Goldsucherei in einem überraschenden Sinne hangt die ehung von Minden zusammen. . .. ... Schon in der Goldsuchergegend auf der kalifornischen Sierraseite fiel mir der Name Minden auf einem Wegweiser tn die Augen; aber die Schwierigkeiten der kurvenreichen Straße bewirkten, daß ich im aup mvrtfamen Steuern nicht weiter darüber nachdachte. Doch auf 6er Ostseite des Gebirges begegnete der Name wieder: Minden! Das klingt doch sehr deutsch! Fahren wir hin! , @i. Wir bogen hinab und hinein ins Carson-Valley, genannt nach Kit Tarson. dem berühmten Pfadfinder aus den Jnd.anerknegen der der erste Weiße gewesen ein mag, der das Tal auf seinen verwegenen Ritten besuchte. Auf der anderen Talseite liegt das ewft oolk-, mann Niche Virginia-City, die Gold- und Silbergraberftadt die IN den funst Wer Jahren des 19. Jahrhunderts hektisch ausbluhte als der kalifornische Goldrausch bereits abebbte. In Virginia-City grub auch em Deutscher namens Dangberg, gekommen aus dem Kreisstadtchen Halle im Regierungsbezirk Minden. Well, er mag die üblichen Enttäuschungen Wir tarnen von Kalifornien: Wir hatten San Franzisko verlassen, der Stadt an der göttlichen Bucht, wo es, wie dort immer im Juli, unfreundlich und kalt war. Aber kaum waren wir auf der Fähre Über die nebelige Bucht nach der Universitätsstadt Berkeley gefahren und hatten das Auto ostwärts gerichtet, da war es sonnig und warm. Kalifornien ist gelb und grün-gelb bis aschblond, wie man sonst nirgendswo etn Land sieht, von dem kurzstrohigen wilden Hafer, der Meilen um Meilen die runden Hügel bedeckt; und grün, fast chrysoprasgrun, wie man es noch nicht gesehen hat, in den Niedrungen, wo durch künstliche Bewässerung die dichten Oasen und Fruchtgärten entstehen. Durch das heiße Sakramento, Kaliforniens Hauptstadt, fahren wir hindurch und folgen dem Kommen des Sakramentoflusses die Sierra Nevada hinan. Ich bin überzeugt, die meisten deutschen Leser stellen sich unter „Sierra Nevada" etwas hinreißend Schönes vor, für das deutsche Ohr war der Klang romanischer Namen immer verführerisch — die Alpen sind schöner. Die Sierra erhebt sich zu fast denselben Höhen wie die Alpen, aber ihrer ...... ~ ;ge gemäß ist sie schnee- und gletscherarm, und die Haupt- Gebirge erstrecken sich weiter hin als die europäischen und der Goldgräberei erlitten haben, er tarn auf den Gedanken, auf solidere und vielleicht anständigere Weise sein Gold zu gewinnen, er wurde Farmer im Tale. Die 30 000 Männer von Virginia-City brauchten Brot und Fleisch, wofür natürlich die hqhen Preise der Goldgräbersaison; noch dazu in einem Wüstenlande, bezahlt wurden. Er zog drei Brüder aus Halle nach, und bald hatten die Dangbergs im Carson-Valley viele tausend Acker (Morgen) in ihrer Hand, aus denen sie die Fülle der Grasfrüchte holten. „Crazy dutchman", verrückter Deutscher, nannten den Dangberg die Goldgräber, wenn sie aus die von wildem Sagebrush bedeckten Talsteppen schauten. Aber die Dangbergs leiteten den aus den Silvermountains kommenden Carson-River auf die Steppen — und kurz und gut, heute ist das Carson-Valley eine Prachtoase, besetzt mit einigen tausend fleißiger Menschen, und 60 vom Hundert davon sind deittscher Herkunft. Denn die Dangbergs zogen nun viele Deutsche aus Halle bei Minden übers große Wasser herüber, der eine der Brüder, August, fuhr selbst hin, um namentlich Frauen zu holen, die in dieser Männerlandschaft ebenso begehrt wie das Gold waren. Heute lebt noch einer von den Brüdern, gekannt und geliebt in der ganzen Landschaft, der jüngste, der 79 Jahre junge „Onkel Wilhelm", wahrhaft ein junger Mann, der den Krieg von 70 mitmachte. Er erzählt uns in einem lieblichen Gemisch von Deutsch und Englisch die Geschichte der Landschaft, und abends zu den Tönen des Klaviers im blühenden Farmerhause singt er begeistert das „Westfalenlied" und preußische Soldatenlieder. Er war aber nicht immer für preußisches Soldatentum begeistert, der Uederdruß an den jährlichen Hebungen, zu denen er eingezogen wurde, veranlaßte ihn, dem Rufe der ihm voraufgegangenen Brüder zu folgen; und so kam es, daß er in den 56 Jahren seines Hierseins niemals, auch nicht zum Besuche, nach Westfalenland zurückkehrte, denn er fürchtete sich vor einem gewissen Bezirkskommando, in dessen Listen er als Ausreißer notiert ist. Es lebt auch noch die 81 Jahre junge Mrs Dangberg, die Witwe des Aeltesten, eine Stockamerikanerin englischer Herkunft. Die frische, prächtige, alte Frau erzählt mir, man habe ihr im Kriege, in der schrecklichen Zeit der hiesigen Deutschenverfolgung, nahegelegt, ihren Namen zu anglisieren — „fällt mir nicht ein", hat sie gesagt; „und wenn ich wieder jung wäre und heiraten würde, ich würde wieder einen Deutschen heiraten!" Mrs. Dangberg erzählt mir auch, wie sie in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vor dem Bau der Ueberlandbahn mit ihrem Vater und feiner Familie im Planwagenzuge von Illinois in fünf Monaten über die Berge reifte, und sie sah auch noch Büffelherden über die ungeheuren Ebenen westlich des Missouri streunen, die Büffel, die — Schande der weißen Menschen! — heute ganz ausgerottet sind. Die Deutschen in Carson-Valley vertrugen sich mit den friedlichen Washo-Jndianern — friedlich waren sie, wenn auch einer dem Sahne des Christoph Dangberg eine Kugel in die Stirn schoß — in der Weise, wie sich der weihe Mann überhaupt mit Indianern vertrug: er nahm ihm seine Jagd- und Fischereigründe und drängte ihn ins tote Land, im Carson-Valley gegen die Randberge, Der Washo ist heute ein stiller, in sich gekehrter Farmarbeiter. Die amerikanische Regierung in ihrem Bestreben, die Indianer zu „zivilisieren", das ist zu entwurzeln, eröffnete eine großartige Jndiänerschule im Take (der Direktor heißt Schneider), wo die kleinen Braunhäutigen und Schwarzhaarigen die englische Sprache, Religion, Handwerk, Kochen und amerikanisch Bauen lernen; denn Amerika wünscht, daß die indianischen Zelte verschwinden, „aus hygienischen Gründen". Und so liegt denn heute vor den Pine-nut- Hills, Kiefernußbergen, das armselige „Dreßlerville", genannt nach Herrn Drexler aus dem Hannoverschen, eine traurige Sammlung von Holzbuden: die Jndianerstadt. Landschafts-Stammvater Dangberg hatte vier Söhne. So groß war fein Besitz und so rührig waren die Söhne, daß mein Gastfreund John Dangberg 7000 bis 8000'Acker (Morgen) Land im Tale unter dem Pfluge hat und 32 000 Morgen Bergweide besitzt. Denn als ein moderner Vater Abraham nennt er 25 000 Schafe, 3000 Rinder und 2000 Schweine sein eigen. Tausend Tonnen Betreibe erzeugt er mit Hilfe der modernsten Maschinen. Das Heu z. B. wird mit Maschinen geschnitten, mit Maschinen gewendet und gesammelt und mit Maschinen zu den gewaltigen Schobern aufgehäüft, die wie Turmkuppeln in der Landschaft stehen. Der älteste der Söhne des alten Dangberg, Fred Dangberg, gründete 1905 die Stadt „Minden" im Mittelpunkt der Landschaft. Sie hat 200 Einwohner, meist irischer, italienischer, baskischer Herkunft, ein teures Hotel, eine Farmerbank, ein langweiliges Rathaus, Getreidesilos und die mit den modernsten Einrichtungen versehenen Eier- und Butterstapelhäuser der „Minden Butter Co.". Da werden die Eier durchleuchtet, die innerlich irgendwie schadhaften sofort verkauft, die tauglichen aber zu Tausenden und aber Tausenden aufgestapelt, bis günstige Marktpreise winken, vielleicht übers Jahr. Das Butterhaus hat ausgezeichnete Maschinen — ich denke an die Butterkirne der Großmutter in der Eifel, die ich als Knabe mit der Hand drehte. Die Milch wird hygienisch und marktfertig scharf untersucht, und der anliefernde Farmer wird nach dem Fettgehalte der Milch bezahlt. „Prosperity" herrscht in dieser Landschaft, und also ist sie gut amerikanisch. Zum Namen Minden kam es so: Fred Dangberg, der Sohn, schenkte der nördlich das Tal durchschneidenden T.- und V.-Eisenbahn das nötige Land, sie baute eine Stichbahn das Tal hinaus. Der Entpunkt der Bahn, die neue Stadt, sollte Halle heißen, womit Fred Dangberg die Erinnerung an die Herkunft seines Vaters aus Halle in Westfalen festlegen und monumentafifieren wollte. Aber der amerikanische Direktor der Bahn erklärte den Namen Halle für einen englischen Mund als unaussprechbar; er klinge auch zu sehr nach hell (Hölle) — so nahm Fred Dangberg eine deutsche Landkarte vor und taufte seine Gründung nach der Halle zunächst liegenden deutschen Stadt Minden. Ich notiere einige Farmernamen: Dangberg, Dreßler, Springmeier, Settelmeier, Lampe, Dreyer. Deutsch wird kaum noch gesprochen. Die Alten sind tot ober sterben, die Mittleren können noch „Stuten Morgen" sagen, die Jungen sprechen nur englisch. Wie sollen sie auch anders? Sie leben in einem englischen Sprachmeere, und von den Vorteilen der Zweisprachigkeit haben sie Nie H — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckecei. R. Lange, Dieben. Verantwortlich: Dr. Hans Thtzriot. Im Dorf hatten die Giftmichel und Strackschwätzer Oberwasser und versuchten dem Meister einen Klecks anzuhängen. Obwohl er nun geschieden sei, ballatschten sie, habe er fernerhin für den Unterhalt seiner Frau zu sorgen. Seine Erbanspruche aus das Vermögen der Schwiegereltern müsse er in den Schornstein schreiben. Das alles nehme er ruhig hin, weil er bereits die neuen Stiesel trage, einer mordsmäßig reichen Frau entgegen zu gehen. Die Gefreundschast widersprach dem boshaften iti Wch JllfÜlli erfror tobe filjtbt Mrd« unb S «ich I ,L tobe: iilch einen i« fre wifeni R n i» I, «fa W, iät in «otbei !ll "tfim Äe he sich nicht überzeugt. Auch wirkt sich das Verbot des Deutschsprechens während des Krieges heute aus. Ich schreibe diese Zeilen sruh an einem Sommermorgen dieses immer sonnigen Landes auf dem Pulte des Steuerrades meines Autos, das ich in einen ftillen Feldweg gefahren habe. Ich kann die ganze Landschaft überschauen. Rechts von mir ein Feld langgranniger, glänzender Gerste, links die üppig gedeihende Al- falfa von den Sandwichinseln eingeführt. Vor mir die Farm des Jtr. chußman hannoverischer Abstammung — ich schrieb guerft: der Hof. Denn fast wie ein niedersächsischer Hof sieht sie aus, von Baumen umstanden wie ein „Kamp" im deutschen Sachsenlande. Die Scheunen sind breit und hoch. Die Scheunenhäuser aller Farmen haben diese heimatliche Gestalt, und alle Farmen liegen in Baumkamps. In Minden ist eine Automobilgarage, die in äußeren Umrissen und innerer Aufteilung einem niederdeutschen Bauernhause ähnlich sieht. Es wäre schon, zu denken daß die deutsche Landschaft weit über Meer und Land hin in dieser Landschaft im Westen Amerikas eine ferne Welle geschlagen habe — ich weih es nicht. Die Farmerhäuser aber sind weih mit Säulen- umgangen des amerikanischen Kolonialstils umbaut. Drahtqittern gegen fliegendes Ungeziefer geschützt. Die Hauser haben Villencharakter, es fehlt ein Flur, alle Räume gehen durcheinander, man liebt in Amerika kein individualisches Sichabsondern. Es fehlt an Teppichen nicht und nicht an Klavieren, am allerwenigsten an Radios. Und im Hose natürlich nicht an Autos. Die Söhne farmen, daß heißt grob deutsch gesprochen, sie sind Bauern, die Töchter aber besuchen die „high schools". _ ... ... Im Westen vor mir erhebt sich die kahle Sierra mit dem Mount Job nach dem Bibelhelden benannt. Im Süden streichen die langen kahlen Silvermountains hin. Der Minenbetrieb im nahen Virginia City hat die Berge rasiert. In den Pine-nut-Hills aber sollen noch einige Russe liefernde Kiefern stehen — gut, man überließ die Hills den einstigen Landesherren, den Indianern. Vielleicht finden sie dort, wenn sie auf den Farmen nicht arbeiten wollen, noch etwas zu essen, falls die zahlreichen Eichhörnchen, die in Amerika grau sind, ihnen noch etwas übrig gelassen haben. hin S®or kn Alte Liebe. Novelle von Alfred Bock. (Fortsetzung.) Der Meister blieb in schweren Gedanken zurück. Die Gefreundschast meinte es gut, gewiß. Und doch, in ihn hineingucken konnten sie nicht. Er kam nicht über sein Leid hinweg. Dachte er an die Marie, schlackerte ihm das Herz. Sie hatte zu ihm gepaßt, war wie geschaffen für das Geschäft. Sie hatte immer den guten Willen gehabt und dazu ein freundlich Gesicht. Und wie hatte sie für ihn gesorgtl Wo sie stand, war reine Luft Ihresgleichen sand er nicht wieder. Nun wollten sie ihm den Kopf heiß machen, daß er mit Schuhen und Strümpfen in eine neue Eheschaft sprang. Es schauperte ihn. Den Fall gesetzt, die Anstalt gab ihm den Schein, das Gericht entschied für ihn und er ging wieder auf die Freite. Was war dann? Er spielte Lotterie. Ob er gewann, das war noch sehr die Frage. Rat hin, Rat her. Man konnte viel schwätzen, eh eine Suppe kochte. Freilich, ein guter Rat war ost wie eine Arznei, die bitter schmeckte und dann doch hals. Darin hatte die Gefreundschast recht: eine Frau tat hier not. War sie tüchtig, brachte sie, was sie kostete, ein. Aber wer bürgte ihm, daß sie sich schulte unb für ihn schickte? Die Ratgeber trugen den Schaden nicht. Eh er einen entscheidenden Schritt unternahm, würde er's zehnmal überlegen. Lange ging er wie tieffinnig umher, ohne einen Entschluß zu fassen. Endlich raffte er sich auf, begab sich in die Irrenanstalt und begehrte den Direktor zu sprechen. Nachdem er eine volle Stunde gewartet hatte, wurde er in das Zimmer des Oberarztes gesührt. Das war ein alter, beweglicher Herr, der neben seinem Amt als Leiter der Anstalt in der benachbarten Großstadt eine ausgedehnte Praxis hatte. Immer lud er sich so viel auf, daß er niemals fertig wurde. Deswegen galt ihm die Zeit als die größte Tyrannin. Dem Meister Allerhand, der ihm sein Herz ausschüttete, antwortete er, sein Journal aufschlagend: „Ich begreife vollkommen, daß Ihre Lage sehr mißlich, ist. Wir haben bei Ihrer Frau alles Mögliche versucht. Leider ohne Ersolg. Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen die volle Wahrheit zu sagen. Meiner lieber- zeugung nach wird Ihre Frau nicht wiederhergestellt!" „Könnt ich das vielleicht schriftlich haben?" brachte der Meister zögernd heraus. Der Oberarzt sah ihn prüfend an. „Sie möchten wieder heiraten, Herr Schärfster?" Der Meister hielt den Blick ruhig aus. „Ich möcht nicht, Herr Doktor, ich muß. 'S geht mir sonst alles kaputt!" Der alte Herr beugte sich, die Stirn kraus ziehend, über sein Journal, schritt ein paarmal im Zimmer auf und ab und sagte bann: „Ich kann Ihnen bas Zeugnis geben. Es wird Ihnen demnächst zugestellt." Der Meister dankte unb entfernte sich. Ein paar Tage später hatte er bas ärztliche Gutachten in Hänben. Sein Anwalt übergab es dem Gericht. Es währte nicht lange, so wurde die eheliche Gemeinschaft, die zwischen dem Ludwig und der Marie Schaessler bestand, für aufgehoben erklärt. Gerede Der Vetter habe bei seiner Heirat nicht nach Geld gefragt. Er brauche für sein Geschäft eine Frau. Wenn er wirklich wieder in eine Eheschaft trete, werde das Geld nicht den Ausschlag geben. Der Meister betrauerte seine Frau wie eine Tote. Hatte er im Kramladen nichts zu tun, hockte er in feinem Ladenstübchen und brütete vor sich hin. Dabei sah er so elend aus, als ob er nicht mehr aus der Dach- raufe könnte. . Eines Sonntags in aller Frühe fuhr der Schwickertsadam mit feinen Füchsen bei ihm vor. Der Meister trat vor die Tür unb fragte: „Wohin?" . . „Nach Wallenrod", versetzte der Vetter, „willst du mit? Der Meister schüttelte den Kops. .Sei doch nicht äbsch, du mußt einmal aus dem Nest! rief der Adam, sprang vom Bock unb klopfte den unruhigen Pferden auf den Hals. Worte gingen hin unb her. Schließlich ließ sich der Meister über» reden unb fuhr mit. , Sie folgten der sanft aussteigenden Straße, die Windhausen unb Stornborf berührte. Die Nebel zerstoben im Sonnenlicht. Fernab traten bie blauen Höhen bes Vogelsbergs hervor. Auf den Feldern reiften die Früchte der Ernte entgegen, lieber Bafaltgerölle strömte ein klarer Bach. Durch die reine Luft schwamm Glockengeläut. In den Dörfern standen Männer und Frauen hemdärmelig, behaglich plaudernd vor den Höfen. Aus bett mit Geranien unb Fuchsien geschmückten Fenstern schauten Frauen unb Mädchen, feiertäglich gekleidet, heraus. Still saß der Meister neben dem Vetter unb stellte seine Betrachtungen an Warum war man in der kuriosen Welt? Daß man in die Geduldschule ging. Das Unglück lauerte am Wege, packte diesen unb jenen. Schwerlich kam einer ungerupft durch. Ein bißchen Geduld zum Unglück gelegt, man trug es leichter. Er hatte sich zuviel nachgegeben. Wer nicht lahmte, sollte nicht hinken. Er stand einmal im Leben unb mußte es nehmen, wie es war. Zum erstenmal seit Jahren geschah's, daß die alte Spannkraft sich in ihm regte, daß ein Gefühl von frischem Mut ihn durchdrang. In Stornborf beschlossen sie, Rast zu machen. Jnbes ein Bursch bie Pferbe hielt, taten sie im „Deutschen Haus" einen Trunk. Die Wirts- ftube war gebrängt voll. Die Gäste zogen einen ältlichen Mann aus Ermenrod durch die Hechel. Der hatte vor Jahren, als er stark benebelt bei dämmerndem Abend von Zeilbach kam, einen Esel, der mächtig brüllte, für einen leibhaften Bären gehalten. Spornstreichs lief er in fein Dorf und schrie: „Heraus, ihr Gebrüder, ein Bär ist los!" Etliche rückten denn auch mit Mistgabeln und Dreschflegeln bewaffnet aus, den Meister Petz zu fangen. Wie sie gewahrten, daß sie von ihrem bezopften Dorsgenofsen genarrt worden waren, fielen sie über ihn her unb schlugen ihn blau unb grün. Von Stunb an mußten bie Ermenröder sich den Spottnamen „Bärenfänger" gefallen lassen. Die Geschichte würbe roieber aufgewärmt und erregte Stürme von Heiterkeit. Der Meister Allerhand und sein Vetter hörten den Spektakel mit an und fuhren luftiert weiter. Der Schwickertsadam hatte in Wallenrod einem Kameraden vom Militär dreihundert Mark geliehen. Dcm Mann waren kürzlich vier Stück Vieh an der Lungenseuche gefallen. Es hieß, er sei in seinen Ver- hältnissen stark zurückgekommen. Nun wollte der Adam sich überzeugen, wie es mit seiner Forderung stand. Das hatte er dem Vetter bereits erzählt. Da sie der Ortschaft sich näherten, hob er an: „Was ich sagen wollt. Da ist in Wallenrod ein Mädchen. Das tat für dich passen. Sie schreibt sich Lehrmund. Ich kenn die Leut schon lang. Der Vater ist gestorben. Er hat die Postagentur gehabt. Die älteste Tochter ist nach Echzell verheiratet. Auch an einen Postkops. Die zweite, die Karoline, hat beim Gernhardt in Lauterbach Kaufmann gelernt. Der hält sie nicht gehen lassen, wenn ihre Mutter nicht krank geworden wär. Da mußt sie heim. Die Frau hott' abgesetzte Glieder und war so herunter, daß sie nicht mehr Mattemaul sagen könnt. Letzt hört ich, in der Karoline ihrer Pfleg ist sie wieder zu Kräften gekommen. 'S ist ein tüchtig Mädchen unb ein gutes Mädchen. Wann bu bie trägst, tönntft bu dir gratulieren!" „Wie ift’s dann mit der Aelle?" fragte der Meister Allerhand. „Sie kann drei- oder vierundzwanzig fein", versetzte der Adam. Der Meister machte ein bedenkliches Gesicht. „Ich bin sünfundvierzig! Jung unb alt gibt kein gut Gespann." Der Adam lachte. „Weißt bu, wie man das heißt? Spargemente! Du bist noch nicht alt. Red dir nix ein. Und wann der Karoline ihre Jungheit wirklich ein Fehler wär, wird er jeden Tag, den sie älter wird, kleiner. Ich rat dir: guck dir emal das Mädchen an!" Der Meister kam mit Wenn und Aber, doch setzte ihm der Vetter dermaßen zu, daß er zuletzt die Waffen streckte unb sagte: „Ich will nicht widerbörstig sein. Läßt sich's machen, guck ich mir emal das Mädchen an!" In der „Krone" zu Wallenrod wurde ausgespannt. Während der Meister Allerhand sich einen Schoppen geben ließ, ging der Adam zu seinem Kameraden vom Militär. Dem hatte ein naher Verwandter geholfen, so daß er hoffte, über den Berg zu kommen. Er bezahlte dem Adam auf Abschlag fünfzig Mark und versprach, den Rest [einer Schuld in vierteljährlichen' Teilen zu tilgen. Befriedigt ließ sich der Adam mit Branntwein bewirten unb suchte barauf seine alte Bekannte, bie Witwe Lehrmunb, auf. Die traf er allein. Die Tochter war ins Backhaus gegangen. Er fragte die immer noch Leidende, wie es ihr gehe, sprang vom Hundertsten ins Tausemste und kam endlich auf die Karoline zu sprechen. Er wisse ihr eine gute Partie. Der Mann, um den es sich handle, sei justement im Dors. (Fortsetzung folgt.) _____