Gießener Zaniilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1931 ' Msntag, ben 16. »z Nummer 22 Oer Stern. Von Gottfried Keller. Siehst du den Stern im fernsten Blau, der flimmernd fast erbleicht? Sein Licht braucht eine Ewigkeit, bis es dein Äug' erreicht! Vielleicht vor tausend Jahren schon zu Asche stob der Stern; und doch steht dort sein milder Schein noch immer still und fern. Dem Wesen solchen Scheines gleicht, der ist und doch nicht ist, 0 Lieb, dein anmutsvolles Sein, wenn du gestorben bist. Der Brief aus Marokko. Von Josef Martin Bauer. Josef Martin Bauer wurde mit dem Jugendpreis Deutscher Erzähler ausgezeichnet. Die Geschichte von meinem Onkel Andreas, wenn ich die Dinge der Reihe nach erzählen wollte, wäre wirklich langweilig. Wenn wir Buben einmal den schnauzbärtigen Onkel als ein Wundertier angesehen haben, so hatte das seine eigene Bewandtnis. Er hatte ein kleines Bauernzeugel und nebenher machte er sich ein wenig Geld mit seinem Biehhandel. Da hat er auch unserem Vater einmal eine Kuh abgekauft, er hat sein Bandmaß aus der Tasche gezogen, hat ein wenig an der Höhe und der Bauchumspannung herumgemessen und war im selben Augenblick für uns ein Wundertier, als er das Gewicht mit neun Zentnern angab. Die Kuh wurde auf die Waage gestellt hernach und hatte knapp zehn Pfund mehr, als eben die neun Zentner. Später habe ich einmal etwas anderes gesehen an ihm, was den Glanz des Wundermannes ziemlich zum Ausbleiben brachte. Er hatte den Schnupftabak in einer Literflasche am Fensterbrett stehen und klopst-e sich aus dem weiten Hals ganze Berge Tabak auf die Hand. Das war mein Onkel Andreas. Vielmehr — er ist es heute noch; er lebt noch, mit etlichen siebzig Jahren auf dem Buckel sitzt er auf seinem Zeugel, rührt selten noch eine Hand zur Arbeit, weil es für ihn und feine graue Frau auch so reichen muß. Die Literflasche mit dem Tabak existiert auch noch. Sonst sind die Gewohnheiten alle abgestorben mit der Zeit. Onkel Andreas ist verrückt. Weil er zu sehr vergafft war in seinen einzigen Buben. Klaus war der Fluch des Hauses geworden, weil er in allem Tun der Eltern nur das Ziel aller Arbeit und Sorge, aber auch all der verkehrten Liebe gewesen war. Klaus hin und Klaus her, so ging's den ganzen Tag. Vis er zum Militär mußte. Klaus war ein verpäppeltes Muttersöhnchen und bekam in Diedenhofen soviel Pakete, daß er es aushalten konnte seine zwei Jahre. Jämmerliche Briefe schrieb er heim, aber er hielt aus, der Vetter Klaus. Mein Onkel konnte .Klaus' nicht sagen, er sagte ,Kloos', wenn er von seinem Buben sprach, weil er von der bewußten Literflasche eine so enge Nase bekommen hätte. Kloos war in Diedenhofen und diente seine zwei Jahre ab. Und gerade, als sie daheim schon auf feine Rückkehr warteten, kam eine ganz andere Nachricht von Marseille: der Kloos war zur Fremdenlegion gegangen. Warum? Der Onkel hatte schon seit einem halben Jahre seine Tauben gefüttert zum Platzen. Kloos kam nicht. Vielleicht konnte er den Gedanken an die Fleischtöpfe nicht ertragen. Vielleicht. Wahrscheinlicher war, daß er etwas eingestellt hatte. Oder aber er war verrückt. Die erste Nachricht kam aus Marseille, dann kamen Jammerbriefe von Taza, von Siddi bel Abbes. Zuerst war der Onkel recht einsilbig und verbissen. Nach einem Jahr aber kam die Nachricht, daß sein Kloos zum Korporal befördert fei. Das erzählte Onkel Andreas schon wieder mit hochgehobener Nase, das erzählte er am liebsten meinem Vater, der wegen seiner schlechten Füße dreimal zurückgestellt und schließlich ganz von seiner Dienstpflicht befreit worden war. Der mußte doch als Ungedienter noch mehr Respekt bekommen vor Klaus, der es bei den mageren Möglichkeiten in Marokko zum Korporal gebracht hatte. Kloos war wieder der große Mann, Onkel Andreas richtete feinen Barthang ein wenig aus und erzählte näselnd allen Menschen, die es nicht hören wollten, daß Kloos Korporal der Legion geworden sei. Klaus war nicht schmalbrüstig gewesen und nie im Leben einmal ordentlich krank. Ich weiß ihn selber noch so: ein großer Mann, blaue Uniform, rotgeränderte Achselklappen, fein Bart ging stärker noch als das Haar ins Rötliche. Wenn er lachte, näselte er auch ein wenig. Er trank sehr viel Bier und jammerte über den Dienst. Aber er war sehr groß und breit. Seine Gesundheit muh doch nicht' so fest gewesen sein, sonst wäre es nicht so gekommen, wie es wirklich kam. Ohne daß einmal in einem Brief vorher etwas derartiges gestanden wäre, meldete das Kommando in Siddi bel Abbes, anscheinend im Auftrag des Kranken, datz Klaus lungenkrank und nicht mehr dienstfähig sei. Das traf den Onkel so überraschend, daß er sich zu den Tatsachen in Opposition stellte, daß er sie einfach zu ignorieren suchte. „Die möchten ihn drinnen behalten", murrte er. Er lachte sehr selbstbewußt, ober sein Bart kam wieder etwas ins Gehänge dabei. „Die lügen mich an, weil der Kloos der beste Korporal der ganzen Legion ist. Den wollen sie für immer behalten." Das glaubte er selber ganz fest. Als er nach ein paar Wochen mitten im Ausmessen eines schönen Ochsens wieder von Klaus zu erzählen begann, war alles in ihm eiserne lieber» zeugung geworden. „Wenn wieder ein Brief kommt von meinem Kloos, dann schreibt er, daß er Sergeant geworden ist. Der Kloos bringt es noch weit." Das andere traf so sonderbar schnell ein, daß es für einen Mann wie Onkel Andreas einfach unglaubhaft fein mußte. Der Lagerkommandant von Siddi bei Abbes meldete in einem fast herzlich klingenden Brief, — das Deutsch des Mannes war freilich kläglich — daß der Korporal der Legion Klaus feinem Lungenleiden erlegen und in Siddi bet Abbes bestattet worden fei. Das wär etliche Monate vor Ausbruch des Kriegees. Onkel Andreas betrachtete den Brief, er ließ den nickelblechernen Kneifer mit zwei Sprüngen an der Nase niedergehen und runzelte ihn wieder langsam hoch. Dann sagte er „Schwindel!" In das einzige heftige Wort legte er eine ganze Weltanschauung. Klaus war für ihn etwas Göttliches gewesen. „Schwindel!" knurrte er, wenn er einen Ochsen abmaß und von seinem Kloos zu sprechen begann. Die Leute sagten: „Es wird schon so sein. Das Klima in Marokko kann nicht jeder vertragen." Onkel Andreas sagte „So! Schwindel ist alles!" Als der Pfarrer kam und ihm den Rat gab, er möge doch einen Seelengottesdienst halten lassen für den verstorbenen Sohn, machte Onkel Andreas ganz enge Augen und brummte: „Schwindel!" Es kam der Krieg. Für andere Leute kam der Krieg, ober nicht für den verrückten Onkel. Er hielt den „Anzeiger" und wunderte sich, daß es Krieg gab zwischen Deutschland und Frankreich, wo sein Kloos doch eine einflußreiche Stelle hatte in Marokko und durch seine guten Verbindungen so etwas leicht hintertreiben konnte. Wenn es wirklich so war, wenn man Krieg hatte zwischen den zwei Ländern, dann mußten alle Hoffnungen bedeutend zusammenschrumpfen. Dann hatte es Kloos wohl nicht gut bei den Franzosen. Das leuchtete dem alten Graukopf ein, und so leugnet er den Krieg als für ihn einfach nicht bestehend. Wenn die Zeiten immer schlechter werden und andere Leute alle Schuld im Krieg suchten, knurrte Onkel Andreas „Schwindel!" Die Tauben und die kapaunischen Gockel hatte er verkauft damals; jetzt litt er selber Hunger und sagte „Schwindel!" Der Viehhandel ging schlecht, aber den Glauben konnte niemand totschlagen in diesem Menschen, daß sein Kloos einmal wieder zurückkommen müsse. Daß mit dem törichten Glauben sechs Jahre verrannen, spürte Onkel Andreas kaum. Er saß jeden Tag auf der Bank vor dem Zeuget und schaute den Wiesenweg hinauf, weil der Bub da her kommen mußte. Klaus kam nicht. Aber ein anderer kam. Der hieß Baumgartner. Er war fahl im Gesicht und hatte etwas an sich in Gang und Gehabe, als wäre er lange ohne Licht irgendwo vergraben gewesen. Wenn der Onkel sonst nie aufstand — beim Herannahen dieses Menschen spürte er etwas, er bekam eine Ahnung und ging fragend auf den Fremden zu. „Ich möchte euren Klaus besuchen. Er hat mir damals in Taza feine Adresse gegeben und da haben wir ausgemacht, daß wir uns besuchen, wenn wir erst mal frei sind. Das mit dem Brief ist heute nicht mehr notwendig. Aber aufbewahrt habe ich ihn die elf Jahre. Da schauen Sie her!" Ein anderer als Onkel Andreas hätte dumm drein gefehen. Ader der sprang auf, er schrie so lange, bis feine Frau herauskam. „Du wirst staunen,, du wirft schauen! Ich habe doch wieder recht behalten. Der Klaus hat uns einen Brief geschrieben. Von Marokko!" — „Ja, ja" schnaufte die Frau. Die glaubte schon lange nichts mehr. Aber weil ihr Andreas immer grob wurde, wenn sie zu widersprechen begann, hatte sie das Jasagen gelernt. Der Mann, der Baumgartner hieß, begann zu widersprechen. Er gab wohl den Brief her, der zweifellos von Klaus geschrieben war, aber das Datum war doch von 1913. „Fort Jeddins, 7. Mai 1913. Liebe Eltern! Mein Kamerad Baumgartner wird, wenn fein Fluchtversuch gelingt, Euch diesen Brief bringen können. Wenn Ihr den Brief bekommt, werde ich höchstens noch zwei Jahre abzudienen haben —" Baumgartner erklärte, daß der Brief bereits zwölf Jahre alt fei, weil fein Fluchtversuch eben damals mißlungen fei. „Wenn ich nicht Heuer begnadigt worden wäre, hätte ich den Brief überhaupt nicht bringen können. Wir waren damals vor meiner Flucht beisammen, was später mit Klaus geschah, weiß ich auch nicht." Baumgartner wußte, was Kameradschaft ist; deshalb hatte er den Brief durch alle Fährnisse gerettet. Im Gefängnis von Algier hatten sie ihn doch oft genug durchsucht, nicht nach dem Brief, aber nach Pserdekopf. Knochenschnitzerei aus Mas d’Äzil. Junges Mammut. Felszeichnung aus der Höhle Les Combrelles (Dordogne). roieqt auch das Wildpserd in seinen beiden diluvialen äktenjo findet sich daneben der Löwe in einem eindrucksvollen Kopsbilde, das Mammut un vielleicht auch ein Bild-des Menschen (oder Assen?). Erne Besonderheit hat die Höhle von Font de Gaume, köstliche Bilder von Mammutkalbern in kugelrunder Unbeholfenheit. Ein fruchtbarer Boden für die K emgraphik war die Knochenindustrie der ausgehenden Diluvialzeit. Es gibt kaum ei besseres Knochengeröt dieser Stufe, das nicht irgendwie durch Gravierung verziert wäre, von einfacher linearer Einfassung der Ränder bis zu v ausgeführten Bildern. Unter ihnen ragen zwei turmhoch .Herons und reihen sich den besten Graphikern der antiken Kunst an: ein M nut - I von La Madeleine und das Renntier von Thaingen. Mit ub .gener ■, Technik und genialer Sicherheit sind hier die Linien gezogen, ist W entliches 1 von Nebensächlichem geschieden. Für diese begnadeten Künstler barg nicht einmal die perspektivische Ueberschneidung des Geweihes und der Beme eine Schwierigkeit. Unter den graphischen Bildern von Menschen erreiche; nur ganz wenige die Höhe der naturalistischen Tierbilder gleicher Te ) - ist die kunstvolle Figur um so sorgfältiger ausgefuhrt. Die Zahl der nackten Frauenfigürchen aus den älteren Abschnitten der jun^nluvialen Zeit ist sehr hoch ihr Kunstwert ebenso verschieden wie ihre Große. ' Die Frauenstatuetten verschwinden gegen das Ende dieses Abschnitte--, und die Plastik wird vertreten durch Knochenschnitzercien kunstgewerblicher Art vorwiegend Dolchgrisfe in Gestalt von Tieren. Der glanzende Naturalismus der Menschensiguren mußte hier einem Kompromiß Zwilchen Naturtreue und Zweckmäßigkeit Platz machen, die stdoch meist >n geradezu meisterhafter Weise vereinigt sind. Im einzelnen waren Zugeständnisse technischer Art unvermeidlich; wenn es etwa darauf ankam em dünnes Gehörn darzustcllen, das man naturgemäß nicht frei schnitzen konnte stellte man das Tier in gestrecktem Laufe mit an den Rucken gelegtem Geweih dar. Wo man ein Bildwerk aus dem anstehenden Felsen: herausarbeltete mußte ganz von selbst das Relief entstehen, das in der Tat bereits unter den frühesten Arbeiten mit hervorragenden Stucken vertreten ist. Erne Auch die Kunst dient magischen, also ebenfalls religiösen Zwecken, i,t noch nicht Selbstzweck wie die höherer Kulturlagen. Hier, scheint es, besitzen wir wirklich die ersten Anfänge: das gesamte ältere Diluvium ist nicht kunstarm sondern vollkommen kunstleer, und erst mit dem Beginn des I jüngeren'Abschnittes erscheinen die ersten Kunstwerke. Auch die primitive Kunst ist keine Funktion des Instinktes allein, sondern des Geistes. Jede I Reproduktion, gleichgültig in welcher I Kunstart oder Technik, setzt schon ein be- I stimmtes Maß von Abstraktion voraus, I und es wäre nur diejenige, die zu einer I Wiedergabe in verkleinertem Maßstabs I führt. Nehmen wir die vorauszusetzende I Stärke der Abstraktion als grundlegend I für die Beurteilung der frühesten Kunst an so muß die Plastik die älteste und ursprüngliche Kunstgattung sein, da sie die dreidiinensionale Vorlage immerhin noch in der gleichen Dimensionalität wieder- gibt, während die Zeichnung diese bereits um einen Dimensionswert verringert. Da wir nicht mehr den geringsten Anhalts- ] punkt dafür haben, ob die Plastiken der Diluvialkunst einstmals farbig bemalt wären, können wir nicht mehr wissen, ob oder wann die Abstraktion von der Farbe stattgesunden hat. Der Befund innerhalb der Eiszeitkunst entspricht nun vollkommen dieser theoretischen Abfolge der Kunstarten. Die ersten Kunstwerke in der Geschichte der Menschheit treten uns nidjt in relativer sondern gleich in absoluter Vollendung entgegen in einem Naturalismus, der nicht mehr zu übersteigern ist. Es find aus weichem Stein, fossilem Elfenbein und anderen Stossen geschnitzte Statuetten nackter Frauen Am bekanntesten ist die „Venus von Willendorf" in Niederoster- r»id» der in Westdeutschland (Mainz) und Frankreich (vor allem in Brassempouy) völlig gleichartige an die Seite treten. Keine Idole zur Verehrung sondern Idealbilder des Weibes, nicht so sehr wie es wirklich war, sondern wie es der Mann wünschte, daß es fei. Die technische Beherrschung in der Wiedergabe aller Einzelheiten des Körpers ist verblüffend. Das Schönheitsideal ist noch ganz animalisch-fleischlich, das Gesicht, der Spiegel der Seele, ist als glatte, ungegliederte Flache gegeben. Dagegen Bogenschützen. Felsbilder aus Vallorta (Spanien). ganze Gruppe monumentaler Relicfbilder fand sich bei Laussel in Drank- rei* mehrere nackte Frauen gleichen Typs wie die von Willendorf em boqe'nschießender (?) Mann und ein Rudel Wildpserde in ungemein lebensvoller Wiedergabe. Allem Anschein nach waren diese Bilder ursprünglich mit Farbe angelegt. Reliefbilder sind auch die schon -erwähnten Wisent- figüren aus der Kulthöhle von Tue d’Audubert, doch hier find es freie Reliefs deren Rückseite unausgearbeitet bleiben konnte, weil ste an die Felswand gelehnt und unsichtbar war Der eigenartige Kultur-.und Formenkreis der SolutrSen, der seinen Ausgangspunkt in Sudosteuropa hatte hat auch in der Kunst Sonderformen hervorgebracht: kleine ausgeschnittene Flachreliefs aus verschiedenen Stoffen, die keinen praktischen, sondern eher wohl magischen Zwecken dienen sollten und auf irgendeinen Untergrund gelegt zu denken sind. Zu ihnen gehört ein vielbewundertes Meisterwerk: der kleine Pferdekops aus Mas d’Azil, dem in der Tat nur die allerbesten Tierplastiken an die Seite gestellt werden dürfen Ihre glänzendste Höhe erreichte die diluviale Reliefkunst aber erst, als sie mit der Malerei zu einem Gesamtkunstwerk verschmolz. Zahlenmäßig sind unter den eiszeitlichen Kunstwerken die Zeichnungen am stärksten vertreten, vor allem in der Kleinkunst, wenn sie auch m der monumentalen Kunst durchaus nicht fehlen. Es ist hier m»erster Lime die Höhle von Combarelles, die eine unerschöpfliche Fülle prachtvollster Zeichnungen enthält und sich auch durch den Reichtum an Motiven aus der Mehrzahl der anderen Bilderhöhlen vorteilhaft heraushebt. Ueber- Ausbrecherwerkzeugen, weil er immer fluchivcrdächtig erschien trotz seiner guten Führung Und immer hatte er den Brief ber sich behalten. Jetzt führte er nur seinen Auftrag aus, den sein Kamerad Klaus ihm gegeben. Onkel Andreas verstand von alledem nichts mehr. Auf dem Brief papier stand deutlich genug, daß sein Kloos in zwei fahren kommen wurde. ' Der Legionär Baumgartner hatte sich auf em Wiederseh n aekreut mit dem Kameraden, den er langst in der Heimat glaubte. Den Brief hatte er nur für alle Fälle aufbewahrt. Er hatte den Kameraden wiederfinden wollen und wurde statt dessen vierzehn Tage an^ ieon dem verrückten Menscheii ausgehalten, daß sich seine fahle Farbe nn. Gesicht verlor Die Frau mußte alle gute Sack)en herbringen und Onkel Andrea^ packte den Legionär mit in die Wirtschaften, damit er Zeugnis geben füllte. In zwei Jahren kommt der Kloos heim. Das hat er uns geschrieben Der da hat den Brief gebracht!" Der Kloos war doch nicht tot wie die Narren alle glaubten. Dem entlassenen Gefangenen gefiel das Leben so aus die Dauer nicht. Er lief davon, mitten in der Nacht einmal. Onkel Andreas wurde heißer vom vielen Spruchemachen. Der Schnauzbart blieb hängen, aber der zahnlückige Mund sprudelte die Weisheit immer Hoss- I »ungsfreudiger heraus. „In zwei Jahren kommt der .Kloo->. Er hat e. uns geschrieben. Und der Baumgartner hat den Brief gebracht I Die Frau machte am Anfang ein besorgtes Gesicht zu all den Dingen. I Dann ließ sie den Verrückten gewähren. Und heute laßt sie ihn noch tun, I was er will. Er füttert keine Tauben mehr, aber leben Tag sitzt er vor I dem Zeuget und schaut den Wiesenweg hinab, wo der Kloos herauf- I kommen muß einmal. . . I In zwei Jahren. Anderes weiß er nicht. Der Kloos kommt in zwei Jahren Er ist dann vielleicht wieder frech gegen seinen Vater haut auf seine Mutter und ißt, bis er lappig und fett wird. Aber er kommt, er soll kommen. In zwei Jahren. Jetz werden die zwei Jahre bald zum brittennmt herum fein. Dntel Andreas hat seinen einzigen Buben, ben verpäppelten Erben, nicht vergessen Das Haus verwahrlost, bie Felber verunkrauten und schon lange hat Onkel Andreas sein Bandmaß nicht mehr aus der Hülle genommen. Die Frau im Hause werkt, soviel sie kann. Aber in em paar Zähren werden sie gehen müssen vom Zeugel. Cs reicht nicht mehr zum Leben so, und eine Schuld nach der andern kommt aufs Haus Die Leute wißen auch ohne Doktor, daß der Andreas verrückt ist. Er ist nicht bös; drum lassen sie ihn gehen und warten auf das Ende der zwei Jahre, bie niemals ablaufen werben. Sie lachen vielleicht über ihn, weil er ben Brief aus Marokko überall herumtragt. Weil keiner es selbst eingestehen will, baß aud) er so einen Brief aus Marokko herumtragt irgendwo ganz versteckt. Daß auch er auf bie zwei Jahre wartet, bie nicht ablaufen bürfen. Oie Kunst der Eiszeit. Von Univerfitätsprofesfor Friedrick) Behn. Der vierte Band der Propyläen-Weltgeschichte trügt den Titel „Das Erwachen der Menschheit" und enthüll unter den bisher vorliegenden vielleicht das meiste Neue und Unbekannte. Bis auf 20 000 Jahre v. Ehr. kann man jetzt zurückschauen, während bisher die Geschichtsbetrachtung meist erst 5000 v. Ehr. einzusetzen pflegte. Mit Erlaubnis des Propyläen-Berlages veröffentlichen wir aus dem neuen Bande diesen Aufsatz: (6 o "A wie die Frau mit dein Renntier auf einer nur zur Ha sie erhaltenen Knochenplatte. Die meisten aber sind unbeholsen oder fluchtig ausgefuhrt. Ein größeres Interesse bieten lediglich mehrere Kopse, die mcht nur die «üge des Gesichtes überhaupt zur Darstellung bringen nn Gegensatz zu den älteren plastischen Arbeiten, sondern Mehrfach einzelne Teile grotesk übertreiben und damit wie bewußte Karikaturen wirken. Gelegentlich machen diese Künstler auch den Versuch, sich von der stereotypen Prostl- onsicht zu lösen die überall am Ansang der Entwicklung steht, weil sie am meisten vom Objekt zeigt, und wagen, der Mensch und Tier die reine Vorderansicht. Die befriedigende Lösung dieses künstlerischen Problems ist zwar hier noch nicht gelungen, aber daß sie überhaupt versucht wurde, ist für die Beurteilung der Kunst des ausgehenden Diluviums doch Die^ Kunst der Eiszeit ist — wie jede Kunst — eine Funktion der Kultur, nach Inhalt und Stilsprache bestimmt durch d,e räumliche und fiver auf tritt als auf einem ihm nahe benachbarten anderen. Daß Feuchtigkeit und Wind bei Külte oder Wärme, an der Küste oder im Binnenland ganz verschieden auf das menschliche Wohlbefinden wirken, daß die verschidensten klimatischen Faktoren bei bedecktem Himmel ober klarem Sonnenschein sich ganz anders auswirken, sind feststehende, aber z T schwer erklärliche Ersahrungen. Die Lehre von der Beziehung der allgemeinen Wetterlage zum Gesundheitszustand steckt noch in den Kinderschuhen und beginnt erst ganz langsam diesen zu entwachsen. Die Hest- stcllunq, daß weniger eine besondere Witterungs a r t als deren Aende- rung beim Herannahen von Zyklonenfronten oder Unstetigkeltsfchichten für die Häufung bestimmter Erkrankungen verantwortlich zu machen ist, ist ein vielversprechender Anfang in der systematischen Zusammenarbeit von Metereoloqen und Medizinern. Während es aber Aufgabe der Wetterkunde ist sich hauptsächlich mit den großen, richtungsbestimmenden Faktoren der Lust wie Temperatur, Feuchtigkeit, Druck und Bewegung, zu befassen, hat die Hygiene auch ihr Augenmerk auf deren zufällige oder regelmäßige geringfügigste Beimengungen zu richten. Minimalste Spuren genügen bei den großen Lustmengen, die die Lungen und damit den Organismus passieren sich auf die Dauer der Zeit im Körper so anzureichern, daß sie die wirksame — und das bedeutet in den meisten Fallen schädliche — Konzentration erreichen. Man kann ganz allgemein von der Giftaufnahme mit der Luft sagen, daß es sich dabei um einen Wettlauf zwischen der Menge und Stärke des Schädlings in der Luft mit den entgiftenden Kräften des Organismus handelt. Ist der Giftgehalt fo gering, daß der Körper die mit jedem Atemzug aufgenommene Menge im glichen Tempo entgiften oder ausscheiden kann, bevor ihm also der nächste Atemzug neuen Nachschub zuführt, so kann er der Gefahr trotzen. Bleibt aber »edes- mal auch nur ein Spürchen des fortlaufend aufgenommenen Giftes un^r- stört zurück, so ist damit die Vergiftung unausbleiblich, sofern der Betroffene nicht vor Erreichung der fchädlichen Konzentration seinen Lungen statt der gifthaltigen reine Lust zuführen kann. Jede Luft also, die irgend etwas enthält, was nicht hinein gehört, kann ohne Uebertreidung als schädlich bezeichnet werden, wenn sie den Menschen dauernd, oder auch selbst nur etwa die Arbeitsstunden hindurch, umgibt. Im Gegensatz zu der Sicherheit, mit der jeder Fremdstoff m der Luft als schädlich angesehen werden kann, ist die Frage noch offen, rote weit das Fehlen bestimmter, häufig oder regelmäßig in «puren vorhandener Lustbeimischungen das menschliche Wohlergehen beeinträchtigen kann. Besondere Beachtung hat hier die Emanation radioaktiver Substanzen und überhaupt die elektrische Ladung der Lust gesunden. Die günstige Wirkung bestimmter Kurorte wird der Radioaktivität des Bodens, Wassers und der Lust zugeschriebem Durch willkürliche Beeinflussung der I Ladungsverhältnisse will man sogar jedweder Luft bestimmten Einfluß auf den gesunden oder kranken Körper verleihen. Von den häufigen chemischen Begleitern der Lust sind die Salze und falzbildenden Stosse, unter diesen besonders das Jod, dessen überragende I biologische Bedeutung dauernd erhöhte Wertung findet, von besonderem Interesse. Zahllos sind die Untersuchungen über den Jodgehalt des Bodens, des Wassers, der Tiere und Pflanzen. Theoretisch und praktisch gleich bedeutungsvoll ist die Sicherstellung des Zusammenhanges der Krops- I bildung und verwandter Erkrankungen von Mensch und Tier (häufige I Ursache schwerer gesundheitlicher und wirtschaftlicher Schaden) mit einer I Iodarmut der Umwelt und deren erfolgreiche Betämpsung durch regelmäßige Zufuhr kleinster — nur solche sind notwendig und zulässig — Joddosen .nit der Nahrung (Vollsalz, jodhaltiges Kraftfutter). Hierzu I gesellen sich neuerdings viele Arbeiten, die sich mit dem Jodgehalt der I Luft befassen. Die hier vorkommenden Spuren Jod stammen aus Wasser J und fester Erdoberfläche und reichern sich mit den Niederschlagen, wie Tau I und Regen, in der Atmosphäre stark an. An der Meeresküste ist die Lust am jodreichsten — das Meerwasser ist eines der gewaltigsten Jodreservoire, aus dem viele seiner Bewohner den Stoss in ihrem Organismus zu einem sehr hohen Gehalt speichern I — und nimmt nach dem Binnenland zu ständig ab, so daß ihr Gehalt I B. über den Dächern von Paris schon 13mal geringer ist, als einige I Kilometer von der normannischen Küste. Besonders gering ist er in größeren Höhenlagen. Wichtige Aufschlüsse haben Untersuchungen über den Jodgehalt der Lust in der Umgebung jodhaltiger Heilquellen gegeben. Hier war er bis zu achtmal höher als die Norm, welcher Reich- I tum sich in der vorherrschenden Windrichtung der Umgebung nuffetlt I und dort auswirkt. Wohin gewöhnlich ein lindes Lüfttein das Jod wehte, waren Kropserkrankungen und wahrscheinlich auch Arterienverkalkung I seltener als in anderen, der Quelle ebenso nahe, aber nicht in der Windrichtung gelegenen Ortschaften. Von zwei schweizer Dörfern waren in deren einem, wo die Luft den verhältnismäßig hohen Jodgehalt von 0,5 1 Tausendstel Milligramm im Kubikmeter aufrotes, nur bet 1 v. H. der I Bevölkerung Kropfbildungen nachweisbar, in dem anderen, mit nur 0,03 im Kubikmeter waren 61 v. H. von Schilddrüsenerkrankungen befallen Hierfür dürste allerdings weniger die Abweichung des Jodgehalts der Lust an sich die Ursache sein, sondern sie ist nur als Exponent der allgemeinen Verteilung in der Umwelt (Boden, Wasser usw.) anzusehen. Der notwendige Ausgleich des Jodmangels kann daher auch einfacher und sicherer als etwa durch eine künstliche Anreicherung der Lust^durch I das Ausblasen jodhaltiger Dämpfe ober Gase, was übrigens die «chlote I aller Steinkohlenfeuerungen in geringem Umfange von JelbJt tun, I geschehen, so z. B. burch bie bereits mit bestem Erfolg burchgesuhrte regel- I mäßige Darreichung mit Jobsalzen versetzter Nährstoffe an Mensch und I Vieh. Hierdurch ist nicht nur die endemische -Kopskrankheit des Menschen I praktisch ausgerottet, sondern auch die Viehhaltung durch Lekamptung I des Umrinderns, Kümmerns usw. und eine Erhöhung der Produktion und I Nachwuchs und Nutzprodukten wesentlich ertragreicher gestaltet worden. Der großzügigste Weg des Iodersatzes, der weniger in bezug auf Gangbarkeit als auf Einzelheiten der Durchführung noch in Diskustwn steht, ist die Bobenanreicherung durch Verwendung >obhaltiger Düngemittel, in erster Linie des Chilesalpeters. Aus den auf ,l° behandeltem Boden wachsenden Pflanzen gelangt das Jod schon in bester Ausnutz- Wisent, von mehreren Pfeilen getroffen. ■ Felszeichnung in der Höhle von Niaux (Bep. 'Kriege). zeitliche Umwelt, eine ausgesprochene Jägerkunst Formal bedeutet das absoluten Naturalismus, wenigstens solange die Jagerkultur unverfälscht blieb Sm erlaubt eben gar keine andere Kunstform als die des Naturalismus, doch nicht in der Form schematischen Ab sch reibens jebes k ernsten ■Suaes fonbern von Anfang an nut dem unbestechlichen Blick für das Wesentliche So aufgefaßt, verliert bie biluviale Kunst bas ihr nicht zukommenbe Unbegreifliche und Phänomenale und reiht sich der großen Gesetzmäßigkeit des Lebens ein. Gesetzmäßig ist auch bie letzte Entwicklung zu fortschreitender Stilisierung, nicht infolge äußerer Einflüsse, fonbern aus dem Wege immanenter Ueberfteigerung bes von Anfang an vorhandenen geistigen Inhalts, eine Entwicklung zum Barocken, wie sie jebe Stilperiode erlebt hat. Es liegt in der Lust ... Das Klima und die Gesundheit. Von Dr. 2l.Dorn.er. Drei bis fünf oder mehr Mahlzeiten nimmt der Mensch im Laufe des Tages zu sich. And genießt dazu und dazwischen je nach Durst und Aeigung höchstens einige wenige Liter „nassen" oder „trockenen Oe- tränks Qttmen aber tut er schlecht gerechnet in derselben Zeit zwanzigtausendmal und läßt dabei bei bescheidensten Ansprüchen Zehntausend Liter gleich zehn Kubikmeter Lust sein Inneres passieren. Wie aber Menge und Beschaffenheit oft im gegensätzlichen Verhältnis gewertet werben, geht es auch hier. Klagen über mana-lhafte Qualität des bihÄ-n Essens und Trinkens sind viel häu'iger als über die der 'großen Oltoige Atemluft. So weit überhaupt genug Lust vorhanden und diese nicht so verunreinigt ist, daß sie den Gerucyssmn be a.sbigt, solange sie annähernd die vorschriftsmäßigen 21 Prozent Sauerstoff enthält. nießt gcrabc burd) Aanch unb (Staub so bi(f tourb?» baß rnari fie schnelben kann, sieht man keinen Anlaß, an iHv hevumzumakelm Allerdings ist diese Descheibenheit oft nicht sreiwiUig, sondern erzwun- «en. Schlechtes Essen kann man stehen lassen, und zwar ziemlich lange und ost, bis man besseres ergattert. Der Lust gegenüber kann man solche kritische Enthaltsamkeit nur durch eine nach Sekunden zu be- messende -Zeit ausüben. Die ungehaltene Atemmenge seht bann oud) wider Millen mit erhöhter Intensität ganz von selbst wieder em. And wenn dies einmal iricht der Fall ist, wenn das Atemzentrirm ernew solchen Knacks bekommen hat, daß es vergißt, den großen Ventilator, die Lungen, wieder anlaufen zu lassen, dann schließt sich das Herz schnell £em Streik an. Stellt feine Pumptatigkeit für das durch man» Igelnde Durchlüftung unbrauchbar gewordene Blut ebenfalls ein, was wissenschaftlich exitus letalis, auf Deutsch Schluß bedeutet. Lust und Klima sind Vegriffe, die sich im Sprachgebrauch oft überschneiden. CEienn man sagt, die Luft irgendeiner Gegend könne man nicht vertragen, meint man stets das Klima. Dieses so einfach klingende Wort ist aber tatsächlich ein ungeheuer verzwicktes Gebilde aus tausenderlei miteinander oder gegeneinander wirkenden Koniponenten. itg)t »einmal die grobe Einteilung in gut und schlecht trogen auf die De° Wmmlichvrit für den Menschen) läßt sich strikt durch uhren. So ist z B. in manchen Gegenden von Brasilien der Kaffee-Exporteur, der es sich leisten kann, seine Villa statt in den Niederungen mit ausgesprochen schlechtem Klima in einem einige Autostunden entfernten Ort nut gutem Höhenklima zu errichten, dort dem Desallenwerden durch manche Infektionskrankheiten viel stärker ausgesetzt als seine inniger begüterten Angestellten, die unten im Hafen wohnen müssen. Eine Dmrundung hierfür fehlt ebenso wie für die Tatsache, daß an er n e m Berggipfel die Bergkrankheit schon in geringerer Höhenlage häufiger und tuten» barkeit In den menschlichen oder tierischen Körper, da die Vegetabilien bereits die wichtigste Vorarbeit, die Bindung des Elements an Zellfub- stanz geleistet haben. Daß durch die Joddüngung des Bodens auch die darüber stehende ober bewegte Luftsäule eine Anreicherung erfährt, ist sehr wahrscheinlich. Ob und in welchem Umfange das der Fall ist, ist theoretisch interessant, ohne überragende praktisch hygienische Bedeutung zu besitzen, da ja alle Produkte des jodangereicherten Bodens die zur Gesunderhaltung von Mensch und Tier notwendigen geringfügigen Spuren des lebenswichtigen Grundstoffs enthalten. Mit diesen gelangt bei der Nahrungsaufnahme genug in den Säftestrom, so daß man aus eine Aufnahme durch die Luftwege schadlos verzichten kann. Oie Königin von Saba. Erzählung von Knut Hamsun. Copyright 1931 by I. L. A. Wien. (Schluß.) In Gemla stürme ich zum Schalter hin und rufe dem Billetteur zu: Eine Karte erster Klasse bis Kalmar! Ich bezahle und nahm meinen Platz im Zug ein. Es war Nacht geworden. Wie sollte ich die Zeit herumbringen? Ich konnte nicht schlafen, ich stand alle Augenblicke auf, untersuchte die Türen, öffnete und schloß die Fenster, fror und gähnte. Dazu kam, daß ich jedesmal, wenn der Zug anhielt auf dem Posten sein mußte, um meiner Königin willen. Ich begann sie allmählich, ganz erbittert, zu verfluchen. Aber das sollte alles vergessen sein, wenn ich sie traf. Ach, wie ich ihr all meine Unannehmlichkeiten schildern wollte, ihr von der Kunstkritik erzählen, von dem Menschen, der in Malmö auf mich wartete, und den ich im Stich gelassen hatte, von meiner Reise, erst auf der Stockholmer Linie und dann nach Kalmar — mein Fräulein! Ja, ich würde sicherlich wieder auf sie Eindruck machen. Und keine kleinliche Hindeutung auf die paar Dere Zuschlag und die einhundertachtzehn Kronen! \ Und der Zug eilt weiter. Ich beginne aus Langeweile zum Fenster hinauszustarren. Da ist ewig und immer dasselbe zu sehen: Wald, Feld, Aecker, vorbei- anzende Häuser, Telegraphenstangen längs der Bahn, und bei jeder Station die gewöhnlichen leeren Güterwagen ausgestellt. Und Stunde um Stunde vergeht; endlich pfeifen wir vor Kalmar. Nun galt es, nun kam die Entscheidung. Ich betaste meine Wangen — .natürlich war ich unrasiert, das war ja meistens so mit mir. Ich steige sogleich aus, ich stehe da und beobachte, daß auch die Königin von Saba aussteigt; aber sie wird plötzlich so von Menschen umringt, daß es mir unmöglich ist, zu ihr hinzugelangen. Ein junger Mensch küßt sie sogar — der Bruder also, er wohnt hier, hat hier Geschäfte, sie besucht ihn! Einen Augenblick später fährt ein Wagen vor, sie steigt ein, nach ihr zwei, drei andere, und fort fahren sie. Ich stehe da. Sie war mir vor der Nase davongefahren, hatte sich nicht einmal ein wenig beacht. Na gut, da war vorläufig nichts zu machen, ja, wenn ich genauer darüber nachdachte, war ich ihr fast dankbar dafür, daß sie mir Zeit ließ, mich rasieren und zurechtstutzen zu lassen, ehe ich mich ihr vorstellte. Inzwischen mußte ich mir aber eine Position ausdenken, einen Zweck meines Aufenthaltes ausfindig machen, den ich als Vorwand meines Hierseins benutzen konnte. Was hatte ich also offiziell vor Gott und den Menschen in Kalmar zu tun? Ein glaubwürdiges Geschäft mußte ich auch deshalb vorschützen, um meine Königin nicht zu kompromittieren. Und ich dachte wild darüber nach, was ich in Kalmar „machen sollte". Schon während ich mich unter dem Messer des Barbiers befinde, läßt mir diese Frage keine Ruhe. Soviel war sicher: ich durfte mich im Hotel nicht sehen lassen, bevor ich mir darüber klar war. Haben Sie Telephon? fragte ich. Nein, der Barbier hatte kein Telephon. Aber können Sie einen Boten ins nächste Hotel senden und mir dort ein Zimmer bestellen? Ja, sehr gern! Dann geht der Lehrjunge. Nach dem Rasieren schlenderte ich. Drei Stunden später hatte ich die Stadt verlassen und befand mich draußen auf dem Lande. Ich sehe mich um, ich bin allein, ein großer schwarzer Koloß erhebt sich vor meinem Blick. Ich bleibe stehen, um den Koloß zu betrachten, er sieht wie ein Berg aus, mit einer Kirche auf der Spitze. Während ich so dastehe, kommt ein Mann dahergegangen, ich halte ihn an und frage, was dies wohl für ein Berg fei. Das ist das Schloß, erwiderte er. Das Schloß ist natürlich traurig ramponiert und verfallen? frage ich. Ach nein, der Verwalter hält güte Aufsicht, erwidert der Mann. Wer lebt zur Zeit da, ich meine: was für ein Fürst ist nun in dem südlichen Flügel untergebracht? Ja, der ist jetzt voll Rüstungen und Schwertern und Altertümern, allen möglichen alten Sachen... Ich bekomme stehenden Fußes eine gute Idee: ich konnte hierhergekommen sein, um die Altertümer auf dem Schloß zu studieren. Gegen Mitternacht hatte ich endlich mein Hotel erreicht. Ich bekam den Wirt zu fassen und sagte, daß ich das Zimmer bestellt hätte. Ich will hier Altertümer studieren, sagte ich kurz und ärgerlich, ich taufe sogar alte Sachen, damit Sie es wissen, das ist mein Beruf. Der Wirt war mit Ser Erklärung zufrieden und ließ mich auf mein Zimmer führen. Nun kommt eine Woche der Enttäuschungen und verlorener Bemuhun- gen, eine ganze Woche! Die Königin von Saba ist nicht zu erblicken. Ich suchte sie Tag für Tag, war bei dem Postmeister und erkundigte mich, ging jeden Tag an den Aushangekasten der Photographen herum, um z« sehen, ob sie nicht dort ausgestellt wäre. Inzwischen mußte ich täglich aufs Schloß und die Sammlungen von Altertümern durchsetzen; ich schrieb große Bogen mit Notizen voll, zählte die Rostslecke auf den Säbeln und zerbrochenen Sporen. Ich telegraphierte nach Kopenhagen nach meinen Postsachen und begann überhaupt, mich für den Winker einzurichten. Der gnädige Gott mochte wissen, welches Ende dies noch nehmen konnte. Nun wohnte ich sechs Tage im Hotel! Am Diestagrnorgen kam ein Brief. Er war von dem Menschen, der in Malmö auf mich wartete: wenn ich bis jetzt nicht gekommen wäre, dann käme ich wohl auch nicht mehr, und so sagte er mir Lebewohl. Ich fühlte einen tiefen Stich im Herzen. Und dennoch hatte ich den Kelch des Leidens noch nicht bis auf den Grund geleert. Es klopft an die Tür. Herein! rufe ich mit versagender Stimme. Und herein kommt der Wirt in Begleitung einer alten Frau; die Frau trägt einen Korb auf dem Arm. Entschuldigen Sie! sagte der Wirt, Sie kaufen ja alte Sachen? Ich starre ihn an. Ich kaufe alte Sachen? Ja, so sagten sie selbst! Und ich mußte mich zum Interesse für alte Sachen zwingen. Die Frau deckt ihren Korb auf. Ich schlage die Hände voll Entzücken zusammen und erkläre, alles behalten zu 'wollen, jeden Gegenstand. Was sollte ich denn für das alles zusammen bezahlen? Die Frau denkt nach. Zehn Kronen, meint sie. Und ich gab ihr zehn Kronen, ohne zu feilschen, nur um sie schnell wieder loszuwerden. Sobald ich sie hinausbefördert hatte, rannte ich in den Park, um Lust zu bekommen. Ein Weilchen später kommen ein paar Menschen ganz langsam, Arm in Arm, den Weg entlang geschritten. Ich werde aufmerksam, erhebe mich und starre hin: das ist die Königin von Saba! Endlich, endlich habe ich sie wieder: meine Königin von Saba! Ein Herr führt sie, ihr Bruder, derselbe, der sie bei der Ankunft küßte. Nun ist der entscheidende Augenblick, koste es, was es wolle! Ich wollte damit beginnen, sie daran zu erinnern, daß ich einmal in ihrem Bett geschlafen hätte, dann würde -sie sich meiner wohl entsinnen. Und wenn das Gespräch so in Gang wäre, bann würde der Bruder wohl begreifen, daß er vorausgehen müßte ... Ich trat hervor. Sie sahen mich beide erstaunt an, und in dem Augenblick geriet mir meine Einleitung in Verwirrung. Ich stammle:' Fräulein ... vor vier Jahren ... und verstumme dann. Der Herr wendet sich an mich und sagt ziemlich hochmütig: Was wollen Sie? Ich wollte, erwiderte ich, ich wollte nur um Verzeihung bitten, wenn ich mir erlaube, das Fräulein zu begrüßen. Das Fräulein und ich sind alte Bekannte, ich habe sogar in ihrem Bett... Die Königin unterbricht mich und ruft: Gehen wir! Gehen wir! So, sie wollte mich also nicht wiedererkennen, sie verleugnete mich! Der Zorn packte mich, und ich gehe dem Paare nach, das sich sehr schnell entfernt. Plötzlich dreht der Herr sich um; er sieht, daß ich ihnen folge, und stellt sich mir mitten in den Weg. Die Königin ging weiter, schließlich lief sie fast. Was wollen Sie, Mann? fragt der Herr wieder. Von Ihnen will ich nichts, sage ich; ich hatte nur den Wunsch, das Fräulein zu begrüßen, die Dame, mit der Sie fpajierengingen, da ich sie früher schon getroffen habe; ich wollte also nur aus reiner Höflichkeit ... So, na, erstens wünscht bas Fräulein Sie also nicht wiederzusehen, wie es scheint, ermiberte er, unb zweitens ist bas Fräulein kein Fräulein, sondern eine Frau, sie ist verheiratet, cs ist meine Frau! Sind Sie nun zufrieden? Sie ... ist... was... sie ist ... Ihre Frau? Ja, sie ist meine grau, brüllte er; verstehen Sie mich jetzt? Seine Frau, seine Frau! Was soll ich noch weiter erzählen? Ich sank einfach auf eine Bank nieder. Das war mein Todesstoß! Ich schloß die Augen und ließ den Kerl gehen; was hatte ich noch mit ihm zu schaffen? Ich saß mehrere Stunden auf der Bank und gab mich dem düstersten Schmerze hin. Gegen Mittag begab ich mich ins Hotel, bezahlte meine Rechnung unb schlich mich unbemerkt zum Bahnhof. Nachdem ich noch eine gute Stunde gewartet hatte, tarn mein Zug und ich reifte ab, ausgeplünbert und niedergeschlagen, bis zur Erde gebeugt von einem Schmerz, der auf der ganzen Heimreise in mir fraß. Den Korb mit den alten Sachen, den ich gekauft hatte, ließ ich in Kalmar stehen. kLerantwortlich: Or. HansThyriot. — t^ruck und Verlag: Brühl'sche Anivers itäts-Vuch« unb Steinbruderei, Ä. Lange, Sieben.